Kapitel 64: mantraśodhanadīkṣāvidhinirūpaṇam
Die Prüfung des Mantras und der Vollzug des Initiationsrituals
Drittes Kapitel des dritten Pāda. Der Kolophon dieses Kapitels enthält keinen Beschreibungstitel (der Text "iti ... tṛtīyapāde pañcaṣaṣṭimo 'dhyāyaḥ" steht laut Auftrag am Kopf der folgenden, hier nicht vorliegenden Quelldatei zu Kapitel 65; die Sanskrit-Ordnungszahl "pañcaṣaṣṭitama", 65., würde damit abermals um eins von der Projektzählung [64.] abweichen, konsistent mit der durchgängigen Anomalie der vorigen Kapitel). Der Titel wurde daher aus dem Inhalt formuliert. Sanatkumāra setzt seine an Nārada gerichtete Unterweisung fort: zunächst die rechnerische Prüfung von Name und Mantra mittels eines 4x4-Rasterverfahrens (Siddha/Sādhya/Susiddha/Ari-Kompatibilität, V.1-17), dann der vollständige Ablauf des Initiationsrituals (Kalaśa-Aufstellung mit den Kalās von Feuer, Sonne und Mond, Abhiṣeka, Mantra-Übergabe ins Ohr, Dakṣiṇā, V.18-42), die fünf tägliche Gottheiten-Verehrung (V.43-47), die morgendliche Guru-Meditation samt Pādukā-Mantra und Gurustotra (V.47-66), die Kuṇḍalinī-Aufstiegs-Meditation vom Mūlādhāra zum Brahmarandhra (V.67-76), die Erklärung der Ajapā-Gāyatrī (Haṃsa-Mantra, V.76-80) sowie die sechsgliedrige Nyāsa-Zuweisung an die sechs Cakras mit ihren Gottheiten (Gaṇeśa, Brahmā/Sarasvatī, Viṣṇu, Rudra, Īśvara, Sadāśiva-Guru, Parama-Guru; V.81-94), bevor in V.97 zum Thema des rechten Wandels (sadācāra) übergeleitet wird. [Anm.: Die Verse 51-53 bestehen aus stark verschlüsselten Codewörtern (kośa) zur Konstruktion des Guru-Pādukā-Mantras, wie in tantrischen Texten dieser Art üblich; eine gesicherte Rekonstruktion des resultierenden Mantra-Wortlauts ist ohne die zugehörige mündliche Schlüsseltradition nicht möglich und wurde entsprechend mit [?]/[Anm.] gekennzeichnet.]
Sanatkumāra sprach: Nachdem der Guru den Schüler geprüft hat, soll er die Prüfung des Mantras vollziehen; er lege in den Richtungen Ost, West, Süd und Nord je fünf Linien aus.
Wort für Wort
sanatkumāra uvāca
Sanatkumāra sprach
parīkṣya śiṣyaṃ tu guruḥ
nachdem der Guru den Schüler geprüft hat
mantraśodhanam ācaret
soll er die Mantra-Prüfung vollziehen
prākpratyagdakṣiṇodak ca
in Ost, West, Süd und Nord
pañcasūtrāṇi pātayet
lege er je fünf Linien aus
[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext die Kolophonzeile des vorangehenden Kapitels 63 vorangestellt ("iti ... catuḥṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ", gefolgt von Trennlinie); die Sanskrit-Ordnungszahl "catuḥṣaṣṭitama" (64.) weicht wie in den vorigen Kapiteln um eins von der Projektzählung ab (durchgängige Quellanomalie).]
So entstehe ein Karree von vier mal vier Feldern im [so gebildeten] Raster; darin schreibe man im ersten Feld der ersten Spalte die erste Silbe des Namens, im ersten Feld der zweiten Spalte die zweite,
Wort für Wort
catuṣṭayaṃ catuṣkānāṃ
ein Karree von vier mal vier Feldern
syāt evaṃ nṛpakoṣṭake
entstehe so im Rasterfeld [?]
tatra ādyaprathame tu ādyaṃ
darin im ersten Feld der ersten [Spalte] die erste [Silbe]
dvitīyādye dvitīyakam
im ersten Feld der zweiten [Spalte] die zweite
[?] 'nṛpakoṣṭake' unsicher; sinngemäß als Bezeichnung des entstehenden 4x4-Rasterfeldes gedeutet.
im ersten Feld der dritten Spalte die dritte, und im ersten Feld der vierten Spalte die vierte Silbe; in den jeweiligen südöstlichen [Diagonal-]Feldern schreibe man jeweils die fünfte Silbe,
Nachdem der Kluge die Silben der Reihe nach eingetragen hat, prüfe er danach das Mantra, beginnend mit dem ersten Buchstaben des Namens bis zum ersten Buchstaben des Mantras.
In welchem Viererfeld die Namens-Silbe zu liegen kommt, jenes sei das 'Siddhi'-Viererfeld; im Uhrzeigersinn davon das zweite wird als 'Sādhya' bezeichnet,
das dritte, beim Manne, heißt 'Siddha', das vierte trägt den Namen 'Ari'. Wenn die Buchstaben beider in ein und demselben Feld zu liegen kommen, gilt dies als 'Siddha-Siddha'.
taddvitīye tu mantrārṇe siddhasādhyaḥ prakīrtitaḥ /
tṛtīye tatsusiddhaḥ syātsiddhāristañcaturthake
Wenn die Mantra-Silbe dagegen im zweiten Feld liegt, wird dies als 'Siddha-Sādhya' bezeichnet; im dritten sei es 'Siddha-Susiddha', im vierten 'Siddha-Ari'.
