Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 44: pañcaśikhajanakasaṃvādo mokṣadharmanirūpaṇam Das Zwiegespräch zwischen Pañcaśikha und Janaka: die Darlegung des Erlösungs-Dharma

sūta uvāca sanandanavacaḥ śrutvā mokṣadharmāśritaṃ dvijāḥ / punaḥ papraccha tattvajño nārado 'dhyātmasatkathām

Sūta sprach: Nachdem er Sanandanas Worte über den Erlösungs-Dharma (mokṣadharma) gehört hatte, o Brahmanen, fragte Nārada, der Wahrheitskenner, wieder nach der vortrefflichen Rede über das Adhyātma.

Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
sanandanavacaḥ śrutvā
nachdem er Sanandanas Worte gehört hatte
mokṣadharmāśritaṃ dvijāḥ
über den Erlösungs-Dharma [handelnd], o Brahmanen
punaḥ papraccha tattvajñaḥ
fragte wieder der Wahrheitskenner
nāradaḥ adhyātmasatkathām
Nārada, nach der vortrefflichen Rede über das Adhyātma

nārada uvāca śrutaṃ mayā mahābhāga mokṣaśāstraṃ tvayoditam / na ca me jāyate tṛptirbhūyobhūyo 'pi śṛṇvataḥ

Nārada sprach: Gehört habe ich, o Hochgesegneter, die von dir verkündete Lehre der Erlösung; doch es entsteht mir keine Sättigung, obwohl ich immer wieder [aufs Neue] zuhöre.

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
śrutaṃ mayā mahābhāga
gehört habe ich, o Hochgesegneter
mokṣaśāstraṃ tvayā uditam
die von dir verkündete Erlösungslehre
na ca me jāyate tṛptiḥ
doch mir entsteht keine Sättigung
bhūyaḥ bhūyaḥ api śṛṇvataḥ
obwohl ich immer wieder zuhöre

yathā saṃmucyate janturavidyābandhanānmune / tathā kathaya sarvajña mokṣadharmaṃ sadāśritam

Sage mir, o Allwissender, den ewig gültigen Erlösungs-Dharma, [nämlich] wie das Geschöpf von den Fesseln der Unwissenheit befreit wird, o Weiser.

Wort für Wort
yathā saṃmucyate jantuḥ
wie das Geschöpf befreit wird
avidyābandhanāt mune
von den Fesseln der Unwissenheit, o Weiser
tathā kathaya sarvajña
so sage, o Allwissender
mokṣadharmaṃ sadāśritam
den ewig gültigen Erlösungs-Dharma

sanandana uvāca atrāpyudāharantīmamitihāsaṃ purātanam / yathā mokṣamanuprāpto janako mithilādhipaḥ

Sanandana sprach: Auch hierzu führt man diese alte Erzählung (itihāsa) an, [nämlich] wie Janaka, der Herrscher von Mithilā, die Erlösung erlangte.

Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
atra api udāharanti imam
auch hierzu führt man diese
itihāsaṃ purātanam
alte Erzählung an
yathā mokṣam anuprāptaḥ
wie [er] die Erlösung erlangte
janakaḥ mithilādhipaḥ
Janaka, der Herrscher von Mithilā

janako janadevastu mithilāyā adhīśvaraḥ / aurdhvadehikadharmāṇāmāsīdyukto vicintane

Janaka, ein Gott unter den Menschen (janadeva), der Oberherrscher von Mithilā, war der Erwägung der Pflichten bezüglich dessen, was nach dem Tode [geschieht], zugetan.

Wort für Wort
janakaḥ janadevaḥ tu
Janaka, ein Gott unter den Menschen
mithilāyāḥ adhīśvaraḥ
der Oberherrscher von Mithilā
aurdhvadehikadharmāṇām
der Pflichten bezüglich dessen, was nach dem Tode [geschieht]
āsīt yuktaḥ vicintane
war der Erwägung zugetan

tasya śmaśāna mācāryā vasati satataṃ gṛhe / darśayantaḥ pṛthagdharmānnānāpāṣañjavādinaḥ

In seinem Haus wohnten beständig Lehrer, [zahlreich] wie [an] einem Verbrennungsplatz [?], die verschiedene Lehren zeigten, Verfechter mannigfaltiger Irrlehren (pāṣaṇḍavādin).

Wort für Wort
tasya gṛhe satatam
in seinem Haus beständig
śmaśānam iva ācāryāḥ vasanti(?)
wohnten Lehrer, [zahlreich] wie an einem Leichenplatz (?)
darśayantaḥ pṛthagdharmān
die verschiedene Lehren zeigten
nānāpāṣaṇḍavādinaḥ
Verfechter mannigfaltiger Irrlehren

[?] 'śmaśāna mācāryā' textlich unsicher; vermutlich Vergleich ('wie an einem Leichenplatz [drängen sich die Lehrer]'), hier als Andeutung großen Gedränges widersprüchlicher Lehrer verstanden.

sa teṣāṃ pretyabhāve ca pretya jātau viniścaye / ādamasthaḥ sa bhūyiṣṭamātmatattvena tuṣaayati

Er, hinsichtlich ihrer [Lehren] über den Zustand nach dem Tod und über die Bestimmung der Geburt nach dem Tod, blieb unentschieden; meist fand er durch [keine ihrer Lehren von der] Wahrheit des Selbst Befriedigung [?].

Wort für Wort
sa teṣāṃ pretyabhāve ca
er [blieb] hinsichtlich ihrer [Lehren] über den Zustand nach dem Tod
pretya jātau viniścaye
und über die Bestimmung der Geburt nach dem Tod
avyavasthaḥ(?) sa
unentschieden (?) [blieb] er
bhūyiṣṭham ātmatattvena na tuṣyati
meist fand er durch [keine der Lehren von der] Selbst-Wahrheit Befriedigung

[?] 'ādamasthaḥ' unklar, vermutlich verderbt für 'avyavasthaḥ' o.Ä. ('unentschieden'); 'tuṣaayati' als 'na tuṣyati' (findet keine Befriedigung) gelesen.

tatra pañcaśikho nāma kāpileyo mahāmuniḥ / paridhāvanmahīṃ kṛtsnāṃ jagāma mithilāmatha

Da kam ein großer Weiser namens Pañcaśikha, ein Nachkomme/Anhänger Kapilas (kāpileya), der die ganze Erde durchwanderte, dann nach Mithilā.

Wort für Wort
tatra pañcaśikhaḥ nāma
da [kam ein Weiser] namens Pañcaśikha
kāpileyaḥ mahāmuniḥ
ein Kāpileya, der große Weise
paridhāvan mahīṃ kṛtsnām
die ganze Erde durchwandernd
jagāma mithilām atha
kam dann nach Mithilā

sarvasaṃnyāsadharmāṇaḥ tattvajñānaviniścaye / suparyavasitārthaśca nirdvandvo naṣṭasaṃśayaḥ

[Er war] kundig in allen Pflichten der Entsagung (saṃnyāsa), entschieden in der Feststellung des wahren Wissens; sein Ziel wohl erreicht, frei von Gegensatzpaaren, mit vernichteten Zweifeln.

Wort für Wort
sarvasaṃnyāsadharmāṇaḥ
kundig in allen Pflichten der Entsagung
tattvajñānaviniścaye
entschieden in der Feststellung des wahren Wissens
suparyavasitārthaḥ ca
sein Ziel wohl erreicht
nirdvandvaḥ naṣṭasaṃśayaḥ
frei von Gegensatzpaaren, mit vernichteten Zweifeln

ṛṣīṇāmāhurekaṃ yaṃ kāmādavasitaṃ nṛṣu / śāśvataṃ sukhamatyantamanvicchansa sudurlabham

Ihn nennt man einen unter den Sehern, der unter den Menschen vom Verlangen abgelassen hat; er strebte nach dem ewigen, höchsten, überaus schwer erreichbaren Glück.

Wort für Wort
ṛṣīṇām āhuḥ ekaṃ yam
ihn nennt man einen unter den Sehern
kāmāt avasitaṃ nṛṣu
der unter den Menschen vom Verlangen abgelassen hat
śāśvataṃ sukham atyantam
nach dem ewigen, höchsten Glück
anvicchan sa sudurlabham
strebte er, dem überaus schwer erreichbaren

yamāhuḥ kapilaṃ sāṃkhyāḥ paramarṣi prajāpatim / sa manye tena rūpeṇa vikhyāpayati hi svayam

Ihn, den die Sāṃkhyas Kapila nennen, den höchsten Seher, den Prajāpati – ihn, so meine ich, offenbart er selbst wahrlich in dieser Gestalt.

