Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 24: nāradadevamatasaṃvādaḥ / udānarūpanirdeśaḥ Der Streit Nāradas und Devamatas; die Bestimmung der Gestalten des Udāna

brāhmaṇa uvāca atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam nāradasya ca saṃvādam ṛṣer devamatasya ca

'Der Brahmane sprach: Auch hierzu führt man dieses uralte Itihāsa an - das Zwiegespräch des Ṛṣi Nārada und des Ṛṣi Devamata.'

Wort für Wort
saṃvādam
das Zwiegespräch, der Streit (Akk. Sg., m.)

Neue, in sich abgeschlossene Erzählung innerhalb der Rede des Ehemannes, eingeführt mit derselben Formel wie die Itihāsas der Kap. 21-23.

devamata uvāca jantoḥ saṃjāyamānasya kiṃ nu pūrvaṃ pravartate prāṇo 'pānaḥ samāno vā vyāno vodāna eva ca

'Devamata habe gefragt, was denn beim Entstehen eines Geschöpfes zuerst hervortrete - Prāṇa, Apāna, Samāna, Vyāna oder eben Udāna.'

Wort für Wort
saṃjāyamānasya
des entstehenden, geboren werdenden (Gen. Sg. m., Partizip Präs. Med.)

Beginn des Zwiegesprächs; als weitere (dritte) Verschachtelungsebene direkter Rede wird die Frage-und-Antwort-Folge zwischen Nārada und Devamata gemäß der Projektkonvention indirekt wiedergegeben.

nārada uvāca yenāyaṃ sṛjyate jantus tato 'nyaḥ pūrvam eti tam prāṇadvaṃdvaṃ ca vijñeyaṃ tiryagaṃ cordhvagaṃ ca yat

'Nārada habe geantwortet, ein anderer als jener, durch den dieses Geschöpf erzeugt werde, trete zu ihm zuerst hin [?]; man müsse dabei das Prāṇa-Paar unterscheiden - das eine quer gehend, das andere aufwärts gehend.'

Wort für Wort
tiryagaṃ
quer, seitlich verlaufend (Akk. Sg. n., Adj.)
ūrdhvagaṃ
aufwärts gehend (Akk. Sg. n., Adj.)

Diese Antwort Nāradas ist im Sanskrit stark verrätselt und wird erst durch die spätere Erläuterung (V007-009) verständlich: gemeint ist offenbar die Unterscheidung zwischen dem abwärts-aufwärts gehenden Paar Prāṇa-Apāna und dem quer (tiryañc) wirkenden Paar Vyāna-Samāna. Der genaue Bezug von 'tato 'nyaḥ pūrvam eti tam' bleibt unsicher [?].

devamata uvāca kenāyaṃ sṛjyate jantuḥ kaś cānyaḥ pūrvam eti tam prāṇadvaṃdvaṃ ca me brūhi tiryag ūrdhvaṃ ca niścayāt

'Devamata habe weiter gefragt, wodurch dieses Geschöpf erzeugt werde und wer ein anderer sei, der ihm zuerst vorausgehe - er möge ihm das Prāṇa-Paar, das quere wie das aufwärtsgehende, mit Gewissheit erklären.'

Wort für Wort
niścayāt
mit Gewissheit, sicher (Abl. Sg., m., adverbiell)

nārada uvāca saṃkalpāj jāyate harṣaḥ śabdād api ca jāyate rasāt saṃjāyate cāpi rūpād api ca jāyate

'Nārada habe erklärt, aus dem Vorstellen entstehe die Freude; auch aus dem Klang entstehe sie, auch aus dem Geschmack entstehe sie, auch aus der Form entstehe sie,'

Wort für Wort
saṃkalpāt
aus dem Vorstellen, dem Willensentschluss (Abl. Sg., m.)

Beginn von Nāradas langer, bis V020 ununterbrochen fortlaufender Antwort.

sparśāt saṃjāyate cāpi gandhād api ca jāyate etad rūpam udānasya harṣo mithunasaṃbhavaḥ

'auch aus der Berührung entstehe sie, auch aus dem Geruch entstehe sie - dies sei die Gestalt des Udāna, die aus der Vereinigung der Paare entspringende Freude.'

