Sanaka sprach: Höre abermals, o Fürst der Brahmanen, die Größe des Gemahls der Lotusgöttin; wessen Freude entstünde nicht dabei, den wie Amṛta wirkenden Erzählungen Haris zu lauschen?
Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach:
bhūyaḥ śṛṇuṣva viprendra
höre abermals, o Fürst der Brahmanen,
māhātmyaṃ kamalāpateḥ
die Größe des Gemahls der Lotusgöttin
kasya na jāyate prītiḥ
wessen Freude entstünde nicht
śrotuṃ harikathāmṛtam
beim Hören der wie Amṛta wirkenden Erzählungen Haris
[Anm.: Der Vers wird im Quelltext durch das fehlplatzierte Schlusskolophon des vorangehenden Kapitels ('...viṣṇusevāprabhāvo nāma ṣaṭtriṃśo 'dhyāyaḥ') eingeleitet, bevor der eigentliche Vers 1 beginnt.]
Für die Menschen, die durch die Sinnesobjekte verblendet sind und deren Herz von Ich-Bezogenheit erfüllt ist, ist der eine Name Haris allein die Vernichtung aller Sünde.
Wort für Wort
narāṇāṃ viṣayāndhānāṃ
für die durch die Sinnesobjekte verblendeten Menschen
sakṛdvā na namedyastu viṣṇuṃ pāpaharaṃ nṛṇām / śvapacaṃ taṃ vijānīyātkadācinnālapeñca tam
Wer sich auch nur einmal nicht vor Viṣṇu, dem Sündentilger der Menschen, verneigt, den erkenne man als einen Hundekocher, und man spreche niemals mit ihm.
anyaśreyovināśārthaṃ yer'cayanti janārdanam / sā pūjaiva mahābhāga pūjakānāśu hṝnti vai
Diejenigen, die Janārdana verehren, um das Wohl eines anderen zu vernichten - diese Verehrung selbst, o Hochgesegneter, vernichtet die Verehrer alsbald.
ye viṣṇuniratāḥ saṃti lokānugrahatatparāḥ / dharmakāryaratāḥ śaśvadviṣṇurupāstu te matāḥ
Diejenigen, die Viṣṇu ergeben sind, dem Wohlwollen gegenüber der Welt hingegeben, stets den Werken des Dharma zugetan - sie gelten als von der Gestalt Viṣṇus.
Durch über Millionen von Geburten erworbenes Verdienst [?] entsteht Hingabe zu Viṣṇu; wie könnte bei denen, die feste Hingabe zu Viṣṇu haben, ein sündiger Gedanke entstehen?
Wort für Wort
koṭijanmārjitaiḥ puṇyaiḥ
durch über Millionen Geburten erworbenes Verdienst [?]
viṣṇubhaktiḥ prajāyate
entsteht Hingabe zu Viṣṇu
dṛḍhabhaktimatāṃ viṣṇau
bei denen, die feste Hingabe zu Viṣṇu haben
pāpabuddhiḥ kathaṃ bhavet
wie könnte ein sündiger Gedanke entstehen
[?] 'koṭijanmārdajitaiḥ' unsichere Lesung, hier als 'koṭijanmārjitaiḥ' ('über Millionen Geburten erworben') gedeutet.
Die über Millionen Geburten angehäufte Sünde derer, deren Sinn der Viṣṇu-Verehrung ergeben ist, geht augenblicklich zugrunde; wie könnte bei ihnen ein sündiger Gedanke entstehen?
Wort für Wort
janmakoṭyarjitaṃ pāpaṃ
die über Millionen Geburten erworbene Sünde
viṣṇupūjāratātmanām
derer, deren Sinn der Viṣṇu-Verehrung ergeben ist
kṣayaṃ yāti kṣaṇāt eva
geht augenblicklich zugrunde
teṣāṃ syāt pāpadhīḥ katham
wie könnte bei ihnen ein sündiger Gedanke entstehen
viṣṇubhaktivihīnā ye caṇḍālāḥ parikīrtitāḥ / caṇḍālā api vai śreṣṭhā haribhaktiparāyaṇāḥ
Diejenigen, die der Viṣṇu-Hingabe entbehren, werden als Caṇḍālas bezeichnet; selbst Caṇḍālas aber sind die Vortrefflichsten, wenn sie der Hari-Hingabe ergeben sind.
Für die durch die Sinnesobjekte verblendeten Menschen ist der als 'Hari-Dienst' bekannte Weg die Vernichterin allen Leids und der Spender von Genuss und Erlösung.
