Kapitel 60
Sanatkumāras Lehre von der Vergänglichkeit und Śukas Eingang in die Erlösung
Kolophon ohne Beschreibungstitel; Kapiteltitel daher aus dem Inhalt formuliert. [Anm.: Wie im gesamten Kapitelbereich 56–61 dieses Projekts steht auch hier der eigentliche Schlusskolophon dieses Kapitels nicht an dessen Ende, sondern am Kopf der folgenden Quelldatei (Kapitel 61), mit der gegenüber der Projektzählung um eins erhöhten Sanskrit-Ordnungszahl „ekaṣaṣṭitama“ (61.) — dies wurde bereits im Datensatz von Kapitel 61 dokumentiert; die im Kopf DIESER Datei stehende Kolophonzeile gehört spiegelbildlich zum vorangehenden 59. Kapitel.] Dieses letzte Kapitel des zweiten Pāda führt Sanatkumāras Unterweisung Śukas fort: eine ausgedehnte Meditation über Vergänglichkeit, die Unausweichlichkeit von Leid, Alter, Krankheit und Tod, die Vergeblichkeit weltlichen Strebens sowie die Ungewissheit von Geburt und Empfängnis (V.1–73). Den Abschluss bildet Śukas endgültiger Abschied von seinem Vater Vyāsa und sein Eingehen in die Erlösung (V.74–78), mit dem der zweite Pāda des Werks endet.
Sanatkumāra sprach: Nachdem man die Lehre vernommen hat, die leidlos, zur Vernichtung des Leids, friedebringend und heilsam ist, erlangt man Einsicht; ist diese erlangt, mehrt sich das Glück.
Wort für Wort
aśokaṃ śokanāśārthaṃ
leidlos, zur Vernichtung des Leids
śāstraṃ śāntikaraṃ śivam
die Lehre, friedebringend, heilsam
niśamya labhyate buddhir
nachdem man sie vernommen hat, wird Einsicht erlangt
labdhāyāṃ sukham edhate
ist diese erlangt, mehrt sich das Glück
[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext eine Kolophonzeile vorangestellt („iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge dvitīyapāde bṛhadupākhyāne ṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ“), gefolgt von einer Trennlinie. Diese Zeile ist der versetzt überlieferte Schlusskolophon des vorangehenden 59. Kapitels; sie wurde im sa-Feld dokumentiert, jedoch nicht in die Übersetzung einbezogen.]
aniṣṭasaṃpraṃyogāśca viprayogātpriyasya ca / manuṣyā mānasairduḥkhairyujyante ye 'lpabuddhayaḥ
Durch die Verbindung mit Unerwünschtem und durch die Trennung von Liebem werden die Menschen, die von geringem Verstand sind, mit seelischen Leiden befallen.
dravyeṣu samatīteṣu ye guṇāstenna cindayet / tānanādriyamāṇaśca snehabandhādvimucyate
Über die Vorzüge vergangener Dinge soll man nicht länger nachsinnen; und indem man sie nicht mehr beachtet, wird man von der Fessel der Zuneigung befreit.
Man werde ein Fehler-Erblickender dort, wo Leidenschaft entsteht; man verschaffe sich dazu die Einstellung des Nicht-Wünschens – dann erstrahlt man rasch in Freiheit.
Wort für Wort
doṣadarśī bhavet tatra
man werde ein Fehler-Erblickender dort
yatra rāgaḥ pravarttate
wo Leidenschaft entsteht
aniṣṭabuddhitāṃ yacchet
man verschaffe sich die Einstellung des Nicht-Wünschens
nārtho na dharmo na yaśo yo 'tītamanuśocati / asyābhāvena yujyetaṃ tañcāsya tu nivartate
Weder Gewinn noch Dharma noch Ruhm erlangt, wer über das Vergangene trauert; durch dessen Nichtvorhandensein würde nur mehr Leid entstehen, und es selbst kehrt dadurch nicht zurück.
