Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Ayodhyākāṇḍa

Sarga 108: Jābāli Vākyam Nāstika Vādaḥ Der Brahmane Jābāli hält Rāma eine materialistische Rede und drängt ihn, das Königreich anzunehmen und die Rücksicht auf den Vater aufzugeben

āśvāsayantam bharatam jābāliḥ brāhmaṇa uttamaḥ | uvāca rāmam dharmajñam dharma apetam idam vacaḥ ||

Zu Rāma, der Bharata tröstete, sprach Jābāli, der vorzüglichste Brahmane, dem Dharmakenner dieses vom Dharma abweichende Wort:

Wort für Wort
āśvāsayantam bharatam
der Bharata tröstete
jābāliḥ brāhmaṇa uttamaḥ
Jābāli, der vorzüglichste Brahmane
uvāca rāmam dharmajñam
sprach zu Rāma, dem Dharmakenner
dharma apetam idam vacaḥ
dieses vom Dharma abweichende Wort

sādhu rāghava mā bhūt te buddhiḥ evam nirarthakā | prākṛtasya narasya iva ārya buddheḥ tapasvinaḥ ||

Wohlan, Rāghava, möge deine Einsicht nicht so nutzlos sein, wie die eines gewöhnlichen Mannes, du von edler Einsicht, du Asket.

Wort für Wort
sādhu rāghava mā bhūt te
wohlan, Rāghava, möge deine nicht sein
buddhiḥ evam nirarthakā
Einsicht so nutzlos
prākṛtasya narasya iva
wie die eines gewöhnlichen Mannes
ārya buddheḥ tapasvinaḥ
du von edler Einsicht, du Asket

kaḥ kasya puruṣo bandhuḥ kim āpyam kasya kenacit | yad ekaḥ jāyate jantuḥ eka eva vinaśyati ||

Wer ist wessen Verwandter unter den Menschen, was ist wem von irgendetwas erreichbar, da doch jedes Lebewesen allein geboren wird und allein vergeht?

Wort für Wort
kaḥ kasya puruṣo bandhuḥ
wer ist wessen Verwandter unter den Menschen
kim āpyam kasya kenacit
was ist wem von irgendetwas erreichbar
yad ekaḥ jāyate jantuḥ
da jedes Lebewesen allein geboren wird
eka eva vinaśyati
und allein vergeht

tasmāt mātā pitā ca iti rāma sajjeta yaḥ naraḥ | unmatta iva sa jñeyaḥ na asti kācit hi kasyacit ||

Deshalb sollte man den Menschen, der sich an 'Mutter' und 'Vater' klammert, Rāma, für wahnsinnig halten; es gibt nämlich keine wahre Bindung irgendjemandes zu irgendjemandem.

Wort für Wort
tasmāt mātā pitā ca iti
deshalb an 'Mutter' und 'Vater'
rāma sajjeta yaḥ naraḥ
Rāma, der Mensch, der sich klammert
unmatta iva sa jñeyaḥ
für wahnsinnig sollte er gehalten werden
na asti kācit hi kasyacit
es gibt nämlich keine (Bindung) irgendjemandes zu irgendjemandem

yathā grāma antaram gacchan naraḥ kaścit kvacit vaset | utsṛjya ca tam āvāsam pratiṣṭheta apare ahani ||

Wie ein Mann, der von Dorf zu Dorf zieht, irgendwo für eine Weile wohnt und, jenen Aufenthaltsort verlassend, sich am nächsten Tag wieder auf den Weg macht -

Wort für Wort
yathā grāma antaram gacchan
wie ein von Dorf zu Dorf ziehender
naraḥ kaścit kvacit vaset
irgendein Mann irgendwo wohnt
utsṛjya ca tam āvāsam
und jenen Aufenthaltsort verlassend
pratiṣṭheta apare ahani
sich am nächsten Tag wieder auf den Weg macht

evam eva manuṣyāṇām pitā mātā gṛham vasu | āvāsa mātram kākutstha sajjante na atra sajjanāḥ ||

ebenso sind für die Menschen Vater, Mutter, Haus und Besitz nur ein Aufenthaltsort, Kākutstha; die Rechtschaffenen hängen nicht daran.

