Kapitel 49: sattvapuruṣasaṃbandho bhūtaguṇavibhāgaś ca
Brahmās Lehre: Die Verbindung von Sattva und Puruṣa (Gleichnisse von Wagen und Boot) und die Einteilung der Elemente nach ihren Eigenschaften
'Brahmā sprach: Wohlan, er werde ihnen verkünden, was sie ihn gefragt hätten, o Beste; all dies solle man, nachdem man es gehört habe, hier recht bedenken.'
Wort für Wort
saṃpravakṣyāmi
ich werde verkünden (1. Sg. Fut., hier indirekt: er werde verkünden)
'Gewaltlosigkeit gegenüber allen Wesen - dies gelte als das vor allem zu Tuende; dies sei der unerschütterte, vorzüglichste Zustand, das Merkmal des Dharma.'
āśīryuktāni karmāṇi kurvate ye tv atandritāḥ te 'smiṃl loke pramodante jāyamānāḥ punaḥ punaḥ
'Wer aber unermüdlich Handlungen vollziehe, die mit weltlichem Wunsch verbunden seien, jene freuten sich in dieser Welt, immer wieder geboren werdend.'
viṣayo viṣayitvaṃ ca saṃbandho 'yam ihocyate viṣayī puruṣo nityaṃ sattvaṃ ca viṣayaḥ smṛtaḥ
'Objekt und Objekthaftigkeit - diese Verbindung werde hier genannt; der Puruṣa sei stets der Besitzer des Objekts, und das Sattva gelte als das Objekt.'
vyākhyātaṃ pūrvakalpena maśakodumbaraṃ yathā bhujyamānaṃ na jānīte nityaṃ sattvam acetanam yas tv eva tu vijānīte yo bhuṅkte yaś ca bhujyate
'Erklärt worden sei dies bereits durch das frühere Gleichnis von der Mücke und der Udumbara-Feige; das stets unbewusste Sattva wisse nicht, dass es genossen werde - wer aber erkenne, wer genieße und wer genossen werde, sei eine andere Frage.'
'Vergänglich, mit Gegensätzen verbunden, aus Eigenschaften bestehend, so nannten sie das Sattva; frei von Gegensätzen, teilelos, ewig, von eigenschaftsloser Wesensart sei der Kṣetrajña.'
sarvair api guṇair vidvān vyatiṣakto na lipyate jalabindur yathā lolaḥ padminīpatrasaṃsthitaḥ evam evāpy asaṃsaktaḥ puruṣaḥ syān na saṃśayaḥ
'Der Wissende werde, obgleich mit allen Eigenschaften verbunden, nicht befleckt; wie ein beweglicher Wassertropfen, der auf dem Lotusblatt ruhe, so sei auch der unangehaftete Puruṣa, daran bestehe kein Zweifel.'
Wort für Wort
vyatiṣaktaḥ na lipyate
verbunden, wird aber nicht befleckt (3. Sg. Präs. Pass.)
dravyamātram abhūt sattvaṃ puruṣasyeti niścayaḥ yathā dravyaṃ ca kartā ca saṃyogo 'py anayos tathā
'Das Sattva sei bloß Substanz, Werkzeug des Puruṣa gewesen - dies sei die Gewissheit; wie Werkstoff und Handelnder, so sei auch die Verbindung dieser beiden.'
'Solange der Stoff als Eigenschaft vorhanden sei, so lange leuchte die Lampe; wenn der Stoff als Eigenschaft erschöpft sei, gehe das Licht zum Verschwinden.'
Wort für Wort
dravyaguṇaḥ
der Stoff als Eigenschaft, das Brennmaterial (Nom. Sg. m.)
'So sei die Eigenschaft des Sattva offenbar, der Puruṣa aber gelte als unoffenbar; dies möge man erkennen, o Brahmanen - wohlan, er werde ihnen noch weiter sprechen.'
Wort für Wort
vyaktaḥ sattvaguṇaḥ
die offenbare Eigenschaft des Sattva (Nom. Sg. m.)
bravīmi vaḥ
ich sage euch (1. Sg. Präs., hier indirekt: er werde sprechen)
tathā karmasu vijñeyaṃ phalaṃ bhavati vā na vā puruṣasyātmaniḥśreyaḥ śubhāśubhanidarśanam
'so sei bei den Handlungen zu erkennen, ob eine Frucht entstehe oder nicht; das Zeigen von Gutem und Schlechtem diene dem höchsten Heil des Selbst des Menschen.'
'Auf einen hohen Berg gestiegen, blicke er nicht mehr auf den am Boden Befindlichen zurück; vom Wagen aus mag der Wagenfahrer den sich abmühenden, unbewussten Fußgänger betrachten.'
