Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 1: nārada-viṣṇustavaḥ Nāradas Lobpreis auf Viṣṇu

Anm.: Das verfügbare gemeinfreie Digitalisat des Nārada-Purāṇa (GRETIL, Sansknet-Projekt, Pūrvabhāga Teil 1) beginnt seine Zählung erst bei Adhyāya 2 (Verszählung "NarP_1,2.1" ff.); ein eigenständiges Adhyāya 1 ist in dieser Quelle nicht enthalten. Die Kapitelzählung dieses Projekts folgt daher dem tatsächlich vorhandenen ersten Kapitel der Quelle. Der Text ist laut Quellenvermerk unvollständig wortgrenzenmarkiert und noch korrekturbedürftig; entsprechend häufiger als sonst sind [?]-Markierungen bei unsicheren Lesungen gesetzt. Inhalt: Die Weisen fragen Sūta nach dem Zusammentreffen von Sanatkumāra und Nārada; die vier Kumāras werden vorgestellt; auf dem Weg zu Brahmās Versammlung treffen sie an der Gaṅgā auf Nārada, der einen ausführlichen Lobpreis (Stotra) auf Viṣṇu in seinen vielfältigen Erscheinungsformen (Avatāras) anstimmt, bevor er die Weisen nach den Wesenszügen des Erhabenen befragt.

kathaṃ sanatkumārastu nāradāya mahātmane / proktavānsakalāndharmānkathaṃ tau militāvubhau //

Wie hat Sanatkumāra dem hochherzigen Nārada alle Dharmas verkündet, und wie sind die beiden zusammengetroffen?

Wort für Wort
sanatkumāraḥ
Sanatkumāra
nāradāya mahātmane
dem hochherzigen Nārada
proktavān sakalān dharmān
verkündete alle Dharmas
militau ubhau
die beiden trafen sich

kasminsthāne sthitau sūta tāvubhau brahmavādinau / harigītasamudgāne cakratustadvadasva naḥ //

An welchem Ort verweilend, o Sūta, vollzogen die beiden Kenner des Brahman jenes gemeinsame Lobsingen auf Hari? Erzähle uns das.

Wort für Wort
kasmin sthāne sthitau
an welchem Ort verweilend
sūta
o Sūta
brahmavādinau
die beiden Brahman-Kenner
harigītasamudgāne
im gemeinsamen Lobsingen auf Hari [?]
tat vadasva naḥ
erzähle uns das

[?] harigītasamudgāne: Kompositum unsicher gelesen ("gemeinsames Lobsingen auf Hari"), Wortgrenzen in der Quelle nicht markiert.

sanakādyā mahātmāno brahmaṇo mānasāḥ sutāḥ / nirmamā nirahaṃkārāḥ sarve te hyūdhvaretasaḥ //

Sanaka und die anderen Hochherzigen, die geistgeborenen Söhne Brahmās, sie alle waren ohne Besitzdenken, ohne Ich-Bezogenheit und fürwahr von aufwärtsgerichteter Keuschheit.

Wort für Wort
sanakādyāḥ mahātmānaḥ
Sanaka und die anderen Hochherzigen
brahmaṇo mānasāḥ sutāḥ
geistgeborene Söhne Brahmās
nirmamā nirahaṃkārāḥ
ohne Besitzdenken, ohne Ich-Bezogenheit
ūrdhvaretasaḥ
von aufwärtsgerichtetem Samen (ewig keusch)

teṣāṃ nāmāni vakṣyāmi samakaśca sanandanaḥ / sanasphumāraśca vibhuḥ sanātama iti smṛtaḥ //

Ihre Namen will ich nennen: Sanaka und Sanandana, der mächtige Sanatkumāra, und der als Sanātana Erinnerte.

Wort für Wort
teṣāṃ nāmāni vakṣyāmi
ihre Namen will ich nennen
sanakaḥ ca sanandanaḥ
Sanaka und Sanandana
sanatkumāraḥ ca vibhuḥ
und der mächtige Sanatkumāra
sanātanaḥ iti smṛtaḥ
als Sanātana erinnert

[Anm.: Die Namen sind im digitalisierten Quelltext entstellt überliefert ("samakaśca", "sanasphumāraśca", "sanātama"); die Lesung folgt hier der aus der Puranenliteratur bekannten Vierergruppe der Kumāras (Sanaka, Sanandana, Sanatkumāra, Sanātana), ohne dass eine bestehende Übersetzung konsultiert wurde.]

viṣṇubhaktā mahātmāno brahmadhyānaparāyaṇāḥ / sahasrasūryasaṃkāśāḥ satyasandhā mumukṣavaḥ //

Hochherzige Viṣṇu-Verehrer waren sie, der Meditation auf das Brahman hingegeben, strahlend wie tausend Sonnen, der Wahrheit verpflichtet und nach Befreiung strebend.

Wort für Wort
viṣṇubhaktāḥ mahātmānaḥ
hochherzige Viṣṇu-Verehrer
brahmadhyānaparāyaṇāḥ
der Brahman-Meditation hingegeben
sahasrasūryasaṃkāśāḥ
wie tausend Sonnen strahlend
satyasandhā mumukṣavaḥ
wahrheitstreu, nach Befreiung strebend

ekadā meruśṛṅgaṃ te prasthitā brahmaṇaḥ sabhām / iṣṭaṃ mārge 'tha dadṛśuḥ gaṅgāṃ viṣṇipadīṃ dvijāḥ //

Einst, zum Gipfel des Meru zur Versammlung Brahmās aufgebrochen, erblickten die zweifachgeborenen Weisen auf dem Weg die liebliche, aus Viṣṇus Fuß entsprungene Gaṅgā.

