Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 43: adhyātmadhyānayoganirūpaṇam Die Darlegung der Selbsterkenntnis (Adhyātma) und des Meditationsyoga

bharadvāja uvāca asmāllokātparo lokaḥ śrūyate nopalabhyate / tamahaṃ jñātumicchāmi tadbhavānvaktumarhati

Bharadvāja sprach: Es wird von einer Welt jenseits dieser Welt gehört, [doch] sie wird nicht wahrgenommen. Diese möchte ich erkennen; darüber möge Euer Gnaden zu sprechen geruhen.

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
asmāllokāt paraḥ lokaḥ
jenseits dieser Welt [eine andere] Welt
śrūyate na upalabhyate
wird gehört, [aber] nicht wahrgenommen
tam ahaṃ jñātum icchāmi
diese möchte ich erkennen
tad bhavān vaktum arhati
darüber möge Ihr zu sprechen geruhen

bhṛguruvāca uttare himavatpārśve puṇye sarvaguṇānvite / puṇyaḥ kṣemyaśca kāmyaśca sa paro loka ucyate

Bhṛgu sprach: Auf der Nordseite des Himālaya, in einem heiligen, mit allen guten Eigenschaften versehenen [Land] – heilig, sicher (kṣemya) und wunscherfüllend (kāmya) – wird jene andere Welt genannt.

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
uttare himavatpārśve
auf der Nordseite des Himālaya
puṇye sarvaguṇānvite
im heiligen, mit allen Eigenschaften versehenen [Land]
puṇyaḥ kṣemyaḥ ca kāmyaḥ ca
heilig, sicher und wunscherfüllend
sa paraḥ lokaḥ ucyate
jene wird 'andere Welt' genannt

tatra hyapāpakarmāṇaḥ śucayo 'tyantanirmalāḥ / lobhamohaparityaktā mānavā nirupadravāḥ

Dort [leben] wahrlich Menschen ohne sündige Taten, rein, gänzlich makellos, frei von Gier und Verblendung, ohne Bedrängnis.

Wort für Wort
tatra hi
dort wahrlich
apāpakarmāṇaḥ śucayaḥ
ohne sündige Taten, rein
atyantanirmalāḥ
gänzlich makellos
lobhamohaparityaktāḥ
frei von Gier und Verblendung
mānavāḥ nirupadravāḥ
Menschen, ohne Bedrängnis

sa svargasadṛśo deśaḥ tatra hyuktāḥ śubhā guṇāḥ / kāle mṛtyuḥ prabavati spṛśanti vyādhayo na ca

Jenes Land gleicht dem Himmel; dort, so heißt es, [herrschen] gute Eigenschaften: Der Tod tritt [nur] zur rechten Zeit ein, und Krankheiten berühren [die Menschen] nicht.

Wort für Wort
sa svargasadṛśaḥ deśaḥ
jenes Land, dem Himmel gleich
tatra hi uktāḥ śubhāḥ guṇāḥ
dort, so heißt es, gute Eigenschaften
kāle mṛtyuḥ prabhavati
der Tod tritt zur [rechten] Zeit ein
spṛśanti vyādhayaḥ na ca
und Krankheiten berühren [sie] nicht

na lobaḥ paradāreṣu svadāranirato janaḥ / nānyo hi vadhyate tatra dravyeṣu ca na vismayaḥ

Es gibt keine Begierde nach fremden Frauen; die Menschen sind an ihrer eigenen Gattin genügsam. Niemand wird dort getötet, und hinsichtlich [des] Besitzes gibt es kein [gieriges] Erstaunen.

Wort für Wort
na lobhaḥ paradāreṣu
keine Gier nach fremden Frauen
svadāraniratāḥ janāḥ
die Menschen sind an ihrer eigenen Gattin genügsam
na anyaḥ hi vadhyate tatra
niemand anderer wird dort getötet
dravyeṣu ca na vismayaḥ
und hinsichtlich des Besitzes kein [gieriges] Erstaunen

[?] 'lobaḥ' als 'lobhaḥ' (Gier) gelesen.

paro hyadharmo naivāsti saṃdeho nāpi jāyate / kṛtasya tu phalaṃ tatra pratyakṣamupalabhyate

Denn es gibt dort überhaupt kein großes Unrecht, und auch kein Zweifel entsteht; die Frucht des Getanen aber wird dort unmittelbar wahrgenommen.

Wort für Wort
paraḥ hi adharmaḥ na eva asti
denn es gibt überhaupt kein [großes] Unrecht
saṃdehaḥ na api jāyate
auch kein Zweifel entsteht
kṛtasya tu phalam tatra
die Frucht des Getanen aber dort
pratyakṣam upalabhyate
wird unmittelbar wahrgenommen

yānāsanāśanopetā prasādabhavanāśrayāḥ / sarvakāmairvṛtāḥ keciddhemābharaṇabhūṣitāḥ

[Manche sind] mit Fahrzeugen, Sitzen und Speise versehen, wohnhaft in prächtigen Palästen; manche sind von allen Wünschen [erfüllt] umgeben, mit goldenem Schmuck geziert.

Wort für Wort
yānāsanāśanopetāḥ
mit Fahrzeugen, Sitzen und Speise versehen
prasādabhavanāśrayāḥ
wohnhaft in prächtigen Palästen
sarvakāmaiḥ vṛtāḥ kecid
manche von allen Wünschen umgeben
hemābharaṇabhūṣitāḥ
mit goldenem Schmuck geziert

prāṇadhāraṇamātraṃ tu keṣāñcidupapadyate / śrameṇa mahatā kecitkurvanti prāṇadhāraṇam

Manchen aber gelingt nur gerade das bloße Erhalten des Lebensatems; manche vollbringen die Erhaltung des Lebensatems [nur] mit großer Mühe.

Wort für Wort
prāṇadhāraṇamātraṃ tu
aber nur das bloße Erhalten des Lebensatems
keṣāñcit upapadyate
gelingt manchen
śrameṇa mahatā kecid
manche mit großer Mühe
kurvanti prāṇadhāraṇam
vollbringen die Erhaltung des Lebensatems

iha dharmaparāḥ kecitkecinnaiṣkṛtikā narāḥ / sukhitā duḥkhitāḥ kecinnirdhanā dhanino pare

Hier [in dieser Welt] sind manche dem Dharma zugetan, manche Menschen sind Betrüger; manche sind glücklich, manche leidend, manche besitzlos, andere reich.

Wort für Wort
iha dharmaparāḥ kecid
hier manche dem Dharma zugetan
kecid naiṣkṛtikāḥ narāḥ
manche Menschen [sind] Betrüger
sukhitāḥ duḥkhitāḥ kecid
manche glücklich, manche leidend
nirdhanāḥ dhaninaḥ pare
manche besitzlos, andere reich

iha śramo bhayaṃ mohaḥ kṣudhā tīvrā ca jāyate / lobhaścārthakṛto tṝṇāṃ yena muhyantyapaṇḍitāḥ

Hier entstehen Mühsal, Furcht, Verblendung und heftiger Hunger, und die durch [Streben nach] Reichtum bewirkte Gier der Menschen, durch welche die Unklugen in Verwirrung geraten.

Wort für Wort
iha śramaḥ bhayaṃ mohaḥ
hier Mühsal, Furcht, Verblendung
kṣudhā tīvrā ca jāyate
und heftiger Hunger entsteht
lobhaḥ ca arthakṛtaḥ nṝṇāṃ
und die durch Reichtum bewirkte Gier der Menschen
yena muhyanti apaṇḍitāḥ
durch welche die Unklugen in Verwirrung geraten

[?] 'tṝṇāṃ' als 'nṝṇāṃ' (der Menschen) gelesen.

yastadvedo bhayaṃ prājñaḥ pāpmanā na sa lipyate / sopadhe nikṛtiḥ steyaṃ parivādo 'bhyasūyatā

Wer dies weiß, jener kluge, wird von Furcht durch Sünde nicht befleckt. [Es gibt dort] mit Hinterlist verbundenen Betrug, Diebstahl, Verleumdung [und] Missgunst.

Wort für Wort
yaḥ tad veda
wer dies weiß
bhayaṃ prājñaḥ
[jener] kluge [angesichts der] Furcht
pāpmanā na sa lipyate
wird von Sünde nicht befleckt
sopadhe nikṛtiḥ steyam
mit Hinterlist verbundener Betrug, Diebstahl
parivādaḥ abhyasūyatā
Verleumdung, Missgunst

[?] Syntax der zweiten Vershälfte unsicher – möglicherweise Aufzählung von Lastern, die (im Gegensatz zu V9-10) in dieser [gewöhnlichen] Welt vorkommen.

paropaghāto hiṃsā ca paiśunmanṛtaṃ tathā / etānsaṃsevate yastu tapastasya prahīyate

Schädigung anderer, Gewalttätigkeit, Verleumdung (paiśuna) und ebenso Lüge – wer diese pflegt, dessen Askese schwindet.

Wort für Wort
paropaghātaḥ hiṃsā ca
Schädigung anderer und Gewalttätigkeit
paiśunam ṛtaṃ(?) tathā
Verleumdung und ebenso Lüge
etān saṃsevate yaḥ tu
wer aber diese pflegt
tapaḥ tasya prahīyate
dessen Askese schwindet

yastvetānācaredvidvānna tapastasya varddhate / iha cintā bahuvidhā dharmādharmasya karmaṇaḥ

Wer aber diese [Laster] als Wissender nicht übt, dessen Askese wächst. Hier [in dieser Welt gibt es] mannigfaltige Sorge um Recht und Unrecht des Handelns.

Wort für Wort
yaḥ tu etān ācaret vidvān
wer aber diese als Wissender übte
na tapaḥ tasya varddhate
dessen Askese wächst NICHT [wenn er sie übt]
iha cintā bahuvidhā
hier mannigfaltige Sorge
dharmādharmasya karmaṇaḥ
um Recht und Unrecht des Handelns

[?] Verneinung 'na' in Pāda a bezieht sich vermutlich darauf, dass der Weise diese Laster NICHT übt; dann wächst seine Askese.

karmabhūmiriyaṃ loke iha kṛtvā śubhāśubham / śubhaiḥ śubhamavāpnoti tathāśubhamathānyathā

Diese Welt [hier] ist eine Wirkstätte der Taten (karmabhūmi); hier, nachdem man Gutes oder Böses getan hat, erlangt man durch Gutes Gutes, ebenso durch Böses [entsprechend] anderes [d.h. Böses].

