Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Ayodhyākāṇḍa

Sarga 43: Kausalyā Vilāpaḥ Pūrva Karma Smaraṇam Kausalyā klagt zu Daśaratha über den Verlust Rāmas, malt sich seine ferne Rückkehr aus und erinnert sich an eine frühere schuldhafte Tat, die dieses Leid nun als Karma über sie gebracht haben mag

tataḥ samīkṣya śayane sannaṃ śokena pārthivam | kausalyā putraśokārtā tam uvāca mahīpatim ||

Da, den auf dem Lager vor Kummer erschöpften König erblickend, sprach die von Sohnesleid gequälte Kausalyā zu dem Herrn der Erde:

Wort für Wort
tataḥ samīkṣya śayane sannam
da, den auf dem Lager erschöpften erblickend
śokena pārthivam
den König, vor Kummer
kausalyā putraśokārtā
die von Sohnesleid gequälte Kausalyā
tam uvāca mahīpatim
sprach zu dem Herrn der Erde

rāghavo naraśārdūla viṣam uptvā dvijihvavat | vicariṣyati kaikeyī nirmuktā iva hi pannagī ||

Da nun Rāghava fortgezogen ist, o Tiger unter den Männern, wird Kaikeyī, die gleich einer zweizüngigen Schlange Gift versprüht hat, frei umherwandeln wie eine von ihrer Fessel befreite Schlange.

Wort für Wort
rāghavaḥ naraśārdūla
o Tiger unter den Männern, Rāghava (ist fort)
viṣam uptvā dvijihvavat
nachdem sie wie eine zweizüngige Schlange Gift versprüht hat
vicariṣyati kaikeyī
wird Kaikeyī umherwandeln
nirmuktā iva hi pannagī
wie eine befreite Schlange

vivāsya rāmaṃ subhagā labdhakāmā samāhitā | trāsayiṣyati māṃ bhūyo duṣṭāhir iva veśmani ||

Nachdem sie Rāma verbannt hat, wird die Schöne, ihr Ziel erreicht und gefasst, mich im Hause weiterhin ängstigen, wie eine böse Schlange.

Wort für Wort
vivāsya rāmam subhagā
die Schöne, nachdem sie Rāma verbannt hat
labdhakāmā samāhitā
ihr Ziel erreicht, gefasst
trāsayiṣyati mām bhūyaḥ
wird mich weiterhin ängstigen
duṣṭāhiḥ iva veśmani
wie eine böse Schlange im Haus

atha sma nagare rāmaś caran bhaikṣaṃ gṛhe vaset | kāmakāro varaṃ dātum api dāsam mamātmajam ||

Besser wäre es gewesen, hätte mein Sohn, dem es freistand, jene Gabe zu gewähren, bettelnd in der Stadt von Haus zu Haus gezogen wäre, ja selbst als ihr Sklave gelebt hätte.

Wort für Wort
atha sma nagare rāmaḥ
besser hätte Rāma in der Stadt
caran bhaikṣam gṛhe vaset
umherziehend um Almosen bittend gewohnt
kāmakāraḥ varam dātum
der es freistand, die Gabe zu gewähren
api dāsam mama ātmajam
selbst als Sklave, mein Sohn

pātayitvā tu kaikeyyā rāmaṃ sthānād yatheṣṭataḥ | pradiṣṭo rakṣasāṃ bhāgaḥ parvaṇīvāhitāgninā ||

Nachdem Kaikeyī Rāma nach Belieben aus seinem Rang gestürzt hat, ist er wie ein den Rakṣasas zugewiesener Opferanteil, den ein Feueropferer an einem Festtag darbringt.

