Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 36: viṣṇumāhātmyam Die Größe Viṣṇus

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde viṣṇusevāprabhāvo nāma ṣaṭtriṃśo 'dhyāyaḥ // sanaka uvāca / bhūyaḥ śṛṇuṣva viprendra māhātmyaṃ kamalāpateḥ / kasya no jāyate prītiḥ śrotuṃ harikathāmṛtam

Sanaka sprach: Höre abermals, o Fürst der Brahmanen, die Größe des Gemahls der Lotusgöttin; wessen Freude entstünde nicht dabei, den wie Amṛta wirkenden Erzählungen Haris zu lauschen?

Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach:
bhūyaḥ śṛṇuṣva viprendra
höre abermals, o Fürst der Brahmanen,
māhātmyaṃ kamalāpateḥ
die Größe des Gemahls der Lotusgöttin
kasya na jāyate prītiḥ
wessen Freude entstünde nicht
śrotuṃ harikathāmṛtam
beim Hören der wie Amṛta wirkenden Erzählungen Haris

[Anm.: Der Vers wird im Quelltext durch das fehlplatzierte Schlusskolophon des vorangehenden Kapitels ('...viṣṇusevāprabhāvo nāma ṣaṭtriṃśo 'dhyāyaḥ') eingeleitet, bevor der eigentliche Vers 1 beginnt.]

narāṇāṃ viṣayāndhānāṃ mamatākulacetasām / ekameva harernāma sarvapāpapraṇāśanam

Für die Menschen, die durch die Sinnesobjekte verblendet sind und deren Herz von Ich-Bezogenheit erfüllt ist, ist der eine Name Haris allein die Vernichtung aller Sünde.

Wort für Wort
narāṇāṃ viṣayāndhānāṃ
für die durch die Sinnesobjekte verblendeten Menschen
mamatākulacetasām
deren Herz von Ich-Bezogenheit erfüllt ist
ekam eva hareḥ nāma
der eine Name Haris allein
sarvapāpapraṇāśanam
ist die Vernichtung aller Sünde

sakṛdvā na namedyastu viṣṇuṃ pāpaharaṃ nṛṇām / śvapacaṃ taṃ vijānīyātkadācinnālapeñca tam

Wer sich auch nur einmal nicht vor Viṣṇu, dem Sündentilger der Menschen, verneigt, den erkenne man als einen Hundekocher, und man spreche niemals mit ihm.

Wort für Wort
sakṛt vā na namet yaḥ tu
wer sich auch nur einmal nicht verneigt
viṣṇuṃ pāpaharaṃ nṛṇām
vor Viṣṇu, dem Sündentilger der Menschen
śvapacaṃ taṃ vijānīyāt
den erkenne man als Hundekocher
kadācit na ālapet ca tam
und man spreche niemals mit ihm

haripūjāvihīnaṃ tu yasya veśma dvijottama / śmaśānasadṛśaṃ taddhi kadācidapi no viśet

Wessen Haus aber der Hari-Verehrung entbehrt, o bester Zweifachgeborener, das gleicht einem Leichenacker; in ein solches trete man niemals ein.

Wort für Wort
haripūjāvihīnaṃ tu
der Hari-Verehrung entbehrend aber
yasya veśma dvijottama
wessen Haus, o bester Zweifachgeborener,
śmaśānasadṛśaṃ tat hi
das gleicht ja einem Leichenacker
kadācit api na viśet
man trete niemals ein

haripūjāvihīnāśca vedavidveṣiṇastathā / godvijadveṣaniratā rākṣasāḥ parikīrttitāḥ

Die der Hari-Verehrung Entbehrenden, ebenso die Veda-Hasser, und die dem Hass gegen Kuh und Brahmane Ergebenen werden als Rākṣasas bezeichnet.

Wort für Wort
haripūjāvihīnāḥ ca
die der Hari-Verehrung Entbehrenden
vedavidveṣiṇaḥ tathā
ebenso die Veda-Hasser
godvijadveṣaniratāḥ
die dem Hass gegen Kuh und Brahmane Ergebenen
rākṣasāḥ parikīrttitāḥ
werden als Rākṣasas bezeichnet

yo vā ko vāpi viprendra vipradveṣaparāyaṇaḥ / samarcayati govindaṃ tatpūjā viphalā bhavet

Wer auch immer, o Fürst der Brahmanen, dem Hass gegen die Brahmanen ergeben ist - selbst wenn er Govinda verehrt, wird dessen Verehrung fruchtlos.

Wort für Wort
yaḥ vā kaḥ vā api viprendra
wer auch immer, o Fürst der Brahmanen,
vipradveṣaparāyaṇaḥ
dem Hass gegen die Brahmanen ergeben ist
samarcayati govindaṃ
selbst wenn er Govinda verehrt
tatpūjā viphalā bhavet
wird seine Verehrung fruchtlos

anyaśreyovināśārthaṃ yer'cayanti janārdanam / sā pūjaiva mahābhāga pūjakānāśu hṝnti vai

Diejenigen, die Janārdana verehren, um das Wohl eines anderen zu vernichten - diese Verehrung selbst, o Hochgesegneter, vernichtet die Verehrer alsbald.

Wort für Wort
anyaśreyovināśārthaṃ
zum Zweck der Vernichtung des Wohls eines anderen
ye arcayanti janārdanam
die, welche Janārdana verehren
sā pūjā eva mahābhāga
diese Verehrung selbst, o Hochgesegneter,
pūjakān āśu hanti vai
vernichtet die Verehrer alsbald

haripūjākaro yastu yadi pāpaṃ samācaret / tameva viṣmudveṣṭāraṃ prāhustattvārtthakovidāḥ

Wer aber, ein Hari-Verehrer, dennoch Sünde begeht, den nennen eben die Kenner der wahren Wirklichkeit einen Hasser Viṣṇus.

Wort für Wort
haripūjākaraḥ yaḥ tu
wer aber ein Hari-Verehrer
yadi pāpaṃ samācaret
wenn er dennoch Sünde begeht
tam eva viṣṇudveṣṭāraṃ
eben ihn als Hasser Viṣṇus
prāhuḥ tattvārthakovidāḥ
bezeichnen die Kenner der wahren Wirklichkeit

ye viṣṇuniratāḥ saṃti lokānugrahatatparāḥ / dharmakāryaratāḥ śaśvadviṣṇurupāstu te matāḥ

Diejenigen, die Viṣṇu ergeben sind, dem Wohlwollen gegenüber der Welt hingegeben, stets den Werken des Dharma zugetan - sie gelten als von der Gestalt Viṣṇus.

