Kapitel 110: dvādaśamāsadvitīyāvratanirūpaṇam
Darlegung der Dvitīyā-Gelübde der zwölf Monate
Titel rekonstruiert aus dem Kolophon, der (quellenbedingt versetzt) am Kopf der Datei src_kap111_raw.txt erscheint („...dvādaśamāsadvitīyāvratanirūpaṇaṃ nāmaikādaśādhikaśatatamo 'dhyāyaḥ“) und inhaltlich eindeutig Kapitel 110 zuzuordnen ist; vgl. Anmerkung zu Kapitel 109.
Sanātana sprach: Höre, Brahmane, ich werde dir die Gelübde des zweiten Mondtags (Dvitīyā) verkünden, durch deren hingebungsvolle Ausführung der Mensch in der Welt Brahmās geehrt wird.
Wort für Wort
sanātana uvāca
Sanātana sprach:
śṛṇu vipra pravakṣyāmi
höre, Brahmane, ich werde verkünden
dvitīyāyā vratāni te
dir die Gelübde des zweiten Mondtags
yāni kṛtvā naro bhaktyā brahmaloke mahīyate
durch deren hingebungsvolle Ausführung der Mensch in der Welt Brahmās geehrt wird
Der eigentliche Kolophon des VORANGEHENDEN Kapitels (109, Pratipad-Vrata, hier fälschlich als „daśottaraśatatamo 'dhyāyaḥ“ = 110. Kapitel bezeichnet) steht in der Quelldatei irrtümlich vor dieser Verszeile (durchgängiges Verschiebungsmuster in diesem Textkorpus) und wurde nicht mitübersetzt.
caitraśukladvitīyāyāṃ brahmaṇaṃ ca saśaktikam / haviṣyānnena gandhādyaiḥ stoṣya sarvakratūdbhavam
Am zweiten Tag der hellen Hälfte des Caitra soll man Brahmā, zusammen mit seiner Śakti, mit geweihter Speise, Duftstoffen und dergleichen preisen, ihn, aus dem alle Opferriten entstanden sind,
Wort für Wort
caitraśukladvitīyāyāṃ
am zweiten Tag der hellen Hälfte des Caitra
brahmaṇaṃ ca saśaktikam
Brahmā, zusammen mit seiner Śakti
haviṣyānnena gandhādyaiḥ
mit geweihter Speise, Duftstoffen und dergleichen
stoṣya sarvakratūdbhavam
soll man preisen, ihn, aus dem alle Opferriten entstanden sind
phalaṃ labdhvākhilānkāmānante brahmapadaṃ labhet / asminneva dine vipra bālendumuditaṃ pare
so erlangt man, nachdem man die Frucht aller Wünsche erhalten hat, am Ende den Zustand Brahmās. An eben diesem Tag, o Brahmane, soll man den aufgegangenen jungen Mond, im höchsten Sinne,
verehren, zu Beginn der Nacht; so entsteht die Frucht von Genuss und Erlösung. Oder aber, an diesem Tag, nachdem man mit Hingabe und Bemühen die beiden Aśvins (Dasrau) verehrt hat,
Wort für Wort
samabhyarcya niśāraṃbhe
verehren, zu Beginn der Nacht
bhuktimuktiphalaṃ bhavet
so entsteht die Frucht von Genuss und Erlösung
atha vāsmindine bhaktyā
oder aber an diesem Tag mit Hingabe
dasrāvabhyarcya yatnataḥ
nachdem man die beiden Aśvins mit Bemühen verehrt hat
suvarṇarajate netre pradadyācca dvijātaye / pūrṇayātrāvrate hyasmindadhnā vāpi ghṛtena ca
soll man dem Zweifachgeborenen ein Paar Augen aus Gold und Silber schenken. Bei diesem Gelübde der 'vollen Fahrt' (Pūrṇayātrā) (verehrt man) mit Quark oder auch mit Ghee,
nachdem man das Augen-Gelübde zwölf Jahre lang vollzogen hat, wird man, o Fürst der Zweifachgeborenen, ein Herrscher der Erde – von schöner Gestalt, machtvoll gegenüber der Schar der Feinde, dem Dharma zugetan, der Erste unter den Königen.
