Bharadvāja sprach: Es wird von einer Welt jenseits dieser Welt gehört, [doch] sie wird nicht wahrgenommen. Diese möchte ich erkennen; darüber möge Euer Gnaden zu sprechen geruhen.
bhṛguruvāca
uttare himavatpārśve puṇye sarvaguṇānvite /
puṇyaḥ kṣemyaśca kāmyaśca sa paro loka ucyate
Bhṛgu sprach: Auf der Nordseite des Himālaya, in einem heiligen, mit allen guten Eigenschaften versehenen [Land] – heilig, sicher (kṣemya) und wunscherfüllend (kāmya) – wird jene andere Welt genannt.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
uttare himavatpārśve
auf der Nordseite des Himālaya
puṇye sarvaguṇānvite
im heiligen, mit allen Eigenschaften versehenen [Land]
sa svargasadṛśo deśaḥ tatra hyuktāḥ śubhā guṇāḥ /
kāle mṛtyuḥ prabavati spṛśanti vyādhayo na ca
Jenes Land gleicht dem Himmel; dort, so heißt es, [herrschen] gute Eigenschaften: Der Tod tritt [nur] zur rechten Zeit ein, und Krankheiten berühren [die Menschen] nicht.
na lobaḥ paradāreṣu svadāranirato janaḥ /
nānyo hi vadhyate tatra dravyeṣu ca na vismayaḥ
Es gibt keine Begierde nach fremden Frauen; die Menschen sind an ihrer eigenen Gattin genügsam. Niemand wird dort getötet, und hinsichtlich [des] Besitzes gibt es kein [gieriges] Erstaunen.
Wort für Wort
na lobhaḥ paradāreṣu
keine Gier nach fremden Frauen
svadāraniratāḥ janāḥ
die Menschen sind an ihrer eigenen Gattin genügsam
na anyaḥ hi vadhyate tatra
niemand anderer wird dort getötet
dravyeṣu ca na vismayaḥ
und hinsichtlich des Besitzes kein [gieriges] Erstaunen
[Manche sind] mit Fahrzeugen, Sitzen und Speise versehen, wohnhaft in prächtigen Palästen; manche sind von allen Wünschen [erfüllt] umgeben, mit goldenem Schmuck geziert.
iha dharmaparāḥ kecitkecinnaiṣkṛtikā narāḥ /
sukhitā duḥkhitāḥ kecinnirdhanā dhanino pare
Hier [in dieser Welt] sind manche dem Dharma zugetan, manche Menschen sind Betrüger; manche sind glücklich, manche leidend, manche besitzlos, andere reich.
Hier entstehen Mühsal, Furcht, Verblendung und heftiger Hunger, und die durch [Streben nach] Reichtum bewirkte Gier der Menschen, durch welche die Unklugen in Verwirrung geraten.
yastadvedo bhayaṃ prājñaḥ pāpmanā na sa lipyate /
sopadhe nikṛtiḥ steyaṃ parivādo 'bhyasūyatā
Wer dies weiß, jener kluge, wird von Furcht durch Sünde nicht befleckt. [Es gibt dort] mit Hinterlist verbundenen Betrug, Diebstahl, Verleumdung [und] Missgunst.
Wort für Wort
yaḥ tad veda
wer dies weiß
bhayaṃ prājñaḥ
[jener] kluge [angesichts der] Furcht
pāpmanā na sa lipyate
wird von Sünde nicht befleckt
sopadhe nikṛtiḥ steyam
mit Hinterlist verbundener Betrug, Diebstahl
parivādaḥ abhyasūyatā
Verleumdung, Missgunst
[?] Syntax der zweiten Vershälfte unsicher – möglicherweise Aufzählung von Lastern, die (im Gegensatz zu V9-10) in dieser [gewöhnlichen] Welt vorkommen.
Wer aber diese [Laster] als Wissender nicht übt, dessen Askese wächst. Hier [in dieser Welt gibt es] mannigfaltige Sorge um Recht und Unrecht des Handelns.
Wort für Wort
yaḥ tu etān ācaret vidvān
wer aber diese als Wissender übte
na tapaḥ tasya varddhate
dessen Askese wächst NICHT [wenn er sie übt]
iha cintā bahuvidhā
hier mannigfaltige Sorge
dharmādharmasya karmaṇaḥ
um Recht und Unrecht des Handelns
[?] Verneinung 'na' in Pāda a bezieht sich vermutlich darauf, dass der Weise diese Laster NICHT übt; dann wächst seine Askese.
Diese Welt [hier] ist eine Wirkstätte der Taten (karmabhūmi); hier, nachdem man Gutes oder Böses getan hat, erlangt man durch Gutes Gutes, ebenso durch Böses [entsprechend] anderes [d.h. Böses].