Wenn aber, ausgehend von einem anderen Viererfeld als dem der Namens-Silbe, die Mantra-Silbe im zweiten Viererfeld liegt — dann zählt man von dem Feld, worin zuvor die Namens-Silbe stand,
Wort für Wort
nāmārṇāt anyacatuṣkāt tu
von einem anderen Viererfeld als dem der Namens-Silbe
susiddhasiddhastatsādhyastatsusiddhaśca tadṛṣiḥ /
turīye ceñcatuṣke tu tadaivaṃ gaṇayetsudhīḥ
nämlich als 'Susiddha-Siddha', 'Susiddha-Sādhya', 'Susiddha-Susiddha' und 'Susiddha-Ari'. Und wenn im vierten Viererfeld die Mantra-Silbe liegt, so zähle der Kundige ebenso,
Wort für Wort
susiddhasiddhaḥ tatsādhyaḥ
'Susiddha-Siddha', 'Susiddha-Sādhya'
tatsusiddhaḥ ca tadariḥ
'Susiddha-Susiddha' und 'Susiddha-Ari' [?]
turīye ca catuṣke tu
und im vierten Viererfeld
tadā evaṃ gaṇayet sudhīḥ
zähle der Kundige ebenso
[?] 'tadṛṣiḥ' vermutlich verschrieben für 'tadariḥ' ('Susiddha-Ari'), so gedeutet.
nämlich als 'Ari-Siddha', 'Ari-Sādhya', 'Ari-Susiddha' und 'Ari-Ari'. 'Siddha-Siddha' wirkt, wie gesagt, [am stärksten]; doppelt so stark [wie 'Sādhya-Sādhya'] ist 'Siddha-Sādhya'.
Wort für Wort
arisiddho 'risādhyaḥ ca
'Ari-Siddha', 'Ari-Sādhya'
tatsusiddhaḥ ca tadripuḥ
'Ari-Susiddha' und 'Ari-Ari'
ṛddhasiddho yathoktena
'Siddha-Siddha' wirkt wie gesagt [am stärksten]
dviguṇāt siddhisādhyakaḥ
doppelt so stark ist 'Siddha-Sādhya' [?]
[?] Zweite Vershälfte in der Wirkungslogik unsicher überliefert.
'Siddha', durch Übersteigerung zu 'Susiddha' gesteigert, wirkt stark; 'Siddha-Ari' aber vernichtet die Sippenverwandten. Doppelt so stark wirkt 'Sādhya-Siddha'; 'Sādhya-Sādhya' wirkt nur verzögert;
Wort für Wort
siddhaḥ susiddhaḥ ūrdhvatayā
'Siddha', zu 'Susiddha' gesteigert, [wirkt stark]
tat siddhāriḥ hati gotrajān
'Siddha-Ari' aber vernichtet die Sippenverwandten
dviguṇāt sādhyasiddhaḥ tu
doppelt so stark 'Sādhya-Siddha' aber
sādhyasādhyo vilambataḥ
'Sādhya-Sādhya' wirkt verzögert
[?] Die Wirkungsangaben in V.13-16 sind in ihrer genauen Systematik unsicher überliefert.
'Sādhya-Susiddha' wirkt doppelt so stark; 'Sādhya-Ari' vernichtet die Verwandten; 'Susiddha-Siddha' [wirkt] durch Übersteigerung stark; 'Susiddha-Sādhya' wirkt durch doppelte Rezitation;
'Susiddha-Susiddha' [gewährt Erfolg] schon bei bloßer Erlangung; 'Susiddha-Ari' raubt die Familie hinweg. 'Ari-Siddha' aber ist ein Sohnesvernichter, 'Ari-Sādhya' raubt die Tochter hinweg,
Wort für Wort
tatsusiddhaprāptimātrāt
'Susiddha-Susiddha' [wirkt] schon bei bloßer Erlangung
tatsusiddhaḥ kalatradhnaḥ sādhakadhnore 'pyariḥ smṛtaḥ /
anye 'pyatra prakārā hi saṃti vai bahavoṃ mune
'Ari-Susiddha' ist ein Gattinnenvernichter, und 'Ari-Ari' gilt sogar als Vernichter des Sādhaka selbst. Auch andere Verfahrensarten gibt es hierbei fürwahr in großer Zahl, o Muni,
sarveṣu mukhyo 'yaṃ te 'tra kathito kathahābhidhaḥ /
evaṃ saṃśodhya mantraṃ tu śuddhe kāle sthale tathā
unter allen ist dieses, dir hier verkündete Verfahren, das wichtigste. Nachdem man so das Mantra geprüft hat, [wähle man] eine reine Zeit und einen reinen Ort,
Wort für Wort
sarveṣu mukhyo 'yaṃ te
unter allen ist dieses dir
atra kathito
hier verkündete
kathahābhidhaḥ
mit Namen [?] bezeichnete [Verfahren, das wichtigste]
evaṃ saṃśodhya mantraṃ tu
nachdem man so das Mantra geprüft hat
śuddhe kāle sthale tathā
zu reiner Zeit und an reinem Ort
[?] 'kathahābhidhaḥ' ('mit dem Namen "Kathā" bezeichnet') unsicher gedeutet.
