Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 60 Sanatkumāras Lehre von der Vergänglichkeit und Śukas Eingang in die Erlösung

Kolophon ohne Beschreibungstitel; Kapiteltitel daher aus dem Inhalt formuliert. [Anm.: Wie im gesamten Kapitelbereich 56–61 dieses Projekts steht auch hier der eigentliche Schlusskolophon dieses Kapitels nicht an dessen Ende, sondern am Kopf der folgenden Quelldatei (Kapitel 61), mit der gegenüber der Projektzählung um eins erhöhten Sanskrit-Ordnungszahl „ekaṣaṣṭitama“ (61.) — dies wurde bereits im Datensatz von Kapitel 61 dokumentiert; die im Kopf DIESER Datei stehende Kolophonzeile gehört spiegelbildlich zum vorangehenden 59. Kapitel.] Dieses letzte Kapitel des zweiten Pāda führt Sanatkumāras Unterweisung Śukas fort: eine ausgedehnte Meditation über Vergänglichkeit, die Unausweichlichkeit von Leid, Alter, Krankheit und Tod, die Vergeblichkeit weltlichen Strebens sowie die Ungewissheit von Geburt und Empfängnis (V.1–73). Den Abschluss bildet Śukas endgültiger Abschied von seinem Vater Vyāsa und sein Eingehen in die Erlösung (V.74–78), mit dem der zweite Pāda des Werks endet.

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge dvitīyapāde bṛhadupākhyāne ṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ sanatkumāra uvāca aśokaṃ śokanāśārthaṃ śāstraṃ śāntikaraṃ śivam / niśamya labhyate buddhirlabdhāyāṃ sukhamedhate

Sanatkumāra sprach: Nachdem man die Lehre vernommen hat, die leidlos, zur Vernichtung des Leids, friedebringend und heilsam ist, erlangt man Einsicht; ist diese erlangt, mehrt sich das Glück.

Wort für Wort
aśokaṃ śokanāśārthaṃ
leidlos, zur Vernichtung des Leids
śāstraṃ śāntikaraṃ śivam
die Lehre, friedebringend, heilsam
niśamya labhyate buddhir
nachdem man sie vernommen hat, wird Einsicht erlangt
labdhāyāṃ sukham edhate
ist diese erlangt, mehrt sich das Glück

[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext eine Kolophonzeile vorangestellt („iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge dvitīyapāde bṛhadupākhyāne ṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ“), gefolgt von einer Trennlinie. Diese Zeile ist der versetzt überlieferte Schlusskolophon des vorangehenden 59. Kapitels; sie wurde im sa-Feld dokumentiert, jedoch nicht in die Übersetzung einbezogen.]

harṣasthānasahasrāṇi śokasthānaśatāni ca / divase divase mūḍhamāviśanti na paṇḍitam

Tausende von Anlässen zur Freude und Hunderte von Anlässen zum Leid befallen Tag für Tag den Verblendeten, nicht den Weisen.

Wort für Wort
harṣasthānasahasrāṇi
Tausende von Anlässen zur Freude
śokasthānaśatāni ca
und Hunderte von Anlässen zum Leid
divase divase mūḍham
Tag für Tag den Verblendeten
āviśanti na paṇḍitam
befallen sie, nicht den Weisen

aniṣṭasaṃpraṃyogāśca viprayogātpriyasya ca / manuṣyā mānasairduḥkhairyujyante ye 'lpabuddhayaḥ

Durch die Verbindung mit Unerwünschtem und durch die Trennung von Liebem werden die Menschen, die von geringem Verstand sind, mit seelischen Leiden befallen.

Wort für Wort
aniṣṭasaṃprayogāś ca
durch die Verbindung mit Unerwünschtem
viprayogāt priyasya ca
und durch die Trennung von Liebem
manuṣyā mānasair duḥkhair
die Menschen mit seelischen Leiden
yujyante ye 'lpabuddhayaḥ
werden befallen, die von geringem Verstand sind

dravyeṣu samatīteṣu ye guṇāstenna cindayet / tānanādriyamāṇaśca snehabandhādvimucyate

Über die Vorzüge vergangener Dinge soll man nicht länger nachsinnen; und indem man sie nicht mehr beachtet, wird man von der Fessel der Zuneigung befreit.

Wort für Wort
dravyeṣu samatīteṣu
über vergangene Dinge
ye guṇās tena cintayet
über deren Vorzüge soll man nicht nachsinnen
tān anādriyamāṇaś ca
und sie nicht mehr beachtend
snehabandhād vimucyate
wird man von der Fessel der Zuneigung befreit

[?: „cindayet“ für „cintayet“ verlesen.]

doṣadarśī bhavettatra yatra rāgaḥ pravarttate / aniṣṭabuddhitāṃ yacchettataḥ kṣipraṃ virājate

Man werde ein Fehler-Erblickender dort, wo Leidenschaft entsteht; man verschaffe sich dazu die Einstellung des Nicht-Wünschens – dann erstrahlt man rasch in Freiheit.

Wort für Wort
doṣadarśī bhavet tatra
man werde ein Fehler-Erblickender dort
yatra rāgaḥ pravarttate
wo Leidenschaft entsteht
aniṣṭabuddhitāṃ yacchet
man verschaffe sich die Einstellung des Nicht-Wünschens
tataḥ kṣipraṃ virājate
dann erstrahlt man rasch

nārtho na dharmo na yaśo yo 'tītamanuśocati / asyābhāvena yujyetaṃ tañcāsya tu nivartate

Weder Gewinn noch Dharma noch Ruhm erlangt, wer über das Vergangene trauert; durch dessen Nichtvorhandensein würde nur mehr Leid entstehen, und es selbst kehrt dadurch nicht zurück.

Wort für Wort
nārtho na dharmo na yaśo
weder Gewinn noch Dharma noch Ruhm
yo 'tītam anuśocati
erlangt, wer über das Vergangene trauert
asyābhāvena yujyeta
durch dessen Nichtvorhandensein würde [nur mehr Leid] entstehen
taṃ cāsya tu nivartate
und es selbst kehrt dadurch nicht zurück

[?: Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; sinngemäß als Feststellung der Nutzlosigkeit der Trauer über Verlorenes gedeutet.]

guṇairbhūtāni yujyante tathaiva ca na yujyate / sarvāṇi naitadekasya śokasthānaṃ hi vidyate

Durch gute Eigenschaften kommen die Wesen einander nahe, und ebenso auch nicht durch deren Fehlen; dies ist nicht für einen einzigen allein bestimmt – Anlass zum Leid gibt es für alle.

Wort für Wort
guṇair bhūtāni yujyante
durch Eigenschaften kommen die Wesen zusammen
tathaiva ca na yujyate
und ebenso auch nicht [durch deren Fehlen]
sarvāṇi naitad ekasya
dies ist nicht für einen einzigen allein
śokasthānaṃ hi vidyate
Anlass zum Leid gibt es [für alle]

[?: Vers syntaktisch komprimiert; sinngemäß als allgemeine Aussage über das gemeinsame Los aller Wesen gedeutet.]

mṛtaṃ vā yadi vā naṣṭaṃ yo 'tītamanuśocati / duḥkhena labhate duḥkhaṃ mahānarthe prapadyate

Wer über das Vergangene trauert, sei es einen Toten, sei es einen Verlorenen, der erlangt durch dieses Leid nur weiteres Leid und gerät in großes Unheil.

Wort für Wort
mṛtaṃ vā yadi vā naṣṭaṃ
sei es einen Toten, sei es einen Verlorenen
yo 'tītam anuśocati
wer über das Vergangene trauert
duḥkhena labhate duḥkhaṃ
durch Leid erlangt er Leid
mahānarthe prapadyate
er gerät in großes Unheil

duḥkhopaghāte śārīre mānase cāpyupasthite / yasminna śakyate kartuṃ yatnastannānurcitayet

Wenn körperliches oder auch geistiges Leid als Schädigung eingetreten ist, worüber sich nichts mehr unternehmen lässt – darüber soll man nicht weiter nachsinnen.