Hier [haben] einst Prajāpati, die Götter und ebenso die Scharen der Seher, durch vollzogene Opfer und geübte Askese geläutert, Zuflucht in der Brahma-Welt genommen.
uttaraḥ pṛthivībhāgaḥ sarvapuṇyatamaḥ śubhaḥ /
ihasthāstatra jāyante ye vai puṇyakṛto janāḥ
Der nördliche Erdteil ist der heiligste und beste von allen, glückverheißend; dort werden die Menschen [wieder]geboren, die, hier [in dieser Welt] weilend, Verdienstvolles getan haben.
Wort für Wort
uttaraḥ pṛthivībhāgaḥ
der nördliche Erdteil
sarvapuṇyatamaḥ śubhaḥ
der heiligste von allen, glückverheißend
ihasthāḥ tatra jāyante
die hier Weilenden werden dort [wieder]geboren
ye vai puṇyakṛtaḥ janāḥ
welche Menschen wahrlich Verdienstvolles getan haben
Wenn sie [noch weltliche] Ehre begehren, [geraten manche] in Tierleiber; und andere ebenso, deren Lebenszeit erschöpft ist, gehen auf der Erdoberfläche zugrunde.
Wort für Wort
yadi satkāram icchanti
wenn sie [weltliche] Ehre begehren
tiryagyoniṣu ca apare
und andere in Tierleiber [geraten]
kṣīṇāyuṣaḥ tathā ca anye
und ebenso andere, deren Lebenszeit erschöpft ist
naśyanti pṛthivītale
gehen auf der Erdoberfläche zugrunde
[?] Satzbezug knapp – 'satkāram icchanti' vermutlich Bedingung für den Fall in Tierwiedergeburt.
anyonyabhakṣaṇāsaktā lobhamohasamanvitāḥ /
ihaiva parivarttante na ca yāntyuttarāṃ diśam
Dem gegenseitigen Verschlingen ergeben, von Gier und Verblendung erfüllt, drehen sie sich eben hier [im Kreislauf] und gelangen nicht in die nördliche Richtung.
Bharadvāja sprach: Was dieses ist, das hier bei einem Menschen 'adhyātma' (das Innere/Selbst) genannt wird und bedacht wird – sage mir, was adhyātma ist und wie es beschaffen ist, o du, dessen Reichtum die Askese ist (tapodhana).
[Es verhält sich mit] den großen Elementen zu den Wesen wie mit den Wellen des Ozeans, und wie eine Schildkröte ihre Glieder ausstreckt und sie wieder einzieht.
Ebenso nimmt der Wesens-Selbst (bhūtātman) die geschaffenen Wesen wieder zurück; die großen Elemente, eben fünf an der Zahl, [sind es, durch die] der Schöpfer der Wesen in allen Wesen [wirkt].
akarotteṣu vai samyak taṃ tu jīvo na paśyati /
śabdaḥ śrotraṃ tathā khāni trayamākāśayonijam
Er wirkte in ihnen wahrlich vollständig, ihn aber sieht die Einzelseele (jīva) nicht. Der Laut, das Ohr, sowie die Höhlungen (khāni) – diese drei sind aus dem Ursprung des Äthers/Raumes (ākāśa) geboren.
Berührung, Bewegung und ebenso die Haut – [diese] Dreiheit wird dem Wind zugeordnet. Form, Auge und ebenso das Kochen/Verdauen – dreifach wird [dies] 'Feuer/Licht' (tejas) genannt.
Wort für Wort
vāyoḥ sparśaḥ tathā ceṣṭā
des Windes Berührung und Bewegung
tvak ca eva tritayaṃ smṛtam
und die Haut – diese Dreiheit wird [ihm] zugeordnet
rasāḥ kledaśca jihvā ca trayo jalaguṇāḥ smṛtāḥ /
ghreyaṃ ghrāṇaṃ śarīraṃ ca ete bhūmiguṇāstrayaḥ
Geschmäcker, Feuchtigkeit und die Zunge – [diese] drei sind als Eigenschaften des Wassers bekannt. Das Riechbare, das Riechorgan und der Körper – diese drei sind die Eigenschaften der Erde.