Wort für Wort
yam āhuḥ kapilaṃ sāṃkhyāḥ
den die Sāṃkhyas Kapila nennen
paramarṣim prajāpatim
den höchsten Seher, den Prajāpati
sa manye tena rūpeṇa
ihn, so meine ich, in dieser Gestalt
vikhyāpayati hi svayam
offenbart er wahrlich selbst

āsureḥ prathamaṃ śiṣyaṃ yamāhuścirajīvinam / pañcasrotasi yaḥ satramāste varṣasahasrakam

Ihn, den man den ersten, langlebigen Schüler Āsuris nennt, der bei Pañcasrotas an der Opfersitzung tausend Jahre lang teilnahm –

Wort für Wort
āsureḥ prathamaṃ śiṣyam
den ersten Schüler Āsuris
yam āhuḥ cirajīvinam
den man den langlebigen nennt
pañcasrotasi yaḥ satram
der bei Pañcasrotas an der Opfersitzung
āste varṣasahasrakam
teilnahm, tausend Jahre lang

pañcasrotasamāgamya kāpilaṃ maṇḍalaṃ mahat / puruṣāvasthamavyaṅktaṃ paramārthaṃ nyavedayat

– [Āsuri], zu Pañcasrotas gekommen, verkündete der großen Versammlung Kapilas die höchste Wahrheit vom unmanifesten Zustand des Puruṣa.

Wort für Wort
pañcasrotasam āgamya
zu Pañcasrotas gekommen
kāpilaṃ maṇḍalaṃ mahat
der großen Versammlung Kapilas
puruṣāvastham avyaktam
vom unmanifesten Zustand des Puruṣa
paramārthaṃ nyavedayat
verkündete er die höchste Wahrheit

iṣṭimantreṇa saṃyukto bhūyaśca tapasāsuriḥ / kṣetrakṣetrajñayorvyaktiṃ vibudhe dehadarśanaḥ

Verbunden mit dem Opferspruch, und ferner durch Askese, erkannte Āsuri, dessen Sicht [nun ganz auf den] Körper [gerichtet war], die Offenbarung von Feld (kṣetra) und Feldkenner (kṣetrajña).

Wort für Wort
iṣṭimantreṇa saṃyuktaḥ
verbunden mit dem Opferspruch
bhūyaḥ ca tapasā āsuriḥ
und ferner durch Askese Āsuri
kṣetrakṣetrajñayoḥ vyaktim
die Offenbarung von Feld und Feldkenner
vibudhe dehadarśanaḥ
erkannte er, dessen Sicht auf den Körper [gerichtet war]

yattadekākṣaraṃ brahma nānārūpaṃ pradṛśyate / āsurirmaṇḍale tasminpratipede tamavyayam

Jenes eine Silbe [OM] seiende Brahman, das in mannigfaltigen Gestalten erscheint – Āsuri erlangte in jener Versammlung jenes Unvergängliche.

Wort für Wort
yat tat ekākṣaraṃ brahma
jenes eine-Silbe-seiende Brahman
nānārūpaṃ pradṛśyate
das in mannigfaltigen Gestalten erscheint
āsuriḥ maṇḍale tasmin
Āsuri erlangte in jener Versammlung
pratipede tam avyayam
jenes Unvergängliche

tasya pañcaśikhaḥ śiṣyo mānuṣyā payasā bhṛtaḥ / brāhmaṇī kapilī nāma kācidāsītkuṭumbinī

Sein Schüler [war] Pañcaśikha, genährt mit Menschenmilch (einer Frau); es gab eine Brahmanenfrau, eine Hausherrin, namens Kapilī.

Wort für Wort
tasya pañcaśikhaḥ śiṣyaḥ
sein Schüler [war] Pañcaśikha
mānuṣyā payasā bhṛtaḥ
genährt mit menschlicher (Frauen-)Milch
brāhmaṇī kapilī nāma
eine Brahmanenfrau namens Kapilī
kācit āsīt kuṭumbinī
es gab [eine] Hausherrin

tasyaḥ putratvamāgatya sriyāḥ sa pibagati stanau / tataśca kāpileyatvaṃ lebhe buddhiṃ ca naiṣṭikīm

Als ihr Sohn geboren, trank er an den Brüsten jener Frau; und so erlangte er den Namen 'Kāpileya' und eine gefestigte Erkenntniskraft.

Wort für Wort
tasyāḥ putratvam āgatya
als ihr Sohn geboren
striyāḥ sa pibati stanau
trank er an den Brüsten jener Frau
tataḥ ca kāpileyatvaṃ lebhe
und so erlangte er das Kāpileya-Sein
buddhiṃ ca naiṣṭhikīm
und eine gefestigte Erkenntniskraft

etanme bhagavānāha kāpileyasya saṃbhavam / tasya tatkāpileyatvaṃ sarvavittvamanuttamam

Dies erzählte mir der Verehrungswürdige [von] der Herkunft des Kāpileya; jenes sein 'Kāpileya-Sein' [bedeutet zugleich] seine unübertroffene Allwissenheit.

Wort für Wort
etat me bhagavān āha
dies erzählte mir der Verehrungswürdige
kāpileyasya saṃbhavam
von der Herkunft des Kāpileya
tasya tat kāpileyatvam
jenes sein Kāpileya-Sein
sarvavittvam anuttamam
[bedeutet] unübertroffene Allwissenheit

sāmātyo janako jñātvā dharmajño jñāninaṃ mune / upetya śatamācāryānmohayāmāsa hetubhiḥ

Janaka, den Dharma kennend, zusammen mit seinen Ministern, erfuhr, o Weiser, von dem Wissenden, der herangekommen war und hundert Lehrer durch [seine] Beweisgründe verwirrt hatte.

Wort für Wort
sāmātyaḥ janakaḥ jñātvā
Janaka, mit seinen Ministern, erfahren habend
dharmajñaḥ jñāninaṃ mune
der Dharmakenner von dem Wissenden, o Weiser
upetya śatam ācāryān
der herangekommen, hundert Lehrer
mohayāmāsa hetubhiḥ
verwirrt hatte durch [seine] Beweisgründe

janakastvabhisaṃraktaḥ kāpi leyānudarśanam / utsṛjya śatamācāryāmpṛṣṭato 'nujagāma tam

Janaka aber, innig ergriffen von dem Verlangen, den Kāpileya zu erblicken, verließ die hundert Lehrer und folgte ihm hinterher.

Wort für Wort
janakaḥ tu abhisaṃraktaḥ
Janaka aber, innig ergriffen
kāpileyānudarśanam
vom [Verlangen], den Kāpileya zu erblicken
utsṛjya śatam ācāryān
die hundert Lehrer verlassend
pṛṣṭhataḥ anujagāma tam
folgte er ihm hinterher

tasmai paramakalyāṇaṃ praṇatāya ca dharmataḥ / abravītparamaṃ mokṣaṃ yattatsāṃkhyaṃ vidhīyate

Zu ihm, der sich gebührend verneigt hatte, sprach er das höchste Heilvolle, die höchste Erlösung, die als Sāṃkhya bezeichnet wird.

Wort für Wort
tasmai paramakalyāṇam
zu ihm das höchste Heilvolle
praṇatāya ca dharmataḥ
der sich gebührend verneigt hatte
abravīt paramaṃ mokṣam
sprach er, die höchste Erlösung
yat tat sāṃkhyaṃ vidhīyate
die als Sāṃkhya bezeichnet wird

jātinirvedamuktvā sa karmanirvedamabravīt / karmanirvedamuktvā ca sarvanirvedamabravīt

Nachdem er von der Ernüchterung gegenüber der Geburt gesprochen hatte, sprach er von der Ernüchterung gegenüber dem Handeln; und nachdem er von der Ernüchterung gegenüber dem Handeln gesprochen hatte, sprach er von der Ernüchterung gegenüber allem.

Wort für Wort
jātinirvedam uktvā
nachdem er von der Ernüchterung über die Geburt gesprochen
sa karmanirvedam abravīt
sprach er von der Ernüchterung über das Handeln
karmanirvedam uktvā ca
und nachdem er von der Ernüchterung über das Handeln gesprochen
sarvanirvedam abravīt
sprach er von der Ernüchterung über alles

yadarthaṃ dharmasaṃsargaḥ karmaṇāṃ ca phalodayaḥ / tamanāśvāsikaṃ mohaṃ vināśi calamadhruvam

Das, um dessentwillen die Verbindung mit dem Dharma und das Entstehen der Frucht der Taten [geschieht] – jenes [erklärte er als] unzuverlässige Verblendung, vergänglich, wankelmütig, unbeständig.

Wort für Wort
yadarthaṃ dharmasaṃsargaḥ
das, um dessentwillen die Verbindung mit dem Dharma
karmaṇāṃ ca phalodayaḥ
und das Entstehen der Frucht der Taten [geschieht]
tam anāśvāsikaṃ moham
jenes [als] unzuverlässige Verblendung
vināśi calam adhruvam
vergänglich, wankelmütig, unbeständig

dṛśyamāne vināśe ca pratyakṣe lokasākṣike / āgamātparamastīti bruvannapi parājitaḥ

Wenn die Vernichtung sichtbar und unmittelbar wahrnehmbar ist, von der [ganzen] Welt bezeugt, wird selbst der, welcher sagt 'aufgrund der Überlieferung gibt es ein Höheres', widerlegt.

