Rāmāyaṇa · Ayodhyākāṇḍa
Sarga 86: Guha Bharatāya Lakṣmaṇa Vṛttānta Kathanam
Guha berichtet Bharata von Lakṣmaṇas nächtlicher Wache und dessen Klage; am Morgen lässt er Rāma und Lakṣmaṇa mit Jaṭā-Locken schmücken und über die Gaṅgā übersetzen
ācacakṣe atha sadbhāvam lakṣmaṇasya mahātmanaḥ | bharatāya aprameyāya guhaḥ gahana-gocaraḥ ||
Da schilderte Guha, kundig der Wildnis, dem unermesslichen Bharata das wahre Wesen des hochgesinnten Lakṣmaṇa.
Wort für Wort ācacakṣe atha sadbhāvam da schilderte er das wahre Wesen lakṣmaṇasya mahātmanaḥ des hochgesinnten Lakṣmaṇa bharatāya aprameyāya dem unermesslichen Bharata guhaḥ gahana-gocaraḥ Guha, kundig der Wildnis tam jāgratam guṇaiḥ yuktam vara-cāpa-iṣu-dhāriṇam | bhrātṛ-gupti-artham atyantam aham lakṣmaṇam abravam ||
'Zu ihm, der wachend, mit trefflichen Eigenschaften begabt, Bogen und Pfeile trug, gänzlich um seines Bruders Schutz willen, sprach ich, Lakṣmaṇa, so:
Wort für Wort tam jāgratam guṇaiḥ yuktam zu ihm, der wachend, mit Eigenschaften begabt vara-cāpa-iṣu-dhāriṇam der trefflichen Bogen und Pfeile trug bhrātṛ-gupti-artham atyantam gänzlich um seines Bruders Schutz willen aham lakṣmaṇam abravam sprach ich zu Lakṣmaṇa iyam tāta sukha-śayyā tvad-artham upakalpitā | pratyāśvasihi śeṣva asyām sukham rāghava-nandana ||
'Mein Sohn, dieses bequeme Lager wurde für dich bereitet; ruhe dich aus, lege dich glücklich darauf, o Freude der Rāghavas.'
Wort für Wort iyam tāta sukha-śayyā dieses bequeme Lager, mein Sohn tvad-artham upakalpitā für dich bereitet pratyāśvasihi śeṣva asyām sukham ruhe dich aus, lege dich glücklich darauf rāghava-nandana o Freude der Rāghavas ucitaḥ ayam janaḥ sarve duḥkhānām tvam sukha-ucitaḥ | dharma-ātman tasya gupti-artham jāgariṣyāmahe vayam ||
'All diese Leute sind an Mühsal gewöhnt, du aber, o Rechtschaffener, bist an Wohlleben gewöhnt; wir werden zu seinem Schutz wachen.'
Wort für Wort ucitaḥ ayam janaḥ sarve duḥkhānām all diese Leute sind an Mühsal gewöhnt tvam sukha-ucitaḥ dharma-ātman du aber bist an Wohlleben gewöhnt, o Rechtschaffener tasya gupti-artham zu seinem Schutz jāgariṣyāmahe vayam werden wir wachen na hi rāmāt priyataraḥ mama asti bhuvi kaścana | mā utsukaḥ bhūḥ bravīmi etat api asatyam tava agrataḥ ||
'Es gibt für mich niemanden auf Erden, der mir lieber wäre als Rāma; sei unbesorgt — ich sage dies, auch wenn es dir vor Augen kaum glaubhaft erscheinen mag.
Wort für Wort na hi rāmāt priyataraḥ es gibt keinen, der lieber wäre als Rāma mama asti bhuvi kaścana mir auf Erden mā utsukaḥ bhūḥ sei unbesorgt bravīmi etat api asatyam tava agrataḥ ich sage dies, auch wenn es dir kaum glaubhaft erscheint asya prasādāt āśaṃse loke asmin su-mahat yaśaḥ | dharma-avāptim ca vipulām artha-avāptim ca kevalām ||
'Durch seine Gnade erhoffe ich mir in dieser Welt überaus großen Ruhm, das Erlangen reichlicher Rechtschaffenheit und das Erlangen vollkommenen Gedeihens.