Wort für Wort
duḥkhopaghāte śārīre
bei körperlichem Leid als Schädigung
mānase cāpy upasthite
und auch bei eingetretenem geistigem [Leid]
yasmin na śakyate kartum
worüber nichts unternommen werden kann
yatnas tan nānucintayet
darüber soll man nicht weiter nachsinnen

[?: „anurcitayet“ für „anucintayet“ verlesen.]

bhaiṣajyametaddaḥkhasya yadetannānucintayet / cintyamānaṃ hi na vyeti bhūyaścābhipravarddhate

Dies ist die Arznei gegen das Leid: dass man nicht weiter darüber nachsinnt. Denn was beständig bedacht wird, weicht nicht, sondern wächst vielmehr noch an.

Wort für Wort
bhaiṣajyam etad duḥkhasya
dies ist die Arznei des Leids
yad etan nānucintayet
dass man nicht darüber nachsinnt
cintyamānaṃ hi na vyeti
denn was bedacht wird, weicht nicht
bhūyaś cābhipravarddhate
sondern wächst noch mehr an

prajñayā mānasaṃ duḥkhaṃ hanyācchārīramauṣadhaiḥ / etadvijñāya sāmarthyaṃ na vānyaiḥ samatāmiyāt

Durch Weisheit soll man geistiges Leid, durch Arzneien körperliches Leid vertreiben; nachdem man dies erkannt hat, erlangt man die rechte Fähigkeit – nicht aber gelangt man durch anderes zu innerer Gleichmut.

Wort für Wort
prajñayā mānasaṃ duḥkhaṃ
durch Weisheit geistiges Leid
hanyāc chārīram auṣadhaiḥ
soll man vertreiben, körperliches durch Arzneien
etad vijñāya sāmarthyaṃ
nachdem man dies erkannt hat, die Fähigkeit
na vānyaiḥ samatām iyāt
nicht aber gelangt man durch anderes zur Gleichmut

anityaṃ jīvitaṃ rūpaṃ yauvanaṃ dravyasañcayaḥ / ārogyaṃ priyasaṃvāsaṃ na mṛdhyetpaṇḍitaḥ kvacit

Unbeständig sind Leben, Schönheit, Jugend, angehäufter Besitz, Gesundheit und das Zusammenleben mit den Lieben; danach soll der Weise niemals verlangen.

Wort für Wort
anityaṃ jīvitaṃ rūpaṃ
unbeständig sind Leben, Schönheit
yauvanaṃ dravyasañcayaḥ
Jugend, angehäufter Besitz
ārogyaṃ priyasaṃvāsaṃ
Gesundheit, Zusammenleben mit den Lieben
na spṛhyet paṇḍitaḥ kvacit
danach soll der Weise niemals verlangen

[?: „na mṛdhyet“ unsicher, wohl für „na spṛhyet“ (soll nicht danach verlangen) gelesen; sinngemäß übersetzt.]

nājñānaprabhavaṃ duḥkhamekaṃ śocitumarhati / aśocanpratikurvīta yadi paśyedupakramam

Nicht soll man das eine aus Unwissenheit entstandene Leid beklagen; ohne zu klagen soll man Abhilfe schaffen, wenn man einen geeigneten Ansatz dazu sieht.

Wort für Wort
nājñānaprabhavaṃ duḥkham
nicht das aus Unwissenheit entstandene Leid
ekaṃ śocitum arhati
soll man als einziges beklagen
aśocan pratikurvīta
ohne zu klagen soll man Abhilfe schaffen
yadi paśyed upakramam
wenn man einen Ansatz dazu sieht

sukhātpriyataraṃ duḥkhaṃ jīvite nātra saṃśayaḥ / jarāmaraṇaduḥkhebhyaḥ priyamātmānamuddharet

Lieber als das Glück ist dem Menschen manchmal das Leid im Leben – daran besteht hier kein Zweifel; man rette den lieben eigenen Selbst vor den Leiden von Alter und Tod.

Wort für Wort
sukhāt priyataraṃ duḥkhaṃ
lieber als das Glück das Leid
jīvite nātra saṃśayaḥ
im Leben, daran kein Zweifel
jarāmaraṇaduḥkhebhyaḥ
vor den Leiden von Alter und Tod
priyam ātmānam uddharet
man rette den lieben eigenen Selbst

[?: Erster Halbvers paradox formuliert; gemeint ist wohl, dass das Leid im Leben unausweichlicher, ‚näher' ist als das Glück.]

bhajanti hi śārīrāṇi rogāḥ śarīramānasāḥ / sāyakā iva tīkṣṇāgrāḥ prayuktā dṛḍhadhanvibhiḥ

Denn die Körper werden von Krankheiten heimgesucht, körperlichen wie seelischen, gleich scharfspitzigen Pfeilen, abgeschossen von kraftvollen Bogenschützen.

Wort für Wort
bhajanti hi śārīrāṇi
denn die Körper werden heimgesucht
rogāḥ śarīramānasāḥ
von Krankheiten, körperlichen und seelischen
sāyakā iva tīkṣṇāgrāḥ
gleich scharfspitzigen Pfeilen
prayuktā dṛḍhadhanvibhiḥ
abgeschossen von kraftvollen Bogenschützen

vyādhitasya cikitsābhistrasyato jīvitaiṣiṇaḥ / āmayasya vināśāya śarīramanukṛṣyate

Beim Kranken, der vor dem Tod erschrickt und nach Leben verlangt, wird durch Heilmittel zur Vernichtung der Krankheit der Körper gleichsam ständig weiter hingeschleppt.

Wort für Wort
vyādhitasya cikitsābhis
beim Kranken, durch Heilmittel
trasyato jīvitaiṣiṇaḥ
der erschrickt und nach Leben verlangt
āmayasya vināśāya
zur Vernichtung der Krankheit
śarīram anukṛṣyate
wird der Körper hingeschleppt

sraṃsaṃti na nivartante srotāṃsi saritāmiva / āyurādāya martyānāṃ rātryahāni punaḥpunaḥ

Sie gleiten dahin, kehren nicht zurück, gleich den Strömungen der Flüsse – die Tage und Nächte, die immer wieder das Leben der Sterblichen mit sich nehmen,

Wort für Wort
sraṃsanti na nivartante
sie gleiten dahin, kehren nicht zurück
srotāṃsi saritām iva
gleich den Strömungen der Flüsse
āyur ādāya martyānāṃ
das Leben der Sterblichen mit sich nehmend
rātryahāni punaḥ punaḥ
die Nächte und Tage, immer wieder

apayantyayamatyantaṃ pakṣayoḥ śuklakṛṣṇayoḥ / jātaṃ martyaṃ jarayati nimiṣaṃ nāvatiṣṭate

vergehen unaufhaltsam, in der hellen und der dunklen Monatshälfte; die Zeit lässt den geborenen Sterblichen altern, sie verharrt keinen Augenblick.

Wort für Wort
apayanty ayam atyantaṃ
sie vergehen unaufhaltsam, diese
pakṣayoḥ śuklakṛṣṇayoḥ
in der hellen und der dunklen Monatshälfte
jātaṃ martyaṃ jarayati
sie lässt den geborenen Sterblichen altern
nimiṣaṃ nāvatiṣṭhate
sie verharrt keinen Augenblick

sukhaduḥkhābhibhūtānāmajaro jarayatyasūn / ādityo hyastamabhyeti punaḥ punarudeti ca

Der selbst Alterlose lässt die Lebenshauche derer, die von Glück und Leid überwältigt sind, altern; die Sonne geht zwar täglich unter und geht immer wieder auf,

Wort für Wort
sukhaduḥkhābhibhūtānām
derer, die von Glück und Leid überwältigt sind
ajaro jarayaty asūn
der Alterlose lässt die Lebenshauche altern
ādityo hy astam abhyeti
die Sonne geht zwar unter
punaḥ punar udeti ca
und geht immer wieder auf

adṛṣṭapūrvānādāya bhāvānapariśaṅkitān / iṣṭāniṣṭā manuṣyāṇāṃ mataṃ gacchanti rātrayaḥ

– doch die Nächte vergehen, dem Willen der Menschen entzogen, erwünscht oder unerwünscht, indem sie zuvor ungeschaute, unerwartete Zustände mit sich bringen.