Wort für Wort
bhūgatam
den am Boden Befindlichen (Akk. Sg. m.)
kliśyamānam acetanam
den sich abmühenden Unbewussten (Akk. Sg. m.)
[?] Die genaue Bildlogik dieses Verses (Bergsteiger/Wagenfahrer/Fußgänger als gestufte Vergleichsebenen) bleibt im Quelltext leicht unscharf.
'und wie der Verständige aber, der die Unterscheidung kenne, mit einem Boot als Übersetzmittel, unermüdet, in das Wasser eintauche, so durchquere er gewiss rasch den Ozean.'
'Hinübergesetzt, gehe er, das Boot verlassen habend, ohne Besitzdenken, zum jenseitigen Ufer; erklärt worden sei dies bereits durch das frühere Gleichnis wie bei Wagenfahrer und Fußgänger.'
'Wie ein Fischer, der aus Zuneigung in Verblendung geraten sei, an seinem Boot hänge, ebenso drehe sich der von Besitzdenken Überwältigte eben dort im Kreise.'
'Es sei nicht möglich, ein Boot bestiegen zu haben und sich auf dem Land umherzubewegen; ebenso sei, einen Wagen bestiegen zu haben, kein Fahren auf dem Wasser vorgesehen.'
Wort für Wort
viparivartitum
sich umherzubewegen (Infinitiv)
nāpsu caryā vidhīyate
auf dem Wasser ist kein Fahren vorgesehen (3. Sg. Präs. Pass.)
'So sei das vollzogene Handeln mannigfaltig, jeweils im jeweiligen Objektbereich verschieden; wie das Handeln in der Welt vollzogen werde, so ergebe sich seine Frucht entsprechend.'
Wort für Wort
viṣayasthaṃ pṛthak pṛthak
im jeweiligen Objektbereich verschieden (Akk. Sg. n.)
yan naiva gandhino rasyaṃ na rūpasparśaśabdavat manyante munayo buddhyā tat pradhānaṃ pracakṣate
'Was weder duftend noch schmackhaft, noch von Form, Berührung oder Ton sei - dies nennen die Weisen mit ihrer Erkenntniskraft das Pradhāna, die Urmaterie.'
tatra pradhānam avyaktam avyaktasya guṇo mahān mahataḥ pradhānabhūtasya guṇo 'haṃkāra eva ca
'Dabei sei das Pradhāna das Unoffenbarte; die Eigenschaft des Unoffenbarten sei das Mahat; und die Eigenschaft des zum Pradhāna gewordenen Mahat sei eben das Ahaṃkāra.'
ahaṃkārapradhānasya mahābhūtakṛto guṇaḥ pṛthaktvena hi bhūtānāṃ viṣayā vai guṇāḥ smṛtāḥ
'Die Eigenschaft des zum Pradhāna gewordenen Ahaṃkāra sei die von den großen Elementen Bewirkte; denn nach der jeweiligen Verschiedenheit der Elemente gälten deren Objekte als Eigenschaften.'
Wort für Wort
mahābhūtakṛto guṇaḥ
die von den großen Elementen bewirkte Eigenschaft (Nom. Sg. m.)
pṛthaktvena bhūtānām
nach der Verschiedenheit der Elemente (Instr. Sg. n.)
'Wie das Unoffenbarte die Natur des Samens habe, so habe es ebenso die Natur des Hervorbringens; der große Selbst-Geist habe die Natur des Samens und sei zugleich Hervorbringung - so sei überliefert.'
Wort für Wort
bījadharmam
die Natur des Samens (Akk. Sg. n.)
naḥ śrutam
von uns gehört (hier indirekt: so sei überliefert)
bījadharmā tv ahaṃkāraḥ prasavaś ca punaḥ punaḥ bījaprasavadharmāṇi mahābhūtāni pañca vai
'Das Ahaṃkāra aber habe die Natur des Samens und sei immer wieder Hervorbringung; die fünf großen Elemente aber hätten die Natur von Samen und Hervorbringung zugleich.'
Wort für Wort
bījaprasavadharmāṇi
von der Natur von Samen und Hervorbringung (Nom. Pl. n.)
bījadharmiṇa ity āhuḥ prasavaṃ ca na kurvate viśeṣāḥ pañcabhūtānāṃ teṣāṃ vittaṃ viśeṣaṇam
'Man nenne die groben Sinnesobjekte von der Natur des Samens, doch sie brächten keine Hervorbringung mehr hervor; die besonderen Ausprägungen der fünf Elemente - deren Kennzeichen möge man erfahren.'