Wort für Wort
mithunasaṃbhavaḥ
aus der Paarung entstanden (Nom. Sg., m.)

kāmāt saṃjāyate śukraṃ kāmāt saṃjāyate rasaḥ samānavyānajanite sāmānye śukraśoṇite

'Aus dem Verlangen entstehe der Same, aus dem Verlangen entstehe auch der Lebenssaft; gleichermaßen würden Same und Blut durch Samāna und Vyāna erzeugt.'

Wort für Wort
śukraśoṇite
Same und Blut (Nom. Dual, n.)

śukrāc choṇitasaṃsṛṣṭāt pūrvaṃ prāṇaḥ pravartate prāṇena vikṛte śukre tato 'pānaḥ pravartate

'Aus dem mit Blut vermischten Samen entstehe zuerst Prāṇa; wenn der Same durch Prāṇa verändert werde, entstehe daraufhin Apāna.'

Wort für Wort
vikṛte
verändert, umgewandelt (Lok. Sg. n., Partizip Perfekt Passiv)

prāṇāpānāv idaṃ dvaṃdvam avāk cordhvaṃ ca gacchataḥ vyānaḥ samānaś caivobhau tiryag dvaṃdvatvam ucyate

'Prāṇa und Apāna, dieses Paar, gingen abwärts beziehungsweise aufwärts; Vyāna und Samāna, beide zusammen, würden das quer wirkende Paar genannt.'

Wort für Wort
avāk
abwärts, nach unten (Adv.)

Diese Erläuterung löst die Rätselformulierung aus V003 auf.

agnir vai devatāḥ sarvā iti vedasya śāsanam saṃjāyate brāhmaṇeṣu jñānaṃ buddhisamanvitam

'Agni sei fürwahr alle Götter - so laute die Lehre des Veda; unter den Brahmanen entstehe das mit Erkenntnis verbundene Wissen.'

Wort für Wort
śāsanam
die Lehre, Vorschrift (Nom. Sg., n.)

Übergang zu einer vedisch-opfertheologischen Gleichsetzung von Udāna mit dem Opferfeuer.

tasya dhūmas tamorūpaṃ rajo bhasma suretasaḥ sattvaṃ saṃjāyate tasya yatra prakṣipyate haviḥ

'Sein Rauch habe die Gestalt der Finsternis, seine Asche sei die Leidenschaft; seine Reinheit entstehe dort, wo die Opferspende hineingegeben werde.'

Wort für Wort
haviḥ
die Opferspende (Nom. Sg., n.)

Die drei Guṇas (tamas, rajas, sattva) werden hier auf Rauch, Asche und geläuterte Flamme des Opferfeuers übertragen.

āghārau samāno vyānaś ca iti yajñavido viduḥ prāṇāpānāv ājyabhāgau tayor madhye hutāśanaḥ etad rūpam udānasya paramaṃ brāhmaṇā viduḥ

'Die Vor-Opferungen seien, wie die Opferkundigen wüssten, Samāna und Vyāna; Prāṇa und Apāna die Ghee-Anteile; zwischen beiden befinde sich das verzehrende Feuer - dies, so wüssten die Brahmanen, sei die höchste Gestalt des Udāna.'

Wort für Wort
āghārau
die beiden Vor-Opferungen (Nom. Dual, m., ein ritueller Fachbegriff)
ājyabhāgau
die beiden Ghee-Anteile (Nom. Dual, m.)

Erstes Auftreten des ab hier wiederkehrenden Refrains 'etad rūpam udānasya paramaṃ brāhmaṇā viduḥ'.

nirdvaṃdvam iti yat tv etat tan me nigadataḥ śṛṇu

'Was nun als 'paarlos' bezeichnet werde, das möge man von ihm, Nārada, weiter vernehmen.'

Wort für Wort
nirdvaṃdvam
das Paarlose, Gegensatzfreie (Akk. Sg., n.)

Überleitung zu einer Reihe weiterer Udāna-Gleichsetzungen mit Gegensatzpaaren (V014-018).

ahorātram idaṃ dvaṃdvaṃ tayor madhye hutāśanaḥ etad rūpam udānasya paramaṃ brāhmaṇā viduḥ

'Tag und Nacht, dieses Paar - zwischen beiden befinde sich das verzehrende Feuer; dies, so wüssten die Brahmanen, sei die höchste Gestalt des Udāna.'

