Sarga 61: Kausalyā Vilāpaḥ Dvitīyaḥ Rājña Duḥkha Smaraṇam
Kausalyā klagt bitter über Rāmas Verbannung und die Ungerechtigkeit der Thronvergabe an Bharata, und der von ihren harten Worten getroffene König versinkt erneut in Kummer und erinnert sich an seine üble Tat
Als Rāma, der höchst Rechtschaffene, der Beste derer, die Freude bereiten, in den Wald gegangen war, sprach Kausalyā, weinend, von eigenem Leid erfüllt, zu ihrem Gatten diese Worte:
Wort für Wort
vanaṃ gate dharmapare
als der höchst Rechtschaffene in den Wald gegangen war
kathaṃ naravaraśreṣṭha putrau tau saha sītayā | duḥkhitau sukhasaṃvṛddhau vane duḥkham sahiṣyataḥ ||
'Wie, o Bester unter den Männern, werden diese beiden Söhne, zusammen mit Sītā, die im Glück aufgewachsen sind, nun bekümmert das Leid im Wald ertragen?'
'Sie, die Untadelige, die den lieblichen Klang von Gesang und Instrumenten gehört hat - wie wird sie nun den unheilvollen Laut fleischfressender Löwen hören?'
yadi pañcadaśe varṣe rāghavaḥ punar eṣyati | jahyād rājyaṃ ca kośaṃ ca bharato nopalapsyate ||
'Wenn der Sohn des Raghu im fünfzehnten Jahr wiederkehrt, wird er das Reich und den Schatz [zurückfordern] - Bharata wird sie nicht dauerhaft erlangen.'
bhojayanti kila śrāddhe kecit svān eva bāndhavān | tataḥ paścāt samīkṣante kṛtakāryā dvijarṣabhān ||
'Bei der Totenspeisung, so heißt es, bewirten manche zunächst ihre eigenen Verwandten und blicken erst danach, nach getaner Pflicht, nach den vortrefflichen Brahmanen.'
Wort für Wort
bhojayanti kila śrāddhe
bei der Totenspeisung, so heißt es, bewirten sie
kecit svān eva bāndhavān
manche zunächst ihre eigenen Verwandten
tataḥ paścāt samīkṣante
erst danach blicken sie
kṛtakāryā dvijarṣabhān
nach getaner Pflicht nach den vortrefflichen Brahmanen
tatra ye guṇavantaś ca vidvāṃsaś ca dvijātayaḥ | na paścāt te 'bhimanyante sudhām api surūpamāḥ ||
'Jene tugendhaften und gelehrten Brahmanen aber schätzen es nicht, hinterher [bedient zu werden], selbst wenn es Götterspeise wäre, den Göttern gleich.'
Wort für Wort
tatra ye guṇavantaś ca
dort jene aber, die tugendhaft
vidvāṃsaś ca dvijātayaḥ
und gelehrt sind, die Brahmanen
na paścāt te 'bhimanyante
schätzen es nicht, hinterher [bedient zu werden]
sudhām api surūpamāḥ
selbst wenn es Götterspeise wäre, den Göttern gleich
'Selbst wenn andere Brahmanen zuvor schon gesättigt sind, mögen die vortrefflichen, weisen Brahmanen es nicht ertragen, danach zu essen - wie Stiere das Abschneiden ihrer Hörner nicht ertragen.'
evaṃ kanīyasā bhrātrā bhuktaṃ rājyaṃ viśāṃ pate | bhrātā jyeṣṭho variṣṭhaś ca kim arthaṃ nāvamaṃsyate ||
'Ebenso, o Herr der Untertanen: wenn das Reich vom jüngeren Bruder genossen wird, warum sollte der ältere, würdigere Bruder es nicht als Kränkung empfinden?'
na pareṇāhṛtaṃ bhakṣyaṃ vyāghraḥ khāditum icchati | evam eva naravyāghraḥ paralīḍhaṃ na maṃsyate ||
'Ein Tiger will keine von einem anderen herbeigebrachte Speise fressen; ebenso wird der Tiger unter den Männern nicht wollen, was von einem anderen schon geleckt wurde.'
'Opferspende, geklärte Butter, Opferkuchen, Kuśa-Gras und Opferpfähle aus Khadira-Holz - diese verwendet man, wenn sie einmal verbraucht sind, nicht noch einmal für ein Opfer.'
