Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Ayodhyākāṇḍa

Sarga 41: Ayodhyā Śoka Utpāta Varṇanam Die Frauen im Palast und das ganze Volk klagen über Rāmas Weggang; unheilvolle Vorzeichen erscheinen am Himmel, und die ganze Stadt Ayodhyā erbebt vor Kummer

tasmiṃs tu puruṣavyāghre viniryāti kṛtāñjalau | ārtaśabdo 'tha samjajñe strīṇām antaḥpure tadā ||

Als aber jener Tiger unter den Männern mit gefalteten Händen fortzog, da erhob sich ein Klageschrei im Frauengemach.

Wort für Wort
tasmin tu puruṣavyāghre
als jener Tiger unter den Männern aber
viniryāti kṛtāñjalau
mit gefalteten Händen fortzog
ārtaśabdaḥ atha samjajñe
da erhob sich ein Klageschrei
strīṇām antaḥpure tadā
im Frauengemach damals

anāthasya janasyāsya durbalasya tapasvinaḥ | yo gatiḥ śaraṇaṃ cāsīt sa nāthaḥ kva nu gacchati ||

Er, der die Zuflucht und der Schutz dieses hilflosen, schwachen, bedauernswerten Volkes war – wohin geht nun dieser unser Herr?

Wort für Wort
anāthasya janasya asya
dieses herrenlosen Volkes
durbalasya tapasvinaḥ
des schwachen, bedauernswerten
yaḥ gatiḥ śaraṇam ca āsīt
der Zuflucht und Schutz war
saḥ nāthaḥ kva nu gacchati
wohin geht nun jener Herr

na krudhyaty abhiśasto 'pi krodhanīyāni varjayan | kruddhān prasādayan sarvān samaduḥkhaḥ kva gacchati ||

Er, der nicht zürnt, selbst wenn er geschmäht wird, der Anlässe zum Zorn meidet, der alle Zürnenden besänftigt und in gleichem Leid mit uns steht – wohin geht er?

Wort für Wort
na krudhyati abhiśastaḥ api
er zürnt nicht, selbst geschmäht
krodhanīyāni varjayan
Zornanlässe meidend
kruddhān prasādayan sarvān
alle Zürnenden besänftigend
samaduḥkhaḥ kva gacchati
der Gleichleidende, wohin geht er

kausalyāyāṃ mahātejā yathā mātari vartate | tathā yo vartate 'smāsu mahātmā kva nu gacchati ||

Wie der Hochglänzende sich gegenüber seiner Mutter Kausalyā verhält, ebenso verhält sich der Großmütige uns gegenüber – wohin geht er nun?

Wort für Wort
kausalyāyām mahātejāḥ
der Hochglänzende gegenüber Kausalyā
yathā mātari vartate
wie er sich zur Mutter verhält
tathā yaḥ vartate asmāsu
ebenso wie er sich uns gegenüber verhält
mahātmā kva nu gacchati
wohin geht der Großmütige nun

kaikeyyā kliśyamānena rājñā saṃcodito vanam | paritrātā janasyāsya jagataḥ kva nu gacchati ||

Von Kaikeyī gequält, vom König in den Wald geschickt – wohin geht nun der Beschützer dieses Volkes, dieser Welt?

Wort für Wort
kaikeyyā kliśyamānena rājñā
vom durch Kaikeyī gequälten König
saṃcoditaḥ vanam
in den Wald geschickt
paritrātā janasya asya jagataḥ
der Beschützer dieses Volkes, dieser Welt
kva nu gacchati
wohin geht er nun

aho niścetano rājā jīvalokasya sampriyam | dharmyaṃ satyavrataṃ rāmaṃ vanavāsaṃ pravatsyati ||

Ach, wie gefühllos ist der König! Rāma, den dem Volk der Lebenden Liebsten, den Rechtschaffenen, den Wahrheitsgetreuen, lässt er nun im Wald wohnen.

Wort für Wort
aho niścetanaḥ rājā
ach, wie gefühllos der König
jīvalokasya sampriyam
der dem Volk der Lebenden Liebste
dharmyam satyavratam rāmam
der rechtschaffene, wahrheitsgetreue Rāma
vanavāsam pravatsyati
wird im Wald wohnen

iti sarvā mahiṣyas tā vivatsā iva dhenavaḥ | ruruduś caiva duḥkhārtāḥ sasvaraṃ ca vicukruśuḥ ||

So weinten all jene Königinnen, gleich Kühen, die ihrer Kälber beraubt sind, von Schmerz gepeinigt, und schrien laut auf.

Wort für Wort
iti sarvāḥ mahiṣyaḥ tāḥ
so alle jene Königinnen
vivatsāḥ iva dhenavaḥ
wie Kühe ohne Kälber
ruruduḥ ca eva duḥkhārtāḥ
weinten, von Leid gequält
sasvaram ca vicukruśuḥ
und schrien mit lauter Stimme

sa tam antaḥpure ghoram ārtaśabdaṃ mahīpatiḥ | putraśokābhisaṃtaptaḥ śrutvā cāsīt suduḥkhitaḥ ||

Als der Herr der Erde jenen schrecklichen Klageschrei im Frauengemach hörte, von Sohnesleid verbrannt, wurde er zutiefst betrübt.

