Kapitel 2: sṛṣṭibharatakhaṇḍaprāśastyabhūgolavarṇanam
Schilderung der Schöpfung, des Lobs von Bhāratakhaṇḍa und der Erdkunde
Anm.: Quelle NarP_1,3.1-83 (GRETIL/Sansknet-Digitalisat des Pūrvabhāga, unkorrigiert überliefert). Das Digitalisat ist an mehreren Stellen lückenhaft: fünf Verse (V.20, 33, 39, 42, 71) enthalten offenbar nur einen Pāda statt der üblichen zwei, mehrere Wortformen erscheinen verderbt (jeweils mit [?] in den notes-Feldern markiert und, wo möglich, sinngemäß gedeutet). Inhalt: Nāradas Frage nach der Schöpfung Brahmās (V.1); die Dreiheit der Erscheinungsformen des Ur-Gottes - Prajāpati, Rudra/Īśāna, Viṣṇu (V.3-5); Vidyā und Avidyā als Kräfte (Śakti) Viṣṇus, mit Māyā, Prakṛti u.a. als weiteren Namen dieser Kraft bzw. der Göttin (V.6-17); Epitheta des höchsten, eigenschaftslosen Gottes und seine Identität mit Brahmā (V.18-30); die sāṃkhya-artige Schöpfungsreihe (Prakṛti-Puruṣa, Mahat/Buddhi, Ahaṃkāra, Tanmātras, Elemente, Tier- und Menschenschöpfung, Dakṣas Söhne, V.31-36); die sieben oberen und sieben unteren Welten (V.37-38); Erdkunde (Berg Meru, Lokāloka, sieben Kontinente und Ozeane, V.39-46); ausführliches Lob von Bhāratavarṣa als dem einzigen Ort, an dem Taten Früchte tragen und der selbst den Göttern begehrenswert ist (V.47-72); Handeln ohne Verlangen nach den Früchten der Werke (V.73-79); abschließende Vāsudeva-Verse zur Allgegenwart und Einzigkeit des höchsten Gottes (V.80-83, mit Kolophon).
Nārada sprach: Wie erschuf einst der uranfängliche, alldurchdringende Gott Brahmā und die anderen [Götter]? Das sage mir, Sanaka, denn du bist allwissend.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
kathaṃ sasarja ādidevaḥ purā vibhuḥ
wie erschuf der uranfängliche, alldurchdringende Gott einst
Der erhabene Sanaka sprach: Nārāyaṇa ist der Unvergängliche, Unendliche, Alldurchdringende, Makellose; von ihm ist diese ganze Welt durchdrungen, das Bewegliche und Unbewegliche.
Wort für Wort
śrīsanaka uvāca
der erhabene Sanaka sprach
nārāyaṇaḥ akṣaraḥ anantaḥ
Nārāyaṇa, der Unvergängliche, Unendliche
sarvavyāpī nirañjanaḥ
der Alldurchdringende, Makellose
tena idam akhilaṃ vyāptam
von ihm ist dies ganze durchdrungen
jagat sthāvarajaṅgamam
die Welt, das Bewegliche und Unbewegliche
[?] "vyātpaṃ" vermutlich Schreibfehler für "vyāptaṃ" (von vyāp, "durchdringen") - so übersetzt.
Bei der Urschöpfung brachte der große, selbstleuchtende, welt-wesenhafte Viṣṇu, gestützt auf die Unterscheidung der Guṇas, die Dreiheit der [göttlichen] Gestalten hervor.
sṛṣṭyarthaṃ tu purā devo dakṣiṇāṅgātprajāpatim /
madhyerudrākhyamīthānaṃ jagadantakaraṃ mune //
Zum Zweck der Schöpfung aber [brachte] der Gott einst aus [seinem] rechten Glied den Prajāpati [hervor], in der Mitte den ‚Rudra' genannten Īśāna, den Weltenbeender, o Weiser.
Wort für Wort
sṛṣṭyarthaṃ tu purā devaḥ
zum Zweck der Schöpfung aber der Gott einst
dakṣiṇāṅgāt prajāpatim
aus dem rechten Glied den Prajāpati
madhye rudrākhyam īśānam
in der Mitte den "Rudra" genannten Īśāna
jagadantakaraṃ mune
den Weltenbeender, o Weiser
[?] "mīthānaṃ" ergibt keinen Sinn; nach dem Formelmuster (rechtes Glied - Prajāpati/Schöpfung, Mitte - Rudra/Zerstörung, linkes Glied - Viṣṇu/Erhaltung, s. V.5) als "īśānaṃ" ("den Herrschenden", Beiname Rudras) gedeutet.