Wort für Wort
ekadā meruśṛṅgam prasthitāḥ
einst zum Meru-Gipfel aufgebrochen
brahmaṇaḥ sabhām
zur Versammlung Brahmās
mārge dadṛśuḥ
sahen auf dem Weg
gaṅgāṃ viṣṇipadīm
die Gaṅgā, aus Viṣṇus Fuß entsprungen

tāṃ nirīkṣya samudyuktāḥ strātuṃ sītājale 'bhavan / etasminnantare tatra devarṣirnārado muniḥ //

Als sie diese erblickten, wurden sie bereit, in dem kühlen Wasser zu baden. In diesem Augenblick kam dort der Götterweise Nārada, der Muni.

Wort für Wort
tāṃ nirīkṣya
sie erblickend
samudyuktāḥ snātum
bereit zum Baden
sītājale
im kühlen Wasser
devarṣiḥ nāradaḥ muniḥ
der Götterweise Muni Nārada

ājagāma dvijaśreṣṭhā dṛṣṭvā bhrāntṝnsvakāgrajān / tāndṛṣṭvā strātumudyuktānnamaskṛtya kṛtāñjitiḥ //

Nārada kam heran zu den besten der Zweifachgeborenen und erblickte seine wandernden älteren Brüder; als er sie zum Baden bereit sah, verneigte er sich mit gefalteten Händen.

Wort für Wort
ājagāma dvijaśreṣṭhān
kam heran zu den besten der Zweifachgeborenen
bhrāntṝn svakāgrajān
seine wandernden älteren Brüder
snātum udyuktān dṛṣṭvā
als bereit zum Baden erblickend
namaskṛtya kṛtāñjaliḥ
sich verneigend, mit gefalteten Händen

guṇannāmāni sapremabhaktiyukto madhudviṣaḥ / nārāyaṇācyutānanta vāsudeva janārdana //

Mit liebevoller Hingabe die Namen und Eigenschaften des Feindes von Madhu preisend: "O Nārāyaṇa, Unvergänglicher, Endloser, Vāsudeva, Beweger der Menschen,"

Wort für Wort
guṇan nāmāni
die Namen und Tugenden preisend
sapremabhaktiyuktaḥ
mit liebevoller Hingabe verbunden
madhudviṣaḥ
des Feindes von Madhu (Viṣṇu)
nārāyaṇa acyuta ananta vāsudeva janārdana
Anrufungen Viṣṇus

yajñeśa yajñapuruṣa kṛṣṇa viṣṇo namo 'stu te / padmākṣa kamalākānta gaṅgājanaka keśava / kṣirodaśāyindeveśa dāmodara namo 'stu te //

O Herr des Opfers, o Person des Opfers, o Kṛṣṇa, o Viṣṇu, Verehrung sei dir! O Lotusäugiger, Geliebter der Lakṣmī, Erzeuger der Gaṅgā, o Keśava, im Milchozean Ruhender, Herr der Götter, o Dāmodara, Verehrung sei dir!

Wort für Wort
yajñeśa yajñapuruṣa
o Herr des Opfers, o Person des Opfers
padmākṣa kamalākānta
o Lotusäugiger, Geliebter der Lakṣmī
gaṅgājanaka keśava
o Erzeuger der Gaṅgā, o Keśava
kṣirodaśāyin deveśa dāmodara
im Milchozean Ruhender, Herr der Götter, Dāmodara

śrīrāma viṣṇo narasiṃha vāmana pradyumnasaṃkarpaṇa vātpadeva / ajāniruddhāmalaruṅmurāraṃ tvaṃ pāhi naḥ sarvabhayādajastram //

O Śrī-Rāma, Viṣṇu, Narasiṃha, Vāmana, Pradyumna, Saṃkarṣaṇa, Vāsudeva, Aja, Aniruddha, du Makelloser, Feind des Mura – beschütze uns beständig vor aller Furcht!

Wort für Wort
śrīrāma viṣṇo narasiṃha vāmana
Śrī-Rāma, Viṣṇu, Narasiṃha, Vāmana
pradyumnasaṃkarṣaṇa
Pradyumna, Saṃkarṣaṇa
murāram
Feind des Mura
pāhi naḥ sarvabhayāt ajastram
beschütze uns beständig vor aller Furcht

[?] vātpadeva und amalaruṅ: Lesung unsicher, vermutlich "vāsudeva" bzw. ein Kompositum mit "amala" (makellos); Vers in längerem Versmaß mit Entstellungen überliefert.

ityucca ranharernāma natvā tānsvāgrajānmunīn / upāsīnaśca taiḥ sārddhaṃ sasnau prītisamanvitaḥ //

So den Namen Haris ausgesprochen habend, verneigte er sich vor jenen seinen älteren Bruder-Weisen, verweilte bei ihnen und badete, von Freude erfüllt, gemeinsam mit ihnen.

Wort für Wort
ity uccārya harer nāma
so den Namen Haris ausgesprochen habend
natvā svāgrajān munīn
sich vor den älteren Bruder-Weisen verneigend
taiḥ sārdham sasnau
badete mit ihnen
prītisamanvitaḥ
von Freude erfüllt

teṣāṃ cāpi tu sītāyā jale lokamalāpahe / strātvā saṃtartya devarṣipitanvigatakalmaṣāḥ //

Auch sie, die Weisen, wurden, nachdem sie in dem die Verunreinigung der Welt hinwegnehmenden Wasser der Sītā-Gaṅgā gebadet und die Waschungen vollzogen hatten, frei von Verunreinigung.