initiiere der Guru den Schüler; deren Vorschrift werde nun verkündet. Nachdem er die tägliche Pflicht vollzogen und sich vor den Sandalen des eigenen Guru verneigt hat,
bitte er den guten Guru mit Hingabe, ehrerbietig, um das gewünschte Anliegen, nachdem er ihn mit Kleidung, Schmuck, Kühen, Gold, Land u.a. Gaben verehrt hat.
kṛtvā svasti vidhānaṃ tu maṇḍalādi ca tuṣṭimān /
guruḥ śiṣyeṇa sahitaḥ śuciryāgagṛhaṃ viśet
Nachdem er das Svasti-Ritual sowie die Anlage des Maṇḍala u.a. vollzogen hat, zufrieden gestimmt, betrete der Guru, zusammen mit dem Schüler, rein, das Opferhaus.
Nachdem er sodann die Tür mit dem allgemeinen Argha-Wasser besprengt hat, vertreibe er mit dem Astra-Mantra die göttlichen im Luftraum weilenden Hindernisse, nachdem er die im Himmel Wohnenden mit Wasser verehrt hat.
Wort für Wort
sāmānyārghodakena atha
mit dem allgemeinen Argha-Wasser sodann
saṃprokṣya dvāram astrataḥ
nachdem er die Tür besprengt hat, mit dem Astra
divyān utsārayet vighnān
vertreibe er die göttlichen Hindernisse
nabhasthān arcya vāriṇā
nachdem er die im Himmel Weilenden mit Wasser verehrt hat
Mit drei Fersenschlägen vertreibe er die irdischen Hindernisse; danach vollziehe er den Ritus mit den farbigen Pulvern im Sarvatobhadra-Diagramm, wie es vorgeschrieben angelegt ist.
Wort für Wort
pārṣṇighātaiḥ tribhiḥ bhaumān
mit drei Fersenschlägen die irdischen [Hindernisse]
vahnimaṇḍalamabhyarcya tatkalāḥ paripūjya ca /
astraprakṣālitaṃ kuṃbhaṃ yathāśakti vinirmitam
Nachdem er das Feuer-Maṇḍala verehrt und dessen Kalās verehrt hat, stelle er den mit dem Astra-Mantra gereinigten Wasserkrug auf, nach Vermögen hergestellt,
tatra saṃsthāpya vidhivattatra bhānoḥ kalāṃ yajet /
vilomamātṛkāmūlamuñcaran śuddhavāriṇā
nachdem er ihn dort vorschriftsmäßig aufgestellt hat, verehre er dort die Kalā der Sonne, wobei er die Mātṛkā-Wurzelsilben rückläufig mit reinem Wasser ausgießt.
Wort für Wort
tatra saṃsthāpya vidhivat
nachdem er ihn dort vorschriftsmäßig aufgestellt hat
Nachdem er den Krug gefüllt hat, verehre er dort vorschriftsmäßig die [zehn] Kalās des Feuers: Dhūmrā, Arciḥ, Ūṣmā, Jvalinī, Jvālinī, Visphuliṅginī,
Wort für Wort
āpūrya kuṃbhaṃ tatra arcet
nachdem er den Krug gefüllt hat, verehre er dort
somasya vidhivat kalāḥ
vorschriftsmäßig die Kalās [hier: des Feuers]
dhūmrā arciḥ ūṣmā jvalinī
Dhūmrā, Arciḥ, Ūṣmā, Jvalinī
jvālinī visphuliṅginī
Jvālinī, Visphuliṅginī
[Anm.: Im Quelltext werden hier trotz 'somasya' ('des Mondes') zunächst die zehn Kalās des FEUERS aufgeführt (vgl. V.26b: 'vahnerdaśa kalāḥ proktāḥ'); die Kalās des Mondes folgen erst in V.28f. Die Übersetzung folgt dem tatsächlichen Inhalt der Aufzählung.]
Nachdem man den Krug mit einem Kleiderpaar umwickelt hat, werfe man alle Heilkräuter hinein; nachdem man die neun Juwelen hineingelegt hat, ordne man die fünf Zweige an.
und der Mantra-Kundige verehre sie vorschriftsmäßig; dann lasse er den wohlgeschmückten Schüler auf dem Altar Platz nehmen und besprenge ihn mit dem Wasser aus dem Sprenggefäß,
Wort für Wort
saṃpūjya vidhivat mantrī
der Mantra-Kundige verehre vorschriftsmäßig
tataḥ śiṣyaṃ svalaṅkṛtam
dann den wohlgeschmückten Schüler
vedyāṃ saṃveśya saṃprokṣya
auf dem Altar Platz nehmen lassend, besprenge er ihn
Nachdem er die Elemente-Reinigung u.a. an dessen Körper vorschriftsmäßig vollzogen hat, reinige er ihn durch das Netz der Nyāsas, und lege ihm die Zweige auf den Scheitel.
