Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Ayodhyākāṇḍa

Sarga 87: Bharata Mūrchā Guha Rātri Vṛttānta Kathanam Bharata bricht vor Kummer über Guhas Bericht zusammen; nach seiner Genesung erzählt Guha ausführlich, wie Rāma die Gastgeschenke ablehnte und die Nacht fastend und wachend mit Sītā und Lakṣmaṇa verbrachte

guhasya vacanam śrutvā bharataḥ bhṛśam apriyam | dhyānam jagāma tatra eva yatra tat śrutam apriyam ||

Als Bharata Guhas höchst unerfreuliches Wort gehört hatte, versank er sogleich in Sinnen, dort, wo er jenes Unerfreuliche vernommen hatte.

Wort für Wort
guhasya vacanam śrutvā
als er Guhas Wort gehört hatte
bharataḥ bhṛśam apriyam
Bharata, höchst unerfreulich
dhyānam jagāma tatra eva
versank er sogleich in Sinnen, dort
yatra tat śrutam apriyam
wo er jenes Unerfreuliche vernommen hatte

sukumāraḥ mahā-sattvaḥ siṃha-skandhaḥ mahā-bhujaḥ | puṇḍarīka-viśāla-akṣaḥ taruṇaḥ priya-darśanaḥ ||

Er, zart gebaut, von großer Kraft, mit Löwenschultern, starkarmig, mit weiten, lotusgleichen Augen, jugendlich, von lieblichem Aussehen —

Wort für Wort
sukumāraḥ mahā-sattvaḥ
zart gebaut, von großer Kraft
siṃha-skandhaḥ mahā-bhujaḥ
mit Löwenschultern, starkarmig
puṇḍarīka-viśāla-akṣaḥ
mit weiten, lotusgleichen Augen
taruṇaḥ priya-darśanaḥ
jugendlich, von lieblichem Aussehen

pratyāśvasya muhūrtam tu kālam parama-durmanāḥ | papāta sahasā toṭraiḥ hṛdi viddhaḥ iva dvipaḥ ||

erholte sich für einen Augenblick, doch, zutiefst niedergeschlagen, sank er dann plötzlich zu Boden, wie ein Elefant, ins Herz von Stachelstöcken getroffen.

Wort für Wort
pratyāśvasya muhūrtam tu kālam
erholte sich für einen Augenblick
parama-durmanāḥ
zutiefst niedergeschlagen
papāta sahasā toṭraiḥ
sank plötzlich, [wie] von Stachelstöcken
hṛdi viddhaḥ iva dvipaḥ
ins Herz getroffen, wie ein Elefant

bharatam mūrcchitam dṛṣṭvā vivarṇa-vadanaḥ guhaḥ | babhūva vyathitaḥ tatra bhūmi-kampe yathā drumaḥ ||

Als Guha Bharata ohnmächtig sah, wurde er, sein Gesicht erbleicht, dort erschüttert, wie ein Baum bei einem Erdbeben.

Wort für Wort
bharatam mūrcchitam dṛṣṭvā
als er Bharata ohnmächtig sah
vivarṇa-vadanaḥ guhaḥ
Guha, sein Gesicht erbleicht
babhūva vyathitaḥ tatra
wurde er dort erschüttert
bhūmi-kampe yathā drumaḥ
wie ein Baum bei einem Erdbeben

tad-avastham tu bharatam śatrughnaḥ anantara-sthitaḥ | pariṣvajya ruroda uccaiḥ visaṃjñaḥ śoka-karṣitaḥ ||

Śatrughna, der nahebei stand, umarmte Bharata in diesem Zustand und weinte laut, seiner Sinne beraubt, vom Kummer erschöpft.

Wort für Wort
tad-avastham tu bharatam
Bharata in diesem Zustand
śatrughnaḥ anantara-sthitaḥ
Śatrughna, der nahebei stand
pariṣvajya ruroda uccaiḥ
umarmte ihn und weinte laut
visaṃjñaḥ śoka-karṣitaḥ
seiner Sinne beraubt, vom Kummer erschöpft

tataḥ sarvāḥ samāpetuḥ mātaraḥ bharatasya tāḥ | upavāsa-kṛśāḥ dīnāḥ bhartṛ-vyasana-karṣitāḥ ||

Da kamen alle Mütter Bharatas zusammen, vom Fasten abgemagert, elend, vom Unglück des Verlusts ihres Gatten erschöpft.