Wort für Wort
karmabhūmiḥ iyaṃ loke
diese Welt [ist] eine Wirkstätte der Taten
iha kṛtvā śubhāśubham
hier, nachdem man Gutes und Böses getan hat
śubhaiḥ śubham avāpnoti
durch Gutes erlangt man Gutes
tathā aśubham atha anyathā
ebenso Böses, oder anders [Böses]

iha prajāpatiḥ pūrvaṃ devāḥ sarṣigaṇāstathā / iṣṭeṣṭatapasaḥ pūtā brahmalokamupāśritāḥ

Hier [haben] einst Prajāpati, die Götter und ebenso die Scharen der Seher, durch vollzogene Opfer und geübte Askese geläutert, Zuflucht in der Brahma-Welt genommen.

Wort für Wort
iha prajāpatiḥ pūrvaṃ
hier einst Prajāpati
devāḥ sa-ṛṣigaṇāḥ tathā
die Götter und ebenso die Scharen der Seher
iṣṭeṣṭatapasaḥ pūtāḥ
durch Opfer und Askese geläutert
brahmalokam upāśritāḥ
haben Zuflucht in der Brahma-Welt genommen

uttaraḥ pṛthivībhāgaḥ sarvapuṇyatamaḥ śubhaḥ / ihasthāstatra jāyante ye vai puṇyakṛto janāḥ

Der nördliche Erdteil ist der heiligste und beste von allen, glückverheißend; dort werden die Menschen [wieder]geboren, die, hier [in dieser Welt] weilend, Verdienstvolles getan haben.

Wort für Wort
uttaraḥ pṛthivībhāgaḥ
der nördliche Erdteil
sarvapuṇyatamaḥ śubhaḥ
der heiligste von allen, glückverheißend
ihasthāḥ tatra jāyante
die hier Weilenden werden dort [wieder]geboren
ye vai puṇyakṛtaḥ janāḥ
welche Menschen wahrlich Verdienstvolles getan haben

yadi satkāramicchanti tiryagyoniṣu cāpare / kṣīṇāyuṣastathā cānye naśyanti pṛthivītale

Wenn sie [noch weltliche] Ehre begehren, [geraten manche] in Tierleiber; und andere ebenso, deren Lebenszeit erschöpft ist, gehen auf der Erdoberfläche zugrunde.

Wort für Wort
yadi satkāram icchanti
wenn sie [weltliche] Ehre begehren
tiryagyoniṣu ca apare
und andere in Tierleiber [geraten]
kṣīṇāyuṣaḥ tathā ca anye
und ebenso andere, deren Lebenszeit erschöpft ist
naśyanti pṛthivītale
gehen auf der Erdoberfläche zugrunde

[?] Satzbezug knapp – 'satkāram icchanti' vermutlich Bedingung für den Fall in Tierwiedergeburt.

anyonyabhakṣaṇāsaktā lobhamohasamanvitāḥ / ihaiva parivarttante na ca yāntyuttarāṃ diśam

Dem gegenseitigen Verschlingen ergeben, von Gier und Verblendung erfüllt, drehen sie sich eben hier [im Kreislauf] und gelangen nicht in die nördliche Richtung.

Wort für Wort
anyonyabhakṣaṇāsaktāḥ
dem gegenseitigen Verschlingen ergeben
lobhamohasamanvitāḥ
von Gier und Verblendung erfüllt
iha eva parivarttante
eben hier drehen sie sich [im Kreislauf]
na ca yānti uttarāṃ diśam
und gelangen nicht in die nördliche Richtung

gurūnupāsate ye tu niyatā brahmacāriṇaḥ / panthānaṃ sarvālokānāṃ vijānanti manīṣiṇaḥ

Diejenigen aber, die als beherrschte Keuschheitsschüler (brahmacārin) ihren Lehrern dienen, jene weisen Männer erkennen den Weg zu allen Welten.

Wort für Wort
gurūn upāsate ye tu
die aber den Lehrern dienen
niyatāḥ brahmacāriṇaḥ
als beherrschte Keuschheitsschüler
panthānaṃ sarvālokānām
den Weg zu allen Welten
vijānanti manīṣiṇaḥ
erkennen die weisen Männer

ityukto 'yaṃ mayā dharmaḥ saṃkṣipto brahmanirmitaḥ / dharmādharmauṃ hi lokasya yo vai vetti sa buddhimān

So wurde von mir dieser Dharma dargelegt, kurz gefasst, von Brahmā geschaffen; wer nämlich Recht und Unrecht der Welt kennt, der ist ein Weiser.

Wort für Wort
iti uktaḥ ayaṃ mayā dharmaḥ
so wurde von mir dieser Dharma dargelegt
saṃkṣiptaḥ brahmanirmitaḥ
kurz gefasst, von Brahmā geschaffen
dharmādharmau hi lokasya
Recht und Unrecht der Welt nämlich
yaḥ vai vetti sa buddhimān
wer dies wahrlich kennt, der ist ein Weiser

bharadvāja uvāca /. adhyātmaṃ nāma yadidaṃ puruṣasyeha cintyate / yadadhyātmaṃ yathā caitattanme brūhi tapodhana

Bharadvāja sprach: Was dieses ist, das hier bei einem Menschen 'adhyātma' (das Innere/Selbst) genannt wird und bedacht wird – sage mir, was adhyātma ist und wie es beschaffen ist, o du, dessen Reichtum die Askese ist (tapodhana).

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
adhyātmaṃ nāma yad idam
was dieses ist, das 'adhyātma' genannt wird
puruṣasya iha cintyate
bei einem Menschen hier bedacht wird
yad adhyātmaṃ yathā ca etat
was adhyātma [ist] und wie dies [beschaffen ist]
tan me brūhi tapodhana
das sage mir, o Askese-Reicher

bhṛguruvāca adhyātmamiti viprarṣe yadetadanupṛcchasi / tadvyākhyāṃsyāmi te tāta śreyaskaratamaṃ sukham

Bhṛgu sprach: O Brahmanenweiser, was du da über 'adhyātma' fragst – das werde ich dir erklären, mein Sohn, [es ist] das höchste Heil bringende Glück.

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
adhyātmam iti viprarṣe
o Brahmanenweiser, [was] 'adhyātma' [genannt wird]
yad etad anupṛcchasi
was du da fragst
tad vyākhyāsyāmi te tāta
das werde ich dir erklären, mein Sohn
śreyaskaratamaṃ sukham
das höchste Heil bringende Glück

sṛṣṭipralayasaṃyuktamācāryaiḥ paridarśitam / yajjñātvā puruṣo loke prītiṃ saukhyaṃ ca vindati

[Es ist] mit Schöpfung und Auflösung verbunden, von den Lehrern aufgezeigt; wodurch erkennend der Mensch in der Welt Freude und Glück findet.

Wort für Wort
sṛṣṭipralayasaṃyuktam
mit Schöpfung und Auflösung verbunden
ācāryaiḥ paridarśitam
von den Lehrern aufgezeigt
yat jñātvā puruṣaḥ loke
was erkennend der Mensch in der Welt
prītiṃ saukhyaṃ ca vindati
Freude und Glück findet

phalalābhaśca tasya syātsarvabhūtahitaṃ ca tat / pṛthivī vāyurākāśamāpo jyotiśca pañcamam

Und der Gewinn seiner Frucht wäre das Wohl aller Wesen; und das [sind]: Erde, Wind, Äther/Raum, Wasser und Licht/Feuer als fünftes.

Wort für Wort
phalalābhaḥ ca tasya syāt
und der Gewinn seiner Frucht wäre
sarvabhūtahitaṃ ca tat
und das [ist] das Wohl aller Wesen
pṛthivī vāyuḥ ākāśam
Erde, Wind, Äther/Raum
āpaḥ jyotiḥ ca pañcamam
Wasser und Licht/Feuer als fünftes

mahābhūtāni bhūtānāṃ sarveṣāṃ prabhavāpyayau / yataḥ sṛṣṭāni tatraiva tāni yānti layaṃ punaḥ

Die großen Elemente sind Entstehung und Vergehen aller Wesen; wovon sie geschaffen wurden, dorthin eben gehen sie wieder zur Auflösung.

Wort für Wort
mahābhūtāni bhūtānām
die großen Elemente der Wesen
sarveṣāṃ prabhavāpyayau
[sind] Entstehung und Vergehen aller
yataḥ sṛṣṭāni tatra eva
von wo sie geschaffen wurden, eben dorthin
tāni yānti layaṃ punaḥ
gehen sie wieder zur Auflösung

mahābhūtāni bhūtebhyaḥ sāgarasyormayo yathā / prasārya ca yathāṅgāni kūrmaḥ saṃharate punaḥ

[Es verhält sich mit] den großen Elementen zu den Wesen wie mit den Wellen des Ozeans, und wie eine Schildkröte ihre Glieder ausstreckt und sie wieder einzieht.

Wort für Wort
mahābhūtāni bhūtebhyaḥ
die großen Elemente zu den Wesen
sāgarasya ūrmayaḥ yathā
wie die Wellen des Ozeans
prasārya ca yathā aṅgāni
und wie [sie] die Glieder ausstreckend
kūrmaḥ saṃharate punaḥ
zieht die Schildkröte [sie] wieder ein

tadvad bhūtāni bhūtātmā sṛṣṭāni harate punaḥ / mahābhūtāni pañcaiva sarvabhūteṣu bhūtakṛt

Ebenso nimmt der Wesens-Selbst (bhūtātman) die geschaffenen Wesen wieder zurück; die großen Elemente, eben fünf an der Zahl, [sind es, durch die] der Schöpfer der Wesen in allen Wesen [wirkt].

Wort für Wort
tadvat bhūtāni bhūtātmā
ebenso [nimmt] der Wesens-Selbst die Wesen
sṛṣṭāni harate punaḥ
die geschaffenen wieder zurück
mahābhūtāni pañca eva
die großen Elemente, eben fünf
sarvabhūteṣu bhūtakṛt
in allen Wesen [wirkt] der Schöpfer der Wesen

akarotteṣu vai samyak taṃ tu jīvo na paśyati / śabdaḥ śrotraṃ tathā khāni trayamākāśayonijam

Er wirkte in ihnen wahrlich vollständig, ihn aber sieht die Einzelseele (jīva) nicht. Der Laut, das Ohr, sowie die Höhlungen (khāni) – diese drei sind aus dem Ursprung des Äthers/Raumes (ākāśa) geboren.

