Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Ayodhyākāṇḍa

Sarga 60: Sūta Kausalyā Sāntvanam Kausalyā verlangt verzweifelt danach, zu Rāma gebracht zu werden; Sumantra tröstet sie mit der Schilderung, wie gelassen und liebevoll Sītā das Waldleben an Rāmas Seite erträgt, doch die Königin hört nicht auf, um ihren Sohn zu klagen

tato bhūtopasṛṣṭeva vepamānā punaḥ punaḥ | dharaṇyāṃ gatasattveva kausalyā sūtam abravīt ||

Da sprach Kausalyā, immer wieder zitternd wie von einem Geistwesen befallen, ihrer Sinne beraubt zu Boden gesunken, zum Wagenlenker:

Wort für Wort
tato bhūtopasṛṣṭeva
da, wie von einem Geistwesen befallen
vepamānā punaḥ punaḥ
immer wieder zitternd
dharaṇyāṃ gatasattveva
zu Boden, ihrer Sinne beraubt
kausalyā sūtam abravīt
sprach Kausalyā zum Wagenlenker

naya māṃ yatra kākutsthaḥ sītā yatra ca lakṣmaṇaḥ | tān vinā kṣaṇam apy atra jīvituṃ notsahe hy aham ||

'Bring mich dorthin, wo der Nachkomme des Kakutstha ist, wo Sītā und Lakṣmaṇa sind; ohne sie kann ich hier nicht einmal einen Augenblick zu leben ertragen.'

Wort für Wort
naya māṃ yatra kākutsthaḥ
bring mich dorthin, wo der Nachkomme des Kakutstha ist
sītā yatra ca lakṣmaṇaḥ
wo Sītā und Lakṣmaṇa [sind]
tān vinā kṣaṇam apy atra
ohne sie, auch nur einen Augenblick, hier
jīvituṃ notsahe hy aham
kann ich nicht zu leben ertragen

nivartaya rathaṃ śīghraṃ daṇḍakān naya mām api | atha tān nānugacchāmi gamiṣyāmi yamakṣayam ||

'Wende den Wagen rasch um, bring mich in die Daṇḍaka-Wälder; wenn ich ihnen nicht folgen kann, werde ich zur Wohnstatt Yamas eingehen.'

Wort für Wort
nivartaya rathaṃ śīghram
wende den Wagen rasch um
daṇḍakān naya mām api
bring mich auch in die Daṇḍaka-Wälder
atha tān nānugacchāmi
wenn ich ihnen nicht folgen kann
gamiṣyāmi yamakṣayam
werde ich zur Wohnstatt Yamas eingehen

bāṣpavegopahatayā sa vācā sajjamānayā | idam āśvāsayan devīm sūtaḥ prāñjalir abravīt ||

Mit vom Andrang der Tränen erstickter, stockender Stimme sprach der Wagenlenker, die Hände gefaltet, diese tröstenden Worte zu der Königin:

Wort für Wort
bāṣpavegopahatayā
von dem Andrang der Tränen erstickt
sa vācā sajjamānayā
mit dieser stockenden Stimme
idam āśvāsayan devīm
dies die Königin tröstend
sūtaḥ prāñjalir abravīt
sprach der Wagenlenker, die Hände gefaltet

tyaja śokaṃ ca mohaṃ ca saṃbhramaṃ duḥkhajaṃ tathā | vyapohya ca saṃtāpaṃ vane vatsyati rāghavaḥ ||

'Lass Kummer, Verwirrung und die aus Schmerz geborene Bestürzung fahren; den Kummer abschüttelnd, wird der Sohn des Raghu im Wald wohnen.'

Wort für Wort
tyaja śokaṃ ca mohaṃ ca
lass Kummer und Verwirrung fahren
saṃbhramaṃ duḥkhajaṃ tathā
und die aus Schmerz geborene Bestürzung
vyapohya ca saṃtāpam
den Kummer abschüttelnd
vane vatsyati rāghavaḥ
wird der Sohn des Raghu im Wald wohnen

lakṣmaṇaś ca api rāmasya pādau paricaran vane | ārādhayati dharmajñaḥ paralokaṃ jitendriyaḥ ||

'Und Lakṣmaṇa, der die Füße Rāmas im Wald bedient, der das Recht kennt und seine Sinne beherrscht, erwirbt sich dadurch die andere Welt.'