Wort für Wort
tataḥ sarvāḥ samāpetuḥ
da kamen alle zusammen
mātaraḥ bharatasya tāḥ
jene Mütter Bharatas
upavāsa-kṛśāḥ dīnāḥ
vom Fasten abgemagert, elend
bhartṛ-vyasana-karṣitāḥ
vom Unglück des Gattenverlusts erschöpft

tāḥ ca tam patitam bhūmau rudantyaḥ paryavārayan | kausalyā tu anusṛtya enam durmanāḥ pariṣvaje ||

Weinend umringten sie ihn, wie er auf dem Boden lag; Kausalyā aber eilte zu ihm und umarmte ihn, niedergeschlagen.

Wort für Wort
tāḥ ca tam patitam bhūmau
sie ihn, wie er auf dem Boden lag
rudantyaḥ paryavārayan
umringten ihn weinend
kausalyā tu anusṛtya enam
Kausalyā aber eilte zu ihm
durmanāḥ pariṣvaje
und umarmte ihn, niedergeschlagen

vatsalā svam yathā vatsam upaguhya tapasvinī | paripapraccha bharatam rudantī śoka-lālasā ||

Die Liebevolle umschlang ihn wie ihr eigenes Kalb, die Bekümmerte, und weinend, ganz vom Kummer erfüllt, befragte sie Bharata:

Wort für Wort
vatsalā svam yathā vatsam
die Liebevolle, wie ihr eigenes Kalb
upaguhya tapasvinī
umschlang ihn, die Bekümmerte
paripapraccha bharatam
befragte sie Bharata
rudantī śoka-lālasā
weinend, ganz vom Kummer erfüllt

putra vyādhiḥ na te kaścit śarīram paribādhate | adya rāja-kulasya asya tvad-adhīnam hi jīvitam ||

'Mein Sohn, plagt dich etwa keine Krankheit den Körper? Denn heute hängt das Leben dieses Königshauses allein von dir ab.

Wort für Wort
putra vyādhiḥ na te kaścit
mein Sohn, plagt dich keine Krankheit
śarīram paribādhate
den Körper
adya rāja-kulasya asya
denn heute dieses Königshauses
tvad-adhīnam hi jīvitam
hängt das Leben allein von dir ab

tvām dṛṣṭvā putra jīvāmi rāme sa-bhrātṛke gate | vṛtte daśarathe rājñi nāthaḥ ekaḥ tvam adya naḥ ||

Da ich dich sehe, mein Sohn, lebe ich weiter, nun, da Rāma mit seinem Bruder gegangen und König Daśaratha dahingeschieden ist; du allein bist heute unser Schutzherr.'

Wort für Wort
tvām dṛṣṭvā putra jīvāmi
da ich dich sehe, mein Sohn, lebe ich
rāme sa-bhrātṛke gate
nun da Rāma mit seinem Bruder gegangen ist
vṛtte daśarathe rājñi
und König Daśaratha dahingeschieden ist
nāthaḥ ekaḥ tvam adya naḥ
du allein bist heute unser Schutzherr

kaccit na lakṣmaṇe putra śrutam te kiñcit apriyam | putrayoḥ hi eka-putrāyāḥ saha bhāryayā vanam gate ||

'Hast du wohl über Lakṣmaṇa, mein Sohn, nichts Unerfreuliches gehört? Denn den beiden Söhnen [Sumitrās, die ihr wie einer sind], die samt der Schwägerin in den Wald gegangen sind, [ist doch nichts widerfahren]?'

Wort für Wort
kaccit na lakṣmaṇe putra
hast du wohl über Lakṣmaṇa, mein Sohn
śrutam te kiñcit apriyam
nichts Unerfreuliches gehört
putrayoḥ hi eka-putrāyāḥ
den beiden Söhnen [ihr wie einer]
saha bhāryayā vanam gate
die samt der Schwägerin in den Wald gegangen sind

sa muhūrtam samāśvasya rudan eva mahā-yaśāḥ | kausalyām pariśamtvya idam guham vacanam abravīt ||

Er, der hochberühmte, noch weinend, fasste sich für einen Augenblick, tröstete Kausalyā und sprach dieses Wort zu Guha:

Wort für Wort
sa muhūrtam samāśvasya
er fasste sich für einen Augenblick
rudan eva mahā-yaśāḥ
noch weinend, der hochberühmte
kausalyām pariśamtvya
tröstete Kausalyā
idam guham vacanam abravīt
und sprach dieses Wort zu Guha

bhrātā me kva avasat rātrim kva sītā kva ca lakṣmaṇaḥ | asvapat śayane kasmin kim bhuktvā guha śaṃsa me ||

'Wo verbrachte mein Bruder die Nacht, wo Sītā, wo Lakṣmaṇa? Auf welchem Lager schlief er? Was hat er gegessen? Sag es mir, Guha.'