Wort für Wort
akarot teṣu vai samyak
er wirkte in ihnen wahrlich vollständig
taṃ tu jīvaḥ na paśyati
ihn aber sieht die Einzelseele nicht
śabdaḥ śrotraṃ tathā khāni
Laut, Ohr, sowie die Höhlungen
trayam ākāśayonijam
diese drei aus dem Ursprung des Äthers geboren

vāyoḥ sparsastathā ceṣṭā tvakcaiva tritayaṃ smṛtam / rūpaṃ cakṣustathā pākastrividhaṃ teja ucyate

Berührung, Bewegung und ebenso die Haut – [diese] Dreiheit wird dem Wind zugeordnet. Form, Auge und ebenso das Kochen/Verdauen – dreifach wird [dies] 'Feuer/Licht' (tejas) genannt.

Wort für Wort
vāyoḥ sparśaḥ tathā ceṣṭā
des Windes Berührung und Bewegung
tvak ca eva tritayaṃ smṛtam
und die Haut – diese Dreiheit wird [ihm] zugeordnet
rūpaṃ cakṣuḥ tathā pākaḥ
Form, Auge und das Kochen/Verdauen
trividhaṃ tejaḥ ucyate
dreifach wird [dies] Feuer/Licht genannt

rasāḥ kledaśca jihvā ca trayo jalaguṇāḥ smṛtāḥ / ghreyaṃ ghrāṇaṃ śarīraṃ ca ete bhūmiguṇāstrayaḥ

Geschmäcker, Feuchtigkeit und die Zunge – [diese] drei sind als Eigenschaften des Wassers bekannt. Das Riechbare, das Riechorgan und der Körper – diese drei sind die Eigenschaften der Erde.

Wort für Wort
rasāḥ kledaḥ ca jihvā ca
Geschmäcker, Feuchtigkeit und Zunge
trayaḥ jalaguṇāḥ smṛtāḥ
[diese] drei sind als Wasser-Eigenschaften bekannt
ghreyaṃ ghrāṇaṃ śarīraṃ ca
das Riechbare, das Riechorgan und der Körper
ete bhūmiguṇāḥ trayaḥ
diese drei sind die Erd-Eigenschaften

mahābhūtāni pacaiva ṣaṣṭaṃ ca mana ucyate / indriyāṇi manaścaiva vijñātānyasya bhārata

Die großen Elemente sind eben fünf, und als sechstes wird der Geist (manas) genannt; die Sinnesorgane und der Geist sind als zu ihm gehörig erkannt, o Bhārata.

Wort für Wort
mahābhūtāni pañca eva
die großen Elemente eben fünf
ṣaṣṭaṃ ca manaḥ ucyate
und als sechstes wird der Geist genannt
indriyāṇi manaḥ ca eva
die Sinnesorgane und der Geist
vijñātāni asya bhārata
sind als zu ihm gehörig erkannt, o Bhārata

[?] 'pacaiva' als 'pañcaiva' gelesen.

saptamī buddhirityāhuḥ kṣetrajñaḥ punaraṣṭamaḥ / śrotraṃ vai śravaṇārthāya sparśanāya ca tvak smṛtā

Als siebtes, so sagen sie, [gilt] die Erkenntniskraft (buddhi), und als achtes wiederum der Feldkenner (kṣetrajña). Das Ohr [dient] wahrlich dem Zweck des Hörens, und die Haut ist zum Berühren bestimmt.

Wort für Wort
saptamī buddhiḥ iti āhuḥ
als siebtes, so sagen sie, die Erkenntniskraft
kṣetrajñaḥ punaḥ aṣṭamaḥ
der Feldkenner wiederum als achtes
śrotraṃ vai śravaṇārthāya
das Ohr wahrlich zum Zweck des Hörens
sparśanāya ca tvak smṛtā
und zum Berühren ist die Haut bestimmt

rasādānāya rasanā gandhādānāya nāsikā / cakṣurālokanāyaiva saṃśayaṃ kurute manaḥ

Zum Aufnehmen des Geschmacks [dient] die Zunge, zum Aufnehmen des Geruchs die Nase, das Auge eben zum Erblicken; der Geist erzeugt den Zweifel.

Wort für Wort
rasādānāya rasanā
zum Aufnehmen des Geschmacks die Zunge
gandhādānāya nāsikā
zum Aufnehmen des Geruchs die Nase
cakṣuḥ ālokanāya eva
das Auge eben zum Erblicken
saṃśayaṃ kurute manaḥ
den Zweifel erzeugt der Geist

buddhiradhyavasānāya kṣetrajñaḥ sākṣivatsthitaḥ / urddhaṃ pādatalābhyāṃ yadavākcodakca paśyati

Die Erkenntniskraft [dient] der Entscheidung; der Feldkenner steht wie ein Zeuge da. [Er ist es, der] von oben bis zu den Fußsohlen sieht, was [dort geschieht] [?].

Wort für Wort
buddhiḥ adhyavasānāya
die Erkenntniskraft dient der Entscheidung
kṣetrajñaḥ sākṣivat sthitaḥ
der Feldkenner steht wie ein Zeuge da
ūrdhvaṃ pādatalābhyāṃ
von oben, von den Fußsohlen [her]
yad avāk ca (?) paśyati
was [er], ob sprechend oder nicht (?), sieht

[?] Pāda d ('urddhaṃ pādatalābhyāṃ yadavākcodakca paśyati') textlich unsicher/verderbt; Sinn vermutlich: der Kṣetrajña als Zeuge nimmt den ganzen Körper (von den Fußsohlen bis nach oben) wahr, unabhängig davon, ob [der Körper] spricht oder nicht. Beste Vermutung gegeben.

etena sarvamevedaṃ vibhunā cyāptamantaram / puruṣairindriyāṇīha veditavyāni kṛtstraśaḥ

Durch diesen alldurchdringenden [Kṣetrajña] ist dies alles gänzlich durchdrungen; von den Menschen sollen hier die Sinnesorgane vollständig erkannt werden.

Wort für Wort
etena sarvam eva idam
durch diesen [ist] dies alles
vibhunā vyāptam antaram
vom Alldurchdringenden durchdrungen, gänzlich
puruṣaiḥ indriyāṇi iha
von den Menschen die Sinnesorgane hier
veditavyāni kṛtstraśaḥ
sollen vollständig erkannt werden

[?] 'cyāptam' als 'vyāptam' gelesen.

tamo rajaśca sattvaṃ ca te 'pi bhāvāstadāśritāḥ / etāṃ buddhiṃ naro buddhā bhūtānāgatiṃ gatim

Tamas, Rajas und Sattva – auch diese Zustände sind darauf [dem Kṣetrajña] gegründet. Diese Erkenntniskraft verstanden habend, [erkennt] der Mensch das Kommen und Nicht-Kommen (Geschick) der Wesen.

Wort für Wort
tamaḥ rajaḥ ca sattvaṃ ca
Tamas, Rajas und Sattva
te api bhāvāḥ tadāśritāḥ
auch diese Zustände sind darauf gegründet
etāṃ buddhiṃ naraḥ buddhvā
diese Erkenntniskraft verstanden habend, der Mensch
bhūtānām agatiṃ gatim
der Wesen Nicht-Geschick und Geschick

[?] 'buddhā' als Absolutiv 'buddhvā' gelesen; 'agatiṃ gatim' als Doppelausdruck 'das [künftige] Geschick und Nicht-Geschick' verstanden.

samavekṣya śanaiścaivaṃ labhate śamamuttamam / guṇairvinaśyate buddhirbuddherevendriyāṇyapi

Nachdem er dies so allmählich betrachtet hat, erlangt er höchste Ruhe; durch die Guṇas wird die Erkenntniskraft beeinträchtigt, und durch die Erkenntniskraft auch die Sinnesorgane.

Wort für Wort
samavekṣya śanaiḥ ca evam
nachdem er dies so allmählich betrachtet hat
labhate śamam uttamam
erlangt er höchste Ruhe
guṇaiḥ vinaśyate buddhiḥ
durch die Guṇas wird die Erkenntniskraft beeinträchtigt
buddheḥ eva indriyāṇi api
und durch die Erkenntniskraft auch die Sinnesorgane

manaḥṣaṣṭāni bhūtāni buddhyabhāve kuto guṇāḥ / iti tanmayamevaitatsarvaṃ sthāvarajaṅgamam

Die Elemente mit dem Geist als sechstem – wo [sollten] beim Fehlen der Erkenntniskraft [noch] Guṇas [sein]? So besteht dies alles, das Unbewegliche und Bewegliche, eben aus jenem allein.

Wort für Wort
manaḥṣaṣṭāni bhūtāni
die Elemente mit dem Geist als sechstem
buddhyabhāve kutaḥ guṇāḥ
wo [wären] beim Fehlen der Erkenntniskraft Guṇas
iti tanmayam eva etat sarvam
so [besteht] dies alles eben aus jenem allein
sthāvarajaṅgamam
das Unbewegliche und Bewegliche

pralīyate codbhavati tasmānnirddiśyate tathā / yena paśyati tañcakṣuḥ śṛṇoti śrotramucyate

Es löst sich auf und entsteht daraus; entsprechend wird es bezeichnet: wodurch man sieht, das nennt man 'Auge' (cakṣus); wodurch man hört, wird 'Ohr' (śrotra) genannt.

Wort für Wort
pralīyate ca udbhavati tasmāt
es löst sich auf und entsteht daraus
nirddiśyate tathā
entsprechend wird es bezeichnet
yena paśyati tat cakṣuḥ
wodurch man sieht, das [heißt] Auge
śṛṇoti śrotram ucyate
wodurch man hört, wird Ohr genannt

jighrati ghrāṇamityāhuḥ rasaṃ jānāti jihvayā / tvacā sparśayati sparśaṃ buddhirvikriyate sakṛt

Wodurch man riecht, nennt man 'Riechorgan' (ghrāṇa); man erkennt den Geschmack durch die Zunge; durch die Haut ertastet man die Berührung – die Erkenntniskraft wird [dabei jeweils] auf einmal verändert.