Wort für Wort asya prasādāt āśaṃse durch seine Gnade erhoffe ich loke asmin su-mahat yaśaḥ in dieser Welt überaus großen Ruhm dharma-avāptim ca vipulām und das Erlangen reichlicher Rechtschaffenheit artha-avāptim ca kevalām und das Erlangen vollkommenen Gedeihens saḥ aham priya-sakham rāmam śayānam saha sītayā | rakṣiṣyāmi dhanuḥ-pāṇiḥ sarvaiḥ svaiḥ jñātibhiḥ saha ||
So werde ich meinen lieben Freund Rāma, der mit Sītā schläft, bewachen, den Bogen in der Hand, mitsamt all meinen eigenen Verwandten.'
Wort für Wort saḥ aham priya-sakham rāmam so werde ich meinen lieben Freund Rāma śayānam saha sītayā der mit Sītā schläft rakṣiṣyāmi dhanuḥ-pāṇiḥ bewachen, den Bogen in der Hand sarvaiḥ svaiḥ jñātibhiḥ saha mitsamt all meinen eigenen Verwandten na hi me aviditam kiñcit vane asmin caratah sadā | catur-aṅgam hi api balam prasahema vayam yudhi ||
'Denn nichts ist mir unbekannt, der ich stets in diesem Wald umherstreife; selbst ein viergliedriges Heer könnten wir im Kampf bezwingen.'
Wort für Wort na hi me aviditam kiñcit denn nichts ist mir unbekannt vane asmin caratah sadā der ich stets in diesem Wald umherstreife catur-aṅgam hi api balam selbst ein viergliedriges Heer prasahema vayam yudhi könnten wir im Kampf bezwingen evam asmābhiḥ uktena lakṣmaṇena mahātmanā | anunītāḥ vayam sarve dharmam eva anupaśyatā ||
So wurden wir alle von dem so zu uns sprechenden, hochgesinnten Lakṣmaṇa, der stets nur auf das Recht blickte, besänftigt.
Wort für Wort evam asmābhiḥ uktena so, von ihm zu uns sprechend lakṣmaṇena mahātmanā von dem hochgesinnten Lakṣmaṇa anunītāḥ vayam sarve wurden wir alle besänftigt dharmam eva anupaśyatā der stets nur auf das Recht blickte katham dāśarathau bhūmau śayāne saha sītayā | śaknuyāma nidrām ayā labdhum jīvitam vā sukhāni vā ||
'Wie könnten wir, während Rāma, der Sohn des Daśaratha, auf dem Erdboden liegt, zusammen mit Sītā, Schlaf finden, oder Leben oder Freuden?'
Wort für Wort katham dāśarathau bhūmau śayāne wie, während der Sohn des Daśaratha auf dem Erdboden liegt saha sītayā zusammen mit Sītā śaknuyāma nidrām ayā labdhum könnten wir Schlaf finden jīvitam vā sukhāni vā oder Leben oder Freuden yaḥ na deva-asuraiḥ sarvaiḥ śakyaḥ prasahitum yudhi | tam paśya guha saṃviṣṭam tṛṇeṣu saha sītayā ||
'Er, der von allen Göttern und Dämonen zusammen im Kampf nicht bezwungen werden könnte — sieh ihn, Guha, im Gras liegen, zusammen mit Sītā.'
Wort für Wort yaḥ na deva-asuraiḥ sarvaiḥ er, der von allen Göttern und Dämonen śakyaḥ prasahitum yudhi im Kampf nicht bezwungen werden könnte tam paśya guha saṃviṣṭam tṛṇeṣu sieh ihn, Guha, im Gras liegend saha sītayā zusammen mit Sītā mahatā tapasā labdhaḥ vividhaiḥ ca pariśramaiḥ | ekaḥ daśarathasya eṣaḥ putraḥ sadṛśaḥ lakṣmaṇaḥ ||
'Durch große Askese und mancherlei Mühen erlangt, ist dieser Sohn des Daśaratha einzigartig — Lakṣmaṇa ihm ebenbürtig.'
Wort für Wort mahatā tapasā labdhaḥ durch große Askese erlangt vividhaiḥ ca pariśramaiḥ und mancherlei Mühen ekaḥ daśarathasya eṣaḥ putraḥ dieser einzigartige Sohn des Daśaratha sadṛśaḥ lakṣmaṇaḥ Lakṣmaṇa ihm ebenbürtig asmin pravrājite rājā na ciram vartayiṣyati | vidhavā medinī nūnam kṣipram eva bhaviṣyati ||
'Mit ihm verbannt wird der König nicht mehr lange am Leben bleiben; gewiss wird die Erde bald zur Witwe werden.'