Wort für Wort
bhrātā me kva avasat rātrim
wo verbrachte mein Bruder die Nacht
kva sītā kva ca lakṣmaṇaḥ
wo Sītā, wo Lakṣmaṇa
asvapat śayane kasmin kim bhuktvā
auf welchem Lager schlief er, was hat er gegessen
guha śaṃsa me
sag es mir, Guha

saḥ abravīt bharatam pṛṣṭaḥ niṣāda-adhipatiḥ guhaḥ | yad-vidham pratipede ca rāme priya-hite atithau ||

Guha, der Herrscher der Niṣādas, also befragt, berichtete Bharata, auf welche Weise er Rāma, den lieben, wohlgesinnten Gast, aufgenommen hatte:

Wort für Wort
saḥ abravīt bharatam pṛṣṭaḥ
also befragt, berichtete er Bharata
niṣāda-adhipatiḥ guhaḥ
Guha, der Herrscher der Niṣādas
yad-vidham pratipede ca
auf welche Weise er ihn aufgenommen hatte
rāme priya-hite atithau
Rāma, den lieben, wohlgesinnten Gast

annam ucca-avacam bhakṣyaḥ phalāni vividhāni ca | rāmāya abhyavahāra-artham bahu ca upahṛtam mayā ||

'Speise von mancherlei Art, Essbares und vielerlei Früchte habe ich Rāma in reicher Menge zum Verzehr dargebracht.

Wort für Wort
annam ucca-avacam bhakṣyaḥ
Speise mancherlei Art, Essbares
phalāni vividhāni ca
und vielerlei Früchte
rāmāya abhyavahāra-artham
Rāma zum Verzehr
bahu ca upahṛtam mayā
habe ich in reicher Menge dargebracht

tat sarvam pratyanujñāsīt rāmaḥ satya-parākramaḥ | na hi tat pratyagṛhṇāta saḥ kṣatra-dharmam anusmaran ||

Doch Rāma, von wahrhaftiger Tatkraft, lehnte all dies ab; er nahm es nicht an, eingedenk der Pflicht eines Kṣatriya.

Wort für Wort
tat sarvam pratyanujñāsīt
doch all dies lehnte ab
rāmaḥ satya-parākramaḥ
Rāma, von wahrhaftiger Tatkraft
na hi tat pratyagṛhṇāta
er nahm es nicht an
saḥ kṣatra-dharmam anusmaran
eingedenk der Pflicht eines Kṣatriya

na hi asmābhiḥ pratigṛhyam sakhe deyam tu sarvadā | iti tena vayam rājan anunītāḥ mahātmanā ||

'Es ziemt sich nicht für uns anzunehmen, Freund, wohl aber immer zu geben' — mit diesen Worten wurden wir, o König, von dem Hochgesinnten überzeugt.'

Wort für Wort
na hi asmābhiḥ pratigṛhyam
es ziemt sich nicht für uns anzunehmen
sakhe deyam tu sarvadā
Freund, wohl aber immer zu geben
iti tena vayam rājan
mit diesen Worten wurden wir, o König
anunītāḥ mahātmanā
von dem Hochgesinnten überzeugt

lakṣmaṇena samānītam pītvā vāri mahā-yaśāḥ | aupavāsyam tadā akarṣīt rāghavaḥ saha sītayā ||

Nachdem er das von Lakṣmaṇa herbeigebrachte Wasser getrunken hatte, hielt der hochberühmte Rāghava daraufhin ein Fasten ein, zusammen mit Sītā.

Wort für Wort
lakṣmaṇena samānītam
das von Lakṣmaṇa herbeigebrachte
pītvā vāri mahā-yaśāḥ
nachdem er das Wasser getrunken hatte, der hochberühmte
aupavāsyam tadā akarṣīt
hielt daraufhin ein Fasten ein
rāghavaḥ saha sītayā
der Rāghava, zusammen mit Sītā

tataḥ tu jala-śeṣam lakṣmaṇaḥ api akarot tadā | vāg-yatāḥ te trayaḥ sandhyām upāsata samāhitāḥ ||

Dann nahm auch Lakṣmaṇa das verbliebene Wasser zu sich; die drei, in ihrer Rede zurückhaltend, verrichteten aufmerksam die Abendandacht.

