Rāmāyaṇa · Ayodhyākāṇḍa
Sarga 62: Rājña Prasāda Yācanam Kausalyā Kṣamā Vākyam
Daśaratha bittet die zürnende Kausalyā um Vergebung und erinnert sich an sein unwissentliches Verschulden am Tod des Einsiedlerknaben; Kausalyā bereut ihre harten Worte, spricht über die zerstörerische Macht des Kummers, und beide sinken schließlich in erschöpften Schlaf
evaṃ tu kruddhayā rājā rāmamātrā saśokayā | śrāvitaḥ paruṣaṃ vākyaṃ cintayām āsa duḥkhitaḥ ||
So von der erzürnten, kummervollen Mutter Rāmas mit harten Worten angehört, versank der König in Kummer und Nachdenken.
Wort für Wort evaṃ tu kruddhayā rājā so aber, vom erzürnten [zur] König rāmamātrā saśokayā von Rāmas Mutter, der kummervollen śrāvitaḥ paruṣaṃ vākyam angehört mit harten Worten cintayām āsa duḥkhitaḥ versank er, bekümmert, in Nachdenken cintayitvā sa ca nṛpo mumoha vyākulendriyaḥ | atha dīrgheṇa kālena saṃjñām āpa parantapaḥ ||
Nachdem der König so nachgedacht hatte, verlor er, seiner Sinne beraubt, die Besinnung; erst nach langer Zeit kam der Bezwinger der Feinde wieder zu sich.
Wort für Wort cintayitvā sa ca nṛpaḥ nachdem der König nachgedacht hatte mumoha vyākulendriyaḥ verlor er, seiner Sinne beraubt, die Besinnung atha dīrgheṇa kālena dann, nach langer Zeit saṃjñām āpa parantapaḥ kam der Bezwinger der Feinde wieder zu sich sa saṃjñām upalabhyaiva dīrgham uṣṇaṃ ca niḥśvasan | kausalyāṃ pārśvato dṛṣṭvā tataś cintām upāgamat ||
Kaum wieder zu Bewusstsein gekommen, seufzte er lange und heiß; als er Kausalyā an seiner Seite erblickte, verfiel er in Nachdenken.
Wort für Wort sa saṃjñām upalabhyaiva kaum wieder zu Bewusstsein gekommen dīrgham uṣṇaṃ ca niḥśvasan lange und heiß seufzend kausalyāṃ pārśvato dṛṣṭvā Kausalyā an seiner Seite erblickend tataś cintām upāgamat verfiel er darauf in Nachdenken tasya cintayamānasya pratyabhāt karma duṣkṛtam | yad anena kṛtaṃ pūrvam ajñānāt śabdavedhinā ||
Ihm, dem so Nachdenkenden, kam die üble Tat wieder vor Augen, die er einst unwissend begangen hatte, als einer, der nach dem Klang schießen konnte.
Wort für Wort tasya cintayamānasya ihm, dem so Nachdenkenden pratyabhāt karma duṣkṛtam kam die üble Tat wieder vor Augen yad anena kṛtaṃ pūrvam die von ihm einst begangen wurde ajñānāt śabdavedhinā unwissend, als einer, der nach dem Klang schoss amanāḥ tena śokena rāmaśokena ca prabhuḥ | dvābhyām api mahārājaḥ śokābhyām abhitapyate ||
Von jenem Kummer verstört und auch vom Kummer um Rāma wurde der große König, der Herr, von beiden Kümmernissen zugleich versengt.
Wort für Wort amanāḥ tena śokena verstört von jenem Kummer rāmaśokena ca prabhuḥ und vom Kummer um Rāma, der Herr dvābhyām api mahārājaḥ der große König von beiden zugleich śokābhyām abhitapyate wurde von den Kümmernissen versengt dahyamānas tu śokābhyāṃ kausalyām āha bhūpatiḥ | vepamāno 'ñjaliṃ kṛtvā prasādārtham avāṅmukhaḥ ||
Von beiden Kümmernissen verbrannt, sprach der Herrscher der Erde, zitternd, die Hände gefaltet, das Gesicht gesenkt, um Gnade bittend, zu Kausalyā:
Wort für Wort dahyamānas tu śokābhyām von beiden Kümmernissen verbrannt kausalyām āha bhūpatiḥ sprach der Herrscher der Erde zu Kausalyā vepamāno 'ñjaliṃ kṛtvā zitternd, die Hände faltend prasādārtham avāṅmukhaḥ um Gnade bittend, das Gesicht gesenkt prasādaye tvāṃ kausalye racito 'yaṃ mayāñjaliḥ | vatsalā ca ānṛśaṃsā ca tvaṃ hi nityaṃ pareṣv api ||
'Ich bitte dich um Gnade, Kausalyā; diese meine gefalteten Hände sind an dich gerichtet. Denn du bist stets liebevoll und mitfühlend, sogar gegenüber Fremden.'