Wort für Wort
rasāḥ kledaḥ ca jihvā ca
Geschmäcker, Feuchtigkeit und Zunge
trayaḥ jalaguṇāḥ smṛtāḥ
[diese] drei sind als Wasser-Eigenschaften bekannt
mahābhūtāni pacaiva ṣaṣṭaṃ ca mana ucyate /
indriyāṇi manaścaiva vijñātānyasya bhārata
Die großen Elemente sind eben fünf, und als sechstes wird der Geist (manas) genannt; die Sinnesorgane und der Geist sind als zu ihm gehörig erkannt, o Bhārata.
saptamī buddhirityāhuḥ kṣetrajñaḥ punaraṣṭamaḥ /
śrotraṃ vai śravaṇārthāya sparśanāya ca tvak smṛtā
Als siebtes, so sagen sie, [gilt] die Erkenntniskraft (buddhi), und als achtes wiederum der Feldkenner (kṣetrajña). Das Ohr [dient] wahrlich dem Zweck des Hörens, und die Haut ist zum Berühren bestimmt.
Die Erkenntniskraft [dient] der Entscheidung; der Feldkenner steht wie ein Zeuge da. [Er ist es, der] von oben bis zu den Fußsohlen sieht, was [dort geschieht] [?].
Wort für Wort
buddhiḥ adhyavasānāya
die Erkenntniskraft dient der Entscheidung
kṣetrajñaḥ sākṣivat sthitaḥ
der Feldkenner steht wie ein Zeuge da
ūrdhvaṃ pādatalābhyāṃ
von oben, von den Fußsohlen [her]
yad avāk ca (?) paśyati
was [er], ob sprechend oder nicht (?), sieht
[?] Pāda d ('urddhaṃ pādatalābhyāṃ yadavākcodakca paśyati') textlich unsicher/verderbt; Sinn vermutlich: der Kṣetrajña als Zeuge nimmt den ganzen Körper (von den Fußsohlen bis nach oben) wahr, unabhängig davon, ob [der Körper] spricht oder nicht. Beste Vermutung gegeben.
Durch diesen alldurchdringenden [Kṣetrajña] ist dies alles gänzlich durchdrungen; von den Menschen sollen hier die Sinnesorgane vollständig erkannt werden.
tamo rajaśca sattvaṃ ca te 'pi bhāvāstadāśritāḥ /
etāṃ buddhiṃ naro buddhā bhūtānāgatiṃ gatim
Tamas, Rajas und Sattva – auch diese Zustände sind darauf [dem Kṣetrajña] gegründet. Diese Erkenntniskraft verstanden habend, [erkennt] der Mensch das Kommen und Nicht-Kommen (Geschick) der Wesen.
Wort für Wort
tamaḥ rajaḥ ca sattvaṃ ca
Tamas, Rajas und Sattva
te api bhāvāḥ tadāśritāḥ
auch diese Zustände sind darauf gegründet
etāṃ buddhiṃ naraḥ buddhvā
diese Erkenntniskraft verstanden habend, der Mensch
bhūtānām agatiṃ gatim
der Wesen Nicht-Geschick und Geschick
[?] 'buddhā' als Absolutiv 'buddhvā' gelesen; 'agatiṃ gatim' als Doppelausdruck 'das [künftige] Geschick und Nicht-Geschick' verstanden.
Nachdem er dies so allmählich betrachtet hat, erlangt er höchste Ruhe; durch die Guṇas wird die Erkenntniskraft beeinträchtigt, und durch die Erkenntniskraft auch die Sinnesorgane.
Wort für Wort
samavekṣya śanaiḥ ca evam
nachdem er dies so allmählich betrachtet hat
labhate śamam uttamam
erlangt er höchste Ruhe
guṇaiḥ vinaśyate buddhiḥ
durch die Guṇas wird die Erkenntniskraft beeinträchtigt
buddheḥ eva indriyāṇi api
und durch die Erkenntniskraft auch die Sinnesorgane
Die Elemente mit dem Geist als sechstem – wo [sollten] beim Fehlen der Erkenntniskraft [noch] Guṇas [sein]? So besteht dies alles, das Unbewegliche und Bewegliche, eben aus jenem allein.
Es löst sich auf und entsteht daraus; entsprechend wird es bezeichnet: wodurch man sieht, das nennt man 'Auge' (cakṣus); wodurch man hört, wird 'Ohr' (śrotra) genannt.
Wodurch man riecht, nennt man 'Riechorgan' (ghrāṇa); man erkennt den Geschmack durch die Zunge; durch die Haut ertastet man die Berührung – die Erkenntniskraft wird [dabei jeweils] auf einmal verändert.
Wort für Wort
jighrati ghrāṇam iti āhuḥ
wodurch man riecht, nennt man Riechorgan
rasaṃ jānāti jihvayā
man erkennt den Geschmack durch die Zunge
tvacā sparśayati sparśam
durch die Haut ertastet man die Berührung
buddhiḥ vikriyate sakṛt
die Erkenntniskraft wird dabei jeweils auf einmal verändert
Wodurch man sich etwas wünscht, das eben wird 'Geist' (manas) genannt; von der Grundlage der Erkenntniskraft aus aber [entstehen] die gesonderten Gegenstände fünffach.