Wort für Wort
ye viṣṇuniratāḥ santi
die, welche Viṣṇu ergeben sind
lokānugrahatatparāḥ
dem Wohlwollen gegenüber der Welt hingegeben
dharmakāryaratāḥ śaśvat
stets den Werken des Dharma zugetan
viṣṇurūpāḥ tu te matāḥ
sie gelten als von der Gestalt Viṣṇus

koṭijanmārdajitaiḥ puṇyairviṣṇubhaktiḥ prajāyate / dṛḍhabhaktimatāṃ viṣṇau pāpabuddhiḥ kathaṃ bhavet

Durch über Millionen von Geburten erworbenes Verdienst [?] entsteht Hingabe zu Viṣṇu; wie könnte bei denen, die feste Hingabe zu Viṣṇu haben, ein sündiger Gedanke entstehen?

Wort für Wort
koṭijanmārjitaiḥ puṇyaiḥ
durch über Millionen Geburten erworbenes Verdienst [?]
viṣṇubhaktiḥ prajāyate
entsteht Hingabe zu Viṣṇu
dṛḍhabhaktimatāṃ viṣṇau
bei denen, die feste Hingabe zu Viṣṇu haben
pāpabuddhiḥ kathaṃ bhavet
wie könnte ein sündiger Gedanke entstehen

[?] 'koṭijanmārdajitaiḥ' unsichere Lesung, hier als 'koṭijanmārjitaiḥ' ('über Millionen Geburten erworben') gedeutet.

janmakoṭyarjitaṃ pāpaṃ viṣṇupūjāratātmanām / kṣayaṃ yāti kṣaṇādeva teṣāṃ syātpāpadhīḥ katham

Die über Millionen Geburten angehäufte Sünde derer, deren Sinn der Viṣṇu-Verehrung ergeben ist, geht augenblicklich zugrunde; wie könnte bei ihnen ein sündiger Gedanke entstehen?

Wort für Wort
janmakoṭyarjitaṃ pāpaṃ
die über Millionen Geburten erworbene Sünde
viṣṇupūjāratātmanām
derer, deren Sinn der Viṣṇu-Verehrung ergeben ist
kṣayaṃ yāti kṣaṇāt eva
geht augenblicklich zugrunde
teṣāṃ syāt pāpadhīḥ katham
wie könnte bei ihnen ein sündiger Gedanke entstehen

viṣṇubhaktivihīnā ye caṇḍālāḥ parikīrtitāḥ / caṇḍālā api vai śreṣṭhā haribhaktiparāyaṇāḥ

Diejenigen, die der Viṣṇu-Hingabe entbehren, werden als Caṇḍālas bezeichnet; selbst Caṇḍālas aber sind die Vortrefflichsten, wenn sie der Hari-Hingabe ergeben sind.

Wort für Wort
viṣṇubhaktivihīnāḥ ye
die, welche der Viṣṇu-Hingabe entbehren
caṇḍālāḥ parikīrtitāḥ
werden als Caṇḍālas bezeichnet
caṇḍālāḥ api vai śreṣṭhāḥ
selbst Caṇḍālas aber sind vortrefflich
haribhaktiparāyaṇāḥ
wenn sie der Hari-Hingabe ergeben sind

narāṇāṃ viṣayāndhānāṃ sarvaduḥkhavināśinī / hariseveti vikhyātā bhuktimuktipradāyinī

Für die durch die Sinnesobjekte verblendeten Menschen ist der als 'Hari-Dienst' bekannte Weg die Vernichterin allen Leids und der Spender von Genuss und Erlösung.

Wort für Wort
narāṇāṃ viṣayāndhānāṃ
für die durch die Sinnesobjekte verblendeten Menschen
sarvaduḥkhavināśinī
die Vernichterin allen Leids
hariseva iti vikhyātā
als 'Hari-Dienst' bekannt
bhuktimuktipradāyinī
die Spenderin von Genuss und Erlösung

saṃgātsnehādbhayāllobhādajñānādvāpi yo naraḥ / viṣṇorupāsanaṃ kuryātso 'kṣayaṃ sukhamaśnute

Sei es aus Umgang, aus Zuneigung, aus Furcht, aus Gier, oder auch aus Unwissenheit - welcher Mensch Viṣṇu Verehrung erweist, der erlangt unvergängliches Glück.

Wort für Wort
saṃgāt snehāt bhayāt lobhāt
aus Umgang, aus Zuneigung, aus Furcht, aus Gier
ajñānāt vā api yo naraḥ
oder auch aus Unwissenheit, welcher Mensch
viṣṇoḥ upāsanaṃ kuryāt
Viṣṇu Verehrung erweist
saḥ akṣayaṃ sukham aśnute
der erlangt unvergängliches Glück

haripādodakaṃ yastu kaṇamātraṃ pibedapi / sa snātaḥ sarvatīrtheṣu viṣṇoḥ priyataro bhavet

Wer auch nur ein winziges Tröpfchen des Fußwaschwassers Haris trinkt, der gilt als in allen Pilgerstätten gebadet und wird Viṣṇu überaus lieb.

Wort für Wort
haripādodakaṃ yaḥ tu
wer aber das Fußwaschwasser Haris
kaṇamātraṃ pibet api
auch nur ein winziges Körnchen davon trinkt
sa snātaḥ sarvatīrtheṣu
der gilt als in allen Pilgerstätten gebadet
viṣṇoḥ priyataraḥ bhavet
und wird Viṣṇu überaus lieb

akālamṛtyuśamanaṃ sarvavyādhivināśanam / sarvaduḥkhopaśamanaṃ haripododaka smṛtam

Als Besänftiger des vorzeitigen Todes, als Vernichter aller Krankheiten, als Stiller alles Leids gilt das Fußwaschwasser Haris.

Wort für Wort
akālamṛtyuśamanaṃ
als Besänftiger des vorzeitigen Todes
sarvavyādhivināśanam
als Vernichter aller Krankheiten
sarvaduḥkhopaśamanaṃ
als Stiller alles Leids
haripādodakaṃ smṛtam
gilt das Fußwaschwasser Haris

nārāyaṇaṃ paraṃ dhāma jyotiṣāṃ jyotiruttamam / ye prapannā mahātmānasteṣāṃ muktirhi śāśvatī

Diejenigen hochherzigen Seelen, die sich Nārāyaṇa ergeben haben, dem höchsten Wohnsitz, dem höchsten Licht der Lichter - für sie ist die Erlösung wahrlich ewig.