Wort für Wort
jighrati ghrāṇam iti āhuḥ
wodurch man riecht, nennt man Riechorgan
rasaṃ jānāti jihvayā
man erkennt den Geschmack durch die Zunge
tvacā sparśayati sparśam
durch die Haut ertastet man die Berührung
buddhiḥ vikriyate sakṛt
die Erkenntniskraft wird dabei jeweils auf einmal verändert

yena prārthayate kiñcittadā bhavati tanmanaḥ / adhiṣṭānāttu buddherhi pṛthagarthāni pañcadhā

Wodurch man sich etwas wünscht, das eben wird 'Geist' (manas) genannt; von der Grundlage der Erkenntniskraft aus aber [entstehen] die gesonderten Gegenstände fünffach.

Wort für Wort
yena prārthayate kiñcit
wodurch man sich etwas wünscht
tadā bhavati tat manaḥ
das eben wird 'Geist' genannt
adhiṣṭhānāt tu buddheḥ hi
von der Grundlage der Erkenntniskraft aus aber
pṛthagarthāni pañcadhā
die gesonderten Gegenstände fünffach

indriyāṇīti tānyāhustānyadṛśyo 'dhitiṣṭati / puruṣe tiṣṭatī buddhistriṣu bhāveṣu vartate

'Sinnesorgane' nennt man diese; über ihnen thront der Unsichtbare. Die im Menschen wohnende Erkenntniskraft befindet sich in drei Zuständen.

Wort für Wort
indriyāṇi iti tāni āhuḥ
'Sinnesorgane' nennt man diese
tāni adṛśyaḥ adhitiṣṭati
über ihnen thront der Unsichtbare
puruṣe tiṣṭhatī buddhiḥ
die im Menschen wohnende Erkenntniskraft
triṣu bhāveṣu vartate
befindet sich in drei Zuständen

kadācillabhate prītiṃ kadācidupaśocati / na sukhena na duḥkhena kadācidapi vartate

Manchmal erlangt sie Freude, manchmal betrübt sie sich; manchmal befindet sie sich auch weder in Glück noch in Leid.

Wort für Wort
kadācit labhate prītim
manchmal erlangt sie Freude
kadācit upaśocati
manchmal betrübt sie sich
na sukhena na duḥkhena
weder mit Glück noch mit Leid
kadācit api vartate
befindet sie sich manchmal auch

evaṃ narāṇāṃ manasi triṣu bhāveṣu vartate / seyaṃ bhāvātmikā bhāvāṃstrīnetānativartate

So befindet sie sich im Geist der Menschen in drei Zuständen; sie, von der Natur der Zustände, übersteigt diese drei Zustände [wieder].

Wort für Wort
evaṃ narāṇāṃ manasi
so im Geist der Menschen
triṣu bhāveṣu vartate
befindet sie sich in drei Zuständen
sā iyaṃ bhāvātmikā
sie, von der Natur der Zustände
bhāvān trīn etān ativartate
übersteigt diese drei Zustände

saritāṃ sāgaro bhartā velānāmiva vāridhiḥ / atibhāvagatā buddhirbhāvairmanasi vartate

Wie der Ozean der Herr der Flüsse ist, wie das Meer der [Herr] der Gezeiten/Ufer – so wirkt die über die Zustände hinausgegangene Erkenntniskraft [dennoch] mittels der Zustände im Geist.

Wort für Wort
saritāṃ sāgaraḥ bhartā
der Ozean [ist] der Herr der Flüsse
velānām iva vāridhiḥ
wie das Meer [Herr] der Gezeiten/Ufer
atibhāvagatā buddhiḥ
die über die Zustände hinausgegangene Erkenntniskraft
bhāvaiḥ manasi vartate
wirkt mittels der Zustände im Geist

vartamāno munistvevaṃ svabāvamanuvartate / indriyāṇi hi sarvāṇi pravartayati sā sadā

Der Weise, so handelnd, folgt dabei seiner eigenen Natur; denn sie [die Erkenntniskraft] setzt stets alle Sinnesorgane in Bewegung.

Wort für Wort
vartamānaḥ muniḥ tu evam
der so handelnde Weise aber
svabhāvam anuvartate
folgt [dabei] seiner eigenen Natur
indriyāṇi hi sarvāṇi
denn alle Sinnesorgane
pravartayati sā sadā
setzt sie stets in Bewegung

[?] 'svabāvam' als 'svabhāvam' gelesen.

prītiḥ sattvaṃ rajaḥ śokastamaḥ krodhastu te trayaḥ / ye ye ca bhāvā loke 'sminsarve pyeteṣu vai triṣu

Freude [gehört zum] Sattva, Kummer [zum] Rajas, Zorn aber [zum] Tamas – dies sind die drei; und welche Zustände es in dieser Welt auch [geben mag], alle [fallen] wahrlich unter diese drei.

Wort für Wort
prītiḥ sattvaṃ rajaḥ śokaḥ
Freude [zu] Sattva, Rajas [zu] Kummer
tamaḥ krodhaḥ tu te trayaḥ
Tamas [zu] Zorn – dies die drei
ye ye ca bhāvāḥ loke asmin
und welche Zustände auch in dieser Welt
sarve api eteṣu vai triṣu
alle [fallen] wahrlich unter diese drei

iti buddhigatāḥ sarvā vyākhyātāstava bhāvanāḥ / indriyāṇi ca sarvāṇi vijetavyāni dhīmatā

So sind alle in der Erkenntniskraft befindlichen Zustände dir erklärt worden; und alle Sinnesorgane sind vom Weisen zu bezwingen.

Wort für Wort
iti buddhigatāḥ sarvāḥ
so alle in der Erkenntniskraft befindlichen
vyākhyātāḥ tava bhāvanāḥ
[sind] dir die Zustände erklärt worden
indriyāṇi ca sarvāṇi
und alle Sinnesorgane
vijetavyāni dhīmatā
sind vom Weisen zu bezwingen

sattvaṃ rajastamaścaiva prāṇināṃ saṃśritāḥ sadā / triviśvāvedanāścaiva sarvasattveṣu dṛśyate

Sattva, Rajas und Tamas wohnen stets den Lebewesen inne; und die dreifachen Empfindungen zeigen sich in allen Wesen.

Wort für Wort
sattvaṃ rajaḥ tamaḥ ca eva
Sattva, Rajas und Tamas
prāṇinām saṃśritāḥ sadā
wohnen den Lebewesen stets inne
trividhāḥ vedanāḥ ca eva
und die dreifachen Empfindungen
sarvasattveṣu dṛśyate
zeigen sich in allen Wesen

[?] 'triviśvāvedanāś' vermutlich verderbt für 'trividhā vedanāś' (die dreifachen Empfindungen); so übersetzt.

sāttvikī rājasī caiva tāmasī ceti mānada / sukhasparśaḥ sattvaguṇo duḥkhasparśo rajoguṇaḥ

Sāttvisch, rājasisch und ebenso tāmasisch, o Ehrenspender – die Berührung mit Glück [ist] die Sattva-Eigenschaft, die Berührung mit Leid die Rajas-Eigenschaft.

Wort für Wort
sāttvikī rājasī ca eva
sāttvisch, rājasisch und ebenso
tāmasī ca iti mānada
tāmasisch, o Ehrenspender
sukhasparśaḥ sattvaguṇaḥ
die Berührung mit Glück [ist] die Sattva-Eigenschaft
duḥkhasparśaḥ rajoguṇaḥ
die Berührung mit Leid die Rajas-Eigenschaft

tamoguṇena saṃyuktau bhavato vyāvahārikau / tava yatprītisaṃyuktaṃ kāye manasi vā bhavet

Beide [Glück und Leid], verbunden mit der Tamas-Eigenschaft, werden [zu etwas] Gewöhnlichem/Alltäglichem. Was bei dir mit Freude verbunden im Körper oder im Geist entsteht,

Wort für Wort
tamoguṇena saṃyuktau
verbunden mit der Tamas-Eigenschaft
bhavataḥ vyāvahārikau
werden beide [zu etwas] Gewöhnlichem
tava yat prītisaṃyuktam
was bei dir mit Freude verbunden
kāye manasi vā bhavet
im Körper oder im Geist entstehen mag

vartate sāttviko bhāva ityācakṣīta tattathā / atha yadduḥkhasaṃyuktamaprītikaramātmanaḥ

– das ist der sāttvische Zustand; so möge man es benennen. Was aber mit Leid verbunden ist, dem eigenen Selbst Unfreude bereitend,

Wort für Wort
vartate sāttvikaḥ bhāvaḥ
das ist der sāttvische Zustand
iti ācakṣīta tat tathā
so möge man es entsprechend benennen
atha yat duḥkhasaṃyuktam
was aber mit Leid verbunden [ist]
aprītikaram ātmanaḥ
dem eigenen Selbst Unfreude bereitend

pravṛttaṃ raja ityeva jānīhi munisattama / athayanmohasaṃyuktamavyakta viṣamaṃ bhavet

– das erkenne als das Wirken des Rajas, o bester der Weisen. Was aber mit Verblendung verbunden, unmanifest, ungleichmäßig ist,

Wort für Wort
pravṛttaṃ rajaḥ iti eva
das [ist] das Wirken des Rajas eben
jānīhi munisattama
erkenne, o bester der Weisen
atha yat mohasaṃyuktam
was aber mit Verblendung verbunden
avyaktaṃ viṣamaṃ bhavet
unmanifest, ungleichmäßig ist

apratarkyamavijñeyaṃ tamastadupadhārayet / praharṣaḥ prītirānandaḥ sukhaṃ vā śāntacittatā

unbegreiflich, unerkennbar – das halte für Tamas. Frohsinn, Freude, Wonne, Glück oder Gelassenheit des Geistes –

Wort für Wort
apratarkyam avijñeyam
unbegreiflich, unerkennbar
tamaḥ tad upadhārayet
das halte man für Tamas
praharṣaḥ prītiḥ ānandaḥ
Frohsinn, Freude, Wonne
sukhaṃ vā śāntacittatā
Glück oder Gelassenheit des Geistes

kathañcidabhivartanta ityete sāttvikā guṇāḥ / atuṣṭiḥ paritāpaśca śoko lobhastathā kṣamā

– wie auch immer sie auftreten mögen, dies sind die sāttvischen Eigenschaften. Unzufriedenheit, Qual, Kummer, Gier und ebenso [erzwungene] Geduld –

Wort für Wort
kathañcit abhivartanta
wie auch immer sie auftreten
iti ete sāttvikāḥ guṇāḥ
dies sind die sāttvischen Eigenschaften
atuṣṭiḥ paritāpaḥ ca
Unzufriedenheit und Qual
śokaḥ lobhaḥ tathā kṣamā
Kummer, Gier und ebenso [erzwungene] Geduld

liṅgāni rajasastāni dṛśyante dehahetubhiḥ / apamānastathā mohaḥ pramādaḥ svapnatandrite

– dies sind die Merkmale des Rajas, sichtbar durch körperliche Ursachen. Missachtung, ebenso Verblendung, Nachlässigkeit, Schlaf und Mattigkeit –

Wort für Wort
liṅgāni rajasaḥ tāni
dies [sind] die Merkmale des Rajas
dṛśyante dehahetubhiḥ
sichtbar durch körperliche Ursachen
apamānaḥ tathā mohaḥ
Missachtung, ebenso Verblendung
pramādaḥ svapnatandrite
Nachlässigkeit, Schlaf und Mattigkeit

kathañcidabhivartante vividhāstāmasā guṇāḥ / dūṣaṇaṃ bahudhāgāmi prārthanāsaṃśayātmakam

– wie auch immer sie auftreten, mannigfaltig sind die tāmasischen Eigenschaften: vielfältige Verunreinigung/Tadel, [ziellos] Umherschweifendes, von Zweifel erfülltes Begehren.