Wie der Ozean der Herr der Flüsse ist, wie das Meer der [Herr] der Gezeiten/Ufer – so wirkt die über die Zustände hinausgegangene Erkenntniskraft [dennoch] mittels der Zustände im Geist.
Wort für Wort
saritāṃ sāgaraḥ bhartā
der Ozean [ist] der Herr der Flüsse
velānām iva vāridhiḥ
wie das Meer [Herr] der Gezeiten/Ufer
atibhāvagatā buddhiḥ
die über die Zustände hinausgegangene Erkenntniskraft
prītiḥ sattvaṃ rajaḥ śokastamaḥ krodhastu te trayaḥ /
ye ye ca bhāvā loke 'sminsarve pyeteṣu vai triṣu
Freude [gehört zum] Sattva, Kummer [zum] Rajas, Zorn aber [zum] Tamas – dies sind die drei; und welche Zustände es in dieser Welt auch [geben mag], alle [fallen] wahrlich unter diese drei.
Sāttvisch, rājasisch und ebenso tāmasisch, o Ehrenspender – die Berührung mit Glück [ist] die Sattva-Eigenschaft, die Berührung mit Leid die Rajas-Eigenschaft.
Wort für Wort
sāttvikī rājasī ca eva
sāttvisch, rājasisch und ebenso
tāmasī ca iti mānada
tāmasisch, o Ehrenspender
sukhasparśaḥ sattvaguṇaḥ
die Berührung mit Glück [ist] die Sattva-Eigenschaft
Beide [Glück und Leid], verbunden mit der Tamas-Eigenschaft, werden [zu etwas] Gewöhnlichem/Alltäglichem. Was bei dir mit Freude verbunden im Körper oder im Geist entsteht,
– wie auch immer sie auftreten, mannigfaltig sind die tāmasischen Eigenschaften: vielfältige Verunreinigung/Tadel, [ziellos] Umherschweifendes, von Zweifel erfülltes Begehren.
manaḥ svaniyataṃ yasya sa sukhī pretyaceha ca /
sattvakṣetrajñayoretadantaraṃ yasya sūkṣmayoḥ
Wessen Geist selbstbeherrscht ist, der ist glücklich, nach dem Tod wie auch hier. Dies ist der feine Unterschied zwischen Sattva und Kṣetrajña, für den, der [ihn erkennt] –
Wort für Wort
manaḥ svaniyataṃ yasya
wessen Geist selbstbeherrscht ist
sa sukhī pretya ca iha ca
der ist glücklich, nach dem Tod und hier
sattvakṣetrajñayoḥ etat antaram
dies der Unterschied zwischen Sattva und Kṣetrajña
– denn der eine [von beiden] erschafft die Guṇas, der andere erschafft die Guṇas nicht; wie [die] Mücke und die Feige [gemeinsam verbunden sind], oder wie [zwei Dinge] stets zusammengefügt sind.
Wort für Wort
sṛjati hi guṇān ekaḥ
denn der eine erschafft die Guṇas
ekaḥ na sṛjate guṇān
der andere erschafft die Guṇas nicht
maśakoduṃbarau vā api
Mücke und Feige, oder auch
saṃprayuktau yathā sadā
wie [zwei Dinge] stets zusammengefügt
[?] 'maśakoduṃbarau' als Bildvergleich (Mücke/Insekt und Feigenfrucht) verstanden – gemeinsames, aber wesensverschiedenes Zusammensein.
anyonyametau syātāṃ ca sapraṃyogastathobhayoḥ /
pṛthagbhūtau prakṛtyā tau sapraṃyuktau ca sarvadā
Diese beiden sind einander [wesensfremd], und dennoch besteht eine Verbindung beider; von Natur aus getrennt, sind sie doch stets miteinander verbunden.
yathā matsyo jalaṃ caiva saṃprayukto tathaiva tau /
na guṇā vidurātmānaṃ sa guṇānvetti sarvaśaḥ
Wie der Fisch und das Wasser [verbunden sind], so verbunden sind auch diese beiden. Die Guṇas kennen das Selbst nicht, [das Selbst] aber kennt die Guṇas vollständig.
Es ist [nur] Betrachter der Guṇas, hält sich aber [fälschlich] auch für deren Erschaffer; die Sinnesorgane aber dienen, [erleuchtet] durch die vortreffliche Erkenntniskraft, gleichsam dem Zweck einer Lampe.
