Quellen der Menschheit

Ṛgveda · Maṇḍala 8

Kapitel 102: ṛgvede 8.102 · tvamagne bṛhad vayo dadhāsi deva dāśuṣe Lieder an Agni: Anruf, Holzgabe, Ameisen und Schmalz

Lied an Agni: Anrufung (1–6), Preis (7–13), Bitte um Standort (14–15), Holzgabe an Agni (19–21). Schwierig sind 8, 14 (Satz reicht in 15 hinüber) und 19 (Kuh/Beil).

tvamagne bṛhad vayo dadhāsi deva dāśuṣe / kavirgṛhapatiryuvā

Du, Agni, verleihst dem Spender hohe Lebenskraft, Gott, [du] weiser Seher, Hausherr, ewig jung.

Wort für Wort
tvam
du
agne
Agni (Vok.)
bṛhat
hohe, weite (Akk. Sg. n.)
vayaḥ
Lebenskraft, Nahrung (Akk. Sg.)
dadhāsi
verleihst, setzest (2. Sg. Med.)
deva
Gott (Vok.)
dāśuṣe
dem Spender, Verehrenden (Dat. Sg.)
kaviḥ
Seher, Dichter (Nom. Sg.)
gṛha-patiḥ
Hausherr (Nom. Sg.)
yuvā
jung (Nom. Sg.)

sa na īḷānayā saha devānagne duvasyuvā / cikid vibhānavā vaha

Du, Agni, [bringe] uns zusammen mit der Preisung [?] die Götter her, ehrerbietig dienend, verständig, o Strahlender.

Wort für Wort
saḥ
er, du (Nom. Sg.)
naḥ
uns
īḷānayā
mit der Preisung, Anrufung [?] (Instr. Sg. f.)
saha
zusammen mit
devān
Götter (Akk. Pl.)
agne
Agni (Vok.)
duvasyuvā
ehrerbietig dienend (Nom. Sg.)
cikit
verständig, aufmerkend (Nom. Sg.)
vibhāno itivi-bhāno
Strahlender (Vok.)
ā
her
vaha
führe (Imp.)

tvayā ha svid yujā vayaṃ codiṣṭhena yaviṣṭhya / abhi ṣmovājasātaye

Mit dir als Gefährten, du Jüngster, mit dem besten Antreiber sind wir gewiss darauf aus, [andere] zu übertreffen, zur Gewinnung von Beute [?].

Wort für Wort
tvayā
mit dir (Instr.)
ha
fürwahr
svit
wohl, gewiss
yujā
mit dem Gefährten, Anschirrer (Instr. Sg.)
vayam
wir
codiṣṭhena
mit dem besten Antreiber (Instr. Sg.)
yaviṣṭhya
Jüngster (Vok.)
abhi
überlegen, hin
smaḥ
sind wir (1. Pl.)
vāja-sātaye
zur Gewinnung von Beute/Kraft (Dat. Sg.)

aurvabhṛguvacchucimapnavānavadā huve / agniṃ samudravāsasam

Wie Aurva [und] Bhṛgu, wie Apnavāna rufe ich den hellen Agni herbei, der das Meer zum Gewand hat [Anm.: oder ‚im Meer wohnend‘ [?]].

Wort für Wort
aurvabhṛgu-vat
wie Aurva und Bhṛgu (Adv.)
śucim
hell, rein (Akk. Sg.)
apnavāna-vat
wie Apnavāna (Adv.)
ā
her
huve
ich rufe (1. Sg. Med.)
agnim
Agni (Akk. Sg.)
samudra-vāsasam
dessen Gewand das Meer ist [?] (Akk. Sg.)

huve vātasvanaṃ kaviṃ parjanyakrandyaṃ sahaḥ / agniṃ samudravāsasam

Ich rufe den, dessen Getöse der Wind ist, den Seher, den mit Parjanya-artigem Gebrüll [?], die Kraft [?]: Agni, den Meer-Gewandeten.

Wort für Wort
huve
ich rufe (1. Sg. Med.)
vāta-svanam
dessen Getöse der Wind ist (Akk. Sg.)
kavim
Seher (Akk. Sg.)
parjanya-krandyam
mit Parjanya-artigem Gebrüll [?] (Akk. Sg.)
sahaḥ
Kraft, Stärke [?] (Akk. Sg.)
agnim
Agni (Akk. Sg.)
samudra-vāsasam
dessen Gewand das Meer ist [?] (Akk. Sg.)

ā savaṃ savituryathā bhagasyeva bhujiṃ huve / agniṃ samudravāsasam

Wie den Antrieb des Savitṛ, gleichsam wie den Genuss des Bhaga, rufe ich herbei – Agni, den Meer-Gewandeten.

