Kapitel 91: purāṇavibhāgaḥ brahmapurāṇānukramaṇaṃ ca
Die Einteilung der Purāṇas und die Zusammenfassung des Brahma-Purāṇa
Nārada bittet Sanatkumāra um eine vollständige Darlegung aller Purāṇas; die Rahmenerzählung führt über Sanatkumāra, Marīci und Brahmā zur Klassifikation der 18 Mahāpurāṇas und mündet in die Zusammenfassung des Brahma-Purāṇa (erster der 'purāṇānukramaṇī'-Abschnitte). Der am Kopf der Quelldatei stehende Kolophon (der Kap. 90 abschließt und den dritten Pāda beendet) gehört, wie in den Nachbarkapiteln, verschoben zum vorhergehenden Kapitel (vgl. Anm. zu V1).
Sūta sprach: Nachdem Nārada dies, die Rede des Kumāra, voll Freude gehört hatte, sprach er, hocherfreut, wiederum, begierig, das höchste Heil zu erfahren.
Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
etacchrutvā nāradastu
nachdem Nārada aber dies gehört hatte
kumārasya vaco mudā
die Rede des Kumāra, voll Freude
punarapyāha suprītaḥ
sprach er wiederum, hocherfreut
jijñāsuḥ śreya uttamam
begierig zu erfahren das höchste Heil
Anm.: Vor dem eigentlichen Versbeginn stehen im Quelltext die Zeilen "iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge bṛhadupākhyāne tṛtīyapāde maheśamantrakathanaṃ nāmaikanavatitamo 'dhyāyaḥ" und "iti tṛtīyaḥ pādaḥ". Dies ist ein verschobener Kolophon: er gehört inhaltlich und der Sache nach zum ABSCHLUSS des VORHERGEHENDEN Kapitels 90 (Telling der Maheśa-Mantras, Abschluss des dritten Pāda), trägt aber fälschlich die Nummer des vorliegenden Kapitels (91). Das tatsächliche Kapitel 91 (dieses Kapitel, Beginn des vierten Pāda) behandelt, wie der Vers-Inhalt zeigt, den Übergang zur purāṇānukramaṇī (Aufzählung/Zusammenfassung der Purāṇas) und beginnt mit der Klassifikation der 18 Mahāpurāṇas sowie der Zusammenfassung des Brahma-Purāṇa. Der Kolophon wurde daher nicht als Vers übersetzt, sondern hier vermerkt (vgl. gleiches Muster in Kap. 90, 92-94 und 95-102).
adhunā śrotumicchāmi purāṇākhyānamuttamam / yasminyasminpurāṇe tu yadyadākhyānakaṃ mune / tatsarvaṃ me samācakṣva sarvajñastvaṃ yato mataḥ
Nun möchte ich die höchste Erzählung der Purāṇas hören; welche Erzählung auch immer, o Weiser, in welchem Purāṇa auch immer [enthalten ist], das alles erkläre mir vollständig, da du als allwissend geachtet wirst.
Sūta sprach: Nachdem er, o Brahmanen, die heilbringende Rede Nāradas gehört hatte, [seine] Frage nach der Erzählung der Purāṇas, antwortete Kumāra fürwahr.
Sanatkumāra sprach: Die Erzählung der Purāṇas, o Brahmane, entstanden aus mancherlei Kalpas, verbunden mit mancherlei Geschichten, wunderbar, von großer Ausdehnung,
Wort für Wort
sanatkumāra uvāca
Sanatkumāra sprach
purāṇākhyānakaṃ vipra [?]
die Erzählung der Purāṇas, o Brahmane
nānākalpasamudbhavam
entstanden aus mancherlei Kalpas
nānākathāsamāyuktam
verbunden mit mancherlei Geschichten
adbhutaṃ bahuvistaram
wunderbar, von großer Ausdehnung
Anm.: Quelltext 'pārāṇākhyānakaṃ' – vermutlich Verschreibung für 'purāṇākhyānakaṃ'.