Wort für Wort
teṣāṃ ca api
auch von ihnen
sītāyā jale
im Wasser der Sītā (Gaṅgā)
lokamalāpahe
das die Weltverunreinigung hinwegnimmt [?]
strātvā saṃtartya
gebadet und die Waschung vollzogen
gatakalmaṣāḥ
frei von Verunreinigung

[Anm.: Vers stark korrumpiert überliefert (u.a. "lokamalāpahe", "devarṣipitanvi"); Lesung und Worttrennung unsicher, Sinn sinngemäß erschlossen.]

uttīryya saṃdhyopāstyādi kṛtvācāraṃ svakaṃ dvijāḥ / kathāṃ pracakrurvividhāḥ nārāyaṇa guṇāśritāḥ //

Nachdem sie herausgestiegen waren und die Dämmerungsverehrung und ihre sonstigen rituellen Pflichten vollzogen hatten, begannen die Zweifachgeborenen ein vielfältiges Gespräch, das sich auf die Eigenschaften Nārāyaṇas gründete.

Wort für Wort
uttīrya
herausgestiegen
saṃdhyopāstyādi kṛtvā ācāram svakam
die Dämmerungsverehrung u.a. eigene Riten vollzogen
kathāṃ pracakruḥ vividhāḥ
begannen ein vielfältiges Gespräch
nārāyaṇaguṇāśritāḥ
auf Nārāyaṇas Eigenschaften gestützt

kṛtatriyeṣu muniṣu gaṅgātīre manorame / cakāranāradaḥ praśnaṃ nānākhyānakayāntare //

Als die Weisen ihre Sitze eingenommen hatten am lieblichen Ufer der Gaṅgā, stellte Nārada inmitten der verschiedenen Erzählungen eine Frage.

Wort für Wort
muniṣu gaṅgātīre manorame
die Weisen am lieblichen Gaṅgā-Ufer
cakāra nāradaḥ praśnam
Nārada stellte eine Frage
nānākhyānakāntare
inmitten verschiedener Erzählungen

[?] kṛtatriyeṣu: Lesung unsicher, vermutlich Verderbnis für eine Form von "ihre Plätze eingenommen habend".

sarvajñāḥ stha muniśreṣṭhāḥ bhagavadbhaktitatparāḥ / yūyaṃ sarve jagannāthā bhagavantaḥ sanātanāḥ //

Ihr seid allwissend, o beste der Weisen, ganz der Hingabe an den Erhabenen hingegeben; ihr alle seid Herren der Welt, ewige Erhabene.

Wort für Wort
sarvajñāḥ stha
ihr seid allwissend
muniśreṣṭhāḥ
o beste der Weisen
bhagavadbhaktitatparāḥ
der Bhagavat-Hingabe hingegeben
jagannāthā bhagavantaḥ sanātanāḥ
Herren der Welt, ewige Erhabene

lokoddhāraparānyuṣmāndīneṣu kṛtasauhṛdān / pṛcche tato vadata me bhagavallakṣaṇaṃ budhāḥ //

Euch, die ihr der Errettung der Welt hingegeben seid und den Elenden Freundschaft erwiesen habt, frage ich daher: Sagt mir, ihr Weisen, die Wesenszüge des Erhabenen.

Wort für Wort
lokoddhāraparān
der Weltrettung hingegeben
dīneṣu kṛtasauhṛdān
den Elenden Freundschaft erwiesen
pṛcche
ich frage
vadata me bhagavallakṣaṇam
sagt mir das Merkmal des Erhabenen

yenedamakhilaṃ jātaṃ jagatsthāvarajaṅgamam / gaṅgāpādodakaṃ yasya sa kathaṃ jñāyate hariḥ //

Wodurch dieses ganze Universum, die Welt des Beweglichen und Unbeweglichen, entstanden ist, und dessen Fußwasser die Gaṅgā ist – wie wird jener Hari erkannt?

Wort für Wort
yena idam akhilaṃ jātam
wodurch dies ganze entstand
jagat sthāvarajaṅgamam
die Welt des Beweglichen und Unbeweglichen
gaṅgāpādodakam yasya
dessen Fußwasser die Gaṅgā ist
kathaṃ jñāyate hariḥ
wie wird Hari erkannt

kathaṃ ca trividhaṃ karma saphalaṃ jāyate nṛṇām / jñānasya lakṣaṇa brūta tapasaścāpi mānadāḥ //

Und wie wird die dreifache Handlung für die Menschen fruchtbringend? Nennt mir, ihr Ehrwürdigen, das Merkmal des Wissens und auch das der Askese.

Wort für Wort
trividhaṃ karma saphalam
die dreifache Handlung fruchtbringend
jāyate nṛṇām
wird für die Menschen
jñānasya lakṣaṇaṃ brūta
nennt das Merkmal des Wissens
tapasaḥ ca api
und auch das der Askese

atitheḥ pūjanaṃ vāpi yena viṣṇuḥ prasīdati / evamādīni guhyāni harituṣṭikarāṇi ca / anugṛhya ca māṃ nāthāstattvato vaktumarhatha //

Auch die Verehrung des Gastes, wodurch Viṣṇu wohlgefällig wird – solcherlei Geheimnisse, die Haris Zufriedenheit bewirken, möget ihr mir, o Herren, gnädig und der Wahrheit gemäß verkünden.

Wort für Wort
atitheḥ pūjanam
die Verehrung des Gastes
yena viṣṇuḥ prasīdati
wodurch Viṣṇu wohlgefällig wird
harituṣṭikarāṇi guhyāni
die Hari-Zufriedenheit bewirkenden Geheimnisse
tattvato vaktum arhatha
möget ihr wahrheitsgemäß verkünden

namaḥ parāya devāya parasmātparamātra ca / parāvara nivāsāya saguṇāyāguṇāya ca //

Verehrung dem höchsten Gott, der noch jenseits des Höchsten ist, der in Hohem und Niederem wohnt, dem mit Eigenschaften Versehenen und zugleich dem Eigenschaftslosen.