Zur Erhaltung dieser Welt [brachte er] aus dem linken Glied den unvergänglichen Viṣṇu hervor. Jenen uranfänglichen, alterslosen Gott nennen manche mit dem Namen ‚Śiva'.
Wort für Wort
pālanāya asya jagataḥ
zur Erhaltung dieser Welt
vāmāṅgāt viṣṇum avyayam
aus dem linken Glied den unvergänglichen Viṣṇu
tam ādidevam ajaram
jenen uranfänglichen, alterslosen Gott
kecit āhuḥ śivābhidham
nennen manche mit dem Namen Śiva
[Anm.: Der Bezug von "tam" ist nicht eindeutig - grammatisch könnte er sich auf den eben genannten Viṣṇu beziehen, sinngemäß naheliegender aber auf den in V.3f. genannten Ur-Gott (Mahāviṣṇu), aus dem die Dreiheit hervorging und der von manchen "Śiva" genannt wird.]
Wenn deine durch Erkennendes, Erkanntes und dergleichen bedingte Begrenztheit vergeht, o Nārada, dann wird jene Erkenntnis, die alles als eins erfasst, ‚Vidyā' genannt.
Wort für Wort
jñātṛjñeyādi-upādhiḥ te
deine durch Erkennendes-Erkanntes usw. bedingte Begrenzung
yadā naśyati nārada
wenn sie vergeht, o Nārada
sarvaikabhāvanā buddhiḥ
die Alles-als-eins-erfassende Erkenntnis
sā vidyā iti abhidhīyate
diese wird "Vidyā" genannt
[?] "upādhiste" als upādhiḥ + te ("deine Bedingtheit", Gen. von tvam zu Nārada) gedeutet.
Diese Māyā Mahāviṣṇus, als getrennt erkannt, verleiht den Weltenkreislauf; wenn sie aber mit einer Erkenntnis der Nicht-Trennung erkannt wird, vernichtet sie den Weltenkreislauf.
Wort für Wort
eṣā māyā mahāviṣṇoḥ
diese Māyā Mahāviṣṇus
bhinnā saṃsāradāyinī
als getrennt [erkannt] den Weltenkreislauf verleihend
abhedabuddhyā dṛṣṭā cet
wenn mit Nicht-Trennungs-Erkenntnis erkannt
saṃsārakṣayakāriṇī
vernichtet sie den Weltenkreislauf
[?] "eṣaṃ" vermutlich für "eṣā" (fem., zu māyā stimmend).
Aus Viṣṇus Kraft ist dies Alles entstanden, das Bewegliche und Unbewegliche - all das, wovon es getrennt [zu sein scheint]: das, was sich regt, und das, was sich nicht regt.
Wort für Wort
viṣṇuśaktisamudbhūtam
aus Viṣṇus Kraft entstanden
etat sarvaṃ caracam
dies Alles, das Bewegliche und Unbewegliche
yasmāt bhinnam idaṃ sarvam
wovon dieses Alles getrennt [erscheint]
yat ca iṅgati yat ca na iṅgati
was sich regt und was sich nicht regt
[?] "varācaṃm" vermutlich für "caracam" ("das Bewegliche und Unbewegliche"). Elliptischer Satzbau, Verb aus dem Zusammenhang ergänzt.
So wie der Äther durch [äußere] Bedingungen als vielfach getrennt erscheint, ebenso [erscheint] durch die Verbindung mit der Bedingtheit der Avidyā diese ganze Welt.
Wort für Wort
upādhibhiḥ yathā ākāśaḥ
so wie der Äther durch Bedingungen
bhinnatvena pratīyate
als getrennt erscheint
avidyopādhiyogena
durch die Verbindung mit der Bedingtheit der Avidyā
So wie Hari die Welt durchdringt, so [durchdringt], o Weiser, seine Kraft [die Welt] - wie die Brennkraft in der glühenden Kohle, ihre eigene Grundlage durchdringend, verweilt.
Die höchste Kraft Viṣṇus, welche die Schöpfung der Welt und so weiter bewirkt, besteht, indem sie - in manifester und unmanifester Wesensform - die Welt durchdringt.