Wort für Wort
nārtho na dharmo na yaśo
weder Gewinn noch Dharma noch Ruhm
yo 'tītam anuśocati
erlangt, wer über das Vergangene trauert
asyābhāvena yujyeta
durch dessen Nichtvorhandensein würde [nur mehr Leid] entstehen
taṃ cāsya tu nivartate
und es selbst kehrt dadurch nicht zurück
[?: Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; sinngemäß als Feststellung der Nutzlosigkeit der Trauer über Verlorenes gedeutet.]
guṇairbhūtāni yujyante tathaiva ca na yujyate / sarvāṇi naitadekasya śokasthānaṃ hi vidyate
Durch gute Eigenschaften kommen die Wesen einander nahe, und ebenso auch nicht durch deren Fehlen; dies ist nicht für einen einzigen allein bestimmt – Anlass zum Leid gibt es für alle.
Wort für Wort
guṇair bhūtāni yujyante
durch Eigenschaften kommen die Wesen zusammen
tathaiva ca na yujyate
und ebenso auch nicht [durch deren Fehlen]
sarvāṇi naitad ekasya
dies ist nicht für einen einzigen allein
śokasthānaṃ hi vidyate
Anlass zum Leid gibt es [für alle]
[?: Vers syntaktisch komprimiert; sinngemäß als allgemeine Aussage über das gemeinsame Los aller Wesen gedeutet.]
Wer über das Vergangene trauert, sei es einen Toten, sei es einen Verlorenen, der erlangt durch dieses Leid nur weiteres Leid und gerät in großes Unheil.
Wenn körperliches oder auch geistiges Leid als Schädigung eingetreten ist, worüber sich nichts mehr unternehmen lässt – darüber soll man nicht weiter nachsinnen.
bhaiṣajyametaddaḥkhasya yadetannānucintayet / cintyamānaṃ hi na vyeti bhūyaścābhipravarddhate
Dies ist die Arznei gegen das Leid: dass man nicht weiter darüber nachsinnt. Denn was beständig bedacht wird, weicht nicht, sondern wächst vielmehr noch an.
prajñayā mānasaṃ duḥkhaṃ hanyācchārīramauṣadhaiḥ / etadvijñāya sāmarthyaṃ na vānyaiḥ samatāmiyāt
Durch Weisheit soll man geistiges Leid, durch Arzneien körperliches Leid vertreiben; nachdem man dies erkannt hat, erlangt man die rechte Fähigkeit – nicht aber gelangt man durch anderes zu innerer Gleichmut.
Wort für Wort
prajñayā mānasaṃ duḥkhaṃ
durch Weisheit geistiges Leid
hanyāc chārīram auṣadhaiḥ
soll man vertreiben, körperliches durch Arzneien
etad vijñāya sāmarthyaṃ
nachdem man dies erkannt hat, die Fähigkeit
na vānyaiḥ samatām iyāt
nicht aber gelangt man durch anderes zur Gleichmut
Unbeständig sind Leben, Schönheit, Jugend, angehäufter Besitz, Gesundheit und das Zusammenleben mit den Lieben; danach soll der Weise niemals verlangen.
Wort für Wort
anityaṃ jīvitaṃ rūpaṃ
unbeständig sind Leben, Schönheit
yauvanaṃ dravyasañcayaḥ
Jugend, angehäufter Besitz
ārogyaṃ priyasaṃvāsaṃ
Gesundheit, Zusammenleben mit den Lieben
na spṛhyet paṇḍitaḥ kvacit
danach soll der Weise niemals verlangen
[?: „na mṛdhyet“ unsicher, wohl für „na spṛhyet“ (soll nicht danach verlangen) gelesen; sinngemäß übersetzt.]
Nicht soll man das eine aus Unwissenheit entstandene Leid beklagen; ohne zu klagen soll man Abhilfe schaffen, wenn man einen geeigneten Ansatz dazu sieht.
Lieber als das Glück ist dem Menschen manchmal das Leid im Leben – daran besteht hier kein Zweifel; man rette den lieben eigenen Selbst vor den Leiden von Alter und Tod.