Wort für Wort
kathañcit abhivartante
wie auch immer sie auftreten
vividhāḥ tāmasāḥ guṇāḥ
mannigfaltig die tāmasischen Eigenschaften
dūṣaṇaṃ bahudhā āgāmi(?)
vielfältige Verunreinigung, Umherschweifendes (?)
prārthanā saṃśayātmakam
von Zweifel erfülltes Begehren

[?] Pāda c-d ('dūṣaṇaṃ bahudhāgāmi prārthanāsaṃśayātmakam') syntaktisch unklar/möglicherweise verderbt; beste Vermutung gegeben.

manaḥ svaniyataṃ yasya sa sukhī pretyaceha ca / sattvakṣetrajñayoretadantaraṃ yasya sūkṣmayoḥ

Wessen Geist selbstbeherrscht ist, der ist glücklich, nach dem Tod wie auch hier. Dies ist der feine Unterschied zwischen Sattva und Kṣetrajña, für den, der [ihn erkennt] –

Wort für Wort
manaḥ svaniyataṃ yasya
wessen Geist selbstbeherrscht ist
sa sukhī pretya ca iha ca
der ist glücklich, nach dem Tod und hier
sattvakṣetrajñayoḥ etat antaram
dies der Unterschied zwischen Sattva und Kṣetrajña
yasya sūkṣmayoḥ
der beiden feinen, für den [der es erkennt]

sṛjatehi guṇāneka eko na sṛjate guṇān / maśakoduṃbarau vāpi saṃprayuktau yathā sadā

– denn der eine [von beiden] erschafft die Guṇas, der andere erschafft die Guṇas nicht; wie [die] Mücke und die Feige [gemeinsam verbunden sind], oder wie [zwei Dinge] stets zusammengefügt sind.

Wort für Wort
sṛjati hi guṇān ekaḥ
denn der eine erschafft die Guṇas
ekaḥ na sṛjate guṇān
der andere erschafft die Guṇas nicht
maśakoduṃbarau vā api
Mücke und Feige, oder auch
saṃprayuktau yathā sadā
wie [zwei Dinge] stets zusammengefügt

[?] 'maśakoduṃbarau' als Bildvergleich (Mücke/Insekt und Feigenfrucht) verstanden – gemeinsames, aber wesensverschiedenes Zusammensein.

anyonyametau syātāṃ ca sapraṃyogastathobhayoḥ / pṛthagbhūtau prakṛtyā tau sapraṃyuktau ca sarvadā

Diese beiden sind einander [wesensfremd], und dennoch besteht eine Verbindung beider; von Natur aus getrennt, sind sie doch stets miteinander verbunden.

Wort für Wort
anyonyam etau syātām
diese beiden sind einander [fremd/getrennt]
saṃprayogaḥ tathā ubhayoḥ
und dennoch [besteht] eine Verbindung beider
pṛthagbhūtau prakṛtyā tau
von Natur aus getrennt sind diese beiden
saṃprayuktau ca sarvadā
und doch stets miteinander verbunden

yathā matsyo jalaṃ caiva saṃprayukto tathaiva tau / na guṇā vidurātmānaṃ sa guṇānvetti sarvaśaḥ

Wie der Fisch und das Wasser [verbunden sind], so verbunden sind auch diese beiden. Die Guṇas kennen das Selbst nicht, [das Selbst] aber kennt die Guṇas vollständig.

Wort für Wort
yathā matsyaḥ jalaṃ ca eva
wie der Fisch und das Wasser
saṃprayuktau tathā eva tau
so verbunden auch diese beiden
na guṇāḥ viduḥ ātmānam
die Guṇas kennen das Selbst nicht
sa guṇān vetti sarvaśaḥ
es [das Selbst] kennt die Guṇas vollständig

paridraṣṭā guṇānāṃ tu saṃstraṣṭā manyate tathā / indriyastu pradīpārthaṃ kurute buddhisattamaiḥ

Es ist [nur] Betrachter der Guṇas, hält sich aber [fälschlich] auch für deren Erschaffer; die Sinnesorgane aber dienen, [erleuchtet] durch die vortreffliche Erkenntniskraft, gleichsam dem Zweck einer Lampe.

Wort für Wort
paridraṣṭā guṇānāṃ tu
[es ist] aber nur Betrachter der Guṇas
saṃstraṣṭā manyate tathā
hält sich aber auch für [deren] Erschaffer
indriyaḥ tu pradīpārtham
die Sinnesorgane aber zum Zweck der Lampe
kurute buddhisattamaiḥ
wirken durch die vortrefflichen Erkenntniskräfte

[?] Pāda c-d syntaktisch schwierig; Sinn vermutlich Vorbereitung des Lampen-Gleichnisses von V63.

nirviceṣṭairajānadbhiḥ paramātmā pradīpavān / sṛjate hi guṇānsattvaṃ kṣetrajñaḥ paripaśyati

Durch die untätigen, unwissenden [Sinnesorgane hindurch ist] der höchste Ātman wie einer, der eine Lampe hält; denn das Sattva erschafft die Guṇas, der Kṣetrajña [aber] betrachtet [sie nur].

Wort für Wort
nirviceṣṭaiḥ ajānadbhiḥ
durch die untätigen, unwissenden [Sinnesorgane]
paramātmā pradīpavān
[ist] der höchste Ātman wie einer mit einer Lampe
sṛjate hi guṇān sattvam
denn das Sattva erschafft die Guṇas
kṣetrajñaḥ paripaśyati
der Kṣetrajña betrachtet [sie nur]

saṃprayogastayoreṣa sattvakṣetrajñayordhruvam / āśrayo nāsti sattvasya kṣetrajñasya ca kaścana

Dies ist die feste Verbindung von Sattva und Kṣetrajña; es gibt keine [eigene] Grundlage weder für das Sattva noch irgendeine für den Kṣetrajña.

Wort für Wort
saṃprayogaḥ tayoḥ eṣaḥ
dies [ist] die Verbindung dieser beiden
sattvakṣetrajñayoḥ dhruvam
von Sattva und Kṣetrajña, feststehend
āśrayaḥ na asti sattvasya
es gibt keine [eigene] Grundlage für das Sattva
kṣetrajñasya ca kaścana
noch irgendeine für den Kṣetrajña

sattvaṃ manaḥ saṃsṛjate na guṇānvai kadācana / raśmīṃsteṣāṃ sa manasā yadā samyaṅniyacchati

Das Sattva vereinigt sich mit dem Geist, niemals wahrlich [unmittelbar] mit den Guṇas. Wenn er [der Kṣetrajña] deren [Sinnes-]Strahlen mittels des Geistes recht beherrscht,

Wort für Wort
sattvaṃ manaḥ saṃsṛjate
das Sattva vereinigt sich mit dem Geist
na guṇān vai kadācana
niemals wahrlich mit den Guṇas [unmittelbar]
raśmīn teṣāṃ sa manasā
deren Strahlen er mittels des Geistes
yadā samyak niyacchati
wenn er [sie] recht beherrscht

tadā prakāśate 'syātmā ghaṭe dīpo jvalanniva / tyaktvā yaḥ prākṛtaṃ karma nityamātmaratirmuniḥ

– dann erstrahlt sein Selbst, wie eine Lampe, die in einem Gefäß brennt. Der Weise, der die aus der Natur (prakṛti) stammende Tat aufgegeben hat, stets an seinem Selbst erfreut,

Wort für Wort
tadā prakāśate asya ātmā
dann erstrahlt sein Selbst
ghaṭe dīpaḥ jvalan iva
wie eine im Gefäß brennende Lampe
tyaktvā yaḥ prākṛtaṃ karma
der [Weise], der die naturbedingte Tat aufgegeben hat
nityam ātmaratiḥ muniḥ
stets an seinem Selbst erfreut, der Weise

sarvabhūtātmabhūstasmātsa gaccheduttamāṃ gatim / yathā vāricaraḥ pakṣī salilena na lipyate

– da er zum Selbst aller Wesen geworden ist, erlangt er das höchste Ziel; wie ein wasserlebender Vogel vom Wasser nicht befleckt wird,

Wort für Wort
sarvabhūtātmabhūḥ tasmāt
da er zum Selbst aller Wesen geworden
sa gacchet uttamāṃ gatim
erlangt er das höchste Ziel
yathā vāricaraḥ pakṣī
wie ein wasserlebender Vogel
salilena na lipyate
vom Wasser nicht befleckt wird

evameva kṛtaprajño bhūteṣu parivartate / evaṃ svabhāvamevaitatsvabuddhyā viharennaraḥ

– ebenso bewegt sich der Vollendete unter den Wesen [unbefleckt]. So möge der Mensch, [erkennend], dass dies eben seine eigene Natur ist, mit seiner eigenen Erkenntniskraft leben.

Wort für Wort
evam eva kṛtaprajñaḥ
ebenso der Vollendete [an Einsicht]
bhūteṣu parivartate
bewegt sich unter den Wesen [unbefleckt]
evaṃ svabhāvam eva etat
so [erkennend, dass] dies eben die eigene Natur ist
svabuddhyā viharet naraḥ
möge der Mensch mit eigener Erkenntniskraft leben

aśocannaprahṛṣyaṃśca samo vigatamatsaraḥ / bhāvayuktyā prayuktastu sa nityaṃ sṛjate guṇān

Nicht trauernd und nicht frohlockend, gleichmütig, frei von Neid – durch die Anwendung rechter Gesinnung [innerlich unbeteiligt] verbunden, erzeugt er dennoch beständig die Guṇas [nach außen hin].