Nārada sprach: O Brahmane, bester Kenner der Purāṇas, dem Wissen und der [höheren] Erkenntnis hingegeben, verkünde mir vollständig die Einteilung der Purāṇas.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
brahmanpurāṇavicchreṣṭha
o Brahmane, bester Kenner der Purāṇas
jñānavijñānatatpara
dem Wissen und der [höheren] Erkenntnis hingegeben
[jene Erzählung,] durch deren Hören alles Gehörte, [durch deren] Tun alles Getane [erreicht ist] –
Wort für Wort
yasmiñ śrute
durch dessen Hören
śrutaṃ sarvaṃ
alles [zu Hörende] gehört ist
jñātaṃ
[wodurch alles] erkannt ist
kṛte kṛtam
durch dessen Tun alles Getane [erreicht ist]
Anm.: Dieser Vers besteht im Quelltext nur aus einer Halbzeile und führt den mit V8 begonnenen Satz fort, der sich in V10 fortsetzt (Prädikat 'upaiṣyati' erst dort).
varṇāśramācāradharmaṃ sākṣātkāramupaiṣyati / kiyanti ca purāṇāni kiyatsaṃkhyāni mānataḥ
– [durch das] man die direkte Erkenntnis (Sākṣātkāra) des Verhaltens-Dharma von Kaste und Lebensstufe erlangen wird: [das lehre mich]. Und wie viele Purāṇas [gibt es], von welcher Anzahl [an Versen] dem Maße nach?
Wort für Wort
varṇāśramācāradharmaṃ
den Verhaltens-Dharma von Kaste und Lebensstufe
sākṣātkāramupaiṣyati
wird man zur direkten Erkenntnis gelangen
kiyanti ca purāṇāni
und wie viele Purāṇas
kiyatsaṃkhyāni mānataḥ
von welcher Anzahl [an Versen] dem Maße nach
Anm.: Erste Zeile schließt den in V8-V9 begonnenen Satz ab; zweite Zeile leitet eine neue Frage ein.
kiṅkimākhyānayuktāni tadvadasva mama prabho / cāturvarṇyāśrayā nānāvratādīnāṃ kathāstathā
Welche mit welchen Erzählungen versehen sind – das sage mir, o Herr; ebenso die auf die vier Kasten bezogenen Geschichten von mancherlei Gelübden u.a.,
Wort für Wort
kiṅkimākhyānayuktāni
welche mit welchen Erzählungen versehen sind
tadvadasva mama prabho
das sage mir, o Herr
cāturvarṇyāśrayā
auf die vier Kasten bezogen
nānāvratādīnāṃ kathāstathā
ebenso die Geschichten von mancherlei Gelübden u.a.
die Geschichten der Dynastien in der Reihenfolge der Schöpfung erkläre recht; es gibt keinen anderen, der höher wäre als du, o Herr, im Wissen um die Erzählung der Purāṇas.
nachdem er einen Augenblick an Nārāyaṇa gedacht hatte, sprach sodann der Beste der Wissenden. Sanātana sprach: Gut, gut, o bester der Weisen – [deine Frage] ist allen Welten nützlich!
Wort für Wort
nārāyaṇaṃ kṣaṇaṃ dhyātvā
nachdem er einen Augenblick an Nārāyaṇa gedacht hatte
Dass in dir hinsichtlich des Wissens um die Erzählung der Purāṇas eine feste Gesinnung entstanden ist [ist trefflich] – ich werde dir verkünden, was einst von Brahmā gesagt wurde.