Wort für Wort
nārāyaṇaṃ paraṃ dhāma
Nārāyaṇa, den höchsten Wohnsitz
jyotiṣāṃ jyotiruttamam
das höchste Licht der Lichter
ye prapannā mahātmānaḥ
die hochherzigen Seelen, die sich ergeben haben
teṣāṃ muktiḥ hi śāśvatī
für sie ist die Erlösung wahrlich ewig

atrāpyudāharantīmamitihāsaṃ purātanam / paṭhatāṃ śṛṇvatāṃ caiva sarvapāpapraṇāśanam

Hierzu wird auch diese alte Geschichte angeführt, die für die Lesenden und ebenso für die Hörenden die Vernichtung aller Sünde bewirkt.

Wort für Wort
atra api udāharanti imam
hierzu wird auch diese angeführt
itihāsaṃ purātanam
alte Geschichte
paṭhatāṃ śṛṇvatāṃ caiva
für die Lesenden und ebenso die Hörenden
sarvapāpapraṇāśanam
die Vernichtung aller Sünde bewirkt

āsītpurā kṛtayuge guliko nāma lubdhakaḥ / paradāraparadravyaharaṇe satatodyataḥ

Es lebte einst im Kṛtayuga ein Jäger mit Namen Gulika, stets bemüht, fremde Frauen und fremdes Gut zu rauben.

Wort für Wort
āsīt purā kṛtayuge
es lebte einst im Kṛtayuga
gulikaḥ nāma lubdhakaḥ
ein Jäger mit Namen Gulika
paradāraparadravyaharaṇe
im Rauben fremder Frauen und fremden Gutes
satatodyataḥ
stets bemüht

paranindāparo nityaṃ jantūpadravakṛttathā / hatavānbrāhmaṇān gāśca śataśo 'tha sahasraśaḥ

Stets der Verleumdung anderer ergeben, ebenso ein Peiniger der Lebewesen, tötete er Brahmanen und Kühe zu Hunderten, ja zu Tausenden.

Wort für Wort
paranindāparaḥ nityaṃ
stets der Verleumdung anderer ergeben
jantūpadravakṛt tathā
und ebenso ein Peiniger der Lebewesen
hatavān brāhmaṇān gāḥ ca
er tötete Brahmanen und Kühe
śataśaḥ atha sahasraśaḥ
zu Hunderten, ja zu Tausenden

devasvaharaṇe nityaṃ parasvaharaṇe tathā / udyuktaḥ sarvadā vipra kīnāśānāmadhīśvaraḥ

Stets war er darauf bedacht, Gut der Götter zu rauben, und ebenso fremdes Gut, o Brahmane, ein Oberhaupt der Landleute [?].

Wort für Wort
devasvaharaṇe nityaṃ
im Rauben von Gut der Götter, stets
parasvaharaṇe tathā
und ebenso im Rauben fremden Gutes
udyuktaḥ sarvadā vipra
beständig bemüht, o Brahmane,
kīnāśānām adhīśvaraḥ
ein Oberhaupt der Landleute [?]

[?] 'kīnāśānāmadhīśvaraḥ' unsichere Deutung ('Oberhaupt der Landleute/Bauern').

tena pāpānyanekāni kṛtāni sumahānti ca / na teṣāṃ śakyate vaktuṃ saṃkhyā vatsarakoṭibhiḥ

Von ihm wurden zahlreiche, überaus große Sünden begangen; deren Zahl lässt sich nicht einmal in Millionen von Jahren angeben.

Wort für Wort
tena pāpāni anekāni
von ihm wurden zahlreiche Sünden
kṛtāni sumahānti ca
begangen, überaus große
na teṣāṃ śakyate vaktuṃ
deren Zahl lässt sich nicht angeben
saṃkhyā vatsarakoṭibhiḥ
die Zahl, selbst mit Millionen von Jahren

sa kadā cinmahāpāpo jatṛnāmantakopamaḥ / sauvīrarājño nagaraṃ sarvaiśvaryasamanvitam

Er, der große Sünder, einst dem Tod der Lebewesen gleich [?], gelangte zur Stadt des Königs von Sauvīra, die mit allem Reichtum ausgestattet war.

Wort für Wort
sa kadācit mahāpāpaḥ
er, der große Sünder, einst
jantūnām antakopamaḥ
dem Tod der Lebewesen gleich [?]
sauvīrarājñaḥ nagaraṃ
zur Stadt des Königs von Sauvīra
sarvaiśvaryasamanvitam
die mit allem Reichtum ausgestattet war

[?] 'jatṛnāmantakopamaḥ' unsichere Lesung, hier als 'jantūnām antakopamaḥ' ('dem Tod der Lebewesen gleich') gedeutet.

yoṣiddhirbhūṣitārbhiśca sarobhinirmalodakaiḥ / alaṅkṛtaṃ vipaṇibhiryayo devapuropamam

Die Stadt war geschmückt durch geschmückte Frauen [?] und durch Teiche mit reinem Wasser, verziert mit Märkten, der Götterstadt gleich; dorthin ging er.

Wort für Wort
yoṣidbhiḥ bhūṣitābhiḥ ca
und mit geschmückten Frauen [?]
saraḥbhiḥ nirmalodakaiḥ
mit Teichen von reinem Wasser
alaṅkṛtaṃ vipaṇibhiḥ
geschmückt mit Märkten
devapuropamam yayau
der Götterstadt gleich, dorthin ging er

[?] 'yoṣiddhirbhūṣitārbhiśca' unsichere Lesung, hier als 'yoṣidbhir bhūṣitābhiś ca' ('mit geschmückten Frauen') gedeutet; 'yayo' als 'yayau' ('er ging') gelesen.

tasyopavanamadhyasthaṃ ramyaṃ keśavamandiram / chaditaṃ hemakalaśairdṛṣṭvā vyādho mudaṃ yayau

Als der Jäger den in der Mitte von dessen Lustgarten gelegenen lieblichen Keśava-Tempel sah, der mit goldenen Kuppelaufsätzen bedeckt war, empfand er Freude.

Wort für Wort
tasya upavanamadhyasthaṃ
der in der Mitte von dessen Lustgarten gelegene
ramyaṃ keśavamandiram
liebliche Keśava-Tempel
chaditaṃ hemakalaśaiḥ
bedeckt mit goldenen Kuppelaufsätzen
dṛṣṭvā vyādhaḥ mudaṃ yayau
als der Jäger dies sah, empfand er Freude

harāmyatra suvarṇāni bahūnīti viniścitam / jagāmābhyantaraṃ tasya kīnāśaścauryalolupaḥ

Mit dem festen Entschluss 'Hier werde ich viel Gold rauben' begab sich der diebeslüsterne Mann ins Innere jenes Tempels.