Wort für Wort
sukhāt priyataraṃ duḥkhaṃ
lieber als das Glück das Leid
jīvite nātra saṃśayaḥ
im Leben, daran kein Zweifel
jarāmaraṇaduḥkhebhyaḥ
vor den Leiden von Alter und Tod
priyam ātmānam uddharet
man rette den lieben eigenen Selbst
[?: Erster Halbvers paradox formuliert; gemeint ist wohl, dass das Leid im Leben unausweichlicher, ‚näher' ist als das Glück.]
Denn die Körper werden von Krankheiten heimgesucht, körperlichen wie seelischen, gleich scharfspitzigen Pfeilen, abgeschossen von kraftvollen Bogenschützen.
Beim Kranken, der vor dem Tod erschrickt und nach Leben verlangt, wird durch Heilmittel zur Vernichtung der Krankheit der Körper gleichsam ständig weiter hingeschleppt.
sraṃsaṃti na nivartante srotāṃsi saritāmiva / āyurādāya martyānāṃ rātryahāni punaḥpunaḥ
Sie gleiten dahin, kehren nicht zurück, gleich den Strömungen der Flüsse – die Tage und Nächte, die immer wieder das Leben der Sterblichen mit sich nehmen,
sukhaduḥkhābhibhūtānāmajaro jarayatyasūn / ādityo hyastamabhyeti punaḥ punarudeti ca
Der selbst Alterlose lässt die Lebenshauche derer, die von Glück und Leid überwältigt sind, altern; die Sonne geht zwar täglich unter und geht immer wieder auf,
– doch die Nächte vergehen, dem Willen der Menschen entzogen, erwünscht oder unerwünscht, indem sie zuvor ungeschaute, unerwartete Zustände mit sich bringen.
Wort für Wort
adṛṣṭapūrvān ādāya
zuvor ungeschaute mit sich bringend
bhāvān apariśaṅkitān
unerwartete Zustände
iṣṭāniṣṭā manuṣyāṇāṃ
erwünscht oder unerwünscht, der Menschen
mataṃ gacchanti rātrayaḥ
vergehen die Nächte
[?: „mataṃ gacchanti“ unsicher – im Sinne von ‚entschwinden/vergehen' verstanden; sinngemäß übersetzt.]
yo yadicchedyathākāmaṃ kāmānāṃ tattadāpnuyāt / yadi syānna parādhīnaṃ puruṣasya kriyāphalam
Wer immer was auch immer nach eigenem Wunsch begehrte, der würde eben jenes von den Begehrenswerten erlangen, wenn die Frucht der Tat des Menschen nicht von einem anderen abhinge.
Wort für Wort
yo yad icched yathākāmaṃ
wer was auch immer nach eigenem Wunsch begehrte
kāmānāṃ tat tad āpnuyāt
der würde eben jenes von den Begehrenswerten erlangen
bhūtānāmaparaḥ kaściddhiṃsāyāṃ satatotthitaḥ / vañcanāyāṃ ca lokeṣu sasukheṣveva jīyate
Mancher andere, gegenüber den Wesen beständig zur Gewalttätigkeit bereit und zum Betrug in der Welt, verliert dennoch selbst inmitten von Glücklichen.
Wort für Wort
bhūtānām aparaḥ kaścid
gegenüber den Wesen mancher andere
hiṃsāyāṃ satatotthitaḥ
beständig zur Gewalttätigkeit bereit
vañcanāyāṃ ca lokeṣu
und zum Betrug in der Welt
sasukheṣv eva jīyate
verliert dennoch selbst inmitten von Glücklichen
[?: Zweiter Halbvers unklar; „sasukheṣveva jīyate“ deutet wohl an, dass ein solcher Mensch selbst unter günstigen Umständen unterliegt; sinngemäß übersetzt.]
Um die Vergehen des Menschen aus dessen eigenem Wesen heraus zu erklären: der Same, an einem Ort entstanden, gelangt wieder an einen anderen Ort,
Wort für Wort
aparādhān samākhyātuṃ
um die Vergehen zu erklären
puruṣasya svabhāvataḥ
des Menschen, aus [seinem eigenen] Wesen
śukram anyatra saṃbhūtaṃ
der Same, an einem [Ort] entstanden
punar anyatra gacchati
gelangt wieder an einen anderen [Ort]
[?: „samācṣṭuṃ“ wohl für „samākhyātum“ (zu erklären) verlesen; der Zusammenhang mit dem Folgenden (Empfängnis, Geburt) ist sinngemäß als Beispiel für die Unergründlichkeit des Schicksals gedeutet.]