Wort für Wort
bhūtaśuddhyādikaṃ kṛtvā
nachdem er die Elemente-Reinigung u.a. vollzogen hat
Nachdem der Knabe mit dem übrigen Wasser den Mund gespült und ein neues Gewand angelegt hat, verneige er sich vorschriftsmäßig vor dem Guru und setze sich rein vor ihm nieder.
samo 'stvityakṣarāndadyāttataṛ śiṣyor'cayedgurum /
tataḥ sacandanaṃ hastaṃ datvā śiṣyasya mastake
Er gebe die Silben '[dir] sei Gleichheit [mit mir]!'; darauf verehre der Schüler den Guru. Dann, nachdem er seine mit Sandelpaste versehene Hand auf den Kopf des Schülers gelegt hat,
Er verehre in der Mitte die eigene Wunschgottheit, und nachdem er einen Blütengruß dargebracht hat, verehre er der Reihe nach Agni, Nairṛti und Vāgīśa.
Wenn er in der Mitte Viṣṇu verehrt, dann verehre er an den äußeren Positionen Vināyaka, Ravi, Śivā und Śiva; wenn er aber in der Mitte Śaṅkara verehrt,
dann verehre er Ravi, Gaṇeśa, Ambā und Hari; und wenn er in der Mitte Śivā verehrt, dann Īśa, Vighna, Arka und Govinda; wenn aber in der Mitte Gaṇanāyaka,
So verehre man täglich ehrerbietig die Fünfergruppe der Gottheiten. In der Brahma-Stunde erhebe sich der Weise, nachdem er die notwendigen morgendlichen Verrichtungen vollzogen hat,
Wort für Wort
evaṃ nitya samabhyarcya
so täglich verehrend
devapañcakam ādṛtaḥ
die Fünfergruppe der Gottheiten, ehrerbietig
brāhme muhūrte hi utthāya
in der Brahma-Stunde erhebe sich
kṛtvā ācāvaśyakaṃ budhaḥ
der Weise, nachdem er die notwendigen Verrichtungen vollzogen hat
— oder, unbesorgt noch im Bett liegend, meditiere er über sein eigenes Haupt: im tausendblättrigen weißen Lotos, in der Scheibe von der Farbe geschmolzenen Goldes,
Wort für Wort
aśaṅkito vā śayyāyāṃ
oder unbesorgt im Bett [liegend]
svakīyaśirasi smaret
meditiere er über sein eigenes Haupt
sahasradalaśuklābja-
im tausendblättrigen weißen Lotos
kārṃṇakāsthadumaṇḍale
in der [goldfarbenen] Scheibe [?]
[?] 'kārṃṇakāsthadumaṇḍale' unsicher; sinngemäß als 'Scheibe von der Farbe geschmolzenen Goldes' gedeutet.
— dort, wo im Dreieck [der Silben] a-ka-tha der Guru weilt, mit Gaben- und Schutz-Geste in den Händen, zweiäugig, zweiarmig, weiß, mit Duftstoffen, Kränzen und Salbe versehen,
Wort für Wort
akathāditrikoṇasthaṃ
im Dreieck [der Silben] a-ka-tha weilend [?]
varābhayakaraṃ gurum
den Guru, mit Gaben- und Schutz-Geste in den Händen
dvinetraṃ dvibhujaṃ śukla-
zweiäugig, zweiarmig, weiß
gandhamālyānulepanam
mit Duftstoffen, Kränzen und Salbe versehen
[?] 'akathāditrikoṇastham' unsicher gedeutet als Verweis auf ein aus den Silben a-ka-tha gebildetes Dreieck.
— zur Linken mit der Śakti versehen — meditiere man über ihn, und nachdem man ihn mit den geistigen Verehrungsgaben verehrt hat, rezitiere der Kundige das Pādukā-Mantra zehnmal.
[Bīja-Silben-Folge des Pādukā-Mantras, kodiert durch Codewörter:] Vā, Māyā, Śrī, die reiche Bhaga-Mond[-Silbe], Äther, Haṃsa, Kha, Ka, Agni-[Laute]; Ha, Sa, Kṣa, Ma, La, Vāri, Agni, Vāma-Ohr und das Mondpaar, [mit] Anusvāra [versehen] —
Wort für Wort
vā māyā śrīḥ bhagenduāḍhyā
Vā, Māyā, Śrī, die reiche Bhaga-Mond-Silbe [?]
viyat haṃsa khaka agnayaḥ
Äther, Haṃsa, Kha, Ka, die Agni-Laute [?]
hasakṣamalavāri agni
Ha, Sa, Kṣa, Ma, La, Vāri, Agni
vāmakarṇa indu yuk marut
Vāma-Ohr, das Mondpaar, mit Anusvāra [?]