Wort für Wort prasādaye tvāṃ kausalye ich bitte dich um Gnade, Kausalyā racito 'yaṃ mayāñjaliḥ diese meine gefalteten Hände sind gerichtet vatsalā ca ānṛśaṃsā ca liebevoll und mitfühlend tvaṃ hi nityaṃ pareṣv api du bist stets, sogar gegenüber Fremden bhartā tu khalu nārīṇāṃ guṇavān nirguṇo 'pi vā | dharmaṃ vimṛśamānānāṃ pratyakṣaṃ devi daivatam ||
'Der Gatte ist ja fürwahr für Frauen, mag er tugendhaft oder untugendhaft sein, wenn sie über das Recht nachsinnen, gleichsam eine sichtbare Gottheit, o Herrin.'
Wort für Wort bhartā tu khalu nārīṇām der Gatte ist ja fürwahr für Frauen guṇavān nirguṇo 'pi vā mag er tugendhaft oder untugendhaft sein dharmaṃ vimṛśamānānām für die, die über das Recht nachsinnen pratyakṣaṃ devi daivatam eine sichtbare Gottheit, o Herrin sā tvaṃ dharmaparā nityaṃ dṛṣṭalokaparāvarā | nārhase vipriyaṃ vaktuṃ duḥkhitāpi suduḥkhitam ||
'Du, die stets dem Recht ergeben ist, die diese und die andere Welt kennt, solltest, magst du auch selbst leiden, nicht Unliebsames zu dem sagen, der noch mehr leidet.'
Wort für Wort sā tvaṃ dharmaparā nityam du, die stets dem Recht ergeben ist dṛṣṭalokaparāvarā die diese und die andere Welt kennt nārhase vipriyaṃ vaktum solltest nicht Unliebsames sagen duḥkhitāpi suduḥkhitam auch selbst leidend, zu dem, der noch mehr leidet tad vākyaṃ karuṇaṃ rājñaḥ śrutvā dīnasya bhāṣitam | kausalyā vyasṛjad bāṣpaṃ praṇālīva navodakam ||
Als sie diese klägliche, elende Rede des Königs gehört hatte, vergoss Kausalyā Tränen, wie eine Rinne frisches Wasser.
Wort für Wort tad vākyaṃ karuṇaṃ rājñaḥ diese klägliche Rede des Königs śrutvā dīnasya bhāṣitam die elende Rede hörend kausalyā vyasṛjad bāṣpam vergoss Kausalyā Tränen praṇālīva navodakam wie eine Rinne frisches Wasser sā mūrdhni baddhvā rudatī rājñaḥ padmam ivāñjalim | saṃbhramād abravīt trastā tvaramāṇākṣaraṃ vacaḥ ||
Sie, weinend, die Hände wie eine Lotusblüte an ihre Stirn gepresst, sprach in Bestürzung, erschrocken, hastig, stockende Worte zum König:
Wort für Wort sā mūrdhni baddhvā rudatī sie, weinend, an ihre Stirn pressend rājñaḥ padmam ivāñjalim des Königs [Hände], die Hände wie eine Lotusblüte saṃbhramād abravīt trastā sprach in Bestürzung, erschrocken tvaramāṇākṣaraṃ vacaḥ hastig stockende Worte prasīda śirasā yāce bhūmau nipatitāsmi te | yācitāsmi hatā deva hantavyā ahaṃ na hi tvayā ||
'Sei gnädig! Mit meinem Haupt bitte ich dich, ich bin vor dir zu Boden gesunken; ich bitte dich, ich bin schon geschlagen worden, o Herr - ich sollte nicht noch mehr von dir bestraft werden.'
Wort für Wort prasīda śirasā yāce sei gnädig, mit dem Haupt bitte ich bhūmau nipatitāsmi te ich bin vor dir zu Boden gesunken yācitāsmi hatā deva ich bitte, ich bin geschlagen, o Herr hantavyā ahaṃ na hi tvayā ich sollte nicht von dir [noch mehr] bestraft werden naiṣā hi sā strī bhavati ślāghanīyena dhīmatā | ubhayoḥ lokayoḥ vīra patyā yā saṃprasādyate ||
'Denn diese Frau, die von ihrem preiswürdigen, klugen Gatten, o Held, in beiden Welten um Gnade angefleht werden muss, ist keine rechte Ehefrau.'
Wort für Wort naiṣā hi sā strī bhavati denn diese Frau ist keine [rechte] ślāghanīyena dhīmatā von dem preiswürdigen, klugen ubhayoḥ lokayoḥ vīra in beiden Welten, o Held patyā yā saṃprasādyate die von ihrem Gatten um Gnade angefleht werden muss jānāmi dharmaṃ dharmajña tvāṃ jāne satyavādinam | putraśokārtayā tat tu mayā kim api bhāṣitam ||
'Ich kenne das Recht, ich kenne dich, o Kenner des Rechts, als wahrhaftig Sprechenden - doch von Kummer um meinen Sohn gequält, habe ich unbedacht etwas gesagt.'