Manchen, die sich einen Sohn wünschen, die nach Nachkommenschaft verlangen, die sich um deren Zustandekommen bemühen, entsteht überhaupt keine befruchtete Keimzelle.
Manchen, die vor der Schwangerschaft zurückschrecken wie vor einer erzürnten Giftschlange, wird dennoch ein langlebiger Sohn geboren; manch anderem hingegen – wie kommt es, dass er, wie bereits verstorben, dahingeht wie einst der Vater?
Wort für Wort
garbhād udvijamānānāṃ
denen, die vor der Schwangerschaft zurückschrecken
kruddhād aśīviṣād iva
wie vor einer erzürnten Giftschlange
āyuṣmān jāyate putraḥ
wird ein langlebiger Sohn geboren
kathaṃ pretaḥ piteva saḥ
[manch anderer] wie kommt es, dass er wie der [verstorbene] Vater dahingeht
[?: Zweiter Halbvers elliptisch; Gegenüberstellung von Glücks- und Unglücksfall bei der Geburt sinngemäß ergänzt.]
Nachdem sie den Göttern geopfert, Askese geübt haben, mit elenden, auf einen Sohn zielenden Bemühungen, zehn Monate das Kind getragen habend, wird ihnen dennoch ein die Familie schändender Sohn geboren.
Wort für Wort
devān iṣṭvā tapas taptvā
nachdem sie den Göttern geopfert, Askese geübt haben
kṛpaṇaiḥ putrahetubhiḥ
mit elenden, auf einen Sohn zielenden [Bemühungen]
apare dhanadhānyāni bhogāṃśca pitṛsaṃcitān / vimalānabhijāyante labdhvā taireva maṅgalaiḥ
Andere Söhne hingegen werden, makellos, geboren, um Reichtum und Getreide sowie die vom Vater angehäuften Genüsse fortzuführen, nachdem sie eben durch jene glückverheißenden Umstände zustande gekommen sind.
Wort für Wort
apare dhanadhānyāni
andere aber Reichtum und Getreide
bhogāṃś ca pitṛsaṃcitān
und die vom Vater angehäuften Genüsse
vimalān abhijāyante
werden makellos geboren
labdhvā taireva maṅgalaiḥ
nachdem sie eben durch jene glückverheißenden [Umstände] erlangt wurden
Wenn sich zwei einander in gegenseitigem Einverständnis zur ehelichen Vereinigung zusammenfinden, entsteht, durch unsichtbare Missgeschicke gestört oder auch nicht, der Keim im Mutterschoß.
snigdhatvādindriyārtheṣu mohānmaraṇamapriyam / parityajati yo duḥkhaṃ sukhamapyubhayaṃ naraḥ
Aus Anhänglichkeit an die Sinnesobjekte, aus Verblendung heraus, hält man den Tod für unerwünscht; wer aber beides, Leid und auch Glück, gleichermaßen aufgibt,
Wort für Wort
snigdhatvād indriyārtheṣu
aus Anhänglichkeit an die Sinnesobjekte
mohān maraṇam apriyam
aus Verblendung, den Tod für unerwünscht [haltend]
atyeti brahma so 'tyantaṃ sukhamapyaśnute param / duḥkhamarthā hi tyajyante pālane ca na te sukhāḥ
der überschreitet alles und erlangt gänzlich auch das höchste Glück, das Brahman. Denn um des Erwerbs willen wird Leid ertragen, und im Erhalten der Güter gibt es kein Glück.
