Sarga 74: Bharata Kaikeyī Punargarhaṇam Surabhi Vṛttānta Kathanam
Bharata verflucht Kaikeyī als Kindsmörderin und Zerstörerin des Geschlechts, erzählt das Gleichnis von der weinenden Kuh Surabhi um ihre erschöpften Söhne, schwört, Rāma zurückzuholen, und sinkt erschöpft zu Boden
kiṃ nu te 'dūṣayad rājā rāmo vā bhṛśadhārmikaḥ |
yayormṛtyurvivāsaśca tvatkṛte tulyamāgatau ||
Was nur haben dir der König oder der überaus rechtschaffene Rāma zuleide getan, dass Tod und Verbannung, beide zugleich, deinetwegen über sie gekommen sind?
Du hast durch die Vernichtung dieses Geschlechts die Sünde des Kindsmordes auf dich geladen; geh, o Kaikeyī, zur Hölle, nicht aber in dieselbe Welt wie dein Gemahl.
tvatkṛte me pitā vṛttaḥ rāmaśca araṇyamāśritaḥ |
ayaśo jīvaloke ca tvayā ahaṃ pratipāditaḥ ||
Deinetwegen ist mein Vater gestorben, und Rāma hat im Wald Zuflucht genommen; und durch dich bin ich zur Schande in der Welt der Lebenden gemacht worden.
mātṛrūpe mama amitre nṛśaṃse rājyakāmuke |
na te ahamabhibhāṣyo 'smi durvṛtte patighātini ||
O du, die du die Gestalt einer Mutter trägst, doch meine Feindin bist, grausam, nach dem Reich gierend - ich bin nicht mehr dazu bestimmt, mit dir zu sprechen, o Übelhandelnde, Gattenmörderin.
Wort für Wort
mātṛrūpe mama amitre
o du, in Mutterngestalt, doch meine Feindin
nṛśaṃse rājyakāmuke
grausam, nach dem Reich gierend
na te aham abhibhāṣyaḥ asmi
ich bin nicht [mehr] dazu bestimmt, mit dir zu sprechen
kausalyā ca sumitrā ca yāśca anyā mama mātaraḥ |
duḥkhena mahatā āviṣṭāḥ tvāṃ prāpya kuladūṣiṇīm ||
Kausalyā und Sumitrā, und die anderen, die meine Mütter sind, sind von großem Kummer erfasst, da sie dich, die Schänderin des Geschlechts, [unter sich] haben.
Wort für Wort
kausalyā ca sumitrā ca
Kausalyā und Sumitrā
yāḥ ca anyā mama mātaraḥ
und die anderen, die meine Mütter sind
duḥkhena mahatā āviṣṭāḥ
sind von großem Kummer erfasst
tvām prāpya kuladūṣiṇīm
da sie dich, die Schänderin des Geschlechts, [unter sich] haben
Nachdem du Kausalyā, mit der Rechtschaffenheit verbunden, [von ihrem Sohn] getrennt hast, o du von böser Entschlossenheit, welche Welt wirst du nun erlangen, du zur Hölle Gehende?
Wort für Wort
kausalyām dharmasaṃyuktām
Kausalyā, mit der Rechtschaffenheit verbunden
viyuktām pāpaniścaye
getrennt [von ihrem Sohn], o du von böser Entschlossenheit
kṛtvā kam prāpsyase tu adya
nachdem du [dies] getan hast, welche Welt wirst du nun erlangen
Warum, o Grausame, erkennst du nicht die gebotene Zuflucht bei den Verwandten - Rāma, den Ältesten, dem Vater gleich, aus Kausalyās eigenem Leibe entsprossen?
Ein Sohn wird aus Glied um Glied, ja aus dem Herzen selbst geboren; deshalb ist er der Mutter aus [natürlicher] Zuneigung teurer als ein bloßer Verwandter.
Einst, so heißt es, erblickte die rechtschaffene, von den Göttern verehrte [Kuh] Surabhi ihre beiden Söhne auf der Erde, [beim Pflügen] ziehend, ihrer Sinne fast beraubt.
Wort für Wort
anyadā kila dharmajñā
einst, so heißt es, die rechtschaffene
surabhiḥ surasaṃmatā
Surabhi, von den Göttern verehrt
vahamānau dadarśa urvyām
erblickte [ihre beiden] ziehenden [Söhne] auf der Erde
Auch Indra, jenen Fall von Tränen auf seinem eigenen Leib, von heiligem Duft, spürend, hielt sie, als er sie sah, für eine noch größere Surabhi, der Herr der Götter.
Sie, vom Kummer verbrannt, die Ruhmreiche, erblickend, sprach der Träger des Donnerkeils, Indra, der König der Götter, mit gefalteten Händen, bestürzt, dieses Wort:
śāntaṃ pāpaṃ na vaḥ kiṃcit kutaścidamarādhipa |
ahaṃ tu magnau śocāmi svaputrau viṣame sthitau ||
'Fern sei jedes Unheil - nichts droht euch von irgendwoher, o Herr der Unsterblichen; ich aber grämte mich um meine beiden Söhne, die erschöpft in Not stehen.
Sie, durch deren tausend Söhne diese ganze Welt erfüllt ist - sie weinend sehend, erkannte Śakra, dass nichts größer ist als [die Liebe zu den] Söhnen.
ekaputrā ca sādhvī ca vivatsā iyaṃ tvayā kṛtā |
tasmāttvaṃ satataṃ duḥkhaṃ pretya ca iha ca lapsyase ||
Sie, mit nur einem Sohn, die Tugendhafte, ist von dir ihres Kalbes beraubt worden; deshalb wirst du stets Kummer erlangen, sowohl im Jenseits als auch hier.
ahaṃ hi apacitiṃ bhrātuḥ pituśca sakalāmimām |
vardhanaṃ yaśasaśca api kariṣyāmi na saṃśayaḥ ||
Ich werde diesem [meinem] Bruder und dem Vater diese vollständige Ehrerbietung erweisen, und ich werde auch [seinen] Ruhm mehren, daran ist kein Zweifel.
Denn ich vermag es nicht, o Böse von böser Entschlossenheit, das von dir verübte Unrecht zu ertragen, von den Bürgern mit tränenerstickter Kehle betrachtet.
Wort für Wort
na hi aham pāpasaṃkalpe pāpe
denn ich vermag nicht, o Böse von böser Entschlossenheit
pāpam tvayā kṛtam
das von dir verübte Unrecht
śaktaḥ dhārayitum
zu ertragen
pauraiḥ aśrukaṇṭhaiḥ nirīkṣitaḥ
von den Bürgern mit tränenerstickter Kehle betrachtet
Mit geröteten Augen, gelöstem Gewand, all seines Schmuckes entblößt, lag jener Feindebezwinger, der Königssohn, am Boden, gleich dem Banner Indras nach Ende eines Festes.
Wort für Wort
saṃraktanetraḥ śithilāmbaraḥ tadā
mit geröteten Augen, gelöstem Gewand, da
vidhūtasarvābharaṇaḥ paraṃtapaḥ
all seines Schmuckes entblößt, der Feindebezwinger