Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Ayodhyākāṇḍa

Sarga 28: Rāma Vana Doṣa Varṇanam Rāma schildert Sītā ausführlich die Mühsale und Gefahren des Waldlebens, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen, doch sie lässt sich nicht überzeugen

sa evam bruvatīm sītām dharmajño dharma-vatsalaḥ | nivartana-arthe dharma-ātmā vākyam etat uvāca ha ||

Zu Sītā, die so sprach, sagte der Kenner des Dharma, der dem Dharma Zugetane, der Dharma-Gesinnte, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen, dieses Wort:

Wort für Wort
sa evam bruvatīm sītām
zu Sītā, die so sprach
dharmajño dharma-vatsalaḥ
der Kenner des Dharma, der dem Dharma Zugetane
nivartana-arthe dharma-ātmā
der Dharma-Gesinnte, um sie abzubringen
vākyam etat uvāca ha
sprach er dieses Wort

sāntvayitvā punaḥ tām tu bāṣpa-dūṣita-locanām | nivartana-arthe dharmātmā vākyam etat uvāca ha ||

Nachdem er sie, deren Augen von Tränen getrübt waren, wiederum besänftigt hatte, sprach der Dharma-Gesinnte, um sie abzubringen, dieses Wort:

Wort für Wort
sāntvayitvā punaḥ tām tu
nachdem er sie wiederum besänftigt hatte
bāṣpa-dūṣita-locanām
deren Augen von Tränen getrübt waren
nivartana-arthe dharmātmā
der Dharma-Gesinnte, um sie abzubringen
vākyam etat uvāca ha
sprach er dieses Wort

sīte mahā-kulīnā asi dharme ca niratā sadā | iha ācara sva-dharmam tvam mā yathā manasaḥ sukham ||

Sītā, du entstammst hohem Geschlecht und bist stets dem Dharma zugetan; übe hier deinen eigenen Dharma, so wie es deinem Gemüt zum Glück gereicht.

Wort für Wort
sīte mahā-kulīnā asi
Sītā, du entstammst hohem Geschlecht
dharme ca niratā sadā
und bist stets dem Dharma zugetan
iha ācara sva-dharmam tvam
übe hier deinen eigenen Dharma
mā yathā manasaḥ sukham
wie es deinem Gemüt zum Glück gereicht

sīte yathā tvām vakṣyāmi tathā kāryam tvayā abale | vane doṣā hi bahavo vadataḥ tān nibodha me ||

Sītā, wie ich es dir sagen werde, so sollst du handeln, Schwache; denn im Wald gibt es viele Übel – vernimm sie von mir, der ich sie dir sage.

Wort für Wort
sīte yathā tvām vakṣyāmi
Sītā, wie ich dir sagen werde
tathā kāryam tvayā abale
so soll von dir gehandelt werden, Schwache
vane doṣā hi bahavo
denn im Wald gibt es viele Übel
vadataḥ tān nibodha me
vernimm sie von mir, der ich sie sage

sīte vimucyatām eṣā vana-vāsa-kṛtā matiḥ | bahu-doṣam hi kāntāram vanam iti abhidhīyate ||

Sītā, lass ab von diesem auf den Waldaufenthalt gerichteten Entschluss; die Wildnis, so heißt es, birgt viele Übel, darum nennt man sie „Wald“.

Wort für Wort
sīte vimucyatām eṣā
Sītā, lass ab von diesem
vana-vāsa-kṛtā matiḥ
auf den Waldaufenthalt gerichteten Entschluss
bahu-doṣam hi kāntāram
denn die Wildnis birgt viele Übel
vanam iti abhidhīyate
so wird sie „Wald“ genannt

hita-buddhyā khalu vaco mayā etat abhidhīyate | sadā sukham na jānāmi duḥkham eva sadā vanam ||

Mit wohlwollender Absicht spreche ich dieses Wort; ich kenne dort kein stetiges Glück, nur stetes Leid ist der Wald.

Wort für Wort
hita-buddhyā khalu vaco
mit wohlwollender Absicht dieses Wort
mayā etat abhidhīyate
wird von mir gesagt
sadā sukham na jānāmi
stetes Glück kenne ich nicht
duḥkham eva sadā vanam
stets nur Leid ist der Wald

giri-nirjhara-sambhūtā giri-kandara-vāsinām | siṃhānām ninadā duḥkhāḥ śrotum duḥkham ataḥ vanam ||

Das Gebrüll der in Bergschluchten hausenden Löwen, entstanden aus den Bergwasserfällen, ist leidvoll zu hören – darum ist der Wald voller Leid.