Wort für Wort
lakṣmaṇaś ca api rāmasya
und auch Lakṣmaṇa, Rāmas
pādau paricaran vane
die Füße bedienend im Wald
ārādhayati dharmajñaḥ
erwirbt der das Recht Kennende
paralokaṃ jitendriyaḥ
die andere Welt, seine Sinne beherrschend

vijane 'pi vane sītā vāsaṃ prāpya gṛheṣv iva | visrambhaṃ labhate 'bhītā rāme sannyastamānasā ||

'Auch im einsamen Wald hat Sītā, dort wohnend wie zu Hause, Vertrauen gewonnen und ist furchtlos, ihren Sinn ganz auf Rāma gerichtet.'

Wort für Wort
vijane 'pi vane sītā
auch im einsamen Wald, Sītā
vāsaṃ prāpya gṛheṣv iva
dort wohnend, wie zu Hause
visrambhaṃ labhate 'bhītā
gewinnt Vertrauen, furchtlos
rāme sannyastamānasā
ihren Sinn ganz auf Rāma gerichtet

nāsyā dainyaṃ kṛtaṃ kiṃcit susūkṣmam api lakṣaye | uciteva pravāsānāṃ vaidehī pratibhāti mām ||

'Ich sehe an ihr keine Spur von Elend, auch nicht die geringste; die Vaidehī erscheint mir, als sei sie an solches Wanderleben gewöhnt.'

Wort für Wort
nāsyā dainyaṃ kṛtaṃ kiṃcit
ich sehe an ihr keinerlei Elend
susūkṣmam api lakṣaye
auch nicht die geringste Spur
uciteva pravāsānām
als sei sie an solches Wandern gewöhnt
vaidehī pratibhāti mām
erscheint mir die Vaidehī

nagaropavanaṃ gatvā yathā sma ramate purā | tathaiva ramate sītā nirjaneṣu vaneṣv api ||

'Wie sie sich einst freute, wenn sie einen Stadtgarten aufsuchte, ebenso freut sich Sītā auch in den einsamen Wäldern.'

Wort für Wort
nagaropavanaṃ gatvā
zu einem Stadtgarten gehend
yathā sma ramate purā
wie sie sich einst freute
tathaiva ramate sītā
ebenso freut sich Sītā
nirjaneṣu vaneṣv api
auch in den einsamen Wäldern

bālevaramate sītā bālacandranibhānanā | rāmā rāme hy adīnātmā vijane 'pi vane satī ||

'Wie ein Kind vergnügt sich Sītā, deren Antlitz dem jungen Mond gleicht; an Rāma erfreut, unverzagten Gemüts, ist sie es, auch im einsamen Wald weilend.'

Wort für Wort
bāleva ramate sītā
wie ein Kind vergnügt sich Sītā
bālacandranibhānanā
deren Antlitz dem jungen Mond gleicht
rāmā rāme hy adīnātmā
an Rāma erfreut, unverzagten Gemüts
vijane 'pi vane satī
auch im einsamen Wald weilend

tadgataṃ hṛdayaṃ hy asyāḥ tadadhīnaṃ ca jīvitam | ayodhyāpi bhavet tasyā rāmahīnā tathā vanam ||

'Denn ihr Herz ist ganz auf ihn gerichtet, und ihr Leben hängt ganz von ihm ab; selbst Ayodhyā wäre ihr ohne Rāma wie ein Wald, ebenso [wäre der Wald mit ihm wie Ayodhyā].'

Wort für Wort
tadgataṃ hṛdayaṃ hy asyāḥ
denn ihr Herz ist ganz auf ihn gerichtet
tadadhīnaṃ ca jīvitam
und ihr Leben hängt ganz von ihm ab
ayodhyāpi bhavet tasyā
selbst Ayodhyā wäre ihr
rāmahīnā tathā vanam
ohne Rāma wie ein Wald

paripṛcchati vaidehī grāmāṃś ca nagarāṇi ca | gatiṃ dṛṣṭvā nadīnāṃ ca pādapān vividhān api ||

'Die Vaidehī fragt nach den Dörfern und Städten, wenn sie den Lauf der Flüsse betrachtet, und auch nach den mancherlei Bäumen.'