Wort für Wort
namaḥ parāya devāya
Verehrung dem höchsten Gott
parasmāt paramāt
jenseits des Höchsten
parāvaranivāsāya
dem in Hohem und Niederem Wohnenden
saguṇāya aguṇāya ca
dem mit und ohne Eigenschaften

amāyāyātmasaṃjñāya mācine viśvarupiṇe / yogīśvarāya yogāya yogagamyāya viṣṇave //

Dem Illusionslosen, der als das Selbst bezeichnet wird, dem Großen, dem Universalgestaltigen, dem Herrn des Yoga, dem Yoga selbst, dem durch Yoga Erreichbaren, dem Viṣṇu.

Wort für Wort
amāyāya ātmasaṃjñāya
dem Illusionslosen, als Selbst Bezeichneten
viśvarupiṇe
dem Universalgestaltigen
yogīśvarāya yogāya yogagamyāya
dem Herrn, Wesen und Ziel des Yoga
viṣṇave
dem Viṣṇu

[?] mācine: Lesung unsicher, vermutlich "mahine" (dem Großen).

jñānāya jñānagamyāya sarvajñānaikahetave / jñāceśvarāya jñeyāya jñātre vijñānasaṃpade //

Dem Wissen, dem durch Wissen Erreichbaren, der alleinigen Ursache allen Wissens, dem Herrn des Wissens, dem Erkennbaren, dem Erkennenden, dem Reichtum der Erkenntnis.

Wort für Wort
jñānāya jñānagamyāya
dem Wissen, dem durch Wissen Erreichbaren
sarvajñānaikahetave
der alleinigen Ursache allen Wissens
jñeyāya jñātre
dem Erkennbaren, dem Erkennenden
vijñānasaṃpade
dem Reichtum der Erkenntnis

dhyānāya dhyānagamyāya dhyātṛpātaharāya ca / dhyāneśvarāya sudhiyedhyeyadhyātṛsvarupiṇe //

Der Meditation, dem durch Meditation Erreichbaren, der den Fall des Meditierenden hinwegnimmt, dem Herrn der Meditation, dem von reinem Verstand, der die Wesensform sowohl des Meditationsobjekts als auch des Meditierenden ist.

Wort für Wort
dhyānāya dhyānagamyāya
der Meditation, dem durch Meditation Erreichbaren
dhyātṛpātaharāya
der den Fall des Meditierenden hinwegnimmt
dhyāneśvarāya
dem Herrn der Meditation
dhyeyadhyātṛsvarupiṇe
der Wesensform von Objekt und Subjekt der Meditation

ādityavacandrāgnividhātṛdevāḥ siddhāśca yakṣāsuranāgasaṅghāḥ / yacchaktiyuktāstamajaṃ purāṇaṃ satyaṃ stutīśaṃ satataṃ nato 'smi //

Die Ādityas, Mond, Feuer, der Schöpfer, die Götter, die Siddhas und die Scharen der Yakṣas, Asuras und Nāgas – sie alle sind mit seiner Kraft ausgestattet. Vor jenem Ungeborenen, Uralten, Wahren, dem Herrn allen Lobpreises, verneige ich mich beständig.

Wort für Wort
ādityāḥ candrāgnividhātṛdevāḥ
die Ādityas, Mond, Feuer, der Schöpfer, die Götter
siddhāḥ yakṣāsuranāgasaṅghāḥ
die Siddhas, Yakṣas, Asuras, Nāgas
yacchaktiyuktāḥ
mit dessen Kraft ausgestattet
tam ajaṃ purāṇaṃ satyaṃ stutīśam
jenen ungeborenen, uralten, wahren Herrn des Lobpreises

yo brahmarupī jagatāṃ vidhātā sa eva pātā dvijaviṣṇurupī / kalpāntarudrākhyatamuḥ sa devaḥ śeteṃ'ghripānastamajaṃ bhajāmi //

Der in Brahmā-Gestalt der Schöpfer der Welten ist, eben er ist als Viṣṇu der Erhalter, und am Ende des Weltzeitalters ruht jener Gott unter dem Namen Rudra – jenen Ungeborenen verehre ich.

Wort für Wort
brahmarupī jagatāṃ vidhātā
in Brahmā-Gestalt der Schöpfer der Welten
viṣṇurupī pātā
als Viṣṇu der Erhalter
kalpāntarudrākhyatamuḥ
am Weltzeitende unter dem Namen Rudra
tam ajaṃ bhajāmi
jenen Ungeborenen verehre ich

[?] ghripānaḥ: Lesung unsicher, Sinn des Versendes sinngemäß erschlossen.

yannāmasaṃkīrttanato gajendro grāhograbandhānmumuce sa devaḥ / virājamānaḥ svapade parākhye taṃ viṣṇumādyaṃ śaraṇaṃ prapadye //

Durch dessen Namensgesang der Elefantenfürst aus der grausamen Fessel des Krokodils befreit wurde, zu jenem Gott, der in seinem als höchst bezeichneten Wohnsitz strahlt, zu jenem ursprünglichen Viṣṇu nehme ich Zuflucht.

Wort für Wort
yannāmasaṃkīrtanataḥ
durch dessen Namensgesang
gajendraḥ grāhograbandhāt mumuce
der Elefantenfürst wurde aus der Krokodilsfessel befreit
svapade parākhye virājamānaḥ
in seinem höchsten Wohnsitz strahlend
taṃ viṣṇum ādyaṃ śaraṇaṃ prapadye
zu jenem ursprünglichen Viṣṇu nehme ich Zuflucht

śivasvarupī śivabhakti bhājāṃ yo viṣṇurupī haribhāvitānām / saṃkalpapūrvātmakadehahetustaṃstameva nityaṃ śaraṇaṃ prapadye //

Der in Śiva-Gestalt für die der Śiva-Hingabe Ergebenen, der in Viṣṇu-Gestalt für die auf Hari Meditierenden – aus eigenem Willensentschluss die Ursache der jeweiligen Körperform – zu eben diesem und jenem nehme ich stets Zuflucht.