Wort für Wort
netravrataṃ dvādaśa vatsarānvai kṛtyā
nachdem man das Augen-Gelübde zwölf Jahre lang vollzogen hat
bhavedbhūmipatirdvijendra
wird man ein Herrscher der Erde, o Fürst der Zweifachgeborenen
surūparūpo 'rigaṇapratāpī
von schöner Gestalt, machtvoll gegenüber der Schar der Feinde
Am zweiten Tag der hellen Hälfte des Rādha [?] soll man Brahmā in Viṣṇu-Gestalt verehren, nachdem man die sieben Getreidearten nach Vorschrift auf einem gefüllten Wassertopf (dargebracht hat),
Wort für Wort
rādhaśukladvitīyāyāṃ [?]
am zweiten Tag der hellen Hälfte des Rādha [?]
brahmaṇaṃ viṣṇurūpiṇam
Brahmā in Viṣṇu-Gestalt
samarcya saptadhānyāni
soll man verehren, (nachdem man) die sieben Getreidearten
āḍhyakuṃbhopari vidhānataḥ
auf einem gefüllten Wassertopf, nach Vorschrift (dargebracht hat)
„Rādha“ als Monatsname ist unklar; möglicherweise Nebenname für Vaiśākha oder eine Verschreibung; mit [?] markiert.
erlangt man die Welt Viṣṇus, nachdem man entzückende Genüsse genossen hat. Am zweiten Tag der hellen Hälfte des Jyeṣṭha (soll man) Bhāskara (die Sonne), den Herrn der Welt,
catuvaktrasvarūpaṃ ca samabhyarcya vidhānataḥ / bhojayitvā dvijān bhaktyā bhāskaraṃ lokamāpnuyāt
der die Wesensform mit vier Gesichtern [?] hat, nach Vorschrift verehren; nachdem man Brahmanen mit Hingabe gespeist hat, erlangt man die Welt der Sonne (Bhāskara).
Wort für Wort
catuvaktrasvarūpaṃ ca [?]
der die Wesensform mit vier Gesichtern [?] hat
samabhyarcya vidhānataḥ
soll man nach Vorschrift verehren
bhojayitvā dvijān bhaktyā
nachdem man Brahmanen mit Hingabe gespeist hat
bhāskaraṃ lokamāpnuyāt
erlangt man die Welt der Sonne
catuvaktrasvarūpam („vierantlitzig“) ist als Epitheton für Sūrya ungewöhnlich (sonst Beiname Brahmās); möglicherweise Textverderbnis; mit [?] markiert.
āṣāḍhasya site pakṣe dvitīyā puṇyasaṃyutā / tasyāṃ rathaṃ samāropya rāmaṃ saha subhadrayā
In der hellen Hälfte des Āṣāḍha ist der zweite Tag heilbringend; an diesem Tag soll man (die Gottheit) mit Rāma (Balarāma), zusammen mit Subhadrā, auf einen Wagen setzen,
Wort für Wort
āṣāḍhasya site pakṣe
in der hellen Hälfte des Āṣāḍha
dvitīyā puṇyasaṃyutā
ist der zweite Tag heilbringend
tasyāṃ rathaṃ samāropya
an diesem (Tag), nachdem man auf einen Wagen gesetzt hat
und zusammen mit den Zweifachgeborenen und anderen soll der Gelübdehaltende um die Stadt und dergleichen herumziehen, und, nachdem man zum Ufer eines Wasserbeckens gegangen ist, ein großes Fest veranstalten.
Wort für Wort
dvijādibhirvratī sārdhaṃ
zusammen mit den Zweifachgeborenen und anderen soll der Gelübdehaltende
parikramya purādikam
um die Stadt und dergleichen herumziehen
jalāśayāntikaṃ gatvā
nachdem man zum Ufer eines Wasserbeckens gegangen ist
Am zweiten Tag der hellen Hälfte des Nabhas (Śrāvaṇa) schläft Viśvakarman, der Herr der Geschöpfe (Prajāpati) – so heißt es; dieser heilbringende Tithi wird 'Aśokaśayana' (das kummerlose Ruhelager) genannt.
Wort für Wort
nabhaḥ śukladvitīyāyāṃ
am zweiten Tag der hellen Hälfte des Nabhas
viśvakarmā prajāpatiḥ svapiti iti
Viśvakarman, der Herr der Geschöpfe, schläft – so heißt es
saśaktika tu śayyāsthaṃ pūjayitvā caturmukham / imamuccārayenmantraṃ praṇamya jagatāṃ patim
Nachdem man den Vierantlitzigen (Brahmā), zusammen mit seiner Śakti, auf dem Lager liegend, verehrt hat, soll man, sich vor dem Herrn der Welten verneigend, folgenden Mantra aussprechen:
'Oh Träger des Śrīvatsa-Zeichens, Geliebter der Śrī, Wohnstatt der Śrī, Herr der Śrī, o Gebieter – möge mein Hausstand nicht dem Untergang verfallen, o Gewährer von Dharma, Artha und Kāma!'