Wort für Wort
dṛśyamāne vināśe ca
wenn die Vernichtung sichtbar ist
pratyakṣe lokasākṣike
unmittelbar wahrnehmbar, von der Welt bezeugt
āgamāt param asti iti
'aufgrund der Überlieferung gibt es ein Höheres', so
bruvan api parājitaḥ
selbst der, der [dies] sagt, wird widerlegt

anātmā hyātmano mṛtyuḥ kleśo mṛtyurjarāmayaḥ / ātmānaṃ manyate mohāttadasamyak paraṃ matam

Denn Tod ist Nicht-Selbst gegenüber dem Selbst; Bedrängnis, Tod, Alter, Krankheit – [doch] man hält [diese] aus Verblendung für das Selbst; jene [Ansicht] ist unrichtig, [wenn auch für manche] die höchste Ansicht.

Wort für Wort
anātmā hi ātmanaḥ mṛtyuḥ
denn Tod ist Nicht-Selbst gegenüber dem Selbst
kleśaḥ mṛtyuḥ jarāmayaḥ
Bedrängnis, Tod, Alter, Krankheit
ātmānaṃ manyate mohāt
man hält [diese] aus Verblendung für das Selbst
tad asamyak paraṃ matam
jenes [ist] unrichtig, [doch gilt als] höchste Ansicht

atha cedevamapyasti yalloke nopapadyate / ajaro 'yamamṛtyuśca rājāsau manyate yathā

Wenn es aber auch so wäre, dass das, was in der Welt [tatsächlich] nicht zutrifft – 'dieser [Körper/dieses Selbst] ist alterlos und todlos' – so denkt, wie jener König [wähnt] –

Wort für Wort
atha cet evam api asti
wenn es aber auch so wäre
yat loke na upapadyate
was in der Welt [tatsächlich] nicht zutrifft
ajaraḥ ayam amṛtyuḥ ca
'dieser ist alterlos und todlos'
rājā asau manyate yathā
wie jener König [es] wähnt

[?] Syntax unsicher, insbesondere Bezug von 'rājāsau'; als rhetorisches Beispiel für irrige Annahme verstanden.

asti nāstīti cāpyetattasminnasitalakṣaṇe / kimadhiṣṭāya tad brūyāllokayātrāviniścayam

'Es ist, es ist nicht' – auch dies [wird gesagt] von jenem [Selbst], dessen Merkmal nicht wahrgenommen wird; worauf gestützt könnte man [darüber] die Bestimmung des Weltenlaufs aussagen?

Wort für Wort
asti na asti iti ca api
'es ist, es ist nicht', so auch
etat tasmin asitalakṣaṇe
dies von jenem, dessen Merkmal nicht wahrgenommen wird
kim adhiṣṭhāya tad brūyāt
worauf gestützt könnte man dies aussagen
lokayātrāviniścayam
die Bestimmung des Weltenlaufs

[?] 'asitalakṣaṇe' als 'a-dṛśyalakṣaṇe' bzw. 'unwahrnehmbaren Merkmals' sinngemäß verstanden.

pratyakṣaṃ hyetayormūlaṃ kṛtānta hyetayorapi / pratyakṣo hyāgamo bhinnaḥ kṛtānto vā na kiñcana

Denn unmittelbare Wahrnehmung ist die Wurzel dieser beiden [Positionen], und auch der [überlieferte] Schluss (kṛtānta) ist [Wurzel] dieser beiden; denn Wahrnehmung und Überlieferung sind verschieden, oder der Schluss [besagt] gar nichts.

Wort für Wort
pratyakṣaṃ hi etayoḥ mūlam
denn Wahrnehmung ist die Wurzel dieser beiden
kṛtāntaḥ hi etayoḥ api
und auch der [überlieferte] Schluss dieser beiden
pratyakṣaḥ hi āgamaḥ bhinnaḥ
denn Wahrnehmung und Überlieferung sind verschieden
kṛtāntaḥ vā na kiñcana
oder der Schluss [besagt] gar nichts

yatra tatrānumāne 'sminkṛtaṃ bhāvayate 'pi ca / anyojīvaḥ śarīrasya nāstikānāṃ mate sthitaḥ

Hier und dort wird in dieser Schlussfolgerung [ein Ergebnis] auch [nur] herbeikonstruiert; [dass] die Lebensseele (jīva) verschieden vom Körper [sei], steht [nur] in der Ansicht der Nāstikas [selbst so, ohne Beweiskraft].

Wort für Wort
yatra tatra anumāne asmin
hier und dort in dieser Schlussfolgerung
kṛtaṃ bhāvayate api ca
wird [ein Ergebnis] auch [nur] herbeikonstruiert
anyaḥ jīvaḥ śarīrasya
[dass] die Lebensseele verschieden vom Körper [sei]
nāstikānāṃ mate sthitaḥ
steht [so nur] in der Ansicht der Nāstikas

[?] Vers philosophisch dicht; Sinn und genaue Zuordnung der Position (Materialisten/Nāstikas) unsicher, beste Vermutung gegeben.

retovaṭakaṇīkāyāṃ ghṛtapākādhivāsanam / jātismṛtirayaskāntaḥ sūryakāntoṃ'bubhakṣaṇam

Die [ganze] Durchdringung [mit Geschmack, die entsteht] beim Kochen von Ghee aus einem winzigen Samentröpfchen; die Erinnerung an frühere Geburten; der Magnetstein; das Wasser-'Trinken' des Sonnensteins –

Wort für Wort
retovaṭakaṇikāyām
in einem winzigen Samentröpfchen
ghṛtapākādhivāsanam
die Durchdringung [mit Geschmack] beim Kochen von Ghee
jātismṛtiḥ ayaskāntaḥ
die Erinnerung an frühere Geburten, der Magnetstein
sūryakāntaḥ ambubhakṣaṇam
der Sonnenstein, das Wasser-'Trinken' [des Mondsteins]

[?] Aufzählung von Beispielen für verborgene/unsichtbare Wirkkräfte (dṛṣṭādṛṣṭa); Einzelheiten (bes. 'sūryakāntaḥ ambubhakṣaṇam') unsicher übersetzt.

pretabhūtapriyaścaiva devatā hyupayācanam / mṛtakarmanivattiṃ ca pramāṇamiti niścayaḥ

– und die Zuneigung zu Verstorbenen und Geistwesen, das Gelübdeopfer an die Gottheiten, und die Einstellung der Totenriten – dies sei der Beweis, so die Feststellung [mancher].

Wort für Wort
pretabhūtapriyaḥ ca eva
und die Zuneigung zu Verstorbenen und Geistwesen
devatā hi upayācanam
und wahrlich das Gelübdeopfer an die Gottheiten
mṛtakarmanivṛttiṃ ca
und die Einstellung der Totenriten
pramāṇam iti niścayaḥ
dies sei der Beweis, so die Feststellung

[?] 'nivattiṃ' als 'nivṛttim' (Einstellung/Aufhören) gelesen.

nanvete hetavaḥ saṃti ye kecinmūrtisasthitāḥ / amūtasya hi mūrtena sāmānyaṃ nopalabhyate

Doch dies sind [nur] Gründe, welche [selbst] in etwas Körperhaftem gegründet sind; denn zwischen dem Körperlosen und dem Körperhaften wird keine Gemeinsamkeit wahrgenommen.

Wort für Wort
nanu ete hetavaḥ saṃti
doch dies sind [nur] Gründe
ye kecit mūrtisaṃsthitāḥ
die [selbst] in etwas Körperhaftem gegründet sind
amūrtasya hi mūrtena
denn zwischen dem Körperlosen und dem Körperhaften
sāmānyaṃ na upalabhyate
wird keine Gemeinsamkeit wahrgenommen

[?] 'amūtasya' als 'amūrtasya' gelesen.

avidyā karma tṛṣṇā ca kecidāhuḥ punarbhavam / tasminnaṣṭe ca dagdhe ca citte maraṇadharmiṇi

Unwissenheit, Tat und Begierde – manche nennen [dies die Ursache der] Wiedergeburt; wenn jenes [dreifache] aber vernichtet und verbrannt ist, im dem Tod unterworfenen Geist [zum Zeitpunkt des Sterbens] –

Wort für Wort
avidyā karma tṛṣṇā ca
Unwissenheit, Tat und Begierde
kecid āhuḥ punarbhavam
manche nennen [dies die Ursache der] Wiedergeburt
tasmin naṣṭe ca dagdhe ca
wenn jenes vernichtet und verbrannt ist
citte maraṇadharmiṇi
im dem Tod unterworfenen Geist

anyo 'smājjāyate mohastamāhuḥ sattvasaṃkṣayam / yadā sarūpataścānyo jātitaḥ śrutator'thataḥ

– [so] entsteht daraus eine andere Verblendung; diese nennt man 'Vernichtung des Seins' [Tod]. Wenn [ein neues Wesen], das anders ist in Gestalt, in Geburt, in Erlerntem und Bedeutung [von dem vorherigen]

Wort für Wort
anyaḥ asmāt jāyate mohaḥ
daraus entsteht eine andere Verblendung
tam āhuḥ sattvasaṃkṣayam
diese nennt man 'Vernichtung des Seins'
yadā sarūpataḥ ca anyaḥ
wenn [ein Wesen], anders in Gestalt
jātitaḥ śrutataḥ arthataḥ
in Geburt, in Erlerntem, in Bedeutung

kathamasminsa ityeva saṃbandhaḥ syādasaṃhitaḥ / evaṃ sati ca kā prīhirjñānavidyātapobalaiḥ

– wie [könnte man] dann von 'dieser [ist] jener' sprechen? Die Verbindung wäre [dann] ohne [wirkliche] Einheit. Wenn dies so ist, welche Freude [gäbe es dann noch] durch die Kraft von Wissen, Gelehrsamkeit und Askese?