Wort für Wort
pātayitvā tu kaikeyyā
nachdem Kaikeyī gestürzt hat
rāmam sthānāt yatheṣṭataḥ
Rāma aus seinem Rang, nach Belieben
pradiṣṭaḥ rakṣasām bhāgaḥ
wie ein den Rakṣasas zugewiesener Anteil
parvaṇi iva āhitāgninā
wie von einem Feueropferer an einem Festtag dargebracht

gajarājagatir vīro mahābāhur dhanurdharaḥ | vanam āviśate nūnaṃ sabhāryaḥ saha lakṣmaṇaḥ ||

Der Held mit dem Gang eines Elefantenfürsten, der Langarmige, der Bogenträger, betritt nun gewiss mit seiner Gattin und mit Lakṣmaṇa den Wald.

Wort für Wort
gajarājagatiḥ vīraḥ
der Held mit dem Gang eines Elefantenfürsten
mahābāhuḥ dhanurdharaḥ
der Langarmige, der Bogenträger
vanam āviśate nūnam
betritt nun gewiss den Wald
sabhāryaḥ saha lakṣmaṇaḥ
mit seiner Gattin und mit Lakṣmaṇa

vane tv adṛṣṭaduḥkhānāṃ kaikeyyānumate tvayā | tyaktānāṃ vanavāsāya kā nv avasthā bhaviṣyati ||

Welches Los wird wohl jenen bevorstehen, die, des Leids im Wald unkundig, mit deiner und Kaikeyīs Zustimmung zum Waldleben verstoßen wurden?

Wort für Wort
vane tu adṛṣṭaduḥkhānām
denen, die das Leid im Wald nicht kennen
kaikeyyā anumate tvayā
mit Kaikeyīs und deiner Zustimmung
tyaktānām vanavāsāya
die zum Waldleben verstoßen wurden
kā nu avasthā bhaviṣyati
welches Los wird ihnen wohl zuteil werden

te ratnahīnās taruṇāḥ phalakāle vivāsitāḥ | kathaṃ vatsyanti kṛpaṇāḥ phalamūlaiḥ kṛtāśanāḥ ||

Wie werden sie, der Kostbarkeiten beraubt, in der Blüte ihrer Jahre verbannt, elend leben, von Früchten und Wurzeln sich nährend?

Wort für Wort
te ratnahīnāḥ taruṇāḥ
sie, der Kostbarkeiten beraubt, jung an Jahren
phalakāle vivāsitāḥ
in der Blütezeit verbannt
katham vatsyanti kṛpaṇāḥ
wie werden sie elend leben
phalamūlaiḥ kṛtāśanāḥ
von Früchten und Wurzeln sich nährend

api idānīṃ sa kālaḥ syān mama śokakṣayaḥ śivaḥ | sabhāryaṃ yat saha bhrātrā paśyeyam iha rāghavam ||

Möge doch bald jene heilvolle Zeit kommen, die meinem Kummer ein Ende setzt, da ich Rāghava hier wieder sehe, mit seiner Gattin und mit seinem Bruder.

Wort für Wort
api idānīm sa kālaḥ syāt
möge doch bald jene Zeit sein
mama śokakṣayaḥ śivaḥ
die heilvolle, die meinen Kummer beendet
sabhāryam yat saha bhrātrā
mit seiner Gattin und mit dem Bruder
paśyeyam iha rāghavam
da ich Rāghava hier sähe

śrutvaivopasthitau vīrau kadāyodhyā bhaviṣyati | yaśasvinī hṛṣṭajanā sūcchritadhvajamālinī ||

Wann wird Ayodhyā, sobald sie nur von der Rückkehr der beiden Helden hört, wieder ruhmvoll sein, mit frohem Volk, geschmückt mit hochaufragenden Fahnenreihen?

Wort für Wort
śrutvā eva upasthitau vīrau
sobald sie nur von der Ankunft der beiden Helden gehört hat
kadā ayodhyā bhaviṣyati
wann wird Ayodhyā sein
yaśasvinī hṛṣṭajanā
ruhmvoll, mit frohem Volk
sūcchritadhvajamālinī
mit hochaufragenden Fahnenreihen geschmückt

kadā prekṣya naravyāghrāv araṇyāt punar āgatau | nandiṣyati purī hṛṣṭā samudreva parvaṇi ||

Wann wird die Stadt, wenn sie die beiden Tiger unter den Männern aus dem Wald zurückgekehrt erblickt, sich freuen, froh, wie das Meer an einem Festtag?