Wort für Wort
adṛṣṭapūrvān ādāya
zuvor ungeschaute mit sich bringend
bhāvān apariśaṅkitān
unerwartete Zustände
iṣṭāniṣṭā manuṣyāṇāṃ
erwünscht oder unerwünscht, der Menschen
mataṃ gacchanti rātrayaḥ
vergehen die Nächte

[?: „mataṃ gacchanti“ unsicher – im Sinne von ‚entschwinden/vergehen' verstanden; sinngemäß übersetzt.]

yo yadicchedyathākāmaṃ kāmānāṃ tattadāpnuyāt / yadi syānna parādhīnaṃ puruṣasya kriyāphalam

Wer immer was auch immer nach eigenem Wunsch begehrte, der würde eben jenes von den Begehrenswerten erlangen, wenn die Frucht der Tat des Menschen nicht von einem anderen abhinge.

Wort für Wort
yo yad icched yathākāmaṃ
wer was auch immer nach eigenem Wunsch begehrte
kāmānāṃ tat tad āpnuyāt
der würde eben jenes von den Begehrenswerten erlangen
yadi syān na parādhīnaṃ
wenn es nicht von einem anderen abhinge
puruṣasya kriyāphalam
die Frucht der Tat des Menschen

saṃyatāścaiva takṣāśca matimantaśca mānavāḥ / dṛśyante niṣphalāḥ saṃtaḥ prahīnāśca svakarmabhiḥ

Auch selbstbeherrschte, geschickte und kluge Menschen sieht man erfolglos bleiben und durch ihre eigenen Taten zugrunde gehen.

Wort für Wort
saṃyatāś caiva takṣāś ca
selbstbeherrschte und geschickte
matimantaś ca mānavāḥ
und kluge Menschen
dṛśyante niṣphalāḥ santaḥ
sieht man erfolglos bleiben
prahīnāś ca svakarmabhiḥ
und durch ihre eigenen Taten zugrunde gehen

apare niṣphalāḥ santo nirguṇāḥ puruṣādhamāḥ / āśābhiraṇyasaṃyuktā dṛśyante sarvakāminaḥ

Andere aber, erfolglos, ohne gute Eigenschaften, die niedrigsten der Menschen, sieht man, von der Hoffnung auf Gold erfüllt, nach allem begehrend.

Wort für Wort
apare niṣphalāḥ santo
andere aber, erfolglos
nirguṇāḥ puruṣādhamāḥ
ohne gute Eigenschaften, die niedrigsten der Menschen
āśābhir hiraṇyasaṃyuktā
verbunden mit der Hoffnung auf Gold
dṛśyante sarvakāminaḥ
sieht man, alles begehrend

[?: „āśābhiraṇyasaṃyuktā“ unsicher segmentiert, wohl „āśābhir hiraṇyasaṃyuktāḥ“ (verbunden mit der Hoffnung auf Gold) gelesen.]

bhūtānāmaparaḥ kaściddhiṃsāyāṃ satatotthitaḥ / vañcanāyāṃ ca lokeṣu sasukheṣveva jīyate

Mancher andere, gegenüber den Wesen beständig zur Gewalttätigkeit bereit und zum Betrug in der Welt, verliert dennoch selbst inmitten von Glücklichen.

Wort für Wort
bhūtānām aparaḥ kaścid
gegenüber den Wesen mancher andere
hiṃsāyāṃ satatotthitaḥ
beständig zur Gewalttätigkeit bereit
vañcanāyāṃ ca lokeṣu
und zum Betrug in der Welt
sasukheṣv eva jīyate
verliert dennoch selbst inmitten von Glücklichen

[?: Zweiter Halbvers unklar; „sasukheṣveva jīyate“ deutet wohl an, dass ein solcher Mensch selbst unter günstigen Umständen unterliegt; sinngemäß übersetzt.]

aceṣṭamānamāsīnaṃ śrīḥ kañcidupatiṣṭati / kaścitkarmāṇi kurute na prāpyamadhigacchati

Manchen, der untätig sitzt, sucht das Glück (Śrī) von selbst auf; mancher andere vollbringt viele Taten und erlangt dennoch nicht das zu Erlangende.

Wort für Wort
aceṣṭamānam āsīnaṃ
den untätig Sitzenden
śrīḥ kañcid upatiṣṭhati
sucht das Glück manchen auf
kaścit karmāṇi kurute
mancher vollbringt Taten
na prāpyam adhigacchati
erlangt nicht das zu Erlangende

aparādhānsamācṣṭuṃ puruṣasya svabhāvataḥ / śukramanyatra saṃbhūtaṃ punaranyatra gacchati

Um die Vergehen des Menschen aus dessen eigenem Wesen heraus zu erklären: der Same, an einem Ort entstanden, gelangt wieder an einen anderen Ort,

Wort für Wort
aparādhān samākhyātuṃ
um die Vergehen zu erklären
puruṣasya svabhāvataḥ
des Menschen, aus [seinem eigenen] Wesen
śukram anyatra saṃbhūtaṃ
der Same, an einem [Ort] entstanden
punar anyatra gacchati
gelangt wieder an einen anderen [Ort]

[?: „samācṣṭuṃ“ wohl für „samākhyātum“ (zu erklären) verlesen; der Zusammenhang mit dem Folgenden (Empfängnis, Geburt) ist sinngemäß als Beispiel für die Unergründlichkeit des Schicksals gedeutet.]

tasya yonau prasaktasya garbho bhavati mānavaḥ / āmrapuṣpopamā yasya nivṛttirupalabhyate

aus ihm, im Mutterschoß haftend, entsteht der menschliche Keim, dessen Vergehen oft so flüchtig wie eine Mangoblüte erfahren wird.

Wort für Wort
tasya yonau prasaktasya
aus ihm, im Mutterschoß haftend
garbho bhavati mānavaḥ
entsteht der menschliche Keim
āmrapuṣpopamā yasya
dessen, einer Mangoblüte gleich
nivṛttir upalabhyate
Vergehen erfahren wird

keṣāñcitputrakāmānāmanusantānamicchatām / siddhau prayatamānānāṃ naivāṇḍamupajāyate

Manchen, die sich einen Sohn wünschen, die nach Nachkommenschaft verlangen, die sich um deren Zustandekommen bemühen, entsteht überhaupt keine befruchtete Keimzelle.

Wort für Wort
keṣāñcit putrakāmānām
manchen, die sich einen Sohn wünschen
anusantānam icchatām
die nach Nachkommenschaft verlangen
siddhau prayatamānānāṃ
die sich um deren Zustandekommen bemühen
naivāṇḍam upajāyate
entsteht überhaupt keine Keimzelle

garbhādudvijamānānāṃ kruddhādaśīviṣādiva / āyuṣmān jāyate putraḥ kathaṃ pretaḥ piteva saḥ

Manchen, die vor der Schwangerschaft zurückschrecken wie vor einer erzürnten Giftschlange, wird dennoch ein langlebiger Sohn geboren; manch anderem hingegen – wie kommt es, dass er, wie bereits verstorben, dahingeht wie einst der Vater?