[Anm.: Dieser Vers (wie auch V.52-53) besteht, wie in tantrischen Pādukā-Mantra-Texten üblich, aus verschlüsselten Codewörtern (kośa) für einzelne Bīja-Silben, nicht aus fortlaufender Prosa. Eine sichere Entschlüsselung des genauen resultierenden Mantra-Wortlauts ist ohne die zugehörige tantrische Schlüssel-Tradition nicht mit Sicherheit zu leisten; die Übersetzung gibt die Codewörter daher möglichst wörtlich wieder, stark mit [?] behaftet.]
tato bhṛgvākāśaravāgnibhagendvāḍhyāḥ parantimaḥ /
sahakṣamalatoyāgnicandraśāntiyuto marut
Dann [folgen die Silben:] Bhṛgu, Äther, Sonne, Feuer, die reiche Bhaga-Mond[-Silbe], die höchste letzte; Sa, Ha, Kṣa, Ma, La, Wasser, Feuer, Mond, mit Śānti versehen, [und] Anusvāra —
Wort für Wort
tato bhṛgu ākāśa rava agni
dann Bhṛgu, Äther, Sonne, Feuer
bhagenduāḍhyāḥ parantimaḥ
die reiche Bhaga-Mond-Silbe, die höchste letzte [?]
saha kṣa mala toya agni
Sa, Ha, Kṣa, Ma, La, Wasser, Feuer
candra śānti yuto marut
Mond, mit Śānti versehen, [und] Anusvāra
[?] s. Anmerkung zu V.51; Codewort-Reihe eines Mantra-Kośa, nicht sicher entschlüsselbar.
tataḥ śrīścāmukānte tu nandanāthāmukī punaḥ /
devyaṃbānte śrīpāndukāṃ pūjayāmi hṛdantime
Dann Śrī, und am Ende des Platzhalters [für den Namen des Verehrten] 'Nandanātha', wiederum am Ende des Platzhalters [für den Namen] der Göttin Ambā: 'Śrī-Pādukāṃ pūjayāmi' ('Ich verehre die glanzvollen Sandalen') am Ende, im Herzen [des Mantras stehend].
Wort für Wort
tataḥ śrīḥ ca amukānte tu
dann Śrī, und am Ende des Platzhalter-Namens
nandanāthāmukī punaḥ
'Nandanātha', wiederum am Platzhalter
devyaḥ ambānte
am Ende [des Namens] der Göttin Ambā
śrīpādukāṃ pūjayāmi hṛdantime
'die glanzvollen Sandalen verehre ich' am Ende, im Herzen [des Mantras]
[Anm.: 'amuka' ('so-und-so') ist in tantrischen Mantra-Texten die übliche Platzhalter-Formel für den einzusetzenden Eigennamen (hier: des Guru bzw. der Devī); der Vers beschreibt somit die Einfügung des Guru-Namens und den mit der Formel '...pādukāṃ pūjayāmi' endenden Abschluss des Pādukā-Mantras.]
ayaṃ śrīpādukāmantraḥ sarvasiddhiprado nṛṇām /
guhyeti ca samarpyātha mantrairetairnametsudhīḥ
Dies ist das Śrī-Pādukā-Mantra, das den Menschen alle Vollendung gewährt; nachdem man es als Geheimnis dargebracht hat, verneige sich der Kundige mit diesen [im Folgenden genannten] Mantras.
„Verehrung dem, durch den das ungeteilte, kreisförmige Universum, das Bewegliche und Unbewegliche, durchdrungen ist; durch den jener höchste Zustand gezeigt wurde — ihm, dem glanzvollen Guru, sei Verehrung!“
Wort für Wort
akhaṇḍamaṇḍalākāraṃ
das ungeteilte, kreisförmige [Universum]
vyāptaṃ yena carācaram
durch den das Bewegliche und Unbewegliche durchdrungen ist
„Dem, durch den, mittels des Salbstäbchens der Erkenntnis, das durch die Finsternis der Unwissenheit erblindete Auge geöffnet wurde — ihm, dem glanzvollen Guru, sei Verehrung!“
Wort für Wort
ajñānatimirāndhasya
des durch die Finsternis der Unwissenheit erblindeten
der du, zur Vollendung der Herabkunft des Wissens, vielerlei Gestalten angenommen hast, dem Neuen, dem in Körpergestalt Erscheinenden, dem, dessen alleinige Gestalt die höchste Wahrheit ist,
sarvājñānatamobhedabhānave ciddhanāya te /
statantrāya dayākḷptavigrahāya śivātmane
der Sonne, die die Finsternis aller Unwissenheit durchbricht, dir, dessen Wesen geballtes Bewusstsein ist, dem Selbständigen, dessen Gestalt aus Mitleid geformt ist, dessen Wesen Śiva ist,
Wort für Wort
sarvājñānatamobheda-
die die Finsternis aller Unwissenheit durchbricht
bhānave ciddhanāya te
der Sonne, dir, dessen Wesen geballtes Bewusstsein ist
dem Erretter der Hingebungsvollen im Jenseits, der Wesensart derer, die zum Sein bestimmt sind, dem Unterscheidungsvermögen der Unterscheidenden, dem Reflexionsvermögen der Reflektierenden,
sadā sañcitsvarūpeṇa vidhehi bhavadāsanam /
tvatprasādādahaṃ deva kṛtākṛtyo 'smi sarvataḥ
Gewähre stets, in Gestalt von Sein und Bewusstsein, deinen eigenen Sitz [in mir]! Durch deine Gnade, o Gott, bin ich von allen meinen Pflichten vollständig entbunden.
Und dann stelle sich der Kundige vor, sein eigenes Selbst sei, durch den vom Lotosfuß des Guru herabfließenden Nektarstrom gewaschen, makellos geworden.
Wort für Wort
tataḥ ca gurupādābja-
und dann vom Lotosfuß des Guru
galitāmṛtadhārayā
durch den herabfließenden Nektarstrom
kṣālitaṃ nijam ātmānaṃ
sein eigenes Selbst gewaschen
nirmalaṃ bhāvayet sudhīḥ
stelle sich der Kundige makellos vor [?]