Wort für Wort
harāmi atra suvarṇāni bahūni
'ich werde hier viel Gold rauben'
iti viniścitam
mit diesem festen Entschluss
jagāma abhyantaraṃ tasya
begab er sich in dessen Inneres
kīnāśaḥ cauryalolupaḥ
der diebeslüsterne Mann

tatrāpaśyaddvijavaraṃ śāntaṃ tattvārthakovidam / paricaryāparaṃ viṣṇoruttaṅkaṃ tapasāṃ nidhim

Dort sah er den vortrefflichen Zweifachgeborenen Uttaṅka, den Ruhigen, den Kenner der wahren Wirklichkeit, den dem Dienst an Viṣṇu Ergebenen, den Hort der Askese.

Wort für Wort
tatra apaśyat dvijavaraṃ
dort sah er den vortrefflichen Zweifachgeborenen
śāntaṃ tattvārthakovidam
den Ruhigen, den Kenner der wahren Wirklichkeit
paricaryāparaṃ viṣṇoḥ
den dem Dienst an Viṣṇu Ergebenen
uttaṅkaṃ tapasāṃ nidhim
Uttaṅka, den Hort der Askese

ekākinaṃ dayāsuṃ ca nispṛhaṃ dhyānalolupam / cauryāntarāyakartāraṃ taṃ dṛṣṭvā lubdhako mune

Den Alleinstehenden und den Mitleidigen [?], den Begierdelosen, den der Meditation Ergebenen, den für ihn ein Hindernis für den Diebstahl Bildenden - als der Jäger diesen sah, o Muni,

Wort für Wort
ekākinaṃ dayāluṃ ca
den Alleinstehenden und den Mitleidigen [?]
nispṛhaṃ dhyānalolupam
den Begierdelosen, den der Meditation Ergebenen
cauryāntarāyakartāraṃ
den ein Hindernis für den Diebstahl Bildenden
taṃ dṛṣṭvā lubdhako mune
als der Jäger diesen sah, o Muni,

[?] 'dayāsum' unsichere Lesung, hier als 'dayāluṃ' ('mitleidig') gedeutet.

dravyajātaṃ tu devasya hartukāmo 'tisāhasī / uttaṅkaṃ hṝntumārebhe vidhṛtāsirmadoddhataḥ

Begierig, die Gesamtheit der Güter des Gottes zu rauben, überaus verwegen, begann er, mit gezücktem Schwert, von Übermut aufgebläht, Uttaṅka zu töten.

Wort für Wort
dravyajātaṃ tu devasya
die Gesamtheit der Güter des Gottes aber
hartukāmaḥ atisāhasī
zu rauben begierig, überaus verwegen
uttaṅkaṃ hantum ārebhe
begann er, Uttaṅka zu töten
vidhṛtāsiḥ madoddhataḥ
mit gezücktem Schwert, von Übermut aufgebläht

pādenākramya tadvakṣo jaṭāḥ saṃgṛhya pāṇinā / hṝntuṃ kṛtamatiṃ vyādhamuttaṅkaḥ prekṣya cābravīt

Nachdem er mit dem Fuß dessen Brust niedergetreten und mit der Hand die Haarlocken ergriffen hatte, sprach Uttaṅka, als er den zum Töten entschlossenen Jäger erblickte, Folgendes.

Wort für Wort
pādena ākramya tadvakṣaḥ
nachdem er mit dem Fuß dessen Brust niedergetreten hatte
jaṭāḥ saṃgṛhya pāṇinā
und mit der Hand die Haarlocken ergriffen hatte
hantuṃ kṛtamatiṃ vyādham
den zum Töten entschlossenen Jäger
uttaṅkaḥ prekṣya ca abravīt
erblickte Uttaṅka und sprach

uttaṅka uvāca / bho bho sādho vṛthā māṃ tvaṃ haniṣyasi nirāgasam / mayā kimaparāddhaṃ te tadvadasva mahāmatte

Uttaṅka sprach: He, he, du Guter! Vergeblich willst du mich töten, der ich schuldlos bin. Was habe ich dir zuleide getan? Sage mir das, o Hochgesinnter.

Wort für Wort
uttaṅkaḥ uvāca
Uttaṅka sprach:
bho bho sādho
he, he, du Guter,
vṛthā māṃ tvaṃ haniṣyasi nirāgasam
vergeblich willst du mich, der ich schuldlos bin, töten
mayā kim aparāddhaṃ te
was habe ich dir zuleide getan
tat vadasva mahāmatte
sage mir das, o Hochgesinnter

kṛtāparādhināṃ loke śaktāḥ śikṣāṃ prakurvate / nahi saumya vṛthā ghnanti sajjanā api pāpinaḥ

An denen, die eine Missetat begangen haben, üben die Mächtigen in der Welt Strafe; nicht töten die Guten grundlos, o Freundlicher, selbst nicht die Sünder.

Wort für Wort
kṛtāparādhināṃ loke
an denen, die in der Welt eine Missetat begangen haben
śaktāḥ śikṣāṃ prakurvate
üben die Mächtigen Strafe
na hi saumya vṛthā ghnanti
nicht töten grundlos, o Freundlicher,
sajjanāḥ api pāpinaḥ
die Guten, selbst nicht die Sünder

virodhiṣvapi mūrkheṣu nirīkṣyāvasthitān guṇān / virodhaṃ nahi kurvanti sajjanāḥ śāntacetasaḥ

Selbst bei feindlich gesinnten Toren, wenn sie deren vorhandene gute Eigenschaften erblicken, üben die Guten, ruhigen Herzens, keine Feindschaft.

Wort für Wort
virodhiṣu api mūrkheṣu
selbst bei feindlich gesinnten Toren
nirīkṣya avasthitān guṇān
wenn sie deren vorhandene gute Eigenschaften erblicken
virodhaṃ na hi kurvanti
üben sie keine Feindschaft
sajjanāḥ śāntacetasaḥ
die Guten, ruhigen Herzens

bahudhā bodhyamāno 'pi yo naraḥ kṣamayānvitaḥ / tamuttamaṃ naraṃ prāhurviṣṇoḥ priyataraṃ sadā

Der Mensch, der, obwohl er vielfach aufgestachelt wird, von Geduld erfüllt bleibt, jenen nennt man den vortrefflichsten Menschen, der Viṣṇu stets überaus lieb ist.