Wort für Wort
saḥ tam antaḥpure ghoram ārtaśabdam
jenen schrecklichen Klageschrei im Frauengemach
mahīpatiḥ
der Herr der Erde
putraśokābhisaṃtaptaḥ
von Sohnesleid verbrannt
śrutvā ca āsīt suduḥkhitaḥ
hörend, wurde er zutiefst betrübt

nāgnihotrāṇy ahūyanta sūryaś cāntar adhīyata | vyasṛjan kabalān nāgā gāvo vatsān na pāyayan ||

Die Feueropfer wurden nicht dargebracht, die Sonne verbarg sich, die Elefanten ließen ihre Futterbissen fallen, die Kühe säugten ihre Kälber nicht.

Wort für Wort
na agnihotrāṇi ahūyanta
die Feueropfer wurden nicht dargebracht
sūryaḥ ca antaḥ adhīyata
und die Sonne verschwand
vyasṛjan kabalān nāgāḥ
die Elefanten ließen die Bissen fallen
gāvaḥ vatsān na pāyayan
die Kühe ließen die Kälber nicht trinken

vyasṛjan kabalān nāgā gāvo vatsān na pāyayan | putraṃ prathamajaṃ labdhvā jananī nābhyanandata ||

Die Elefanten ließen ihre Futterbissen fallen, die Kühe säugten ihre Kälber nicht; selbst eine Mutter, die ihren erstgeborenen Sohn empfing, freute sich nicht.

Wort für Wort
vyasṛjan kabalān nāgāḥ
die Elefanten ließen die Bissen fallen
gāvaḥ vatsān na pāyayan
die Kühe ließen die Kälber nicht trinken
putram prathamajam labdhvā
obwohl sie den erstgeborenen Sohn empfing
jananī na abhyanandata
freute sich die Mutter nicht

triśaṅkur lohitāṅgaś ca bṛhaspatibudhāv api | dāruṇāḥ somam abhyetya grahāḥ sarve vyavasthitāḥ ||

Triśaṅku, der rotglühende Mars, sowie Bṛhaspati und Budha, jene furchtbaren Planeten, näherten sich alle dem Mond und standen fest.

Wort für Wort
triśaṅkuḥ lohitāṅgaḥ ca
Triśaṅku und der Rotgliedrige (Mars)
bṛhaspatibudhau api
auch Bṛhaspati (Jupiter) und Budha (Merkur)
dāruṇāḥ somam abhyetya
die furchtbaren, sich dem Mond nähernd
grahāḥ sarve vyavasthitāḥ
alle Planeten standen fest

nakṣatrāṇi gatārcīṃṣi grahāś ca gatatejasaḥ | viśākhāś ca sadhūmāś ca nabhasi pracakāśire ||

Die Sternbilder verloren ihren Glanz, die Planeten ihren Schein; und die Viśākhā-Sterne erschienen rauchumwölkt am Himmel.

Wort für Wort
nakṣatrāṇi gatārcīṃṣi
die Sternbilder, deren Glanz gewichen war
grahāḥ ca gatatejasaḥ
und die Planeten, deren Glanz gewichen war
viśākhāḥ ca sadhūmāḥ ca
und die Viśākhās, rauchumwölkt
nabhasi pracakāśire
erschienen am Himmel

kālikānilavegena mahodadhir ivotthitaḥ | rāme vanaṃ pravrajite nagaraṃ pracacāla tat ||

Wie der große Ozean, von der Wucht des Sturmwinds der Zeit aufgewühlt, so erzitterte jene Stadt, als Rāma in den Wald zog.

Wort für Wort
kālikānilavegena
durch die Wucht des Zeitensturms
mahodadhiḥ iva utthitaḥ
wie das aufgewühlte große Meer
rāme vanam pravrajite
als Rāma in den Wald gezogen war
nagaram pracacāla tat
erzitterte jene Stadt

diśaḥ paryākulāḥ sarvāḥ stimireṇeva saṃvṛtāḥ | na graho nāpi nakṣatraṃ pracakāśe na kiṃcana ||

Alle Himmelsrichtungen waren verwirrt, wie von Finsternis bedeckt; kein Planet, kein Stern leuchtete, gar nichts.

Wort für Wort
diśaḥ paryākulāḥ sarvāḥ
alle Himmelsrichtungen verwirrt
stimireṇa iva saṃvṛtāḥ
wie von Dunkel bedeckt
na grahaḥ na api nakṣatram
kein Planet, kein Stern
pracakāśe na kiñcana
leuchtete, gar nichts

akasmān nāgaraḥ sarvo jano dainyam upāgamat | āhāre vā vihāre vā na kaścid akaron manaḥ ||

Plötzlich verfiel das ganze Stadtvolk in Elend; niemand richtete seinen Sinn mehr auf Essen oder Vergnügen.

