Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 82: vasushapakathanam Ulūpīs Erklärung: der Vasu-Fluch und Bhīṣmas Tod

arjuna uvāca kim āgamanakṛtyaṃ te kauravyakulanandini maṇipūrapater mātus tathaiva ca raṇājire

Arjuna sprach: „Was ist der Grund deines Kommens, Freude des Kuru-Geschlechts, und ebenso das der Mutter des Herrschers von Maṇipūra, auf dieses Schlachtfeld?

Wort für Wort
kauravyakulanandini
Freude des Kuru-Geschlechts (Vok. Fem.)
āgamanakṛtyam
der Grund des Kommens (Akk.)

kaccit kuśalakāmāsi rājño 'sya bhujagātmaje mama vā cañcalāpāṅge kaccit tvaṃ śubham icchasi

Wünschst du, Schlangentochter, dem Wohl dieses Königs, oder wünschst du, Wankeläugige, mir Gutes?

Wort für Wort
bhujagātmaje
Schlangentochter (Vok., Ulūpī)
cañcalāpāṅge
Wankeläugige (Vok. Fem.)

kaccit te pṛthulaśroṇi nāpriyaṃ śubhadarśane akārṣam aham ajñānād ayaṃ vā babhruvāhanaḥ

Habe ich dir, Breithüftige, Schönanzuschauende, nicht aus Unwissenheit etwas Unliebes angetan, oder hat es dieser Babhruvāhana?

Wort für Wort
pṛthulaśroṇi
Breithüftige (Vok. Fem.)
ajñānāt
aus Unwissenheit (Abl.)

kaccic ca rājaputrī te sapatnī caitravāhinī citrāṅgadā varārohā nāparādhyati kiṃ cana

Und hat die Königstochter, deine Mitfrau, die Tochter Citravāhanas, Citrāṅgadā, die Schönhüftige, in nichts ein Unrecht begangen?“

Wort für Wort
sapatnī
die Mitfrau (Nom.)
nāparādhyati kiṃ cana
sie begeht in nichts ein Unrecht (Präs.)

tam uvācoragapater duhitā prahasanty atha na me tvam aparāddho 'si na nṛpo babhruvāhanaḥ na janitrī tathāsyeyaṃ mama yā preṣyavat sthitā

Da sprach zu ihm, lächelnd, die Tochter des Schlangenfürsten: „Weder bist du mir gegenüber schuldig, noch ist es der König Babhruvāhana, noch diese Mutter hier, die wie eine Dienerin dasteht.

Wort für Wort
aparāddhaḥ
schuldig, im Unrecht (Adj.)
preṣyavat sthitā
wie eine Dienerin dastehend (Adj. Fem.)

[?] Der genaue Bezug von 'mama' (mein) bei 'janitrī' (Mutter) bleibt im Sanskrit-Text unklar; hier verstanden als lockere Bezeichnung Citrāṅgadās, der Mutter Babhruvāhanas.

śrūyatāṃ yad yathā cedaṃ mayā sarvaṃ viceṣṭitam na me kopas tvayā kāryaḥ śirasā tvāṃ prasādaye

Höre, wie dies alles von mir bewirkt wurde; nicht sollst du Zorn gegen mich hegen – mit gesenktem Haupt bitte ich dich um Nachsicht.

Wort für Wort
viceṣṭitam
bewirkt, veranstaltet (Ptz.)
śirasā prasādaye
mit gesenktem Haupt bitte ich um Nachsicht (Präs.)

tvatprītyarthaṃ hi kauravya kṛtam etan mayānagha yat tac chṛṇu mahābāho nikhilena dhanaṃjaya

Zu deinem Wohlgefallen nämlich, Nachkomme der Kurus, wurde dies von mir getan, Makelloser; höre es vollständig, Großarmiger, Dhanaṃjaya.

Wort für Wort
tvatprītyartham
zu deinem Wohlgefallen (Akk.)
nikhilena
vollständig (Adv.)

mahābhāratayuddhe yat tvayā śāṃtanavo nṛpaḥ adharmeṇa hataḥ pārtha tasyaiṣā niṣkṛtiḥ kṛtā

Dass im großen Bhārata-Krieg von dir der König, der Sohn Śaṃtanus, unrechtmäßig getötet wurde, Pārtha – dafür wurde diese Sühne vollzogen.