Wort für Wort
bahudhā bodhyamānaḥ api
obwohl er vielfach aufgestachelt wird
yo naraḥ kṣamayā anvitaḥ
der Mensch, der von Geduld erfüllt ist
tam uttamaṃ naraṃ prāhuḥ
den nennt man den vortrefflichsten Menschen
viṣṇoḥ priyataraṃ sadā
der Viṣṇu stets überaus lieb ist

sujano na yāti vairaṃ parahitabuddhirvanāśakāle 'pi / chede 'pi candanataruḥ surabhayati mukhaṃ kuṭhārasya

Ein guter Mensch, dessen Sinn auf das Wohl anderer gerichtet ist, geht selbst zur Zeit der Vernichtung nicht zur Feindschaft über; selbst beim Fällen macht der Sandelbaum die Schneide der Axt duftend.

Wort für Wort
sujanaḥ na yāti vairaṃ
ein guter Mensch geht nicht zur Feindschaft über
parahitabuddhiḥ vanāśakāle api
dessen Sinn auf das Wohl anderer gerichtet ist, selbst zur Zeit der Vernichtung
chede api candanataruḥ
selbst beim Fällen macht der Sandelbaum
surabhayati mukhaṃ kuṭhārasya
die Schneide der Axt duftend

aho vidhiḥ subalavānbā dhate bahudhā janān / sarvasaṃgavihīno 'pi bādhyate hi durātmanā

Ach, das Schicksal ist überaus mächtig, es bedrängt die Menschen auf vielfache Weise; selbst wer aller Anhaftung entbehrt, wird ja von den Bösgesinnten bedrängt.

Wort für Wort
aho vidhiḥ subalavān
ach, das Schicksal ist überaus mächtig
bādhate bahudhā janān
es bedrängt die Menschen auf vielfache Weise
sarvasaṃgavihīnaḥ api
selbst wer aller Anhaftung entbehrt
bādhyate hi durātmanā
wird ja von Bösgesinnten bedrängt

aho niṣkāraṇaṃ loke bādhante bahudhā janān / sarvasaṃgavihīno 'pi bādhyate piśunairjanaiḥ / tatrāpi sādhūnbādhante na samānānkadācana

Ach, ohne Grund bedrängen sie in der Welt die Menschen auf vielfache Weise; selbst wer aller Anhaftung entbehrt, wird von niederträchtigen Menschen bedrängt; doch bedrängen sie dabei nur die Guten, niemals ihresgleichen.

Wort für Wort
aho niṣkāraṇaṃ loke
ach, ohne Grund in der Welt
bādhante bahudhā janān
bedrängen sie die Menschen auf vielfache Weise
sarvasaṃgavihīnaḥ api
selbst wer aller Anhaftung entbehrt
bādhyate piśunaiḥ janaiḥ
wird von niederträchtigen Menschen bedrängt
tatra api sādhūn bādhante
dabei bedrängen sie nur die Guten
na samānān kadācana
niemals ihresgleichen

[Anm.: V37 umfasst wie V26-V27 in Kapitel 35 sechs Pādas (drei Zeilen) statt der üblichen vier - vermutlich eine im Quelltext nicht korrekt in zwei Verse getrennte Einheit.]

mṛgamīnasajjanānāṃ tṛṇajalasaṃtoṣavihitavṛttānām / lubdhakadhīvarapiśunā niṣkāraṇavairiṇo jagati

Für Wild, Fische und gute Menschen, deren Lebensweise auf Genügsamkeit mit Gras bzw. Wasser gegründet ist, sind Jäger, Fischer und Niederträchtige in der Welt die grundlosen Feinde.

Wort für Wort
mṛgamīnasajjanānāṃ
für Wild, Fische und gute Menschen
tṛṇajalasaṃtoṣavihitavṛttānām
deren Lebensweise auf Genügsamkeit mit Gras bzw. Wasser gegründet ist
lubdhakadhīvarapiśunāḥ
Jäger, Fischer und Niederträchtige
niṣkāraṇavairiṇaḥ jagati
sind in der Welt die grundlosen Feinde

aho balavatī māyā mohayatyakhilaṃ jagat / putramitrakalatrārthaṃ sarvaṃ duḥkhena yojayet

Ach, mächtig ist die Māyā, sie verblendet die ganze Welt; um Sohn, Freund und Gattin willen verstrickt sie alles in Leid.

Wort für Wort
aho balavatī māyā
ach, mächtig ist die Māyā
mohayati akhilaṃ jagat
sie verblendet die ganze Welt
putramitrakalatrārthaṃ
um Sohn, Freund und Gattin willen
sarvaṃ duḥkhena yojayet
verstrickt sie alles in Leid

paradravyāpahāreṇa kalatraṃ poṣitaṃ tvayā / ante tatsarvamutsṛjya eka eva prayati vai

Durch das Rauben fremden Gutes hast du die Gattin ernährt; am Ende aber wirst du all das verlassen und allein von dannen gehen.

Wort für Wort
paradravyāpahāreṇa
durch das Rauben fremden Gutes
kalatraṃ poṣitaṃ tvayā
hast du die Gattin ernährt
ante tatsarvam utsṛjya
am Ende wirst du all das verlassen
ekaḥ eva prayati vai
und allein von dannen gehen

mama mātā mama pitā mama bhāryā mamātmajāḥ / mamedamiti jantūnāṃ mamatā bādhate vṛthā

'Meine Mutter, mein Vater, meine Gattin, meine Kinder, dies ist mein' - so bedrängt die Ich-Bezogenheit der Lebewesen sie vergeblich.

Wort für Wort
mama mātā mama pitā
'meine Mutter, mein Vater'
mama bhāryā mama ātmajāḥ
'meine Gattin, meine Kinder'
mama idam iti jantūnāṃ
'dies ist mein' - so denkend, der Lebewesen
mamatā bādhate vṛthā
bedrängt die Ich-Bezogenheit vergeblich

yāvadarjayati dravyaṃ bāndhavāstāvadeva hi / dharmādharmauṃ sahaivāstāmihāmutra na cāparaḥ

Solange einer Besitz erwirbt, solange nur halten die Verwandten zu ihm; Verdienst und Sünde allein bleiben mit ihm sowohl hier als auch im Jenseits, kein anderer.

Wort für Wort
yāvat arjayati dravyaṃ
solange er Besitz erwirbt
bāndhavāḥ tāvat eva hi
so lange nur halten die Verwandten zu ihm
dharmādharmau sahaiva āstām
Verdienst und Sünde allein bleiben mit ihm
iha amutra na ca aparaḥ
hier und im Jenseits, kein anderer

dharmādharmārjitairdravyaiḥ poṣitā yena ye narāḥ / mṛtamagnimukhe hutvā ghṛtānnaṃ bhuñjate hi te

Von wem auch immer mit durch Verdienst und Unrecht erworbenem Gut Menschen ernährt wurden - jene verzehren, nachdem sie den Toten dem Mund des Feuers geopfert haben, Speise mit Ghee.