Wort für Wort
śivasvarupī śivabhaktibhājām
in Śiva-Gestalt für die Śiva-Ergebenen
viṣṇurupī haribhāvitānām
in Viṣṇu-Gestalt für die auf Hari Meditierenden
saṃkalpapūrvātmakadehahetuḥ
aus eigenem Willen Ursache der Körperform
taṃ taṃ eva śaraṇaṃ prapadye
zu eben diesem und jenem nehme ich Zuflucht

yaḥ keśihantā narakāntakaśca bālo bhujāgreṇa dadhāra gotram / devaṃ ca bhūmāravinodaśīlaṃ taṃ vāsudevaṃ satataṃ nato 'smi //

Der als Knabe den Keśin tötete, der Vernichter des Naraka-Dämons ist, der mit der Fingerspitze den Berg Govardhana hielt, den Gott, der die Last der Erde zu vertreiben pflegt – vor jenem Vāsudeva verneige ich mich beständig.

Wort für Wort
keśihantā narakāntakaḥ
der Töter des Keśin, Vernichter des Naraka
bālaḥ bhujāgreṇa dadhāra gotram
als Knabe hielt er mit der Fingerspitze den Berg
bhūmibhāravinodaśīlam
die Erdenlast vertreibend [?]
taṃ vāsudevaṃ nataḥ asmi
vor jenem Vāsudeva verneige ich mich

[?] bhūmāravinodaśīlaṃ: Lesung als "bhūmibhāravinodaśīlam" (die Erdenlast vertreibend) angenommen.

lebhe 'vatīryogranṛsiṃharupīyodaityavakṣaḥ kaṭhinaṃ śilāvat / vidāryasaṃrākṣitavānsvabhaktaṃ prahlādamīśaṃ tamajaṃ manāmi //

Der, herabgestiegen in der Gestalt des schrecklichen Narasiṃha, die steinharte Brust des Dämons zerriss und seinen eigenen Geweihten Prahlāda beschützte – jenen Herrn, den Ungeborenen, verehre ich.

Wort für Wort
avatīrya ugranṛsiṃharupī
herabgestiegen in der Gestalt des schrecklichen Narasiṃha
daityavakṣaḥ kaṭhinaṃ śilāvat vidārya
die steinharte Dämonenbrust zerreißend
saṃrakṣitavān svabhaktam prahlādam
beschützte seinen eigenen Geweihten Prahlāda
tam ajaṃ manāmi
jenen Ungeborenen verehre ich

vyomādibhirmūṣitamātmasaṃjñaṃ nirañjanaṃ nityamameyatattvam / jagadvidhātāramakarmakaṃ ca paraṃ purāṇaṃ puruṣama nato 'smi //

Vor dem von Äther und den anderen Elementen umhüllten, als Selbst bezeichneten, makellosen, ewigen, von unermesslichem Wesen, dem Schöpfer der Welt und doch Handlungslosen, dem höchsten, uralten Puruṣa verneige ich mich.

Wort für Wort
vyomādibhiḥ mūṣitam
von Äther u.a. umhüllt [?]
ātmasaṃjñaṃ nirañjanam
als Selbst bezeichnet, makellos
jagadvidhātāram akarmakam
Schöpfer der Welt, doch handlungslos
paraṃ purāṇaṃ puruṣam nataḥ asmi
vor dem höchsten, uralten Puruṣa verneige ich mich

[?] mūṣitam: möglicherweise "bhūṣitam" (geschmückt) statt "verhüllt".

brahmendrarudrānilavāyumartyagandharvayakṣāsuradevasaṃghaiḥ / svamūrtibhedaiḥ sthita eka īśastamādimātmā namahaṃ bhajāmi //

Durch die Scharen von Brahmā, Indra, Rudra, Anila, Vāyu, den Sterblichen, Gandharvas, Yakṣas, Asuras und Göttern hindurch, in den Unterschieden seiner eigenen Gestaltungen, steht der eine Herr – jenes ursprüngliche Selbst verehre ich.

Wort für Wort
brahmendrarudrānilavāyu...devasaṃghaiḥ
durch die Scharen von Brahmā, Indra, Rudra u.a.
svamūrtibhedaiḥ sthitaḥ ekaḥ īśaḥ
in den eigenen Gestaltungen steht der eine Herr
tam ādimātmā bhajāmi
jenes ursprüngliche Selbst verehre ich

yato bhinnamidaṃ sarvaṃ samudbhūtaṃ sthitaṃ ca vai / yasminneṣyati paścācca tamasti śaraṇaṃ gataḥ //

Von wem dieses ganze unterschiedene Universum entstanden ist und besteht, und in wen es später wieder eingehen wird – zu jenem bin ich in Zuflucht gegangen.

Wort für Wort
yataḥ bhinnam idaṃ sarvam samudbhūtam
von wem dies ganze Unterschiedene entstand
sthitaṃ ca
und besteht
yasmin eṣyati paścāt
in wen es später eingeht
tam śaraṇaṃ gataḥ
zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen

yaḥ sthito viśvarupeṇa saṅgīvātra pratīyate / asaṅgī paripūrṇaśca tamasmi śaraṇaṃ gataḥ //

Der, in Universalgestalt bestehend, hier wie anhaftend erscheint, in Wahrheit aber unverbunden und vollkommen ist – zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen.

Wort für Wort
sthitaḥ viśvarupeṇa
in Universalgestalt bestehend
saṅgī iva pratīyate
erscheint wie anhaftend
asaṅgī paripūrṇaḥ
unverbunden, vollkommen
tam asmi śaraṇaṃ gataḥ
zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen

hṛdi sthito 'pi yo devo māyayā mohitātmanām / na jñāyate paraḥ śuddhastamasmi śaraṇaṃ gataḥ //

Der Gott, der, obwohl im Herzen wohnend, von den durch Māyā Getäuschten nicht erkannt wird, der höchste, reine – zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen.