Wort für Wort
atyeti brahma so 'tyantaṃ
er überschreitet [alles], das Brahman, gänzlich
sukham apy aśnute param
und erlangt auch das höchste Glück
duḥkham arthā hi tyajyante
denn um des Erwerbs willen wird Leid [ertragen]
pālane ca na te sukhāḥ
und im Erhalten [der Güter] gibt es kein Glück
[?: „duḥkhamarthā hi tyajyante“ unklar; sinngemäß als Aussage über die Vergeblichkeit weltlichen Strebens gedeutet – weder Erwerb noch Erhalt von Gütern bringen wahres Glück.]
Man soll, nachdem man dies gehört hat, nicht über das Nicht-Erlangen von Reichtum und dessen Untergang nachsinnen; einen je anderen Vermögensstand erlangend, erweisen sich die Menschen als [je unterschiedlich, doch stets unbefriedigt] –
Wort für Wort
śrutvaiva nādhigamanaṃ
nachdem man gehört hat, [über] das Nicht-Erlangen
nāśam eṣāṃ na cintayet
und deren Untergang soll man nicht nachsinnen
anyām anyāṃ dhanāvasthāṃ
einen je anderen Vermögensstand
prāpya vaiśeṣikā narāḥ
erlangend, [erweisen sich] die Menschen als [je] unterschieden
[?: Vers stark komprimiert; „vaiśeṣikā narāḥ“ wird hier als Hinweis auf die je unterschiedlichen und daher letztlich beliebigen Vermögenszustände der Menschen gedeutet.]
unbefriedigt gehen sie dem Untergang entgegen; die Weisen hingegen gelangen zur Zufriedenheit. Alle Anhäufungen enden im Schwinden, alle Erhöhungen enden im Fall.
tasmātsaṃtoṣameveha dhanaṃ śaṃsanti paṇḍitāḥ / nimeṣamātramapi hi yo 'dhigacchanna tiṣṭati
Deshalb preisen die Weisen einzig die Zufriedenheit hier als wahren Reichtum; denn selbst für einen Augenblick verharrt nicht, wer immer neues erlangt.
Was Beständiges sollte man bei den verkörperten, unbeständigen Wesen erwägen? Diejenigen, die, nachdem sie über das Sein der Wesen nachgedacht haben, mit ihrer Einsicht das Dunkel überschritten haben,
na śocanti gatādhvānaḥ paśyanti paramāṃ gatim / saṃcinvannekamevainaṃ kāmānāvitṛptakam
trauern nicht, ihren Weg vollendet habend; sie schauen das höchste Ziel. Wer aber, nur anhäufend, allein diesem Leib dient, von den Begierden nie gesättigt,
– den nimmt der Tod, gleich wie ein Tiger ein Beutetier ergreift, und geht mit ihm davon. Möge man aber dennoch ein Mittel erblicken, um sich aus diesem Leid zu befreien!
Ohne zu klagen soll man dennoch handeln, man soll gesammelt sein und frei von Lastern bleiben – gegenüber Klang, Berührung, Geschmack, Gestalt und ebenso in höchstem Maße gegenüber Geruch,
Wort für Wort
aśocann ārabhen naiva
ohne zu klagen soll man [dennoch] handeln
yuktaś cāvyasanī bhavet
man sei gesammelt und frei von Lastern
śabde sparśe rase rūpe
gegenüber Klang, Berührung, Geschmack, Gestalt
gandhe ca paramaṃ tathā
und ebenso in höchstem Maße gegenüber Geruch
[?: Erster Halbvers syntaktisch unsicher; „nārabhennaiva“ könnte auch „man solle nichts beginnen/unternehmen“ bedeuten – mit Vorbehalt übersetzt.]
Es gibt nichts Höheres als rechten Genuss, weder für den Reichen noch für den Armen; durch bloßen Wortverkehr der Abhängigen gibt es kein Leid, das nicht auch heilbar wäre.