Wort für Wort
akasmāt nāgaraḥ sarvaḥ janaḥ
plötzlich das ganze Stadtvolk
dainyam upāgamat
verfiel in Elend
āhāre vā vihāre vā
weder beim Essen noch beim Vergnügen
na kaścit akarot manaḥ
richtete niemand den Sinn darauf

śokaparyāyasaṃtaptaḥ satataṃ dīrgham ucchvasan | ayodhyāyāṃ janaḥ sarvaḥ śuśoca jagatīpatim ||

Von unablässigem Kummer verbrannt, ständig tief aufseufzend, trauerte das ganze Volk in Ayodhyā um den Herrn der Erde.

Wort für Wort
śokaparyāyasaṃtaptaḥ
von der Kette des Kummers verbrannt
satatam dīrgham ucchvasan
ständig tief seufzend
ayodhyāyām janaḥ sarvaḥ
das ganze Volk in Ayodhyā
śuśoca jagatīpatim
trauerte um den Herrn der Erde

bāṣpaparyākulamukho rājamārgagato janaḥ | na hṛṣṭo lakṣyate kaścit sarvaḥ śokaparāyaṇaḥ ||

Mit tränenüberströmtem Gesicht ging das Volk auf der Königsstraße; niemand war heiter zu sehen, alle waren dem Kummer verfallen.

Wort für Wort
bāṣpaparyākulamukhaḥ
mit tränenverwirrtem Gesicht
rājamārgagataḥ janaḥ
das auf der Königsstraße gehende Volk
na hṛṣṭaḥ lakṣyate kaścit
niemand wird als heiter erblickt
sarvaḥ śokaparāyaṇaḥ
alle dem Kummer ergeben

na vāti pavanaḥ śīto na śaśī saumyadarśanaḥ | na sūryas tapate lokaṃ sarvaṃ paryākulaṃ jagat ||

Kein kühler Wind wehte, der Mond zeigte kein mildes Antlitz mehr, die Sonne erwärmte die Welt nicht; die ganze Welt war in Aufruhr.

Wort für Wort
na vāti pavanaḥ śītaḥ
kein kühler Wind weht
na śaśī saumyadarśanaḥ
kein mild scheinender Mond
na sūryaḥ tapate lokam
die Sonne erwärmt die Welt nicht
sarvam paryākulam jagat
die ganze Welt ist in Aufruhr

anarthinaḥ sutāḥ strīṇāṃ bhartāro bhrātaras tathā | sarve sarvaṃ parityajya rāmam evānvacintayan ||

Söhne begehrten nichts mehr von ihren Müttern, Ehemänner nicht von ihren Frauen, ebenso die Brüder; alle, alles vergessend, dachten nur an Rāma.

Wort für Wort
anarthinaḥ sutāḥ strīṇām
die Söhne, nichts begehrend von den Frauen (Müttern)
bhartāraḥ bhrātaraḥ tathā
die Ehemänner, ebenso die Brüder
sarve sarvam parityajya
alle, alles verlassend
rāmam eva anvacintayan
dachten einzig an Rāma

ye tu rāmasya suhṛdaḥ sarve te mūḍhacetasaḥ | śokabhāreṇa cākrāntāḥ śayanaṃ na juhus tadā ||

Alle aber, die Rāmas Freunde waren, deren Sinn war verwirrt; von der Last des Kummers überwältigt, suchten sie damals ihr Lager nicht auf.

Wort für Wort
ye tu rāmasya suhṛdaḥ
die aber Rāmas Freunde waren
sarve te mūḍhacetasaḥ
alle jene mit verwirrtem Sinn
śokabhāreṇa ca ākrāntāḥ
und von der Last des Kummers überwältigt
śayanam na juhuḥ tadā
suchten damals das Lager nicht auf

tataḥ tv ayodhyā rahitā mahātmanā puraṃdareṇeva mahī saparvatā | cacāla ghoraṃ bhayabhārapīḍitā sanāgayodhāśvagaṇā nanāda ca ||

Da erbebte Ayodhyā, des Großmütigen beraubt, wie die Erde mit ihren Bergen, wenn sie Indras, des Purandara, beraubt wäre, furchtbar, von der Last der Angst gequält, und die Scharen von Elefanten, Kriegern und Rossen brüllten auf.

Wort für Wort
tataḥ tu ayodhyā rahitā mahātmanā
da aber Ayodhyā, des Großmütigen beraubt
puraṃdareṇa iva mahī saparvatā
wie die Erde mit ihren Bergen, Indras beraubt
cacāla ghoram bhayabhārapīḍitā
erbebte furchtbar, von der Last der Angst gequält
sanāgayodhāśvagaṇā nanāda ca
und die Scharen von Elefanten, Kriegern und Rossen erdröhnten

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