Wort für Wort
hṛdi sthitaḥ api
obwohl im Herzen weilend
māyayā mohitātmanām na jñāyate
wird von den durch Māyā Getäuschten nicht erkannt
paraḥ śuddhaḥ
der höchste, reine
tam asmi śaraṇaṃ gataḥ
zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen

sarvasaṃganivṛttānāṃ dhyānayogaratātmanām / sarvatra bhāti jñānātmā tamasmi śaraṇaṃ gataḥ //

Für die von aller Anhaftung Abgewandten, deren Selbst am Meditations-Yoga Freude findet, erscheint er überall als das Selbst des Wissens – zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen.

Wort für Wort
sarvasaṃganivṛttānām
für die von aller Anhaftung Abgewandten
dhyānayogaratātmanām
deren Selbst am Meditations-Yoga erfreut ist
sarvatra bhāti jñānātmā
überall erscheint das Wissens-Selbst
tam asmi śaraṇaṃ gataḥ
zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen

dadhāra mandāraṃ pṛṣṭhe nirode 'mṛtamanthane / devatānāṃ hitārthāya taṃ kūrmaṃ śaraṇaṃ gataḥ //

Der beim Quirlen des Nektars den Berg Mandara auf dem Rücken trug, zum Wohle der Götter – zu jener Schildkröten-Gestalt bin ich in Zuflucht gegangen.

Wort für Wort
dadhāra mandāraṃ pṛṣṭhe
trug den Mandara auf dem Rücken
amṛtamanthane
beim Quirlen des Nektars
devatānāṃ hitārthāya
zum Wohle der Götter
taṃ kūrmaṃ śaraṇaṃ gataḥ
zu jener Schildkröte bin ich in Zuflucht gegangen

[?] nirode: Lesung unsicher, sinngemäß auf das Quirlen des Milchozeans bezogen.

draṣṭrāṅkureṇa yo 'nantaḥ samuddhṛtyārṇavāddharām / tasthāvidaṃ jagatkṛtsnaṃ vārāhaṃ taṃ nato 'smyaham //

Der Endlose, der mit der Spitze seines Stoßzahns die Erde aus dem Ozean emporhob und diese ganze Welt darauf errichtete – vor jener Eber-Gestalt verneige ich mich.

Wort für Wort
daṃṣṭrāṅkureṇa
mit der Spitze des Stoßzahns
anantaḥ samuddhṛtya arṇavāt harām
der Endlose, die Erde aus dem Ozean emporhebend
tasthau idaṃ jagat kṛtsnam
darauf stellte er diese ganze Welt
vārāhaṃ nataḥ asmi
vor der Eber-Gestalt verneige ich mich

[Anm.: draṣṭrāṅkureṇa als "daṃṣṭrāṅkureṇa" (mit der Stoßzahnspitze) gelesen.]

prahlādaṃ gopayandaityaṃ śilātikaṭhinorasam / vidārya hatavānyo hi taṃ nṛsiṃhaṃ nato 'smyaham //

Der, Prahlāda beschützend, den Dämon Hiraṇyakaśipu, dessen Brust härter als Stein war, zerriss und tötete – vor jenem Narasiṃha verneige ich mich.

Wort für Wort
prahlādaṃ gopayan
Prahlāda beschützend
daityaṃ śilātikaṭhinorasam
den Dämon mit steinharter Brust
vidārya hatavān
zerreißend tötete
taṃ nṛsiṃhaṃ nataḥ asmi
vor jenem Narasiṃha verneige ich mich

labdhvā vairocanerbhūmiṃ dvābhyāṃ padbhyāmatītya yaḥ / ābrahmabhuvanaṃ pādātsurebhyastaṃ nato 'jitam //

Der, die Erde von Vairocani (Bali) erlangend, mit zwei Schritten bis zur Welt Brahmās alles überschritt, mit seinem Fuß zum Wohle der Götter – vor jenem Unbesiegten verneige ich mich.

Wort für Wort
labdhvā vairocaneḥ bhūmim
die Erde von Vairocani erlangend
dvābhyāṃ padbhyām atītya
mit zwei Schritten überschreitend
ābrahmabhuvanam
bis zur Welt Brahmās
taṃ nataḥ ajitam
vor jenem Unbesiegten verneige ich mich

haihayasyāparādhena hyekaviṃśatisaṃkhyayā / kṣatriyānvayabhettā yo jāmadagnyaṃ nato 'smi tam //

Der wegen der Verfehlung des Haihaya-Königs einundzwanzigmal die Geschlechter der Kṣatriyas vernichtete – vor jenem Sohn des Jamadagni (Paraśurāma) verneige ich mich.

Wort für Wort
haihayasya aparādhena
wegen der Verfehlung des Haihaya
ekaviṃśatisaṃkhyayā
einundzwanzigmal
kṣatriyānvayabhettā
der Zerstörer der Kṣatriya-Geschlechter
jāmadagnyaṃ nataḥ asmi
vor dem Sohn des Jamadagni verneige ich mich

āvirbhūtaścaturddhā yaḥ kapibhiḥ parivāritaḥ / hatavānrākṣasānīkaṃ rāmacandraṃ nato 'smyaham //

Der, vierfach erschienen und von Affen umgeben, das Heer der Rākṣasas erschlug – vor Rāmacandra verneige ich mich.

Wort für Wort
āvirbhūtaḥ caturdhā
vierfach erschienen
kapibhiḥ parivāritaḥ
von Affen umgeben
hatavān rākṣasānīkam
erschlug das Rākṣasa-Heer
rāmacandraṃ nataḥ asmi
vor Rāmacandra verneige ich mich

mūrtidvayaṃ samāśritya bhūbhāramapahṛtya ca / saṃjahāra kulaṃ svaṃ yastaṃ śrīkṛṣṇapyahaṃ bhaje //

Der, zwei Gestalten annehmend, die Last der Erde hinwegnahm und zuletzt sein eigenes Geschlecht vernichtete – auch ich verehre jenen Śrī-Kṛṣṇa.