Wort für Wort
katham asmin sa iti eva
wie [könnte man] von 'dieser [ist] jener' [sprechen]
saṃbandhaḥ syāt asaṃhitaḥ
die Verbindung wäre ohne [wirkliche] Einheit
evaṃ sati ca kā prītiḥ
wenn dies so ist, welche Freude [gäbe es]
jñānavidyātapobalaiḥ
durch die Kraft von Wissen, Gelehrsamkeit und Askese

[?] 'prīhir' als 'prītiḥ' gelesen.

yadasyācaritaṃ karma sāmānyātpratipadyate / api tvayamihaivānyaiḥ prākṛtairduḥkhito bhavet

[Selbst wenn man sagt,] was von diesem als Tat verrichtet wurde, werde [von einem anderen] durch bloße Gleichartigkeit erfahren – dennoch könnte gerade dieser hier [im nächsten Leben] durch andere, gewöhnliche [Ursachen] leidend werden.

Wort für Wort
yad asya ācaritaṃ karma
was von diesem als Tat verrichtet wurde
sāmānyāt pratipadyate
werde [von einem anderen] durch bloße Gleichartigkeit erfahren
api tu ayam iha eva
dennoch könnte gerade dieser hier
anyaiḥ prākṛtaiḥ duḥkhitaḥ bhavet
durch andere, gewöhnliche [Ursachen] leidend werden

sukhito duḥkhito vāpi dṛśyādṛśyavinirṇayaḥ / yathā hi muśalairhanyuḥ śarīraṃ tatpunarbhavet

Ob glücklich oder leidend – [dies bleibt] eine Bestimmung des Sichtbaren und Unsichtbaren; denn wenn man mit Stößeln den Körper schlüge, würde [nur der Körper leiden, doch das Wiederentstehen ist unklar]

Wort für Wort
sukhitaḥ duḥkhitaḥ vā api
ob glücklich oder leidend
dṛśyādṛśyavinirṇayaḥ
[dies bleibt] eine Bestimmung des Sichtbaren und Unsichtbaren
yathā hi muśalaiḥ hanyuḥ
denn wie wenn man mit Stößeln schlüge
śarīraṃ tat punarbhavet
den Körper – jenes würde wiederentstehen [?]

vṛthā jñānaṃ yadanyañca yenaitannopalabhyate / ṛmasaṃvatsarau tiṣyaḥ śītoṣṇo 'tha priyāpriye

– dann [wäre] das Wissen vergeblich, und auch alles andere, wodurch dies nicht erfasst wird. Die Jahreszeiten und das Jahr, [das Mondhaus] Tiṣya, Kälte und Hitze, sodann Angenehmes und Unangenehmes –

Wort für Wort
vṛthā jñānaṃ yat anyat ca
vergeblich [wäre] das Wissen und alles andere
yena etat na upalabhyate
wodurch dies nicht erfasst wird
ṛtusaṃvatsarau tiṣyaḥ
die Jahreszeiten und das Jahr, [das Mondhaus] Tiṣya
śītoṣṇaḥ atha priyāpriye
Kälte und Hitze, sodann Angenehmes und Unangenehmes

[?] 'ṛmasaṃvatsarau' als 'ṛtusaṃvatsarau' (Jahreszeiten und Jahr) gelesen; Vers scheint Aufzählung sichtbarer, regelmäßig wiederkehrender Phänomene.

yathā tātāni paśyati tādṛśaḥ sattvasaṃkṣayaḥ / jarayābhiparītasya mṛtyunā ca vināśitam

– wie man diese [wiederkehrenden Dinge] sieht, ebenso [verhält es sich mit] der Vernichtung des Seins; [der Körper], vom Alter ergriffen, wird auch durch den Tod zerstört.

Wort für Wort
yathā tāni paśyati
wie man diese [Dinge] sieht
tādṛśaḥ sattvasaṃkṣayaḥ
ebenso [verhält es sich mit] der Vernichtung des Seins
jarayā abhiparītasya
[des Körpers], vom Alter ergriffen
mṛtyunā ca vināśitam
wird auch durch den Tod zerstört

[?] 'tātāni' unklar, als 'tāni' bzw. 'tathā tāni' (diese [Dinge]) verstanden.

durbalaṃ durbalaṃ pūrvaṃ gṛhasyeva vinaśyati / indriyāṇi mano vāyuḥ śoṇitaṃ māṃsamasthi ca

[Teil für Teil], das jeweils schwächere zuerst, vergeht er, wie [die Teile] eines Hauses: die Sinnesorgane, der Geist, der Lebenshauch, das Blut, das Fleisch und der Knochen –

Wort für Wort
durbalaṃ durbalaṃ pūrvam
das jeweils schwächere zuerst
gṛhasya iva vinaśyati
vergeht er, wie [die Teile] eines Hauses
indriyāṇi manaḥ vāyuḥ
die Sinnesorgane, der Geist, der Lebenshauch
śoṇitaṃ māṃsam asthi ca
das Blut, das Fleisch und der Knochen

ānupūrvyā vinaśyanti svaṃ dhātumupayāti ca / lokayātrāvidhātaśca dānadharmaphalāgame

– [diese] vergehen der Reihe nach und gehen [je] in ihr eigenes [Element] ein. Und was den Lenker des Weltenlaufs betrifft, sowie das Eintreffen der Frucht von Gabe und Pflichterfüllung –

Wort für Wort
ānupūrvyā vinaśyanti
der Reihe nach vergehen sie
svaṃ dhātum upayānti ca
und gehen in ihr eigenes [Element] ein
lokayātrāvidhātaḥ ca
und der Lenker des Weltenlaufs
dānadharmaphalāgame
beim Eintreffen der Frucht von Gabe und Pflicht

tadarthaṃ vedaṃśabdāśca vyavahārāśca laukikāḥ / iti samyaṅ manasyete bahavaḥ saṃti hetavaḥ

– zu diesem Zweck [bestehen] die Worte des Veda und die weltlichen Gepflogenheiten. So sind, recht im Geiste erwogen, viele solche Gründe [für das Fortbestehen des Selbst] vorhanden.

Wort für Wort
tadarthaṃ veda śabdāḥ ca
zu diesem Zweck die Worte des Veda
vyavahārāḥ ca laukikāḥ
und die weltlichen Gepflogenheiten
iti samyak manasi ete
so, recht im Geiste [erwogen], diese
bahavaḥ saṃti hetavaḥ
viele Gründe sind vorhanden

aita dastīti nāstīti na kaścitpratidṛśyate / teṣāṃ vimṛśatāmeva tatsamyagabhidhāvatām

'Dies ist, dies ist nicht' – niemand wird [darin] übereinstimmend gesehen; selbst unter denen, die [darüber] nachsinnen und die ihm eifrig recht nachjagen,

Wort für Wort
etat asti iti na asti iti
'dies ist' [und] 'dies ist nicht', so
na kaścit pratidṛśyate
wird niemand [darin] übereinstimmend gesehen
teṣāṃ vimṛśatām eva
selbst unter denen, die [darüber] nachsinnen
tat samyak abhidhāvatām
und die ihm eifrig recht nachjagen

[?] 'aita dastīti' als 'etad asti iti' gelesen.

kvacinnivasate buddhistatra jīryati vṛkṣavat / evantur thairanarthaiśca duḥkhitāḥ sarvajantavaḥ

– irgendwo kommt der Verstand zur Ruhe, [und] dort altert er wie ein Baum. So sind, durch [solche] Anliegen und Widrigkeiten, alle Geschöpfe leidend.

Wort für Wort
kvacit nivasate buddhiḥ
irgendwo kommt der Verstand zur Ruhe
tatra jīryati vṛkṣavat
dort altert er wie ein Baum
evam arthaiḥ anarthaiḥ ca
so durch [solche] Anliegen und Widrigkeiten
duḥkhitāḥ sarvajantavaḥ
leidend [sind] alle Geschöpfe

[?] 'evantur thair' als 'evam arthaiḥ' gelesen.

āgamairapakṛṣyante hastipairhastino yathā

Durch [religiöse] Überlieferungen/Lehrmeinungen werden sie fortgezogen, wie wilde Elefanten durch [abgerichtete] Lockelefanten.