Wort für Wort
paripṛcchati vaidehī
es fragt die Vaidehī
grāmāṃś ca nagarāṇi ca
nach Dörfern und Städten
gatiṃ dṛṣṭvā nadīnāṃ ca
den Lauf der Flüsse betrachtend
pādapān vividhān api
auch nach den mancherlei Bäumen

rāmaṃ hi lakṣmaṇaṃ vāpi pṛṣṭvā jānāti jānatī | ayodhyākrośamātre tu vihāram iva saṃśritā ||

'Da sie es weiß, fragt sie doch Rāma oder auch Lakṣmaṇa danach, wie um Bestätigung; es ist, als hätte sie nur einen Lustpark in der Nähe von Ayodhyā aufgesucht.'

Wort für Wort
rāmaṃ hi lakṣmaṇaṃ vāpi
Rāma oder auch Lakṣmaṇa
pṛṣṭvā jānāti jānatī
fragend, obwohl sie es weiß, erfährt sie es [bestätigt]
ayodhyākrośamātre tu
nur in der Nähe von Ayodhyā
vihāram iva saṃśritā
als hätte sie einen Lustpark aufgesucht

idam eva smarāmy asyāḥ sahasaivopajalpitam | kaikeyīsaṃśritaṃ vākyaṃ nedānīm pratibhāti mām ||

'Ich erinnere mich nur an dies, was sie einst plötzlich sagte: jenes auf Kaikeyī bezogene Wort erscheint mir jetzt nicht mehr [als zutreffend].'

Wort für Wort
idam eva smarāmy asyāḥ
nur an dies erinnere ich mich von ihr
sahasaivopajalpitam
was sie plötzlich einmal sagte
kaikeyīsaṃśritaṃ vākyam
das auf Kaikeyī bezogene Wort
nedānīm pratibhāti mām
erscheint mir jetzt nicht mehr [zutreffend]

dhvaṃsayitvā tu tad vākyaṃ pramādāt paryupasthitam | hlādanaṃ vacanaṃ sūto devyā madhuram abravīt ||

Nachdem er jenes aus Unachtsamkeit aufgekommene Wort zerstreut hatte, sprach der Wagenlenker der Königin diese erfreuenden, süßen Worte:

Wort für Wort
dhvaṃsayitvā tu tad vākyam
jenes Wort aber zerstreuend
pramādāt paryupasthitam
das aus Unachtsamkeit aufgekommen war
hlādanaṃ vacanaṃ sūtaḥ
erfreuende Worte, der Wagenlenker
devyā madhuram abravīt
sprach der Königin süß

adhvanā vātavegena saṃbhrameṇātapena ca | na hi gacchati vaidehyāḥ candrāṃśusadṛśī prabhā ||

'Weder durch den Weg, noch durch den Ansturm des Windes, noch durch Aufregung, noch durch die Hitze verschwindet der dem Mondlicht gleiche Glanz der Vaidehī.'

Wort für Wort
adhvanā vātavegena
durch den Weg, durch den Ansturm des Windes
saṃbhrameṇātapena ca
durch Aufregung und durch die Hitze
na hi gacchati vaidehyāḥ
verschwindet nicht der Vaidehī
candrāṃśusadṛśī prabhā
dem Mondlicht gleiche Glanz

sadṛśaṃ śatapatrasya pūrṇacandropamaprabham | vadanaṃ tad vadānyāyā vaidehyā na vikampate ||

'Das Antlitz jener freigebigen Vaidehī, gleich einem Lotus, von der Pracht des Vollmonds, ist unverändert geblieben.'

Wort für Wort
sadṛśaṃ śatapatrasya
gleich einem Lotus
pūrṇacandropamaprabham
von der Pracht wie der Vollmond
vadanaṃ tad vadānyāyā
jenes Antlitz der Freigebigen
vaidehyā na vikampate
der Vaidehī bleibt unverändert

alaktarasaraktābhāv alaktarasavarjitau | adyāpi caraṇau tasyāḥ padmakośasamaprabhau ||

'Ihre beiden Füße, ganz ohne roten Lackfarbstoff, erscheinen dennoch, wie mit rotem Lackfarbstoff gefärbt, noch heute wie Lotusknospen von gleichem Glanz.'

