Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 22: saptahotṛvidhānam / indriyamanaḥsaṃvādaḥ Die Einteilung der sieben Hotṛ; der Streit der Sinne mit dem Geist

brāhmaṇa uvāca atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam subhage saptahotṝṇāṃ vidhānam iha yādṛśam

'Der Brahmane sprach: Auch hierzu führt man dieses uralte Itihāsa an, o Holdselige - wie hier die Einteilung der sieben Hotṛ beschaffen ist.'

Wort für Wort
saptahotṝṇāṃ
der sieben Hotṛ (Gen. Pl., m., wörtl. 'Opferpriester')
vidhānam
die Einteilung, Anordnung (Nom./Akk. Sg., n.)

Neue, in die Rede des Ehemannes eingebettete Erzählung (fortlaufend seit Kapitel 20); 'Hotṛ' (eigentlich ein vedischer Opferpriester) wird hier metaphorisch auf die sieben inneren 'Darbringenden' - die fünf Sinne, Geist (manas) und Verstand (buddhi) - übertragen.

ghrāṇaṃ cakṣuś ca jihvā ca tvak śrotraṃ caiva pañcamam mano buddhiś ca saptaite hotāraḥ pṛthag āśritāḥ

'Geruchssinn und Gesichtssinn, Geschmackssinn, Tastsinn und als fünfter der Gehörsinn, dazu Geist und Verstand - diese sieben Hotṛ sind je gesondert angesiedelt.'

Wort für Wort
pṛthag āśritāḥ
je gesondert angesiedelt (Nom. Pl. m., Partizip Perfekt Passiv + Adv.)

sūkṣme 'vakāśe santas te na paśyantītaretaram etān vai saptahotṝṃs tvaṃ svabhāvād viddhi śobhane

'Da sie sich in einem je eigenen, feinen Wirkungsbereich befinden, sehen sie einander nicht; erkenne, du Schöne, dass diese sieben Hotṛ von Natur aus so beschaffen sind.'

Wort für Wort
svabhāvāt
von Natur aus (Abl. Sg., m.)
viddhi
erkenne! (Imperativ 2. Sg., √vid)

brāhmaṇy uvāca sūkṣme 'vakāśe santas te kathaṃ nānyonyadarśinaḥ kathaṃsvabhāvā bhagavann etad ācakṣva me vibho

'Die Brahmanin sprach: Wie kommt es, dass sie, obwohl in einem feinen Wirkungsbereich befindlich, einander nicht sehen? Von welcher Natur sind sie? Erkläre mir dies, ehrwürdiger Herr.'

Wort für Wort
ācakṣva
erkläre! (Imperativ 2. Sg. Ātmanepada, ā-√cakṣ)

Zweite Zwischenfrage der Ehefrau in dieser Rede (vgl. Kap. 21, V005-006).

brāhmaṇa uvāca guṇājñānam avijñānaṃ guṇijñānam abhijñatā parasparaguṇān ete na vijānanti karhi cit

'Der Brahmane sprach: Nichtwissen um die Eigenschaften der anderen ist Unwissenheit, Wissen um den, der die Eigenschaft besitzt, ist Erkenntnis; diese sieben erkennen zu keiner Zeit die Eigenschaften der jeweils anderen.'

Wort für Wort
guṇijñānam
das Wissen um den Eigenschaftsträger (Nom. Sg., n.)
karhi cit
irgendwann, jemals (Adv.)

jihvā cakṣus tathā śrotraṃ tvaṅ mano buddhir eva ca na gandhān adhigacchanti ghrāṇas tān adhigacchati

'Geschmackssinn, Gesichtssinn, Gehörsinn, Tastsinn, Geist und Verstand erreichen die Gerüche nicht; der Geruchssinn erreicht sie.'

Wort für Wort
adhigacchanti
sie erreichen, gelangen zu (3. Pl. Präs., adhi-√gam)

Erste einer Reihe von sechs parallel aufgebauten Versen (V006-012), die je einen der sieben Sinne als den alleinigen Zugang zu seinem eigenen Wahrnehmungsbereich benennen.

ghrāṇaṃ cakṣus tathā śrotraṃ tvaṅ mano buddhir eva ca na rasān adhigacchanti jihvā tān adhigacchati

'Geruchssinn, Gesichtssinn, Gehörsinn, Tastsinn, Geist und Verstand erreichen die Geschmäcker nicht; der Geschmackssinn erreicht sie.'