Wort für Wort
āgamaiḥ apakṛṣyante
durch [religiöse] Überlieferungen werden sie fortgezogen
hastipaiḥ hastinaḥ yathā
wie [wilde] Elefanten durch Lockelefanten

[Anm.: Vers unvollständig überliefert – im Quelltext nur eine einzige Pāda-Zeile (statt der üblichen vier Pādas) vorhanden; wohl Textverlust.]

arthāstathā hṝnti sukhāvahāṃśca lihata ete bahavopaśuṣkāḥ / mahattaraṃ duḥkhamabhiprapannā hitvāmiṣaṃ mṛtyuvaśaṃ prayānti

Ebenso rauben die [weltlichen] Güter [den Menschen den Sinn], obwohl sie, glückbringend, [nur wie] ausgezehrte, vielfach beleckte [Köder sind]; in immer größeres Leid geraten, den Köder aufgebend, gehen [die Menschen] in die Macht des Todes ein.

Wort für Wort
arthāḥ tathā hṝnti
ebenso rauben die [weltlichen] Güter [den Sinn]
sukhāvahān ca līḍhāḥ ete bahavaḥ upaśuṣkāḥ
obwohl sie glückbringend, [wie] vielfach beleckte, ausgezehrte [Köder]
mahattaraṃ duḥkham abhiprapannāḥ
in immer größeres Leid geraten
hitvā āmiṣaṃ mṛtyuvaśaṃ prayānti
den Köder aufgebend, gehen sie in die Macht des Todes ein

[?] Vers (Triṣṭubh) bildreich und syntaktisch schwierig ('lihata', 'upaśuṣkāḥ'); Sinn als Köder-Gleichnis (vergängliche weltliche Güter als ausgezehrter Lockspeise) sinngemäß erschlossen.

vināśino hyadhruvajīvinaḥ kiṃ kiṃ bandhubhirmatraparigrahaiśca / vihāya yo gacchati sarvameva kṣaṇena gatvā na nivartate ca

Denn [die Menschen sind] vergänglich, von unbeständigem Leben – was, was [nützen] Verwandte und die verschiedenen Besitztümer? Wer, alles verlassend, dahingeht, kehrt, in einem Augenblick gegangen, nicht wieder zurück.

Wort für Wort
vināśinaḥ hi adhruvajīvinaḥ
denn [die Menschen sind] vergänglich, von unbeständigem Leben
kiṃ kiṃ bandhubhiḥ mitraparigrahaiḥ ca
was, was [nützen] Verwandte und Freunde/Besitztümer
vihāya yaḥ gacchati sarvam eva
wer, alles verlassend, dahingeht
kṣaṇena gatvā na nivartate ca
in einem Augenblick gegangen, kehrt er nicht zurück

[?] 'matraparigrahaiśca' vermutlich 'mitraparigrahaiś ca' (Freunde und Besitztümer) gelesen.

bhūvyomatoyānalavāyavo 'pi sadā śarīraṃ pratipālayanti / itīdamālakṣya ratiḥ kuto bhavedvināśināpyasya na śama vidyate

Erde, Himmel/Raum, Wasser, Feuer und Wind erhalten stets den Körper; dies erkannt habend, woher [sollte da] Freude [an diesem Körper] entstehen? Für dieses vergängliche [Ding] gibt es [ja doch] keine [dauerhafte] Ruhe.

Wort für Wort
bhūvyomatoyānalavāyavaḥ api
Erde, Himmel, Wasser, Feuer und Wind auch
sadā śarīraṃ pratipālayanti
erhalten stets den Körper
iti idam ālakṣya ratiḥ kutaḥ bhavet
dies erkannt habend, woher sollte Freude entstehen
vināśinā api asya na śamaḥ vidyate
für dieses vergängliche [Ding] gibt es keine Ruhe

idamanupadhivākyamacchalaṃ paramanirāmayamātmasākṣikam / narapatirabhivīkṣya vismitaḥ punaranuyoktumidaṃ pracakrame

Diese arglose, betrugsfreie, höchst heilsame, durch das eigene Selbst bezeugte Rede erwogen habend, begann der König, staunend, aufs Neue zu fragen.

Wort für Wort
idam anupadhivākyam acchalam
diese arglose, betrugsfreie Rede
param anirāmayam ātmasākṣikam
höchst heilsame, durch das eigene Selbst bezeugte
narapatiḥ abhivīkṣya vismitaḥ
der König, [dies] erwogen habend, staunend
punaḥ anuyoktum idaṃ pracakrame
begann aufs Neue, dies zu befragen

janaka uvāca bhagavanyadi na pretya saṃjñā bhavati kasyacit / evaṃ sati kimajñānaṃ jñānaṃ vā kiṃ kariṣyati

Janaka sprach: O Verehrungswürdiger, wenn nach dem Tode für niemanden [mehr] Bewusstsein besteht – wenn dies so ist, was werden dann [noch] Unwissenheit oder Wissen bewirken?

Wort für Wort
janaka uvāca
Janaka sprach
bhagavan yadi na pretya
o Verehrungswürdiger, wenn nach dem Tode nicht
saṃjñā bhavati kasyacit
für irgendjemanden Bewusstsein besteht
evaṃ sati kim ajñānam jñānaṃ vā kiṃ kariṣyati
wenn dies so ist, was werden Unwissenheit oder Wissen bewirken

sarvamucchedaniṣṭasyātpaśya caitaddvijottama / apramattaḥ pramatto vā kiṃ viśeṣaṃ kariṣyati

Alles würde in Vernichtung enden – bedenke dies, o Bester der Zweifachgeborenen; welchen Unterschied würde der Achtsame oder der Unachtsame [dann noch] ausmachen?

Wort für Wort
sarvam ucchedaniṣṭhasyāt
alles würde in Vernichtung enden
paśya ca etat dvijottama
bedenke dies, o Bester der Zweifachgeborenen
apramattaḥ pramattaḥ vā
der Achtsame oder der Unachtsame
kiṃ viśeṣaṃ kariṣyati
welchen Unterschied würde [dies] ausmachen

asaṃsargo hi bhūteṣu saṃsargo vā vināśiṣu / kasmai kriyata kalpeta niścayaḥ ko 'tra tattvataḥ

Sei es Nicht-Verbindung unter den [vergänglichen] Wesen oder Verbindung unter den vergänglichen [Dingen] – wofür würde [dies] getan, wozu wäre es dienlich? Welche Gewissheit gibt es hier der Wahrheit nach?

Wort für Wort
asaṃsargaḥ hi bhūteṣu
Nicht-Verbindung unter den Wesen
saṃsargaḥ vā vināśiṣu
oder Verbindung unter den vergänglichen [Dingen]
kasmai kriyata kalpeta
wofür würde [dies] getan, wozu wäre es dienlich
niścayaḥ kaḥ atra tattvataḥ
welche Gewissheit gibt es hier der Wahrheit nach

sanandana uvāca tamasā hi maticchatraṃ vibhrāntamiva cāturam / punaḥ praśamayanvākyaiḥ kaviḥ pañcaśikho 'bravīt

Sanandana sprach: [Als er sah, dass] der Schirm des Verstandes durch Finsternis gleichsam verwirrt und beunruhigt war, sprach der Weise Pañcaśikha wieder, [ihn] mit Worten beruhigend.

Wort für Wort
tamasā hi maticchatram
durch Finsternis der Schirm des Verstandes
vibhrāntam iva cāturam
gleichsam verwirrt und beunruhigt
punaḥ praśamayan vākyaiḥ
wieder beruhigend mit Worten
kaviḥ pañcaśikhaḥ abravīt
sprach der Weise Pañcaśikha

pañcaśikha uvāca ucchedaniṣṭā nehāsti bhāvaniṣṭā na vidyate / ayaṃ hyapi samāhāraḥ śarīredriyacetasām

Pañcaśikha sprach: Weder besteht hier ein Enden in Vernichtung, noch gibt es ein [ewiges] Feststehen im [bloßen] Sein; denn dieses [Selbst] ist vielmehr eine Zusammenfügung von Körper, Sinnesorganen und Geist.

Wort für Wort
pañcaśikha uvāca
Pañcaśikha sprach
ucchedaniṣṭhā na iha asti
ein Enden in Vernichtung besteht hier nicht
bhāvaniṣṭhā na vidyate
ein Feststehen im [bloßen] Sein gibt es [auch] nicht
ayaṃ hi api samāhāraḥ
dieses [Selbst] ist vielmehr eine Zusammenfügung
śarīrendriyacetasām
von Körper, Sinnesorganen und Geist

vartate pṛthaganyonyamapyupāśritya karmasu / dhātavaḥ pañcadhā toyaṃ khe vāyurjyotiṣo dharā

[Es] besteht getrennt [voneinander], und doch sich gegenseitig stützend in [seinen] Wirkungen; die [materiellen] Elemente sind fünffach: Wasser, [das im] Äther, Wind, Feuer/Licht, Erde.

Wort für Wort
vartate pṛthak anyonyam api
es besteht getrennt und doch gegenseitig
upāśritya karmasu
sich stützend in [seinen] Wirkungen
dhātavaḥ pañcadhā toyam
die Elemente sind fünffach: Wasser
khe vāyuḥ jyotiṣaḥ dharā
[im] Äther, Wind, Feuer, Erde

teṣu bhāvena tiṣṭanti viyujyante svabhāvataḥ / ākāśaṃ vāyurūṣmā ca sneho yaścāpi pārthivaḥ

In diesen bestehen sie ihrer Natur nach, und sie trennen sich [auch wieder] von Natur aus: der Äther, der Wind, die Wärme, die Feuchtigkeit und das Erdige.