Wort für Wort
evam eva manuṣyāṇām
ebenso sind für die Menschen
pitā mātā gṛham vasu
Vater, Mutter, Haus und Besitz
āvāsa mātram kākutstha
nur ein Aufenthaltsort, Kākutstha
sajjante na atra sajjanāḥ
die Rechtschaffenen hängen nicht daran

pitryam rājyam samutsṛjya sa na arhati nara uttama | āsthātum kāpatham duḥkham viṣamam bahu kaṇṭakam ||

Deshalb sollte, du Bester der Männer, keiner das väterliche Königreich aufgeben, um einen schlechten, leidvollen, unebenen, dornenreichen Weg zu beschreiten.

Wort für Wort
pitryam rājyam samutsṛjya
das väterliche Königreich aufgebend
sa na arhati nara uttama
sollte er nicht, du Bester der Männer
āsthātum kāpatham duḥkham
einen schlechten, leidvollen Weg beschreiten
viṣamam bahu kaṇṭakam
einen unebenen, dornenreichen

samṛddhāyām ayodhyāyām ātmānam abhiṣecaya | eka veṇī dharā hi tvām nagarī sampratīkṣate ||

Lass dich selbst im blühenden Ayodhyā weihen; die Stadt, ihr Haar zu einem einzigen Zopf geflochten, erwartet dich.

Wort für Wort
samṛddhāyām ayodhyāyām
im blühenden Ayodhyā
ātmānam abhiṣecaya
lass dich selbst weihen
eka veṇī dharā hi tvām
dich, das Haar zu einem einzigen Zopf geflochten
nagarī sampratīkṣate
erwartet die Stadt

rāja bhogān anubhavan mahā arhān pārthiva ātmaja | vihara tvam ayodhyāyām yathā śakraḥ triviṣṭape ||

Die großen, würdigen königlichen Genüsse genießend, du Königssohn, ergötze dich in Ayodhyā, wie Śakra im dritten Himmel.

Wort für Wort
rāja bhogān anubhavan
die königlichen Genüsse genießend
mahā arhān pārthiva ātmaja
die großen, würdigen, du Königssohn
vihara tvam ayodhyāyām
ergötze dich in Ayodhyā
yathā śakraḥ triviṣṭape
wie Śakra im dritten Himmel

na te kaścit daśarathaḥ tvam ca tasya na kaścana | anyaḥ rājā tvam anyaḥ ca tasmāt kuru yat ucyate ||

Daśaratha ist dir nichts, und du bist ihm nichts; ein anderer war er, der König, ein anderer bist du - deshalb tu, was gesagt wird.

Wort für Wort
na te kaścit daśarathaḥ
Daśaratha ist dir nichts
tvam ca tasya na kaścana
und du bist ihm nichts
anyaḥ rājā tvam anyaḥ ca
ein anderer war der König, ein anderer bist du
tasmāt kuru yat ucyate
deshalb tu, was gesagt wird

bīja mātram pitā jantoḥ śuklaṃ rudhiram eva ca | saṃyuktam ṛtumat mātrā puruṣasya iha janma tat ||

Der Vater ist für das Lebewesen nur der Samen, bloß der weiße Same, und mit dem Blut der Mutter zur rechten Zeit vereinigt - das ist die Geburt des Menschen hier.

Wort für Wort
bīja mātram pitā jantoḥ
der Vater ist für das Lebewesen nur der Samen
śuklaṃ rudhiram eva ca
der weiße (Same) und auch das Blut
saṃyuktam ṛtumat mātrā
vereinigt, mit der (zur rechten Zeit fruchtbaren) Mutter
puruṣasya iha janma tat
das ist hier die Geburt des Menschen

gataḥ sa nṛpatiḥ tatra gantavyam yatra tena vai | pravṛttiḥ eṣā martyānām tvam tu mithyā vihanyase ||

Jener König ist dorthin gegangen, wohin man eben gehen muss; dies ist der Lauf der Sterblichen - du aber quälst dich vergeblich.

Wort für Wort
gataḥ sa nṛpatiḥ tatra
jener König ist dorthin gegangen
gantavyam yatra tena vai
wohin man eben gehen muss
pravṛttiḥ eṣā martyānām
dies ist der Lauf der Sterblichen
tvam tu mithyā vihanyase
du aber quälst dich vergeblich

artha dharma parāḥ ye ye tān tān śocāmi na itarān | te hi duḥkham iha prāpya vināśam pretya bhejire ||

Diejenigen, die dem Nutzen und Dharma ergeben sind, sie beklage ich, nicht die anderen; denn sie erlangen hier Leid und finden nach dem Tod nur Vernichtung.