Wort für Wort
paridraṣṭā guṇānāṃ tu
[es ist] aber nur Betrachter der Guṇas
saṃstraṣṭā manyate tathā
hält sich aber auch für [deren] Erschaffer
indriyaḥ tu pradīpārtham
die Sinnesorgane aber zum Zweck der Lampe
kurute buddhisattamaiḥ
wirken durch die vortrefflichen Erkenntniskräfte
[?] Pāda c-d syntaktisch schwierig; Sinn vermutlich Vorbereitung des Lampen-Gleichnisses von V63.
nirviceṣṭairajānadbhiḥ paramātmā pradīpavān /
sṛjate hi guṇānsattvaṃ kṣetrajñaḥ paripaśyati
Durch die untätigen, unwissenden [Sinnesorgane hindurch ist] der höchste Ātman wie einer, der eine Lampe hält; denn das Sattva erschafft die Guṇas, der Kṣetrajña [aber] betrachtet [sie nur].
sattvaṃ manaḥ saṃsṛjate na guṇānvai kadācana /
raśmīṃsteṣāṃ sa manasā yadā samyaṅniyacchati
Das Sattva vereinigt sich mit dem Geist, niemals wahrlich [unmittelbar] mit den Guṇas. Wenn er [der Kṣetrajña] deren [Sinnes-]Strahlen mittels des Geistes recht beherrscht,
– dann erstrahlt sein Selbst, wie eine Lampe, die in einem Gefäß brennt. Der Weise, der die aus der Natur (prakṛti) stammende Tat aufgegeben hat, stets an seinem Selbst erfreut,
Wort für Wort
tadā prakāśate asya ātmā
dann erstrahlt sein Selbst
ghaṭe dīpaḥ jvalan iva
wie eine im Gefäß brennende Lampe
tyaktvā yaḥ prākṛtaṃ karma
der [Weise], der die naturbedingte Tat aufgegeben hat
– ebenso bewegt sich der Vollendete unter den Wesen [unbefleckt]. So möge der Mensch, [erkennend], dass dies eben seine eigene Natur ist, mit seiner eigenen Erkenntniskraft leben.
Wort für Wort
evam eva kṛtaprajñaḥ
ebenso der Vollendete [an Einsicht]
bhūteṣu parivartate
bewegt sich unter den Wesen [unbefleckt]
evaṃ svabhāvam eva etat
so [erkennend, dass] dies eben die eigene Natur ist
aśocannaprahṛṣyaṃśca samo vigatamatsaraḥ /
bhāvayuktyā prayuktastu sa nityaṃ sṛjate guṇān
Nicht trauernd und nicht frohlockend, gleichmütig, frei von Neid – durch die Anwendung rechter Gesinnung [innerlich unbeteiligt] verbunden, erzeugt er dennoch beständig die Guṇas [nach außen hin].
ūrṇanābhiryathā sūtraṃ vijñeyāstantuvadguṇāḥ /
pradhvastā na nivartante nivṛttirnopalabhyate
Wie die Spinne den Faden [spinnt], so sind die Guṇas wie Fäden zu erkennen; einmal zerstört, kehren sie nicht zurück, [doch die vollständige] Aufhebung wird [dabei] nicht [sogleich] erlangt.
Durch unmittelbare Wahrnehmung wird das Verborgene durch Schlussfolgerung erwiesen; so urteilen die einen, und andere [urteilen]: [es gibt eine völlige] Aufhebung.
Nachdem man beides wohl erwogen hat, möge man dies nach eigenem Ermessen entscheiden. So [löse man] diesen festen Herzensknoten, der aus dem Nachdenken der Erkenntniskraft besteht –
Wort für Wort
ubhayaṃ saṃpradhārya etat
nachdem man beides wohl erwogen hat
vyavasyeta yathāmati
möge man nach eigenem Ermessen entscheiden
iti imaṃ hṛdayagrathim
so diesen Herzensknoten
buddhicintāmayaṃ dṛḍham
der aus dem Nachdenken der Erkenntniskraft besteht, festen
– [diesen Knoten] gelöst habend, verweile man glücklich, ohne zu trauern, mit durchtrennten Zweifeln; wie befleckte Menschen Reinheit erlangen, wenn sie in einen vollen Fluss eingetaucht sind,
Wort für Wort
vimucya sukham āsīta
[diesen Knoten] gelöst habend, verweile man glücklich
na śocet chinnasaṃśayaḥ
ohne zu trauern, mit durchtrennten Zweifeln
malināḥ āpnuyuḥ śuddhim
befleckte [Menschen] erlangen Reinheit
yathā pūrṇāṃ nadīṃ narāḥ
wie Menschen [eingetaucht] in einen vollen Fluss
[?] 'prāṇnuyuḥ' als 'āpnuyuḥ' (nach Eintauchen) gelesen, in Verbindung mit V74.
avagāhya suvidvāṃso viddhi jñānabhide tathā /
mahānadyā hi pārajñastapyate na taranyathā
– nachdem sie eingetaucht sind, die wohl Wissenden; so wisse es auch für die Erlangung der Erkenntnis. Wer nämlich das jenseitige Ufer eines großen Flusses kennt, leidet nicht, anders als [einer, der es] beim Überqueren [nicht kennt].