Wort für Wort
garbhād udvijamānānāṃ
denen, die vor der Schwangerschaft zurückschrecken
kruddhād aśīviṣād iva
wie vor einer erzürnten Giftschlange
āyuṣmān jāyate putraḥ
wird ein langlebiger Sohn geboren
kathaṃ pretaḥ piteva saḥ
[manch anderer] wie kommt es, dass er wie der [verstorbene] Vater dahingeht

[?: Zweiter Halbvers elliptisch; Gegenüberstellung von Glücks- und Unglücksfall bei der Geburt sinngemäß ergänzt.]

devāniṣṭvā tapastaptvā kṛpaṇaiḥ putrahetubhiḥ / daśamāsānparidhṛtā jāyate kulapāṃsanāḥ

Nachdem sie den Göttern geopfert, Askese geübt haben, mit elenden, auf einen Sohn zielenden Bemühungen, zehn Monate das Kind getragen habend, wird ihnen dennoch ein die Familie schändender Sohn geboren.

Wort für Wort
devān iṣṭvā tapas taptvā
nachdem sie den Göttern geopfert, Askese geübt haben
kṛpaṇaiḥ putrahetubhiḥ
mit elenden, auf einen Sohn zielenden [Bemühungen]
daśamāsān paridhṛtā
zehn Monate lang [das Kind] getragen habend
jāyate kulapāṃsanaḥ
wird ein die Familie schändender [Sohn] geboren

apare dhanadhānyāni bhogāṃśca pitṛsaṃcitān / vimalānabhijāyante labdhvā taireva maṅgalaiḥ

Andere Söhne hingegen werden, makellos, geboren, um Reichtum und Getreide sowie die vom Vater angehäuften Genüsse fortzuführen, nachdem sie eben durch jene glückverheißenden Umstände zustande gekommen sind.

Wort für Wort
apare dhanadhānyāni
andere aber Reichtum und Getreide
bhogāṃś ca pitṛsaṃcitān
und die vom Vater angehäuften Genüsse
vimalān abhijāyante
werden makellos geboren
labdhvā taireva maṅgalaiḥ
nachdem sie eben durch jene glückverheißenden [Umstände] erlangt wurden

anyonya samabhipretya maithunasya samāgame / upadravaivādṛṣṭo yonau garbhaḥ prapadyate

Wenn sich zwei einander in gegenseitigem Einverständnis zur ehelichen Vereinigung zusammenfinden, entsteht, durch unsichtbare Missgeschicke gestört oder auch nicht, der Keim im Mutterschoß.

Wort für Wort
anyonya samabhipretya
einander in gegenseitigem Einverständnis
maithunasya samāgame
bei der Vereinigung des ehelichen Beischlafs
upadravair adṛṣṭo
durch unsichtbare Missgeschicke
yonau garbhaḥ prapadyate
entsteht der Keim im Mutterschoß

snigdhatvādindriyārtheṣu mohānmaraṇamapriyam / parityajati yo duḥkhaṃ sukhamapyubhayaṃ naraḥ

Aus Anhänglichkeit an die Sinnesobjekte, aus Verblendung heraus, hält man den Tod für unerwünscht; wer aber beides, Leid und auch Glück, gleichermaßen aufgibt,

Wort für Wort
snigdhatvād indriyārtheṣu
aus Anhänglichkeit an die Sinnesobjekte
mohān maraṇam apriyam
aus Verblendung, den Tod für unerwünscht [haltend]
parityajati yo duḥkhaṃ
wer aber das Leid aufgibt
sukham apy ubhayaṃ naraḥ
und auch das Glück, beides, der Mensch

atyeti brahma so 'tyantaṃ sukhamapyaśnute param / duḥkhamarthā hi tyajyante pālane ca na te sukhāḥ

der überschreitet alles und erlangt gänzlich auch das höchste Glück, das Brahman. Denn um des Erwerbs willen wird Leid ertragen, und im Erhalten der Güter gibt es kein Glück.

Wort für Wort
atyeti brahma so 'tyantaṃ
er überschreitet [alles], das Brahman, gänzlich
sukham apy aśnute param
und erlangt auch das höchste Glück
duḥkham arthā hi tyajyante
denn um des Erwerbs willen wird Leid [ertragen]
pālane ca na te sukhāḥ
und im Erhalten [der Güter] gibt es kein Glück

[?: „duḥkhamarthā hi tyajyante“ unklar; sinngemäß als Aussage über die Vergeblichkeit weltlichen Strebens gedeutet – weder Erwerb noch Erhalt von Gütern bringen wahres Glück.]

śrutvaiva nādhigamanaṃ nāśameṣāṃ na cintayet / anyāmanyāṃ dhanāvasthāṃ prāpya vaiśeṣikā narāḥ

Man soll, nachdem man dies gehört hat, nicht über das Nicht-Erlangen von Reichtum und dessen Untergang nachsinnen; einen je anderen Vermögensstand erlangend, erweisen sich die Menschen als [je unterschiedlich, doch stets unbefriedigt] –

Wort für Wort
śrutvaiva nādhigamanaṃ
nachdem man gehört hat, [über] das Nicht-Erlangen
nāśam eṣāṃ na cintayet
und deren Untergang soll man nicht nachsinnen
anyām anyāṃ dhanāvasthāṃ
einen je anderen Vermögensstand
prāpya vaiśeṣikā narāḥ
erlangend, [erweisen sich] die Menschen als [je] unterschieden

[?: Vers stark komprimiert; „vaiśeṣikā narāḥ“ wird hier als Hinweis auf die je unterschiedlichen und daher letztlich beliebigen Vermögenszustände der Menschen gedeutet.]

atṛptā yānti vidhvaṃsaṃ santoṣaṃ yānti paṇḍitāḥ / sarve kṣayāntā nicayāḥ patanāntāḥ samucchrayāḥ

unbefriedigt gehen sie dem Untergang entgegen; die Weisen hingegen gelangen zur Zufriedenheit. Alle Anhäufungen enden im Schwinden, alle Erhöhungen enden im Fall.

Wort für Wort
atṛptā yānti vidhvaṃsaṃ
unbefriedigt gehen sie dem Untergang entgegen
santoṣaṃ yānti paṇḍitāḥ
zur Zufriedenheit gelangen die Weisen
sarve kṣayāntā nicayāḥ
alle Anhäufungen enden im Schwinden
patanāntāḥ samucchrayāḥ
alle Erhöhungen enden im Fall

saṃyogā viprayogāntā maraṇāntaṃ hi jīvitam / anto nāsti pipāsāyāstuṣṭistu paramaṃ sukham

Alle Verbindungen enden in Trennung, das Leben endet fürwahr im Tod; kein Ende gibt es für die Gier, Zufriedenheit aber ist das höchste Glück.

Wort für Wort
saṃyogā viprayogāntā
die Verbindungen enden in Trennung
maraṇāntaṃ hi jīvitam
das Leben endet fürwahr im Tod
anto nāsti pipāsāyās
kein Ende gibt es für die Gier
tuṣṭis tu paramaṃ sukham
Zufriedenheit aber ist das höchste Glück

tasmātsaṃtoṣameveha dhanaṃ śaṃsanti paṇḍitāḥ / nimeṣamātramapi hi yo 'dhigacchanna tiṣṭati

Deshalb preisen die Weisen einzig die Zufriedenheit hier als wahren Reichtum; denn selbst für einen Augenblick verharrt nicht, wer immer neues erlangt.

