Sarga 23: Lakṣmaṇa Kruddha Vākyam
Der zornige Lakṣmaṇa will mit Waffengewalt gegen jeden vorgehen, der Rāmas Weihe verhindert, doch Rāma besänftigt ihn und weist ihm den rechten Weg
agrahaḥ tam vidhunvan tu hastī hastam iva ātmanaḥ | tiryag ūrdhvam śarīre ca pātayitvā śiraḥ dharām ||
Wie ein Elefant, den man nicht zu fassen bekommt, seinen eigenen Rüssel schwingend, ließ er den Körper schräg und aufgerichtet bewegen und senkte das Haupt zur Erde.
Wie könnte, ohne allzu große Bedenken hinsichtlich eines Fehlers gegen den Dharma vor der Welt zu haben, jemand deinesgleichen, ohne selbst in Verwirrung zu geraten, dies aussprechen?
pāpayos tu katham nāma tayoḥ śaṅkā na vidyate | santi dharma-upadhāḥ ślakṣṇā dharmātman kim na budhyase ||
Wie kommt es, dass gegenüber diesen beiden Bösen gar kein Verdacht besteht? Es gibt glatte Vorwände des Dharma – warum, du Dharma-Gesinnter, erkennst du das nicht?
tayoḥ sucaritam svārtham śāṭhyāt parijihīrṣatoḥ | yadi naivam vyavasitam syād dhi prāg eva rāghava | tayoḥ prāg eva dattaḥ ca syād varaḥ prakṛtaḥ ca saḥ ||
Ihre scheinbar edle, in Wahrheit dem eigenen Vorteil dienende Tat, mit der sie beide aus Arglist etwas erschleichen wollten – wäre dies nicht schon vorher so beschlossen gewesen, o Rāghava, so wäre jene Gunst ihr nicht schon im Voraus gewährt und vorbereitet worden.
Wort für Wort
tayoḥ sucaritam svārtham śāṭhyāt parijihīrṣatoḥ
ihre scheinbar edle, dem Eigennutz dienende Tat der beiden, die aus Arglist erschleichen wollten
yadi naivam vyavasitam syād dhi prāg eva rāghava
wenn dies nicht schon vorher so beschlossen gewesen wäre, o Rāghava
tayoḥ prāg eva dattaḥ ca syād varaḥ prakṛtaḥ ca saḥ
wäre jene Gunst ihr nicht schon im Voraus gewährt und vorbereitet worden
yady api pratipattis te daivī ca api tayoḥ matam | tathā api upekṣaṇīyam te na me tat api rocate ||
Auch wenn du der Ansicht bist, dies sei vom Schicksal bestimmt und deren Absicht nur Ausdruck des Verhängnisses, so gefällt mir doch nicht, dass du dies auf sich beruhen lässt.
manasā api katham kāmam kuryāḥ tvam kāma-vṛttayoḥ | tayos tv ahitayor nityam śatrvoḥ pitṛ-abhidhānayoḥ ||
Wie könntest du auch nur in Gedanken dem Wunsch der beiden willfahren, die, obwohl unter dem Namen von Vater und Mutter, in Wahrheit stets deine feindseligen, von Begierde geleiteten Widersacher sind?
Wort für Wort
manasā api katham kāmam kuryāḥ tvam
wie könntest du auch nur in Gedanken dem Wunsch willfahren
Wer fähig ist, das Schicksal durch menschliches Handeln zu überwinden, jener Mensch verzweifelt nicht, auch wenn sein Vorhaben durch Schicksal misslingt.
Wort für Wort
daivam puruṣa-kāreṇa
das Schicksal durch menschliches Handeln
yaḥ samarthaḥ prabādhitum
wer fähig ist, zu überwinden
na daivena vipanna-arthaḥ puruṣaḥ
jener Mensch, dessen Vorhaben durch das Schicksal misslungen ist, nicht
drakṣyanti tu adya daivasya pauruṣam puruṣasya ca | daiva-mānuṣayoḥ adya vyaktā vyaktir bhaviṣyati ||
Heute werden sie das Schicksal und die Tatkraft des Menschen sehen; heute wird der offenkundige Unterschied zwischen Schicksal und Menschenwerk offenbar werden.
adya mat-pauruṣa-hatam daivam drakṣyanti vai janāḥ | yad daivāt āhatam te adya dṛṣṭam rājya-abhiṣecanam ||
Heute werden die Menschen sehen, wie das Schicksal durch meine Tatkraft überwunden wird; was heute durch das Schicksal an deiner Königsweihe zunichtegemacht wurde, wird man gesehen haben.