Wort für Wort
aśocan aprahṛṣyan ca
nicht trauernd und nicht frohlockend
samaḥ vigatamatsaraḥ
gleichmütig, frei von Neid
bhāvayuktyā prayuktaḥ tu
durch rechte Gesinnung [innerlich] verbunden aber
sa nityaṃ sṛjate guṇān
er erzeugt dennoch beständig die Guṇas

ūrṇanābhiryathā sūtraṃ vijñeyāstantuvadguṇāḥ / pradhvastā na nivartante nivṛttirnopalabhyate

Wie die Spinne den Faden [spinnt], so sind die Guṇas wie Fäden zu erkennen; einmal zerstört, kehren sie nicht zurück, [doch die vollständige] Aufhebung wird [dabei] nicht [sogleich] erlangt.

Wort für Wort
ūrṇanābhiḥ yathā sūtram
wie die Spinne den Faden [spinnt]
vijñeyāḥ tantuvat guṇāḥ
sind die Guṇas wie Fäden zu erkennen
pradhvastāḥ na nivartante
einmal zerstört kehren sie nicht zurück
nivṛttiḥ na upalabhyate
[doch völlige] Aufhebung wird nicht erlangt

pratyakṣeṇa parokṣaṃ tadanumānena siddhyati / evameke vyavasyanti nivṛttiriti cāpare

Durch unmittelbare Wahrnehmung wird das Verborgene durch Schlussfolgerung erwiesen; so urteilen die einen, und andere [urteilen]: [es gibt eine völlige] Aufhebung.

Wort für Wort
pratyakṣeṇa parokṣaṃ tat
durch unmittelbare Wahrnehmung das Verborgene
anumānena siddhyati
wird durch Schlussfolgerung erwiesen
evam eke vyavasyanti
so urteilen die einen
nivṛttiḥ iti ca apare
und andere [urteilen]: [es gibt] Aufhebung

ubhayaṃ saṃpradhāryaitadvyavasyeta yathāmati / itīmaṃ hṛdayagrathiṃ buddhicintāmayaṃ dṛḍham

Nachdem man beides wohl erwogen hat, möge man dies nach eigenem Ermessen entscheiden. So [löse man] diesen festen Herzensknoten, der aus dem Nachdenken der Erkenntniskraft besteht –

Wort für Wort
ubhayaṃ saṃpradhārya etat
nachdem man beides wohl erwogen hat
vyavasyeta yathāmati
möge man nach eigenem Ermessen entscheiden
iti imaṃ hṛdayagrathim
so diesen Herzensknoten
buddhicintāmayaṃ dṛḍham
der aus dem Nachdenken der Erkenntniskraft besteht, festen

vimucya sukhamāsīta na śocecchinnasaṃśavaḥ / malināḥ prāṇnuyuḥ śuddhiṃ yathā pūrṇāṃ nadīṃ narāḥ

– [diesen Knoten] gelöst habend, verweile man glücklich, ohne zu trauern, mit durchtrennten Zweifeln; wie befleckte Menschen Reinheit erlangen, wenn sie in einen vollen Fluss eingetaucht sind,

Wort für Wort
vimucya sukham āsīta
[diesen Knoten] gelöst habend, verweile man glücklich
na śocet chinnasaṃśayaḥ
ohne zu trauern, mit durchtrennten Zweifeln
malināḥ āpnuyuḥ śuddhim
befleckte [Menschen] erlangen Reinheit
yathā pūrṇāṃ nadīṃ narāḥ
wie Menschen [eingetaucht] in einen vollen Fluss

[?] 'prāṇnuyuḥ' als 'āpnuyuḥ' (nach Eintauchen) gelesen, in Verbindung mit V74.

avagāhya suvidvāṃso viddhi jñānabhide tathā / mahānadyā hi pārajñastapyate na taranyathā

– nachdem sie eingetaucht sind, die wohl Wissenden; so wisse es auch für die Erlangung der Erkenntnis. Wer nämlich das jenseitige Ufer eines großen Flusses kennt, leidet nicht, anders als [einer, der es] beim Überqueren [nicht kennt].

Wort für Wort
avagāhya suvidvāṃsaḥ
nachdem sie eingetaucht sind, die wohl Wissenden
viddhi jñānabhide tathā
so wisse es auch für die Erlangung der Erkenntnis
mahānadyāḥ hi pārajñaḥ
wer nämlich das jenseitige Ufer eines großen Flusses kennt
tapyate na taran anyathā
leidet nicht, anders als [einer, der es] beim Überqueren [nicht kennt]

na tu tapyati tattvajñaḥ kulajñastu taratyuta / evaṃ ye viduradhyātmaṃ kaivalyaṃ jñānamuttamam

Der Wahrheitskenner (tattvajña) aber leidet nicht; der [bloß] das Ufer Kennende (kulajña) aber überquert [mühevoll]. Ebenso [gilt für] die, welche das Adhyātma kennen, die Alleinheit (kaivalya), das höchste Wissen –

Wort für Wort
na tu tapyati tattvajñaḥ
der Wahrheitskenner aber leidet nicht
kulajñaḥ tu tarati uta
der bloß Uferkennende aber überquert [mühevoll]
evaṃ ye viduḥ adhyātmam
ebenso, welche das Adhyātma kennen
kaivalyaṃ jñānam uttamam
[erlangen] die Alleinheit, das höchste Wissen

evaṃ buddhā naraḥ sarvo bhūtānāmagatiṃ gatim / avekṣya ca śanairbuddhyā labhate ca śamaṃ tataḥ

So erlangt, nachdem er das Geschick und Nicht-Geschick der Wesen erkannt und mit der Erkenntniskraft allmählich betrachtet hat, jeder Mensch daraufhin Ruhe.

Wort für Wort
evaṃ buddhā naraḥ sarvaḥ
so, nachdem er [dies] erkannt hat, jeder Mensch
bhūtānām agatiṃ gatim
der Wesen Nicht-Geschick und Geschick
avekṣya ca śanaiḥ buddhyā
und, allmählich mit der Erkenntniskraft betrachtet habend
labhate ca śamaṃ tataḥ
erlangt er daraufhin Ruhe

trivargo yasya viditaḥ prekṣya yaśca vimuñcati / anviṣya manasā yuktastattvadarśī nirutsukaḥ

Wer die drei Ziele [des Lebens] kennt und, sie betrachtet habend, [sie dennoch] aufgibt, [wer], mit dem Geist prüfend und geeint, die Wahrheit schauend, frei von Verlangen ist –

Wort für Wort
trivargaḥ yasya viditaḥ
wer die drei Ziele [des Lebens] kennt
prekṣya yaḥ ca vimuñcati
und, sie betrachtet habend, aufgibt
anviṣya manasā yuktaḥ
forschend, mit dem Geist geeint
tattvadarśī nirutsukaḥ
die Wahrheit schauend, frei von Verlangen

na cātmā śakyate draṣṭumindriyeṣu vibhāgaśaḥ / tatra tatra visṛṣṭeṣu durvāpeṣvakṛtātmābhiḥ

– das Selbst aber kann nicht gesehen werden, verteilt auf die Sinnesorgane, die hierhin und dorthin zerstreut sind, schwer zu erreichen für die, deren Selbst nicht vollendet ist.

Wort für Wort
na ca ātmā śakyate draṣṭum
das Selbst aber kann nicht gesehen werden
indriyeṣu vibhāgaśaḥ
verteilt auf die Sinnesorgane
tatra tatra visṛṣṭeṣu
die hierhin und dorthin zerstreut sind
durvāpeṣu akṛtātmābhiḥ
schwer erreichbar für die Unvollendeten

etad buddhā bhaved buddhaḥ kimanyad buddhalakṣaṇam / vijñāya taddhi manyante katakṛtyā manīṣiṇaḥ

Wer dies erkannt hat, wird ein Erwachter (buddha) – was [wäre] sonst das Merkmal des Erwachten? Nachdem sie dies erkannt haben, halten sich die Weisen wahrlich für solche, deren Aufgabe erfüllt ist.

Wort für Wort
etad buddhā bhavet buddhaḥ
wer dies erkannt hat, wird ein Erwachter
kim anyad buddhalakṣaṇam
was [wäre] sonst das Merkmal des Erwachten
vijñāya tad hi manyante
dies erkannt habend, halten sie sich wahrlich
kṛtakṛtyāḥ manīṣiṇaḥ
die Weisen für solche, deren Aufgabe erfüllt ist

na bhavati viduṣāṃ tato bhayaṃ yadaviduṣāṃ sumahadbhayaṃ bhavet / nahi gatiradhikāsti kasyacitsati hi guṇepravadatyatulyatām

Für die Wissenden entsteht nicht jene Furcht, die für die Unwissenden eine überaus große Furcht wäre; denn für niemanden gibt es ein höheres Ziel [als dieses] – ist [entsprechende] Tugend vorhanden, verkündet man [dennoch dessen] Unvergleichlichkeit.

Wort für Wort
na bhavati viduṣāṃ tataḥ bhayam
für die Wissenden entsteht nicht jene Furcht
yad aviduṣāṃ sumahad bhayaṃ bhavet
die für die Unwissenden eine überaus große Furcht wäre
na hi gatiḥ adhikā asti kasyacit
denn es gibt für niemanden ein höheres Ziel
sati hi guṇe pravadati atulyatām
ist Tugend vorhanden, verkündet man [dessen] Unvergleichlichkeit

[?] Vers (Triṣṭubh) syntaktisch schwierig, insbesondere 'pravadatyatulyatām'; Übersetzung als beste Annäherung.

yaḥ karotyanabhisaṃdhipūrvakaṃ tacca nirdahati yatpurākṛtam / nāpriyaṃ tadubhayaṃ kutaḥ priyaṃ tasya tajjanayatīha kurvataḥ

Wer ohne vorherige Absicht handelt und das, was früher getan wurde, [dadurch] verbrennt – für ihn ist dies beides weder unlieb, noch – wieso auch – lieb; sein so [absichtslos] Handeln erzeugt hier [keine Frucht].