Wort für Wort
tataḥ tu jala-śeṣam
dann das verbliebene Wasser
lakṣmaṇaḥ api akarot tadā
nahm auch Lakṣmaṇa zu sich
vāg-yatāḥ te trayaḥ
die drei, in ihrer Rede zurückhaltend
sandhyām upāsata samāhitāḥ
verrichteten aufmerksam die Abendandacht

saumitriḥ tu tataḥ paścāt akarot svastaram śubham | svayam ānīya barhīṃṣi kṣipram rāghava-kāraṇāt ||

Danach bereitete der Sohn der Sumitrā selbst rasch ein gutes Lager, indem er eigenhändig Gras herbeiholte, um des Rāghava willen.

Wort für Wort
saumitriḥ tu tataḥ paścāt
danach der Sohn der Sumitrā
akarot svastaram śubham
bereitete ein gutes Lager
svayam ānīya barhīṃṣi
indem er eigenhändig Gras herbeiholte
kṣipram rāghava-kāraṇāt
rasch, um des Rāghava willen

tasmin samaviśat rāmaḥ svastare saha sītayā | prakṣālya ca tayoḥ pādau apacakrāma lakṣmaṇaḥ ||

Auf diesem legte sich Rāma nieder, zusammen mit Sītā; und nachdem er beider Füße gewaschen hatte, zog sich Lakṣmaṇa zurück.

Wort für Wort
tasmin samaviśat rāmaḥ
auf diesem legte sich Rāma nieder
svastare saha sītayā
auf dem Lager, zusammen mit Sītā
prakṣālya ca tayoḥ pādau
und nachdem er beider Füße gewaschen hatte
apacakrāma lakṣmaṇaḥ
zog sich Lakṣmaṇa zurück

etat tat iṅgudī-mūlam idam eva ca tat tṛṇam | yasmin rāmaḥ ca sītā ca rātrim tām śayitau ubhau ||

Dies hier ist jene Wurzel des Iṅgudī-Baumes, und dies eben ist jenes Gras, auf dem Rāma und Sītā, beide, jene Nacht lagen.'

Wort für Wort
etat tat iṅgudī-mūlam
dies ist jene Wurzel des Iṅgudī-Baumes
idam eva ca tat tṛṇam
und dies eben ist jenes Gras
yasmin rāmaḥ ca sītā ca
auf dem Rāma und Sītā
rātrim tām śayitau ubhau
jene Nacht beide lagen

niyamya pṛṣṭhe tu tala-aṅguli-trāṇavān | śaraiḥ su-pūrṇau iṣudhī param-tapaḥ | mahat dhanuḥ sajyam upohya lakṣmaṇaḥ | niśām atiṣṭhat paritaḥ asya kevalam ||

Nachdem er sich den Fingerschutz auf den Rücken gebunden hatte, mit zwei prall mit Pfeilen gefüllten Köchern, spannte der Feindbezwinger Lakṣmaṇa seinen großen Bogen und hielt die ganze Nacht hindurch, allein, ringsum Wache um ihn.

Wort für Wort
niyamya pṛṣṭhe tu tala-aṅguli-trāṇavān
nachdem er sich den Fingerschutz auf den Rücken gebunden hatte
śaraiḥ su-pūrṇau iṣudhī param-tapaḥ
mit zwei prall gefüllten Köchern, der Feindbezwinger
mahat dhanuḥ sajyam upohya lakṣmaṇaḥ
nachdem Lakṣmaṇa seinen großen Bogen gespannt hatte
niśām atiṣṭhat paritaḥ asya kevalam
hielt er die ganze Nacht allein ringsum Wache um ihn

tataḥ tu aham ca uttama-bāṇa-cāpa-dhṛk | sthitaḥ abhavam tatra sa yatra lakṣmaṇaḥ | atandribhiḥ jñātibhiḥ ātta-karmukaiḥ | mahā-indra-kalpam paripālayāma tadā ||

Und auch ich, vortreffliche Pfeile und Bogen tragend, stellte mich dort auf, wo Lakṣmaṇa war; mit meinen unermüdlichen, waffenbewehrten Verwandten bewachten wir da den dem großen Indra Gleichenden.'

Wort für Wort
tataḥ tu aham ca uttama-bāṇa-cāpa-dhṛk
und auch ich, vortreffliche Pfeile und Bogen tragend
sthitaḥ abhavam tatra sa yatra lakṣmaṇaḥ
stellte mich dort auf, wo Lakṣmaṇa war
atandribhiḥ jñātibhiḥ ātta-karmukaiḥ
mit meinen unermüdlichen, waffenbewehrten Verwandten
mahā-indra-kalpam paripālayāma tadā
bewachten wir da den dem großen Indra Gleichenden

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