Wort für Wort
śāṃtanavaḥ
der Sohn Śaṃtanus (Nom., Bhīṣma)
adharmeṇa hataḥ
unrechtmäßig getötet (Ptz.)

na hi bhīṣmas tvayā vīra yudhyamāno nipātitaḥ śikhaṇḍinā tu saṃsaktas tam āśritya hatas tvayā

Denn Bhīṣma wurde nicht von dir, o Held, während er eigentlich kämpfte, gefällt; vielmehr wurde er, mit Śikhaṇḍin im Kampf verstrickt, unter dessen Deckung von dir getötet.

Wort für Wort
yudhyamānaḥ
kämpfend (Ptz.)
tam āśritya
sich auf jenen stützend, unter dessen Deckung (Abs.)

tasya śāntim akṛtvā tu tyajes tvaṃ yadi jīvitam karmaṇā tena pāpena patethā niraye dhruvam

Hättest du aber, ohne für ihn die Sühne zu vollziehen, dein Leben aufgegeben, wärst du durch jene sündige Tat sicherlich in die Hölle gefallen.

Wort für Wort
śāntim akṛtvā
ohne die Sühne zu vollziehen (Abs.)
niraye patethāḥ
du wärst in die Hölle gefallen (Opt.)

eṣā tu vihitā śāntiḥ putrād yāṃ prāptavān asi vasubhir vasudhāpāla gaṅgayā ca mahāmate

Dies aber ist die vorgeschriebene Sühne, die du von deinem Sohn erlangt hast, angeordnet von den Vasus, Herrscher der Erde, und von Gaṅgā, du Weitsinniger.

Wort für Wort
vihitā śāntiḥ
die vorgeschriebene Sühne (Nom.)
vasubhiḥ
von den Vasus (Instr. Pl., den acht Elementargöttern)

purā hi śrutam etad vai vasubhiḥ kathitaṃ mayā gaṅgāyās tīram āgamya hate śāṃtanave nṛpe

Dies nämlich habe ich einst von den Vasus erzählt gehört, als ich, nachdem der König, der Sohn Śaṃtanus, getötet worden war, an das Ufer der Gaṅgā gekommen war.

Wort für Wort
śrutam
gehört (Ptz.)
gaṅgāyāḥ tīram āgamya
an das Ufer der Gaṅgā gekommen (Abs.)

āplutya devā vasavaḥ sametya ca mahānadīm idam ūcur vaco ghoraṃ bhāgīrathyā mate tadā

Die Vasu-Götter, eingetaucht und am großen Strom versammelt, sprachen damals, im Einverständnis mit Bhāgīrathī, zu ihr jenes schreckliche Wort,

Wort für Wort
āplutya
eingetaucht (Abs.)
bhāgīrathyā mate
im Einverständnis mit Bhāgīrathī, d.h. Gaṅgā (Lok. Abs.)

Die folgenden drei Verse (013-015) geben die Rede der Vasus an Gaṅgā indirekt wieder, da sie als eingebettete dritte Partei innerhalb Ulūpīs eigener, bereits geöffneter Rede erscheinen.

eṣa śāṃtanavo bhīṣmo nihataḥ savyasācinā ayudhyamānaḥ saṃgrāme saṃsakto 'nyena bhāmini

dass dieser Bhīṣma, der Sohn Śaṃtanus, von Savyasācin getötet worden sei, während er, im Kampf mit einem anderen verstrickt, gar nicht gegen ihn gekämpft habe –

Wort für Wort
savyasācinā
von Savyasācin (Instr., Beiname Arjunas)
ayudhyamānaḥ
nicht kämpfend (Ptz.)

tad anenābhiṣaṅgeṇa vayam apy arjunaṃ śubhe śāpena yojayāmeti tathāstv iti ca sābravīt

deshalb wollten auch sie, wegen dieser Verfehlung, Arjuna mit einem Fluch belegen: so sprachen sie, und sie stimmte dem zu.

Wort für Wort
abhiṣaṅgeṇa
wegen der Verfehlung, des Vergehens (Instr.)
śāpena yojayāma
wir wollen mit einem Fluch belegen (Präs. 1. Pl., indirekt wiedergegeben)

tad ahaṃ pitur āvedya bhṛśaṃ pravyathitendriyā abhavaṃ sa ca tac chrutvā viṣādam agamat param

Dies meinem Vater mitteilend, geriet ich heftig in Erregung meiner Sinne; und auch er, als er dies hörte, verfiel in tiefste Verzweiflung.

