Kapitel 1: nārada-viṣṇustavaḥ
Nāradas Lobpreis auf Viṣṇu
Anm.: Das verfügbare gemeinfreie Digitalisat des Nārada-Purāṇa (GRETIL, Sansknet-Projekt, Pūrvabhāga Teil 1) beginnt seine Zählung erst bei Adhyāya 2 (Verszählung "NarP_1,2.1" ff.); ein eigenständiges Adhyāya 1 ist in dieser Quelle nicht enthalten. Die Kapitelzählung dieses Projekts folgt daher dem tatsächlich vorhandenen ersten Kapitel der Quelle. Der Text ist laut Quellenvermerk unvollständig wortgrenzenmarkiert und noch korrekturbedürftig; entsprechend häufiger als sonst sind [?]-Markierungen bei unsicheren Lesungen gesetzt. Inhalt: Die Weisen fragen Sūta nach dem Zusammentreffen von Sanatkumāra und Nārada; die vier Kumāras werden vorgestellt; auf dem Weg zu Brahmās Versammlung treffen sie an der Gaṅgā auf Nārada, der einen ausführlichen Lobpreis (Stotra) auf Viṣṇu in seinen vielfältigen Erscheinungsformen (Avatāras) anstimmt, bevor er die Weisen nach den Wesenszügen des Erhabenen befragt.
Sanaka und die anderen Hochherzigen, die geistgeborenen Söhne Brahmās, sie alle waren ohne Besitzdenken, ohne Ich-Bezogenheit und fürwahr von aufwärtsgerichteter Keuschheit.
Ihre Namen will ich nennen: Sanaka und Sanandana, der mächtige Sanatkumāra, und der als Sanātana Erinnerte.
Wort für Wort
teṣāṃ nāmāni vakṣyāmi
ihre Namen will ich nennen
sanakaḥ ca sanandanaḥ
Sanaka und Sanandana
sanatkumāraḥ ca vibhuḥ
und der mächtige Sanatkumāra
sanātanaḥ iti smṛtaḥ
als Sanātana erinnert
[Anm.: Die Namen sind im digitalisierten Quelltext entstellt überliefert ("samakaśca", "sanasphumāraśca", "sanātama"); die Lesung folgt hier der aus der Puranenliteratur bekannten Vierergruppe der Kumāras (Sanaka, Sanandana, Sanatkumāra, Sanātana), ohne dass eine bestehende Übersetzung konsultiert wurde.]
Hochherzige Viṣṇu-Verehrer waren sie, der Meditation auf das Brahman hingegeben, strahlend wie tausend Sonnen, der Wahrheit verpflichtet und nach Befreiung strebend.
Einst, zum Gipfel des Meru zur Versammlung Brahmās aufgebrochen, erblickten die zweifachgeborenen Weisen auf dem Weg die liebliche, aus Viṣṇus Fuß entsprungene Gaṅgā.
Nārada kam heran zu den besten der Zweifachgeborenen und erblickte seine wandernden älteren Brüder; als er sie zum Baden bereit sah, verneigte er sich mit gefalteten Händen.
Mit liebevoller Hingabe die Namen und Eigenschaften des Feindes von Madhu preisend: "O Nārāyaṇa, Unvergänglicher, Endloser, Vāsudeva, Beweger der Menschen,"
yajñeśa yajñapuruṣa kṛṣṇa viṣṇo namo 'stu te / padmākṣa kamalākānta gaṅgājanaka keśava / kṣirodaśāyindeveśa dāmodara namo 'stu te //
O Herr des Opfers, o Person des Opfers, o Kṛṣṇa, o Viṣṇu, Verehrung sei dir! O Lotusäugiger, Geliebter der Lakṣmī, Erzeuger der Gaṅgā, o Keśava, im Milchozean Ruhender, Herr der Götter, o Dāmodara, Verehrung sei dir!
O Śrī-Rāma, Viṣṇu, Narasiṃha, Vāmana, Pradyumna, Saṃkarṣaṇa, Vāsudeva, Aja, Aniruddha, du Makelloser, Feind des Mura – beschütze uns beständig vor aller Furcht!
Wort für Wort
śrīrāma viṣṇo narasiṃha vāmana
Śrī-Rāma, Viṣṇu, Narasiṃha, Vāmana
pradyumnasaṃkarṣaṇa
Pradyumna, Saṃkarṣaṇa
murāram
Feind des Mura
pāhi naḥ sarvabhayāt ajastram
beschütze uns beständig vor aller Furcht
[?] vātpadeva und amalaruṅ: Lesung unsicher, vermutlich "vāsudeva" bzw. ein Kompositum mit "amala" (makellos); Vers in längerem Versmaß mit Entstellungen überliefert.