Wort für Wort
teṣu bhāvena tiṣṭhanti
in diesen bestehen sie ihrer Natur nach
viyujyante svabhāvataḥ
und trennen sich von Natur aus
ākāśaṃ vāyuḥ ūṣmā ca
der Äther, der Wind, die Wärme
snehaḥ yaḥ ca api pārthivaḥ
die Feuchtigkeit und was auch erdig ist

eṣa pañcasamāhāraḥ śarīramapi naikadhā / jñānamūṣmā ca vāyuśca trividhaḥ kāyasaṃgrahaḥ

Dies ist die fünffache Zusammenfügung; auch der Körper ist nicht einheitlich [in seiner Beschaffenheit]: Erkenntnis, Wärme und Wind – dreifach ist die Zusammenfassung des Leibes.

Wort für Wort
eṣa pañcasamāhāraḥ
dies ist die fünffache Zusammenfügung
śarīram api na ekadhā
auch der Körper ist nicht einheitlich
jñānam ūṣmā ca vāyuḥ ca
Erkenntnis, Wärme und Wind
trividhaḥ kāyasaṃgrahaḥ
dreifach die Zusammenfassung des Leibes

indriyāṇīndriyārthāśca svabhāvaścetanāmanaḥ / prāṇāpānau vikāraśca dhātavaścātra niḥsṛtāḥ

Sinnesorgane und Sinnesobjekte, [die eigene] Natur, Bewusstsein und Geist; Ein- und Ausatem, Veränderung und die [Körper-]Elemente sind hieraus hervorgegangen.

Wort für Wort
indriyāṇi indriyārthāḥ ca
Sinnesorgane und Sinnesobjekte
svabhāvaḥ cetanā manaḥ
[eigene] Natur, Bewusstsein, Geist
prāṇāpānau vikāraḥ ca
Ein- und Ausatem, Veränderung
dhātavaḥ ca atra niḥsṛtāḥ
und die Elemente sind hieraus hervorgegangen

śravaṇaṃ sparśanaṃ jihvā dṛṣṭirnāsā tathaiva ca / indriyāṇīti pañcaite cittapūrvaṅgamā guṇāḥ

Hören, Tasten, Zunge, Sehen und ebenso die Nase – diese fünf, 'Sinnesorgane' genannt, sind Eigenschaften, denen der Geist (citta) vorangeht.

Wort für Wort
śravaṇaṃ sparśanaṃ jihvā
Hören, Tasten, Zunge
dṛṣṭiḥ nāsā tathā eva ca
Sehen und ebenso die Nase
indriyāṇi iti pañca ete
diese fünf, 'Sinnesorgane' genannt
cittapūrvaṅgamāḥ guṇāḥ
Eigenschaften, denen der Geist vorangeht

tatra vijñānasaṃyuktā trividhā cetanā dhruvā / sukhaduḥkheti yāmāhuranaduḥkhāsukheti ca

Dabei ist das mit Erkennen verbundene Bewusstsein feststehend dreifach: das, was man Glück und Leid nennt, und [das], was weder-Leid-noch-Glück [genannt wird].

Wort für Wort
tatra vijñānasaṃyuktā
dabei ist das mit Erkennen verbundene
trividhā cetanā dhruvā
Bewusstsein feststehend dreifach
sukhaduḥkha iti yām āhuḥ
was man Glück und Leid nennt
anaduḥkhāsukha iti ca
und was weder-Leid-noch-Glück [heißt]

śabdaḥ sparśaśca rūpaṃ ca mūrtyarthameva te trayaḥ / ete hyāmaraṇātpañca sadguṇā jñānasiddhaye

Laut, Berührung und Form – diese drei [dienen] eben dem Zweck der Verkörperung; diese fünf [Sinnesqualitäten] wahrlich, bis zum Tod bestehend, sind die wahren Eigenschaften zur Vollendung des Wissens.

Wort für Wort
śabdaḥ sparśaḥ ca rūpaṃ ca
Laut, Berührung und Form
mūrtyartham eva te trayaḥ
diese drei [dienen] eben dem Zweck der Verkörperung
ete hi āmaraṇāt pañca
diese fünf wahrlich, bis zum Tod bestehend
sadguṇāḥ jñānasiddhaye
die wahren Eigenschaften zur Vollendung des Wissens

teṣu karmaṇi siddhiśca sarvatattvārthaniścayaḥ / tamāhuḥ paramaṃ śuddhiṃ buddhirityavyayaṃ mahat

Vollendung in der Wirksamkeit in Bezug auf diese, und die Bestimmung der Bedeutung aller Wahrheiten – dies nennt man die höchste Reinheit, das große Unvergängliche [namens] 'Erkenntniskraft' (buddhi).

Wort für Wort
teṣu karmaṇi siddhiḥ ca
Vollendung in der Wirksamkeit in Bezug auf diese
sarvatattvārthaniścayaḥ
und die Bestimmung der Bedeutung aller Wahrheiten
tam āhuḥ paramaṃ śuddhim
dies nennt man die höchste Reinheit
buddhiḥ iti avyayaṃ mahat
das große Unvergängliche namens Erkenntniskraft

imaṃ guṇasamāhāramātmabhāvena paśyataḥ / asamyagdarśanairduḥkhamanantaṃ nopaśāmyati

Für den, der diese Zusammenfügung der Guṇas als [wesensgleich mit dem] Zustand des Selbst betrachtet, kommt durch [solche] fehlerhaften Anschauungen das endlose Leid nicht zur Ruhe.

Wort für Wort
imaṃ guṇasamāhāram
diese Zusammenfügung der Guṇas
ātmabhāvena paśyataḥ
für den, der [sie] als Zustand des Selbst betrachtet
asamyagdarśanaiḥ duḥkham anantam
durch fehlerhafte Anschauungen das endlose Leid
na upaśāmyati
kommt nicht zur Ruhe

anātmeti ca yadṛṣṭaṃ tenāhaṃ na mametyapi / vartate kimadhiṣṭānātprasaktā duḥkhasaṃtatiḥ

Und wodurch [dies] als 'Nicht-Selbst' erkannt wird, dadurch [gelten] auch 'ich' und 'mein' nicht [mehr]; worauf gestützt besteht [dann noch] die anhaftende, ununterbrochene Kette des Leids?

Wort für Wort
anātmā iti ca yat dṛṣṭam
und was als 'Nicht-Selbst' erkannt wird
tena ahaṃ na mama iti api
dadurch [gelten] auch 'ich' und 'mein' nicht
vartate kim adhiṣṭhānāt
worauf gestützt besteht
prasaktā duḥkhasaṃtatiḥ
die anhaftende, ununterbrochene Kette des Leids

tatra samyagjano nāma tyāgaśāstramanuttamam / śṛṇuyāttacca mokṣāya bhāṣyamāṇaṃ bhaviṣyati

Darüber möge der recht [gesinnte] Mensch die unübertroffene Lehre der Entsagung (tyāgaśāstra) hören; und diese, [nun] verkündet, wird zur Erlösung führen.

Wort für Wort
tatra samyagjanaḥ nāma
darüber möge der recht [gesinnte] Mensch
tyāgaśāstram anuttamam
die unübertroffene Lehre der Entsagung
śṛṇuyāt tat ca mokṣāya
hören; und diese wird zur Erlösung
bhāṣyamāṇaṃ bhaviṣyati
[nun] verkündet, führen

tyāga eva hi sarveṣāmuktānāmapi karmaṇām / nityaṃ mithyāvinītānāṃ kleśo duḥkhāvaho tamaḥ

Entsagung allein [ist heilsam] für alle Taten, auch die [bereits] vollzogenen; für die stets fälschlich Gezügelten [ohne echte Entsagung] ist [alles nur] Bedrängnis, Leid bringende Finsternis.

Wort für Wort
tyāgaḥ eva hi sarveṣām
Entsagung allein wahrlich für alle
uktānām api karmaṇām
auch der [bereits] vollzogenen Taten
nityaṃ mithyāvinītānām
für die stets fälschlich Gezügelten
kleśaḥ duḥkhāvahaḥ tamaḥ
[ist alles nur] Bedrängnis, Leid bringende Finsternis

dravyatyāge tu karmāṇi bhogatyāge vratāni ca / sukhatyāgā tapo yogaṃ sarvatyāge samāpanā

In der Entsagung von Besitz [liegen] die [rituellen] Handlungen, in der Entsagung des Genusses die Gelübde; aus der Entsagung des Glücks (Askese) und Yoga – in der Entsagung von allem sind [sie alle] vollendet.

Wort für Wort
dravyatyāge tu karmāṇi
in der Entsagung von Besitz [liegen] die Handlungen
bhogatyāge vratāni ca
in der Entsagung des Genusses die Gelübde
sukhatyāgāt tapaḥ yogam
aus der Entsagung des Glücks Askese und Yoga
sarvatyāge samāpanā
in der Entsagung von allem [sind sie] vollendet

tasya mārgo 'yamadvaidhaḥ sarvatyāgasya darśitaḥ / viprahāṇāya duḥkhasya durgatirhi tathā bhavet

Dieser, [nämlich] der ungeteilte Weg der Entsagung von allem, wird gezeigt zur vollständigen Beseitigung des Leids; denn sonst käme es zu Unheil (durgati).

Wort für Wort
tasya mārgaḥ ayam advaidhaḥ
dieser ungeteilte Weg
sarvatyāgasya darśitaḥ
der Entsagung von allem wird gezeigt
viprahāṇāya duḥkhasya
zur vollständigen Beseitigung des Leids
durgatiḥ hi tathā bhavet
denn sonst käme es zu Unheil

pañca jñānendriyāṇyuktvā manaḥ ṣaṣṭāni cetasi / basaṣaṣṭāni vakṣyāmi pañca karmedriyāṇi tu

Nachdem [ich] die fünf Erkenntnisorgane, mit dem Geist als sechstem, im Bewusstsein [befindlich] genannt habe, will ich nun [weiter] die fünf Handlungsorgane nennen.

Wort für Wort
pañca jñānendriyāṇi uktvā
nachdem [ich] die fünf Erkenntnisorgane genannt habe
manaḥ ṣaṣṭāni cetasi
mit dem Geist als sechstem, im Bewusstsein
[tataḥ] vakṣyāmi
nun will ich [weiter] nennen
pañca karmendriyāṇi tu
aber die fünf Handlungsorgane

[?] 'basaṣaṣṭāni' textlich unsicher/verderbt, sinngemäß als Überleitung ('nun ferner') übersetzt.

hastau karmedriyaṃ jñeyamatha pādau gatīndriyam / prajanāna dayomeḍhro visargo pāyurindriyam

Die Hände sind als Handlungsorgan zu erkennen, sodann die Füße als Bewegungsorgan; das Zeugungsorgan ist das Glied (meḍhra), das Ausscheidungsorgan der After (pāyu).

Wort für Wort
hastau karmendriyaṃ jñeyam
die Hände als Handlungsorgan zu erkennen
atha pādau gatīndriyam
sodann die Füße als Bewegungsorgan
prajananāya meḍhraḥ
zur Zeugung [dient] das Glied
visargaḥ pāyuḥ indriyam
das Ausscheidungsorgan der After

vākca śabdaviśeṣārthamiti pañcānvitaṃ viduḥ / evamekādaśetāni buddhyā tvavasṛjanmanaḥ

Und die Sprache, zum Zweck bestimmter Laute – so kennt man [diese] fünf zusammengefügt. So [sind es] elf, [samt] der Erkenntniskraft aber, [wobei] der Geist [gesondert davon] entlassen wird.

Wort für Wort
vāk ca śabdaviśeṣārtham
und die Sprache, zum Zweck bestimmter Laute
iti pañca anvitaṃ viduḥ
so kennt man diese fünf zusammengefügt
evam ekādaśa etāni buddhyā tu
so [sind es] elf, mit der Erkenntniskraft aber
avasṛjan manaḥ
den Geist [gesondert] entlassend

karṇo śabdaśca cittaṃ ca trayaḥ śravaṇasaṃgrahe / tathā sparśe tathā rūpe tathaiva rasagandhayoḥ

Ohr, Laut und Geist – diese drei [wirken] zusammen beim Hören; ebenso bei der Berührung, ebenso bei der Form, ebenso auch bei Geschmack und Geruch.

Wort für Wort
karṇaḥ śabdaḥ ca cittaṃ ca
Ohr, Laut und Geist
trayaḥ śravaṇasaṃgrahe
diese drei [wirken] zusammen beim Hören
tathā sparśe tathā rūpe
ebenso bei der Berührung, ebenso bei der Form
tathā eva rasagandhayoḥ
ebenso auch bei Geschmack und Geruch

evaṃ pañca trikā hyete guṇastadupalabdhaye / yenāyaṃ trividho bhāvaḥ paryāyātsamupasthitaḥ

So sind dies fünf Triaden, [jede] eine Eigenschaft zu ihrer Wahrnehmung; wodurch dieser dreifache Zustand nacheinander [je] eintritt.

Wort für Wort
evaṃ pañca trikāḥ hi ete
so [sind] dies fünf Triaden wahrlich
guṇaḥ tadupalabdhaye
[jede] eine Eigenschaft zu ihrer Wahrnehmung
yena ayaṃ trividhaḥ bhāvaḥ
wodurch dieser dreifache Zustand
paryāyāt samupasthitaḥ
der Reihe nach eintritt

sāttviko rājasaścāpi tāmasaścāpi te trayaḥ / trividhā vedānā yeṣu prasṛtā sarvasādhinī

Sāttvisch, ebenso rājasisch, ebenso auch tāmasisch – dies sind die drei, in denen sich die dreifache, alles bewirkende Empfindung ausbreitet.

Wort für Wort
sāttvikaḥ rājasaḥ ca api
sāttvisch und ebenso rājasisch
tāmasaḥ ca api te trayaḥ
und ebenso tāmasisch – dies die drei
trividhā vedanā yeṣu
in denen die dreifache Empfindung
prasṛtā sarvasādhinī
sich ausbreitet, alles bewirkend

praharṣaḥ prītirānandaḥ sukhaṃ saṃśāntacittatā / akutaścitkutaścidvā cittataḥ sāttviko guṇaḥ

Frohsinn, Freude, Wonne, Glück, vollkommene Gelassenheit des Geistes – sei es ohne [äußeren] Anlass oder mit irgendeinem Anlass, aus dem Geist [selbst kommend] – [dies ist] die sāttvische Eigenschaft.

Wort für Wort
praharṣaḥ prītiḥ ānandaḥ
Frohsinn, Freude, Wonne
sukhaṃ saṃśāntacittatā
Glück, vollkommene Gelassenheit des Geistes
akutaścit kutaścit vā
ohne Anlass oder mit irgendeinem Anlass
cittataḥ sāttvikaḥ guṇaḥ
aus dem Geist [selbst] – die sāttvische Eigenschaft

atuṣṭiḥ paritāpaśca śoko lobhastathākṣamā / liṅgāni rajasastāni dṛśyante hetvahetutaḥ

Unzufriedenheit, Qual, Kummer, Gier und ebenso Ungeduld – dies sind die Merkmale des Rajas, sichtbar sei es mit oder ohne [erkennbaren] Anlass.

Wort für Wort
atuṣṭiḥ paritāpaḥ ca
Unzufriedenheit und Qual
śokaḥ lobhaḥ tathā akṣamā
Kummer, Gier und ebenso Ungeduld
liṅgāni rajasaḥ tāni
dies sind die Merkmale des Rajas
dṛśyante hetvahetutaḥ
sichtbar mit oder ohne Anlass

avivekastathā mohaḥ pramādaḥ svapnatandritā / kathañcidapi vartante vividhāstāmasā guṇāḥ

Mangel an Unterscheidungsvermögen, ebenso Verblendung, Nachlässigkeit, Schlaf und Mattigkeit – wie auch immer sie auftreten, mannigfaltig [sind] die tāmasischen Eigenschaften.

Wort für Wort
avivekaḥ tathā mohaḥ
Mangel an Unterscheidungsvermögen, ebenso Verblendung
pramādaḥ svapnatandritā
Nachlässigkeit, Schlaf und Mattigkeit
kathañcit api vartante
wie auch immer sie auftreten
vividhāḥ tāmasāḥ guṇāḥ
mannigfaltig die tāmasischen Eigenschaften

imāṃ ca yo veda vimokṣabuddhimātmānamanvicchati cāpramattaḥ / na lipyate karmapalairaniṣṭaiḥ patraṃ viṣasyeva jalena siktam

Und wer dies weiß, mit auf Befreiung gerichtetem Sinn, der, wachsam, nach dem Selbst strebt, wird von unerwünschten Früchten der Tat nicht befleckt, wie das Blatt der [dazu genannten] Pflanze, das mit Wasser besprengt [nicht benetzt wird].

Wort für Wort
imāṃ ca yaḥ veda vimokṣabuddhim
und wer dies weiß, mit auf Befreiung gerichtetem Sinn
ātmānam anvicchati ca apramattaḥ
und, wachsam, nach dem Selbst strebt
na lipyate karmaphalaiḥ aniṣṭaiḥ
wird von unerwünschten Tat-Früchten nicht befleckt
patraṃ viṣasya iva jalena siktam
wie das mit Wasser besprengte Blatt jener Pflanze

[?] 'viṣasya' (der Pflanze 'viṣa') unsicher; möglicherweise Bezeichnung für eine Pflanze mit wasserabweisenden Blättern; die Grundbedeutung 'Gift' passt hier weniger. Beste Vermutung gegeben.

dṛḍhairhi pāśairvividhairvimuktaḥ prajānimittairapi daivataiśca / yadā hyasau duḥkhasaukhye jahāti muktastadāgryāṃ gatimetyaliṅgaḥ

Denn befreit von den festen, mannigfaltigen Fesseln, [die] durch Nachkommenschaft und auch durch die Götter [verursacht sind] – wenn er dann, befreit, Leid und Glück aufgibt, erlangt er, ohne [unterscheidendes] Merkmal, das höchste Ziel.