Wort für Wort
tasmāt saṃtoṣam eveha
deshalb die Zufriedenheit einzig hier
dhanaṃ śaṃsanti paṇḍitāḥ
preisen die Weisen als Reichtum
nimeṣamātram api hi
denn selbst für einen Augenblick
yo 'dhigacchan na tiṣṭhati
verharrt nicht, wer [immer neu] erlangt

saśarīreṣvanityeṣu nityaṃ kimanucintayet / bhūteṣu bhāvaṃ saṃcintya ye buddhyā tamasaḥ param

Was Beständiges sollte man bei den verkörperten, unbeständigen Wesen erwägen? Diejenigen, die, nachdem sie über das Sein der Wesen nachgedacht haben, mit ihrer Einsicht das Dunkel überschritten haben,

Wort für Wort
saśarīreṣv anityeṣu
bei den verkörperten, unbeständigen [Wesen]
nityaṃ kim anucintayet
was Beständiges sollte man erwägen
bhūteṣu bhāvaṃ saṃcintya
über das Sein der Wesen nachdenkend
ye buddhyā tamasaḥ param
die mit Einsicht das Dunkel überschritten haben

na śocanti gatādhvānaḥ paśyanti paramāṃ gatim / saṃcinvannekamevainaṃ kāmānāvitṛptakam

trauern nicht, ihren Weg vollendet habend; sie schauen das höchste Ziel. Wer aber, nur anhäufend, allein diesem Leib dient, von den Begierden nie gesättigt,

Wort für Wort
na śocanti gatādhvānaḥ
sie trauern nicht, den Weg vollendet habend
paśyanti paramāṃ gatim
sie schauen das höchste Ziel
saṃcinvann ekam evainaṃ
wer [nur] anhäufend, einzig diesem [dient]
kāmānām avitṛptakam
von den Begierden nie gesättigt

vyāghra paśumivāsādya mṛtyurādāya gacchati / athāpyupāyaṃ saṃpaśyedduḥkhasyāsya vimokṣaṇe

– den nimmt der Tod, gleich wie ein Tiger ein Beutetier ergreift, und geht mit ihm davon. Möge man aber dennoch ein Mittel erblicken, um sich aus diesem Leid zu befreien!

Wort für Wort
vyāghraḥ paśum ivāsādya
gleich wie ein Tiger ein Tier ergreift
mṛtyur ādāya gacchati
nimmt ihn der Tod und geht davon
athāpy upāyaṃ saṃpaśyed
möge man aber dennoch ein Mittel erblicken
duḥkhasyāsya vimokṣaṇe
zur Befreiung aus diesem Leid

aśocannārabhennaiva yuktaścāvyasanī bhavet / śabde sparśe rase rūpe gandhe ca paramaṃ tathā

Ohne zu klagen soll man dennoch handeln, man soll gesammelt sein und frei von Lastern bleiben – gegenüber Klang, Berührung, Geschmack, Gestalt und ebenso in höchstem Maße gegenüber Geruch,

Wort für Wort
aśocann ārabhen naiva
ohne zu klagen soll man [dennoch] handeln
yuktaś cāvyasanī bhavet
man sei gesammelt und frei von Lastern
śabde sparśe rase rūpe
gegenüber Klang, Berührung, Geschmack, Gestalt
gandhe ca paramaṃ tathā
und ebenso in höchstem Maße gegenüber Geruch

[?: Erster Halbvers syntaktisch unsicher; „nārabhennaiva“ könnte auch „man solle nichts beginnen/unternehmen“ bedeuten – mit Vorbehalt übersetzt.]

nopabhogātparaṃ kiñciddhanino vādhanasya vā / vāksaṃprayogādbhṛtānāṃ nāsti duḥkhamanāmayam

Es gibt nichts Höheres als rechten Genuss, weder für den Reichen noch für den Armen; durch bloßen Wortverkehr der Abhängigen gibt es kein Leid, das nicht auch heilbar wäre.

Wort für Wort
nopabhogāt paraṃ kiñcid
es gibt nichts Höheres als Genuss
dhanino vādhanasya vā
weder für den Reichen noch für den Armen
vāksaṃprayogād bhṛtānāṃ
durch Wortverkehr der Abhängigen
nāsti duḥkham anāmayam
gibt es kein Leid, das nicht heilbar wäre

[?: Zweiter Halbvers sehr unsicher überliefert; Bezug von „bhṛtānāṃ“ (der Abhängigen/Diener) zu „vāksaṃprayogāt“ unklar, mit Vorbehalt übersetzt.]

viprayogaśca sarvasya na vācā na ca vidyayā / praṇayaṃ parisaṃhṛtya saṃstuteṣvitareṣu ca

Und die Trennung von allem Weltlichen erreicht man weder durch Worte noch durch Wissen, sondern indem man die Zuneigung zu den Vertrauten wie auch zu den anderen Menschen zurückzieht,

Wort für Wort
viprayogaś ca sarvasya
und die Trennung von allem
na vācā na ca vidyayā
weder durch Worte noch durch Wissen
praṇayaṃ parisaṃhṛtya
die Zuneigung zurückziehend
saṃstuteṣv itareṣu ca
gegenüber den Vertrauten wie auch den anderen

vicaredasamunnaddhaḥ sa sukhī sa ca paṇḍitaḥ / adhyātmagatamālīno nirapekṣo nirāmiṣaḥ

soll man wandeln, unaufgeblasen im Stolz – der ist glücklich, der ist ein Weiser –, ganz auf das eigene Selbst gerichtet, unabhängig, ohne weltliches Verlangen.

Wort für Wort
vicared asamunnaddhaḥ
man soll wandeln, unaufgeblasen [im Stolz]
sa sukhī sa ca paṇḍitaḥ
der ist glücklich, der ist ein Weiser
adhyātmagatam ālīno
ganz auf das eigene Selbst gerichtet
nirapekṣo nirāmiṣaḥ
unabhängig, ohne [weltliches] Verlangen

ātmanaiva sahāyena caścaretsa sukhī bhavet / sukhaduḥkhaviparyāso yadā samupapadyate

Wer, einzig das Selbst als Begleiter nehmend, wandelt, der wird glücklich; wenn dabei der Wechsel von Glück und Leid eintritt,

Wort für Wort
ātmanaiva sahāyena
einzig mit dem Selbst als Begleiter
carecca sa sukhī bhavet
wandle er, [dann] wird er glücklich
sukhaduḥkhaviparyāso
der Wechsel von Glück und Leid
yadā samupapadyate
wenn er eintritt

[?: „caścaret“ wohl für „carecca“ (und er wandle) verlesen.]

nainaṃ prajñā suniyataṃ trāyate nāpi pauruṣam / svabhāvādyatnamātiṣṭhedyatnavānnāvasīdati

dann rettet ihn weder die wohlgezügelte Weisheit noch eigene Tatkraft; aus seiner eigenen Natur heraus möge er Anstrengung an den Tag legen – wer sich anstrengt, geht nicht zugrunde.

Wort für Wort
nainaṃ prajñā suniyataṃ
nicht rettet ihn die wohlgezügelte Weisheit
trāyate nāpi pauruṣam
noch auch die [eigene] Tatkraft
svabhāvād yatnam ātiṣṭhed
aus [seiner] Natur heraus möge er sich anstrengen
yatnavān nāvasīdati
wer sich anstrengt, geht nicht zugrunde

upadrava ivāniṣṭo yoniṃ garbhaḥ prapadyate / tāni pūrvaśarīrāṇi nityamekaṃ śarīriṇam

Wie ein unerwünschtes Missgeschick tritt der Keim in den Mutterschoß ein. Jene früheren Körper begleiten beständig den einen Verkörperten,

Wort für Wort
upadrava ivāniṣṭo
wie ein unerwünschtes Missgeschick
yoniṃ garbhaḥ prapadyate
tritt der Keim in den Mutterschoß ein
tāni pūrvaśarīrāṇi
jene früheren Körper
nityam ekaṃ śarīriṇam
beständig den einen Verkörperten

[?: Zweiter Halbvers elliptisch, Verb fehlt; Zusammenhang mit dem Folgenden unklar, evtl. Fortsetzung eines Bildes von der Kette früherer Existenzen.]