Wort für Wort
śrīvatsadhāriñchrīkānta
oh Träger des Śrīvatsa-Zeichens, Geliebter der Śrī
śrīvāsa śrīpate prabho
Wohnstatt der Śrī, Herr der Śrī, o Gebieter
gārhasthyaṃ mā praṇāśaṃ me yātu
möge mein Hausstand nicht dem Untergang verfallen
dharmārthakāmada
o Gewährer von Dharma, Artha und Kāma
Die hier angesprochenen Epitheta (Śrīvatsadhārin, Śrīkānta, Śrīvāsa, Śrīpate) sind Beinamen Viṣṇus, während V14 den zuvor gelagerten Gott als 'caturmukham' (den Vierantlitzigen, gewöhnlich Brahmā) bezeichnet – ein Widerspruch bzw. eine Gleichsetzung, die im Quelltext unaufgelöst bleibt.
Hierbei wird die Gabe eines Halbmond(-förmigen Gegenstands) gelehrt, die alle Vollkommenheit bewirkt. Am zweiten Tag der hellen Hälfte des Bhādra (soll man) den Weltenordner in Indra-Gestalt,
Wort für Wort
candrārddhadānamatroktaṃ
hierbei wird die Gabe eines Halbmond(-förmigen Gegenstands) gelehrt
Eine an diesem Tag gegebene Gabe, so heißt es, trägt unendliche Frucht. Am zweiten Tag der hellen Hälfte des Ūrja (Kārtika) wurde einst Yama von Yamunā,
Ihr (der Schwester) soll man danach, voran mit Gewand und Schmuck (beginnend), eine Gabe geben.
Wort für Wort
vastrālaṅkārapūrvaṃ tu
voran mit Gewand und Schmuck
tasmai deyamataḥ param
soll ihr danach eine Gabe gegeben werden
Im Quelltext ist V20 (im Unterschied zu den übrigen Versen) nur mit einer einzigen Halbzeile überliefert; der zweite Halbvers fehlt bzw. wurde offenbar nicht mit aufgenommen.
An dem Tithi, an dem der Gott Yamarāja von Yamunā aus deren eigener Hand, aus Liebe zur Schwester, gespeist wurde – wer an diesem Tag aus der Handfläche seiner Schwester isst, der erlangt unübertreffliche Juwelen, Reichtum und Getreide.
Wort für Wort
yasyāṃ tithau yamunayā
an dem Tithi, an dem von Yamunā
yamarājadevaḥ saṃbhojito nijakarātsvasṛsauhṛdena
der Gott Yamarāja aus deren eigener Hand, aus Liebe zur Schwester, gespeist wurde
tasyāṃ svasuḥ karatalādiha yo bhunakti
wer an diesem Tag aus der Handfläche seiner Schwester isst
prāpnoti ratnadhanadhānyamanuttamaṃ saḥ
der erlangt unübertreffliche Juwelen, Reichtum und Getreide
Am zweiten Tag der hellen Hälfte des Mārga(śīrṣa) bewirkt die Verehrung der Ahnen durch das Śrāddha-Opfer, dass man auch Gesundheit erlangt, verbunden mit Söhnen und Enkeln.
Am zweiten Tag der hellen Hälfte des Pauṣa gibt es das Abwischen mit Wasser vom Horn der Kuh, das allen Menschen alle Wünsche gewährt, zusammen mit der Betrachtung des jungen Mondes.
Wer, geweihte Speise essend und die Sinne beherrschend, dem jungen Mond durch das Geben von Ehrenwasser, zusammen mit Ghee und Blumen, huldigt, der erlangt die Erfüllung von Dharma, Kāma und Artha.
Wort für Wort
yo 'rghyadānena bālenduṃ
wer durch das Geben von Ehrenwasser dem jungen Mond
haviṣyāśī jitendriyaḥ
geweihte Speise essend und die Sinne beherrschend
pūjayetsājyasumane
verehrt, zusammen mit Ghee und Blumen
dharmakāmārthasiddhaye
(der erlangt) die Erfüllung von Dharma, Kāma und Artha
mit roten (Gaben) [?], und nachdem man nach Kraft ein goldenes Abbild angefertigt hat, danach ein volles Kupfergefäß mit Kuh-Ghee [?] oder mit Reiskörnern (füllen),
Wort für Wort
raktairgaṃvaistathā [?]