Wort für Wort
dṛḍhaiḥ hi pāśaiḥ vividhaiḥ vimuktaḥ
denn befreit von den festen, mannigfaltigen Fesseln
prajānimittaiḥ api daivataiḥ ca
die durch Nachkommenschaft und auch durch die Götter [verursacht sind]
yadā hi asau duḥkhasaukhye jahāti muktaḥ
wenn er dann, befreit, Leid und Glück aufgibt
tadā agryāṃ gatim eti aliṅgaḥ
dann erlangt er, ohne Merkmal, das höchste Ziel

śrutipramāṇagamamaṅgalaiśca śeti jarāmṛtyubhayādatītaḥ / kṣīṇe ca puṇye vigate ca pāpe tanornimitte ca phale vinaṣṭe

Durch die Autorität der Schrift-Überlieferung und heilvolle Riten der Furcht vor Alter und Tod entronnen – wenn das Verdienst erschöpft, die Sünde geschwunden ist, und Ursache und Frucht des Körpers vernichtet sind,

Wort für Wort
śrutipramāṇāgamamaṅgalaiḥ ca
durch die Autorität der Schrift-Überlieferung und heilvolle Riten
jarāmṛtyubhayāt atītaḥ
der Furcht vor Alter und Tod entronnen
kṣīṇe ca puṇye vigate ca pāpe
wenn das Verdienst erschöpft, die Sünde geschwunden ist
tanoḥ nimitte ca phale vinaṣṭe
und Ursache und Frucht des Körpers vernichtet sind

[?] Pāda-Text (bes. 'śeti') unsicher/verderbt; sinngemäß als Fortsetzung der Beschreibung des Befreiten übersetzt.

alepamākāśamaliṅgamevamāsthāya paśyanti mahatyaśaktā / yathorṇanābhiḥ parivartamānastantukṣaye tiṣṭati yātyamānaḥ

– makellos, [gleich dem] Äther, ohne [unterscheidendes] Merkmal, so [beschaffen] – dies vermögen [nur] die Unfähigen als [noch] im Großen [Befindlichen] zu sehen; wie die Spinne, [ihr Netz] webend, bei Erschöpfung des Fadens verharrt, [obgleich sie sich sonst] fortbewegt.

Wort für Wort
alepam ākāśam aliṅgam evam āsthāya
makellos, [gleich dem] Äther, ohne Merkmal, so [beschaffen]
paśyanti mahati aśaktāḥ
sehen [ihn nur] die Unfähigen als [noch] im Großen [befindlich]
yathā ūrṇanābhiḥ parivartamānaḥ
wie die [ihr Netz] webende Spinne
tantukṣaye tiṣṭhati yāti amānaḥ
bei Erschöpfung des Fadens verharrt, [sonst] sich bewegend

[?] Vers insgesamt sehr dunkel; Gleichnis der Spinne (vgl. V70 in Kap. 43) offenbar auf das Verhältnis von Aktivität und Ruhe des Befreiten bezogen; beste Vermutung gegeben.

tathā vimuktaḥ prajahāti duḥkhaṃ vidhaavaṃsate loṣṭamivādimṛcchan / yathā ruruḥ śṛṅgamatho purāṇaṃ hitvā tvacaṃ vāpyurago yathā ca

So gibt der Befreite das Leid auf [und] zerschmettert es, wie [einen] auf die Erde treffenden Erdklumpen; wie die Antilope [ihr altes] Geweih, oder wie die Schlange die alte Haut ablegend,

Wort für Wort
tathā vimuktaḥ prajahāti duḥkham
so gibt der Befreite das Leid auf
vidhvaṃsate loṣṭam iva ādim ṛcchan
zerschmettert es wie einen auf die Erde treffenden Erdklumpen
yathā ruruḥ śṛṅgam
wie die Antilope [ihr altes] Geweih
atho purāṇaṃ hitvā tvacaṃ vā api uragaḥ yathā ca
oder wie auch die Schlange die alte Haut ablegend

vihāya gacchannanavekṣaghamāṇastathā vimukto vijahāti duḥkham / matsyaṃ yathā vāpyudake patantamutsṛjya pakṣī nipatatsaśaktaḥ

– [sie] verlassend, ohne zurückzublicken, dahingeht – so gibt der Befreite das Leid auf, wie ein Vogel, einen ins Wasser fallenden Fisch loslassend, mit erneuter Kraft [anderswohin] herabschießt.

Wort für Wort
vihāya gacchan anavekṣamāṇaḥ
verlassend, ohne zurückzublicken, dahingehend
tathā vimuktaḥ vijahāti duḥkham
so gibt der Befreite das Leid auf
matsyaṃ yathā vā api udake patantam utsṛjya
wie [wenn er] einen ins Wasser fallenden Fisch loslässt
pakṣī nipatati saśaktaḥ
schießt der Vogel mit erneuter Kraft herab

tathā hyasau duḥkhasaukhye vihāya muktaḥ parārddhyā gatimetyaliṅgaḥ

So gibt er, wahrlich, Leid und Glück aufgebend, befreit, durch die höchste Vollendung, ohne [unterscheidendes] Merkmal, das [höchste] Ziel.

Wort für Wort
tathā hi asau duḥkhasaukhye vihāya
so gibt er wahrlich, Leid und Glück aufgebend
muktaḥ parārddhyā
befreit, durch die höchste Vollendung
gatim eti aliṅgaḥ
erlangt er, ohne Merkmal, das [höchste] Ziel

[Anm.: Vers unvollständig überliefert – im Quelltext nur eine einzige Pāda-Zeile (statt der üblichen vier Pādas) vorhanden; wohl Textverlust, analog V45.]

idamamṛtapadaṃ niśamya rājā svayamihapañcaśikhena bhāṣyamāṇam / nikhilamabhisamīkṣya niścitārthaḥ paramasukhī vijahāra vītaśokaḥ

Nachdem der König diese unsterbliche Lehre vernommen hatte, hier von Pañcaśikha selbst verkündet, [und sie] vollständig überdacht hatte, wandelte er, seines Zieles gewiss, höchst glücklich, frei von Kummer, [fortan durch die Welt].

Wort für Wort
idam amṛtapadaṃ niśamya
diese unsterbliche Lehre vernommen habend
rājā svayam iha pañcaśikhena bhāṣyamāṇam
der König, hier von Pañcaśikha selbst verkündet
nikhilam abhisamīkṣya niścitārthaḥ
vollständig überdacht habend, seines Zieles gewiss
paramasukhī vijahāra vītaśokaḥ
wandelte er höchst glücklich, frei von Kummer

api ca bhavati maithilena gītaṃ nagaramupāhitamagninābhivīkṣya / na khalu mama hi dahyate 'tra kiñcitsvayamidamāha kila sma bhūmipālaḥ

Und auch dies wird vom König von Mithilā gesungen: Als er die vom Feuer ergriffene Stadt erblickte, sprach der Herrscher der Erde selbst, so heißt es, dies: 'Wahrlich, nichts von mir verbrennt hier.'

Wort für Wort
api ca bhavati maithilena gītam
und auch dies wird vom König von Mithilā gesungen
nagaram upāhitam agninā abhivīkṣya
die vom Feuer ergriffene Stadt erblickend
na khalu mama hi dahyate atra kiñcit
'wahrlich, nichts von mir verbrennt hier'
svayam idam āha kila sma bhūmipālaḥ
dies sprach, so heißt es, der Herrscher der Erde selbst

imaṃ hi yaḥ paṭhati vimokṣaniścayaṃ mahāmune satatamavekṣate tathā / upadravānanubhaghavate hyaduḥkhitaḥ pramucyate kapilamivaitya maithilaḥ

Wer nämlich, o großer Weiser, diese Entscheidung zur Befreiung rezitiert und sie ebenso beständig betrachtet, der wird, unbedrängt von widrigen Ereignissen, die [ihn sonst] träfen, befreit, wie der König von Mithilā, der zu [einem, gleich] Kapila, gelangt war.

Wort für Wort
imaṃ hi yaḥ paṭhati vimokṣaniścayam
wer nämlich diese Entscheidung zur Befreiung rezitiert
mahāmune satatam avekṣate tathā
o großer Weiser, und sie ebenso beständig betrachtet
upadravān anubhagavate hi aduḥkhitaḥ
der wird, unbedrängt von widrigen Ereignissen, die [ihn] treffen
pramucyate kapilam iva aitya maithilaḥ
befreit, wie der König von Mithilā, der zu [einem gleich] Kapila gelangt war

[?] 'anubhaghavate' unklar, als 'ye anubhagavante' bzw. sinngemäß 'die ihn befallen' verstanden.

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