Rāmāyaṇa · Ayodhyākāṇḍa
Sarga 13: Daśaratha Rātri Vilāpaḥ
Daśaratha fleht die ganze Nacht vergeblich um Gnade, während Kaikeyī unerbittlich schweigt
na tat arham mahā-rājam śayānam a-tathā ucitam / yayātim iva puṇya-ante deva-lokāt paricyutam
'Der große König lag da, so unpassend für ihn – wie Yayāti, der am Ende seines Verdienstes aus der Götterwelt herabgefallen war.'
Wort für Wort na tat arham mahā-rājam der große König, dessen nicht würdig śayānam a-tathā ucitam so daliegend, ganz unpassend yayātim iva puṇya-ante wie Yayāti am Ende des Verdienstes deva-lokāt paricyutam aus der Götterwelt herabgefallen anartha-rūpā siddha-arthā abhītā bhaya-darśinī / punaḥ ākārayām āsa tam eva varam aṅganā
Sie, deren Wesen Unheil war, die ihr Ziel bereits erreicht hatte, furchtlos, doch Furcht heuchelnd, drängte die Frau ihn abermals zu eben jener Gabe.
Wort für Wort anartha-rūpā siddha-arthā die von unheilvoller Gestalt, die ihr Ziel erreicht hatte abhītā bhaya-darśinī furchtlos, doch Furcht zeigend punaḥ ākārayām āsa drängte sie wiederum tam eva varam aṅganā die Frau zu eben jener Gabe tvam katthase mahā-rāja satya-vādī dṛḍha-vrataḥ / mama ca imam varam kasmāt vidhārayitum icchasi
'Du rühmst dich, großer König, wahrhaftig und fest in deinem Gelübde zu sein – warum willst du mir dann diese Gabe vorenthalten?'
Wort für Wort tvam katthase mahā-rāja du rühmst dich, großer König satya-vādī dṛḍha-vrataḥ wahrhaftig, fest im Gelübde mama ca imam varam und mir diese Gabe kasmāt vidhārayitum icchasi warum willst du vorenthalten evam uktaḥ tu kaikeyyā rājā daśarathaḥ tadā / pratyuvāca tataḥ kruddhaḥ muhūrtam vihvalan iva
So von Kaikeyī angesprochen, erwiderte König Daśaratha darauf zornig, einen Augenblick wie verwirrt.
Wort für Wort evam uktaḥ tu kaikeyyā so aber von Kaikeyī angesprochen rājā daśarathaḥ tadā König Daśaratha da pratyuvāca tataḥ kruddhaḥ erwiderte darauf zornig muhūrtam vihvalan iva einen Augenblick wie verwirrt mṛte mayi gate rāme vanam manuja-puṃgave / hanta anārye mama amitre rāmaḥ pravrājitaḥ vanam
'Wenn ich tot bin und Rāma, der Stier unter den Männern, in den Wald gegangen ist – wehe, du Unedle, meine Feindin, Rāma ist in den Wald verbannt worden.'
Wort für Wort mṛte mayi gate rāme wenn ich tot bin und Rāma gegangen ist vanam manuja-puṃgave in den Wald, dem Stier unter den Männern hanta anārye mama amitre wehe, du Unedle, meine Feindin rāmaḥ pravrājitaḥ vanam Rāma ist in den Wald verbannt worden svarge api khalu rāmasya kuśalam daivataiḥ aham / pratyādeśāt abhihitam dhārayiṣye katham bata
'Selbst im Himmel werde ich, wehe, die Götter nach Rāmas Wohlergehen fragen; wie soll ich es ertragen, was durch diese Verstoßung ausgesprochen wurde?'
Wort für Wort svarge api khalu selbst im Himmel wahrlich rāmasya kuśalam daivataiḥ aham werde ich die Götter nach Rāmas Wohlergehen fragen pratyādeśāt abhihitam durch die Verstoßung ausgesprochen dhārayiṣye katham bata wie, wehe, soll ich es ertragen kaikeyyāḥ priya-kāmena rāmaḥ pravrājitaḥ mayā / yadi satyam bravīmi etat tat asatyam bhaviṣyati
'Aus Verlangen, Kaikeyī zu gefallen, habe ich Rāma verbannt. Spreche ich hier die Wahrheit, so möge sie zur Unwahrheit werden.'