'Dabei werde der Äther mit einer Eigenschaft genannt, der Wind mit zwei Eigenschaften; das Licht, so sagten sie, mit drei Eigenschaften, und das Wasser mit vier Eigenschaften.'
'Die Erde sei als mit fünf Eigenschaften versehen zu erkennen, voll von Beweglichem und Unbeweglichem; die alle Wesen hervorbringende Göttin, die Gutes und Schlechtes zeigt.'
Wort für Wort
trasasthāvarasaṃkulā
voll von Beweglichem und Unbeweglichem (Nom. Sg. f.)
sarvabhūtakarī devī
die alle Wesen hervorbringende Göttin (Nom. Sg. f.)
'Ton, Berührung, ebenso Form, Geschmack und als fünftes der Geruch - diese fünf Eigenschaften der Erde seien zu erkennen, o Beste der Zweifachgeborenen.'
pārthivaś ca sadā gandho gandhaś ca bahudhā smṛtaḥ tasya gandhasya vakṣyāmi vistareṇa bahūn guṇān
'Und der Geruch rühre stets von der Erde her, und der Geruch werde vielfältig überliefert; von diesem Geruch werde er ausführlich die vielen Arten verkünden.'
iṣṭaś cāniṣṭagandhaś ca madhuro 'mlaḥ kaṭus tathā nirhārī saṃhataḥ snigdho rūkṣo viśada eva ca evaṃ daśavidho jñeyaḥ pārthivo gandha ity uta
'Angenehmer und unangenehmer Geruch, süßer, saurer, ebenso scharfer, durchdringender, dichter, öliger, trockener und auch klarer - so sei der von der Erde herrührende Geruch als zehnfach zu erkennen.'
śabdaḥ sparśas tathā rūpaṃ rasaś cāpāṃ guṇāḥ smṛtāḥ rasajñānaṃ tu vakṣyāmi rasas tu bahudhā smṛtaḥ
'Ton, Berührung, ebenso Form und Geschmack gälten als die Eigenschaften des Wassers; die Kenntnis des Geschmacks aber werde er verkünden, denn der Geschmack werde vielfältig überliefert.'
Wort für Wort
apāṃ guṇāḥ
die Eigenschaften des Wassers (Nom. Pl. m.)
rasajñānam vakṣyāmi
ich werde die Kenntnis des Geschmacks verkünden (hier indirekt)
śabdaḥ sparśas tathā rūpaṃ triguṇaṃ jyotir ucyate jyotiṣaś ca guṇo rūpaṃ rūpaṃ ca bahudhā smṛtam
'Ton, Berührung, ebenso Form - mit drei Eigenschaften werde das Licht bezeichnet; und die Eigenschaft des Lichts sei die Form, und die Form werde vielfältig überliefert.'
śabdasparśau ca vijñeyau dviguṇo vāyur ucyate vāyoś cāpi guṇaḥ sparśaḥ sparśaś ca bahudhā smṛtaḥ
'Ton und Berührung seien als Eigenschaften zu erkennen; mit zwei Eigenschaften werde der Wind bezeichnet; und die Eigenschaft des Windes sei die Berührung, und die Berührung werde vielfältig überliefert.'
Wort für Wort
dviguṇo vāyuḥ
der Wind mit zwei Eigenschaften (Nom. Sg. m.)
vāyoḥ guṇaḥ sparśaḥ
die Eigenschaft des Windes ist die Berührung (Nom. Sg. m.)
'so werde die dem Wind zugehörige Eigenschaft in zwölffacher Ausdehnung genannt, gebührend von den vollendeten Brahmanen, den Dharmakundigen, den Wahrheitsschauern.'
'Der Äther sei das höchste der Elemente, das Ahaṃkāra darüber hinaus; höher als das Ahaṃkāra sei die Erkenntniskraft, höher als die Erkenntniskraft danach das Selbst.'
Wort für Wort
uttamaṃ bhūtam
das höchste Element (Nom. Sg. n.)
buddher ātmā tataḥ paraḥ
höher als die Erkenntniskraft das Selbst (Nom. Sg. m.)
'Höher aber als dieses sei das Unoffenbarte, und höher als das Unoffenbarte der Puruṣa, der Kenner von Höherem und Niedrigerem der Wesen; ihn erlangt habend, genieße man die Unendlichkeit.'
Wort für Wort
parāvarajñaḥ
der Kenner von Höherem und Niedrigerem (Nom. Sg. m.)
prāpya ānantyam aśnute
ihn erlangt habend genießt man die Unendlichkeit (3. Sg. Präs.)