Wort für Wort
purāṇākhyānavijñāne
hinsichtlich des Wissens um die Erzählung der Purāṇas
den Weisen, beginnend mit Marīci, [wurde es einst verkündet] von jenem [Brahmā], dessen Wesen von Vatersliebe zum Sohn umhüllt war. Einst [kam] der Sohn Brahmās, mit Namen Marīci wohlbekannt,
Wort für Wort
marīcyādiṛṣibhyastu
den Weisen aber, beginnend mit Marīci
putrasnehāvṛtātmanā
von jenem, dessen Wesen von Vatersliebe zum Sohn umhüllt war
vollkommen im Selbststudium und in der [heiligen] Überlieferung, kundig der Veden und Vedāṅgas, näherte sich seinem eigenen Vater Brahmā, dem Erschaffer der Welten,
Wort für Wort
svādhyāyaśrutasaṃpanno
vollkommen im Selbststudium und in der Überlieferung
vedavedāṅgapāragaḥ [?]
kundig der Veden und Vedāṅgas
upasṛtya svapitaraṃ
sich nähernd seinem eigenen Vater
brahmaṇaṃ lokabhāvanam
Brahmā, dem Erschaffer der Welten
Anm.: Quelltext 'vedavedāgapāragaḥ' – Verschreibung für 'vedavedāṅgapāragaḥ'.
marīciruvāca / bhagavandevadeveśa lokānāṃ prabhavāpyaya / sarvajña sarvakalyāṇa sarvādhyakṣa namo 'stu te
Marīci sprach: O Herr, Gott der Götterfürsten, [Ursprung von] Entstehen und Vergehen der Welten, Allwissender, Allgütiger, Allüberwacher – Verehrung sei dir!
purāṇabījamākhyahi mahyaṃ śuśrūṣave pitaḥ / lakṣaṇaṃ ca pramāṇaṃ ca pramāṇaṃ caṃ vaktāraṃ pṛcchakaṃ tathā
Verkünde mir, der ich zuzuhören wünsche, o Vater, den Ursamen (Bīja) der Purāṇas, [ihr] Merkmal (Lakṣaṇa) und [ihre] Ausdehnung (Pramāṇa), sowie den Sprecher und ebenso den Fragenden.
Wort für Wort
purāṇabījamākhyahi
verkünde den Ursamen der Purāṇas
mahyaṃ śuśrūṣave pitaḥ
mir, der ich zuzuhören wünsche, o Vater
lakṣaṇaṃ ca pramāṇaṃ ca
[ihr] Merkmal und [ihre] Ausdehnung
[pramāṇaṃ caṃ, dupliziert]
[Wiederholung im Quelltext, nicht gesondert übersetzt]
vaktāraṃ pṛcchakaṃ tathā
sowie den Sprecher und den Fragenden
Anm.: Quelltext enthält 'pramāṇaṃ ca pramāṇaṃ caṃ' – doppelte, vermutlich durch Verschreibung entstandene Wiederholung von 'pramāṇaṃ ca'; bei der Übersetzung nur einmal berücksichtigt.
Brahmā sprach: Höre, mein Kind, ich will die Gesamtheit der Purāṇas verkünden, durch deren Erkenntnis alles aus Worten [Bestehende] samt allem Beweglichen und Unbeweglichen erkannt wäre.
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
śṛṇu vatsa pravakṣyāmi
höre, mein Kind, ich will verkünden
purāṇānāṃ samuccayam
die Gesamtheit der Purāṇas
yasmiñjñāte bhavejjñātaṃ
durch dessen Erkenntnis erkannt wäre
vāṅmayaṃ sacarācaram
alles aus Worten [Bestehende] samt Beweglichem und Unbeweglichem
Daraus, aus dem Purāṇa, entstand die Entfaltung aller Lehrwerke (Śāstras). Als der Hochweise sah, dass es im Laufe der Zeit nicht mehr aufgenommen wurde,
tadaṣṭādaśadhā kṛtvā bhūrloke nirddiśatyapi / adyāpi devaloke tu śatakoṭipravistaram
nachdem er dieses [Purāṇa] achtzehnfach geteilt hat, legt er es auch in der Erdenwelt dar; noch heute aber [besteht es] in der Götterwelt in einer Ausdehnung von hundert Koṭi [Versen].