Wort für Wort kaikeyyāḥ priya-kāmena aus Verlangen, Kaikeyī zu gefallen rāmaḥ pravrājitaḥ mayā ist Rāma von mir verbannt worden yadi satyam bravīmi etat wenn ich dies als Wahrheit ausspreche tat asatyam bhaviṣyati möge es zur Unwahrheit werden aputreṇa mayā putraḥ śrameṇa mahatā mahān / rāmaḥ labdhaḥ mahā-bāhuḥ sa katham tyajyate mayā
'Ich, der Sohnlose, habe durch große Mühe den großen, starkarmigen Rāma als Sohn erlangt – wie soll ich ihn nun aufgeben?'
Wort für Wort aputreṇa mayā putraḥ von mir, dem Sohnlosen, ein Sohn śrameṇa mahatā mahān durch große Mühe, der Große rāmaḥ labdhaḥ mahā-bāhuḥ Rāma erlangt, der Starkarmige sa katham tyajyate mayā wie soll er von mir aufgegeben werden śūraḥ ca kṛta-vidyaḥ ca jita-krodhaḥ kṣamā-paraḥ / katham kamala-patra-akṣaḥ mayā rāmaḥ vivāsyate
'Er ist tapfer, gelehrt, hat den Zorn bezwungen, der Geduld ergeben – wie soll ich Rāma mit den Lotusblattaugen verbannen?'
Wort für Wort śūraḥ ca kṛta-vidyaḥ ca tapfer und gelehrt jita-krodhaḥ kṣamā-paraḥ der den Zorn bezwungen, der Geduld ergeben katham kamala-patra-akṣaḥ wie der Lotusblattäugige mayā rāmaḥ vivāsyate von mir, Rāma, verbannt werden soll katham indīvara-śyāmam dīrgha-bāhum mahā-balam / abhirāmam aham rāmam preṣayiṣyāmi daṇḍakān
'Wie soll ich den blauschwarzen, wie eine Wasserlilie, den Langarmigen, den überaus Starken, den bezaubernden Rāma in die Daṇḍaka-Wälder schicken?'
Wort für Wort katham indīvara-śyāmam wie den blauschwarz wie eine Wasserlilie dīrgha-bāhum mahā-balam den Langarmigen, den überaus Starken abhirāmam aham rāmam den bezaubernden Rāma preṣayiṣyāmi daṇḍakān werde ich in die Daṇḍakas schicken sukhānām ucitasya eva duḥkhaiḥ anucitasya ca / duḥkham nāma anupaśyeyam katham rāmasya dhīmataḥ
'Wie könnte ich mit ansehen, dass dem an Freuden gewöhnten, dem Leid ganz ungewohnten, dem weisen Rāma ein solches Leid widerfährt?'
Wort für Wort sukhānām ucitasya eva der an Freuden gewöhnt ist duḥkhaiḥ anucitasya ca und dem Leid ganz ungewohnt ist duḥkham nāma anupaśyeyam wie sollte ich das Leid mit ansehen katham rāmasya dhīmataḥ wie bei Rāma, dem Weisen yadi duḥkham akṛtvā adya mama saṃkramaṇam bhavet / a-duḥkha-arhasya rāmasya tataḥ sukham avāpnuyām
'Geschähe mein Hinscheiden heute, ohne ihm Leid zu bereiten, dann möge Rāma, der solches Leid nicht verdient, dadurch Glück erlangen.'
Wort für Wort yadi duḥkham akṛtvā adya wenn heute, ohne Leid zu bereiten mama saṃkramaṇam bhavet mein Hinscheiden geschähe a-duḥkha-arhasya rāmasya für Rāma, der Leid nicht verdient tataḥ sukham avāpnuyām dann möge er dadurch Glück erlangen nṛśaṃse pāpa-saṃkalpe rāmam satya-parākramam / kim vipriyeṇa kaikeyi priyam yojayase mama / akīrtiḥ atulā loke dhruvaḥ paribhavaḥ ca me
'Du Grausame von bösem Sinn: Warum, Kaikeyī, verknüpfst du das Leid des wahrhaft tapferen Rāma mit einem angeblichen Wohl für mich? Unvergleichlicher Schimpf in der Welt und gewisse Schmach werden mir daraus erwachsen.'
Wort für Wort nṛśaṃse pāpa-saṃkalpe du Grausame, von bösem Sinn rāmam satya-parākramam Rāma, dessen Tapferkeit wahrhaftig ist kim vipriyeṇa kaikeyi warum, Kaikeyī, durch das Unliebe priyam yojayase mama verknüpfst du es mit meinem Wohl akīrtiḥ atulā loke unvergleichlicher Schimpf in der Welt dhruvaḥ paribhavaḥ ca me und gewisse Schmach für mich tathā vilapataḥ tasya paribhramita-cetasaḥ / astam abhyagamat sūryaḥ rajanī ca abhyavartata
Während er so klagte, mit umherirrendem Geist, ging die Sonne unter, und die Nacht brach herein.