So den Namen Haris ausgesprochen habend, verneigte er sich vor jenen seinen älteren Bruder-Weisen, verweilte bei ihnen und badete, von Freude erfüllt, gemeinsam mit ihnen.
Auch sie, die Weisen, wurden, nachdem sie in dem die Verunreinigung der Welt hinwegnehmenden Wasser der Sītā-Gaṅgā gebadet und die Waschungen vollzogen hatten, frei von Verunreinigung.
Wort für Wort
teṣāṃ ca api
auch von ihnen
sītāyā jale
im Wasser der Sītā (Gaṅgā)
lokamalāpahe
das die Weltverunreinigung hinwegnimmt [?]
strātvā saṃtartya
gebadet und die Waschung vollzogen
gatakalmaṣāḥ
frei von Verunreinigung
[Anm.: Vers stark korrumpiert überliefert (u.a. "lokamalāpahe", "devarṣipitanvi"); Lesung und Worttrennung unsicher, Sinn sinngemäß erschlossen.]
Nachdem sie herausgestiegen waren und die Dämmerungsverehrung und ihre sonstigen rituellen Pflichten vollzogen hatten, begannen die Zweifachgeborenen ein vielfältiges Gespräch, das sich auf die Eigenschaften Nārāyaṇas gründete.
Wort für Wort
uttīrya
herausgestiegen
saṃdhyopāstyādi kṛtvā ācāram svakam
die Dämmerungsverehrung u.a. eigene Riten vollzogen
lokoddhāraparānyuṣmāndīneṣu kṛtasauhṛdān / pṛcche tato vadata me bhagavallakṣaṇaṃ budhāḥ //
Euch, die ihr der Errettung der Welt hingegeben seid und den Elenden Freundschaft erwiesen habt, frage ich daher: Sagt mir, ihr Weisen, die Wesenszüge des Erhabenen.
Wodurch dieses ganze Universum, die Welt des Beweglichen und Unbeweglichen, entstanden ist, und dessen Fußwasser die Gaṅgā ist – wie wird jener Hari erkannt?
atitheḥ pūjanaṃ vāpi yena viṣṇuḥ prasīdati / evamādīni guhyāni harituṣṭikarāṇi ca / anugṛhya ca māṃ nāthāstattvato vaktumarhatha //
Auch die Verehrung des Gastes, wodurch Viṣṇu wohlgefällig wird – solcherlei Geheimnisse, die Haris Zufriedenheit bewirken, möget ihr mir, o Herren, gnädig und der Wahrheit gemäß verkünden.
namaḥ parāya devāya parasmātparamātra ca / parāvara nivāsāya saguṇāyāguṇāya ca //
Verehrung dem höchsten Gott, der noch jenseits des Höchsten ist, der in Hohem und Niederem wohnt, dem mit Eigenschaften Versehenen und zugleich dem Eigenschaftslosen.
Dem Illusionslosen, der als das Selbst bezeichnet wird, dem Großen, dem Universalgestaltigen, dem Herrn des Yoga, dem Yoga selbst, dem durch Yoga Erreichbaren, dem Viṣṇu.
Dem Wissen, dem durch Wissen Erreichbaren, der alleinigen Ursache allen Wissens, dem Herrn des Wissens, dem Erkennbaren, dem Erkennenden, dem Reichtum der Erkenntnis.
dhyānāya dhyānagamyāya dhyātṛpātaharāya ca / dhyāneśvarāya sudhiyedhyeyadhyātṛsvarupiṇe //
Der Meditation, dem durch Meditation Erreichbaren, der den Fall des Meditierenden hinwegnimmt, dem Herrn der Meditation, dem von reinem Verstand, der die Wesensform sowohl des Meditationsobjekts als auch des Meditierenden ist.
Wort für Wort
dhyānāya dhyānagamyāya
der Meditation, dem durch Meditation Erreichbaren
dhyātṛpātaharāya
der den Fall des Meditierenden hinwegnimmt
dhyāneśvarāya
dem Herrn der Meditation
dhyeyadhyātṛsvarupiṇe
der Wesensform von Objekt und Subjekt der Meditation
Die Ādityas, Mond, Feuer, der Schöpfer, die Götter, die Siddhas und die Scharen der Yakṣas, Asuras und Nāgas – sie alle sind mit seiner Kraft ausgestattet. Vor jenem Ungeborenen, Uralten, Wahren, dem Herrn allen Lobpreises, verneige ich mich beständig.