Wort für Wort
nopabhogāt paraṃ kiñcid
es gibt nichts Höheres als Genuss
dhanino vādhanasya vā
weder für den Reichen noch für den Armen
vāksaṃprayogād bhṛtānāṃ
durch Wortverkehr der Abhängigen
nāsti duḥkham anāmayam
gibt es kein Leid, das nicht heilbar wäre
[?: Zweiter Halbvers sehr unsicher überliefert; Bezug von „bhṛtānāṃ“ (der Abhängigen/Diener) zu „vāksaṃprayogāt“ unklar, mit Vorbehalt übersetzt.]
viprayogaśca sarvasya na vācā na ca vidyayā / praṇayaṃ parisaṃhṛtya saṃstuteṣvitareṣu ca
Und die Trennung von allem Weltlichen erreicht man weder durch Worte noch durch Wissen, sondern indem man die Zuneigung zu den Vertrauten wie auch zu den anderen Menschen zurückzieht,
vicaredasamunnaddhaḥ sa sukhī sa ca paṇḍitaḥ / adhyātmagatamālīno nirapekṣo nirāmiṣaḥ
soll man wandeln, unaufgeblasen im Stolz – der ist glücklich, der ist ein Weiser –, ganz auf das eigene Selbst gerichtet, unabhängig, ohne weltliches Verlangen.
dann rettet ihn weder die wohlgezügelte Weisheit noch eigene Tatkraft; aus seiner eigenen Natur heraus möge er Anstrengung an den Tag legen – wer sich anstrengt, geht nicht zugrunde.
– bei der Unterdrückung des Atems der Lebewesen entsteht die Regung von Fleisch und Schleim; verbrannt durch den fremden Leib, wechselt von Leib zu Leib die Kraft oder Schwäche,
Wort für Wort
prāṇināṃ prāṇasaṃrodhe
bei der Unterdrückung des Atems der Lebewesen
māṃsaśleṣmaviceṣṭitam
die Regung von Fleisch und Schleim
nirdagdhaṃ paradehena
verbrannt durch den fremden Leib
paradehaṃ balābalam
von Leib zu Leib, Kraft oder Schwäche
[?: Vers stark komprimiert und syntaktisch unklar; sinngemäß als Beschreibung der Übergänge zwischen den Verkörperungen übersetzt.]
geht am Ende der Vernichtung zugrunde, wie ein festgemachtes Boot an einem anderen, unbeweglichen Boot; durch zufällige Zusammenkunft in den Mutterleib gelegt, der bewusstlose Samentropfen –
durch welche Anstrengung siehst du hier den Keim lebendig werden? Dort, wo Speise und Trank verdaut werden und die verzehrten Speisen verarbeitet werden –
eben in diesem selben Bauch – warum wird der Keim nicht wie die Speise verdaut? Im Mutterleib gibt es für Harn und Kot einen von Natur aus festgelegten Weg;
dhāraṇe vā visarge ca na kartuṃ vidyate 'vaśaḥ / prabhavantyudare garbhā jāyamānāstathāpare
weder beim Zurückhalten noch beim Ausscheiden vermag der Machtlose darüber zu bestimmen. Im Bauch entstehen die Keime, und ebenso werden andere von ihnen geboren,
pūjāṃ na labhate kāñcitpunarddhandveṣu majjati / garbhasya saha jātasya saptamīmīdṛśīṃ daśām
– wer diese Bindung nicht durchschaut, erlangt keinerlei Verehrung mehr, versinkt wieder in den Gegensatzpaaren. Von dem mit dem Keim zugleich Geborenen erreichen nur wenige einen solchen siebenten Zustand,
Wort für Wort
pūjāṃ na labhate kāñcit
er erlangt keinerlei Verehrung
punar dvandveṣu majjati
er versinkt wieder in den Gegensatzpaaren
garbhasya saha jātasya
von dem mit dem Keim zugleich Geborenen
saptamīm īdṛśīṃ daśām
einen solchen siebenten Zustand
[?: Zusammenhang zwischen V54 (Loslösung) und V55 (erneutes Versinken) unklar; V55 scheint sich auf den zu beziehen, der die Bindung NICHT löst – sinngemäß ergänzt. Der zweite Halbvers leitet zur Zahlenangabe in V56 über.]
erreichen von daher nur fünf; sie erlangen kein Alter von hundert Jahren. Beim ersten Aufstehen der Menschen nach der Geburt gibt es keine sicheren Fügungen – daran besteht hier kein Zweifel.