Wort für Wort
śeṣaśaktiḥ parā viṣṇoḥ
die höchste (übrige) Kraft Viṣṇus
jagatsargādikāriṇī
die Schöpfung der Welt usw. bewirkend
vyaktāvyaktasvarupeṇa
in manifester und unmanifester Wesensform
jagat vyāpya vyavasthitā
die Welt durchdringend besteht sie
[?] "śeṣaśaktiḥ" wörtlich "übrige/verbleibende Kraft"; möglicherweise Anspielung auf Śeṣa(-nāga) als Kraftform Viṣṇus - als "höchste [verbleibende] Kraft" übersetzt.
Prakṛti, Puruṣa und auch Kāla - so [treten sie] in verschiedener Verfassung [auf]; der Eine ist zur Ursache von Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung geworden.
Wort für Wort
prakṛtiḥ ca pumān ca eva kālaḥ ca
Prakṛti und Puruṣa und auch Kāla
iti vidhisthitiḥ
so in [dieser] Verfassung
sṛṣṭisthitivināśānām
von Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung
ekaḥ kāraṇatāṃ gataḥ
ist der Eine zur Ursache geworden
[?] "vidhisthitiḥ" unsichere Lesart, vermutlich verderbte Zusammensetzung im Sinne von "in [unterschiedlicher] Anordnung/Verfassung".
rakṣāṃ karoti yo devo nitya ityabhidhīyate /
rakṣāṃ karoti yo devo jagatāṃ parataḥ pumān //
Der Gott, der Schutz gewährt, wird ‚der Ewige' genannt; der Gott, der Schutz gewährt, ist der über den Welten [stehende] Puruṣa.
Wort für Wort
rakṣāṃ karoti yaḥ devaḥ
der Gott, der Schutz gewährt
nityaḥ iti abhidhīyate
wird "der Ewige" genannt
rakṣāṃ karoti yaḥ devaḥ
der Gott, der Schutz gewährt
jagatāṃ parataḥ pumān
der über den Welten [stehende] Puruṣa
[Anm.: Die Zeile "rakṣāṃ karoti yo devo" erscheint in der Quelle wörtlich wiederholt - möglicherweise Textwiederholung (Dittographie) im Digitalisat; hier unverändert wiedergegeben.]
Höher als jener ist jener unvergängliche, höchste Zustand.
Wort für Wort
tasmāt parataram
höher als jener
yat tat avyayaṃ paramaṃ padam
jener unvergängliche, höchste Zustand
[Anm.: Die Quelle enthält an dieser Stelle offenbar nur einen Pāda (eine Zeile) statt der sonst üblichen zwei; vermutlich fehlt im Digitalisat eine Zeile. Übersetzung des vorhandenen Fragments.]
Die höchste Seele, die höchste Wonne, frei von allen Bedingtheiten, allein durch Erkenntnis zu erfassen, der Höchste, dessen Gestalt aus Sein, Bewusstsein und Wonne besteht.
Wort für Wort
paramātmā parānandaḥ
die höchste Seele, die höchste Wonne
sarvopādhivivarjitaḥ
frei von allen Bedingtheiten
jñānaikavedyaḥ paramaḥ
allein durch Erkenntnis zu erfassen, der Höchste
saccidānandavigrahaḥ
dessen Gestalt aus Sein-Bewusstsein-Wonne [besteht]
Er, der, obgleich rein und höchste, fürwahr mit dem Ich-Prinzip verbunden [scheint], wird von den Toren ‚verkörpertes Wesen' genannt - ach, welch ein Possenspiel der Unwissenheit!
sa devaḥ paramaḥ śuddhaḥ sattvadiguṇabhedataḥ /
mūrtitrayaṃ samāpannaḥ sṛṣṭisthityantakāraṇam //
Jener höchste, reine Gott, durch die Unterscheidung der Guṇas - Sattva und so weiter - die Dreiheit der Gestalten annehmend, ist die Ursache von Schöpfung, Erhaltung und Ende.
yo 'sau brahmā jagatkartā yannābhikamalodbhavaḥ /
sa evānandarupātmā tasmānnāstyaparo mune //
Jener Brahmā, der Weltenschöpfer, der aus [Viṣṇus] Nabellotos entstand - eben er ist das aus Wonne bestehende Selbst; außer ihm gibt es keinen anderen, o Weiser.
antaryāmī jagadyāpī sarvasākṣī nirañjanaḥ /
bhinnābhinnasvarupeṇa sthito vai parameśvaraḥ //
Der innere Lenker, der die Welt Durchdringende, der Zeuge von allem, der Makellose - in getrennter und ungetrennter Wesensform verweilt fürwahr der höchste Herr.
Dessen Kraft, die große Māyā, die das Weltgefüge stützt - weil sie die Grundursache der Entstehung des Alls ist, wird sie von den Weisen ‚Prakṛti' genannt.