Wort für Wort jānāmi dharmaṃ dharmajña ich kenne das Recht, o Kenner des Rechts tvāṃ jāne satyavādinam ich kenne dich als wahrhaftig Sprechenden putraśokārtayā tat tu doch von Kummer um den Sohn gequält, dies mayā kim api bhāṣitam habe ich unbedacht gesagt śoko nāśayate dhairyaṃ śoko nāśayate śrutam | śoko nāśayate sarvaṃ nāsti śokasamo ripuḥ ||
'Kummer zerstört die Standhaftigkeit, Kummer zerstört das Gelernte, Kummer zerstört alles - es gibt keinen Feind, der dem Kummer gleicht.'
Wort für Wort śoko nāśayate dhairyam Kummer zerstört die Standhaftigkeit śoko nāśayate śrutam Kummer zerstört das Gelernte śoko nāśayate sarvam Kummer zerstört alles nāsti śokasamo ripuḥ es gibt keinen Feind, der dem Kummer gleicht śakyam āpatitaḥ soḍhuṃ praharo ripuhastataḥ | soḍhum āpatitaḥ śokaḥ susūkṣmo 'pi na śakyate ||
'Einen Hieb, der aus der Hand eines Feindes trifft, kann man wohl ertragen; doch den Kummer, wenn er einmal eintritt, zu ertragen ist unmöglich, selbst wenn er noch so gering ist.'
Wort für Wort śakyam āpatitaḥ soḍhum es ist möglich, den eintretenden zu ertragen praharo ripuhastataḥ den Hieb aus der Hand eines Feindes soḍhum āpatitaḥ śokaḥ den eintretenden Kummer zu ertragen susūkṣmo 'pi na śakyate ist unmöglich, selbst wenn er gering ist dharmajñāḥ śrutimanto 'pi cchinnadharmārthasaṃśayāḥ | yatayo vīra muhyanti śokasaṃmūḍhacetasaḥ ||
'Selbst rechtskundige, gelehrte Asketen, o Held, deren Zweifel an Recht und Nutzen längst gelöst sind, verlieren, wenn der Kummer ihren Verstand verwirrt, die Fassung.'
Wort für Wort dharmajñāḥ śrutimanto 'pi selbst rechtskundige, gelehrte cchinnadharmārthasaṃśayāḥ deren Zweifel an Recht und Nutzen gelöst sind yatayo vīra muhyanti verlieren die Asketen, o Held, die Fassung śokasaṃmūḍhacetasaḥ deren Verstand vom Kummer verwirrt ist vanavāsāya rāmasya pañcarātro 'dya gaṇyate | yaḥ śokahataharṣāyā pañcavarṣopamo mama ||
'Fünf Nächte werden heute für Rāmas Waldaufenthalt gezählt, doch mir, deren Freude vom Kummer zerschlagen ist, kommen sie wie fünf Jahre vor.'
Wort für Wort vanavāsāya rāmasya für Rāmas Waldaufenthalt pañcarātro 'dya gaṇyate werden heute fünf Nächte gezählt yaḥ śokahataharṣāyāḥ der mir, deren Freude vom Kummer zerschlagen ist pañcavarṣopamo mama wie fünf Jahre vorkommt taṃ hi cintayamānāyāḥ śoko 'yaṃ hṛdi vardhate | adīnām iva vegena samudrasalilaṃ mahat ||
'Denn während ich an ihn denke, wächst dieser Kummer in meinem Herzen, wie das gewaltige Meerwasser mit dem Ansturm eines Sturmes wächst.'
Wort für Wort taṃ hi cintayamānāyāḥ denn während ich an ihn denke śoko 'yaṃ hṛdi vardhate wächst dieser Kummer im Herzen adīnām iva vegena mit dem Ansturm eines Sturmes samudrasalilaṃ mahat wie das gewaltige Meerwasser evaṃ hi kathayantyās tu kausalyāyāḥ śubhaṃ vacaḥ | mandaraśmir abhūt sūryo rajanī cābhyavartata ||
Während Kausalyā so freundliche Worte sprach, wurde die Sonne mattstrahlend, und die Nacht brach herein.
Wort für Wort evaṃ hi kathayantyās tu während sie aber so sprach kausalyāyāḥ śubhaṃ vacaḥ Kausalyā freundliche Worte mandaraśmir abhūt sūryaḥ wurde die Sonne mattstrahlend rajanī cābhyavartata und die Nacht brach herein tathā prahlāditaḥ vākyair devyā kausalyayā nṛpaḥ | śokena ca samākrāntaḥ nidrāyā vaśam īyivān ||
So von den Worten der Königin Kausalyā besänftigt, und doch vom Kummer überwältigt, verfiel der König in die Macht des Schlafs.
Wort für Wort tathā prahlāditaḥ vākyaiḥ so besänftigt von den Worten devyā kausalyayā nṛpaḥ der Königin Kausalyā, der König śokena ca samākrāntaḥ und vom Kummer überwältigt nidrāyā vaśam īyivān verfiel er in die Macht des Schlafs
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