Wort für Wort
giri-nirjhara-sambhūtā
entstanden aus den Bergwasserfällen
giri-kandara-vāsinām siṃhānām ninadā
das Gebrüll der in Bergschluchten hausenden Löwen
duḥkhāḥ śrotum
leidvoll zu hören
duḥkham ataḥ vanam
darum ist der Wald voller Leid

krīḍamānāḥ ca visrabdhā mattāḥ śūnye mahā-mṛgāḥ | dṛṣṭvā samabhivartante sīte duḥkham ataḥ vanam ||

Spielende, sorglose, trunkene große wilde Tiere kommen in der Öde, wenn sie einen erblicken, auf ihn zu – Sītā, darum ist der Wald voller Leid.

Wort für Wort
krīḍamānāḥ ca visrabdhā
spielend und sorglos
mattāḥ śūnye mahā-mṛgāḥ
trunkene große Tiere in der Öde
dṛṣṭvā samabhivartante
kommen, wenn sie jemanden erblicken, auf ihn zu
sīte duḥkham ataḥ vanam
Sītā, darum ist der Wald voller Leid

sa-grāhāḥ saritaḥ caiva paṅka-vatyaḥ ca dustarāḥ | mattaiḥ api gajaiḥ nityam ataḥ duḥkhataram vanam ||

Flüsse voller Krokodile und voll Schlamm, schwer zu durchqueren, ständig von brünstigen Elefanten durchzogen – darum ist der Wald noch leidvoller.

Wort für Wort
sa-grāhāḥ saritaḥ caiva
Flüsse voller Krokodile
paṅka-vatyaḥ ca dustarāḥ
und schlammig, schwer zu durchqueren
mattaiḥ api gajaiḥ nityam
ständig auch von brünstigen Elefanten
ataḥ duḥkhataram vanam
darum ist der Wald noch leidvoller

latā-kaṇṭaka-sampūrṇāḥ kṛkavāku-upanāditāḥ | nirapāḥ ca su-durgāḥ ca mārgā duḥkham ataḥ vanam ||

Von Schlingpflanzendornen erfüllte, vom Ruf der Frankoline widerhallende, wasserlose und überaus schwer begehbare Pfade – darum ist der Wald voller Leid.

Wort für Wort
latā-kaṇṭaka-sampūrṇāḥ
von Schlingpflanzendornen erfüllte
kṛkavāku-upanāditāḥ
vom Ruf der Frankoline widerhallende
nirapāḥ ca su-durgāḥ ca mārgā
wasserlose und überaus schwer begehbare Pfade
duḥkham ataḥ vanam
darum ist der Wald voller Leid

supyate parṇa-śayyāsu svayam bhagnāsu bhū-tale | rātriṣu śrama-khinnena tasmāt duḥkhataram vanam ||

Man schläft auf Laubbetten, die man selbst zubereitet hat, auf dem Erdboden, nachts, erschöpft von Anstrengung – darum ist der Wald noch leidvoller.

Wort für Wort
supyate parṇa-śayyāsu
man schläft auf Laubbetten
svayam bhagnāsu bhū-tale
selbst zubereitet, auf dem Erdboden
rātriṣu śrama-khinnena
nachts, erschöpft von Anstrengung
tasmāt duḥkhataram vanam
darum ist der Wald noch leidvoller

ahorātram ca santoṣaḥ kartavyo niyata-ātmanā | phalaiḥ vṛkṣāt apatitaiḥ sīte duḥkham ataḥ vanam ||

Tag und Nacht muss der Selbstbeherrschte sich mit den vom Baum gefallenen Früchten zufriedengeben – Sītā, darum ist der Wald voller Leid.

Wort für Wort
ahorātram ca santoṣaḥ kartavyo niyata-ātmanā
Tag und Nacht muss der Selbstbeherrschte Genügsamkeit üben
phalaiḥ vṛkṣāt apatitaiḥ
mit den vom Baum gefallenen Früchten
sīte duḥkham ataḥ vanam
Sītā, darum ist der Wald voller Leid

upavāsaḥ ca kartavyaḥ yathā-prāṇena maithili | jaṭā-bhāraḥ ca kartavyo valkala-ambara-dhāriṇā ||

Fasten muss nach Kräften geübt werden, Maithilī, und die Last der Flechtenhaare muss von dem getragen werden, der Bastgewand als Kleidung trägt.