So ist der reine, unvergängliche, unendliche große Herr in Zeitgestalt, in Gestalt der Guṇas und zugleich die Grundlage der Guṇas, der mächtige Urheber der Welten.
Die Prakṛti, in Erregung geratend im Kontakt mit dem ‚Puruṣa' genannten Weltenlehrer, [brachte hervor]: das Mahat erschien - das ist der Verstand -, daraus entstand das Ich-Prinzip.
ahṝṅkārāśca sūkṣmāṇi tanmātrāṇīndriyāṇi ca /
tanmātrebhyo hi jātāni bhūtāni jagataḥ kṛte //
Und aus dem Ahaṃkāra [entstanden] die feinstofflichen Tanmātras und die Sinnesorgane; aus den Tanmātras aber entstanden die [groben] Elemente, zum Zweck der Welt.
Wort für Wort
ahaṃkārāt sūkṣmāṇi tanmātrāṇi
aus dem Ahaṃkāra die feinstofflichen Tanmātras
indriyāṇi ca
und die Sinnesorgane
tanmātrebhyaḥ hi jātāni bhūtāni
aus den Tanmātras entstanden die Elemente
jagataḥ kṛte
zum Zweck der Welt
[?] "ahṝṅkārāśca" erwartete Ablativform (ahaṃkārāt, "aus dem Ahaṃkāra") nicht eindeutig erkennbar - sinngemäß als Fortsetzung der Sāṃkhya-Reihe aus V.31 gedeutet.
tato brahmā jagaddhātā tāmasānasṛjatprabhuḥ /
tiryagyonigatāñjantūnpaśupakṣimṛgādikān //
Dann schuf Brahmā, der Weltenträger, der Herr, die ‚tamasischen' Geschöpfe - die in Tiergestalt befindlichen Lebewesen: Vieh, Vögel, Wildtiere und dergleichen.
Auch diese [Tierschöpfung] als unzulänglich erachtend - [nach] der ewigen Götterschöpfung -, bewirkte der Lotosgeborene daraufhin die menschliche Schöpfung.
Wort für Wort
tam api asādhakaṃ matvā
auch diese als unzulänglich erachtend
devasargaṃ sanātanāt
[nach] der ewigen Götterschöpfung
tataḥ vai mānuṣaṃ sargam
dann aber die menschliche Schöpfung
kalpayāmāsa padmajaḥ
bewirkte der Lotosgeborene
[Anm.: Satzbau um "devasargaṃ sanātanāt" verdichtet/elliptisch - vermutlich impliziert, dass zwischen Tier- und Menschenschöpfung auch die ewige Götterschöpfung erfolgte.]
tato dakṣādikānputrānsṛṣṭisādhanatatparān /
ebhiḥ putrairidaṃ vyāptaṃ sadevāsuramānuṣam //
Dann [erschuf er] die Söhne, angeführt von Dakṣa, die der Vollbringung der [weiteren] Schöpfung hingegeben sind; durch diese Söhne ist dies [All] erfüllt, mitsamt Göttern, Dämonen und Menschen.
Die Stammgebirge und Flüsse, [ebenso] alle Mittel des Unterhalts und so weiter für die Bewohner der jeweiligen Welten richtete dieser [Brahmā] angemessen ein.
In der Mitte der Erdoberfläche steht der Berg Meru, die Zuflucht aller Götter, und der Berg Lokāloka am Rande der Erde; dazwischen liegen die sieben Ozeane.
Diese Kontinente sind, jeweils sieben an der Zahl, von Ozeanen umgeben - aus Salzwasser, Zuckerrohrsaft, Branntwein, geklärter Butter, Dickmilch, Milch und [süßem] Wasser.
Wort für Wort
ete dvīpāḥ samudraiḥ tu
diese Kontinente aber von Ozeanen
saptasaptabhiḥ āvṛtāḥ
von je sieben umgeben
lavaṇekṣusurāsarpiḥ
Salzwasser, Zuckerrohrsaft, Branntwein, Ghee
dadhikṣīrajalaiḥ samam
zusammen mit Dickmilch, Milch, Wasser
[?] "satpasatpabhiḥ" für "saptasaptabhiḥ" ("je sieben").
Was nördlich des Salzozeans und zugleich südlich des [Berges] Meru liegt, das ist als ‚Bhārata[varṣa]' zu erkennen, welches alle Früchte der [rituellen] Handlungen gewährt.