Wort für Wort
dharmādharmārjitaiḥ dravyaiḥ
mit durch Verdienst und Unrecht erworbenem Gut
poṣitāḥ yena ye narāḥ
die Menschen, die von ihm ernährt wurden
mṛtam agnimukhe hutvā
nachdem sie den Toten dem Mund des Feuers geopfert haben
ghṛtānnaṃ bhuñjate hi te
verzehren jene Speise mit Ghee

gacchantaṃ paralokaṃ ca naraṃ tu hyanutiṣṭataḥ / dharmādharmauṃ na ca dhanaṃ na putrā na ca bāndhavāḥ

Den Menschen aber, der in die andere Welt hinübergeht, begleiten nur Verdienst und Unrecht, nicht aber Besitz, nicht Söhne und nicht Verwandte.

Wort für Wort
gacchantaṃ paralokaṃ ca naraṃ
den Menschen, der in die andere Welt hinübergeht,
tu hi anutiṣṭataḥ
begleiten ja nur
dharmādharmau na ca dhanaṃ
Verdienst und Unrecht, nicht aber Besitz,
na putrā na ca bāndhavāḥ
nicht Söhne und nicht Verwandte

kāmaḥ samṛddhimāyāti narāṇāṃ pāpakarmiṇām / kāmaḥ saṃkṣayamāyāti narāṇāṃ puṇyakarmaṇām

Das Begehren gedeiht bei Menschen, die sündige Taten verrichten; das Begehren schwindet bei Menschen, die verdienstvolle Taten verrichten.

Wort für Wort
kāmaḥ samṛddhim āyāti
das Begehren gelangt zu Gedeihen
narāṇāṃ pāpakarmiṇām
bei Menschen, die sündige Taten verrichten
kāmaḥ saṃkṣayam āyāti
das Begehren gelangt zum Schwinden
narāṇāṃ puṇyakarmaṇām
bei Menschen, die verdienstvolle Taten verrichten

vṛthaiva vyākulā lokā dhanādānāṃ sadārjane

Vergeblich sind die Menschen stets eifrig-verwirrt im Erwerb von Reichtum [?].

Wort für Wort
vṛthā eva vyākulāḥ lokāḥ
vergeblich sind die Menschen verwirrt/eifrig beschäftigt
dhanārjane sadā
stets im Erwerb von Reichtum [?]

[Anm.: V46 besteht nur aus einem Halbvers (zwei Pādas statt vier); die Lesung 'dhanādānāṃ sadārjane' ist unklar [?] und wurde hier als 'dhanārjane sadā' ('stets im Gelderwerb') gedeutet.]

yadbhāvi tadbhavatyeva yadabhāvyaṃ na tadbhavet / iti niścitabuddhīnāṃ na cintā bādhate kvacit

Was geschehen soll, das geschieht eben; was nicht geschehen soll, das geschieht nicht - bei denen, deren Verstand dies fest erkannt hat, bedrängt sie nirgends Sorge.

Wort für Wort
yat bhāvi tat bhavati eva
was geschehen soll, das geschieht eben
yat abhāvyaṃ na tat bhavet
was nicht geschehen soll, das geschieht nicht
iti niścitabuddhīnāṃ
bei denen, deren Verstand dies fest erkannt hat
na cintā bādhate kvacit
bedrängt sie nirgends Sorge

rdavādhīnamidaṃ sarvaṃ jagatsthāvarajaṅgamam / tasmājjanma ca mṛtyuṃ ca daivaṃ jānāti nāparaḥ

Dem Schicksal unterworfen [?] ist diese ganze Welt, das Bewegliche und Unbewegliche; deshalb kennt das Schicksal Geburt und Tod, kein anderer.

Wort für Wort
daivādhīnam idaṃ sarvaṃ
dem Schicksal unterworfen [?] ist diese ganze
jagat sthāvarajaṅgamam
Welt, das Bewegliche und Unbewegliche
tasmāt janma ca mṛtyuṃ ca
deshalb Geburt und Tod
daivaṃ jānāti na aparaḥ
kennt das Schicksal, kein anderer

[?] 'rdavādhīnam' verlesen für 'daivādhīnam' ('dem Schicksal unterworfen').

yatra kutra sthitasyāpi yadbhāvyaṃ tadbhaved dhruvam / lokastu tatra vijñāya vṛthāyāsaṃ karoti hi

Auch für den, der irgendwo weilt, geschieht gewiss, was geschehen soll; die Welt aber, obwohl sie dies erkennt, gibt sich dennoch vergeblicher Mühe hin.

Wort für Wort
yatra kutra sthitasya api
auch für den, der irgendwo weilt,
yadbhāvyaṃ tat bhavet dhruvam
geschieht gewiss, was geschehen soll
lokaḥ tu tatra vijñāya
die Welt aber, obwohl sie dies erkennt,
vṛthā āyāsaṃ karoti hi
gibt sich ja vergeblicher Mühe hin

aho duḥkhaṃ manuṣyāṇāṃ mamatākulacetasām / mahāpāpāni kṛtvāpi parānpuṣyānti yatnataḥ

Ach, welches Leid haben die Menschen, deren Herz von Ich-Bezogenheit erfüllt ist; selbst nachdem sie große Sünden begangen haben, ernähren sie mit Eifer andere.

Wort für Wort
aho duḥkhaṃ manuṣyāṇāṃ
ach, welches Leid der Menschen,
mamatākulacetasām
deren Herz von Ich-Bezogenheit erfüllt ist
mahāpāpāni kṛtvā api
selbst nachdem sie große Sünden begangen haben
parān puṣyanti yatnataḥ
ernähren sie eifrig andere

arjitaṃ ca dhanaṃ sarvaṃ bhuñjate bāndhavāḥ sadā / svayamekatamo mūḍhastatpāpaphalamaśnute

Das ganze erworbene Vermögen genießen stets die Verwandten; er selbst allein, der Tor, erntet die Frucht jener Sünde.

Wort für Wort
arjitaṃ ca dhanaṃ sarvaṃ
das ganze erworbene Vermögen
bhuñjate bāndhavāḥ sadā
genießen stets die Verwandten
svayam ekatamaḥ mūḍhaḥ
er selbst allein, der Tor,
tatpāpaphalam aśnute
erntet die Frucht jener Sünde

iti bravāṇaṃ tamṛṣiṃ vimucya bhayavihvalaḥ / gulikaḥ prāñjaliḥ prāha kṣamasveti punaḥ punaḥ

Nachdem er diesen so sprechenden Weisen losgelassen hatte, sprach Gulika, von Furcht überwältigt, mit gefalteten Händen wieder und wieder: 'Vergib mir!'