'Ebenso wird Rāma dieses Reich, das schon einmal ergriffen wurde, wie einen entkräfteten Trank, nicht mehr würdigen wollen - wie ein Opfer, dem der Soma-Saft ausgegangen ist.'
'Alle Welten zusammen könnten ihm keine Furcht in einer großen Schlacht einflößen; doch der dem Recht Ergebene würde in dieser Unrechtssache die Welt eher dem Recht zuführen.'
Wort für Wort
naitasya sahitā lokā
ihm könnten alle Welten zusammen nicht
bhayaṃ kuryur mahāmṛdhe
Furcht einflößen in großer Schlacht
adharmaṃ tv iha dharmātmā
doch der dem Recht Ergebene, in dieser Unrechtssache
'Fürwahr, er, von großer Kraft und starken Armen, könnte mit goldenen Pfeilen selbst die Ozeane verbrennen, wie beim Weltenende die Wesen verbrannt werden.'
sa tādṛśaḥ siṃhabalo vṛṣabhākṣo nararṣabhaḥ | svayam eva hataḥ pitrā jalajena ātmajo yathā ||
'Er, von solcher Löwenkraft, mit Augen wie ein Stier, der Stier unter den Männern, wurde nun von seinem eigenen Vater zugrunde gerichtet, so wie einst der Sohn durch den vom Wasser geleiteten Pfeil getötet wurde.'
Wort für Wort
sa tādṛśaḥ siṃhabalaḥ
er, von solcher Löwenkraft
vṛṣabhākṣo nararṣabhaḥ
mit Augen wie ein Stier, der Stier unter den Männern
svayam eva hataḥ pitrā
wurde von seinem eigenen Vater vernichtet
jalajena ātmajo yathā
wie einst ein Sohn durch den vom Wasser [geleiteten Pfeil getötet wurde]
'...so bedenke: die Zuflucht einer Frau ist zuerst der Gatte, die zweite Zuflucht ist der Sohn, die dritte die Verwandten - eine vierte gibt es nicht, o König.'
tatra tvaṃ caiva me nāsti rāmaś ca vanam āśritaḥ | na vanaṃ gantum icchāmi sarvathā hi hatā tvayā ||
'Von diesen habe ich dich nicht mehr, und Rāma hat sich in den Wald geflüchtet; in den Wald zu gehen begehre ich nicht - denn auf jede Weise bin ich von dir zugrunde gerichtet worden.'
Wort für Wort
tatra tvaṃ caiva me nāsti
von diesen habe ich dich nicht mehr
rāmaś ca vanam āśritaḥ
und Rāma hat sich in den Wald geflüchtet
na vanaṃ gantum icchāmi
in den Wald zu gehen begehre ich nicht
sarvathā hi hatā tvayā
denn auf jede Weise bin ich von dir zugrunde gerichtet
hataṃ tvayā rājyam idaṃ sarāṣṭraṃ | hatas tathātmā saha mantribhiś ca | hatā saputrāsmi hatāś ca paurāḥ | sutaś ca bhāryā ca tava prahṛṣṭau ||
'Zerstört ist von dir dieses Reich samt seinen Ländern, zerstört bist du selbst samt deinen Ministern; zerstört bin ich mit meinem Sohn, zerstört sind die Bürger - nur dein Sohn und dessen Mutter sind hocherfreut.'
Wort für Wort
hataṃ tvayā rājyam idaṃ sarāṣṭram
zerstört ist von dir dieses Reich samt seinen Ländern
hatas tathātmā saha mantribhiś ca
zerstört bist du selbst samt deinen Ministern
hatā saputrāsmi hatāś ca paurāḥ
zerstört bin ich mit meinem Sohn, zerstört die Bürger
Als der König diese Rede voll grausamer Worte vernahm, verlor auch er, von Schmerz überwältigt, die Besinnung; dann versank der Herrscher in Kummer und erinnerte sich abermals an seine eigene üble Tat.
Wort für Wort
imāṃ giraṃ dāruṇaśabdasaṃśritām
diese Rede voll grausamer Worte
niśamya rājāpi mumoha duḥkhitaḥ
vernehmend verlor auch der König, von Schmerz überwältigt, die Besinnung
tataḥ sa śokaṃ praviveśa pārthivaḥ
dann versank der Herrscher in Kummer
svaduṣkṛtaṃ cāpi punas tadāsmarat
und erinnerte sich abermals an seine eigene üble Tat