Wort für Wort
kadā prekṣya naravyāghrau
wann, wenn sie die beiden Tiger unter den Männern erblickt
araṇyāt punar āgatau
aus dem Wald wieder zurückgekehrt
nandiṣyati purī hṛṣṭā
wird sich die Stadt froh freuen
samudra iva parvaṇi
wie das Meer an einem Festtag

kadāyodhyāṃ mahābāhuḥ purīṃ vīraḥ pravekṣyati | puraḥkṛtya rathe sītāṃ vṛṣabho govadhūm iva ||

Wann wird der langarmige Held Ayodhyā, die Stadt, betreten, Sītā vor sich im Wagen, wie ein Stier seine Kuh?

Wort für Wort
kadā ayodhyām mahābāhuḥ
wann wird der Langarmige Ayodhyā
purīm vīraḥ pravekṣyati
die Stadt betreten, der Held
puraḥkṛtya rathe sītām
Sītā im Wagen vor sich stellend
vṛṣabhaḥ govadhūm iva
wie ein Stier seine Kuh

kadā prāṇisahasrāṇi rājamārge mamātmajau | lājair avakariṣyanti praviśantāv arindamau ||

Wann werden tausend Lebewesen auf der Königsstraße meine beiden Söhne, die Feindebezwinger, bei ihrem Einzug mit geröstetem Korn bestreuen?

Wort für Wort
kadā prāṇisahasrāṇi
wann werden tausend Lebewesen
rājamārge mama ātmajau
auf der Königsstraße meine beiden Söhne
lājaiḥ avakariṣyanti
mit geröstetem Korn bestreuen
praviśantau arindamau
die einziehenden Feindebezwinger

praviśantau kadāyodhyāṃ drakṣyāmi śubhakuṇḍalau | udagrāyudhanistriṃśau saśṛṅgāv iva parvatau ||

Wann werde ich die beiden mit schönen Ohrringen Geschmückten sehen, wie sie Ayodhyā betreten, mit erhobenen Waffen und Schwertern, wie zwei Berge mit ihren Gipfeln?

Wort für Wort
praviśantau kadā ayodhyām
wann, wie sie Ayodhyā betreten
drakṣyāmi śubhakuṇḍalau
werde ich sehen, mit schönen Ohrringen
udagrāyudhanistriṃśau
mit erhobenen Waffen und Schwertern
saśṛṅgau iva parvatau
wie zwei Berge mit ihren Gipfeln

kadā sumanasaḥ kanyā dvijātīnāṃ phalāni ca | pradiśantyaḥ purīṃ hṛṣṭāḥ kariṣyanti pradakṣiṇam ||

Wann werden Mädchen, Blumen und Früchte der Zweifachgeborenen darreichend, freudig die Stadt im Umschreitungsgang umkreisen?

Wort für Wort
kadā sumanasaḥ kanyāḥ
wann werden Mädchen Blumen
dvijātīnām phalāni ca
und Früchte der Zweifachgeborenen
pradiśantyaḥ purīm hṛṣṭāḥ
darreichend, freudig die Stadt
kariṣyanti pradakṣiṇam
im Umschreitungsgang umkreisen

kadā pariṇato buddhyā vayasā cāmaraprabhaḥ | abhyupaiṣyati dharmajñas trivarṣa iva māṃ lasan ||

Wann wird der an Weisheit und Jahren gereifte, göttergleich strahlende, rechtskundige Sohn zu mir kommen, strahlend wie ein Dreijähriger?