Wort für Wort
ādityāḥ candrāgnividhātṛdevāḥ
die Ādityas, Mond, Feuer, der Schöpfer, die Götter
siddhāḥ yakṣāsuranāgasaṅghāḥ
die Siddhas, Yakṣas, Asuras, Nāgas
yacchaktiyuktāḥ
mit dessen Kraft ausgestattet
tam ajaṃ purāṇaṃ satyaṃ stutīśam
jenen ungeborenen, uralten, wahren Herrn des Lobpreises
yo brahmarupī jagatāṃ vidhātā sa eva pātā dvijaviṣṇurupī / kalpāntarudrākhyatamuḥ sa devaḥ śeteṃ'ghripānastamajaṃ bhajāmi //
Der in Brahmā-Gestalt der Schöpfer der Welten ist, eben er ist als Viṣṇu der Erhalter, und am Ende des Weltzeitalters ruht jener Gott unter dem Namen Rudra – jenen Ungeborenen verehre ich.
Wort für Wort
brahmarupī jagatāṃ vidhātā
in Brahmā-Gestalt der Schöpfer der Welten
viṣṇurupī pātā
als Viṣṇu der Erhalter
kalpāntarudrākhyatamuḥ
am Weltzeitende unter dem Namen Rudra
tam ajaṃ bhajāmi
jenen Ungeborenen verehre ich
[?] ghripānaḥ: Lesung unsicher, Sinn des Versendes sinngemäß erschlossen.
Durch dessen Namensgesang der Elefantenfürst aus der grausamen Fessel des Krokodils befreit wurde, zu jenem Gott, der in seinem als höchst bezeichneten Wohnsitz strahlt, zu jenem ursprünglichen Viṣṇu nehme ich Zuflucht.
Wort für Wort
yannāmasaṃkīrtanataḥ
durch dessen Namensgesang
gajendraḥ grāhograbandhāt mumuce
der Elefantenfürst wurde aus der Krokodilsfessel befreit
Der in Śiva-Gestalt für die der Śiva-Hingabe Ergebenen, der in Viṣṇu-Gestalt für die auf Hari Meditierenden – aus eigenem Willensentschluss die Ursache der jeweiligen Körperform – zu eben diesem und jenem nehme ich stets Zuflucht.
yaḥ keśihantā narakāntakaśca bālo bhujāgreṇa dadhāra gotram / devaṃ ca bhūmāravinodaśīlaṃ taṃ vāsudevaṃ satataṃ nato 'smi //
Der als Knabe den Keśin tötete, der Vernichter des Naraka-Dämons ist, der mit der Fingerspitze den Berg Govardhana hielt, den Gott, der die Last der Erde zu vertreiben pflegt – vor jenem Vāsudeva verneige ich mich beständig.
Wort für Wort
keśihantā narakāntakaḥ
der Töter des Keśin, Vernichter des Naraka
bālaḥ bhujāgreṇa dadhāra gotram
als Knabe hielt er mit der Fingerspitze den Berg
bhūmibhāravinodaśīlam
die Erdenlast vertreibend [?]
taṃ vāsudevaṃ nataḥ asmi
vor jenem Vāsudeva verneige ich mich
[?] bhūmāravinodaśīlaṃ: Lesung als "bhūmibhāravinodaśīlam" (die Erdenlast vertreibend) angenommen.
Der, herabgestiegen in der Gestalt des schrecklichen Narasiṃha, die steinharte Brust des Dämons zerriss und seinen eigenen Geweihten Prahlāda beschützte – jenen Herrn, den Ungeborenen, verehre ich.
Wort für Wort
avatīrya ugranṛsiṃharupī
herabgestiegen in der Gestalt des schrecklichen Narasiṃha
vyomādibhirmūṣitamātmasaṃjñaṃ nirañjanaṃ nityamameyatattvam / jagadvidhātāramakarmakaṃ ca paraṃ purāṇaṃ puruṣama nato 'smi //
Vor dem von Äther und den anderen Elementen umhüllten, als Selbst bezeichneten, makellosen, ewigen, von unermesslichem Wesen, dem Schöpfer der Welt und doch Handlungslosen, dem höchsten, uralten Puruṣa verneige ich mich.
Wort für Wort
vyomādibhiḥ mūṣitam
von Äther u.a. umhüllt [?]
ātmasaṃjñaṃ nirañjanam
als Selbst bezeichnet, makellos
jagadvidhātāram akarmakam
Schöpfer der Welt, doch handlungslos
paraṃ purāṇaṃ puruṣam nataḥ asmi
vor dem höchsten, uralten Puruṣa verneige ich mich
Durch die Scharen von Brahmā, Indra, Rudra, Anila, Vāyu, den Sterblichen, Gandharvas, Yakṣas, Asuras und Göttern hindurch, in den Unterschieden seiner eigenen Gestaltungen, steht der eine Herr – jenes ursprüngliche Selbst verehre ich.
yato bhinnamidaṃ sarvaṃ samudbhūtaṃ sthitaṃ ca vai / yasminneṣyati paścācca tamasti śaraṇaṃ gataḥ //
Von wem dieses ganze unterschiedene Universum entstanden ist und besteht, und in wen es später wieder eingehen wird – zu jenem bin ich in Zuflucht gegangen.