[?] 'lirmalaṃ' im Quelltext vermutlich verschrieben für 'nirmalaṃ' ('makellos'), so gedeutet.
tatrasthavāyubījotthavāyunā ca tadrūrddhvakam /
trikoṇaṃ maṇḍalaṃ vahnestatrasthavahnibījataḥ
— durch den aus dem dort befindlichen Wind-Samen entstandenen Wind —, und darüber das dreieckige Maṇḍala des Feuers, entstanden aus dem dort befindlichen Feuer-Samen,
Wort für Wort
tatrasthavāyubījotthaḥ
der aus dem dort befindlichen Wind-Samen entstandene
— durch das so entstandene Feuer —, er stelle sich die im Mūlādhāra befindliche Gestalt der Kuṇḍalinī vor, von der Form einer schlafenden Schlange, das Svayambhū-Liṅgam umwindend,
visatantunibhāṃ koṭividyudābhāṃ tanīyasīm /
kulakuṇḍalinīṃ dhyātvā kūrcenotthāpayeñca tām
gleich einem Lotosfaser-Faden, mit dem Glanz von zehn Millionen Blitzen, überaus fein — nachdem er über die Kula-Kuṇḍalinī meditiert hat, wecke er sie mit dem Kūrca-Mantra auf und lasse sie aufsteigen,
Wort für Wort
visatantunibhāṃ
gleich einem Lotosfaser-Faden
koṭividyudābhāṃ tanīyasīm
mit dem Glanz von zehn Millionen Blitzen, überaus fein
suṣumṇāvartmanātāṃ ca ṣaṭcakrakramabhedinīm /
gurupadiṣṭavidhinā brahmarandhraṃ nayetsudhīḥ
und führe sie, auf dem Pfad der Suṣumnā, die nacheinander die sechs Cakras durchbricht, gemäß der vom Guru gelehrten Vorschrift, zum Brahmarandhra, der Kundige.
Er stelle sich sein Selbst vor, in dem dort befindlichen Nektar versunken, und sich selbst als durchdrungen von jener Lichtmasse, makellos, aus reinem Bewusstsein bestehend, das Höchste.
Wort für Wort
tatrasthāmṛtasaṃmagnī-
in dem dort befindlichen Nektar versunken
kṛtya ātmānaṃ vibhāvayet
gemacht, stelle er sich sein Selbst vor
tatprabhāpaṭalavyāptam
durchdrungen von jener Lichtmasse
vimalaṃ cinmayaṃ param
makellos, aus reinem Bewusstsein bestehend, das Höchste
punastāṃ svasthalaṃ nītvā hṛdidevaṃ vicintayan /
dṛṣṭvā ca mānasairdravyaiḥ prārthayenmanunāmunā
Nachdem er sie wieder an ihren eigenen Ort zurückgeführt hat, über die Gottheit im Herzen nachsinnend, und sie geschaut habend, bete er, mit den geistigen Gaben, mit diesem Mantra:
Wort für Wort
punaḥ tāṃ svasthalaṃ nītvā
nachdem er sie wieder an ihren Ort zurückgeführt hat
„O du, dessen Wesen das Bewusstsein der drei Welten ist, Ur-Gott, glanzvoller Herr, Viṣṇu — einzig auf deinen Befehl hin, am Morgen erwacht, werde ich, zu deiner Freude, die Reise des Daseins fortsetzen.“
An der Stelle 'Viṣṇu', o Brahmane, ist bei einer anderen Gottheit die entsprechende Anpassung vorzunehmen. Danach vollziehe man, zur Erlangung aller Vollendung, die Darbringung deiner unwillkürlichen Rezitation.
Wort für Wort
viṣṇoḥ iti sthale vipra
an der Stelle 'Viṣṇu', o Brahmane
kārya ūho 'nyadaivate
ist bei einer anderen Gottheit die Anpassung vorzunehmen
tataḥ kuryāt sarvasiddhyai
danach vollziehe man zur Erlangung aller Vollendung
tvajapāyāḥ nivedanam
die Darbringung deiner [unwillkürlichen] Rezitation
ṣaṭśatāni divā rātrau sahasrāṇyekaviṃśatiḥ /
ajapākhyāṃ tu gāyatrīṃ jīvojapati sarvadā
Sechshundert, dazu einundzwanzigtausend, bei Tag und Nacht [zusammen] — [so oft, nämlich 21.600 mal] rezitiert das Lebewesen stets, unwillkürlich, die 'Ajapā' genannte Gāyatrī.
Wort für Wort
ṣaṭśatāni divā rātrau
sechshundert, bei Tag und Nacht
sahasrāṇi ekaviṃśatiḥ
[und] einundzwanzigtausend
ajapākhyāṃ tu gāyatrīṃ
die 'Ajapā' genannte Gāyatrī
jīvaḥ japati sarvadā
rezitiert das Lebewesen stets unwillkürlich
[Anm.: Gemeint ist die traditionelle Zahl von 21.600 Atemzügen/Tag (600+21000), die als unwillkürliche Rezitation der Ajapā-Gāyatrī (Haṃsa-Mantra) gelten.]
Der Ṛṣi dieses Mantras ist Haṃsa, ebenso ist Avyaktagāyatrī als sein Versmaß genannt; die Gottheit ist der höchste Haṃsa, und am Anfang und Ende steht die Same-Kraft-Silbe.
— diese, der Reihe nach, vorangestellt von 'Haṃ', beschlossen von 'Saḥ', mit der entsprechenden Silbenart versehen, orientiere der Herr der Sādhakas auf die sechs Glieder des Körpers.
Wort für Wort
kramāt etān haṃsapūrvān
diese der Reihe nach, mit 'Haṃ' beginnend
ātmanepadapaścimān
mit 'Saḥ' endend [?]
jātayuktān sādhakendra
mit der [entsprechenden] Silbenart versehen, o Herr der Sādhakas
ṣaḍaṅgeṣu niyojayet
orientiere er auf die sechs Glieder
[?] 'ātmanepadapaścimān' unsicher; sinngemäß als 'mit "Saḥ" endend' gedeutet.
Der Ha-Laut, von sonnengleichem Glanz, geht beim Ausatmen nach außen; der Sa-Laut, von ebensolcher Art, wird beim Einatmen [rezitiert] — so wird die Meditation gelehrt.
So meditierend, weihe der Kluge die Mantras den Feuer- und Sonnen-Cakras entsprechend zu; im Mūlādhāra, im vierblättrigen Lotos, versehen mit den Samensilben von 'va' bis 'sa',
bandhūkābhe svaśaktyā tu sahitāpāsvagāya ca /
pāśāṅkuśasudhāpātramodakollāsapāṇaye
— von der Farbe der Bandhūka-Blüte, zusammen mit der eigenen Śakti — weihe er es dem, der in seinen Händen Schlinge, Elefantenstachel, ein Nektargefäß und ein Freuden-Modaka hält,
Wort für Wort
bandhūkābhe svaśaktyā tu
von der Farbe der Bandhūka-Blüte, mit der eigenen Śakti
sahitāya svagāya ca
zusammen [ihm zugehörig] [?]
pāśāṅkuśasudhāpātra-
Schlinge, Elefantenstachel, Nektargefäß
modakollāsapāṇaye
und Freuden-Modaka in den Händen
[?] 'sahitāpāsvagāya' unklar; sinngemäß als 'zusammen mit der eigenen Śakti' gedeutet.
ṣaṭśataṃ tu gaṇeśāya vāgadhīśāya cārpayet /
svādhiṣṭāne vidrumābhe vādilāntārṇasaṃyute
— sechshundertmalige Rezitation weihe man dem Gaṇeśa, dem Herrn der Sprache und des Verstandes. Im Svādhiṣṭhāna, von der Farbe der Koralle, versehen mit den Silben von 'va' bis 'la',
Wort für Wort
ṣaṭśataṃ tu gaṇeśāya
sechshundert[malige Rezitation] dem Gaṇeśa
vāgadhīśāya ca arpayet
dem Herrn der Sprache und des Verstandes weihe man
— dem, der mit der Śakti zu seiner Linken versehen ist, dem Herrn des Wissens, dem, dessen Arme mit Opferlöffel und Rosenkranz geschmückt sind, dem aus dem Lotos Geborenen,
Wort für Wort
vāmāṅgaśaktiyuktāya
dem, der mit der Śakti zu seiner Linken versehen ist
vidyādhipataye tathā
dem Herrn des Wissens
sruvākṣamālālasitabāhave
dessen Arme mit Opferlöffel und Rosenkranz geschmückt sind
brahmaṇe ṣaṭsahasraṃ tu haṃsārūḍhāya cārpayet /
vidyullasitameghābhe ḍādiphaāntārṇapatrake
— sechstausendmalige Rezitation weihe man dem Brahman, der auf dem Schwan reitet. Im [Maṇipūra], von der Farbe der blitzdurchleuchteten Wolke, in dem mit den Silben von 'ḍa' bis 'pha' versehenen Blütenblatt-Kranz,
Wort für Wort
brahmaṇe ṣaṭsahasraṃ tu
dem Brahman sechstausend[malige Rezitation] aber
haṃsārūḍhāya ca arpayet
dem auf dem Schwan Reitenden weihe man
vidyullasitameghābhe
von der Farbe der blitzdurchleuchteten Wolke
ḍādiphaāntārṇapatrake
im mit den Silben ḍa bis pha versehenen Blütenblatt
anāhater'kapatre ca kādiṭhāntārṇasaṃyute /
śukle śūlābhayavarasadhākalaśadhāriṇe
Im Anāhata, im zwölfblättrigen Lotos, versehen mit den Silben von 'ka' bis 'ṭha', weiß, dem Träger von Dreizack, Schutz- und Gabengeste sowie Nektarkrug,
— dem, der zu seiner Linken mit der Śakti versehen ist, dem Herrn des Wissens, dem auf dem Stier Reitenden — weihe der Kundige sechstausendmalige Rezitation dem Rudra zu.