prāṇināṃ prāṇasaṃrodhe māṃsaśleṣmaviceṣṭitam / nirdagdhaṃ paradehena paradeṃhaṃ balābalam

– bei der Unterdrückung des Atems der Lebewesen entsteht die Regung von Fleisch und Schleim; verbrannt durch den fremden Leib, wechselt von Leib zu Leib die Kraft oder Schwäche,

Wort für Wort
prāṇināṃ prāṇasaṃrodhe
bei der Unterdrückung des Atems der Lebewesen
māṃsaśleṣmaviceṣṭitam
die Regung von Fleisch und Schleim
nirdagdhaṃ paradehena
verbrannt durch den fremden Leib
paradehaṃ balābalam
von Leib zu Leib, Kraft oder Schwäche

[?: Vers stark komprimiert und syntaktisch unklar; sinngemäß als Beschreibung der Übergänge zwischen den Verkörperungen übersetzt.]

vinaśyati vināśānte nāvi nāvamivācalām / saṃgatyā jaṭhare nyastaṃ retobindumacetanam

geht am Ende der Vernichtung zugrunde, wie ein festgemachtes Boot an einem anderen, unbeweglichen Boot; durch zufällige Zusammenkunft in den Mutterleib gelegt, der bewusstlose Samentropfen –

Wort für Wort
vinaśyati vināśānte
geht am Ende der Vernichtung zugrunde
nāvi nāvam ivācalām
wie ein Boot an einem unbeweglichen Boot
saṃgatyā jaṭhare nyastaṃ
durch Zusammenkunft in den Mutterleib gelegt
retobindum acetanam
der bewusstlose Samentropfen

kena yatnena jīvantaṃ garbhaṃ tvamiha paśyasi / annapānāni jīryante yatra bhakṣyāśca bhakṣitāḥ

durch welche Anstrengung siehst du hier den Keim lebendig werden? Dort, wo Speise und Trank verdaut werden und die verzehrten Speisen verarbeitet werden –

Wort für Wort
kena yatnena jīvantaṃ
durch welche Anstrengung, lebendig
garbhaṃ tvam iha paśyasi
den Keim siehst du hier
annapānāni jīryante
wo Speise und Trank verdaut werden
yatra bhakṣyāś ca bhakṣitāḥ
und die verzehrten Speisen [verarbeitet werden]

tasminnevodare garbhaḥ kiṃ nānnamiva jīryati / garbhe mūtrapurīṣāṇāṃ svabhāvaniyatā gatiḥ

eben in diesem selben Bauch – warum wird der Keim nicht wie die Speise verdaut? Im Mutterleib gibt es für Harn und Kot einen von Natur aus festgelegten Weg;

Wort für Wort
tasminn evodare garbhaḥ
eben in diesem selben Bauch, der Keim
kiṃ nānnam iva jīryati
warum wird er nicht wie die Speise verdaut
garbhe mūtrapurīṣāṇāṃ
im Mutterleib, für Harn und Kot
svabhāvaniyatā gatiḥ
gibt es einen von Natur aus festgelegten Weg

dhāraṇe vā visarge ca na kartuṃ vidyate 'vaśaḥ / prabhavantyudare garbhā jāyamānāstathāpare

weder beim Zurückhalten noch beim Ausscheiden vermag der Machtlose darüber zu bestimmen. Im Bauch entstehen die Keime, und ebenso werden andere von ihnen geboren,

Wort für Wort
dhāraṇe vā visarge ca
weder beim Zurückhalten noch beim Ausscheiden
na kartuṃ vidyate 'vaśaḥ
vermag der Machtlose [zu bestimmen]
prabhavanty udare garbhā
im Bauch entstehen die Keime
jāyamānās tathāpare
und ebenso werden andere geboren

āgamena mahānyeṣāṃ vināśa upapadyate / etasmādyonisaṃbandhādyo jīvanparimucyate

durch dieselbe Herkunft geschieht für viele von ihnen auch der Untergang. Wer sich von dieser Bindung an den Mutterschoß löst, während er noch lebt,

Wort für Wort
āgamena mahān eṣāṃ
durch [dieselbe] Herkunft für viele von ihnen
vināśa upapadyate
geschieht der Untergang
etasmād yonisaṃbandhād
von dieser Bindung an den Mutterschoß
yo jīvan parimucyate
wer, während er noch lebt, sich löst

pūjāṃ na labhate kāñcitpunarddhandveṣu majjati / garbhasya saha jātasya saptamīmīdṛśīṃ daśām

– wer diese Bindung nicht durchschaut, erlangt keinerlei Verehrung mehr, versinkt wieder in den Gegensatzpaaren. Von dem mit dem Keim zugleich Geborenen erreichen nur wenige einen solchen siebenten Zustand,

Wort für Wort
pūjāṃ na labhate kāñcit
er erlangt keinerlei Verehrung
punar dvandveṣu majjati
er versinkt wieder in den Gegensatzpaaren
garbhasya saha jātasya
von dem mit dem Keim zugleich Geborenen
saptamīm īdṛśīṃ daśām
einen solchen siebenten Zustand

[?: Zusammenhang zwischen V54 (Loslösung) und V55 (erneutes Versinken) unklar; V55 scheint sich auf den zu beziehen, der die Bindung NICHT löst – sinngemäß ergänzt. Der zweite Halbvers leitet zur Zahlenangabe in V56 über.]

prāpnuvanti tataḥ pañca na bhavanti śatāyuṣaḥ / nābhyutthāne manuṣyāṇāṃ yogāḥ syurnātra saṃśayaḥ

erreichen von daher nur fünf; sie erlangen kein Alter von hundert Jahren. Beim ersten Aufstehen der Menschen nach der Geburt gibt es keine sicheren Fügungen – daran besteht hier kein Zweifel.

Wort für Wort
prāpnuvanti tataḥ pañca
es erreichen davon [nur] fünf
na bhavanti śatāyuṣaḥ
sie erlangen kein hundertjähriges Leben
nābhyutthāne manuṣyāṇāṃ
beim Aufstehen der Menschen gibt es nicht
yogāḥ syur nātra saṃśayaḥ
sichere Fügungen, daran besteht kein Zweifel

[?: Der Vers setzt offenbar eine (nicht überlieferte) Zählung voraus, wonach von einer bestimmten Zahl Neugeborener nur ein Bruchteil das hohe Alter erreicht; sinngemäß, mit Unsicherheit, übersetzt.]

vyādhibhiśca vivadhyante vyāghraiḥ kṣudramṛgā iva / vyādhibhirbhakṣyamāṇānāṃ tyajatāṃ vipulandhanam

Und sie werden von Krankheiten heimgesucht, wie kleine Wildtiere von Tigern; selbst denen, die von Krankheiten verzehrt werden und dabei reichen Besitz aufgeben,

Wort für Wort
vyādhibhiś ca vivadhyante
und sie werden von Krankheiten heimgesucht
vyāghraiḥ kṣudramṛgā iva
wie kleine Wildtiere von Tigern
vyādhibhir bhakṣyamāṇānāṃ
denen, die von Krankheiten verzehrt werden
tyajatāṃ vipulaṃ dhanam
die reichen Besitz aufgeben

vedanā nāpakarṣanti yatamānāścikitsakāḥ

weichen die Schmerzen nicht, obwohl sich die Ärzte bemühen.

Wort für Wort
vedanā nāpakarṣanti
die Schmerzen weichen nicht
yatamānāś cikitsakāḥ
obwohl sich die Ärzte bemühen

[Anm.: Vers 58 besteht im Quelltext nur aus einer Halbzeile (einem Pāda-Paar); die zweite Vershälfte fehlt in der Quelle.]

te cāpi vividhā vaidyāḥ kuśalā saṃmatauṣadhāḥ / vyādhibhiḥ parikṛṣyante mṛgā jyāghrairivārditāḥ

Und selbst jene mannigfachen Ärzte, geschickt, mit anerkannten Heilmitteln, werden von Krankheiten hingerafft, wie Wildtiere, von Tigern gequält.