Wort für Wort
ā
her
savam
Antrieb, Anstoß (Akk. Sg.)
savituḥ
des Savitṛ (Gen. Sg.)
yathā
wie
bhagasya-iva
wie des Bhaga (Gen. Sg. + iva)
bhujim
Genuss, Nutznießer (Akk. Sg.)
huve
ich rufe (1. Sg. Med.)
agnim
Agni (Akk. Sg.)
samudra-vāsasam
dessen Gewand das Meer ist [?] (Akk. Sg.)

agniṃ vo vṛdhantamadhvarāṇāṃ purūtamam / achā naptre sahasvate

Agni, der euch wächst [oder: euch stärkt], den vielfältigsten der Weihehandlungen [rufe ich] hin zum Nachkommen, dem Kraftvollen [?].

Wort für Wort
agnim
Agni (Akk. Sg.)
vaḥ
euch (Dat./Gen. Pl.)
vṛdhantam
wachsend, stärkend (Akk. Sg.)
adhvarāṇām
der Weihehandlungen (Gen. Pl.)
puru-tamam
am zahlreichsten, vielfältigsten (Akk. Sg.)
accha
hin zu
naptre
dem Enkel, Nachkommen (Dat. Sg.)
sahasvate
dem Kraftvollen (Dat. Sg.)

ayaṃ yathā na ābhuvat tvaṣṭā rūpeva takṣyā / asya kratvā yaśasvataḥ

Damit dieser uns zuteil werde [?], wie Tvaṣṭṛ [es] mit Gestalten, die zu formen sind [?], [tut] – durch die Wirkkraft dieses Ruhmreichen.

Wort für Wort
ayam
dieser (Nom. Sg.)
yathā
wie, damit
naḥ
uns
ābhuvat
soll zuteil werden, zugegen sein [?] (Aor. Inj. 3. Sg.)
tvaṣṭā
Tvaṣṭṛ (Nom. Sg.)
rūpāiva
wie Gestalten (Nom./Akk. Pl. + iva)
takṣyā
zu formende, zu zimmernde [?] (Gerundiv)
asya
dieses (Gen. Sg.)
kratvā
durch Wirkkraft, Einsicht (Instr. Sg.)
yaśasvataḥ
des Ruhmreichen (Gen. Sg.)

ayaṃ viśvā abhi śriyo 'gnirdeveṣu patyate / ā vājairupa no gamat

Dieser Agni gebietet über alle Herrlichkeiten unter den Göttern; er soll mit Kraftgaben zu uns kommen.

Wort für Wort
ayam
dieser (Nom. Sg.)
viśvāḥ
alle (Akk. Pl.)
abhi
über, hin
śriyaḥ
Herrlichkeiten, Schönheiten (Akk. Pl.)
agniḥ
Agni (Nom. Sg.)
deveṣu
unter den Göttern (Lok. Pl.)
patyate
gebietet, ist Herr (3. Sg. Med.)
ā
her
vājaiḥ
mit Kraftgaben (Instr. Pl.)
upa
herzu
naḥ
zu uns
gamat
soll kommen (Aor. Inj. 3. Sg.)

viśveṣāmiha stuhi hotṝṇāṃ yaśastamam / agniṃ yajñeṣupūrvyam

Preise hier den ruhmreichsten von allen Anrufern, Agni, den Ersten in den Verehrungs-Weihehandlungen.

Wort für Wort
viśveṣām
aller (Gen. Pl.)
iha
hier
stuhi
preise (Imp.)
hotṛṝṇām
der Rufer, Anrufer (Gen. Pl.)
yaśaḥ-tamam
den ruhmreichsten (Akk. Sg.)
agnim
Agni (Akk. Sg.)
yajñeṣu
in den Verehrungs-Weihehandlungen (Lok. Pl.)
pūrvyam
den ersten, früheren (Akk. Sg.)

śīraṃ pāvakaśociṣaṃ jyeṣṭho yo dameṣvā / dīdāya dīrghaśruttamaḥ

Den Kühnen [?], mit reinigender Flamme, der als Ältester in den Häusern leuchtet, am weitesten berühmt.

Wort für Wort
śīram
kühn, rasch [?] (Akk. Sg.)
pāvaka-śociṣam
mit reinigender Flamme (Akk. Sg.)
jyeṣṭhaḥ
der Älteste (Nom. Sg.)
yaḥ
der (Nom. Sg.)
dameṣu
in den Häusern (Lok. Pl.)
ā
hin, ringsum
dīdāya
hat geleuchtet, leuchtet (Perf. 3. Sg.)
dīrghaśrut-tamaḥ
am weitesten berühmt (Nom. Sg.)

tamarvantaṃ na sānasiṃ gṛṇīhi vipra śuṣmiṇam / mitraṃna yātayajjanam

Ihn, der wie ein Ross gewinnreich ist, preise, Weiser, den Kraftvollen, der wie Mitra die Leute [zusammenführt] [?].