Wort für Wort
vāmāṅge śaktiyuktāya
dem, der zu seiner Linken mit der Śakti versehen ist
Im Viśuddha, im sechzehnblättrigen Lotos, reich an den [sechzehn] Vokalen, weiß — dem von großem, leuchtendem Licht, dem Herrn der Sinnesorgane, dann —
Wort für Wort
viśuddhe ṣoḍaśadale
im Viśuddha, im sechzehnblättrigen [Lotos]
svarāḍhye śuklavarṇake
reich an den Vokalen, weiß [?]
mahājyotiprakāśāya
dem von großem, leuchtendem Licht
indriyādhipataye tataḥ
dem Herrn der Sinnesorgane, dann
[?] 'śuknatraṇake' im Quelltext unklar überliefert.
sahasramarpayetprāṇaśaktyā yukteścarāya ca /
ājñācakre hakṣayukte dvidile 'bje sahasrakam
— weihe man tausendmalige Rezitation dem mit der Lebenskraft versehenen, allbeweglichen zu. Im Ājñā-Cakra, versehen mit 'ha' und 'kṣa', im zweiblättrigen Lotos, tausendmalige Rezitation —
Wort für Wort
sahasram arpayet
man weihe tausend[malige Rezitation] zu
prāṇaśaktyā yuktaḥ īścarāya ca
dem mit der Lebenskraft versehenen Allbeweglichen
ājñācakre hakṣayukte
im Ājñā-Cakra, versehen mit ha und kṣa
dvidile abje sahasrakam
im zweiblättrigen Lotos, tausend[malige Rezitation]
sadāśivāya gurave parāśaktiyutāya vai /
sahasrāre mahāpadme nādabindudvayānvite
— weihe man dem Sadāśiva, dem Guru, der fürwahr mit der höchsten Śakti versehen ist, zu. Im Sahasrāra, dem großen Lotos, versehen mit dem Paar Nāda und Bindu,
vilasanmātṛkāvarṇe varāmayakarāya ca /
praramādye ca gurave sahasraṃ vinivedayet
— erstrahlend mit den Buchstaben der Mātṛkā —, dem, dessen Hand Gaben- und Heilungsgeste macht, und dem höchsten Ur-Guru weihe man tausendmalige Rezitation zu.
Wort für Wort
vilasanmātṛkāvarṇe
erstrahlend mit den Buchstaben der Mātṛkā
varāmayakarāya ca
dem, dessen Hand Gaben-/Heilungsgeste macht [?]
paramādye ca gurave
und dem höchsten Ur-Guru
sahasraṃ vinivedayet
weihe man tausend[malige Rezitation] zu
[?] 'varāmayakarāya' und 'praramādye' unsicher überliefert.
culukeṃ'bu punarddhṛtvā svabhāvādeva sidhyataḥ /
ekaviṃśatisāhasrapramitasya japasya ca
Nachdem man wiederum eine Handvoll Wasser genommen hat, [wird dies] von selbst wirksam — [dies gilt] für die auf einundzwanzigtausend bemessene Rezitation,
Wort für Wort
culuke ambu punaḥ dhṛtvā
nachdem man wiederum eine Handvoll Wasser genommen hat
svabhāvāt eva sidhyataḥ
wird es von selbst wirksam
ekaviṃśatisāhasra-
auf einundzwanzigtausend
pramitasya japasya ca
bemessene Rezitation betreffend
[?] Vers technisch verdichtet und im Detailsinn unsicher; vermutlich Abschlussritus (Wasseropfer) nach der oben beschriebenen Gesamtrezitation.
— um sechshundert vermehrt an Zahl —, der Ajapā-[Gāyatrī], entsprechend ihrer [Verteilung auf die Cakras], mit dem Entschlussgebet: „Möge Viṣṇu, der Erlösungsspender, mir gnädig sein!“
asyāḥ saṃkalpamātreṇa mahāpāpaiḥ pramucyate /
brahmaivāhaṃ na saṃsārī nityamukto na śokabhāk
Durch den bloßen Entschluss zu dieser [Rezitation] wird man von großen Sünden befreit: „Ich bin eben Brahman, nicht dem Daseinskreislauf unterworfen, ewig befreit, kein Träger von Leid,
Wort für Wort
asyāḥ saṃkalpamātreṇa
durch den bloßen Entschluss zu dieser
mahāpāpaiḥ pramucyate
wird man von großen Sünden befreit
brahma eva ahaṃ na saṃsārī
ich bin eben Brahman, nicht dem Daseinskreislauf unterworfen
ich bin von der Gestalt von Sein, Bewusstsein und Wonne“ — so stelle er sich sein Selbst vor. Danach vollziehe er die Verrichtungen für den Leib sowie die Gottesverehrung.
Wort für Wort
sañcidānandarūpo 'ham
ich bin von der Gestalt von Sein, Bewusstsein und Wonne
ātmānam iti bhāvayet
so stelle er sich sein Selbst vor
tataḥ samācaret dehakṛtyaṃ
danach vollziehe er die Verrichtungen für den Leib
Deren Vorschrift will ich nun verkünden — das Kennzeichen des rechten Wandels.
Wort für Wort
tadvidhānaṃ pravakṣyāmi
deren Vorschrift will ich verkünden
sadācārasya lakṣaṇam
das Kennzeichen des rechten Wandels
[Anm.: Dieser Vers ist im Quelltext, ebenso wie das letzte Kapitel dieses Abschnitts, nur mit einem einzigen Pāda-Paar (statt der sonst üblichen vier Pādas) überliefert; die Quelldatei endet unmittelbar danach. Der Vers bildet den Übergang zum folgenden Kapitel über den rechten Wandel (sadācāra).]