Wort für Wort
rasān
die Geschmäcker, Säfte (Akk. Pl., m.)

ghrāṇaṃ jihvā tathā śrotraṃ tvaṅ mano buddhir eva ca na rūpāṇy adhigacchanti cakṣus tāny adhigacchati

'Geruchssinn, Geschmackssinn, Gehörsinn, Tastsinn, Geist und Verstand erreichen die Formen nicht; der Gesichtssinn erreicht sie.'

Wort für Wort
rūpāṇi
die Formen, Gestalten (Akk. Pl., n.)

ghrāṇaṃ jihvā ca cakṣuś ca śrotraṃ buddhir manas tathā na sparśān adhigacchanti tvak ca tān adhigacchati

'Geruchssinn, Geschmackssinn, Gesichtssinn, Gehörsinn, Verstand und Geist erreichen die Berührungen nicht; der Tastsinn erreicht sie.'

Wort für Wort
sparśān
die Berührungen (Akk. Pl., m.)

ghrāṇaṃ jihvā ca cakṣuś ca tvaṅ mano buddhir eva ca na śabdān adhigacchanti śrotraṃ tān adhigacchati

'Geruchssinn, Geschmackssinn, Gesichtssinn, Tastsinn, Geist und Verstand erreichen die Klänge nicht; der Gehörsinn erreicht sie.'

Wort für Wort
śabdān
die Klänge, Töne (Akk. Pl., m.)

ghrāṇaṃ jihvā ca cakṣuś ca tvak śrotraṃ buddhir eva ca saṃśayān nādhigacchanti manas tān adhigacchati

'Geruchssinn, Geschmackssinn, Gesichtssinn, Tastsinn, Gehörsinn und Verstand gelangen nicht zu den Zweifeln; der Geist gelangt zu ihnen.'

Wort für Wort
saṃśayān
die Zweifel, Erwägungen (Akk. Pl., m.)

Hier tritt der Geist (manas) als eigener 'Wahrnehmungsbereich' auf: sein Gegenstand ist der Zweifel bzw. das Abwägen (saṃśaya).

ghrāṇaṃ jihvā ca cakṣuś ca tvak śrotraṃ mana eva ca na niṣṭhām adhigacchanti buddhis tām adhigacchati

'Geruchssinn, Geschmackssinn, Gesichtssinn, Tastsinn, Gehörsinn und Geist gelangen nicht zum endgültigen Urteil; der Verstand gelangt zu ihm.'

Wort für Wort
niṣṭhām
das endgültige Urteil, die Entscheidung (Akk. Sg., f.)

Abschluss der Siebener-Reihe: der Verstand (buddhi) als Instanz der abschließenden Entscheidung (niṣṭhā).

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam indriyāṇāṃ ca saṃvādaṃ manasaś caiva bhāmini

'Auch hierzu führt man dieses uralte Itihāsa an, o Strahlende - den Streit der Sinne mit dem Geist.'

Wort für Wort
saṃvādam
den Streit, Wechselrede (Akk. Sg., m.)

Ankündigung einer weiteren, noch tiefer eingebetteten Erzählung innerhalb der Rede des Ehemannes.

mana uvāca na ghrāti mām ṛte ghrāṇaṃ rasaṃ jihvā na budhyate rūpaṃ cakṣur na gṛhṇāti tvak sparśaṃ nāvabudhyate

'Der Geist habe behauptet, ohne ihn rieche der Geruchssinn nichts, die Zunge erkenne keinen Geschmack, das Auge erfasse keine Form, und die Haut nehme keine Berührung wahr.'

Wort für Wort
ghrāti
er riecht (3. Sg. Präs., √ghrā)

Ab hier beginnt die eigentliche Streitrede zwischen Geist (manas) und den Sinnen (indriyāṇi), die im Sanskrit als direkte Rede in der ersten Person eingeführt wird ('mana uvāca'). Da dies innerhalb der bereits ASCII-eingebetteten Rede des Ehemannes eine weitere (dritte) Verschachtelungsebene direkter Rede darstellen würde, wird sie hier gemäß dem Projektgrundsatz durchgehend als indirekte, berichtete Rede in der dritten Person wiedergegeben (kein 'ich', kein 'du' des Geistes selbst).

na śrotraṃ budhyate śabdaṃ mayā hīnaṃ kathaṃ cana pravaraṃ sarvabhūtānām aham asmi sanātanam

'Ohne ihn erkenne das Ohr keinerlei Klang - er sei der Vorzüglichste aller Wesen, der Ewige.'