Wort für Wort
kṣārodadheḥ uttaram
nördlich des Salzozeans
yat hi meroḥ ca eva dakṣiṇām
und was südlich des Meru
jñeyaṃ tat bhārataṃ varṣam
das ist als Bhārata[varṣa] zu erkennen
sarvakarmaphalapradam
alle Früchte der Handlungen gewährend
[?] "upattaraṃ" für "uttaram", "mādreḥ" für "meroḥ" gedeutet.
Hier, o Nārada, vollziehen [die Menschen] die dreifachen Handlungen; und deren Frucht wird genossen, je nach der Ordnung von [Genuss-]Ort und Reichtum.
bhārate tu kṛtaṃ karma śubhaṃ vāśubhameva ca /
tatphalaṃ kṣayi viprendra bhujyate 'nyatrajantubhiḥ //
Die in Bhārata vollzogene Handlung, sei sie gut oder auch schlecht - deren Frucht, o Fürst der Brahmanen, wird, wiewohl vergänglich, anderswo von den Geschöpfen genossen.
Noch heute wünschen sich die Götter Geburt auf dem Boden Bhāratas - [ein] angehäuftes, sehr großes, unerschöpfliches, makelloses, heilvolles Verdienst [voraussetzend].
Wer sich ständig der Hari-Verehrung erfreut, wer als Hingegebener verehrungswürdig ist, und wer die Speisereste der Verehrer genießt, gelangt zu Viṣṇus höchstem Ort.
Wort für Wort
haripūjārataḥ nityam
wer sich ständig der Hari-Verehrung erfreut
bhaktaḥ pūjyaḥ asti vā
oder wer als Hingegebener verehrungswürdig ist
bhaktocchiṣṭānnasevī ca
und wer die Speisereste der Verehrer genießt
yāti viṣṇoḥ paraṃ padam
gelangt zu Viṣṇus höchstem Ort
[?] "pūjāsto 'ṣi" vermutlich für "pūjyo 'sti" ("verehrungswürdig ist") gedeutet.
nārāyaṇeti kṛṣṇeti vāsudeveti yo vadet /
ahiṃsādiparaḥ śantiḥ so 'pi vandyaḥ surottamaiḥ //
Wer ‚Nārāyaṇa', ‚Kṛṣṇa' oder ‚Vāsudeva' ausspricht, der Gewaltlosigkeit und dergleichen ergeben, friedvoll - auch er ist verehrungswürdig für die besten der Götter.
Wort für Wort
nārāyaṇa iti kṛṣṇa iti
"Nārāyaṇa", "Kṛṣṇa"
vāsudeva iti yaḥ vadet
"Vāsudeva" - wer [dies] ausspricht
ahiṃsādiparaḥ śāntaḥ
der Gewaltlosigkeit ergeben, friedvoll
saḥ api vandyaḥ surottamaiḥ
auch er verehrungswürdig für die besten der Götter
[?] "śantiḥ" vermutlich für "śāntaḥ" ("friedvoll").
gurubhaktaḥ śivadhyānī svāśramācāratatparaḥ /
anasūyuḥśucirdakṣo yaḥ so 'pyarcyaḥsureśvaraiḥ //
Wer dem Lehrer ergeben, in Śiva-Meditation versunken, dem Brauch des eigenen Lebensstandes hingegeben, frei von Missgunst, rein und tüchtig ist - auch er ist verehrungswürdig von den Herren der Götter.
Wort für Wort
gurubhaktaḥ śivadhyānī
dem Lehrer ergeben, in Śiva-Meditation
svāśramācāratatparaḥ
dem Brauch des eigenen Lebensstandes hingegeben
anasūyuḥ śuciḥ dakṣaḥ yaḥ
wer frei von Missgunst, rein, tüchtig
saḥ api arcyaḥ sureśvaraiḥ
auch er verehrungswürdig von den Herren der Götter
brāhmaṇānāṃ hitakaraḥ śradhdāvānvarṇadharmayoḥ /
vedavādarato nityaṃ sa jñeyaḥ paṅkipāvanaḥ //
Wer den Brahmanen Wohltat erweist, gläubig hinsichtlich der Pflichten von Stand und Lebensstadium, stets an der Rede des Veda Freude hat - er ist als ‚Reiniger der [Ahnen-]Tischgemeinschaft' zu erkennen.
