Sarga 60: Sūta Kausalyā Sāntvanam
Kausalyā verlangt verzweifelt danach, zu Rāma gebracht zu werden; Sumantra tröstet sie mit der Schilderung, wie gelassen und liebevoll Sītā das Waldleben an Rāmas Seite erträgt, doch die Königin hört nicht auf, um ihren Sohn zu klagen
naya māṃ yatra kākutsthaḥ sītā yatra ca lakṣmaṇaḥ | tān vinā kṣaṇam apy atra jīvituṃ notsahe hy aham ||
'Bring mich dorthin, wo der Nachkomme des Kakutstha ist, wo Sītā und Lakṣmaṇa sind; ohne sie kann ich hier nicht einmal einen Augenblick zu leben ertragen.'
Wort für Wort
naya māṃ yatra kākutsthaḥ
bring mich dorthin, wo der Nachkomme des Kakutstha ist
'Wie ein Kind vergnügt sich Sītā, deren Antlitz dem jungen Mond gleicht; an Rāma erfreut, unverzagten Gemüts, ist sie es, auch im einsamen Wald weilend.'
tadgataṃ hṛdayaṃ hy asyāḥ tadadhīnaṃ ca jīvitam | ayodhyāpi bhavet tasyā rāmahīnā tathā vanam ||
'Denn ihr Herz ist ganz auf ihn gerichtet, und ihr Leben hängt ganz von ihm ab; selbst Ayodhyā wäre ihr ohne Rāma wie ein Wald, ebenso [wäre der Wald mit ihm wie Ayodhyā].'
rāmaṃ hi lakṣmaṇaṃ vāpi pṛṣṭvā jānāti jānatī | ayodhyākrośamātre tu vihāram iva saṃśritā ||
'Da sie es weiß, fragt sie doch Rāma oder auch Lakṣmaṇa danach, wie um Bestätigung; es ist, als hätte sie nur einen Lustpark in der Nähe von Ayodhyā aufgesucht.'
Wort für Wort
rāmaṃ hi lakṣmaṇaṃ vāpi
Rāma oder auch Lakṣmaṇa
pṛṣṭvā jānāti jānatī
fragend, obwohl sie es weiß, erfährt sie es [bestätigt]
adhvanā vātavegena saṃbhrameṇātapena ca | na hi gacchati vaidehyāḥ candrāṃśusadṛśī prabhā ||
'Weder durch den Weg, noch durch den Ansturm des Windes, noch durch Aufregung, noch durch die Hitze verschwindet der dem Mondlicht gleiche Glanz der Vaidehī.'
'Ihre beiden Füße, ganz ohne roten Lackfarbstoff, erscheinen dennoch, wie mit rotem Lackfarbstoff gefärbt, noch heute wie Lotusknospen von gleichem Glanz.'
Wort für Wort
alaktarasaraktābhāv
in der Erscheinung wie mit rotem Lackfarbstoff gefärbt
nūpuroddhuṣṭahelaiva khelaṃ gacchati bhāminī | idānīm api vaidehī tadrāgānyastabhūṣaṇā ||
'Wie beim spielerischen Klingen ihrer Fußreifen ehedem geht die Schöne noch immer dahin; auch jetzt, ihren Schmuck aus Liebe zu ihm abgelegt, bleibt die Vaidehī ebenso reizvoll.'
na śocyās te na ca ātmā te śocyo na api janādhipaḥ | idaṃ hi caritaṃ loke pratiṣṭhāsyati śāśvatam ||
'Nicht sind sie zu beklagen, noch bist du selbst zu beklagen, noch auch der Herrscher der Menschen; denn dieses Tun wird in der Welt für immer Bestand haben.'
Wort für Wort
na śocyās te
nicht sind sie zu beklagen
na ca ātmā te śocyaḥ
noch bist du selbst zu beklagen
na api janādhipaḥ
noch auch der Herrscher der Menschen
idaṃ hi caritaṃ loke pratiṣṭhāsyati śāśvatam
denn dieses Tun wird in der Welt für immer Bestand haben
'Den Kummer abschüttelnd, frohen Gemüts, fest auf dem vom großen Weisen gewiesenen Pfad, am Waldleben Freude findend, von wilden Früchten lebend, erfüllen sie die heilvolle Zusage des Vaters.'
Wort für Wort
vidhūya śokaṃ parihṛṣṭamānasāḥ
den Kummer abschüttelnd, frohen Gemüts
maharṣiyāte pathi suvyavasthitāḥ
fest auf dem vom großen Weisen gewiesenen Pfad
vane ratā vanyaphalāśanāḥ
am Waldleben Freude findend, von wilden Früchten lebend
tathāpi sūtena suyuktavādinā nivāryamāṇā sutaśokakarśitā | na caiva devī virarāma kūjitāt priyeti putreti ca rāghaveti ca ||
Doch obwohl sie von dem Wagenlenker mit wohlgesetzten Worten besänftigt wurde, hörte die vom Kummer um den Sohn erschöpfte Königin nicht auf zu klagen: 'O Geliebter!', 'O Sohn!' und 'O Rāghava!'