Wort für Wort
sanātanam
der Ewige, Beständige (Akk./Nom. Sg. m., hier prädikativ)

agārāṇīva śūnyāni śāntārciṣa ivāgnayaḥ indriyāṇi na bhāsante mayā hīnāni nityaśaḥ

'Wie leere Häuser, wie Feuer mit erloschener Flamme leuchteten die Sinne, wenn sie stets ohne ihn wären.'

Wort für Wort
śāntārciṣaḥ
mit erloschener Flamme (Nom. Pl. m., Bahuvrīhi)

kāṣṭhānīvārdraśuṣkāṇi yatamānair apīndriyaiḥ guṇārthān nādhigacchanti mām ṛte sarvajantavaḥ

'Wie feuchtes oder trockenes Holz - so gelangten, wie sehr sich die Sinne auch bemühten, alle Geschöpfe ohne ihn nicht zu den Gegenständen ihrer Eigenschaften.'

Wort für Wort
yatamānaiḥ
sich bemühend (Instr. Pl. m., Partizip Präs. Med.)

Abschluss der Rede des Geistes.

indriyāṇy ūcuḥ evam etad bhavet satyaṃ yathaitan manyate bhavān ṛte 'smān asmadarthāṃs tu bhogān bhuṅkte bhavān yadi

'Die Sinne hätten erwidert, dies möge wahr sein, wie er, der Geist, es meine - wenn er ohne sie die ihnen zukommenden Genüsse genieße.'

Wort für Wort
bhuṅkte
er genießt (3. Sg. Präs. Med., √bhuj)

Erwiderung der Sinne, ebenfalls im Sanskrit als direkte Rede ('indriyāṇy ūcuḥ') eingeführt und aus demselben Grund wie oben durchgehend indirekt wiedergegeben.

yady asmāsu pralīneṣu tarpaṇaṃ prāṇadhāraṇam bhogān bhuṅkṣe rasān bhuṅkṣe yathaitan manyate tathā

'Wenn, sobald sie vergangen wären, dennoch Sättigung und Erhaltung des Lebenshauchs bestünde, wenn er Genüsse genieße, Säfte genieße, ganz so, wie er es meine -'

Wort für Wort
prāṇadhāraṇam
die Erhaltung des Lebenshauchs (Nom. Sg., n.)

atha vāsmāsu līneṣu tiṣṭhatsu viṣayeṣu ca yadi saṃkalpamātreṇa bhuṅkte bhogān yathārthavat

'oder wenn, während sie vergangen wären und die Gegenstände doch bestehen blieben, er die Genüsse allein durch bloßes Vorstellen genieße, ganz als wären sie wirklich vorhanden -'

Wort für Wort
saṃkalpamātreṇa
durch bloßes Vorstellen, Sich-Einbilden (Instr. Sg., m.)

atha cen manyase siddhim asmadartheṣu nityadā ghrāṇena rūpam ādatsva rasam ādatsva cakṣuṣā

'wenn er meine, für ihre Aufgaben stets aus eigener Vollkommenheit zu genügen, dann möge er mit dem Geruchssinn die Form wahrnehmen, mit dem Auge den Geschmack -'

Wort für Wort
siddhim
die Vollkommenheit, Erfüllung (Akk. Sg., f.)

Die Sinne fordern den Geist ironisch heraus, ihre Funktionen wechselseitig zu übernehmen, um seine behauptete Eigengenügsamkeit zu erweisen.

śrotreṇa gandham ādatsva niṣṭhām ādatsva jihvayā tvacā ca śabdam ādatsva buddhyā sparśam athāpi ca

'mit dem Ohr den Geruch wahrnehmen, mit der Zunge das endgültige Urteil, mit der Haut den Klang und mit dem Verstand die Berührung.'

Wort für Wort
ādatsva
nimm wahr! (Imperativ 2. Sg. Ātmanepada, ā-√dā)

balavanto hy aniyamā niyamā durbalīyasām bhogān apūrvān ādatsva nocchiṣṭaṃ bhoktum arhasi

'Denn die Starken seien ungebunden, gebunden nur die Schwächeren; er möge sich unerhörte, neue Genüsse nehmen - was übriggelassen worden sei, zieme sich für ihn nicht zu genießen.'