Wort für Wort
brāhmaṇānāṃ hitakaraḥ
wer den Brahmanen Wohltat erweist
śraddhāvān varṇadharmayoḥ
gläubig hinsichtlich der Pflichten von Stand und Lebensstadium
vedavādarataḥ nityam
stets an der Rede des Veda Freude habend
sa jñeyaḥ pāṅktipāvanaḥ
er ist als Reiniger der Tischgemeinschaft zu erkennen
[?] "śradhdāvān" für "śraddhāvān", "paṅkipāvanaḥ" für "pāṅktipāvanaḥ" gedeutet.
abhedadarśī deveśe nārāyaṇaśivātmake /
sarvaṃ yo brahmaṇa nityamasmadādiṣu kā kathā //
Wer Nicht-Unterschiedenheit im Herrn der Götter erschaut, dessen Wesen Nārāyaṇa und Śiva zugleich sind, wer alles beständig in Brahman [gegründet erschaut] - was ist da erst von uns und unseresgleichen zu sagen!
Wort für Wort
abhedadarśī deveśe
wer Nicht-Unterschiedenheit im Herrn der Götter erschaut
Wer Diebstahl und dergleichen Verfehlungen abgewandt, dankbar, wahrhaftig redend, rein, und dem Wohl anderer ergeben ist, ist verehrungswürdig für Götter und Dämonen.
vedārthaśravaṇe buddhiḥ purāṇaśravaṇe tathā /
satsaṃge 'pi ca yasyāsti so 'pi vandyaḥ surottamaiḥ //
Wessen Sinn auf das Hören der Bedeutung des Veda gerichtet ist, ebenso auf das Hören der Purāṇas, und wer auch am Umgang mit den Guten [teilhat] - auch er ist verehrungswürdig für die Besten der Götter.
Wort für Wort
vedārthaśravaṇe buddhiḥ
der Sinn auf das Hören der Bedeutung des Veda gerichtet
purāṇaśravaṇe tathā
ebenso auf das Hören der Purāṇas
satsaṃge api ca yasya asti
und wer auch am Umgang mit den Guten [teilhat]
so 'pi vandyaḥ surottamaiḥ
auch er verehrungswürdig für die Besten der Götter
eteṣvanyatamo vipramātmānaṃ nārabhettu yaḥ /
sa eva duṣkṛtirmūḍho nāstyanyo 'smādacetanaḥ //
Wer sich aber, o Brahmane, an keiner einzigen dieser Handlungen beteiligt - eben der ist ein Übeltäter, ein Tor; keinen gibt es, der unbedachter wäre als dieser.
Wer, Geburt in Bhārata erlangend, sich dennoch gänzlich von den guten Werken abwendet, gleicht einem, der den Nektarkrug aufgibt und sich an ein Giftgefäß klammert.
Wort für Wort
saṃprāpya bhārate janma
Geburt in Bhārata erlangend
satkarma suparāṅmukhaḥ
den guten Werken gänzlich den Rücken kehrend
pīyūṣakalaśaṃ tyaktvā
den Nektarkrug aufgebend
viṣabhāṇḍam upāśritaḥ
sich an ein Giftgefäß klammernd
[?] "suktvā" vermutlich für "tyaktvā" ("aufgebend").
śrutismṛtyuditairddharmairnātmānaṃ pāvayettu yaḥ /
sa evātmavidhātī syātpāpināmagraṇīrmune //
Wer sich aber nicht durch die in Śruti und Smṛti verkündeten Pflichten läutert - eben der ist ein Selbstzerstörer, der Erste unter den Sündern, o Weiser.
Wort für Wort
śrutismṛtyuditaiḥ dharmaiḥ
durch die in Śruti und Smṛti verkündeten Pflichten
na ātmānaṃ pāvayet tu yaḥ
wer sich aber nicht läutert
sa eva ātmavidhātī syāt
eben der ist ein Selbstzerstörer
pāpinām agraṇīḥ mune
der Erste unter den Sündern, o Weiser
[?] "ātmavidhātī" unsicher, sinngemäß (parallel zu "agraṇīḥ pāpinām") eher "ātmaghātī" ("Selbstmörder/-zerstörer") vermutet.
karmabhūmiṃ samāsādya yo na dharmaṃ samācaret /
sa ca sarvādhamaḥ prokto vedavidbhirmunīśvara //
Wer, das Land der [rituellen] Werke erlangend, die Pflicht nicht ausübt - der wird von den Vedenkennern als der Niedrigste von allen bezeichnet, o Herr der Weisen.
Wer die heilvolle Handlung aufgibt und üble Handlungen vollzieht, gleicht einem, der die Wunschkuh verlässt und nach der [bitteren] Milch der Arka-Pflanze sucht.
evaṃ bhāratabhūbhāgaṃ praśaṃsanti divaukasaḥ /
brahmādyā api viprendra svabhogakṣayabhīravaḥ //
So preisen die Himmelsbewohner den Landstrich Bhārata, angeführt sogar von Brahmā, o Fürst der Brahmanen, aus Furcht vor der Erschöpfung ihres eigenen [himmlischen] Genusses.