Wort für Wort
prāpnuvanti tataḥ pañca
es erreichen davon [nur] fünf
na bhavanti śatāyuṣaḥ
sie erlangen kein hundertjähriges Leben
nābhyutthāne manuṣyāṇāṃ
beim Aufstehen der Menschen gibt es nicht
yogāḥ syur nātra saṃśayaḥ
sichere Fügungen, daran besteht kein Zweifel
[?: Der Vers setzt offenbar eine (nicht überlieferte) Zählung voraus, wonach von einer bestimmten Zahl Neugeborener nur ein Bruchteil das hohe Alter erreicht; sinngemäß, mit Unsicherheit, übersetzt.]
Und sie werden von Krankheiten heimgesucht, wie kleine Wildtiere von Tigern; selbst denen, die von Krankheiten verzehrt werden und dabei reichen Besitz aufgeben,
te pibanti kaṣāyāṃśca sarpīṣi vividhāni ca / dṛśyante jarayā bhagnā nāgairnāgā ivottamāḥ
Sie trinken Absude und mannigfache Butterschmalz-Zubereitungen; dennoch sieht man sie, vom Alter gebrochen, wie die besten Elefanten von anderen Elefanten bezwungen.
Von wem denn sollten auf Erden die von Krankheit gequälten wilden Tiere und Vögel geheilt werden? Wilde Tiere und Arme sind meist gar nicht durch solche Sorge gequält.
Wort für Wort
kair vā bhuvi cikitsyenta
von wem denn sollten auf Erden geheilt werden
rogārttā mṛgapakṣiṇaḥ
die von Krankheit gequälten wilden Tiere und Vögel
śvāpadāś ca daridrāś ca
wilde Tiere und Arme
prāyo nārtā bhavanti te
sind meist nicht [durch solche Sorge] gequält
[?: Zweiter Halbvers paradox – gemeint wohl: Tiere und Arme leiden zwar an Krankheit, doch nicht zusätzlich an der Sorge um deren Behandlung, da sie keine Ärzte haben.]
Selbst furchtbare, unangreifbare Könige von schrecklichem Glanz überwältigt die Krankheit und rafft sie dahin, so wie ein Viehschlächter das Vieh dahinrafft.
na dhanena na rājyena nogreṇa tapasā tathā / svabhāvā hyativartante ye nirmuktāḥ śarīriṣu
– weder durch Reichtum, noch durch Königsherrschaft, noch ebenso durch strenge Askese ist ihr zu entrinnen; denn die angeborenen Wesensarten setzen sich durch, welche auch bei den Befreiten unter den Verkörperten fortwirken.
Wort für Wort
na dhanena na rājyena
weder durch Reichtum noch durch Königsherrschaft
nogreṇa tapasā tathā
noch ebenso durch strenge Askese
svabhāvā hy ativartante
denn die Wesensarten setzen sich durch
ye nirmuktāḥ śarīriṣu
welche [auch] bei den vom Körperlichen Befreiten [fortwirken]
[?: Zweiter Halbvers unsicher; sinngemäß so gedeutet, dass selbst bei innerlich Befreiten die angeborene Wesensnatur (svabhāva) im verkörperten Zustand fortbesteht.]
na mriyerannajīryeransarve syuḥ sārvakāmikāḥ / nāpriyaṃ pratipadyerannutthānasya phalaṃ prati
Sonst würden alle nicht sterben, nicht altern, würden alle ihre Wünsche erfüllt bekommen; sie würden nichts Unerwünschtes erfahren hinsichtlich der Frucht ihres Strebens.
aiśvaryamadamattāśca mānānmayamadena ca / apramattāḥ śaṭhāḥ krūrā vikrāntāḥ paryupāsate
Berauscht vom Rausch der Herrschermacht, und trunken von Stolz und Eitelkeit, dienen dennoch – unbekümmert, tückisch, grausam, gewalttätig –
Wort für Wort
aiśvaryamadamattāś ca
berauscht vom Rausch der Herrschermacht
mānān mayamadena ca
und von Stolz und Eitelkeitsrausch
apramattāḥ śaṭhāḥ krūrā
unbekümmert, tückisch, grausam
vikrāntāḥ paryupāsate
gewalttätig, sie warten auf
[?: Konstruktion elliptisch; Subjekt und regierendes Verb beziehen sich vermutlich auf Höflinge, die trotz eigener Rauschzustände einem Herrscher dienen; sinngemäß ergänzt.]