Wort für Wort
ucchiṣṭam
das Übriggelassene, Verschmähte (Akk. Sg., n.)

yathā hi śiṣyaḥ śāstāraṃ śrutyartham abhidhāvati tataḥ śrutam upādāya śrutārtham upatiṣṭhati

'Denn wie ein Schüler zu seinem Lehrer eile um der überlieferten Bedeutung willen und, nachdem er das Gehörte aufgenommen habe, beim Sinn des Gehörten verweile -'

Wort für Wort
abhidhāvati
er eilt hin zu (3. Sg. Präs., abhi-√dhāv)

Gleichnis der Sinne: sie vergleichen ihr Verhältnis zum Geist mit dem eines Schülers zu seinem Lehrer.

viṣayān evam asmābhir darśitān abhimanyase anāgatān atītāṃś ca svapne jāgaraṇe tathā

'ebenso beanspruche er für sich die Gegenstände, die von ihnen aufgezeigt worden seien - zukünftige und vergangene, im Traum wie im Wachen.'

Wort für Wort
abhimanyase
du beanspruchst, hältst dich für berechtigt (2. Sg. Präs. Med., abhi-√man; hier indirekt: 'er beanspruche')

vaimanasyaṃ gatānāṃ ca jantūnām alpacetasām asmadarthe kṛte kārye dṛśyate prāṇadhāraṇam

'Selbst bei den Geschöpfen von geringem Bewusstsein, die in Verzweiflung geraten seien, zeige sich, dass die Erhaltung des Lebenshauchs an dem Werk hänge, das um ihretwillen, der Sinne, vollbracht werde.'

Wort für Wort
vaimanasyam
die Verzweiflung, Mutlosigkeit (Akk. Sg., n.)

bahūn api hi saṃkalpān matvā svapnān upāsya ca bubhukṣayā pīḍyamāno viṣayān eva dhāvasi

'Denn nachdem er viele Vorstellungen erdacht und Träume erlebt habe, eile er, von Hunger gequält, doch immer wieder zu den wirklichen Gegenständen selbst.'

Wort für Wort
bubhukṣayā
durch Hunger, Verlangen zu genießen (Instr. Sg., f., Desiderativabstraktum von √bhuj)

agāram advāram iva praviśya; saṃkalpabhogo viṣayān avindan prāṇakṣaye śāntim upaiti nityaṃ; dārukṣaye 'gnir jvalito yathaiva

'Wie einer, der in ein Haus ohne Tür eintrete, so finde der bloß vorgestellte Genuss, da er die wirklichen Gegenstände nicht erlange, beim Schwinden des Lebenshauchs für immer seine Ruhe - so wie ein entzündetes Feuer erlischt, wenn das Brennholz aufgezehrt ist.'

Wort für Wort
dārukṣaye
beim Schwinden des Brennholzes (Lok. Sg., m.)

Triṣṭubh-Vers (im Quelltext durch Halbvers-Semikola markiert); Bild vom erlöschenden Feuer als Gleichnis für den unerfüllten, bloß eingebildeten Genuss.

kāmaṃ tu naḥ sveṣu guṇeṣu saṅgaḥ; kāmaṃ ca nānyonyaguṇopalabdhiḥ asmān ṛte nāsti tavopalabdhis; tvām apy ṛte 'smān na bhajeta harṣaḥ

'Mögen sie, die Sinne, auch an ihren eigenen Eigenschaften haften, möge auch keine gegenseitige Wahrnehmung der Eigenschaften unter ihnen bestehen - ohne sie gebe es für ihn keine Wahrnehmung, und auch ihn erreichte ohne sie keine Freude.'

Wort für Wort
upalabdhiḥ
die Wahrnehmung, Erkenntnis (Nom. Sg., f.)
harṣaḥ
die Freude (Nom. Sg., m.)

Schlussvers der Streitrede: die Sinne beenden ihre Erwiderung mit der Feststellung wechselseitiger Angewiesenheit von Geist und Sinnen aufeinander. Das Kapitel endet hier; ob die Rede des Ehemannes mit einer ausdrücklichen Schlichtung fortgesetzt wird, ist erst anhand der Fortsetzung zu klären.

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