Wort für Wort
artha dharma parāḥ ye ye
diejenigen, die dem Nutzen und Dharma ergeben sind
tān tān śocāmi na itarān
sie beklage ich, nicht die anderen
te hi duḥkham iha prāpya
denn sie erlangen hier Leid
vināśam pretya bhejire
und finden nach dem Tod Vernichtung

aṣṭakā pitṛ daivatyam iti ayam prasṛtaḥ janaḥ | annasya upadravam paśya mṛtaḥ hi kim aśiṣyati ||

'Aṣṭakā-Opfer den Ahnengöttern' - so ist dieses Volk in dem Glauben verbreitet; sieh die Verschwendung der Speise: was wird denn ein Toter essen?

Wort für Wort
aṣṭakā pitṛ daivatyam iti
'Aṣṭakā-Opfer den Ahnengöttern' - so
ayam prasṛtaḥ janaḥ
ist dieses Volk (im Glauben) verbreitet
annasya upadravam paśya
sieh die Verschwendung der Speise
mṛtaḥ hi kim aśiṣyati
was wird denn ein Toter essen

yadi bhuktam iha anyena deham anyasya gacchati | dadyāt pravasataḥ śrāddham na tat pathi aśanam bhavet ||

Wenn die hier von einem gegessene Speise in den Körper eines anderen gelangen würde, dann möge man dem Reisenden ein Śrāddha-Opfer geben - dann würde es aber nicht die Speise für ihn unterwegs sein.

Wort für Wort
yadi bhuktam iha anyena
wenn die hier von einem gegessene (Speise)
deham anyasya gacchati
in den Körper eines anderen gelangen würde
dadyāt pravasataḥ śrāddham
möge man dem Reisenden ein Śrāddha geben
na tat pathi aśanam bhavet
dann wäre das nicht die Speise unterwegs

dāna saṃvananāḥ hi ete granthāḥ medhāvibhiḥ kṛtāḥ | yajasva dehi dīkṣasva tapaḥ tapyasva saṃtyaja ||

Diese Schriften ('Opfere', 'Gib', 'Lass dich weihen', 'Übe Askese', 'Entsage') wurden von klugen Leuten nur verfasst, um zum Geben zu bewegen.

Wort für Wort
dāna saṃvananāḥ hi ete
diese, um zum Geben zu bewegen
granthāḥ medhāvibhiḥ kṛtāḥ
Schriften, von klugen Leuten verfasst
yajasva dehi dīkṣasva
'opfere', 'gib', 'lass dich weihen'
tapaḥ tapyasva saṃtyaja
'übe Askese', 'entsage'

sa na asti param iti eva kuru buddhim mahā mate | pratyakṣam yat tat ātiṣṭha parokṣam pṛṣṭhataḥ kuru ||

Fasse die Überzeugung, dass es nichts jenseits dieses Lebens gibt, du Hochgesinnter; halte dich an das Sichtbare, stelle das Unsichtbare zurück.

Wort für Wort
sa na asti param iti eva
dass es nichts jenseits gibt
kuru buddhim mahā mate
fasse die Überzeugung, du Hochgesinnter
pratyakṣam yat tat ātiṣṭha
halte dich an das, was sichtbar ist
parokṣam pṛṣṭhataḥ kuru
stelle das Unsichtbare zurück

satām buddhim puraḥ kṛtya sarva loka nidarśinīm | rājyam tvam pratigṛhṇīṣva bharatena prasāditaḥ ||

Die Einsicht der Rechtschaffenen voranstellend, die für alle Welt beispielhaft ist, nimm das Königreich an, von Bharata darum gebeten.

Wort für Wort
satām buddhim puraḥ kṛtya
die Einsicht der Rechtschaffenen voranstellend
sarva loka nidarśinīm
die für alle Welt beispielhaft ist
rājyam tvam pratigṛhṇīṣva
nimm das Königreich an
bharatena prasāditaḥ
von Bharata darum gebeten

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