Der, in Universalgestalt bestehend, hier wie anhaftend erscheint, in Wahrheit aber unverbunden und vollkommen ist – zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen.
Für die von aller Anhaftung Abgewandten, deren Selbst am Meditations-Yoga Freude findet, erscheint er überall als das Selbst des Wissens – zu ihm bin ich in Zuflucht gegangen.
draṣṭrāṅkureṇa yo 'nantaḥ samuddhṛtyārṇavāddharām / tasthāvidaṃ jagatkṛtsnaṃ vārāhaṃ taṃ nato 'smyaham //
Der Endlose, der mit der Spitze seines Stoßzahns die Erde aus dem Ozean emporhob und diese ganze Welt darauf errichtete – vor jener Eber-Gestalt verneige ich mich.
Wort für Wort
daṃṣṭrāṅkureṇa
mit der Spitze des Stoßzahns
anantaḥ samuddhṛtya arṇavāt harām
der Endlose, die Erde aus dem Ozean emporhebend
tasthau idaṃ jagat kṛtsnam
darauf stellte er diese ganze Welt
vārāhaṃ nataḥ asmi
vor der Eber-Gestalt verneige ich mich
[Anm.: draṣṭrāṅkureṇa als "daṃṣṭrāṅkureṇa" (mit der Stoßzahnspitze) gelesen.]
Der, die Erde von Vairocani (Bali) erlangend, mit zwei Schritten bis zur Welt Brahmās alles überschritt, mit seinem Fuß zum Wohle der Götter – vor jenem Unbesiegten verneige ich mich.
haihayasyāparādhena hyekaviṃśatisaṃkhyayā / kṣatriyānvayabhettā yo jāmadagnyaṃ nato 'smi tam //
Der wegen der Verfehlung des Haihaya-Königs einundzwanzigmal die Geschlechter der Kṣatriyas vernichtete – vor jenem Sohn des Jamadagni (Paraśurāma) verneige ich mich.
Der am Ende des Zeitalters die sündigen Unreinen mit scharfer Klinge durchbohrte und den Dharma zu Beginn des Kṛta-Zeitalters wieder einsetzte – ihn verehre ich.
Wort für Wort
yugānte
am Ende des Zeitalters
pāpinaḥ aśuddhān bhittvā
die sündigen Unreinen durchbohrend
sthāpayāmāsa dharmam kṛtādau
setzte den Dharma zu Beginn des Kṛta wieder ein
tam namāmi aham
ihn verehre ich
[Anm.: Bezug auf die Kalki-Gestalt am Ende des Kaliyuga bzw. Beginn eines neuen Kṛtayuga.]
Wie könnten selbst die Herren der Weisen, Götter, Dämonen und Menschen bis zum Äußersten der Erhabenheit seines Namens gelangen? Wie erst sollte ich, ein geringes Wesen, ihn verehren?
Wort für Wort
mahimānaṃ yannāmnaḥ
die Erhabenheit seines Namens
param gantum
bis zum Äußersten zu gelangen
munīśvarāḥ devāsurāḥ manavaḥ
Herren der Weisen, Götter, Dämonen, Menschen
kathaṃ taṃ bhaje
wie sollte ich ihn verehren
[?] śrullako: Lesung unsicher, sinngemäß als Selbstbezeichnung des Sprechers ("geringes Wesen") gedeutet.
Meditiert, erinnert, verehrt, gehört oder auch nur mit einer Verneigung bedacht – der Herr gewährt dann schon seinen eigenen Wohnsitz; ihn, den höchsten Puruṣa, verehre ich.
Während er so den höchsten Herrn pries, mit von Freudentränen erfüllten Augen, gingen jene Herren der Weisen, zusammen mit Nārada, angeführt von Sanandana, von dort fort.
Wort für Wort
iti stuvantaṃ paramaṃ pareśam
während er so den höchsten Herrn pries
harṣāmbusaṃruddhavilocanāḥ
mit von Freudentränen erfüllten Augen
munīśvarāḥ nāradasaṃyutāḥ
die Herren der Weisen zusammen mit Nārada
sanandanādyāḥ prajagmuḥ
angeführt von Sanandana gingen sie fort
[?] pereśaṃ als "pareśam" (der höchste Herr) und prapudaṃ als Zielangabe gedeutet; Sprecherwechsel im Vers nicht eindeutig markiert. [Anm.: Da V.56 den Preisenden in der Einzahl beschreibt ("stuvantam"), wird Nārada als durchgehender Sprecher des gesamten Hymnus (V.21-55) angenommen, auch wenn dies im Quelltext nicht ausdrücklich markiert ist.]