Sarga 21: Lakṣmaṇa Kopaḥ Rāma Pratibodhaḥ
Lakṣmaṇa entbrennt in Zorn und will die Stadt mit Waffengewalt verteidigen, doch Rāma besänftigt Mutter und Bruder mit dem Wort vom Dharma des Vatergehorsams
tad idam vacanam rājñaḥ punar bālyam upeyuṣaḥ | putraḥ ko hṛdaye kuryāt rāja-vṛttam anusmaran ||
Welcher Sohn würde sich dieses Wort des Königs, der wieder zur Kindheit zurückgekehrt ist, zu Herzen nehmen, wenn er des Königs früheres Verhalten bedenkt?
Auch gegen einen Lehrer, der überheblich geworden ist, Recht und Unrecht nicht mehr unterscheidet und einen falschen Weg eingeschlagen hat, ist Zurechtweisung geboten.
Wer hätte die Macht, gegen dich und gegen mich äußerste Feindschaft heraufbeschwörend, Bharata die Königsherrlichkeit zu geben, o Bezwinger der Feinde?
Von Herzen bin ich meinem Bruder wahrhaft zugetan, o Herrin; bei der Wahrheit, bei meinem Bogen und bei dem, was ich gegeben und geopfert habe, schwöre ich dir dies.
Dann, mein Sohn, wirst du durch dieses Unrecht jene in der Welt berühmte Hölle erlangen, so wie das Meer, der Herr der Flüsse, durch (den Fluch für) Brahmanenmord (seinen Untergang erlangte).
mama mātuḥ mahad duḥkham atulam śubha-lakṣmaṇa | abhiprāyam avijñāya satyasya ca śamasya ca ||
Meiner Mutter unvergleichlich großes Leid, o glückverheißender Lakṣmaṇa, entsteht daraus, dass sie die Absicht der Wahrheit und der Gelassenheit nicht erkennt.
Nachdem er so aus Zuneigung zum Bruder Lakṣmaṇa gesprochen hatte, wandte sich der Erstgeborene wiederum an Kausalyā, mit gefalteten Händen und gesenktem Haupt.
Nachdem ich mein Gelübde erfüllt habe, werde ich aus dem Wald wieder in die Stadt zurückkehren, wie einst der königliche Seher Yayāti, der den Himmel verließ und wieder dorthin gelangte.
Wort für Wort
tīrṇa-pratijñaḥ ca vanāt
und nachdem das Gelübde erfüllt ist, aus dem Wald
punar eṣyāmi aham purīm
werde ich wieder in die Stadt kommen
yayātiḥ iva rāja-ṛṣiḥ
wie der königliche Seher Yayāti
purā hitvā punaḥ divam
der einst den Himmel verließ und wieder (dorthin gelangte)
Halte deinen Kummer im Herzen zurück, Mutter, gräme dich nicht so sehr; ich werde vom Waldaufenthalt hierher zurückkehren, nachdem ich das Wort meines Vaters erfüllt habe.
Als die Mutter dieses seiner Rede vernommen hatte, die dem Dharma gemäß, ruhig und ungebrochen war, gewann die Fürstin, wie aus dem Tode erwacht, ihre Fassung wieder, blickte Rāma an und sprach wiederum:
Wort für Wort
etad vacaḥ tasya niśamya mātā
als die Mutter dieses sein Wort gehört hatte
sudharmyam avyagram aviklabam ca
das dem Dharma gemäße, ruhige, ungebrochene
mṛtā iva samjñām pratilabhya devī
die Fürstin, wie eine Tote das Bewusstsein wiedergewinnend
yathaiva te putra pitā tathā aham | guruḥ sva-dharmeṇa suhṛt tayā ca | na tvā anujānāmi na mām vihāya | su-duḥkhitām arhasi gantum evam ||
So wie dir dein Vater, Sohn, ebenso bin auch ich dir – durch eigene Pflicht ein Lehrer und durch Zuneigung eine Freundin; ich erlaube dir nicht, und du solltest mich, so tief Betrübte, nicht so verlassend fortgehen.
kim jīvitena iha vinā tvayā me | lokena vā kim svadhayā amṛtena | śreyaḥ muhūrtam tava sannidhānam | mama iha kṛtsnāt api jīva-lokāt ||
Was nützt mir hier das Leben ohne dich, was nützt mir die Welt, was das Ahnenopfer, was der Nektar der Unsterblichkeit? Ein Augenblick deiner Nähe ist mir besser als die ganze Welt der Lebenden.
Wort für Wort
kim jīvitena iha vinā tvayā me
was nützt mir hier das Leben ohne dich
lokena vā kim svadhayā amṛtena
oder was nützt die Welt, das Ahnenopfer, der Nektar
Wie ein großer Elefant, der von Männern mit Feuerbränden verjagt wird und sich dennoch auf den Weg begibt, so wurde Rāma, als er die mitleiderregende Klage seiner Mutter hörte, aufs Neue in seinem Entschluss entflammt.
Wort für Wort
naraiḥ iva ulkābhiḥ apohyamānaḥ
wie von Männern mit Feuerbränden verjagt
mahā-gajaḥ adhvānam anupraviṣṭaḥ
ein großer Elefant, der sich auf den Weg begibt
bhūyaḥ prajajvāla
wurde aufs Neue entflammt
vilāpam evam niśamya rāmaḥ karuṇam jananyāḥ
Rāma, als er diese mitleiderregende Klage der Mutter vernommen hatte
sa mātaram caiva visamjña-kalpām | ārtam ca saumitrim abhipratāptam | dharme sthitaḥ dharmyam uvāca vākyam | yathā sa eva arhati tatra vaktum ||
Zu seiner beinahe bewusstlosen Mutter und zum leidenden, glühend erregten Sohn der Sumitrā sprach er, im Dharma feststehend, ein dem Dharma gemäßes Wort, so wie es allein er zu sprechen vermochte.
Wort für Wort
sa mātaram caiva visamjña-kalpām
er zu seiner beinahe bewusstlosen Mutter
ārtam ca saumitrim abhipratāptam
und zum leidenden, glühend erregten Sohn der Sumitrā
dharme sthitaḥ dharmyam uvāca vākyam
im Dharma feststehend sprach er ein dem Dharma gemäßes Wort
aham hi te lakṣmaṇa nityam eva | jānāmi bhaktim ca parākramam ca | mama tu abhiprāyam asannirīkṣya | mātrā saha abhyardasi mā su-duḥkham ||
Ich kenne wahrlich, Lakṣmaṇa, immer deine Hingabe und deine Tapferkeit; doch ohne meine Absicht recht zu erkennen, quälst du dich zusammen mit der Mutter allzu sehr.
dharma-artha-kāmāḥ khalu tāta loke | samīkṣitāḥ dharma-phala-udayeṣu | te tatra sarve syur asaṃśayam me | bhāryā iva vaśyā abhimatā su-putrā ||
Dharma, Artha und Kāma, mein Sohn, werden in der Welt an den Früchten des Dharma gemessen; alle drei wären mir dabei ohne Zweifel vereint, wie eine gehorsame, geliebte Gattin mit guten Söhnen.
Wort für Wort
dharma-artha-kāmāḥ khalu tāta loke
Dharma, Artha und Kāma fürwahr, mein Sohn, in der Welt
samīkṣitāḥ dharma-phala-udayeṣu
werden gemessen am Aufkommen der Früchte des Dharma
te tatra sarve syur asaṃśayam me
diese alle wären mir dort ohne Zweifel
bhāryā iva vaśyā abhimatā su-putrā
wie eine gehorsame, geliebte Gattin mit guten Söhnen
yasmin tu sarve syur asanniviṣṭāḥ | dharmaḥ yataḥ syāt tad upakrameta | dveṣyaḥ bhavati artha-paraḥ hi loke | kāma-ātmatā khalu api na praśastā ||
Worin aber nicht alle drei zusammen enthalten sind, das soll man unternehmen, woher der Dharma kommt; denn wer nur nach Nutzen strebt, wird in der Welt verhasst, und auch reine Lust ist nicht zu preisen.
Wort für Wort
yasmin tu sarve syur asanniviṣṭāḥ
worin aber nicht alle drei zugleich enthalten sind
dharmaḥ yataḥ syāt tad upakrameta
das soll man unternehmen, woher der Dharma sich ergäbe
dveṣyaḥ bhavati artha-paraḥ hi loke
denn wer nur dem Nutzen ergeben ist, wird in der Welt verhasst
guruḥ ca rājā ca pitā ca vṛddhaḥ | krodhāt praharṣāt yadi vā api kāmāt | yad vyādiśet kāryam avekṣya dharmam | kaḥ tat na kuryād anṛśaṃsa-vṛttiḥ ||
Wenn ein Lehrer, ein König oder ein alter Vater aus Zorn, aus Freude oder aus Verlangen etwas anordnet, das mit dem Dharma im Einklang steht – wer, der von Milde erfüllt ist, würde das nicht tun?
sa vai na śaknomi pituḥ pratijñām | imām akartum sakalam yathāvat | sa hi āvayoḥ tāta guruḥ niyoge | devaḥ ca bhartā sa gatiḥ sa dharmaḥ ||
So kann ich dieses Versprechen meines Vaters nicht ungeschehen lassen, ganz und wie es sich gehört; denn er ist für uns beide, Vater, der Lehrer, dem wir Gehorsam schulden, unser Gott, unser Herr, unsere Zuflucht, unser Dharma.
Wort für Wort
sa vai na śaknomi pituḥ pratijñām
so kann ich wahrlich dieses Versprechen des Vaters nicht
imām akartum sakalam yathāvat
ganz und gebührend ungeschehen machen
sa hi āvayoḥ tāta guruḥ niyoge
denn er ist für uns beide, Vater, der Lehrer im Gehorsam
Solange dieser rechtschaffene König noch lebt, zumal er auf seinem eigenen Weg wandelt – wie könnte die Herrin mit mir fortgehen, wie irgendeine andere, einer Witwe gleiche Frau?
So erlaube mir denn, in den Wald zu gehen, und vollziehe für uns die Segensriten, o Herrin, damit ich, wenn die Zeit erfüllt ist, wieder zurückkehren möge, wie durch Wahrhaftigkeit einst Yayāti zurückkehrte.
Wort für Wort
sā mā anumanyasva vanam vrajantam
so erlaube mir, in den Wald zu gehen
kuruṣva naḥ svasti-ayanāni devi
vollziehe für uns die Segensriten, o Herrin
yathā samāpte punar āvrajeyam
damit ich, wenn die Zeit erfüllt ist, wieder zurückkehren möge
yathā hi satyena punar yayātiḥ
so wie durch Wahrhaftigkeit einst Yayāti zurückkehrte
yaśaḥ hi aham kevala-rājya-kāraṇāt | na pṛṣṭhataḥ kartum alam mahodayam | adīrgha-kāle na tu devi jīvite | vṛṇe.avarām adya mahīm adharmataḥ ||
Denn ich vermag meinen Ruhm nicht um der bloßen Königsherrschaft willen preiszugeben, jenen großen, hehren Ruhm; ich wähle heute nicht die niedere Erde durch Unrecht, um eines kurzen Lebens willen, o Herrin.
Wort für Wort
yaśaḥ hi aham kevala-rājya-kāraṇāt
meinen Ruhm wahrlich ich um der bloßen Königsherrschaft willen
na pṛṣṭhataḥ kartum alam mahodayam
vermag nicht den großen, hehren Ruhm hintanzustellen
adīrgha-kāle na tu devi jīvite
nicht um eines kurzen Lebens willen, o Herrin
vṛṇe.avarām adya mahīm adharmataḥ
ich wähle heute nicht die niedere Erde durch Unrecht
prasādayan nara-vṛṣabhaḥ sa mātaram | parākramāt jigamiṣur eva daṇḍakān | atha anujam bhṛśam anuśāsya darśanam | cakāra tām hṛdi jananīm pradakṣiṇam ||
So besänftigte der Stier unter den Männern seine Mutter, entschlossen, aus eigener Kraft in die Daṇḍaka-Wälder zu ziehen; dann, nachdem er seinen jüngeren Bruder eindringlich unterwiesen hatte, umschritt er, seine Mutter im Herzen tragend, sie ehrfürchtig von rechts.
Wort für Wort
prasādayan nara-vṛṣabhaḥ sa mātaram
der Stier unter den Männern, seine Mutter besänftigend
parākramāt jigamiṣur eva daṇḍakān
entschlossen, aus eigener Kraft in die Daṇḍakas zu ziehen
atha anujam bhṛśam anuśāsya darśanam
dann, nachdem er den jüngeren Bruder eindringlich unterwiesen hatte
cakāra tām hṛdi jananīm pradakṣiṇam
umschritt er die Mutter, sie im Herzen tragend, von rechts