Wort für Wort
pravyathitendriyā
in Erregung ihrer Sinne geraten (Adj. Fem.)
viṣādam agamat param
er verfiel in tiefste Verzweiflung (Aor.)

pitā tu me vasūn gatvā tvadarthaṃ samayācata punaḥ punaḥ prasādyaināṃs ta enam idam abruvan

Mein Vater aber ging zu den Vasus und bat wiederholt deinetwegen; nachdem er sie besänftigt hatte, teilten sie ihm mit,

Wort für Wort
tvadartham
deinetwegen (Akk.)
prasādya
besänftigend (Abs.)

punas tasya mahābhāga maṇipūreśvaro yuvā sa enaṃ raṇamadhyasthaṃ śaraiḥ pātayitā bhuvi

dass wiederum, du Glückbegabter, der junge Herrscher von Maṇipūra dich, mitten im Kampf stehend, mit Pfeilen zu Boden strecken werde –

Wort für Wort
raṇamadhyastham
mitten im Kampf stehend (Adj.)
pātayitā
er werde zu Boden strecken (Fut. Periphr.)

evaṃ kṛte sa nāgendra muktaśāpo bhaviṣyati gaccheti vasubhiś cokto mama cedaṃ śaśaṃsa saḥ

wenn dies geschehen sei, werde er, o Schlangenfürst, vom Fluch befreit sein; er solle gehen. So von den Vasus angesprochen, teilte er, mein Vater, mir dies mit.

Wort für Wort
muktaśāpaḥ
vom Fluch befreit (Adj.)
śaśaṃsa
er teilte mit (Perf.)

tac chrutvā tvaṃ mayā tasmāc chāpād asi vimokṣitaḥ na hi tvāṃ devarājo 'pi samareṣu parājayet

Als ich dies gehört hatte, bist du von mir aus jenem Fluch befreit worden; denn nicht einmal der König der Götter könnte dich in Kämpfen besiegen.

Wort für Wort
vimokṣitaḥ
befreit (Ptz.)
devarājaḥ
der König der Götter (Nom., Indra)

ātmā putraḥ smṛtas tasmāt tenehāsi parājitaḥ nātra doṣo mama mataḥ kathaṃ vā manyase vibho

Der Sohn gilt als das eigene Selbst; deshalb bist du hier von ihm, gleichsam von dir selbst, besiegt worden. Darin sehe ich kein Vergehen meinerseits – wie aber denkst du darüber, Gebieter?“

Wort für Wort
ātmā putraḥ smṛtaḥ
der Sohn gilt als das eigene Selbst (Ptz.)
doṣaḥ na mataḥ
kein Vergehen wird erachtet (Ptz.)

ity evam ukto vijayaḥ prasannātmābravīd idam sarvaṃ me supriyaṃ devi yad etat kṛtavaty asi

So angesprochen, sprach Vijaya, heiteren Sinnes, dieses: „All dies ist mir sehr lieb, Göttin, was du hier vollbracht hast.“

Wort für Wort
prasannātmā
heiteren Sinnes (Adj.)
supriyam
sehr lieb (Adj.)

ity uktvāthābravīt putraṃ maṇipūreśvaraṃ jayaḥ citrāṅgadāyāḥ śṛṇvantyāḥ kauravyaduhitus tathā

So gesprochen habend, sprach Jaya dann zu seinem Sohn, dem Herrscher von Maṇipūra, während Citrāṅgadā und ebenso jene, die Tochter des Kuru-Hauses, zuhörten:

Wort für Wort
jayaḥ
Jaya, Beiname Arjunas (Nom.)
śṛṇvantyāḥ
während sie zuhörte (Ptz. Fem. Gen./Lok.)

[?] 'kauravyaduhituḥ' (Tochter des Kuru-Hauses) bezieht sich hier vermutlich ehrenhalber auf Ulūpī, obgleich sie ihrer Herkunft nach eine Nāga-Prinzessin ist.

yudhiṣṭhirasyāśvamedhaḥ parāṃ caitrīṃ bhaviṣyati tatrāgaccheḥ sahāmātyo mātṛbhyāṃ sahito nṛpa

„Yudhiṣṭhiras Pferdeopfer wird zum nächsten Caitra-Vollmond stattfinden; dorthin sollst du kommen, zusammen mit deinen Ministern und begleitet von deinen beiden Müttern, o König.“

Wort für Wort
parāṃ caitrīm
zum nächsten Caitra-Vollmond (Akk.)
sahāmātyaḥ
zusammen mit den Ministern (Adj.)

ity evam uktaḥ pārthena sa rājā babhruvāhanaḥ uvāca pitaraṃ dhīmān idam asrāvilekṣaṇaḥ

So von Pārtha angesprochen, sprach der König Babhruvāhana, der Kluge, mit tränenverschleiertem Blick, zu seinem Vater dieses:

Wort für Wort
asrāvilekṣaṇaḥ
mit tränenverschleiertem Blick (Adj.)
dhīmān
der Kluge (Nom.)

upayāsyāmi dharmajña bhavataḥ śāsanād aham aśvamedhe mahāyajñe dvijātipariveṣakaḥ

„Ich werde kommen, Kenner des Rechts, auf deinen Befehl hin, zum großen Opfer, dem Pferdeopfer, als Speisenreicher für die zweimal Geborenen.

Wort für Wort
bhavataḥ śāsanāt
auf deinen Befehl hin (Abl.)
dvijātipariveṣakaḥ
als Speisenreicher für die zweimal Geborenen (Nom.)

mama tv anugrahārthāya praviśasva puraṃ svakam bhāryābhyāṃ saha śatrughna mā bhūt te 'tra vicāraṇā

Mir aber zuliebe betritt du meine eigene Stadt, zusammen mit deinen beiden Frauen, Feindevernichter; kein Zögern soll dich hierbei ergreifen.

Wort für Wort
anugrahārthāya
zur Gunsterweisung, mir zuliebe (Dat.)
vicāraṇā
das Zögern, Bedenken (Nom.)

uṣitveha viśalyas tvaṃ sukhaṃ sve veśmani prabho punar aśvānugamanaṃ kartāsi jayatāṃ vara

Nachdem du hier, von deinem Pfeil geheilt, glücklich in deinem eigenen Haus geweilt hast, Gebieter, wirst du dem Pferd wieder folgen, Bester der Sieger.“

Wort für Wort
viśalyaḥ
von seinem Pfeil geheilt, pfeilfrei (Adj.)
aśvānugamanaṃ kartāsi
du wirst dem Pferd folgen (Fut. Periphr.)

ity uktaḥ sa tu putreṇa tadā vānaraketanaḥ smayan provāca kaunteyas tadā citrāṅgadāsutam

So von seinem Sohn angesprochen, sprach da lächelnd der Sohn der Kuntī, der Affenbanner-Träger, zu dem Sohn der Citrāṅgadā:

Wort für Wort
vānaraketanaḥ
der Affenbanner-Träger (Nom., Beiname Arjunas)
smayan
lächelnd (Ptz.)

viditaṃ te mahābāho yathā dīkṣāṃ carāmy aham na sa tāvat pravekṣyāmi puraṃ te pṛthulocana

„Bekannt ist dir, Großarmiger, dass ich eine Weihe befolge; deshalb werde ich vorerst deine Stadt nicht betreten, Breitäugiger.

Wort für Wort
dīkṣāṃ carāmi
ich befolge eine Weihe (Präs.)
pravekṣyāmi
ich werde betreten (Fut.)

yathākāmaṃ prayāty eṣa yajñiyaś ca turaṃgamaḥ svasti te 'stu gamiṣyāmi na sthānaṃ vidyate mama

Wie es ihm beliebt, zieht dieses Opferross weiter; Heil sei dir – ich werde weiterziehen, kein Verweilen ist mir bestimmt.“

Wort für Wort
yathākāmam
wie es beliebt (Adv.)
sthānaṃ na vidyate
kein Verweilen ist bestimmt (Präs.)

sa tatra vidhivat tena pūjitaḥ pākaśāsaniḥ bhāryābhyām abhyanujñātaḥ prāyād bharatasattamaḥ

Dort, vorschriftsmäßig von ihm geehrt, von seinen beiden Frauen verabschiedet, zog der Sohn Pākaśāsanas, der Beste der Bharatas, weiter.

Wort für Wort
vidhivat pūjitaḥ
vorschriftsmäßig geehrt (Ptz.)
abhyanujñātaḥ
verabschiedet, entlassen (Ptz.)

Dieses Kapitel in der Leseansicht