Wort für Wort
narāṇāṃ viṣayāndhānāṃ
für die durch die Sinnesobjekte verblendeten Menschen
saṃgātsnehādbhayāllobhādajñānādvāpi yo naraḥ / viṣṇorupāsanaṃ kuryātso 'kṣayaṃ sukhamaśnute
Sei es aus Umgang, aus Zuneigung, aus Furcht, aus Gier, oder auch aus Unwissenheit - welcher Mensch Viṣṇu Verehrung erweist, der erlangt unvergängliches Glück.
Diejenigen hochherzigen Seelen, die sich Nārāyaṇa ergeben haben, dem höchsten Wohnsitz, dem höchsten Licht der Lichter - für sie ist die Erlösung wahrlich ewig.
Die Stadt war geschmückt durch geschmückte Frauen [?] und durch Teiche mit reinem Wasser, verziert mit Märkten, der Götterstadt gleich; dorthin ging er.
Wort für Wort
yoṣidbhiḥ bhūṣitābhiḥ ca
und mit geschmückten Frauen [?]
saraḥbhiḥ nirmalodakaiḥ
mit Teichen von reinem Wasser
alaṅkṛtaṃ vipaṇibhiḥ
geschmückt mit Märkten
devapuropamam yayau
der Götterstadt gleich, dorthin ging er
[?] 'yoṣiddhirbhūṣitārbhiśca' unsichere Lesung, hier als 'yoṣidbhir bhūṣitābhiś ca' ('mit geschmückten Frauen') gedeutet; 'yayo' als 'yayau' ('er ging') gelesen.
Als der Jäger den in der Mitte von dessen Lustgarten gelegenen lieblichen Keśava-Tempel sah, der mit goldenen Kuppelaufsätzen bedeckt war, empfand er Freude.
Dort sah er den vortrefflichen Zweifachgeborenen Uttaṅka, den Ruhigen, den Kenner der wahren Wirklichkeit, den dem Dienst an Viṣṇu Ergebenen, den Hort der Askese.
Den Alleinstehenden und den Mitleidigen [?], den Begierdelosen, den der Meditation Ergebenen, den für ihn ein Hindernis für den Diebstahl Bildenden - als der Jäger diesen sah, o Muni,
Wort für Wort
ekākinaṃ dayāluṃ ca
den Alleinstehenden und den Mitleidigen [?]
nispṛhaṃ dhyānalolupam
den Begierdelosen, den der Meditation Ergebenen
cauryāntarāyakartāraṃ
den ein Hindernis für den Diebstahl Bildenden
taṃ dṛṣṭvā lubdhako mune
als der Jäger diesen sah, o Muni,
[?] 'dayāsum' unsichere Lesung, hier als 'dayāluṃ' ('mitleidig') gedeutet.
Nachdem er mit dem Fuß dessen Brust niedergetreten und mit der Hand die Haarlocken ergriffen hatte, sprach Uttaṅka, als er den zum Töten entschlossenen Jäger erblickte, Folgendes.
Wort für Wort
pādena ākramya tadvakṣaḥ
nachdem er mit dem Fuß dessen Brust niedergetreten hatte
Uttaṅka sprach: He, he, du Guter! Vergeblich willst du mich töten, der ich schuldlos bin. Was habe ich dir zuleide getan? Sage mir das, o Hochgesinnter.
Wort für Wort
uttaṅkaḥ uvāca
Uttaṅka sprach:
bho bho sādho
he, he, du Guter,
vṛthā māṃ tvaṃ haniṣyasi nirāgasam
vergeblich willst du mich, der ich schuldlos bin, töten
kṛtāparādhināṃ loke śaktāḥ śikṣāṃ prakurvate / nahi saumya vṛthā ghnanti sajjanā api pāpinaḥ
An denen, die eine Missetat begangen haben, üben die Mächtigen in der Welt Strafe; nicht töten die Guten grundlos, o Freundlicher, selbst nicht die Sünder.
Wort für Wort
kṛtāparādhināṃ loke
an denen, die in der Welt eine Missetat begangen haben
Der Mensch, der, obwohl er vielfach aufgestachelt wird, von Geduld erfüllt bleibt, jenen nennt man den vortrefflichsten Menschen, der Viṣṇu stets überaus lieb ist.
Ein guter Mensch, dessen Sinn auf das Wohl anderer gerichtet ist, geht selbst zur Zeit der Vernichtung nicht zur Feindschaft über; selbst beim Fällen macht der Sandelbaum die Schneide der Axt duftend.
Wort für Wort
sujanaḥ na yāti vairaṃ
ein guter Mensch geht nicht zur Feindschaft über
parahitabuddhiḥ vanāśakāle api
dessen Sinn auf das Wohl anderer gerichtet ist, selbst zur Zeit der Vernichtung
Ach, das Schicksal ist überaus mächtig, es bedrängt die Menschen auf vielfache Weise; selbst wer aller Anhaftung entbehrt, wird ja von den Bösgesinnten bedrängt.
Ach, ohne Grund bedrängen sie in der Welt die Menschen auf vielfache Weise; selbst wer aller Anhaftung entbehrt, wird von niederträchtigen Menschen bedrängt; doch bedrängen sie dabei nur die Guten, niemals ihresgleichen.
Wort für Wort
aho niṣkāraṇaṃ loke
ach, ohne Grund in der Welt
bādhante bahudhā janān
bedrängen sie die Menschen auf vielfache Weise
sarvasaṃgavihīnaḥ api
selbst wer aller Anhaftung entbehrt
bādhyate piśunaiḥ janaiḥ
wird von niederträchtigen Menschen bedrängt
tatra api sādhūn bādhante
dabei bedrängen sie nur die Guten
na samānān kadācana
niemals ihresgleichen
[Anm.: V37 umfasst wie V26-V27 in Kapitel 35 sechs Pādas (drei Zeilen) statt der üblichen vier - vermutlich eine im Quelltext nicht korrekt in zwei Verse getrennte Einheit.]
mṛgamīnasajjanānāṃ tṛṇajalasaṃtoṣavihitavṛttānām / lubdhakadhīvarapiśunā niṣkāraṇavairiṇo jagati
Für Wild, Fische und gute Menschen, deren Lebensweise auf Genügsamkeit mit Gras bzw. Wasser gegründet ist, sind Jäger, Fischer und Niederträchtige in der Welt die grundlosen Feinde.
Wort für Wort
mṛgamīnasajjanānāṃ
für Wild, Fische und gute Menschen
tṛṇajalasaṃtoṣavihitavṛttānām
deren Lebensweise auf Genügsamkeit mit Gras bzw. Wasser gegründet ist
yāvadarjayati dravyaṃ bāndhavāstāvadeva hi / dharmādharmauṃ sahaivāstāmihāmutra na cāparaḥ
Solange einer Besitz erwirbt, solange nur halten die Verwandten zu ihm; Verdienst und Sünde allein bleiben mit ihm sowohl hier als auch im Jenseits, kein anderer.
dharmādharmārjitairdravyaiḥ poṣitā yena ye narāḥ / mṛtamagnimukhe hutvā ghṛtānnaṃ bhuñjate hi te
Von wem auch immer mit durch Verdienst und Unrecht erworbenem Gut Menschen ernährt wurden - jene verzehren, nachdem sie den Toten dem Mund des Feuers geopfert haben, Speise mit Ghee.
Wort für Wort
dharmādharmārjitaiḥ dravyaiḥ
mit durch Verdienst und Unrecht erworbenem Gut
poṣitāḥ yena ye narāḥ
die Menschen, die von ihm ernährt wurden
mṛtam agnimukhe hutvā
nachdem sie den Toten dem Mund des Feuers geopfert haben
Vergeblich sind die Menschen stets eifrig-verwirrt im Erwerb von Reichtum [?].
Wort für Wort
vṛthā eva vyākulāḥ lokāḥ
vergeblich sind die Menschen verwirrt/eifrig beschäftigt
dhanārjane sadā
stets im Erwerb von Reichtum [?]
[Anm.: V46 besteht nur aus einem Halbvers (zwei Pādas statt vier); die Lesung 'dhanādānāṃ sadārjane' ist unklar [?] und wurde hier als 'dhanārjane sadā' ('stets im Gelderwerb') gedeutet.]
yadbhāvi tadbhavatyeva yadabhāvyaṃ na tadbhavet / iti niścitabuddhīnāṃ na cintā bādhate kvacit
Was geschehen soll, das geschieht eben; was nicht geschehen soll, das geschieht nicht - bei denen, deren Verstand dies fest erkannt hat, bedrängt sie nirgends Sorge.
yatra kutra sthitasyāpi yadbhāvyaṃ tadbhaved dhruvam / lokastu tatra vijñāya vṛthāyāsaṃ karoti hi
Auch für den, der irgendwo weilt, geschieht gewiss, was geschehen soll; die Welt aber, obwohl sie dies erkennt, gibt sich dennoch vergeblicher Mühe hin.