Wort für Wort
ahorātram
Tag und Nacht (Nom. Sg. n., Dvandva-Kompositum)

ubhe caivāyane dvaṃdvaṃ tayor madhye hutāśanaḥ etad rūpam udānasya paramaṃ brāhmaṇā viduḥ

'Auch die beiden Halbjahre seien ein Paar - zwischen beiden befinde sich das verzehrende Feuer; dies, so wüssten die Brahmanen, sei die höchste Gestalt des Udāna.'

Wort für Wort
ayane
die beiden Halbjahre, Sonnenwendbahnen (Nom. Dual, n.)

'Ayana' bezeichnet die beiden Sonnenwendhalbjahre (Uttarāyaṇa/Dakṣiṇāyana) des vedischen Kalenders.

ubhe satyānṛte dvaṃdvaṃ tayor madhye hutāśanaḥ etad rūpam udānasya paramaṃ brāhmaṇā viduḥ

'Auch Wahrheit und Unwahrheit seien ein Paar - zwischen beiden befinde sich das verzehrende Feuer; dies, so wüssten die Brahmanen, sei die höchste Gestalt des Udāna.'

Wort für Wort
satyānṛte
Wahrheit und Unwahrheit (Nom. Dual, n.)

ubhe śubhāśubhe dvaṃdvaṃ tayor madhye hutāśanaḥ etad rūpam udānasya paramaṃ brāhmaṇā viduḥ

'Auch Heilvolles und Unheilvolles seien ein Paar - zwischen beiden befinde sich das verzehrende Feuer; dies, so wüssten die Brahmanen, sei die höchste Gestalt des Udāna.'

Wort für Wort
śubhāśubhe
Heilvolles und Unheilvolles (Nom. Dual, n.)

sac cāsac caiva tad dvaṃdvaṃ tayor madhye hutāśanaḥ etad rūpam udānasya paramaṃ brāhmaṇā viduḥ

'Sein und Nichtsein, auch das sei ein Paar - zwischen beiden befinde sich das verzehrende Feuer; dies, so wüssten die Brahmanen, sei die höchste Gestalt des Udāna.'

Wort für Wort
sat
das Seiende, Sein (Nom. Sg., n.)

Abschluss der Reihe der fünf Gegensatzpaare (Tag/Nacht, Halbjahre, Wahrheit/Unwahrheit, Heilvolles/Unheilvolles, Sein/Nichtsein).

prathamaṃ samāno vyāno vyasyate karma tena tat tṛtīyaṃ tu samānena punar eva vyavasyate

'Zuerst würden Samāna und Vyāna das Werk in Gang setzen; das Dritte aber werde wiederum durch Samāna endgültig bestimmt [?].'

Wort für Wort
vyavasyate
es wird endgültig entschieden, bestimmt (3. Sg. Präs. Passiv, vy-ava-√so)

Dieser Vers bleibt im Sanskrit unklar in seinem genauen Bezug ('tṛtīyam', 'das Dritte', ohne eindeutigen Referenten innerhalb des unmittelbaren Kontexts) und wird hier mit Vorbehalt und wörtlich nahe am Text wiedergegeben.

śāntyarthaṃ vāmadevaṃ ca śāntir brahma sanātanam etad rūpam udānasya paramaṃ brāhmaṇā viduḥ

'Um des Friedens willen, und Vāmadeva [?] - der Friede sei das ewige Brahman; dies, so wüssten die Brahmanen, sei die höchste Gestalt des Udāna.'

Wort für Wort
śāntyartham
um des Friedens willen (Akk. Sg., m., adverbiell)

'Vāmadevam' bleibt in seinem syntaktischen Bezug unklar [?] - möglicherweise eine Anspielung auf den dem Ṛṣi Vāmadeva zugeschriebenen vedischen Hymnus (Ṛgveda IV.26-27) oder auf einen nach ihm benannten Friedens-Spruch (śānti-mantra); die Übersetzung folgt hier dem Wortlaut, ohne die genaue Anspielung aufzulösen. Mit diesem Vers endet das Kapitel und die Lehre über die Gestalten des Udāna.

Dieses Kapitel in der Leseansicht