Wort für Wort
adya mat-pauruṣa-hatam daivam
heute das durch meine Tatkraft überwundene Schicksal
drakṣyanti vai janāḥ
werden die Menschen wahrlich sehen
yad daivāt āhatam te
was durch das Schicksal an dir zunichtegemacht wurde
Wie einen zügellosen, vom Rausch der Kraft übermütigen Elefanten, der sich dem Stachel widersetzt und davonstürmt, so werde ich das vorwärtsdrängende Schicksal durch meine Tatkraft zurückhalten.
Wort für Wort
atyaṅkuśam iva uddāmam gajam
wie einen zügellosen, dem Stachel widersetzenden Elefanten
loka-pālāḥ samastāḥ te na adya rāma-abhiṣecanam | na ca kṛtsnāḥ trayo lokāḥ vihanyuḥ kim punaḥ pitā ||
Nicht einmal alle Weltenhüter zusammen, nicht einmal die drei Welten insgesamt könnten heute Rāmas Weihe verhindern – wie viel weniger dein Vater allein!
Wort für Wort
loka-pālāḥ samastāḥ te
alle Weltenhüter zusammen
na adya rāma-abhiṣecanam
könnten heute Rāmas Weihe nicht (verhindern)
na ca kṛtsnāḥ trayo lokāḥ vihanyuḥ
und auch nicht die drei Welten insgesamt könnten sie vereiteln
Die beiden, die im Geheimen deine Verbannung in den Wald, o Königssohn, beschlossen haben – sie sollen es sein, die vierzehn Jahre lang im Wald leben müssen!
Dann werde ich die Hoffnung deines Vaters und die ihre zunichtemachen, die darauf gerichtet ist, durch die Vereitelung deiner Weihe ihrem Sohn das Königtum zu verschaffen.
Wort für Wort
aham tadā āśām chetsyāmi
dann werde ich die Hoffnung zunichtemachen
pitus tasyāḥ ca yā tava
deines Vaters und die ihre, die auf dich gerichtet war
Danach, nach Ablauf von tausend Jahren, werden die edlen Söhne, sobald du in den Wald gegangen bist, ununterbrochen die Fürsorge für das Volk übernehmen.
Nach der Sitte der früheren königlichen Seher wird der Waldaufenthalt vorgeschrieben, nachdem man das Volk den Söhnen anvertraut hat, damit sie es wie eigene Söhne beschützen.
sa ced rājani aneka-agre rājya-vibhrama-śaṅkayā | na evam icchasi dharmātman rājyam rāma tvam ātmani ||
Wenn du, o Rāma, aus Sorge vor einer Verwirrung des Königtums bei mehreren Erben an der Spitze das Königtum nicht auf diese Weise für dich selbst willst, o Dharma-Gesinnter,
Wort für Wort
sa ced rājani aneka-agre
wenn dies, bei mehreren an der Spitze des Königtums
na śobha-arthāv imau bāhū na dhanur bhūṣaṇāya me | na asirā bandhana-arthāya na śarāḥ stambha-hetavaḥ ||
Nicht zum Schmuck dienen mir diese beiden Arme, nicht der Bogen zur Zierde, nicht das Schwert zum bloßen Umgürten, nicht die Pfeile, um sie nur aufzustellen.
amitra-damana-artham me sarvam etac catuṣṭayam | na ca aham kāmaye atyartham yaḥ syāt śatrur mataḥ mama ||
All dies, dieses Viergespann, dient mir zur Bezwingung der Feinde; doch ich begehre nicht übermäßig danach, dass es einen gäbe, der als mein Feind gälte.
asinā tīkṣṇa-dhāreṇa vidyuc-calita-varcasā | pragṛhītena vai śatrum vajriṇam vā na kalpaye ||
Mit dem scharf geschliffenen Schwert in der Hand, dessen Glanz wie Blitz aufflammt, erachte ich selbst Indra, den Träger des Donnerkeils, nicht als meinen gefährlichen Feind.