Wort für Wort
kadā pariṇataḥ buddhyā
wann der an Weisheit gereifte
vayasā ca amaraprabhaḥ
und an Jahren, göttergleich strahlend
abhyupaiṣyati dharmajñaḥ
wird der Rechtskundige herankommen
trivarṣaḥ iva mām lasan
zu mir strahlend wie ein Dreijähriger

niḥsaṃśayaṃ mayā manye purā vīra kadaryayā | pātukāmeṣu vatseṣu mātṛṇāṃ śātitāḥ stanāḥ ||

Ohne Zweifel, glaube ich, Held, wurden einst von mir, der Geizigen, den nach Milch verlangenden Kälbern die Euter der Mutterkühe verweigert.

Wort für Wort
niḥsaṃśayam mayā manye
ohne Zweifel, glaube ich, von mir
purā vīra kadaryayā
einst, Held, von der Geizigen
pātukāmeṣu vatseṣu
den trinken wollenden Kälbern
mātṛṇām śātitāḥ stanāḥ
wurden die Euter der Mutterkühe verwehrt

sā ahaṃ gaur iva siṃhena vivatsā vatsalā kṛtā | kaikeyyā puruṣavyāghra bālavatsā iva gaur balāt ||

So bin ich nun, gleich einer liebevollen Kuh, die von einem Löwen ihres Kalbes beraubt wurde, durch Kaikeyī, o Tiger unter den Männern, ihres jungen Kalbes gewaltsam beraubt worden, wie eine Kuh.

Wort für Wort
sā aham gauḥ iva siṃhena
ich, wie eine Kuh von einem Löwen
vivatsā vatsalā kṛtā
des Kalbes beraubt, die liebevolle
kaikeyyā puruṣavyāghra
durch Kaikeyī, o Tiger unter den Männern
bālavatsā iva gauḥ balāt
wie eine Kuh ihres jungen Kalbes gewaltsam beraubt

na hi tāvad guṇair juṣṭaṃ sarvaśāstraviśāradam | ekaputrā vinā putram ahaṃ jīvitum utsahe ||

Ich, die nur diesen einen, mit Tugenden begabten, in allen Wissenschaften bewanderten Sohn hat, vermag ohne diesen Sohn nicht zu leben.

Wort für Wort
na hi tāvat guṇaiḥ juṣṭam
diesen mit Tugenden begabten
sarvaśāstraviśāradam
in allen Wissenschaften bewanderten
ekaputrā vinā putram
ich, die nur einen Sohn hat, ohne diesen Sohn
aham jīvitum utsahe
vermag ich nicht zu leben

na hi me jīvite kiṃcit sāmarthyam iha kalpyate | apaśyantyāḥ priyaṃ putraṃ mahābāhuṃ mahābalam ||

Denn für mein Leben ist hier keinerlei Sinn mehr zu finden, wenn ich meinen geliebten, langarmigen, gewaltigen Sohn nicht mehr sehe.

Wort für Wort
na hi me jīvite kiñcit
denn für mein Leben ist nichts
sāmarthyam iha kalpyate
an Sinn hier zu finden
apaśyantyāḥ priyam putram
für mich, die den geliebten Sohn nicht sieht
mahābāhum mahābalam
den langarmigen, gewaltigen

ayaṃ hi māṃ dīpayate samutthitas tanūjaśokaprabhavo hutāśanaḥ | mahīm imāṃ raśmibhir uttamaprabho yathā nidāghe bhagavān divākaraḥ ||

Denn dieses aus Sohnesleid entstandene, aufsteigende Feuer verbrennt mich, so wie der erhabene Sonnengott mit seinen Strahlen im Hochsommer diese Erde versengt.

Wort für Wort
ayam hi mām dīpayate samutthitaḥ
dieses aufsteigende Feuer verbrennt mich
tanūjaśokaprabhavaḥ hutāśanaḥ
das aus Sohnesleid entstandene Feuer
mahīm imām raśmibhiḥ uttamaprabhaḥ
wie der Hocherhabene diese Erde mit seinen Strahlen
yathā nidāghe bhagavān divākaraḥ
so wie im Hochsommer der erhabene Sonnengott

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