mit roten (Gaben) [?] ebenso
svarṇamūrtiṃ nirmāya śaktitaḥ
nachdem man nach Kraft ein goldenes Abbild angefertigt hat
tataḥ pūrṇaṃ tāmrapātraṃ
danach ein volles Kupfergefäß
gāghṛmairvāpitaṇḍulaiḥ [?]
mit Kuh-Ghee [?] oder mit Reiskörnern (füllen)
raktairgaṃvaiḥ und gāghṛmaiḥ sind unklare bzw. verderbte Lesarten (evtl. sarvair gandhaiḥ bzw. gāghṛtair o.ä.); mit [?] markiert.
samarpya deve bhaktyaiva sa mūrtiṃ pradadeddvije / evaṃ kṛte vrate vipra sākṣātsūrya ivoditaḥ
nachdem man es dem Gott mit Hingabe dargebracht hat, soll man das Abbild dem Brahmanen übergeben. Wenn das Gelübde so vollzogen wurde, o Brahmane, (wird der Gelübdehaltende) wie die leibhaftig aufgegangene Sonne,
Wort für Wort
samarpya deve bhaktyaiva
nachdem man es dem Gott mit Hingabe dargebracht hat
unnahbar und unbezwingbar, wird man als Mensch auf Erden geboren. Nachdem man hier die vorzüglichsten Genüsse genossen hat, gelangt man am Ende zum Zustand Brahmās,
Wort für Wort
durāsado durādharṣo
unnahbar und unbezwingbar
jāyate bhuvimānavaḥ
wird man als Mensch auf Erden geboren
iha kāmānvarāmbhuktvā
nachdem man hier die vorzüglichsten Genüsse genossen hat
stets von allen Göttern gepriesen, auf einem vorzüglichen Himmelswagen thronend. Nun, am zweiten Tag der hellen Hälfte des Phālguna, soll der beste der Zweifachgeborenen,
Wort für Wort
sarvadevastuto 'bhīkṣṇaṃ
stets von allen Göttern gepriesen
vimānavaramāsthitaḥ
auf einem vorzüglichen Himmelswagen thronend
atha phaālgunaśuklāyā dvitīyāyāṃ
nun, am zweiten Tag der hellen Hälfte des Phālguna
mit vielfältigen Speiseopfergaben, Räucherwerk, Lichtern, Lichterschwenken (Nīrājana) und dergleichen; nachdem er den Gott gnädig gestimmt hat, soll er sich verneigen, mit acht Gliedern zu Boden fallend.
Wort für Wort
naivedyairvividhairdhūpaiḥ
mit vielfältigen Speiseopfergaben, Räucherwerk
dīparnīrājanādibhiḥ
Lichtern, Lichterschwenken und dergleichen
prasādya praṇameccaiva
nachdem er (den Gott) gnädig gestimmt hat, soll er sich verneigen
Wenn er so den Herrn der Götter verehrt hat, wird der Sterbliche frei von Krankheit; ausgestattet mit Reichtum und Getreide, lebt er sicher hundert Jahre.
Welche Vorschrift für die zweiten Tage der hellen Monatshälfte verkündet wurde, eben diese soll von den der Regel Kundigen auch bei den zweiten Tagen der dunklen Hälfte befolgt werden.
Wort für Wort
yadvidhānaṃ dvitīyāsu
welche Vorschrift für die zweiten Tage
śuklapakṣagatāsu vā
der hellen Monatshälfte
proktaṃ tadeva kṛṣṇāsu
verkündet wurde, eben diese auch bei den (Tagen) der dunklen (Hälfte)
vahnireva pṛthaṅmāḥsu [?] nānārūpavapurddharaḥ / pūjyate hi dvitīyāsu brahmacaryyādi pūrvavat
Denn Agni allein, der in den verschiedenen Monaten [?] verschiedene Gestalten trägt, wird an den zweiten Tagen verehrt; Keuschheit und dergleichen gilt wie zuvor.
Wort für Wort
vahnireva pṛthaṅmāsu [?]
denn Agni allein, in den verschiedenen Monaten [?]
nānārūpavapurddharaḥ
der verschiedene Gestalten trägt
pūjyate hi dvitīyāsu
wird an den zweiten Tagen verehrt
brahmacaryyādi pūrvavat
Keuschheit und dergleichen gilt wie zuvor
pṛthaṅmāḥsu ist wohl verlesen für pṛthaṅmāsu („in verschiedenen Monaten“); die zusammenfassende Aussage, es werde stets Agni verehrt, steht in gewissem Spannungsverhältnis zu den vorangehend genannten Einzelgottheiten (Brahmā, Viṣṇu, Sūrya, Śiva usw.), wird hier aber wörtlich wiedergegeben.