Wort für Wort tathā vilapataḥ tasya während er so klagte paribhramita-cetasaḥ mit umherirrendem Geist astam abhyagamat sūryaḥ die Sonne ging unter rajanī ca abhyavartata und die Nacht brach herein sā tri-yāmā tathā ārtasya candra-maṇḍala-maṇḍitā / rājñaḥ vilapamānasya na vyabhāsata śarvarī
Jene dreiwachige Nacht, geschmückt von der Mondscheibe, wollte für den leidgeplagten, klagenden König nicht heller werden.
Wort für Wort sā tri-yāmā tathā ārtasya jene dreiwachige Nacht für den so Leidgeplagten candra-maṇḍala-maṇḍitā von der Mondscheibe geschmückt rājñaḥ vilapamānasya für den klagenden König na vyabhāsata śarvarī wollte die Nacht nicht hell scheinen tathā eva uṣṇam vinihśvasya vṛddhaḥ daśarathaḥ nṛpaḥ / vilalāpa ārtavat duḥkham gagana-āsakta-locanaḥ
So heiß seufzend, klagte der greise König Daśaratha schmerzvoll wie ein Leidender, die Augen zum Himmel geheftet.
Wort für Wort tathā eva uṣṇam vinihśvasya ebenso heiß aufseufzend vṛddhaḥ daśarathaḥ nṛpaḥ der greise König Daśaratha vilalāpa ārtavat duḥkham klagte schmerzvoll wie ein Leidender gagana-āsakta-locanaḥ die Augen an den Himmel geheftet na prabhātam tvayā icchāmi mayā ayam racitaḥ añjaliḥ / athavā gamyatām śīghram na aham icchāmi nirghṛṇām
'Nicht möge der Morgen anbrechen' – das erflehe ich von dir, mit gefalteten Händen. Oder aber: Gehe rasch fort, ich will die Erbarmungslose nicht mehr sehen.
Wort für Wort na prabhātam tvayā icchāmi ich wünsche mir von dir, dass der Morgen nicht anbreche mayā ayam racitaḥ añjaliḥ von mir wird diese Gebärde gefalteter Hände dargebracht athavā gamyatām śīghram oder aber, gehe rasch fort na aham icchāmi nirghṛṇām ich will die Erbarmungslose nicht sehen atha vā gamyatām śīghram na aham icchāmi nirghṛṇām / nṛśaṃsām kaikeyīm draṣṭum yat kṛte vyasanam mahat
Oder gehe rasch fort – ich will die Grausame nicht mehr sehen, Kaikeyī, um derentwillen dieses große Unglück geschah.
Wort für Wort atha vā gamyatām śīghram oder aber, gehe rasch fort na aham icchāmi nirghṛṇām ich will die Erbarmungslose nicht sehen nṛśaṃsām kaikeyīm draṣṭum die grausame Kaikeyī zu sehen yat kṛte vyasanam mahat um derentwillen dieses große Unglück geschah evam uktvā tataḥ rājā kaikeyīm saṃyata-añjaliḥ / prasādayām āsa punaḥ kaikeyīm ca idam abravīt
Nachdem er dies gesagt hatte, versuchte der König, mit gefalteten Händen, Kaikeyī abermals zu besänftigen, und sprach zu ihr Folgendes.
Wort für Wort evam uktvā tataḥ rājā nachdem er dies gesagt hatte, der König kaikeyīm saṃyata-añjaliḥ zu Kaikeyī, mit gefalteten Händen prasādayām āsa punaḥ versuchte abermals zu besänftigen kaikeyīm ca idam abravīt und sprach dies zu Kaikeyī sādhu-vṛttasya dīnasya tvat-gatasya gata-āyuṣaḥ / prasādaḥ kriyatām devi bhadre rājñaḥ viśeṣataḥ
'Gewähre Gnade, o Herrin: dem redlich Handelnden, dem Elenden, der sich dir ergeben hat, dessen Lebenszeit verstrichen ist – Gnade sei dem König erwiesen, besonders, o Holde.'
Wort für Wort sādhu-vṛttasya dīnasya dem redlich Handelnden, dem Elenden tvat-gatasya gata-āyuṣaḥ der sich dir ergeben hat, dessen Lebenszeit verstrichen ist prasādaḥ kriyatām devi Gnade werde erwiesen, o Herrin bhadre rājñaḥ viśeṣataḥ o Holde, dem König insbesondere śūnyena khalu su-śroṇi mayā idam samudāhṛtam / kuru sādhu prasādam me bāle sahṛdayā hi asi
'Wahrlich, mit leerem Geist habe ich, o Schönhüftige, dies gesagt. Erweise mir gütig Gnade, Kindchen, denn du bist ja mitfühlenden Herzens.'