Wort für Wort
evaṃ bhāratabhūbhāgaṃ
so den Landstrich Bhārata
praśaṃsanti divaukasaḥ
preisen die Himmelsbewohner
brahmādyāḥ api viprendra
angeführt von Brahmā, o Fürst der Brahmanen
svabhogakṣayabhīravaḥ
aus Furcht vor der Erschöpfung des eigenen Genusses
Deshalb ist das Land Bhārata als das verdienstvollste, vorzüglichste zu erkennen - sogar für die Götter schwer zu erlangen, alle Früchte der Handlungen gewährend.
asminpuṇye ca bhūbhāge yastu satkarmasūdyataḥ /
na tasya sadṛśaṃ kaścitriṣu vidyate //
Wer sich auf diesem heilvollen Landstrich den guten Werken widmet - keinen ihm Gleichen gibt es in den drei [Welten].
Wort für Wort
asmin puṇye ca bhūbhāge
auf diesem heilvollen Landstrich
yastu satkarmasu udyataḥ
wer sich den guten Werken widmet
na tasya sadṛśaṃ kaścit
keinen ihm Gleichen gibt es
triṣu [lokeṣu] vidyate
in den drei [Welten]
[Anm.: Das Wort "lokeṣu" ("Welten") fehlt in der Quelle nach "triṣu" - vermutlich Auslassung im Digitalisat; nach der Parallelformel in V.52 ("triṣu lokeṣu") sinngemäß ergänzt.]
Wer nach der Frucht der höchsten Welt zu streben wünscht, soll unermüdlich seine Werke vollziehen; wenn er sie mit Hingabe Hari darbringt, wird deren Frucht als unvergänglich überliefert.
Wort für Wort
paraṃ lokaphalaṃ prepsuḥ
wer nach der Frucht der höchsten Welt zu streben wünscht
Ist er leidenschaftslos gegenüber den Früchten der Werke, so möge er dennoch seine Werke verrichten lassen und das wohlgetane Werk darbringen mit dem Gedanken: ‚Möge mein Hari erfreut sein.'
Wort für Wort
virāgī cet karmaphaleṣu
ist er leidenschaftslos gegenüber den Werkfrüchten
Die im Veda verkündeten Werke möge man vollziehen, zur Freude des Herrn; wer, entsprechend seinem Lebensstand, [die Frucht] aufzugeben wünscht, erlangt den unvergänglichen Ort.
Wort für Wort
vedoditāni karmāṇi
die im Veda verkündeten Werke
kuryāt īśvaratuṣṭaye
möge man vollziehen zur Freude des Herrn
yathāśramaṃ tyaktukāmaḥ
entsprechend dem Lebensstand [die Frucht] aufzugeben wünschend
Ob wunschlos oder mit Wunsch behaftet, man vollziehe das Werk vorschriftsgemäß; wer aber des Brauchs seines eigenen Lebensstandes entbehrt, wird von den Weisen als ‚gefallen' bezeichnet.
Wort für Wort
niṣkāmo vā sakāmo vā
ob wunschlos oder mit Wunsch behaftet
kuryāt karma yathāvidhi
man vollziehe das Werk vorschriftsgemäß
svāśramācāraśūnyaśca
wer des Brauchs des eigenen Lebensstandes entbehrt
Der dem guten Brauch ergebene Brahmane wächst durch brahmanischen Glanz; und Viṣṇu wird mit ihm, sofern er von Hingabe erfüllt ist, zufrieden sein, o Nārada.
Wer, Geburt in Bhārata erlangend, sich selbst aber nicht [aus dem Daseinskreislauf] hinüberrettet, wird in schrecklicher Hölle gequält, solange Mond, Sonne und Sterne bestehen.
Wort für Wort
bhārate janma saṃprāpya
Geburt in Bhārata erlangend
na ātmānaṃ tārayet tu yaḥ
wer sich aber nicht hinüberrettet
pacyate niraye ghore
wird in schrecklicher Hölle gequält
sa tu ācandrārkatārakam
solange Mond, Sonne und Sterne bestehen
[?] "dhore" für "ghore" ("schrecklich"), "ācandrākratārakam" für "ācandrārkatārakam" ("solange Mond, Sonne, Sterne [bestehen]") gedeutet.