Wort für Wort
mūrtidvayaṃ samāśritya
zwei Gestalten annehmend
bhūbhāram apahṛtya
die Erdenlast hinwegnehmend
saṃjahāra kulaṃ svam
vernichtete sein eigenes Geschlecht
taṃ śrīkṛṣṇam bhaje
jenen Śrī-Kṛṣṇa verehre ich

bhūmyādilokatritayaṃ saṃtṛtpātmānamātmani / paśyanti nirmalaṃ śuddhaṃ tamīśānaṃ bhajāmyaham //

Ihn, in dem die Weisen die Dreiheit der Welten, angefangen mit der Erde, im eigenen Selbst als makellos und rein erblicken – jenen Herrn verehre ich.

Wort für Wort
bhūmyādilokatritayam
die Dreiheit der Welten, angefangen mit der Erde
ātmānam ātmani paśyanti
erblicken das Selbst im Selbst
nirmalaṃ śuddham
makellos, rein
tam īśānaṃ bhajāmi aham
jenen Herrn verehre ich

[?] Vers unsicher überliefert ("saṃtṛtpātmānam"), Sinn sinngemäß erschlossen.

yugānte pāpino śuddhānbhittvā tīkṣṇasudhārayā / sthāpayāmāsa yo dharmaṃ kṛtādau tannamāmyaham //

Der am Ende des Zeitalters die sündigen Unreinen mit scharfer Klinge durchbohrte und den Dharma zu Beginn des Kṛta-Zeitalters wieder einsetzte – ihn verehre ich.

Wort für Wort
yugānte
am Ende des Zeitalters
pāpinaḥ aśuddhān bhittvā
die sündigen Unreinen durchbohrend
sthāpayāmāsa dharmam kṛtādau
setzte den Dharma zu Beginn des Kṛta wieder ein
tam namāmi aham
ihn verehre ich

[Anm.: Bezug auf die Kalki-Gestalt am Ende des Kaliyuga bzw. Beginn eines neuen Kṛtayuga.]

evamādīnyanekāni yasya rupāṇi pāṇḍavāḥ / na śakyaṃ tena saṃkhyātuṃ koṭyabdairapi taṃ bhaje //

Solcherlei und viele weitere Gestalten hat er, die selbst durch Jahrmillionen nicht gezählt werden können – ihn verehre ich.

Wort für Wort
evamādīni anekāni rupāṇi
solcherlei und viele Gestalten
na śakyaṃ saṃkhyātum
können nicht gezählt werden
koṭyabdaiḥ api
selbst durch Jahrmillionen
taṃ bhaje
ihn verehre ich

[?] pāṇḍavāḥ: im Kontext unpassende Anrede, vermutlich Verderbnis der Quelle.

mahimānaṃ tu yannāmnaḥ paraṃ gantuṃ munīśvarāḥ / devāsurāśca manavaḥ kathaṃ taṃ śrullako bhaje //

Wie könnten selbst die Herren der Weisen, Götter, Dämonen und Menschen bis zum Äußersten der Erhabenheit seines Namens gelangen? Wie erst sollte ich, ein geringes Wesen, ihn verehren?

Wort für Wort
mahimānaṃ yannāmnaḥ
die Erhabenheit seines Namens
param gantum
bis zum Äußersten zu gelangen
munīśvarāḥ devāsurāḥ manavaḥ
Herren der Weisen, Götter, Dämonen, Menschen
kathaṃ taṃ bhaje
wie sollte ich ihn verehren

[?] śrullako: Lesung unsicher, sinngemäß als Selbstbezeichnung des Sprechers ("geringes Wesen") gedeutet.

yannāmaśravaṇenāpi mahāpātakino narāḥ / pavitratāṃ prapadyante ta kathaṃ staumi cālpadhīḥ //

Schon durch das bloße Hören seines Namens gelangen großsündige Menschen zur Reinheit – wie sollte ich, geringen Verstandes, ihn preisen?

Wort für Wort
yannāmaśravaṇena api
schon durch das Hören seines Namens
mahāpātakinaḥ narāḥ
großsündige Menschen
pavitratāṃ prapadyante
gelangen zur Reinheit
kathaṃ staumi alpadhīḥ
wie soll ich, geringen Verstandes, preisen

yathākathañcidyannamni kīrtite vā śrute 'pi vā / pāpinastu viśuddhāḥ syuḥ śaddhā mokṣamavānpuyuḥ //

Auf welche Weise auch immer dessen Name gepriesen oder auch nur gehört wird, werden die Sünder rein und erlangen sogleich die Befreiung.

Wort für Wort
yathākathañcit kīrtite śrute
auf welche Weise auch immer gepriesen oder gehört
pāpinaḥ viśuddhāḥ syuḥ
die Sünder werden rein
mokṣam avāpnuyuḥ
sie erlangen die Befreiung

[?] śaddhā: Lesung unsicher, evtl. "sadyaḥ" (sogleich) oder "śraddhayā" (durch Vertrauen).

ātmanyātmānamādhāya yogino gatakalmaśāḥ / paśyanti yaṃ jñānarupaṃ tamasmi śaraṇaṃ gataḥ //

Die von Verunreinigung befreiten Yogins, die das Selbst im Selbst gründen, erblicken ihn als Wissensgestalt – zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen.