astyeva tasya sārastu caturlakṣeṇa varṇyate / brāhmaṃ pādmaṃ vaiṣṇavaṃ ca vāyavīyaṃ tathaiva ca
Dessen Wesenskern (Sāra) existiert fürwahr und wird im Umfang von vierhunderttausend [Versen] beschrieben: das Brahma[-Purāṇa], das Padma, das Viṣṇu-Purāṇa und ebenso das Vāyavīya,
Wort für Wort
astyeva tasya sārastu
dessen Wesenskern existiert fürwahr
caturlakṣeṇa varṇyate
wird im Umfang von vierhunderttausend [Versen] beschrieben
vārāhaṃ ca tathā skāndaṃ vāmanaṃ kūrmasaṃjñakam / mātsyaṃ ca gāruḍaṃ tadvadbrahmāṇḍākhyamiti triṣaṭ
das Vārāha und ebenso das Skānda, das Vāmana, das Kūrma genannt, das Matsya und ebenso das Gāruḍa, [und] das Brahmāṇḍa genannt – so [sind es] dreimal sechs [achtzehn].
dieses ist fürwahr das erste unter allen Purāṇas, gewährt Dharma, Kāma, Artha und Mokṣa, reich an mancherlei Erzählungen und Geschichten, [es] wird als zehntausend [Verse umfassend] bezeichnet.
worin die Herabkunft des von Gestalt höchster Wonne seienden, ehrwürdigen Rāmacandra erzählt wird, der als die vierfache Emanation (Caturvyūha) herabstieg,
varṇāśramāṇāṃ dharmāśca kīrtitā yatra vistarāt / viṣṇudharmayugākhyānaṃ pralayasya ca varṇanam
und worin ausführlich die Dharmas von Kaste und Lebensstufe gepriesen werden, die Erzählung vom Viṣṇudharma-Zeitalter, und die Beschreibung der Weltauflösung,
sūtaśaunakasaṃvādaṃ bhuktimuktipradāyakam / likhitvetatpurāṇaṃ yo vaiśākhyāṃ hemasaṃyutam
versehen mit dem Gespräch zwischen Sūta und Śaunaka, Genuss und Erlösung gewährend. Wer dieses Purāṇa niederschreibt und, versehen mit Gold, am [Vollmond des Monats] Vaiśākha,
Wort für Wort
sūtaśaunakasaṃvādaṃ
versehen mit dem Gespräch zwischen Sūta und Śaunaka
bhuktimuktipradāyakam
Genuss und Erlösung gewährend
likhitvetatpurāṇaṃ yo
wer, nachdem er dieses Purāṇa niedergeschrieben hat
und auch versehen mit einer Kuh aus Wasser, mit Hingabe einem Zweifachgeborenen gibt, ihn, einen Purāṇa-Kenner, verehrend mit Gewändern, Speise und Schmuck,
sa vasedbrahmaṇo loke yāvaccandrārkatārakam / yaḥ paṭhecchṛṇuyādvāpi brāhmānukramaṇīṃ dvija
der wird in der Welt Brahmās weilen, solange Mond, Sonne und Sterne [bestehen]. Auch wer, o Brahmane, die Zusammenfassung des Brahma[-Purāṇa] liest oder hört,
Wort für Wort
sa vasedbrahmaṇo loke
der wird in der Welt Brahmās weilen
yāvaccandrārkatārakam
solange Mond, Sonne und Sterne [bestehen]
yaḥ paṭhecchṛṇuyādvāpi
wer liest oder auch hört
brāhmānukramaṇīṃ dvija
die Zusammenfassung des Brahma[-Purāṇa], o Brahmane
und dabei der Regel gemäß nur Opferspeise isst, der erlangt die Stätte Brahmās. Was [soll man] hier mit vielen Worten [sagen]: was auch immer ein Mensch wünscht, das alles erlangt er, mein Kind, durch das Preisen dieses Purāṇa.