Wort für Wort
avagāhya suvidvāṃsaḥ
nachdem sie eingetaucht sind, die wohl Wissenden
viddhi jñānabhide tathā
so wisse es auch für die Erlangung der Erkenntnis
mahānadyāḥ hi pārajñaḥ
wer nämlich das jenseitige Ufer eines großen Flusses kennt
tapyate na taran anyathā
leidet nicht, anders als [einer, der es] beim Überqueren [nicht kennt]
na tu tapyati tattvajñaḥ kulajñastu taratyuta /
evaṃ ye viduradhyātmaṃ kaivalyaṃ jñānamuttamam
Der Wahrheitskenner (tattvajña) aber leidet nicht; der [bloß] das Ufer Kennende (kulajña) aber überquert [mühevoll]. Ebenso [gilt für] die, welche das Adhyātma kennen, die Alleinheit (kaivalya), das höchste Wissen –
evaṃ buddhā naraḥ sarvo bhūtānāmagatiṃ gatim /
avekṣya ca śanairbuddhyā labhate ca śamaṃ tataḥ
So erlangt, nachdem er das Geschick und Nicht-Geschick der Wesen erkannt und mit der Erkenntniskraft allmählich betrachtet hat, jeder Mensch daraufhin Ruhe.
Wort für Wort
evaṃ buddhā naraḥ sarvaḥ
so, nachdem er [dies] erkannt hat, jeder Mensch
bhūtānām agatiṃ gatim
der Wesen Nicht-Geschick und Geschick
avekṣya ca śanaiḥ buddhyā
und, allmählich mit der Erkenntniskraft betrachtet habend
Wer die drei Ziele [des Lebens] kennt und, sie betrachtet habend, [sie dennoch] aufgibt, [wer], mit dem Geist prüfend und geeint, die Wahrheit schauend, frei von Verlangen ist –
na cātmā śakyate draṣṭumindriyeṣu vibhāgaśaḥ /
tatra tatra visṛṣṭeṣu durvāpeṣvakṛtātmābhiḥ
– das Selbst aber kann nicht gesehen werden, verteilt auf die Sinnesorgane, die hierhin und dorthin zerstreut sind, schwer zu erreichen für die, deren Selbst nicht vollendet ist.
Wer dies erkannt hat, wird ein Erwachter (buddha) – was [wäre] sonst das Merkmal des Erwachten? Nachdem sie dies erkannt haben, halten sich die Weisen wahrlich für solche, deren Aufgabe erfüllt ist.
na bhavati viduṣāṃ tato bhayaṃ yadaviduṣāṃ sumahadbhayaṃ bhavet /
nahi gatiradhikāsti kasyacitsati hi guṇepravadatyatulyatām
Für die Wissenden entsteht nicht jene Furcht, die für die Unwissenden eine überaus große Furcht wäre; denn für niemanden gibt es ein höheres Ziel [als dieses] – ist [entsprechende] Tugend vorhanden, verkündet man [dennoch dessen] Unvergleichlichkeit.
Wort für Wort
na bhavati viduṣāṃ tataḥ bhayam
für die Wissenden entsteht nicht jene Furcht
yad aviduṣāṃ sumahad bhayaṃ bhavet
die für die Unwissenden eine überaus große Furcht wäre
na hi gatiḥ adhikā asti kasyacit
denn es gibt für niemanden ein höheres Ziel
sati hi guṇe pravadati atulyatām
ist Tugend vorhanden, verkündet man [dessen] Unvergleichlichkeit
[?] Vers (Triṣṭubh) syntaktisch schwierig, insbesondere 'pravadatyatulyatām'; Übersetzung als beste Annäherung.
Wer ohne vorherige Absicht handelt und das, was früher getan wurde, [dadurch] verbrennt – für ihn ist dies beides weder unlieb, noch – wieso auch – lieb; sein so [absichtslos] Handeln erzeugt hier [keine Frucht].
Die Welt und die Lebenszeit beneidet der Mensch; sein [so] Handeln erzeugt dies hier [als Frucht]. Sieh nun: der Geschickte grämt sich nicht; wenn Furcht entsteht, [so nur bei denen ohne] den ewigen Zustand.