Wort für Wort
yaḥ karoti anabhisaṃdhipūrvakam
wer ohne vorherige Absicht handelt
tat ca nirdahati yat purākṛtam
und das verbrennt, was früher getan wurde
na apriyaṃ tad ubhayaṃ kutaḥ priyam
weder unlieb ist ihm dies beides, noch lieb
tasya tat janayati iha kurvataḥ
sein so Handeln erzeugt hier [keine Frucht]

lokamāyurabhisūyate janastasya tajjanayatīha kurvantaḥ / tatra paśya kuśalānna śocate jāyate yadi bhayaṃ padaṃ sadā

Die Welt und die Lebenszeit beneidet der Mensch; sein [so] Handeln erzeugt dies hier [als Frucht]. Sieh nun: der Geschickte grämt sich nicht; wenn Furcht entsteht, [so nur bei denen ohne] den ewigen Zustand.

Wort für Wort
lokam āyuḥ abhisūyate janaḥ
die Welt, die Lebenszeit beneidet der Mensch
tasya tat janayati iha kurvan
sein [so] Handeln erzeugt dies hier
tatra paśya kuśalān na śocate
sieh, dort grämt sich der Geschickte nicht
jāyate yadi bhayaṃ padaṃ sadā
wenn Furcht entsteht, [fehlt nur] der ewige Zustand

[?] Vers (Triṣṭubh) inhaltlich und syntaktisch schwer verständlich, möglicherweise textlich gestört; beste Vermutung gegeben.

bharadvāja uvāca dhyānayogaṃ samācakṣvamahyaṃ tatpadasiddhaye / yajjñātvā mucyate brahmannarastrividhatāpataḥ

Bharadvāja sprach: Erkläre mir den Meditationsyoga (dhyānayoga) zur Erlangung jenes Zustandes, durch dessen Kenntnis der Mensch, o Brahmane, von der dreifachen Qual befreit wird.

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
dhyānayogaṃ samācakṣva mahyam
erkläre mir den Meditationsyoga
tatpadasiddhaye
zur Erlangung jenes Zustandes
yat jñātvā mucyate brahman
durch dessen Kenntnis, o Brahmane, wird [man] befreit
naraḥ trividhatāpataḥ
der Mensch von der dreifachen Qual

bhṛguruvāca hṝnta te saṃpravakṣyāmi jñānayogaṃ caturvidham / yaṃ jñātvā śāśvatīṃ siddhiṃ gacchantīha maharṣayaḥ

Bhṛgu sprach: Wohlan, ich will dir den vierfachen Wissensyoga (jñānayoga) verkünden, durch dessen Kenntnis die großen Seher hier die ewige Vollendung erlangen.

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
hanta te saṃpravakṣyāmi
wohlan, ich will dir verkünden
jñānayogaṃ caturvidham
den vierfachen Wissensyoga
yaṃ jñātvā śāśvatīṃ siddhim
durch dessen Kenntnis die ewige Vollendung
gacchanti iha maharṣayaḥ
die großen Seher hier erlangen

[?] 'hṝnta' als Interjektion 'hanta' (Wohlan!) gelesen.

yathā svanuṣṭitaṃ dhyānaṃ tathā kurvanti yoginaḥ / maharṣayo jñānatṛptā nirvāṇagatamānasāḥ

Wie die Meditation selbst vollzogen wird, so üben sie die Yogins – die großen Seher, gesättigt an Wissen, mit einem zum Nirvāṇa gelangten Geist.

Wort für Wort
yathā svanuṣṭitaṃ dhyānam
wie die selbst vollzogene Meditation
tathā kurvanti yoginaḥ
so üben sie die Yogins
maharṣayaḥ jñānatṛptāḥ
die großen Seher, gesättigt an Wissen
nirvāṇagatamānasāḥ
mit einem zum Nirvāṇa gelangten Geist

nāvartante punaścāpi muktāḥ saṃsāradoṣataḥ / janmadoṣapārīkṣīṇāḥ svabhāve paryavasthitāḥ

Sie kehren nicht wieder zurück, befreit vom Makel des Saṃsāra; frei vom Makel der Geburt(en), in ihrer eigenen [wahren] Natur fest gegründet.

Wort für Wort
na āvartante punaḥ ca api
sie kehren nicht wieder zurück
muktāḥ saṃsāradoṣataḥ
befreit vom Makel des Saṃsāra
janmadoṣapārīkṣīṇāḥ
frei vom Makel der Geburt(en)
svabhāve paryavasthitāḥ
in ihrer eigenen Natur fest gegründet

nirdvandvā nityasattvasthā vimuktā niṣparigrahāḥ / asaṃgānya vidhādīni manaḥ śāntikarāṇi ca

Frei von den Gegensatzpaaren, beständig im [wahren] Sein verweilend, befreit, ohne Besitz; unangehaftet – [dies und] andere Kenntnisse (vidyā u. Ä.), die den Geist zur Ruhe bringen.

Wort für Wort
nirdvandvāḥ nityasattvasthāḥ
frei von Gegensatzpaaren, beständig im Sein verweilend
vimuktāḥ niṣparigrahāḥ
befreit, ohne Besitz
asaṅgāni anyāni vidyādīni(?)
unangehaftete andere [Tugenden] wie Wissen u.a.
manaḥ śāntikarāṇi ca
die den Geist zur Ruhe bringen

[?] Pāda c-d ('asaṃgānya vidhādīni') textlich unsicher, vermutlich 'asaṅgāny anyāni vidyādīni' (andere, unangehaftete [Tugenden] wie Wissen u.a.); Sinn: weitere geistberuhigende Eigenschaften.

tatra dhyānena saṃkliṣṭamekāgraṃ dhārayenmanaḥ / piṇḍīkṛtyendriyagrāmamāsīnaḥ kāṣṭavanmuniḥ

Dabei soll man den [zuvor] bedrängten Geist durch Meditation einspitzig halten; nachdem er die Gesamtheit der Sinnesorgane gebündelt hat, [sitzt] der Weise, wie ein Holzstück, [unbeweglich].

Wort für Wort
tatra dhyānena saṃkliṣṭam
dabei den durch Meditation [zuvor] bedrängten
ekāgraṃ dhārayet manaḥ
soll man den Geist einspitzig halten
piṇḍīkṛtya indriyagrāmam
die Gesamtheit der Sinnesorgane gebündelt habend
āsīnaḥ kāṣṭhavat muniḥ
sitzt der Weise wie ein Holzstück

śabdaṃ na vindecchrotreṇa tvacā sparśaṃ na vedayet / rūpaṃ na cakṣuṣā vindyājjihvayā na rasāṃstathā

Er soll keinen Laut mit dem Ohr wahrnehmen, keine Berührung mit der Haut empfinden; keine Form mit dem Auge wahrnehmen, ebenso keine Geschmäcker mit der Zunge.

Wort für Wort
śabdaṃ na vindet śrotreṇa
er soll keinen Laut mit dem Ohr wahrnehmen
tvacā sparśaṃ na vedayet
keine Berührung mit der Haut empfinden
rūpaṃ na cakṣuṣā vindyāt
keine Form mit dem Auge wahrnehmen
jihvayā na rasān tathā
ebenso keine Geschmäcker mit der Zunge

ghroyāṇyapi ca sarvāṇi jahyāddhyānena tattvavit / pañcavargapramāthīni neccheñcaitāni vīryavān

Auch alle riechbaren [Dinge] soll der Wahrheitskenner durch Meditation aufgeben; der Kraftvolle soll diese [Dinge], welche die Fünfergruppe [der Sinne] aufwühlen, nicht begehren.

Wort für Wort
ghreyāṇi api ca sarvāṇi
auch alle riechbaren [Dinge]
jahyāt dhyānena tattvavit
soll der Wahrheitskenner durch Meditation aufgeben
pañcavargapramāthīni
welche die Fünfergruppe [der Sinne] aufwühlen
na icchet ca etāni vīryavān
der Kraftvolle soll diese nicht begehren

[?] 'ghroyāṇi' als 'ghreyāṇi' (die riechbaren [Dinge]) gelesen.

tato manasi saṃgṛhya pañcavargaṃ vicakṣaṇaḥ / samādadhyānmano bhrāntamindriyaiḥ saha pañcabhiḥ

Dann, nachdem er die Fünfergruppe im Geist gesammelt hat, soll der Kluge den umherirrenden Geist zusammen mit den fünf Sinnesorganen sammeln.

Wort für Wort
tato manasi saṃgṛhya
dann, im Geist gesammelt habend
pañcavargaṃ vicakṣaṇaḥ
die Fünfergruppe, der Kluge
samādadhyāt manaḥ bhrāntam
soll den umherirrenden Geist sammeln
indriyaiḥ saha pañcabhiḥ
zusammen mit den fünf Sinnesorganen

visañcāri nirālambaṃ pañcadvāraṃ balābalam / pūrvadhyānapathe dhīraḥ samādadhyānmanastvarā

[Der Geist ist] umherschweifend, haltlos, mit fünf Toren [versehen], mal stark, mal schwach – auf dem ersten Pfad der Meditation soll der Besonnene den Geist rasch sammeln.

Wort für Wort
visañcāri nirālambam
umherschweifend, haltlos
pañcadvāraṃ balābalam
mit fünf Toren, mal stark mal schwach
pūrvadhyānapathe dhīraḥ
auf dem ersten Pfad der Meditation der Besonnene
samādadhyāt manaḥ tvarā
soll den Geist rasch sammeln

indriyāṇi manaścaiva yadā piṇḍīkarotyayam / eṣa dhyānapathaḥ pūrvo bhayā samanuvarṇitaḥ

Wenn er die Sinnesorgane und den Geist bündelt – dies ist der erste Pfad der Meditation, von mir dargelegt.

Wort für Wort
indriyāṇi manaḥ ca eva
die Sinnesorgane und den Geist
yadā piṇḍīkaroti ayam
wenn dieser bündelt
eṣa dhyānapathaḥ pūrvaḥ
dies [ist] der erste Pfad der Meditation
mayā samanuvarṇitaḥ
von mir dargelegt

[?] 'bhayā' als 'mayā' (von mir) gelesen.

tasya tatpūrvasaṃruddha ātmaṣaṣṭhamanantaram / sphuriṣyati samudrāntā vidyudambudhare yathā

Für ihn, [dessen Geist] zuvor zurückgehalten wurde, wird [das Selbst], mit dem Geist als sechstem, unmittelbar danach aufblitzen, grenzenlos [?], wie der Blitz in der Gewitterwolke.