Wort für Wort
upavāsaḥ ca kartavyaḥ
Fasten muss geübt werden
yathā-prāṇena maithili
nach Kräften, Maithilī
jaṭā-bhāraḥ ca kartavyo
und die Last der Flechtenhaare muss getragen werden
valkala-ambara-dhāriṇā
von dem, der Bastgewand als Kleidung trägt

devatānām pitṝṇām ca kartavyam vidhi-pūrvakam | prāptānām atithīnām ca nityaśaḥ pratipūjanam ||

Den Göttern und den Vorfahren muss vorschriftsmäßig gedient werden, und den ankommenden Gästen muss stets Ehrerbietung erwiesen werden.

Wort für Wort
devatānām pitṝṇām ca
den Göttern und den Vorfahren
kartavyam vidhi-pūrvakam
muss vorschriftsmäßig gedient werden
prāptānām atithīnām ca
und den ankommenden Gästen
nityaśaḥ pratipūjanam
stets Ehrerbietung

kāryaḥ trī-abhiṣekaḥ ca kāle kāle ca nityaśaḥ | caratā niyamena eva tasmāt duḥkhataram vanam ||

Das dreimalige rituelle Bad muss zur rechten Zeit, immer wieder, von dem vollzogen werden, der die Gelübde einhält – darum ist der Wald noch leidvoller.

Wort für Wort
kāryaḥ trī-abhiṣekaḥ ca
das dreimalige Bad muss vollzogen werden
kāle kāle ca nityaśaḥ
zur rechten Zeit, immer wieder
caratā niyamena eva
von dem, der die Gelübde einhält
tasmāt duḥkhataram vanam
darum ist der Wald noch leidvoller

upahāraḥ ca kartavyaḥ kusumaiḥ svayam āhṛtaiḥ | ārṣeṇa vidhinā vedyām bāle duḥkham ataḥ vanam ||

Eine Opfergabe muss mit selbst gesammelten Blumen auf dem Altar nach der Weise der Seher dargebracht werden – Kind, darum ist der Wald voller Leid.

Wort für Wort
upahāraḥ ca kartavyaḥ
eine Opfergabe muss dargebracht werden
kusumaiḥ svayam āhṛtaiḥ
mit selbst gesammelten Blumen
ārṣeṇa vidhinā vedyām
nach der Weise der Seher auf dem Altar
bāle duḥkham ataḥ vanam
Kind, darum ist der Wald voller Leid

yathā-labdhena kartavyaḥ santoṣaḥ tena maithili | yata-āhāraiḥ vana-caraiḥ sīte duḥkham ataḥ vanam ||

Mit dem, was man zufällig erlangt, muss man sich zufriedengeben, Maithilī, mit gezügelter Nahrung, wie die Waldbewohner – Sītā, darum ist der Wald voller Leid.

Wort für Wort
yathā-labdhena kartavyaḥ santoṣaḥ tena maithili
mit dem zufällig Erlangten muss man sich zufriedengeben, Maithilī
yata-āhāraiḥ vana-caraiḥ
mit gezügelter Nahrung, wie die Waldwanderer
sīte duḥkham ataḥ vanam
Sītā, darum ist der Wald voller Leid

atīva vātaḥ timiram bubhukṣā ca atra nityaśaḥ | bhayāni ca mahānti atra tataḥ duḥkhataram vanam ||

Heftiger Wind, Dunkelheit und ständiger Hunger sind dort, und große Gefahren sind dort – darum ist der Wald noch leidvoller.

Wort für Wort
atīva vātaḥ timiram
heftiger Wind, Dunkelheit
bubhukṣā ca atra nityaśaḥ
und ständiger Hunger dort
bhayāni ca mahānti atra
und große Gefahren dort
tataḥ duḥkhataram vanam
darum ist der Wald noch leidvoller

sarīsṛpāḥ ca bahavo bahu-rūpāḥ ca bhāmini | caranti pṛthivīm darpāt ataḥ duḥkhataram vanam ||

Viele kriechende Tiere von vielfältiger Gestalt durchziehen voller Übermut die Erde, Schöne – darum ist der Wald noch leidvoller.

Wort für Wort
sarīsṛpāḥ ca bahavo
viele kriechende Tiere
bahu-rūpāḥ ca bhāmini
und von vielfältiger Gestalt, Schöne
caranti pṛthivīm darpāt
durchziehen voller Übermut die Erde
ataḥ duḥkhataram vanam
darum ist der Wald noch leidvoller

nadī-nilayanāḥ sarpā nadī-kuṭila-gāminaḥ | tiṣṭhanti āvṛtya panthānam ataḥ duḥkhataram vanam ||

In Flüssen hausende Schlangen, die sich in Flusskrümmungen gewunden bewegen, versperren den Weg – darum ist der Wald noch leidvoller.