Wort für Wort
iti bravāṇaṃ tam ṛṣiṃ
nachdem er diesen so sprechenden Weisen
vimucya bhayavihvalaḥ
losgelassen hatte, von Furcht überwältigt,
gulikaḥ prāñjaliḥ prāha
sprach Gulika mit gefalteten Händen
kṣamasva iti punaḥ punaḥ
'vergib mir!' wieder und wieder

satsaṃgasya prabhāveṇa harisannidhimātrataḥ / gatapāpo lubagdakaśca hyanutāpīdamabravīt

Durch die Kraft des Umgangs mit einem Guten, allein durch die Nähe zu einem Diener Haris, wurde der Jäger von Sünde befreit, und reuevoll sprach er Folgendes.

Wort für Wort
satsaṃgasya prabhāveṇa
durch die Kraft des Umgangs mit einem Guten
harisannidhimātrataḥ
allein durch die Nähe zu einem Diener Haris
gatapāpaḥ lubdhakaḥ ca
von Sünde befreit, der Jäger
hi anutāpī idam abravīt
sprach reuevoll Folgendes

mayā kṛtā ni pāpāni mahānti subahūni ca / tāni sarvāṇi naṣṭāni viprendra tava darśanāt

Von mir wurden große und sehr zahlreiche Sünden begangen; all diese sind vernichtet, o Fürst der Brahmanen, durch den Anblick deiner selbst.

Wort für Wort
mayā kṛtāni pāpāni
von mir wurden Sünden begangen
mahānti subahūni ca
große und sehr zahlreiche
tāni sarvāṇi naṣṭāni
all diese sind vernichtet
viprendra tava darśanāt
o Fürst der Brahmanen, durch den Anblick deiner

aho 'haṃ pāpadhīrnityaṃ mahāpāpamupācaram / kathaṃ me niṣkṛtir bhūyo yāmi kaṃ śaraṇaṃ vibhoḥ

Ach, ich, von stets sündigem Sinn, habe große Sünde verübt; wie soll mir abermals Sühne zuteilwerden? Zu welcher Zuflucht des Herrn soll ich gehen?

Wort für Wort
aho ahaṃ pāpadhīḥ nityaṃ
ach, ich, stets sündigen Sinnes,
mahāpāpam upācaram
habe große Sünde begangen
kathaṃ me niṣkṛtiḥ bhūyaḥ
wie soll mir abermals Sühne zuteilwerden
yāmi kaṃ śaraṇaṃ vibhoḥ
zu welcher Zuflucht des Herrn soll ich gehen

pūrvajanmārjitaiḥ pāpairlubdhakatvamavāptavān / atrāpi pāpajālāni kṛtvā kāṃ gatimāpnuyām

Durch die in einem früheren Leben erworbenen Sünden habe ich das Jägerdasein erlangt; und da ich auch hier ein Netz von Sünden begangen habe - welches Ziel sollte ich erlangen?

Wort für Wort
pūrvajanmārjitaiḥ pāpaiḥ
durch in einem früheren Leben erworbene Sünden
lubdhakatvam avāptavān
habe ich das Jägerdasein erlangt
atra api pāpajālāni kṛtvā
und da ich auch hier ein Netz von Sünden begangen habe
kāṃ gatim āpnuyām
welches Ziel sollte ich erlangen

aho mamāyuḥ kṣayameti śīghraṃ pāpānyanekāni samarjjitāni / prātikriyā naiva kṛtā mayaiṣāṃ gatiśca kā syānmamajanma kiṃ vā

Ach, mein Leben geht rasch zur Neige, viele Sünden habe ich angehäuft; kein Gegenmittel dagegen wurde von mir ergriffen - welches Ziel könnte es geben, und was mag meine Geburt sein?

Wort für Wort
aho mama āyuḥ kṣayam eti śīghraṃ
ach, mein Leben geht rasch zur Neige
pāpāni anekāni samarjitāni
viele Sünden habe ich angehäuft
prātikriyā na eva kṛtā mayā eṣām
kein Gegenmittel dagegen wurde von mir ergriffen
gatiḥ ca kā syāt mama janma kiṃ vā
welches Ziel könnte es geben, und was mag meine Geburt sein

aho vidhiḥ pāpaśatā kulaṃ māṃ kiṃ sṛṣṭavānpāpataraṃ ca śaśvat / kathaṃ ca yatpāpaphalaṃ hi bhokṣye kiyatsu janmasvahamugrakarmā

Ach, warum hat das Schicksal mich, von hunderten Sünden erfüllt [?], stets noch sündiger geschaffen? Und wie werde ich die Frucht dieser Sünde erleiden - in wie vielen Geburten, ich, dessen Taten so schrecklich sind?

Wort für Wort
aho vidhiḥ pāpaśatākulaṃ
ach, warum hat das Schicksal, von hunderten Sünden erfüllt [?],
māṃ kiṃ sṛṣṭavān pāpataraṃ ca śaśvat
mich stets noch sündiger geschaffen
kathaṃ ca yatpāpaphalaṃ hi bhokṣye
und wie werde ich die Frucht dieser Sünde erleiden
kiyatsu janmasu aham ugrakarmā
in wie vielen Geburten, ich, dessen Taten so schrecklich sind

[?] 'pāpaśatā kulaṃ' unsichere Worttrennung, hier als 'pāpaśatākulaṃ' ('von hunderten Sünden erfüllt') gedeutet.

evaṃ vinindannātmānamātmanā lubdhakastadā / antastāpāgnisaṃtaptaḥ sadyaḥ pañcatvamāgataḥ

So sich selbst mit sich selbst tadelnd, gelangte der Jäger da, vom Feuer inneren Schmerzes verbrannt, sogleich zum Tode.

Wort für Wort
evaṃ vinindan ātmānam ātmanā
so sich selbst mit sich selbst tadelnd
lubdhakaḥ tadā
der Jäger da
antastāpāgnisaṃtaptaḥ
vom Feuer inneren Schmerzes verbrannt
sadyaḥ pañcatvam āgataḥ
gelangte sogleich zum Tode

uttaṅkaḥ patitaṃ prekṣya lubagdhakaṃ taṃ dayāparaḥ / viṣṇupādodakenaivamabhyaṣiñcanmahāmatiḥ

Als Uttaṅka, der Hochgesinnte, den gefallenen Jäger sah, besprengte er ihn, von Mitleid erfüllt, mit dem Fußwaschwasser Viṣṇus.