Wort für Wort
ātmani ātmānam ādhāya
das Selbst im Selbst gründend
yoginaḥ gatakalmaṣāḥ
die von Verunreinigung befreiten Yogins
paśyanti jñānarupam
erblicken die Wissensgestalt
tam asmi śaraṇaṃ gataḥ
zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen

sāṅkhyāḥ sarveṣu paśyanti paripūraṇāntakaṃ harim / tamādidevamajaraṃ jñānarupaṃ bhajāmyaham //

Die Kenner des Sāṅkhya erblicken in allem Hari, den Vollender und Beender; jenen ursprünglichen, alterlosen Gott in Wissensgestalt verehre ich.

Wort für Wort
sāṅkhyāḥ sarveṣu paśyanti
die Sāṅkhya-Kenner erblicken in allem
paripūraṇāntakaṃ harim
Hari, den Vollender und Beender
ādidevam ajaram
den ursprünglichen, alterlosen Gott
jñānarupaṃ bhajāmi
in Wissensgestalt verehre ich

sarvasattvamayaṃ śāntaṃ sarvadraṣṭāramīśvaram / sahasraśīrṣakaṃ devaṃ vande bhāvātmakaṃ harim //

Ich verehre den aus allem Sein bestehenden, friedvollen, allsehenden Herrn, den tausendhäuptigen Gott, Hari, dessen Wesen das reine Sein ist.

Wort für Wort
sarvasattvamayaṃ śāntam
aus allem Sein bestehend, friedvoll
sarvadraṣṭāram īśvaram
allsehender Herr
sahasraśīrṣakaṃ devam
tausendhäuptiger Gott
bhāvātmakaṃ harim vande
ich verehre Hari, dessen Wesen das Sein ist

yadbhūtaṃ yacca vai bhāvyaṃ sthāvaraṃ jaṅgamaṃ jagat / daśāṅgulaṃ yo 'tsyatiṣṭattamīśamajaraṃ bhade //

Was gewesen ist und was sein wird, die bewegliche und unbewegliche Welt – der sie um zehn Fingerbreiten überragte, jenen alterlosen Herrn verehre ich.

Wort für Wort
yad bhūtaṃ yat bhāvyam
was gewesen ist und sein wird
sthāvaraṃ jaṅgamaṃ jagat
die bewegliche und unbewegliche Welt
daśāṅgulam atyatiṣṭhat
um zehn Fingerbreiten überragte
tam īśam ajaram
jenen alterlosen Herrn

[Anm.: Anklang an das vedische Puruṣasūkta ("sa bhūmiṃ viśvato vṛtvā atyatiṣṭhad daśāṅgulam"); Versende ("bhade") unsicher gelesen.]

aṇoraṇīyāṃsamajaṃ mahataśca mahattaram / guhyādguhyatamaṃ devaṃ praṇamāmi punaḥ punaḥ //

Den Ungeborenen, kleiner als das Kleinste und größer als das Größte, den Gott, geheimer als das Geheimste – vor ihm verneige ich mich immer wieder.

Wort für Wort
aṇoḥ aṇīyāṃsam
kleiner als das Kleinste
mahataḥ mahattaram
größer als das Größte
guhyād guhyatamam
geheimer als das Geheimste
praṇamāmi punaḥ punaḥ
ich verneige mich immer wieder

dhyātaḥ smṛtaḥ pūjito vā śṛtaḥ praṇamito 'pi vā / svapadaṃ yo dadātīśastaṃ vande puruṣottamam //

Meditiert, erinnert, verehrt, gehört oder auch nur mit einer Verneigung bedacht – der Herr gewährt dann schon seinen eigenen Wohnsitz; ihn, den höchsten Puruṣa, verehre ich.

Wort für Wort
dhyātaḥ smṛtaḥ pūjitaḥ
meditiert, erinnert, verehrt
śrutaḥ praṇamitaḥ api
gehört oder auch nur verneigt
svapadaṃ dadāti īśaḥ
der Herr gewährt seinen Wohnsitz
puruṣottamam vande
den höchsten Puruṣa verehre ich

iti stuvantaṃ paramaṃ pereśaṃ harṣāmbusaṃruddhavilocanāste / munīśvarā nāradasaṃyutāstu sanandanādyāḥ prapudaṃ prajagmuḥ //

Während er so den höchsten Herrn pries, mit von Freudentränen erfüllten Augen, gingen jene Herren der Weisen, zusammen mit Nārada, angeführt von Sanandana, von dort fort.

Wort für Wort
iti stuvantaṃ paramaṃ pareśam
während er so den höchsten Herrn pries
harṣāmbusaṃruddhavilocanāḥ
mit von Freudentränen erfüllten Augen
munīśvarāḥ nāradasaṃyutāḥ
die Herren der Weisen zusammen mit Nārada
sanandanādyāḥ prajagmuḥ
angeführt von Sanandana gingen sie fort

[?] pereśaṃ als "pareśam" (der höchste Herr) und prapudaṃ als Zielangabe gedeutet; Sprecherwechsel im Vers nicht eindeutig markiert. [Anm.: Da V.56 den Preisenden in der Einzahl beschreibt ("stuvantam"), wird Nārada als durchgehender Sprecher des gesamten Hymnus (V.21-55) angenommen, auch wenn dies im Quelltext nicht ausdrücklich markiert ist.]

ya idaṃ prātarutyāya pāṭhedvai paurupaṃ stavam / sarvapāpaviśuddhātmā viṣṇulokaṃ sa gacchati //

Wer am Morgen aufstehend dieses Loblied auf den Puruṣa rezitiert, dessen Selbst wird von aller Sünde gereinigt, und er gelangt zur Welt Viṣṇus.

Wort für Wort
yaḥ prātaḥ utthāya
wer am Morgen aufstehend
pāṭhet pauruṣaṃ stavam
das Puruṣa-Loblied rezitiert
sarvapāpaviśuddhātmā
dessen Selbst von aller Sünde gereinigt ist
viṣṇulokaṃ gacchati
gelangt zur Welt Viṣṇus

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