Wort für Wort
nadī-nilayanāḥ sarpā
in Flüssen hausende Schlangen
nadī-kuṭila-gāminaḥ
die sich in Flusskrümmungen bewegen
tiṣṭhanti āvṛtya panthānam
stehen den Weg versperrend
ataḥ duḥkhataram vanam
darum ist der Wald noch leidvoller

pataṃgā vṛścikāḥ kīṭā daṃśāḥ ca maśakaiḥ saha | bādhante nityam abale sarvam duḥkham ataḥ vanam ||

Fliegen, Skorpione, Insekten und Bremsen zusammen mit Mücken plagen ständig, Schwache – alles ist Leid, darum ist der Wald voller Leid.

Wort für Wort
pataṃgā vṛścikāḥ kīṭā
Fliegen, Skorpione, Insekten
daṃśāḥ ca maśakaiḥ saha
und Bremsen zusammen mit Mücken
bādhante nityam abale
plagen ständig, Schwache
sarvam duḥkham ataḥ vanam
alles ist Leid, darum ist der Wald voller Leid

drumāḥ kaṇṭakinaḥ caiva kuśa-kāśāḥ ca bhāmini | vane vyākula-śākha-agrāḥ tena duḥkhataram vanam ||

Dornige Bäume und Kuśa- und Kāśa-Gräser, mit wirr verzweigten Zweigspitzen im Wald – darum ist der Wald noch leidvoller.

Wort für Wort
drumāḥ kaṇṭakinaḥ caiva
dornige Bäume
kuśa-kāśāḥ ca bhāmini
und Kuśa- und Kāśa-Gräser, Schöne
vane vyākula-śākha-agrāḥ
im Wald mit wirr verzweigten Zweigspitzen
tena duḥkhataram vanam
darum ist der Wald noch leidvoller

kāya-kleśāḥ ca bahavo bhayāni vividhāni ca | araṇya-vāse vasato duḥkham eva tataḥ vanam ||

Viele körperliche Mühsale und mannigfaltige Gefahren gibt es für den, der im Wald wohnt – nur Leid ist darum der Wald.

Wort für Wort
kāya-kleśāḥ ca bahavo
viele körperliche Mühsale
bhayāni vividhāni ca
und mannigfaltige Gefahren
araṇya-vāse vasato
für den, der im Wald wohnt
duḥkham eva tataḥ vanam
nur Leid ist darum der Wald

krodha-lobhau vimoktavyau kartavyā tapase matiḥ | na bhetavyam ca bhetavye nityam duḥkham ataḥ vanam ||

Zorn und Gier muss man ablegen, den Sinn auf Askese richten, und darf sich nicht fürchten, wo Furcht angebracht wäre – stets ist darum der Wald voller Leid.

Wort für Wort
krodha-lobhau vimoktavyau
Zorn und Gier müssen abgelegt werden
kartavyā tapase matiḥ
der Sinn muss auf Askese gerichtet werden
na bhetavyam ca bhetavye
und man darf sich nicht fürchten, wo Furcht wäre
nityam duḥkham ataḥ vanam
stets ist darum der Wald voller Leid

tat alam te vanam gatvā kṣamam na hi vanam tava | vimṛśan iha paśyāmi bahu-doṣataram vanam ||

Darum genug damit, in den Wald zu gehen – der Wald ist für dich nicht geeignet; wenn ich es hier bedenke, sehe ich den Wald als äußerst übelreich.

Wort für Wort
tat alam te vanam gatvā
darum genug damit, in den Wald zu gehen
kṣamam na hi vanam tava
der Wald ist für dich nicht geeignet
vimṛśan iha paśyāmi
wenn ich es hier bedenke, sehe ich
bahu-doṣataram vanam
den Wald als äußerst übelreich

vanam tu netum na kṛtā matiḥ tadā | babhūva rāmeṇa yadā mahātmanā | na tasya sītā vacanam cakāra tat | tataḥ abravīd rāmam idam su-duḥkhitā ||

Als aber der hochgesinnte Rāma damals den Entschluss fasste, sie nicht in den Wald mitzunehmen, da folgte Sītā diesem seinem Wort nicht, und sie sprach darauf, tief betrübt, zu Rāma dies:

Wort für Wort
vanam tu netum na kṛtā matiḥ tadā
der Entschluss, sie nicht in den Wald mitzunehmen
babhūva rāmeṇa yadā mahātmanā
wurde damals vom hochgesinnten Rāma gefasst
na tasya sītā vacanam cakāra tat
diesem seinem Wort folgte Sītā nicht
tataḥ abravīd rāmam idam su-duḥkhitā
darauf sprach sie, tief betrübt, zu Rāma dies

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