Wort für Wort
lokam āyuḥ abhisūyate janaḥ
die Welt, die Lebenszeit beneidet der Mensch
tasya tat janayati iha kurvan
sein [so] Handeln erzeugt dies hier
tatra paśya kuśalān na śocate
sieh, dort grämt sich der Geschickte nicht
jāyate yadi bhayaṃ padaṃ sadā
wenn Furcht entsteht, [fehlt nur] der ewige Zustand
[?] Vers (Triṣṭubh) inhaltlich und syntaktisch schwer verständlich, möglicherweise textlich gestört; beste Vermutung gegeben.
Bharadvāja sprach: Erkläre mir den Meditationsyoga (dhyānayoga) zur Erlangung jenes Zustandes, durch dessen Kenntnis der Mensch, o Brahmane, von der dreifachen Qual befreit wird.
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
dhyānayogaṃ samācakṣva mahyam
erkläre mir den Meditationsyoga
tatpadasiddhaye
zur Erlangung jenes Zustandes
yat jñātvā mucyate brahman
durch dessen Kenntnis, o Brahmane, wird [man] befreit
Bhṛgu sprach: Wohlan, ich will dir den vierfachen Wissensyoga (jñānayoga) verkünden, durch dessen Kenntnis die großen Seher hier die ewige Vollendung erlangen.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
hanta te saṃpravakṣyāmi
wohlan, ich will dir verkünden
jñānayogaṃ caturvidham
den vierfachen Wissensyoga
yaṃ jñātvā śāśvatīṃ siddhim
durch dessen Kenntnis die ewige Vollendung
gacchanti iha maharṣayaḥ
die großen Seher hier erlangen
[?] 'hṝnta' als Interjektion 'hanta' (Wohlan!) gelesen.
nirdvandvā nityasattvasthā vimuktā niṣparigrahāḥ /
asaṃgānya vidhādīni manaḥ śāntikarāṇi ca
Frei von den Gegensatzpaaren, beständig im [wahren] Sein verweilend, befreit, ohne Besitz; unangehaftet – [dies und] andere Kenntnisse (vidyā u. Ä.), die den Geist zur Ruhe bringen.
Wort für Wort
nirdvandvāḥ nityasattvasthāḥ
frei von Gegensatzpaaren, beständig im Sein verweilend
tatra dhyānena saṃkliṣṭamekāgraṃ dhārayenmanaḥ /
piṇḍīkṛtyendriyagrāmamāsīnaḥ kāṣṭavanmuniḥ
Dabei soll man den [zuvor] bedrängten Geist durch Meditation einspitzig halten; nachdem er die Gesamtheit der Sinnesorgane gebündelt hat, [sitzt] der Weise, wie ein Holzstück, [unbeweglich].
śabdaṃ na vindecchrotreṇa tvacā sparśaṃ na vedayet /
rūpaṃ na cakṣuṣā vindyājjihvayā na rasāṃstathā
Er soll keinen Laut mit dem Ohr wahrnehmen, keine Berührung mit der Haut empfinden; keine Form mit dem Auge wahrnehmen, ebenso keine Geschmäcker mit der Zunge.
ghroyāṇyapi ca sarvāṇi jahyāddhyānena tattvavit /
pañcavargapramāthīni neccheñcaitāni vīryavān
Auch alle riechbaren [Dinge] soll der Wahrheitskenner durch Meditation aufgeben; der Kraftvolle soll diese [Dinge], welche die Fünfergruppe [der Sinne] aufwühlen, nicht begehren.
Wort für Wort
ghreyāṇi api ca sarvāṇi
auch alle riechbaren [Dinge]
jahyāt dhyānena tattvavit
soll der Wahrheitskenner durch Meditation aufgeben
pañcavargapramāthīni
welche die Fünfergruppe [der Sinne] aufwühlen
na icchet ca etāni vīryavān
der Kraftvolle soll diese nicht begehren
[?] 'ghroyāṇi' als 'ghreyāṇi' (die riechbaren [Dinge]) gelesen.
[Der Geist ist] umherschweifend, haltlos, mit fünf Toren [versehen], mal stark, mal schwach – auf dem ersten Pfad der Meditation soll der Besonnene den Geist rasch sammeln.
Für ihn, [dessen Geist] zuvor zurückgehalten wurde, wird [das Selbst], mit dem Geist als sechstem, unmittelbar danach aufblitzen, grenzenlos [?], wie der Blitz in der Gewitterwolke.