Wort für Wort śūnyena khalu su-śroṇi wahrlich, mit leerem Geist, o Schönhüftige mayā idam samudāhṛtam wurde dies von mir gesprochen kuru sādhu prasādam me erweise mir gütig Gnade bāle sahṛdayā hi asi Kindchen, du bist ja mitfühlenden Herzens prasīda devi rāmaḥ me tvat-dattam rājyam avyayam / labhatām asita-apāṅge yaśaḥ param avāpnuhi
'Sei mir gnädig, o Herrin: möge mein Rāma das von dir gewährte, unvergängliche Königreich erhalten, du mit den dunklen Augenwinkeln – erlange höchsten Ruhm.'
Wort für Wort prasīda devi rāmaḥ me sei mir gnädig, o Herrin, dass mein Rāma tvat-dattam rājyam avyayam das von dir gewährte, unvergängliche Königreich labhatām asita-apāṅge erlange, du mit den dunklen Augenwinkeln yaśaḥ param avāpnuhi erlange du höchsten Ruhm mama rāmasya lokasya gurūṇām bharatasya ca / priyam etat guru-śroṇi kuru cāru-mukha-īkṣaṇe
'Tu dies, was mir, Rāma, der Welt, den Lehrern und Bharata lieb ist, o Schwerhüftige mit dem schönen Antlitz und den schönen Augen.'
Wort für Wort mama rāmasya lokasya mir, Rāma, der Welt gurūṇām bharatasya ca den Lehrern und Bharata priyam etat guru-śroṇi dies Liebe, o Schwerhüftige kuru cāru-mukha-īkṣaṇe tu es, du mit schönem Antlitz und Augen viśuddha-bhāvasya su-duṣṭa-bhāvā dīnasya tāmra-aśru-kalasya rājñaḥ / śrutvā vicitram karuṇam vilāpam bhartuḥ nṛśaṃsā na cakāra vākyam
Doch sie, von durch und durch verdorbenem Sinn, hörte den seltsamen, mitleiderregenden Klageruf des Königs, der reinen Herzens, elend war und rötliche Tränen vergoss – und dennoch, die Grausame, gab sie ihrem Gatten keine Antwort.
Wort für Wort viśuddha-bhāvasya su-duṣṭa-bhāvā sie, von durch und durch verdorbenem Sinn, ihm gegenüber, der reinen Herzens war dīnasya tāmra-aśru-kalasya rājñaḥ des elenden Königs mit rötlichen Tränen śrutvā vicitram karuṇam vilāpam nachdem sie die seltsame, mitleiderregende Klage gehört hatte bhartuḥ nṛśaṃsā na cakāra vākyam gab die Grausame ihrem Gatten keine Antwort tataḥ sa rājā punaḥ eva mūrchitaḥ priyām atuṣṭām pratikūla-bhāṣiṇīm / samīkṣya putrasya vivāsanam prati kṣitau visaṃjñaḥ nipapāta duḥkhitaḥ
Da sank der König, seine Gemahlin betrachtend, die unzufrieden war und im Hinblick auf die Verbannung seines Sohnes feindselige Worte sprach, abermals bewusstlos, von Schmerz überwältigt, zu Boden.
Wort für Wort tataḥ sa rājā punaḥ eva mūrchitaḥ da sank der König abermals ohnmächtig priyām atuṣṭām pratikūla-bhāṣiṇīm die Gemahlin, unzufrieden, feindselig redend samīkṣya putrasya vivāsanam prati erblickend, im Hinblick auf die Verbannung des Sohnes kṣitau visaṃjñaḥ nipapāta duḥkhitaḥ fiel bewusstlos, von Schmerz überwältigt, zu Boden iti iva rājñaḥ vyathitasya sā niśā jagāma ghoram svasataḥ manasvinaḥ / vibodhyamānaḥ pratibodhanam tadā nivārayām āsa sa rāja-sattamaḥ
So verging jene schreckliche Nacht dem gequälten, seufzenden, hochgesinnten König; und als man ihn zum Erwachen drängte, wehrte der beste der Könige das Wecken ab.
Wort für Wort iti iva rājñaḥ vyathitasya so verging dem gequälten König sā niśā jagāma ghoram jene schreckliche Nacht svasataḥ manasvinaḥ dem seufzenden, hochgesinnten König vibodhyamānaḥ pratibodhanam tadā als er zum Erwachen gedrängt wurde nivārayām āsa sa rāja-sattamaḥ wehrte der beste der Könige es ab
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