śokāḥ pratinivartante keṣāñcidasamīkṣatām / svaṃ svaṃ ca punaranyeṣāṃ na kañcidatigacchati
Bei manchen, die die Dinge nicht rechtmäßig prüfen, kehren die Sorgen immer wieder zurück; und für andere wiederum geht das Leid nicht über ihr jeweils eigenes Maß hinaus.
Wort für Wort
śokāḥ pratinivartante
die Sorgen kehren zurück
keṣāñcid asamīkṣatām
bei manchen, die [die Dinge] nicht prüfen
svaṃ svaṃ ca punar anyeṣāṃ
und für andere wiederum ihr je eigenes [Maß]
na kañcid atigacchati
geht bei niemandem darüber hinaus
[?: Vers syntaktisch verdichtet; sinngemäß so gedeutet, dass niemand vom Leid gänzlich verschont bleibt.]
Und eine große Ungleichheit der Früchte sieht man bei den Verkettungen der Taten (Schicksalsfügungen): manche tragen die Sänfte, andere gehen als Sänftenbesteiger, getragen –
unter all denen, die nach Gedeihen streben, ziehen manche den Wagen voran; und manche Menschen, ihres Glücks verlustig, ebenso auf hundertfache, mannigfache Weise die Frauen –
Wort für Wort
sarveṣām ṛddhikāmānām
unter all denen, die nach Gedeihen streben
anye rathapuraḥsarāḥ
manche ziehen den Wagen voran
manujāś ca gataśrīkāḥ
und Menschen, ihres Glücks verlustig
śataśo vividhāḥ striyāḥ
auf hundertfache, mannigfache Weise, [ebenso] die Frauen
[?: „rathapuraḥ sarāḥ“ unsicher, wohl im Sinne von ‚dem Wagen vorausgehend/ihn ziehend' gedeutet; der Vers setzt die Reihe der Kontraste (Getragene/Tragende) aus V69 fort.]
unter den Wesen, die sich an den Gegensatzpaaren erfreuen, gehen die Menschen dahin, einer nach dem anderen. Schau dies, das andere, das Höhere – dann wirst du dich hierüber nicht mehr täuschen.
Wort für Wort
dvandvārāmeṣu bhūteṣu
unter den Wesen, die sich an den Gegensatzpaaren erfreuen
Gib sowohl Dharma als auch Adharma auf, gib die Vorstellung von Wahr und Unwahr auf; nachdem du alles aufgegeben hast, in deiner eigenen Wesensform verweilend, werde glücklich und frei von Leiden.
Wort für Wort
dharmaṃ cāpi tyajādharmaṃ
gib sowohl Dharma als auch Adharma auf
tyaja satyānṛtāṃ dhiyam
gib die Vorstellung von Wahr und Unwahr auf
sarvaṃ tyaktvā svarūpasthaḥ
alles aufgebend, in der eigenen Wesensform verweilend
Dies wurde dir, o Bester der Seher, als höchstes Geheimnis dargelegt, wodurch die Götter, nachdem sie die irdische Welt verlassen hatten, zum Himmel gelangten.
Sanandana sprach: Nachdem er so gesprochen und sich vom Sohn des Vyāsa verabschiedet hatte, der von diesem ehrfurchtsvoll geehrt worden war, zog der große Muni Sanatkumāra fort.
Auch Śuka, der Beste der Yogins, ging, nachdem er das Wesen des Bestehenden vollständig erkannt hatte, begierig, die Stätte des Brahman aufzusuchen, zu seinem Vater.
Wort für Wort
śuko 'pi yogināṃ śreṣṭhaḥ
auch Śuka, der Beste der Yogins
samyagjñātvā hy avasthitam
nachdem er das Bestehende vollständig erkannt hatte