Wort für Wort
tasya tatpūrvasaṃruddhaḥ
für ihn, [dessen Geist] zuvor zurückgehalten wurde
ātmaṣaṣṭham anantaram
[das Selbst] mit dem Geist als sechstem, unmittelbar danach
sphuriṣyati samudrāntā(?)
wird aufblitzen, grenzenlos (?)
vidyut ambudhare yathā
wie der Blitz in der Gewitterwolke
[?] 'samudrāntā' ('meeresbegrenzt') unklar/vermutlich verderbt; hier probeweise als Verstärkung von 'grenzenlos/gewaltig' verstanden.
samāhitaṃ kṣaṇaṃ kiñjiddhyānavartmani tiṣṭati /
punarvāyupathaṃ bhrāntaṃ mano bhavati vāyuvat
Für einen kleinen Augenblick gesammelt, verweilt er auf dem Pfad der Meditation; dann wieder wird der Geist, dem Pfad des Windes folgend, umherirrend, wie der Wind [selbst].
Frei von Mutlosigkeit, frei von Bedrängnis, frei von Trägheit, wahrlich frei von Neid – der Kenner des Meditationsyoga soll den Geist durch Meditation wieder sammeln.
Überlegung, Erwägung und Unterscheidungsvermögen entstehen beim Weisen, der in Sammlung (samādhi) verweilt – [dies ist] die erste Meditation, [gleich] am Anfang.
manasā kliśyamānastu samādhānaṃ ca kārayet /
na nirvedaṃ munirgacchetkuryādevātmano hitam
Wer aber mit dem Geist gequält wird, soll [erneute] Sammlung herbeiführen; der Weise soll nicht in Mutlosigkeit verfallen, sondern stets das für sein Selbst Heilsame tun.
kiñcit snigdhaṃ yathā ca syācchuṣkaṃ cūrṇamabhāvitam /
krameṇa tu śanairgacchatsarvaṃ tatparibhāvanam
– sondern nur ein wenig feucht wird, während das [übrige] trockene, unbenetzte Pulver [trocken bleibt]; doch allmählich, Schritt für Schritt, erfasst jene Durchtränkung [schließlich] alles –
Wort für Wort
kiñcit snigdhaṃ yathā ca syāt
sondern nur ein wenig feucht wird
śuṣkaṃ cūrṇam abhāvitam
[während] das trockene, unbenetzte Pulver [trocken bleibt]
– ebenso soll man die Gesamtheit der Sinnesorgane allmählich mit Ruhe durchtränken; man soll [sie] Schritt für Schritt zurückziehen, dann wird jene [Gesamtheit] recht zur Ruhe kommen.
So kommt, o Herr der Weisen, der Geist selbst, nachdem er zuvor die Fünfergruppe auf dem Pfad der Meditation festgesetzt hat, durch beständige Yoga-Übung zur Ruhe.
Wort für Wort
svayam eva manaḥ ca evam
so kommt der Geist selbst
pañcavargaṃ munīśvara
o Herr der Weisen, die Fünfergruppe
pūrvaṃ dhyānapathe sthāpya
zuvor auf dem Pfad der Meditation festgesetzt habend
na tatpuruṣakāreṇa na ca daivena kenacit /
sukhameṣyati tattasya yadevaṃ saṃyatātmanaḥ
Weder durch menschliches Bemühen noch durch irgendein Schicksal wird jenes Glück eintreten; jenes [Glück kommt nur] zu dem, dessen Selbst so gezügelt ist.
Sanandana sprach: So von Bhṛgu angesprochen, o Brahmane [Nārada], verehrte der majestätische Bharadvāja, dessen Sinn auf höchsten Dharma gerichtet war, voller Staunen den Bhṛgu zurück.
Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
iti uktaḥ bhṛguṇā brahman
so von Bhṛgu angesprochen, o Brahmane
bharadvājaḥ pratāpavān
der majestätische Bharadvāja
bhṛguṃ paramadharmātmā
den Bhṛgu, dessen Sinn auf höchsten Dharma gerichtet war
[Sanandana sprach zu Nārada:] Dies, o Kundiger, ist dir die Entstehung der Welt vollständig verkündet worden; o hochweiser, was möchtest du noch weiter hören?
Wort für Wort
eṣa te prasavaḥ vidvan
dies [ist] dir, o Kundiger, die Entstehung
jagataḥ saṃprakīrtitaḥ
der Welt, vollständig verkündet worden
nikhilena mahāprājña
vollständig, o Hochweiser
kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi
was möchtest du noch weiter hören
[Anm.: Kein 'uvāca' im Quelltext vor diesem Vers; aus dem Kontext (Anrede an einen 'Kundigen/Hochweisen' über 'die Entstehung der Welt') erschlossen, dass hier Sanandana wieder Nārada anspricht und zur nächsten Frage überleitet (vgl. Kap. 44,1).]