Wort für Wort
tam
ihn (Akk. Sg.)
arvantam
Ross (Akk. Sg.)
na
wie
sānasim
gewinnbringend, siegreich (Akk. Sg.)
gṛṇīhi
preise (Imp.)
vipra
Weiser, Sänger (Vok.)
śuṣmiṇam
kraftvoll (Akk. Sg.)
mitram
Mitra, Freund (Akk. Sg.)
na
wie
yātayat-janam
die Leute in Bewegung setzend, ordnend [?] (Akk. Sg.)

upa tvā jāmayo giro dediśatīrhaviṣkṛtaḥ / vāyoranīkeasthiran

Zu dir sind die schwesterlichen Lieder, die hinweisenden [?], [zusammen mit] den Opfergabe-Bereitern, im Angesicht Vāyus getreten [?].

Wort für Wort
upa
hin, zu
tvā
dich
jāmayaḥ
verwandte, schwesterliche (Nom. Pl. f.)
giraḥ
Lieder (Nom. Pl.)
dediśatīḥ
hinweisend, darbietend [?] (Part. Nom. Pl. f.)
haviḥ-kṛtaḥ
Opfergabe-Bereiter (Nom. Pl.)
vāyoḥ
des Windes, Vāyu (Gen. Sg.)
anīke
im Angesicht, in der vordersten Reihe (Lok. Sg.)
asthiran
haben sich hingestellt (Aor. 3. Pl.)

yasya tridhātvavṛtaṃ barhistasthāvasandinam

Dessen dreiteilige, unumschlossene [?] Opferstreu unverbunden [?] dasteht – sogar die Wasser legen den Standort nieder [?]. [Anm.: Der Satz greift in Vers 15 hinüber (‚padam‘); das Verb ‚dadha‘ ist unklar, das Wort ‚avṛtam‘ ebenfalls.]

Wort für Wort
yasya
dessen (Gen. Sg.)
tri-dhātu
dreiteilig, dreifach geschichtet (Nom. Sg. n.)
avṛtam
unumhüllt, ungehemmt [?] (Nom. Sg. n.)
barhiḥ
Opferstreu (Nom. Sg.)
tasthau
steht, stand (Perf. 3. Sg.)
asam-dinam
unverbunden, nicht eingeengt [?] (Nom. Sg. n.)
āpaḥ
Wasser (Nom. Pl.)
cit
sogar
ni
nieder
dadha
setzen, legen [?] (3. Pl.)
padam
Standort, Fußspur (Akk. Sg.)

padaṃ devasya mīḷhuṣo 'nādhṛṣṭābhirūtibhiḥ / bhadrāsūrya ivopadṛk

Der Standort des freigebigen Gottes [ist ausgestattet] mit unangreifbaren Hilfen; segensreich, wie Sūrya anzuschauen.

Wort für Wort
padam
Standort, Fußspur (Nom. Sg.)
devasya
des Gottes (Gen. Sg.)
mīḷhuṣaḥ
des Freigebigen, Ergießenden (Gen. Sg.)
anādhṛṣṭābhiḥ
mit unangreifbaren (Instr. Pl. f.)
ūti-bhiḥ
mit Hilfen (Instr. Pl.)
bhadrā
segensreich, glückvoll (Nom. Sg. f.)
sūryaḥ-iva
wie Sūrya (Nom. Sg. + iva)
upa-dṛk
anzuschauen, erscheinend (Nom. Sg.)

agne ghṛtasya dhītibhistepāno deva śociṣā / ā devān vakṣi yakṣi ca

Agni, durch die Schmalz-Andachten glühend mit [deiner] Flamme, Gott: führe die Götter her und verehre [sie] [Anm.: yakṣi: Weihehandlung vollziehen].

Wort für Wort
agne
Agni (Vok.)
ghṛtasya
des Schmalzes (Gen. Sg.)
dhīti-bhiḥ
durch Andachten, Gedanken (Instr. Pl.)
tepānaḥ
glühend (Part. Nom. Sg.)
deva
Gott (Vok.)
śociṣā
mit Flamme (Instr. Sg.)
ā
her
devān
Götter (Akk. Pl.)
vakṣi
führe (Imp. 2. Sg.)
yakṣi
verehre, weihe (Imp. 2. Sg.)
ca
und

taṃ tvājananta mātaraḥ kaviṃ devāso aṅgiraḥ / havyavāhamamartyam

Dich haben die Mütter, dich, den Seher, [dich haben] die Götter geboren, o Aṅgiras, den Opfergaben-Fahrer, den Unsterblichen.

Wort für Wort
tam
ihn (Akk. Sg.)
tvā
dich (Akk.)
ajananta
haben geboren (Aor. Med. 3. Pl.)
mātaraḥ
Mütter (Nom. Pl.)
kavim
Seher (Akk. Sg.)
devāsaḥ
Götter (Nom. Pl.)
aṅgiraḥ
Aṅgiras (Vok.)
havya-vāham
Opfergaben-Fahrer (Akk. Sg.)
amartyam
unsterblich (Akk. Sg.)

pracetasaṃ tvā kave 'gne dūtaṃ vareṇyam / havyavāhaṃ ni ṣedire

Dich, den Vorausdenkenden, Seher, Agni, den Boten, den Erwählenswerten, den Opfergaben-Fahrer – [dich] haben sie sich [zu Häupten] gesetzt [?].

Wort für Wort
pra-cetasam
vorausdenkend, umsichtig (Akk. Sg.)
tvā
dich (Akk.)
kave
Seher (Vok.)
agne
Agni (Vok.)
dūtam
Bote (Akk. Sg.)
vareṇyam
erwählenswert (Akk. Sg.)
havya-vāham
Opfergaben-Fahrer (Akk. Sg.)
ni
nieder
sedire
haben sich niedergelassen [?] (Perf. Med. 3. Pl.)

nahi me astyaghnyā na svadhitirvananvati / athaitādṛg bharāmi te

Denn ich habe weder eine [Opfer-]Kuh (‚nicht zu Tötende‘) noch ein Beil, das im Holz wirkt [?]; so bringe ich dir nur Derartiges dar. [Anm.: aghnyā = Kuh; Sinn plausibel: der Sprecher hat nur Holz zu bieten.]

Wort für Wort
nahi
denn nicht
me
mir
asti
ist
aghnyā
nicht zu tötende Kuh (Nom. Sg. f.)
na
nicht
sva-dhitiḥ
Beil, Axt (Nom. Sg.)
vanan-vati
holzversehen, im Holz wirksam [?] (Nom./Lok. f.)
atha
so, dann
etādṛk
derartiges (Adv.)
bharāmi
ich bringe dar (1. Sg.)
te
dir (Dat.)

yadagne kāni kāni cidā te dārūṇi dadhmasi / tā juṣasva yaviṣṭhya

Was auch immer für Hölzer wir dir hier auflegen, Agni – diese genieße, Jüngster.

Wort für Wort
yat
was
agne
Agni (Vok.)
kāni
welche
kāni
welche
cit
auch immer
ā
hinzu
te
dir (Dat.)
dārūṇi
Hölzer (Akk. Pl.)
dadhmasi
wir legen (1. Pl.)
tā
diese (Akk. Pl. n.)
juṣasva
genieße (Imp. Med.)
yaviṣṭhya
Jüngster (Vok.)

yadattyupajihvikā yad vamro atisarpati / sarvaṃ tadastu te ghṛtam

Was die Upajihvikā [Ameise/Termite] frisst, was die Vamra-Ameise überkriecht – all das soll dein Schmalz sein.

Wort für Wort
yat
was
atti
frisst (3. Sg.)
upa-jihvikā
Upajihvikā (Ameisen-/Termitenart) (Nom. Sg.)
yat
was
vamraḥ
Vamra, Ameise (Nom. Sg.)
ati-sarpati
überkriecht (3. Sg.)
sarvam
alles (Nom. Sg. n.)
tat
das (Nom. Sg. n.)
astu
soll sein (Imp. 3. Sg.)
te
dein (Gen.)
ghṛtam
Schmalz (Nom. Sg.)

agnimindhāno manasā dhiyaṃ saceta martyaḥ / agnimīdhe vivasvabhiḥ

Wer Agni mit dem Geist entzündet, der Sterbliche möge Einsicht erlangen; Agni entfache ich mit den Eifrigen [?].

Wort für Wort
agnim
Agni (Akk. Sg.)
indhānaḥ
entzündend (Part. Nom. Sg.)
manasā
mit dem Geist (Instr. Sg.)
dhiyam
Andacht, Einsicht (Akk. Sg.)
saceta
möge erlangen, sich anschließen (Opt. 3. Sg. Med.)
martyaḥ
Sterblicher (Nom. Sg.)
agnim
Agni (Akk. Sg.)
īdhe
entfache ich, entzünde (1. Sg. Med.)
vivasva-bhiḥ
mit Eifrigen/Glanzvollen [?] (Instr. Pl.)

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