Wort für Wort
tasya tatpūrvasaṃruddhaḥ
für ihn, [dessen Geist] zuvor zurückgehalten wurde
ātmaṣaṣṭham anantaram
[das Selbst] mit dem Geist als sechstem, unmittelbar danach
sphuriṣyati samudrāntā(?)
wird aufblitzen, grenzenlos (?)
vidyut ambudhare yathā
wie der Blitz in der Gewitterwolke

[?] 'samudrāntā' ('meeresbegrenzt') unklar/vermutlich verderbt; hier probeweise als Verstärkung von 'grenzenlos/gewaltig' verstanden.

jalabinduryathā lolaḥ parṇasthaḥ sarvataścalaḥ / evamevāsya cittaṃ ca bhavati dhyānavartmani

Wie ein Wassertropfen, zitternd, auf einem Blatt ruhend, sich nach allen Seiten bewegt, so ist auch sein Geist [zunächst] auf dem Pfad der Meditation.

Wort für Wort
jalabinduḥ yathā lolaḥ
wie ein Wassertropfen, zitternd
parṇasthaḥ sarvataḥ calaḥ
auf einem Blatt ruhend, nach allen Seiten beweglich
evam eva asya cittaṃ ca
so auch sein Geist
bhavati dhyānavartmani
ist auf dem Pfad der Meditation

samāhitaṃ kṣaṇaṃ kiñjiddhyānavartmani tiṣṭati / punarvāyupathaṃ bhrāntaṃ mano bhavati vāyuvat

Für einen kleinen Augenblick gesammelt, verweilt er auf dem Pfad der Meditation; dann wieder wird der Geist, dem Pfad des Windes folgend, umherirrend, wie der Wind [selbst].

Wort für Wort
samāhitaṃ kṣaṇaṃ kiñcit
für einen kleinen Augenblick gesammelt
dhyānavartmani tiṣṭhati
verweilt er auf dem Pfad der Meditation
punaḥ vāyupathaṃ bhrāntam
dann wieder, dem Windpfad folgend, umherirrend
manaḥ bhavati vāyuvat
wird der Geist wie der Wind

anirvedo gatakleśo gatatandro hyamatsarī / samādadhyātpunaśceto dhyānena dhyānayogavit

Frei von Mutlosigkeit, frei von Bedrängnis, frei von Trägheit, wahrlich frei von Neid – der Kenner des Meditationsyoga soll den Geist durch Meditation wieder sammeln.

Wort für Wort
anirvedaḥ gatakleśaḥ
frei von Mutlosigkeit, frei von Bedrängnis
gatatandraḥ hi amatsarī
frei von Trägheit, wahrlich frei von Neid
samādadhyāt punaḥ cetaḥ
soll den Geist wieder sammeln
dhyānena dhyānayogavit
durch Meditation, der Kenner des Meditationsyoga

vicāraśca vitarkaśca vivekaścopajāyate / muneḥ samādhiyuktasya prathamaṃ dhyānamāditaḥ

Überlegung, Erwägung und Unterscheidungsvermögen entstehen beim Weisen, der in Sammlung (samādhi) verweilt – [dies ist] die erste Meditation, [gleich] am Anfang.

Wort für Wort
vicāraḥ ca vitarkaḥ ca
Überlegung und Erwägung
vivekaḥ ca upajāyate
und Unterscheidungsvermögen entstehen
muneḥ samādhiyuktasya
beim in Sammlung verweilenden Weisen
prathamaṃ dhyānam āditaḥ
die erste Meditation, am Anfang

manasā kliśyamānastu samādhānaṃ ca kārayet / na nirvedaṃ munirgacchetkuryādevātmano hitam

Wer aber mit dem Geist gequält wird, soll [erneute] Sammlung herbeiführen; der Weise soll nicht in Mutlosigkeit verfallen, sondern stets das für sein Selbst Heilsame tun.

Wort für Wort
manasā kliśyamānaḥ tu
wer aber mit dem Geist gequält wird
samādhānaṃ ca kārayet
soll [erneute] Sammlung herbeiführen
na nirvedaṃ muniḥ gacchet
der Weise soll nicht in Mutlosigkeit verfallen
kuryāt eva ātmanaḥ hitam
er soll stets das für sein Selbst Heilsame tun

pāṃśubhasmakarīṣāṇāṃ yathā vai rāśayaścitāḥ / sahasā vāriṇā siktā na yānti paribhāvanāḥ

Wie aufgehäufte Haufen von Staub, Asche und Dung, plötzlich mit Wasser besprengt, nicht [sogleich ganz] durchtränkt werden,

Wort für Wort
pāṃśubhasmakarīṣāṇām
von Staub, Asche und Dung
yathā vai rāśayaḥ citāḥ
wie wahrlich aufgehäufte Haufen
sahasā vāriṇā siktāḥ
plötzlich mit Wasser besprengt
na yānti paribhāvanāḥ
werden nicht [sogleich ganz] durchtränkt

kiñcit snigdhaṃ yathā ca syācchuṣkaṃ cūrṇamabhāvitam / krameṇa tu śanairgacchatsarvaṃ tatparibhāvanam

– sondern nur ein wenig feucht wird, während das [übrige] trockene, unbenetzte Pulver [trocken bleibt]; doch allmählich, Schritt für Schritt, erfasst jene Durchtränkung [schließlich] alles –

Wort für Wort
kiñcit snigdhaṃ yathā ca syāt
sondern nur ein wenig feucht wird
śuṣkaṃ cūrṇam abhāvitam
[während] das trockene, unbenetzte Pulver [trocken bleibt]
krameṇa tu śanaiḥ gacchat
doch allmählich, Schritt für Schritt, gehend
sarvaṃ tat paribhāvanam
erfasst jene Durchtränkung alles

evamevendriyagrāmaṃ śanaiḥ śaṃ paribhāvayet / saṃharetkramaśaścaiva samyak tatpraśamiṣyati

– ebenso soll man die Gesamtheit der Sinnesorgane allmählich mit Ruhe durchtränken; man soll [sie] Schritt für Schritt zurückziehen, dann wird jene [Gesamtheit] recht zur Ruhe kommen.

Wort für Wort
evam eva indriyagrāmam
ebenso die Gesamtheit der Sinnesorgane
śanaiḥ śaṃ paribhāvayet
soll man allmählich mit Ruhe durchtränken
saṃharet kramaśaḥ ca eva
man soll Schritt für Schritt zurückziehen
samyak tat praśamiṣyati
dann wird jene recht zur Ruhe kommen

svayameva manaścaivaṃ pañcavargaṃ munīśvara / pūrvaṃ dhyānapathe sthāpya nityayogena śāmyati

So kommt, o Herr der Weisen, der Geist selbst, nachdem er zuvor die Fünfergruppe auf dem Pfad der Meditation festgesetzt hat, durch beständige Yoga-Übung zur Ruhe.

Wort für Wort
svayam eva manaḥ ca evam
so kommt der Geist selbst
pañcavargaṃ munīśvara
o Herr der Weisen, die Fünfergruppe
pūrvaṃ dhyānapathe sthāpya
zuvor auf dem Pfad der Meditation festgesetzt habend
nityayogena śāmyati
kommt durch beständige Yoga-Übung zur Ruhe

na tatpuruṣakāreṇa na ca daivena kenacit / sukhameṣyati tattasya yadevaṃ saṃyatātmanaḥ

Weder durch menschliches Bemühen noch durch irgendein Schicksal wird jenes Glück eintreten; jenes [Glück kommt nur] zu dem, dessen Selbst so gezügelt ist.

Wort für Wort
na tat puruṣakāreṇa
weder durch menschliches Bemühen
na ca daivena kenacit
noch durch irgendein Schicksal
sukham eṣyati tat tasya
wird jenes Glück eintreten für den,
yad evaṃ saṃyatātmanaḥ
dessen Selbst so gezügelt ist

sukhena tena saṃyukto raṃsyate dhyānakarmaṇi / gacchanti yogino hyovaṃ nirvāṇaṃ tu nirāmayam

Mit jenem Glück vereint, erfreut er sich an der Übung der Meditation; so gelangen die Yogins wahrlich zum Nirvāṇa, das frei von Übel ist.

Wort für Wort
sukhena tena saṃyuktaḥ
mit jenem Glück vereint
raṃsyate dhyānakarmaṇi
erfreut er sich an der Übung der Meditation
gacchanti yoginaḥ hi evam
so gelangen die Yogins wahrlich
nirvāṇaṃ tu nirāmayam
zum Nirvāṇa, das frei von Übel ist

[?] 'hyovaṃ' als 'hi evam' gelesen.

sanandana uvāca ityukto bhṛguṇā brahmanbharadvājaḥ pratāpavān / bhṛguṃ paramadharmātmā vismitaḥ pratyapūjayat

Sanandana sprach: So von Bhṛgu angesprochen, o Brahmane [Nārada], verehrte der majestätische Bharadvāja, dessen Sinn auf höchsten Dharma gerichtet war, voller Staunen den Bhṛgu zurück.

Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
iti uktaḥ bhṛguṇā brahman
so von Bhṛgu angesprochen, o Brahmane
bharadvājaḥ pratāpavān
der majestätische Bharadvāja
bhṛguṃ paramadharmātmā
den Bhṛgu, dessen Sinn auf höchsten Dharma gerichtet war
vismitaḥ pratyapūjayat
verehrte er voller Staunen zurück

eṣa te prasavo vidvan jagataḥ saṃprakīrtitaḥ / nikhilena mahāprājña kiṃ bhūyaḥ śrotumicchasi

[Sanandana sprach zu Nārada:] Dies, o Kundiger, ist dir die Entstehung der Welt vollständig verkündet worden; o hochweiser, was möchtest du noch weiter hören?

Wort für Wort
eṣa te prasavaḥ vidvan
dies [ist] dir, o Kundiger, die Entstehung
jagataḥ saṃprakīrtitaḥ
der Welt, vollständig verkündet worden
nikhilena mahāprājña
vollständig, o Hochweiser
kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi
was möchtest du noch weiter hören

[Anm.: Kein 'uvāca' im Quelltext vor diesem Vers; aus dem Kontext (Anrede an einen 'Kundigen/Hochweisen' über 'die Entstehung der Welt') erschlossen, dass hier Sanandana wieder Nārada anspricht und zur nächsten Frage überleitet (vgl. Kap. 44,1).]

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