Wort für Wort
uttaṅkaḥ patitaṃ prekṣya
als Uttaṅka den gefallenen sah
lubdhakaṃ taṃ dayāparaḥ
den Jäger, von Mitleid erfüllt,
viṣṇupādodakena evam
so mit dem Fußwaschwasser Viṣṇus
abhyaṣiñcat mahāmatiḥ
besprengte ihn der Hochgesinnte

haripādodakasparśāllubdhako gatakalmaṣaḥ / divyaṃ vimānamāruhya munimetadathābravīt

Durch die Berührung des Fußwaschwassers Haris wurde der Jäger von Sünde befreit; nachdem er einen himmlischen Wagen bestiegen hatte, sprach er darauf zu dem Weisen dies.

Wort für Wort
haripādodakasparśāt
durch die Berührung des Fußwaschwassers Haris
lubdhakaḥ gatakalmaṣaḥ
wurde der Jäger von Sünde befreit
divyaṃ vimānam āruhya
nachdem er einen himmlischen Wagen bestiegen hatte
munim etat atha abravīt
sprach er darauf zu dem Weisen dies

gulika uvāca / uttaṅka muniśārdūla gurustvaṃ mama suvrata / vimuktastvatprasādena mahāpātakakañcukāt

Gulika sprach: O Uttaṅka, Tiger unter den Weisen, du bist mein Lehrer, o Tugendreicher! Durch deine Gnade bin ich von der Hülle der schweren Sünde befreit.

Wort für Wort
gulikaḥ uvāca
Gulika sprach:
uttaṅka muniśārdūla
o Uttaṅka, Tiger unter den Weisen,
guruḥ tvaṃ mama suvrata
du bist mein Lehrer, o Tugendreicher,
vimuktaḥ tvatprasādena
befreit durch deine Gnade
mahāpātakakañcukāt
von der Hülle der schweren Sünde

gatastvadupadeśānme saṃtāpo munipuṅgava / tathaiva sarvapāpāni vinaṣṭānyativegataḥ

Durch deine Belehrung ist mein Schmerz gewichen, o Bester der Weisen; ebenso sind alle meine Sünden mit größter Schnelligkeit vernichtet.

Wort für Wort
gataḥ tvadupadeśāt me
durch deine Belehrung ist mein
saṃtāpo munipuṅgava
Schmerz gewichen, o Bester der Weisen
tathaiva sarvapāpāni
ebenso alle Sünden
vinaṣṭāni ativegataḥ
sind mit größter Schnelligkeit vernichtet

haripādodakaṃ yasmānmayi tvaṃ siktavānmune / prāpito 'smi tvayā tasmāttadviṣṇoḥ paramaṃ padam

Weil du, o Muni, das Fußwaschwasser Haris auf mich gesprengt hast, deshalb bin ich von dir zu jenem höchsten Sitz Viṣṇus geführt worden.

Wort für Wort
haripādodakaṃ yasmāt
weil das Fußwaschwasser Haris
mayi tvaṃ siktavān mune
du, o Muni, auf mich gesprengt hast
prāpito 'smi tvayā tasmāt
deshalb bin ich von dir geführt worden
tat viṣṇoḥ paramaṃ padam
zu jenem höchsten Sitz Viṣṇus

tvayāhaṃ tārito vipra pāpādasmāccharīrataḥ / tasmānnato 'smi te vidvanmatkṛtaṃ tatkṣamasva ca

Von dir wurde ich, o Brahmane, von dieser Sünde und von diesem Leib errettet; deshalb verneige ich mich vor dir, o Weiser; und vergib, was ich dir angetan habe.

Wort für Wort
tvayā ahaṃ tāritaḥ vipra
von dir wurde ich, o Brahmane, errettet
pāpāt asmāt śarīrataḥ
von dieser Sünde, von diesem Leib
tasmāt nato 'smi te vidvan
deshalb verneige ich mich vor dir, o Weiser
matkṛtaṃ tat kṣamasva ca
und vergib, was von mir getan wurde

ityuktvā devakusumairmuniśreṣṭhaṃ samākiram / pradakṣiṇātrayaṃ kṛtvā namaskāraṃ cakāra saḥ

Nachdem er dies gesagt hatte, bestreute er den vortrefflichsten der Weisen mit göttlichen Blumen; nachdem er die dreifache Umschreitung vollzogen hatte, erwies er ihm Verehrung.

Wort für Wort
iti uktvā devakusumaiḥ
nachdem er dies gesagt hatte, mit göttlichen Blumen
muniśreṣṭhaṃ samākiram
bestreute er den vortrefflichsten der Weisen
pradakṣiṇātrayaṃ kṛtvā
nachdem er die dreifache Umschreitung vollzogen hatte
namaskāraṃ cakāra saḥ
erwies er Verehrung

tato vimānamāruhya sarvakāmasamanvitam / apsarogaṇasaṃkīrṇaḥ prapede harimandiram

Dann bestieg er den mit allen Wünschen ausgestatteten Himmelswagen und begab sich, von Scharen von Apsaras umgeben, zum Tempel Haris.

Wort für Wort
tataḥ vimānam āruhya
dann, nachdem er den Himmelswagen bestiegen hatte,
sarvakāmasamanvitam
mit allen Wünschen ausgestattet
apsarogaṇasaṃkīrṇaḥ
von Scharen von Apsaras umgeben
prapede harimandiram
begab er sich zum Tempel Haris

etaddṛṣṭvā vismito 'sau hyuttaṅkastapasāṃnidhiḥ / śirasyañjalimādhāya tuṣṭāva kamalāpatim

Als er dies sah, erstaunt, pries jener Uttaṅka, der Hort der Askese, mit zum Haupt erhobenen gefalteten Händen den Gemahl der Lotusgöttin.

Wort für Wort
etat dṛṣṭvā vismitaḥ asau
als er dies sah, erstaunt,
hi uttaṅkaḥ tapasāṃ nidhiḥ
Uttaṅka, der Hort der Askese,
śirasi añjalim ādhāya
die gefalteten Hände zum Haupt erhoben
tuṣṭāva kamalāpatim
pries er den Gemahl der Lotusgöttin

tena stuto mahāviṣṇurdattavānvaramattamam / vareṇa tenoktaṅko 'pi prapede paramaṃ padam

Von ihm gepriesen, gewährte der große Viṣṇu eine höchste Gnadengabe; durch diese Gabe gelangte auch Uttaṅka zum höchsten Sitz.

Wort für Wort
tena stutaḥ mahāviṣṇuḥ
von ihm gepriesen, der große Viṣṇu
dattavān varam uttamam
gewährte eine höchste Gnadengabe
vareṇa tena uttaṅkaḥ api
durch diese Gabe gelangte auch Uttaṅka
prapede paramaṃ padam
zum höchsten Sitz

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks