'Der Brahmane sprach: Auch hierzu führt man dieses uralte Itihāsa an, o Holdselige - wie hier die Einteilung der sieben Hotṛ beschaffen ist.'
Wort für Wort
saptahotṝṇāṃ
der sieben Hotṛ (Gen. Pl., m., wörtl. 'Opferpriester')
vidhānam
die Einteilung, Anordnung (Nom./Akk. Sg., n.)
Neue, in die Rede des Ehemannes eingebettete Erzählung (fortlaufend seit Kapitel 20); 'Hotṛ' (eigentlich ein vedischer Opferpriester) wird hier metaphorisch auf die sieben inneren 'Darbringenden' - die fünf Sinne, Geist (manas) und Verstand (buddhi) - übertragen.
ghrāṇaṃ cakṣuś ca jihvā ca tvak śrotraṃ caiva pañcamam mano buddhiś ca saptaite hotāraḥ pṛthag āśritāḥ
'Geruchssinn und Gesichtssinn, Geschmackssinn, Tastsinn und als fünfter der Gehörsinn, dazu Geist und Verstand - diese sieben Hotṛ sind je gesondert angesiedelt.'
Wort für Wort
pṛthag āśritāḥ
je gesondert angesiedelt (Nom. Pl. m., Partizip Perfekt Passiv + Adv.)
sūkṣme 'vakāśe santas te na paśyantītaretaram etān vai saptahotṝṃs tvaṃ svabhāvād viddhi śobhane
'Da sie sich in einem je eigenen, feinen Wirkungsbereich befinden, sehen sie einander nicht; erkenne, du Schöne, dass diese sieben Hotṛ von Natur aus so beschaffen sind.'
brāhmaṇy uvāca sūkṣme 'vakāśe santas te kathaṃ nānyonyadarśinaḥ kathaṃsvabhāvā bhagavann etad ācakṣva me vibho
'Die Brahmanin sprach: Wie kommt es, dass sie, obwohl in einem feinen Wirkungsbereich befindlich, einander nicht sehen? Von welcher Natur sind sie? Erkläre mir dies, ehrwürdiger Herr.'
Wort für Wort
ācakṣva
erkläre! (Imperativ 2. Sg. Ātmanepada, ā-√cakṣ)
Zweite Zwischenfrage der Ehefrau in dieser Rede (vgl. Kap. 21, V005-006).
'Der Brahmane sprach: Nichtwissen um die Eigenschaften der anderen ist Unwissenheit, Wissen um den, der die Eigenschaft besitzt, ist Erkenntnis; diese sieben erkennen zu keiner Zeit die Eigenschaften der jeweils anderen.'
Wort für Wort
guṇijñānam
das Wissen um den Eigenschaftsträger (Nom. Sg., n.)
jihvā cakṣus tathā śrotraṃ tvaṅ mano buddhir eva ca na gandhān adhigacchanti ghrāṇas tān adhigacchati
'Geschmackssinn, Gesichtssinn, Gehörsinn, Tastsinn, Geist und Verstand erreichen die Gerüche nicht; der Geruchssinn erreicht sie.'
Wort für Wort
adhigacchanti
sie erreichen, gelangen zu (3. Pl. Präs., adhi-√gam)
Erste einer Reihe von sechs parallel aufgebauten Versen (V006-012), die je einen der sieben Sinne als den alleinigen Zugang zu seinem eigenen Wahrnehmungsbereich benennen.
mana uvāca na ghrāti mām ṛte ghrāṇaṃ rasaṃ jihvā na budhyate rūpaṃ cakṣur na gṛhṇāti tvak sparśaṃ nāvabudhyate
'Der Geist habe behauptet, ohne ihn rieche der Geruchssinn nichts, die Zunge erkenne keinen Geschmack, das Auge erfasse keine Form, und die Haut nehme keine Berührung wahr.'
Wort für Wort
ghrāti
er riecht (3. Sg. Präs., √ghrā)
Ab hier beginnt die eigentliche Streitrede zwischen Geist (manas) und den Sinnen (indriyāṇi), die im Sanskrit als direkte Rede in der ersten Person eingeführt wird ('mana uvāca'). Da dies innerhalb der bereits ASCII-eingebetteten Rede des Ehemannes eine weitere (dritte) Verschachtelungsebene direkter Rede darstellen würde, wird sie hier gemäß dem Projektgrundsatz durchgehend als indirekte, berichtete Rede in der dritten Person wiedergegeben (kein 'ich', kein 'du' des Geistes selbst).
'Wie feuchtes oder trockenes Holz - so gelangten, wie sehr sich die Sinne auch bemühten, alle Geschöpfe ohne ihn nicht zu den Gegenständen ihrer Eigenschaften.'
Wort für Wort
yatamānaiḥ
sich bemühend (Instr. Pl. m., Partizip Präs. Med.)