Wort für Wort asmin pravrājite rājā mit ihm verbannt, der König na ciram vartayiṣyati wird nicht mehr lange am Leben bleiben vidhavā medinī nūnam gewiss die Erde zur Witwe kṣipram eva bhaviṣyati wird bald werden vinadya su-mahā-nādam śrameṇa uparataḥ striyaḥ | nirghoṣaḥ uparatam nūnam adya rāja-niveśanam ||
'Nachdem sie laut aufgeschrien haben, sind die Frauen, erschöpft, verstummt; gewiss ist der königliche Palast heute geräuschlos geworden.'
Wort für Wort vinadya su-mahā-nādam nachdem sie laut aufgeschrien haben śrameṇa uparataḥ striyaḥ sind die Frauen, erschöpft, verstummt nirghoṣaḥ uparatam nūnam gewiss geräuschlos geworden adya rāja-niveśanam heute der königliche Palast kausalyā caiva rājā ca tathā eva jananī mama | na āśaṃse yadi te sarve jīveyuḥ sarva-rātrim imām ||
'Kausalyā und der König, und ebenso meine eigene Mutter — ich hoffe nicht, dass sie alle diese ganze Nacht überleben werden.'
Wort für Wort kausalyā caiva rājā ca Kausalyā und der König tathā eva jananī mama und ebenso meine eigene Mutter na āśaṃse yadi te sarve ich hoffe nicht, dass sie alle jīveyuḥ sarva-rātrim imām diese ganze Nacht überleben werden jīvet api hi me mātā śatrughnasya anvavekṣayā | duḥkhitā yā tu kausalyā vīrasūḥ vinaśyati ||
'Meine Mutter mag zwar aus Sorge um Śatrughna am Leben bleiben; doch Kausalyā, die leidende Mutter des Helden, wird zugrunde gehen.'
Wort für Wort jīvet api hi me mātā meine Mutter mag zwar am Leben bleiben śatrughnasya anvavekṣayā aus Sorge um Śatrughna duḥkhitā yā tu kausalyā doch Kausalyā, die leidende vīrasūḥ vinaśyati die Mutter des Helden, wird zugrunde gehen atikrāntam atikrāntam anavāpya manaḥ-ratham | rājye rāmam anikṣiptvā pitā me vinaśyati ||
'Zeit um Zeit verstreichend, ohne den Wunsch seines Herzens erlangt zu haben — ohne Rāma im Königreich eingesetzt zu haben, wird mein Vater zugrunde gehen.'
Wort für Wort atikrāntam atikrāntam Zeit um Zeit verstreichend anavāpya manaḥ-ratham ohne den Herzenswunsch erlangt zu haben rājye rāmam anikṣiptvā ohne Rāma im Königreich eingesetzt zu haben pitā me vinaśyati wird mein Vater zugrunde gehen siddha-arthāḥ pitaram vṛttam tasmin kāle hi upasthite | preta-kāryeṣu sarveṣu saṃskāriṣyanti bhūmipam ||
'Ihr Ziel erreicht, werden sie, wenn jene Zeit gekommen ist, für den dahingeschiedenen Herrn der Erde alle Totenriten vollziehen.'
Wort für Wort siddha-arthāḥ ihr Ziel erreicht habend pitaram vṛttam tasmin kāle hi upasthite wenn für den verstorbenen Vater jene Zeit gekommen ist preta-kāryeṣu sarveṣu bei allen Totenriten saṃskāriṣyanti bhūmipam werden sie den Herrn der Erde bestatten ramya-catuḥ-saṃsthānam su-vibhakta-mahā-patham | harmya-prāsāda-sampannam sarva-ratna-vibhūṣitam ||
'die liebliche, nach allen vier Seiten wohlgeordnete [Stadt], mit wohleingeteilten großen Straßen, reich an Häusern und Palästen, geschmückt mit jeglichem Juwel,
Wort für Wort ramya-catuḥ-saṃsthānam die liebliche, nach vier Seiten wohlgeordnete su-vibhakta-mahā-patham mit wohleingeteilten großen Straßen harmya-prāsāda-sampannam reich an Häusern und Palästen sarva-ratna-vibhūṣitam geschmückt mit jeglichem Juwel gaja-aśva-ratha-saṃbādham tūrya-nāda-vinaditam | sarva-kalyāṇa-sampūrṇam hṛṣṭa-puṣṭa-jana-ākulam ||
gedrängt voll von Elefanten, Pferden und Wagen, widerhallend vom Klang der Instrumente, voll jeglichen Wohlergehens, wimmelnd von frohen, wohlgenährten Menschen,
Wort für Wort gaja-aśva-ratha-saṃbādham gedrängt voll von Elefanten, Pferden und Wagen tūrya-nāda-vinaditam widerhallend vom Klang der Instrumente sarva-kalyāṇa-sampūrṇam voll jeglichen Wohlergehens hṛṣṭa-puṣṭa-jana-ākulam wimmelnd von frohen, wohlgenährten Menschen ārāma-udyāna-sampūrṇam samāja-utsava-śālinīm | sukhitāḥ vicariṣyanti rāja-dhānīm pituḥ mama ||
voll von Hainen und Gärten, reich an Festen und Zusammenkünften — glücklich werden sie in der Hauptstadt meines Vaters umherwandeln.'