Vāsudeva zum höchsten Ziel habend - das ist wahre Pflicht; Vāsudeva zum höchsten Ziel habend - das ist wahre Askese; Vāsudeva zum höchsten Ziel habend - das ist wahres Wissen; Vāsudeva zum höchsten Ziel habend - das ist der wahre Weg.
Wort für Wort
vāsudevaparo dharmaḥ
Vāsudeva zum Höchsten habend ist die Pflicht
vāsudevaparaṃ tapaḥ
Vāsudeva zum Höchsten habend ist die Askese
vāsudevaparaṃ jñānam
Vāsudeva zum Höchsten habend ist das Wissen
vāsudevaparā gatiḥ
Vāsudeva zum Höchsten habend ist der Weg
[Anm.: bekannte Formelverse, die Vāsudeva/Kṛṣṇa als höchstes Ziel aller vier klassischen Lebensziele bezeichnen; ähnliche Formulierung findet sich auch in anderen Purāṇen/im Mahābhārata-Kontext.]
Ganz aus Vāsudevas Wesen besteht Alles - die Welt, das Unbewegliche und Bewegliche, von Brahmā bis hinab zum [bloßen] Grasbüschel; nichts existiert getrennt davon.
Wort für Wort
vāsudevātmakaṃ sarvam
ganz aus Vāsudevas Wesen [besteht] Alles
jagatsthāvarajaṅgamam
die Welt, das Unbewegliche und Bewegliche
ābrahmastambaparyantam
von Brahmā bis zum Grasbüschel
tasmāt [na] anyatra vidyate
nichts existiert getrennt davon
[?] "tasmādanyatra vidyate" (wörtl. "anderswo als das existiert [es]") ergibt ohne Verneinung den gegenteiligen Sinn; da die Aussage (nichts existiert außerhalb Vāsudevas) dem gesamten Kontext (V.81f.) und bekannten Parallelformulierungen entspricht, wird eine fehlende Verneinung ("na") im Digitalisat angenommen und entsprechend übersetzt.
sa eva dhātā tripurāntakaśca sa eva devāsurayajñarupaḥ /
sa evabrahmāṇḍamidaṃ tato 'nyanna kiñcidasti vyatiriktarupam //
Er eben ist der Schöpfer und der Beender der drei [Dämonen-]Burgen, er eben ist die Gestalt des Opfers von Göttern und Dämonen, er eben ist dieses Weltenei - außer ihm gibt es nichts, das eine davon verschiedene Gestalt hätte.
Wort für Wort
sa eva dhātā tripurāntakaḥ ca
er eben der Schöpfer und der Beender der drei Burgen
sa eva devāsurayajñarupaḥ
er eben die Gestalt des Opfers von Göttern und Dämonen
sa eva brahmāṇḍam idam
er eben dieses Weltenei
tato 'nyat na kiñcit asti vyatiriktarupam
außer ihm gibt es nichts davon Verschiedenes
[Anm.: Versmaß wechselt hier zu einem längeren (triṣṭubhartigen) Metrum, wie im Kolophon-Vers 83 fortgesetzt.]
Über diesen hinaus gibt es nichts anderes, denn nichts ist feiner und nichts größer als er; von ihm fürwahr ist diese wunderbare [Welt] durchdrungen - jenen Gott der Götter möge man geziemend verehren.
Wort für Wort
asmāt paraṃ na aparam asti kiñcit
über diesen hinaus gibt es nichts anderes
yasmāt aṇīyān na tathā mahīyān
denn nichts ist feiner, nichts größer [als er]
vyāptaṃ hi tena idam idaṃ vicitram
von ihm fürwahr ist diese wunderbare [Welt] durchdrungen
taṃ devadevaṃ praṇamet samīcīnam
jenen Gott der Götter möge man geziemend verehren
[?] "samīṅyam" unklare/vermutlich verderbte Lesart, sinngemäß als "geziemend" (vgl. samīcīnam/samañjasam) wiedergegeben. [Anm.: Kolophon der Quelle nach diesem Vers: "iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde sṛṣṭibharatakhaṇḍaprāśastyabhūgolānāṃ varṇanaṃ nāma tṛtīyo 'dhyāyaḥ" ("So [endet] im ehrwürdigen Bṛhannāradīya-Purāṇa, im Pūrvabhāga, im ersten Pāda, das dritte Adhyāya mit dem Titel 'Schilderung der Schöpfung, des Lobs von Bhāratakhaṇḍa und der Erdkunde'.") - als Grundlage für Kapiteltitel dieser Ausgabe verwendet.