Wort für Wort
alaktarasaraktābhāv
in der Erscheinung wie mit rotem Lackfarbstoff gefärbt
alaktarasavarjitau
obwohl ohne roten Lackfarbstoff
adyāpi caraṇau tasyāḥ
noch heute ihre beiden Füße
padmakośasamaprabhau
von gleichem Glanz wie Lotusknospen

nūpuroddhuṣṭahelaiva khelaṃ gacchati bhāminī | idānīm api vaidehī tadrāgānyastabhūṣaṇā ||

'Wie beim spielerischen Klingen ihrer Fußreifen ehedem geht die Schöne noch immer dahin; auch jetzt, ihren Schmuck aus Liebe zu ihm abgelegt, bleibt die Vaidehī ebenso reizvoll.'

Wort für Wort
nūpuroddhuṣṭahelaiva
wie beim spielerischen Klingen der Fußreifen
khelaṃ gacchati bhāminī
geht die Schöne spielerisch dahin
idānīm api vaidehī
auch jetzt die Vaidehī
tadrāgānyastabhūṣaṇā
ihren Schmuck aus Liebe zu ihm abgelegt

gajaṃ vā vīkṣya siṃhaṃ vā vyāghraṃ vā vanam āśritā | nāhārayati saṃtrāsaṃ bāhū rāmasya saṃśritā ||

'Erblickt sie im Wald einen Elefanten, einen Löwen oder einen Tiger, so empfindet sie keine Furcht, geborgen in den Armen Rāmas.'

Wort für Wort
gajaṃ vā vīkṣya siṃhaṃ vā
einen Elefanten oder einen Löwen erblickend
vyāghraṃ vā vanam āśritā
oder einen Tiger, im Wald weilend
nāhārayati saṃtrāsam
empfindet sie keine Furcht
bāhū rāmasya saṃśritā
geborgen in den Armen Rāmas

na śocyās te na ca ātmā te śocyo na api janādhipaḥ | idaṃ hi caritaṃ loke pratiṣṭhāsyati śāśvatam ||

'Nicht sind sie zu beklagen, noch bist du selbst zu beklagen, noch auch der Herrscher der Menschen; denn dieses Tun wird in der Welt für immer Bestand haben.'

Wort für Wort
na śocyās te
nicht sind sie zu beklagen
na ca ātmā te śocyaḥ
noch bist du selbst zu beklagen
na api janādhipaḥ
noch auch der Herrscher der Menschen
idaṃ hi caritaṃ loke pratiṣṭhāsyati śāśvatam
denn dieses Tun wird in der Welt für immer Bestand haben

vidhūya śokaṃ parihṛṣṭamānasāḥ maharṣiyāte pathi suvyavasthitāḥ | vane ratā vanyaphalāśanāḥ pituḥ śubhāṃ pratijñāṃ paripālayanti te ||

'Den Kummer abschüttelnd, frohen Gemüts, fest auf dem vom großen Weisen gewiesenen Pfad, am Waldleben Freude findend, von wilden Früchten lebend, erfüllen sie die heilvolle Zusage des Vaters.'

Wort für Wort
vidhūya śokaṃ parihṛṣṭamānasāḥ
den Kummer abschüttelnd, frohen Gemüts
maharṣiyāte pathi suvyavasthitāḥ
fest auf dem vom großen Weisen gewiesenen Pfad
vane ratā vanyaphalāśanāḥ
am Waldleben Freude findend, von wilden Früchten lebend
pituḥ śubhāṃ pratijñāṃ paripālayanti te
erfüllen sie die heilvolle Zusage des Vaters

tathāpi sūtena suyuktavādinā nivāryamāṇā sutaśokakarśitā | na caiva devī virarāma kūjitāt priyeti putreti ca rāghaveti ca ||

Doch obwohl sie von dem Wagenlenker mit wohlgesetzten Worten besänftigt wurde, hörte die vom Kummer um den Sohn erschöpfte Königin nicht auf zu klagen: 'O Geliebter!', 'O Sohn!' und 'O Rāghava!'

Wort für Wort
tathāpi sūtena suyuktavādinā
doch von dem Wagenlenker mit wohlgesetzten Worten
nivāryamāṇā sutaśokakarśitā
besänftigt, vom Kummer um den Sohn erschöpft
na caiva devī virarāma kūjitāt
hörte die Königin nicht auf zu klagen
priyeti putreti ca rāghaveti ca
'O Geliebter', 'O Sohn' und 'O Rāghava'

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