Wort für Wort
asinā tīkṣṇa-dhāreṇa
mit dem scharf geschliffenen Schwert
vidyuc-calita-varcasā
dessen Glanz wie Blitz aufflammt
pragṛhītena vai
das ich wahrlich in der Hand halte
śatrum vajriṇam vā na kalpaye
erachte ich selbst den Träger des Donnerkeils nicht als (gefährlichen) Feind
Wenn ich den Fingerschutz aus Eidechsenleder angelegt habe und Pfeil und Bogen ergriffen habe, wie könnte sich dann noch irgendein Mensch für einen wahren Mann halten, solange ich dastehe?
Wort für Wort
baddha-godhā-aṅguli-trāṇe
nachdem der Fingerschutz aus Eidechsenleder angelegt ist
pragṛhīta-śara-āsane
Pfeil und Bogen ergriffen
katham puruṣa-mānī syāt puruṣāṇām
wie könnte sich einer der Männer für einen wahren Mann halten
bahubhiḥ ca ekam atyasyann ekena ca bahūn janān | viniyokṣyāmy aham bāṇān nṛ-vāji-gaja-marmasu ||
Bald einen Einzelnen mit vielen Pfeilen überschüttend, bald mit einem einzigen Pfeil viele Menschen zugleich, werde ich meine Pfeile in die verwundbaren Stellen von Männern, Rossen und Elefanten senden.
Wort für Wort
bahubhiḥ ca ekam atyasyann
bald einen Einzelnen mit vielen (Pfeilen) überschüttend
ekena ca bahūn janān
bald mit einem einzigen viele Menschen
viniyokṣyāmy aham bāṇān
werde ich meine Pfeile entsenden
nṛ-vāji-gaja-marmasu
in die verwundbaren Stellen von Männern, Rossen und Elefanten
adya candana-sārasya keyūra-mokṣaṇasya ca | vasūnām ca vimokṣasya suhṛdām pālanasya ca ||
Heute wird es an der Zeit sein für das Verschenken von Sandelholzkernen und Armreifen, für das Freigeben von Reichtümern und für die Fürsorge um die Freunde,
denn diesen beiden Armen angemessen wird die Tat sein, die sie, Rāma dienend, vollbringen werden: die Abwehr derer, die das Hindernis deiner Weihe verursacht haben.
Wort für Wort
anurūpāv imau bāhū
diesen beiden angemessenen Armen
rāma-karma kariṣyataḥ
werden die Tat für Rāma vollbringen
abhiṣecana-vighnasya kartṝṇām te
derer, die das Hindernis deiner Weihe verursacht haben
Sag mir nur, wer noch heute von seinem Leben, seinem Ruhm und seinen Freunden getrennt werden soll, wer dir feindlich gesinnt ist! Gebiete mir nur, wie diese Erde in deine Macht gelangen soll – ich bin dein Diener.
Wort für Wort
bravīhi ko.adya eva
sag mir, wer noch heute
mayā viyujyatām
von mir getrennt werden soll
tava asuhṛd-prāṇa-yaśaḥ suhṛj-janaiḥ
wer dir feindlich gesinnt ist, von Leben, Ruhm und Freunden
vimṛjya bāṣpam parisāntvya ca asakṛt | sa lakṣmaṇam rāghava-vaṃśa-vardhanaḥ | uvāca pitrye vacane vyavasthitam | nibodha mām eṣa hi saumya sat-pathaḥ ||
Nachdem er ihm die Tränen abgewischt und ihn wieder und wieder besänftigt hatte, sprach der Mehrer des Rāghava-Geschlechts zu Lakṣmaṇa, der fest im väterlichen Wort verharrte: „Erkenne mich so, o Sanftmütiger – dies ist der rechte Weg.“
Wort für Wort
vimṛjya bāṣpam
nachdem er die Tränen abgewischt hatte
parisāntvya ca asakṛt
und ihn wieder und wieder besänftigt hatte
sa lakṣmaṇam rāghava-vaṃśa-vardhanaḥ
er, der Mehrer des Rāghava-Geschlechts, zu Lakṣmaṇa
uvāca pitrye vacane vyavasthitam
sprach zu dem, der fest im väterlichen Wort verharrte
nibodha mām eṣa hi saumya sat-pathaḥ
erkenne mich so, o Sanftmütiger, dies ist der rechte Weg