Wort für Wort ārāma-udyāna-sampūrṇam voll von Hainen und Gärten samāja-utsava-śālinīm reich an Festen und Zusammenkünften sukhitāḥ vicariṣyanti glücklich werden sie umherwandeln rāja-dhānīm pituḥ mama in der Hauptstadt meines Vaters api satya-pratijñena sārdham kuśalinā vayam | nivṛtte samaye hi asmin sukhitāḥ praviśemahi ||
'Möchten wir doch, zusammen mit ihm, dessen Gelübde wahr ist, wohlbehalten, wenn diese Zeit vorüber ist, glücklich [dort] einziehen.'
Wort für Wort api satya-pratijñena sārdham zusammen mit ihm, dessen Gelübde wahr ist kuśalinā vayam wir, wohlbehalten nivṛtte samaye hi asmin wenn diese Zeit vorüber ist sukhitāḥ praviśemahi möchten wir glücklich einziehen paridevayamānasya tasya evam su-mahātmanaḥ | tiṣṭhataḥ rāja-putrasya śarvarī sā atyavartata ||
Während jener überaus hochgesinnte Königssohn so klagend Wache hielt, verging jene Nacht.
Wort für Wort paridevayamānasya tasya evam während jener so klagend su-mahātmanaḥ tiṣṭhataḥ der überaus hochgesinnte, Wache haltend rāja-putrasya der Königssohn śarvarī sā atyavartata jene Nacht verging prabhāte vimale sūrye kārayitvā jaṭe ubhau | asmin bhāgīrathī-tīre sukham saṃtāritau mayā ||
'Bei Tagesanbruch, als die Sonne klar strahlte, ließ ich beiden Verfilzte Locken machen und setzte sie hier am Ufer der Bhāgīrathī glücklich über.'
Wort für Wort prabhāte vimale sūrye bei Tagesanbruch, als die Sonne klar strahlte kārayitvā jaṭe ubhau nachdem ich beiden verfilzte Locken hatte machen lassen asmin bhāgīrathī-tīre hier am Ufer der Bhāgīrathī sukham saṃtāritau mayā setzte ich sie glücklich über jaṭā-dharau tau druma-cīra-vāsasau | mahā-balau kuñja-yūthapa-upamau | vara-iṣu-cāpa-asi-dharau param-tapau | vyavekṣamāṇau saha sītayā gatau ||
Die beiden, mit verfilzten Locken, in Rindenkleider gehüllt, gewaltig stark, den Anführern der Elefantenherden im Dickicht gleich, vortreffliche Pfeile, Bogen und Schwert tragend, Bezwinger der Feinde, zogen, sich umschauend, gemeinsam mit Sītā davon.
Wort für Wort jaṭā-dharau tau druma-cīra-vāsasau die beiden, mit verfilzten Locken, in Rindenkleider gehüllt mahā-balau kuñja-yūthapa-upamau gewaltig stark, den Anführern der Elefantenherden im Dickicht gleich vara-iṣu-cāpa-asi-dharau param-tapau vortreffliche Pfeile, Bogen und Schwert tragend, Bezwinger der Feinde vyavekṣamāṇau saha sītayā gatau zogen, sich umschauend, gemeinsam mit Sītā davon
Interaktive Leseansicht des ganzen Werks
← Sarga 85 Sarga 87 →