Wort für Wort
te cāpi vividhā vaidyāḥ
und selbst jene mannigfachen Ärzte
kuśalā saṃmatauṣadhāḥ
geschickt, mit anerkannten Heilmitteln
vyādhibhiḥ parikṛṣyante
werden von Krankheiten hingerafft
mṛgā vyāghrair ivārditāḥ
wie Wildtiere, von Tigern gequält

[?: „jyāghraiḥ“ für „vyāghraiḥ“ (Tiger) verlesen.]

te pibanti kaṣāyāṃśca sarpīṣi vividhāni ca / dṛśyante jarayā bhagnā nāgairnāgā ivottamāḥ

Sie trinken Absude und mannigfache Butterschmalz-Zubereitungen; dennoch sieht man sie, vom Alter gebrochen, wie die besten Elefanten von anderen Elefanten bezwungen.

Wort für Wort
te pibanti kaṣāyāṃś ca
sie trinken Absude
sarpīṣi vividhāni ca
und mannigfache Butterschmalz-Zubereitungen
dṛśyante jarayā bhagnā
man sieht sie, vom Alter gebrochen
nāgair nāgā ivottamāḥ
wie die besten Elefanten von [anderen] Elefanten

kairvā bhuvi cikitsyenta rogārttā mṛgapakṣiṇaḥ / śvāpadāśca daridrāśca prāyo nārtā bhavanti te

Von wem denn sollten auf Erden die von Krankheit gequälten wilden Tiere und Vögel geheilt werden? Wilde Tiere und Arme sind meist gar nicht durch solche Sorge gequält.

Wort für Wort
kair vā bhuvi cikitsyenta
von wem denn sollten auf Erden geheilt werden
rogārttā mṛgapakṣiṇaḥ
die von Krankheit gequälten wilden Tiere und Vögel
śvāpadāś ca daridrāś ca
wilde Tiere und Arme
prāyo nārtā bhavanti te
sind meist nicht [durch solche Sorge] gequält

[?: Zweiter Halbvers paradox – gemeint wohl: Tiere und Arme leiden zwar an Krankheit, doch nicht zusätzlich an der Sorge um deren Behandlung, da sie keine Ärzte haben.]

ghorānapi durādharṣānnṛpatīnugratejasa / ākramya roga ādatte paśūnpaśupaco yathā

Selbst furchtbare, unangreifbare Könige von schrecklichem Glanz überwältigt die Krankheit und rafft sie dahin, so wie ein Viehschlächter das Vieh dahinrafft.

Wort für Wort
ghorān api durādharṣān
selbst furchtbare, unangreifbare
nṛpatīn ugratejasaḥ
Könige von schrecklichem Glanz
ākramya roga ādatte
überwältigt die Krankheit und rafft sie dahin
paśūn paśupaco yathā
so wie ein Viehschlächter das Vieh

iti lokamanākrandaṃ mohaśokapariplutam / srotasā mahasā kṣipraṃ hriyamāṇaṃ balīyasā

So erblicke die Welt, ohne Klagelaut, überflutet von Verblendung und Leid, rasch fortgerissen von einer gewaltigen, überaus mächtigen Strömung –

Wort für Wort
iti lokam anākrandaṃ
so die Welt, ohne Klagelaut
mohaśokapariplutam
überflutet von Verblendung und Leid
srotasā mahasā kṣipraṃ
von einer gewaltigen Strömung, rasch
hriyamāṇaṃ balīyasā
fortgerissen, von einer überaus mächtigen

na dhanena na rājyena nogreṇa tapasā tathā / svabhāvā hyativartante ye nirmuktāḥ śarīriṣu

– weder durch Reichtum, noch durch Königsherrschaft, noch ebenso durch strenge Askese ist ihr zu entrinnen; denn die angeborenen Wesensarten setzen sich durch, welche auch bei den Befreiten unter den Verkörperten fortwirken.

Wort für Wort
na dhanena na rājyena
weder durch Reichtum noch durch Königsherrschaft
nogreṇa tapasā tathā
noch ebenso durch strenge Askese
svabhāvā hy ativartante
denn die Wesensarten setzen sich durch
ye nirmuktāḥ śarīriṣu
welche [auch] bei den vom Körperlichen Befreiten [fortwirken]

[?: Zweiter Halbvers unsicher; sinngemäß so gedeutet, dass selbst bei innerlich Befreiten die angeborene Wesensnatur (svabhāva) im verkörperten Zustand fortbesteht.]

uparyapari lokasya sarvo bhavitumicchati / yatate ca yathāśakti na ca tadvartate tathā

Immer höher als die übrige Welt will jeder Einzelne sein; und er müht sich, so gut er vermag, doch es verhält sich meist nicht so, wie er es wünscht.

Wort für Wort
upary apari lokasya
immer höher als die Welt
sarvo bhavitum icchati
will jeder sein
yatate ca yathāśakti
und er müht sich, so gut er vermag
na ca tad vartate tathā
doch es verhält sich nicht so

na mriyerannajīryeransarve syuḥ sārvakāmikāḥ / nāpriyaṃ pratipadyerannutthānasya phalaṃ prati

Sonst würden alle nicht sterben, nicht altern, würden alle ihre Wünsche erfüllt bekommen; sie würden nichts Unerwünschtes erfahren hinsichtlich der Frucht ihres Strebens.

Wort für Wort
na mriyeran na jīryeran
sie würden nicht sterben, nicht altern
sarve syuḥ sārvakāmikāḥ
alle hätten alle ihre Wünsche erfüllt
nāpriyaṃ pratipadyeran
sie würden nichts Unerwünschtes erfahren
utthānasya phalaṃ prati
hinsichtlich der Frucht ihres Strebens

aiśvaryamadamattāśca mānānmayamadena ca / apramattāḥ śaṭhāḥ krūrā vikrāntāḥ paryupāsate

Berauscht vom Rausch der Herrschermacht, und trunken von Stolz und Eitelkeit, dienen dennoch – unbekümmert, tückisch, grausam, gewalttätig –

Wort für Wort
aiśvaryamadamattāś ca
berauscht vom Rausch der Herrschermacht
mānān mayamadena ca
und von Stolz und Eitelkeitsrausch
apramattāḥ śaṭhāḥ krūrā
unbekümmert, tückisch, grausam
vikrāntāḥ paryupāsate
gewalttätig, sie warten auf

[?: Konstruktion elliptisch; Subjekt und regierendes Verb beziehen sich vermutlich auf Höflinge, die trotz eigener Rauschzustände einem Herrscher dienen; sinngemäß ergänzt.]

śokāḥ pratinivartante keṣāñcidasamīkṣatām / svaṃ svaṃ ca punaranyeṣāṃ na kañcidatigacchati

Bei manchen, die die Dinge nicht rechtmäßig prüfen, kehren die Sorgen immer wieder zurück; und für andere wiederum geht das Leid nicht über ihr jeweils eigenes Maß hinaus.