'Die Sinne hätten erwidert, dies möge wahr sein, wie er, der Geist, es meine - wenn er ohne sie die ihnen zukommenden Genüsse genieße.'
Wort für Wort
bhuṅkte
er genießt (3. Sg. Präs. Med., √bhuj)
Erwiderung der Sinne, ebenfalls im Sanskrit als direkte Rede ('indriyāṇy ūcuḥ') eingeführt und aus demselben Grund wie oben durchgehend indirekt wiedergegeben.
'Wenn, sobald sie vergangen wären, dennoch Sättigung und Erhaltung des Lebenshauchs bestünde, wenn er Genüsse genieße, Säfte genieße, ganz so, wie er es meine -'
'oder wenn, während sie vergangen wären und die Gegenstände doch bestehen blieben, er die Genüsse allein durch bloßes Vorstellen genieße, ganz als wären sie wirklich vorhanden -'
Wort für Wort
saṃkalpamātreṇa
durch bloßes Vorstellen, Sich-Einbilden (Instr. Sg., m.)
'wenn er meine, für ihre Aufgaben stets aus eigener Vollkommenheit zu genügen, dann möge er mit dem Geruchssinn die Form wahrnehmen, mit dem Auge den Geschmack -'
Wort für Wort
siddhim
die Vollkommenheit, Erfüllung (Akk. Sg., f.)
Die Sinne fordern den Geist ironisch heraus, ihre Funktionen wechselseitig zu übernehmen, um seine behauptete Eigengenügsamkeit zu erweisen.
'Denn die Starken seien ungebunden, gebunden nur die Schwächeren; er möge sich unerhörte, neue Genüsse nehmen - was übriggelassen worden sei, zieme sich für ihn nicht zu genießen.'
'Denn wie ein Schüler zu seinem Lehrer eile um der überlieferten Bedeutung willen und, nachdem er das Gehörte aufgenommen habe, beim Sinn des Gehörten verweile -'
Wort für Wort
abhidhāvati
er eilt hin zu (3. Sg. Präs., abhi-√dhāv)
Gleichnis der Sinne: sie vergleichen ihr Verhältnis zum Geist mit dem eines Schülers zu seinem Lehrer.
vaimanasyaṃ gatānāṃ ca jantūnām alpacetasām asmadarthe kṛte kārye dṛśyate prāṇadhāraṇam
'Selbst bei den Geschöpfen von geringem Bewusstsein, die in Verzweiflung geraten seien, zeige sich, dass die Erhaltung des Lebenshauchs an dem Werk hänge, das um ihretwillen, der Sinne, vollbracht werde.'
bahūn api hi saṃkalpān matvā svapnān upāsya ca bubhukṣayā pīḍyamāno viṣayān eva dhāvasi
'Denn nachdem er viele Vorstellungen erdacht und Träume erlebt habe, eile er, von Hunger gequält, doch immer wieder zu den wirklichen Gegenständen selbst.'
Wort für Wort
bubhukṣayā
durch Hunger, Verlangen zu genießen (Instr. Sg., f., Desiderativabstraktum von √bhuj)
'Wie einer, der in ein Haus ohne Tür eintrete, so finde der bloß vorgestellte Genuss, da er die wirklichen Gegenstände nicht erlange, beim Schwinden des Lebenshauchs für immer seine Ruhe - so wie ein entzündetes Feuer erlischt, wenn das Brennholz aufgezehrt ist.'
Wort für Wort
dārukṣaye
beim Schwinden des Brennholzes (Lok. Sg., m.)
Triṣṭubh-Vers (im Quelltext durch Halbvers-Semikola markiert); Bild vom erlöschenden Feuer als Gleichnis für den unerfüllten, bloß eingebildeten Genuss.
kāmaṃ tu naḥ sveṣu guṇeṣu saṅgaḥ; kāmaṃ ca nānyonyaguṇopalabdhiḥ asmān ṛte nāsti tavopalabdhis; tvām apy ṛte 'smān na bhajeta harṣaḥ
'Mögen sie, die Sinne, auch an ihren eigenen Eigenschaften haften, möge auch keine gegenseitige Wahrnehmung der Eigenschaften unter ihnen bestehen - ohne sie gebe es für ihn keine Wahrnehmung, und auch ihn erreichte ohne sie keine Freude.'
Wort für Wort
upalabdhiḥ
die Wahrnehmung, Erkenntnis (Nom. Sg., f.)
harṣaḥ
die Freude (Nom. Sg., m.)
Schlussvers der Streitrede: die Sinne beenden ihre Erwiderung mit der Feststellung wechselseitiger Angewiesenheit von Geist und Sinnen aufeinander. Das Kapitel endet hier; ob die Rede des Ehemannes mit einer ausdrücklichen Schlichtung fortgesetzt wird, ist erst anhand der Fortsetzung zu klären.