Ach, welches Leid haben die Menschen, deren Herz von Ich-Bezogenheit erfüllt ist; selbst nachdem sie große Sünden begangen haben, ernähren sie mit Eifer andere.
Nachdem er diesen so sprechenden Weisen losgelassen hatte, sprach Gulika, von Furcht überwältigt, mit gefalteten Händen wieder und wieder: 'Vergib mir!'
Durch die Kraft des Umgangs mit einem Guten, allein durch die Nähe zu einem Diener Haris, wurde der Jäger von Sünde befreit, und reuevoll sprach er Folgendes.
Durch die in einem früheren Leben erworbenen Sünden habe ich das Jägerdasein erlangt; und da ich auch hier ein Netz von Sünden begangen habe - welches Ziel sollte ich erlangen?
Wort für Wort
pūrvajanmārjitaiḥ pāpaiḥ
durch in einem früheren Leben erworbene Sünden
lubdhakatvam avāptavān
habe ich das Jägerdasein erlangt
atra api pāpajālāni kṛtvā
und da ich auch hier ein Netz von Sünden begangen habe
Ach, mein Leben geht rasch zur Neige, viele Sünden habe ich angehäuft; kein Gegenmittel dagegen wurde von mir ergriffen - welches Ziel könnte es geben, und was mag meine Geburt sein?
Wort für Wort
aho mama āyuḥ kṣayam eti śīghraṃ
ach, mein Leben geht rasch zur Neige
pāpāni anekāni samarjitāni
viele Sünden habe ich angehäuft
prātikriyā na eva kṛtā mayā eṣām
kein Gegenmittel dagegen wurde von mir ergriffen
gatiḥ ca kā syāt mama janma kiṃ vā
welches Ziel könnte es geben, und was mag meine Geburt sein
aho vidhiḥ pāpaśatā kulaṃ māṃ kiṃ sṛṣṭavānpāpataraṃ ca śaśvat / kathaṃ ca yatpāpaphalaṃ hi bhokṣye kiyatsu janmasvahamugrakarmā
Ach, warum hat das Schicksal mich, von hunderten Sünden erfüllt [?], stets noch sündiger geschaffen? Und wie werde ich die Frucht dieser Sünde erleiden - in wie vielen Geburten, ich, dessen Taten so schrecklich sind?
Wort für Wort
aho vidhiḥ pāpaśatākulaṃ
ach, warum hat das Schicksal, von hunderten Sünden erfüllt [?],
māṃ kiṃ sṛṣṭavān pāpataraṃ ca śaśvat
mich stets noch sündiger geschaffen
kathaṃ ca yatpāpaphalaṃ hi bhokṣye
und wie werde ich die Frucht dieser Sünde erleiden
kiyatsu janmasu aham ugrakarmā
in wie vielen Geburten, ich, dessen Taten so schrecklich sind
[?] 'pāpaśatā kulaṃ' unsichere Worttrennung, hier als 'pāpaśatākulaṃ' ('von hunderten Sünden erfüllt') gedeutet.
Durch die Berührung des Fußwaschwassers Haris wurde der Jäger von Sünde befreit; nachdem er einen himmlischen Wagen bestiegen hatte, sprach er darauf zu dem Weisen dies.
Wort für Wort
haripādodakasparśāt
durch die Berührung des Fußwaschwassers Haris
lubdhakaḥ gatakalmaṣaḥ
wurde der Jäger von Sünde befreit
divyaṃ vimānam āruhya
nachdem er einen himmlischen Wagen bestiegen hatte
Gulika sprach: O Uttaṅka, Tiger unter den Weisen, du bist mein Lehrer, o Tugendreicher! Durch deine Gnade bin ich von der Hülle der schweren Sünde befreit.
tvayāhaṃ tārito vipra pāpādasmāccharīrataḥ / tasmānnato 'smi te vidvanmatkṛtaṃ tatkṣamasva ca
Von dir wurde ich, o Brahmane, von dieser Sünde und von diesem Leib errettet; deshalb verneige ich mich vor dir, o Weiser; und vergib, was ich dir angetan habe.
Nachdem er dies gesagt hatte, bestreute er den vortrefflichsten der Weisen mit göttlichen Blumen; nachdem er die dreifache Umschreitung vollzogen hatte, erwies er ihm Verehrung.
Wort für Wort
iti uktvā devakusumaiḥ
nachdem er dies gesagt hatte, mit göttlichen Blumen
muniśreṣṭhaṃ samākiram
bestreute er den vortrefflichsten der Weisen
pradakṣiṇātrayaṃ kṛtvā
nachdem er die dreifache Umschreitung vollzogen hatte