Wort für Wort
śokāḥ pratinivartante
die Sorgen kehren zurück
keṣāñcid asamīkṣatām
bei manchen, die [die Dinge] nicht prüfen
svaṃ svaṃ ca punar anyeṣāṃ
und für andere wiederum ihr je eigenes [Maß]
na kañcid atigacchati
geht bei niemandem darüber hinaus

[?: Vers syntaktisch verdichtet; sinngemäß so gedeutet, dass niemand vom Leid gänzlich verschont bleibt.]

mahañca phalavaiṣamyaṃ dṛśyate karmasaṃdhiṣu / vahṝnti śibikāmanye yāntyanye śibikāruhaḥ

Und eine große Ungleichheit der Früchte sieht man bei den Verkettungen der Taten (Schicksalsfügungen): manche tragen die Sänfte, andere gehen als Sänftenbesteiger, getragen –

Wort für Wort
mahañ ca phalavaiṣamyaṃ
und eine große Ungleichheit der Früchte
dṛśyate karmasaṃdhiṣu
sieht man bei den Verkettungen der Taten
vahanti śibikām anye
manche tragen die Sänfte
yānty anye śibikāruhaḥ
andere gehen als Sänftenbesteiger [getragen]

sarveṣāmṛddhikāmānāmanye rathapuraḥ sarāḥ / manujāśca gataśrīkāḥ śataśo vividhāḥ striyāḥ

unter all denen, die nach Gedeihen streben, ziehen manche den Wagen voran; und manche Menschen, ihres Glücks verlustig, ebenso auf hundertfache, mannigfache Weise die Frauen –

Wort für Wort
sarveṣām ṛddhikāmānām
unter all denen, die nach Gedeihen streben
anye rathapuraḥsarāḥ
manche ziehen den Wagen voran
manujāś ca gataśrīkāḥ
und Menschen, ihres Glücks verlustig
śataśo vividhāḥ striyāḥ
auf hundertfache, mannigfache Weise, [ebenso] die Frauen

[?: „rathapuraḥ sarāḥ“ unsicher, wohl im Sinne von ‚dem Wagen vorausgehend/ihn ziehend' gedeutet; der Vers setzt die Reihe der Kontraste (Getragene/Tragende) aus V69 fort.]

dvandvārāmeṣu bhūteṣu gacchantyekaikaśo narāḥ / idamanyatparaṃ paśya nātra mohaṃ kariṣyasi

unter den Wesen, die sich an den Gegensatzpaaren erfreuen, gehen die Menschen dahin, einer nach dem anderen. Schau dies, das andere, das Höhere – dann wirst du dich hierüber nicht mehr täuschen.

Wort für Wort
dvandvārāmeṣu bhūteṣu
unter den Wesen, die sich an den Gegensatzpaaren erfreuen
gacchanty ekaikaśo narāḥ
gehen die Menschen, einer nach dem anderen
idam anyat paraṃ paśya
schau dies, das andere, das Höhere
nātra mohaṃ kariṣyasi
dann wirst du dich hierüber nicht täuschen

dharmaṃ cāpi tyajā dharmaṃ tyaja satyānṛtāṃ dhiyam / sarvaṃ tyaktvā svarūpasthaḥ sukhī bhava nirāmayaḥ

Gib sowohl Dharma als auch Adharma auf, gib die Vorstellung von Wahr und Unwahr auf; nachdem du alles aufgegeben hast, in deiner eigenen Wesensform verweilend, werde glücklich und frei von Leiden.

Wort für Wort
dharmaṃ cāpi tyajādharmaṃ
gib sowohl Dharma als auch Adharma auf
tyaja satyānṛtāṃ dhiyam
gib die Vorstellung von Wahr und Unwahr auf
sarvaṃ tyaktvā svarūpasthaḥ
alles aufgebend, in der eigenen Wesensform verweilend
sukhī bhava nirāmayaḥ
werde glücklich und frei von Leiden

etatte paramaṃ guhyamākhyātamṛṣisattama / yena devāḥ parityajya bhartyalokaṃ divaṃ gatāḥ

Dies wurde dir, o Bester der Seher, als höchstes Geheimnis dargelegt, wodurch die Götter, nachdem sie die irdische Welt verlassen hatten, zum Himmel gelangten.

Wort für Wort
etat te paramaṃ guhyam
dies wurde dir als höchstes Geheimnis
ākhyātam ṛṣisattama
dargelegt, o Bester der Seher
yena devāḥ parityajya
wodurch die Götter, nachdem sie verlassen hatten
bhūrilokaṃ divaṃ gatāḥ
die irdische Welt, zum Himmel gelangten

[?: „bhartyalokaṃ“ unsicher, wohl „bhūrilokaṃ“ (die vielfältige/irdische Welt) o.ä. gelesen; sinngemäß übersetzt.]

sanandana uvāca ityuktvā vyāsatanayaṃ samāpṛcchya mahāmuniḥ / sanatkumāraḥ prayayau pūjitastena sādaram

Sanandana sprach: Nachdem er so gesprochen und sich vom Sohn des Vyāsa verabschiedet hatte, der von diesem ehrfurchtsvoll geehrt worden war, zog der große Muni Sanatkumāra fort.

Wort für Wort
ity uktvā vyāsatanayaṃ
nachdem er so zum Sohn des Vyāsa gesprochen hatte
samāpṛcchya mahāmuniḥ
sich verabschiedend, der große Muni
sanatkumāraḥ prayayau
Sanatkumāra zog fort
pūjitas tena sādaram
von diesem ehrfurchtsvoll geehrt

śuko 'pi yogināṃ śreṣṭhaḥ samyagjñātvā hyavasthitam / brahmaṇaḥ padamanveṣṭumutsukaḥ pitaraṃ yayau

Auch Śuka, der Beste der Yogins, ging, nachdem er das Wesen des Bestehenden vollständig erkannt hatte, begierig, die Stätte des Brahman aufzusuchen, zu seinem Vater.

Wort für Wort
śuko 'pi yogināṃ śreṣṭhaḥ
auch Śuka, der Beste der Yogins
samyagjñātvā hy avasthitam
nachdem er das Bestehende vollständig erkannt hatte
brahmaṇaḥ padam anveṣṭum
die Stätte des Brahman aufzusuchen
utsukaḥ pitaraṃ yayau
begierig, ging er zu seinem Vater

tataḥ pitrā samāgamya praṇamya ca mahāmuniḥ / śukaḥ pradakṣiṇīkṛtya yayau kailāsaparvatam

Darauf, nachdem er sich mit dem Vater getroffen und ihn verehrt hatte, zog der große Muni Śuka, ihn rechtsherum umkreisend, zum Berg Kailāsa.

Wort für Wort
tataḥ pitrā samāgamya
darauf, nachdem er sich mit dem Vater getroffen hatte
praṇamya ca mahāmuniḥ
und ihn verehrt hatte, der große Muni
śukaḥ pradakṣiṇīkṛtya
Śuka, ihn rechtsherum umkreisend
yayau kailāsaparvatam
zog er zum Berg Kailāsa

vyāsastadvirahāddūnaḥ putrasnehasamāvṛtaḥ / kṣaṇaikaṃ sthīyatāṃ putra iti ca krośa durmanāḥ

Vyāsa, gequält von der Trennung von ihm, von Vaterliebe zum Sohn ergriffen, rief betrübten Sinnes: ‚Bleib doch nur einen Augenblick, mein Sohn!'

Wort für Wort
vyāsas tadvirahād dūnaḥ
Vyāsa, gequält von der Trennung von ihm
putrasnehasamāvṛtaḥ
von Vaterliebe zum Sohn ergriffen
kṣaṇaikaṃ sthīyatāṃ putra
bleib doch nur einen Augenblick, mein Sohn
iti ca krośa durmanāḥ
so rief er, betrübten Sinnes

nirapekṣaḥ śuko bhūtvā niḥsneho muktabandhanaḥ / mokṣamevānusaṃcitya gata eva paraṃ padam

Śuka aber, unabhängig geworden, ohne Zuneigung, von aller Bindung gelöst, einzig auf die Erlösung bedacht, ging geradewegs zum höchsten Ort ein.

Wort für Wort
nirapekṣaḥ śuko bhūtvā
Śuka, unabhängig geworden
niḥsneho muktabandhanaḥ
ohne Zuneigung, von aller Bindung gelöst
mokṣam evānusaṃcitya
einzig auf die Erlösung bedacht
gata eva paraṃ padam
ging geradewegs zum höchsten Ort ein

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks