Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 2: sṛṣṭibharatakhaṇḍaprāśastyabhūgolavarṇanam Schilderung der Schöpfung, des Lobs von Bhāratakhaṇḍa und der Erdkunde

Anm.: Quelle NarP_1,3.1-83 (GRETIL/Sansknet-Digitalisat des Pūrvabhāga, unkorrigiert überliefert). Das Digitalisat ist an mehreren Stellen lückenhaft: fünf Verse (V.20, 33, 39, 42, 71) enthalten offenbar nur einen Pāda statt der üblichen zwei, mehrere Wortformen erscheinen verderbt (jeweils mit [?] in den notes-Feldern markiert und, wo möglich, sinngemäß gedeutet). Inhalt: Nāradas Frage nach der Schöpfung Brahmās (V.1); die Dreiheit der Erscheinungsformen des Ur-Gottes - Prajāpati, Rudra/Īśāna, Viṣṇu (V.3-5); Vidyā und Avidyā als Kräfte (Śakti) Viṣṇus, mit Māyā, Prakṛti u.a. als weiteren Namen dieser Kraft bzw. der Göttin (V.6-17); Epitheta des höchsten, eigenschaftslosen Gottes und seine Identität mit Brahmā (V.18-30); die sāṃkhya-artige Schöpfungsreihe (Prakṛti-Puruṣa, Mahat/Buddhi, Ahaṃkāra, Tanmātras, Elemente, Tier- und Menschenschöpfung, Dakṣas Söhne, V.31-36); die sieben oberen und sieben unteren Welten (V.37-38); Erdkunde (Berg Meru, Lokāloka, sieben Kontinente und Ozeane, V.39-46); ausführliches Lob von Bhāratavarṣa als dem einzigen Ort, an dem Taten Früchte tragen und der selbst den Göttern begehrenswert ist (V.47-72); Handeln ohne Verlangen nach den Früchten der Werke (V.73-79); abschließende Vāsudeva-Verse zur Allgegenwart und Einzigkeit des höchsten Gottes (V.80-83, mit Kolophon).

nārada uvāca kathaṃ sasarja brahmādīnādidevaḥ purā vibhuḥ / tanmamākhyāhi sanaka sarvajño 'sti yato bhavān //

Nārada sprach: Wie erschuf einst der uranfängliche, alldurchdringende Gott Brahmā und die anderen [Götter]? Das sage mir, Sanaka, denn du bist allwissend.

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
kathaṃ sasarja ādidevaḥ purā vibhuḥ
wie erschuf der uranfängliche, alldurchdringende Gott einst
brahma-ādīn
Brahmā und die anderen
tat mama ākhyāhi sanaka
das sage mir, Sanaka
sarvajñaḥ asti yataḥ bhavān
denn du bist allwissend

śrīsanaka uvāca nārāyaṇo 'kṣaro 'nantaḥ sarvavyāpī nirañjanaḥ / tenedamakhilaṃ vyātpaṃ jagatsthāvarajaṅgamam //

Der erhabene Sanaka sprach: Nārāyaṇa ist der Unvergängliche, Unendliche, Alldurchdringende, Makellose; von ihm ist diese ganze Welt durchdrungen, das Bewegliche und Unbewegliche.

Wort für Wort
śrīsanaka uvāca
der erhabene Sanaka sprach
nārāyaṇaḥ akṣaraḥ anantaḥ
Nārāyaṇa, der Unvergängliche, Unendliche
sarvavyāpī nirañjanaḥ
der Alldurchdringende, Makellose
tena idam akhilaṃ vyāptam
von ihm ist dies ganze durchdrungen
jagat sthāvarajaṅgamam
die Welt, das Bewegliche und Unbewegliche

[?] "vyātpaṃ" vermutlich Schreibfehler für "vyāptaṃ" (von vyāp, "durchdringen") - so übersetzt.

ādisarge mahāviṣṇuḥ svaprakāśo jaganmayaḥ / guṇabhedamadhiṣṭhāya mūrttitrikamavāsṛjat //

Bei der Urschöpfung brachte der große, selbstleuchtende, welt-wesenhafte Viṣṇu, gestützt auf die Unterscheidung der Guṇas, die Dreiheit der [göttlichen] Gestalten hervor.

Wort für Wort
ādisarge mahāviṣṇuḥ
bei der Urschöpfung der große Viṣṇu
svaprakāśaḥ jaganmayaḥ
selbstleuchtend, welt-wesenhaft
guṇabhedam adhiṣṭhāya
die Unterscheidung der Guṇas zugrunde legend
mūrttitrikam avāsṛjat
brachte die Dreiheit der Gestalten hervor

sṛṣṭyarthaṃ tu purā devo dakṣiṇāṅgātprajāpatim / madhyerudrākhyamīthānaṃ jagadantakaraṃ mune //

Zum Zweck der Schöpfung aber [brachte] der Gott einst aus [seinem] rechten Glied den Prajāpati [hervor], in der Mitte den ‚Rudra' genannten Īśāna, den Weltenbeender, o Weiser.

Wort für Wort
sṛṣṭyarthaṃ tu purā devaḥ
zum Zweck der Schöpfung aber der Gott einst
dakṣiṇāṅgāt prajāpatim
aus dem rechten Glied den Prajāpati
madhye rudrākhyam īśānam
in der Mitte den "Rudra" genannten Īśāna
jagadantakaraṃ mune
den Weltenbeender, o Weiser

[?] "mīthānaṃ" ergibt keinen Sinn; nach dem Formelmuster (rechtes Glied - Prajāpati/Schöpfung, Mitte - Rudra/Zerstörung, linkes Glied - Viṣṇu/Erhaltung, s. V.5) als "īśānaṃ" ("den Herrschenden", Beiname Rudras) gedeutet.

pālanāyāsya jagato vāmāṅgādviṣṇumavyayam / tamādidevamajaraṃ kecidāhuḥ śivābhidham //

Zur Erhaltung dieser Welt [brachte er] aus dem linken Glied den unvergänglichen Viṣṇu hervor. Jenen uranfänglichen, alterslosen Gott nennen manche mit dem Namen ‚Śiva'.

Wort für Wort
pālanāya asya jagataḥ
zur Erhaltung dieser Welt
vāmāṅgāt viṣṇum avyayam
aus dem linken Glied den unvergänglichen Viṣṇu
tam ādidevam ajaram
jenen uranfänglichen, alterslosen Gott
kecit āhuḥ śivābhidham
nennen manche mit dem Namen Śiva

[Anm.: Der Bezug von "tam" ist nicht eindeutig - grammatisch könnte er sich auf den eben genannten Viṣṇu beziehen, sinngemäß naheliegender aber auf den in V.3f. genannten Ur-Gott (Mahāviṣṇu), aus dem die Dreiheit hervorging und der von manchen "Śiva" genannt wird.]

tasya śaktiḥ parā viṣṇorjagatkāryapravartinī / bhāvābhāvasvarupā sā vidyāvidyeti gīyate //

Jenes Viṣṇu höchste Kraft, die das Weltgeschehen in Gang setzt, von der Wesensform aus Sein und Nichtsein, sie wird als ‚Vidyā' und ‚Avidyā' besungen.

Wort für Wort
tasya viṣṇoḥ śaktiḥ parā
jenes Viṣṇu höchste Kraft
jagatkāryapravartinī
die das Weltgeschehen in Gang setzt
bhāvābhāvasvarupā
von der Wesensform aus Sein und Nichtsein
sā vidyāvidyā iti gīyate
sie wird als Vidyā und Avidyā besungen

yadā viśvaṃ mahāviṣṇorbhinnatvena pratīyate / tadā hyavidyā saṃsiddhā bhavedduḥkhasya sādhanam //

Wenn das All als von Mahāviṣṇu getrennt erscheint, dann, fürwahr, ist die Avidyā vollendet [wirksam] und wird zur Ursache des Leids.

Wort für Wort
yadā viśvaṃ mahāviṣṇoḥ
wenn das All von Mahāviṣṇu
bhinnatvena pratīyate
als getrennt erscheint
tadā hi avidyā saṃsiddhā bhavet
dann ist fürwahr die Avidyā vollendet
duḥkhasya sādhanam
zur Ursache des Leids

jñātṛjñeyādyupādhiste yadā naśyati nārada / sarvaikabhāvanā buddhiḥ sā vidyetyabhidhīyate //

Wenn deine durch Erkennendes, Erkanntes und dergleichen bedingte Begrenztheit vergeht, o Nārada, dann wird jene Erkenntnis, die alles als eins erfasst, ‚Vidyā' genannt.

Wort für Wort
jñātṛjñeyādi-upādhiḥ te
deine durch Erkennendes-Erkanntes usw. bedingte Begrenzung
yadā naśyati nārada
wenn sie vergeht, o Nārada
sarvaikabhāvanā buddhiḥ
die Alles-als-eins-erfassende Erkenntnis
sā vidyā iti abhidhīyate
diese wird "Vidyā" genannt

[?] "upādhiste" als upādhiḥ + te ("deine Bedingtheit", Gen. von tvam zu Nārada) gedeutet.

eṣaṃ māyā mahāviṣṇorbhinnā saṃsāradāyinī / abhedabuddhyā dṛṣṭā cetsaṃsārakṣayakāriṇī //

Diese Māyā Mahāviṣṇus, als getrennt erkannt, verleiht den Weltenkreislauf; wenn sie aber mit einer Erkenntnis der Nicht-Trennung erkannt wird, vernichtet sie den Weltenkreislauf.

Wort für Wort
eṣā māyā mahāviṣṇoḥ
diese Māyā Mahāviṣṇus
bhinnā saṃsāradāyinī
als getrennt [erkannt] den Weltenkreislauf verleihend
abhedabuddhyā dṛṣṭā cet
wenn mit Nicht-Trennungs-Erkenntnis erkannt
saṃsārakṣayakāriṇī
vernichtet sie den Weltenkreislauf

[?] "eṣaṃ" vermutlich für "eṣā" (fem., zu māyā stimmend).

viṣṇuśaktisamudbhūtametatsarvaṃ varācaṃm / yasmādbhinnamidaṃ sarvaṃ yacceṅgedyaccaneṅgati //

Aus Viṣṇus Kraft ist dies Alles entstanden, das Bewegliche und Unbewegliche - all das, wovon es getrennt [zu sein scheint]: das, was sich regt, und das, was sich nicht regt.

Wort für Wort
viṣṇuśaktisamudbhūtam
aus Viṣṇus Kraft entstanden
etat sarvaṃ caracam
dies Alles, das Bewegliche und Unbewegliche
yasmāt bhinnam idaṃ sarvam
wovon dieses Alles getrennt [erscheint]
yat ca iṅgati yat ca na iṅgati
was sich regt und was sich nicht regt

[?] "varācaṃm" vermutlich für "caracam" ("das Bewegliche und Unbewegliche"). Elliptischer Satzbau, Verb aus dem Zusammenhang ergänzt.

upādhibhiryathākāśo bhinnatvena pratīyate / avidyopādhiyogena tathedamakhilaṃ jagat //

So wie der Äther durch [äußere] Bedingungen als vielfach getrennt erscheint, ebenso [erscheint] durch die Verbindung mit der Bedingtheit der Avidyā diese ganze Welt.

Wort für Wort
upādhibhiḥ yathā ākāśaḥ
so wie der Äther durch Bedingungen
bhinnatvena pratīyate
als getrennt erscheint
avidyopādhiyogena
durch die Verbindung mit der Bedingtheit der Avidyā
tathā idam akhilaṃ jagat
ebenso diese ganze Welt

yathā harirjagadyāpī tasya śaktistathā mune / dāhaśaktiryathāṅgāre svāśrayaṃ vyāpya tiṣṭati //

So wie Hari die Welt durchdringt, so [durchdringt], o Weiser, seine Kraft [die Welt] - wie die Brennkraft in der glühenden Kohle, ihre eigene Grundlage durchdringend, verweilt.

Wort für Wort
yathā hariḥ jagadyāpī
so wie Hari, der die Welt Durchdringende
tasya śaktiḥ tathā mune
so seine Kraft, o Weiser
dāhaśaktiḥ yathā aṅgāre
wie die Brennkraft in der Kohle
svāśrayaṃ vyāpya tiṣṭati
ihre eigene Grundlage durchdringend verweilt

umeti kecidāhustāṃ śaktiṃ lakṣmīṃ tathā pare / bhāratītyapare caināṃ girijetyambiketi ca //

‚Umā' nennen manche jene Kraft, ‚Lakṣmī' wiederum andere, ‚Bhāratī' nennen sie andere, und ‚Girijā' und ‚Ambikā' [nennen sie] wieder andere.

Wort für Wort
umā iti kecit āhuḥ tāṃ śaktim
"Umā" nennen manche jene Kraft
lakṣmīṃ tathā pare
"Lakṣmī" wiederum andere
bhāratī iti apare
"Bhāratī" andere
girijā iti ambikā iti ca
"Girijā" und "Ambikā"

durgeti bhadrakālīti caṇḍī māheśvarītyapi / kaumārī vaiṣṇavī ceti vārāhyendrī ca śāmbhavī //

‚Durgā', ‚Bhadrakālī', ‚Caṇḍī', auch ‚Māheśvarī', ‚Kaumārī' und ‚Vaiṣṇavī', ‚Vārāhī', ‚Indrī' und ‚Śāmbhavī'.

Wort für Wort
durgā iti bhadrakālī iti
"Durgā", "Bhadrakālī"
caṇḍī māheśvarī iti api
"Caṇḍī", auch "Māheśvarī"
kaumārī vaiṣṇavī ca iti
"Kaumārī" und "Vaiṣṇavī"
vārāhī indrī ca śāmbhavī
"Vārāhī", "Indrī" und "Śāmbhavī"

[Anm.: Aufzählung von Namen/Erscheinungsformen der Göttin, syntaktisch an V.13 anschließend.]

brāhmīti vidyāvidyeti māyeti ca tathā pare / prakṛtiśca parā ceti vadanti paramarṣasyaḥ //

‚Brāhmī', ‚Vidyā-Avidyā', ‚Māyā' - so nennen sie wiederum andere, und ‚Prakṛti' und ‚Parā' - so sprechen die höchsten Weisen.

Wort für Wort
brāhmī iti vidyāvidyā iti
"Brāhmī", "Vidyā-Avidyā"
māyā iti ca tathā pare
"Māyā" - so wiederum andere
prakṛtiḥ ca parā ca iti
"Prakṛti" und "Parā"
vadanti paramarṣayaḥ
so sprechen die höchsten Weisen

[?] "paramarṣasyaḥ" vermutlich für "paramarṣayaḥ" ("die höchsten Weisen").

śeṣaśaktiḥ parā viṣṇoḥ jagatsargādikāriṇī / vyaktāvyaktasvarupeṇa jagahyāpya vyavasthitā //

Die höchste Kraft Viṣṇus, welche die Schöpfung der Welt und so weiter bewirkt, besteht, indem sie - in manifester und unmanifester Wesensform - die Welt durchdringt.

Wort für Wort
śeṣaśaktiḥ parā viṣṇoḥ
die höchste (übrige) Kraft Viṣṇus
jagatsargādikāriṇī
die Schöpfung der Welt usw. bewirkend
vyaktāvyaktasvarupeṇa
in manifester und unmanifester Wesensform
jagat vyāpya vyavasthitā
die Welt durchdringend besteht sie

[?] "śeṣaśaktiḥ" wörtlich "übrige/verbleibende Kraft"; möglicherweise Anspielung auf Śeṣa(-nāga) als Kraftform Viṣṇus - als "höchste [verbleibende] Kraft" übersetzt.

prakṛtiścapumāṃścaiva kālaśceti vidhisthitiḥ / sṛṣṭisthitivināśānāmekaḥ kāraṇatāṃ gataḥ //

Prakṛti, Puruṣa und auch Kāla - so [treten sie] in verschiedener Verfassung [auf]; der Eine ist zur Ursache von Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung geworden.

Wort für Wort
prakṛtiḥ ca pumān ca eva kālaḥ ca
Prakṛti und Puruṣa und auch Kāla
iti vidhisthitiḥ
so in [dieser] Verfassung
sṛṣṭisthitivināśānām
von Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung
ekaḥ kāraṇatāṃ gataḥ
ist der Eine zur Ursache geworden

[?] "vidhisthitiḥ" unsichere Lesart, vermutlich verderbte Zusammensetzung im Sinne von "in [unterschiedlicher] Anordnung/Verfassung".

yenedamakhilaṃ jātaṃ brahmarupadhareṇa vai / tasmātparataro devo nityaityabhidhīyate //

Der, durch den dies Alles entstanden ist, er, der die Gestalt Brahmās trägt, fürwahr - höher als dieser wird der Gott ‚der Ewige' genannt.

Wort für Wort
yena idam akhilaṃ jātam
durch den dies Alles entstanden ist
brahmarupadhareṇa vai
der die Gestalt Brahmās trägt, fürwahr
tasmāt parataraḥ devaḥ
höher als dieser der Gott
nityaḥ iti abhidhīyate
wird "der Ewige" genannt

rakṣāṃ karoti yo devo nitya ityabhidhīyate / rakṣāṃ karoti yo devo jagatāṃ parataḥ pumān //

Der Gott, der Schutz gewährt, wird ‚der Ewige' genannt; der Gott, der Schutz gewährt, ist der über den Welten [stehende] Puruṣa.

Wort für Wort
rakṣāṃ karoti yaḥ devaḥ
der Gott, der Schutz gewährt
nityaḥ iti abhidhīyate
wird "der Ewige" genannt
rakṣāṃ karoti yaḥ devaḥ
der Gott, der Schutz gewährt
jagatāṃ parataḥ pumān
der über den Welten [stehende] Puruṣa

[Anm.: Die Zeile "rakṣāṃ karoti yo devo" erscheint in der Quelle wörtlich wiederholt - möglicherweise Textwiederholung (Dittographie) im Digitalisat; hier unverändert wiedergegeben.]

tasmātparataraṃ yattadavyayaṃ paramaṃ padam //

Höher als jener ist jener unvergängliche, höchste Zustand.

Wort für Wort
tasmāt parataram
höher als jener
yat tat avyayaṃ paramaṃ padam
jener unvergängliche, höchste Zustand

[Anm.: Die Quelle enthält an dieser Stelle offenbar nur einen Pāda (eine Zeile) statt der sonst üblichen zwei; vermutlich fehlt im Digitalisat eine Zeile. Übersetzung des vorhandenen Fragments.]

akṣaro nirguṇaḥ śuddhaḥ paripūrṇaḥ sanātanaḥ / yaḥ paraḥ kālapupākhyo yogidhyeyaḥ parātparaḥ //

Der Unvergängliche, Eigenschaftslose, Reine, Vollkommene, Ewige, der Höchste, [?] genannt, von den Yogis zu Erschauende, höher als das Höchste.

Wort für Wort
akṣaraḥ nirguṇaḥ śuddhaḥ
der Unvergängliche, Eigenschaftslose, Reine
paripūrṇaḥ sanātanaḥ
der Vollkommene, Ewige
yaḥ paraḥ [?]-ākhyaḥ
der Höchste, [?] genannt
yogidhyeyaḥ parātparaḥ
von Yogis zu Erschauende, höher als das Höchste

[?] "kālapupākhyo" unklare/vermutlich verderbte Lesart, nicht sicher deutbar - im "de"-Feld als [?] belassen statt geraten.

paramātmā parānandaḥ sarvopādhivivarjitaḥ / jñānaikavedyaḥ paramaḥ sañcidānandavigrahaḥ //

Die höchste Seele, die höchste Wonne, frei von allen Bedingtheiten, allein durch Erkenntnis zu erfassen, der Höchste, dessen Gestalt aus Sein, Bewusstsein und Wonne besteht.

Wort für Wort
paramātmā parānandaḥ
die höchste Seele, die höchste Wonne
sarvopādhivivarjitaḥ
frei von allen Bedingtheiten
jñānaikavedyaḥ paramaḥ
allein durch Erkenntnis zu erfassen, der Höchste
saccidānandavigrahaḥ
dessen Gestalt aus Sein-Bewusstsein-Wonne [besteht]

yo 'sau śuddho 'pi paramo hyahṝṅkāreṇa saṃyutaḥ / dehīti procyate mūḍhairaho 'jñānaviḍambanam //

Er, der, obgleich rein und höchste, fürwahr mit dem Ich-Prinzip verbunden [scheint], wird von den Toren ‚verkörpertes Wesen' genannt - ach, welch ein Possenspiel der Unwissenheit!

Wort für Wort
yaḥ asau śuddhaḥ api paramaḥ
er, der, obgleich rein und höchste
hi ahaṃkāreṇa saṃyutaḥ
fürwahr mit dem Ich-Prinzip verbunden
dehī iti procyate mūḍhaiḥ
wird von den Toren "verkörpertes Wesen" genannt
aho ajñānaviḍambanam
ach, welch ein Possenspiel der Unwissenheit

sa devaḥ paramaḥ śuddhaḥ sattvadiguṇabhedataḥ / mūrtitrayaṃ samāpannaḥ sṛṣṭisthityantakāraṇam //

Jener höchste, reine Gott, durch die Unterscheidung der Guṇas - Sattva und so weiter - die Dreiheit der Gestalten annehmend, ist die Ursache von Schöpfung, Erhaltung und Ende.

Wort für Wort
sa devaḥ paramaḥ śuddhaḥ
jener höchste, reine Gott
sattvādiguṇabhedataḥ
durch die Unterscheidung der Guṇas Sattva usw.
mūrtitrayaṃ samāpannaḥ
die Dreiheit der Gestalten annehmend
sṛṣṭisthityantakāraṇam
die Ursache von Schöpfung, Erhaltung, Ende

yo 'sau brahmā jagatkartā yannābhikamalodbhavaḥ / sa evānandarupātmā tasmānnāstyaparo mune //

Jener Brahmā, der Weltenschöpfer, der aus [Viṣṇus] Nabellotos entstand - eben er ist das aus Wonne bestehende Selbst; außer ihm gibt es keinen anderen, o Weiser.

Wort für Wort
yaḥ asau brahmā jagatkartā
jener Brahmā, der Weltenschöpfer
yannābhikamalodbhavaḥ
der aus [dessen] Nabellotos entstand
sa eva ānandarupātmā
eben er das aus Wonne bestehende Selbst
tasmāt na asti aparaḥ mune
außer ihm gibt es keinen anderen, o Weiser

antaryāmī jagadyāpī sarvasākṣī nirañjanaḥ / bhinnābhinnasvarupeṇa sthito vai parameśvaraḥ //

Der innere Lenker, der die Welt Durchdringende, der Zeuge von allem, der Makellose - in getrennter und ungetrennter Wesensform verweilt fürwahr der höchste Herr.

Wort für Wort
antaryāmī jagadyāpī
der innere Lenker, der die Welt Durchdringende
sarvasākṣī nirañjanaḥ
der Zeuge von allem, der Makellose
bhinnābhinnasvarupeṇa
in getrennter und ungetrennter Wesensform
sthitaḥ vai parameśvaraḥ
verweilt fürwahr der höchste Herr

yasya śaktirmahāmāyā jagadvistrambhadhāriṇī / viśvotpatternidānatvātprakṛtiḥ procyate budhaiḥ //

Dessen Kraft, die große Māyā, die das Weltgefüge stützt - weil sie die Grundursache der Entstehung des Alls ist, wird sie von den Weisen ‚Prakṛti' genannt.

Wort für Wort
yasya śaktiḥ mahāmāyā
dessen Kraft, die große Māyā
jagadvistrambhadhāriṇī
die das Weltgefüge stützt
viśvotpatternidānatvāt
weil sie Grundursache der Entstehung des Alls ist
prakṛtiḥ procyate budhaiḥ
wird von den Weisen "Prakṛti" genannt

ādisarge mahāviṣṇorlokānkarttuṃ samudyataḥ / prakṛtiḥ puruṣaśceti kālaśceti tridhā bhavet //

Bei der Urschöpfung, bereit, die Welten zu erschaffen, ward Mahāviṣṇu dreifach: als Prakṛti, Puruṣa und Kāla.

Wort für Wort
ādisarge mahāviṣṇoḥ
bei der Urschöpfung Mahāviṣṇu
lokān karttuṃ samudyataḥ
bereit, die Welten zu erschaffen
prakṛtiḥ puruṣaḥ ca iti
als Prakṛti und Puruṣa
kālaḥ ca iti tridhā bhavet
und Kāla - ward er dreifach

paśyanti bhāvitātmāno yaṃ brahmatyabhisaṃjñitam / śuddhaṃ yatparamaṃ dhāma tadviṣṇoḥ paramaṃ padam //

Die [Yogis mit] geläuterter Seele erschauen jenen, der als ‚Brahman' bezeichnet wird; jener reine höchste Glanzort - das ist Viṣṇus höchster Ort.

Wort für Wort
paśyanti bhāvitātmānaḥ
die geläuterte Seele Habenden erschauen
yaṃ brahma iti abhisaṃjñitam
den, der als "Brahman" bezeichnet wird
śuddhaṃ yat paramaṃ dhāma
jener reine höchste Glanzort
tat viṣṇoḥ paramaṃ padam
das ist Viṣṇus höchster Ort

evaṃ śuddho 'kṣaro 'nantaḥ kālarupī maheśvaraḥ / guṇarupīguṇādhārojagatāmādikṛdvibhuḥ //

So ist der reine, unvergängliche, unendliche große Herr in Zeitgestalt, in Gestalt der Guṇas und zugleich die Grundlage der Guṇas, der mächtige Urheber der Welten.

Wort für Wort
evaṃ śuddhaḥ akṣaraḥ anantaḥ
so der reine, unvergängliche, unendliche
kālarupī maheśvaraḥ
in Zeitgestalt, der große Herr
guṇarupī guṇādhāraḥ
in Gestalt der Guṇas, die Grundlage der Guṇas
jagatām ādikṛt vibhuḥ
der mächtige Urheber der Welten

pratṛtiḥ kṣobhamāpannā puruṣākhye jagadgurau / mahānprādurabhūddhuddhistato 'haṃ samavarttata //

Die Prakṛti, in Erregung geratend im Kontakt mit dem ‚Puruṣa' genannten Weltenlehrer, [brachte hervor]: das Mahat erschien - das ist der Verstand -, daraus entstand das Ich-Prinzip.

Wort für Wort
prakṛtiḥ kṣobham āpannā
die Prakṛti, in Erregung geratend
puruṣākhye jagadgurau
im "Puruṣa" genannten Weltenlehrer
mahān prādurabhūt buddhiḥ
das Mahat erschien, [das ist] der Verstand
tataḥ ahaṃ samavarttata
daraus entstand das Ich-Prinzip

[?] "pratṛtiḥ" vermutlich für "prakṛtiḥ".

ahṝṅkārāśca sūkṣmāṇi tanmātrāṇīndriyāṇi ca / tanmātrebhyo hi jātāni bhūtāni jagataḥ kṛte //

Und aus dem Ahaṃkāra [entstanden] die feinstofflichen Tanmātras und die Sinnesorgane; aus den Tanmātras aber entstanden die [groben] Elemente, zum Zweck der Welt.

Wort für Wort
ahaṃkārāt sūkṣmāṇi tanmātrāṇi
aus dem Ahaṃkāra die feinstofflichen Tanmātras
indriyāṇi ca
und die Sinnesorgane
tanmātrebhyaḥ hi jātāni bhūtāni
aus den Tanmātras entstanden die Elemente
jagataḥ kṛte
zum Zweck der Welt

[?] "ahṝṅkārāśca" erwartete Ablativform (ahaṃkārāt, "aus dem Ahaṃkāra") nicht eindeutig erkennbar - sinngemäß als Fortsetzung der Sāṃkhya-Reihe aus V.31 gedeutet.

ākāśavāyyagrijalabhūmayo 'bjabhāvātmaja / yathākramaṃ kāraṇatāmekaikasyopayānti ca //

Äther, Wind, Feuer, Wasser und Erde [?] - der Reihe nach kommt jedem einzelnen von ihnen Ursächlichkeit [für das nächste] zu.

Wort für Wort
ākāśavāyyagrijalabhūmayaḥ
Äther, Wind, Feuer, Wasser, Erde
[?]
[unklare Textstelle]
yathākramam
der Reihe nach
kāraṇatām ekaikasya upayānti ca
kommt jedem einzelnen Ursächlichkeit zu

[?] "'bjabhāvātmaja" unklar/vermutlich verderbt, nicht sicher deutbar - als offene Stelle belassen.

tato brahmā jagaddhātā tāmasānasṛjatprabhuḥ / tiryagyonigatāñjantūnpaśupakṣimṛgādikān //

Dann schuf Brahmā, der Weltenträger, der Herr, die ‚tamasischen' Geschöpfe - die in Tiergestalt befindlichen Lebewesen: Vieh, Vögel, Wildtiere und dergleichen.

Wort für Wort
tataḥ brahmā jagaddhātā
dann Brahmā, der Weltenträger
tāmasān asṛjat prabhuḥ
schuf der Herr die tamasischen [Geschöpfe]
tiryagyonigatān jantūn
die in Tiergestalt befindlichen Lebewesen
paśupakṣimṛgādikān
Vieh, Vögel, Wildtiere und dergleichen

tamapyasādhakaṃ matvā devasargaṃ sanātanāt / tato vaimānuṣaṃ sargaṃ kalpayāmāsa pahmajaḥ //

Auch diese [Tierschöpfung] als unzulänglich erachtend - [nach] der ewigen Götterschöpfung -, bewirkte der Lotosgeborene daraufhin die menschliche Schöpfung.

Wort für Wort
tam api asādhakaṃ matvā
auch diese als unzulänglich erachtend
devasargaṃ sanātanāt
[nach] der ewigen Götterschöpfung
tataḥ vai mānuṣaṃ sargam
dann aber die menschliche Schöpfung
kalpayāmāsa padmajaḥ
bewirkte der Lotosgeborene

[Anm.: Satzbau um "devasargaṃ sanātanāt" verdichtet/elliptisch - vermutlich impliziert, dass zwischen Tier- und Menschenschöpfung auch die ewige Götterschöpfung erfolgte.]

tato dakṣādikānputrānsṛṣṭisādhanatatparān / ebhiḥ putrairidaṃ vyāptaṃ sadevāsuramānuṣam //

Dann [erschuf er] die Söhne, angeführt von Dakṣa, die der Vollbringung der [weiteren] Schöpfung hingegeben sind; durch diese Söhne ist dies [All] erfüllt, mitsamt Göttern, Dämonen und Menschen.

Wort für Wort
tataḥ dakṣādikān putrān
dann die Söhne, angeführt von Dakṣa
sṛṣṭisādhanatatparān
der Vollbringung der Schöpfung hingegeben
ebhiḥ putraiḥ idaṃ vyāptam
durch diese Söhne ist dies erfüllt
sadevāsuramānuṣam
mitsamt Göttern, Dämonen, Menschen

bhurbhuvaśca tathā svaśca mahaśvaiva janastathā / tapaśca satyamityevaṃ lokāḥ satyopari sthitāḥ //

Bhūḥ und Bhuvaḥ, und auch Svaḥ, ebenso Mahaḥ und Janaḥ, Tapaḥ und Satya - so [sind die sieben] Welten, [aufgeschichtet] bis hinauf zu Satya[loka].

Wort für Wort
bhūḥ bhuvaḥ ca tathā svaḥ ca
Bhūḥ, Bhuvaḥ und Svaḥ
mahaḥ ca eva janaḥ tathā
Mahaḥ und Janaḥ
tapaḥ ca satyam iti evam
Tapaḥ und Satya
lokāḥ satyopari sthitāḥ
die Welten bis hinauf zu Satya[loka]

atalaṃ vitalaṃ caiva sutalaṃ ca talātalam / mahātalaṃ ca viprendra tato 'dhacca rasātalam //

Atala und Vitala, ebenso Sutala und Talātala, Mahātala, o Fürst der Brahmanen, und darunter Rasātala.

Wort für Wort
atalaṃ vitalaṃ ca eva
Atala und Vitala
sutalaṃ ca talātalam
Sutala und Talātala
mahātalaṃ ca viprendra
Mahātala, o Fürst der Brahmanen
tataḥ adhaḥ ca rasātalam
und darunter Rasātala

eṣa sarveṣu lokeṣu lokanāthāṃśca sṛṣṭavān //

Dieser [Brahmā] schuf auch in allen Welten die Weltenhüter.

Wort für Wort
eṣaḥ sarveṣu lokeṣu
dieser in allen Welten
lokanāthān ca sṛṣṭavān
schuf auch die Weltenhüter

[Anm.: nur ein Pāda in der Quelle vorhanden, s. Kap.2-Vorwort zu Quellenlücken.]

kulācalānnadīścāsau tattallokanivāsinām / varttanādīni sarvāṇi yathāyogyaṃmakalpayat //

Die Stammgebirge und Flüsse, [ebenso] alle Mittel des Unterhalts und so weiter für die Bewohner der jeweiligen Welten richtete dieser [Brahmā] angemessen ein.

Wort für Wort
kulācalān nadīḥ ca asau
die Stammgebirge und Flüsse, dieser
tattallokanivāsinām
für die Bewohner der jeweiligen Welten
varttanādīni sarvāṇi
alle Mittel des Unterhalts usw.
yathāyogyam akalpayat
richtete angemessen ein

bhūtale madhyago meruḥ sarvadevasamāśrayaḥ / lokālokaśca bhūmyante tanmadhye satpa sāgarāḥ //

In der Mitte der Erdoberfläche steht der Berg Meru, die Zuflucht aller Götter, und der Berg Lokāloka am Rande der Erde; dazwischen liegen die sieben Ozeane.

Wort für Wort
bhūtale madhyago meruḥ
in der Mitte der Erde der Meru
sarvadevasamāśrayaḥ
die Zuflucht aller Götter
lokālokaḥ ca bhūmyante
und Lokāloka am Rande der Erde
tanmadhye sapta sāgarāḥ
dazwischen die sieben Ozeane

[?] "satpa" für "sapta" ("sieben").

bāhyā nadyaśca vikhyātā janāścāmarasannibhāḥ //

Und die außen [gelegenen] berühmten Flüsse, und die Menschen, den Unsterblichen gleich.

Wort für Wort
bāhyāḥ nadyaḥ ca vikhyātāḥ
die außen [gelegenen] berühmten Flüsse
janāḥ ca amarasannibhāḥ
und die Menschen, den Unsterblichen gleich

[Anm.: nur ein Pāda in der Quelle vorhanden.]

jambūplakṣābhidhānau ca śālmalaśca kuśastathā / krauñcaśākau puṣkaraśca te sarve devabhūmayaḥ //

Die ‚Jambū' und ‚Plakṣa' genannten [Kontinente], sowie Śālmala und Kuśa, Krauñca und Śāka, und Puṣkara - sie alle sind Wohnstätten der Götter.

Wort für Wort
jambūplakṣābhidhānau ca
die "Jambū" und "Plakṣa" genannten
śālmalaḥ ca kuśaḥ tathā
Śālmala und Kuśa
krauñcaśākau puṣkaraḥ ca
Krauñca, Śāka und Puṣkara
te sarve devabhūmayaḥ
sie alle Wohnstätten der Götter

ete dvīpāḥ samudraistu satpasatpabhirāvṛtāḥ / lavaṇekṣusurāsarpirdadhikṣīrajalaiḥ samam //

Diese Kontinente sind, jeweils sieben an der Zahl, von Ozeanen umgeben - aus Salzwasser, Zuckerrohrsaft, Branntwein, geklärter Butter, Dickmilch, Milch und [süßem] Wasser.

Wort für Wort
ete dvīpāḥ samudraiḥ tu
diese Kontinente aber von Ozeanen
saptasaptabhiḥ āvṛtāḥ
von je sieben umgeben
lavaṇekṣusurāsarpiḥ
Salzwasser, Zuckerrohrsaft, Branntwein, Ghee
dadhikṣīrajalaiḥ samam
zusammen mit Dickmilch, Milch, Wasser

[?] "satpasatpabhiḥ" für "saptasaptabhiḥ" ("je sieben").

ete dvīpāḥ samudrāśca pūrvasmāduttarerāḥ / jñeyā dviguṇavistarā lokālokāñca parvatāt //

Diese Kontinente und Ozeane sind, einer nach dem anderen, als [jeweils] doppelt so ausgedehnt zu erkennen, bis hin zum Berg Lokāloka.

Wort für Wort
ete dvīpāḥ samudrāḥ ca
diese Kontinente und Ozeane
pūrvasmāt uttarottarāḥ
einer nach dem anderen vom vorherigen
jñeyā dviguṇavistarā
als doppelt so ausgedehnt zu erkennen
lokālokāt ca parvatāt
bis zum Berg Lokāloka

[?] "uttarerāḥ" vermutlich für "uttarottarāḥ" ("je der nächstfolgende").

kṣārodadherupattaraṃ yaddhi mādreścaiva dakṣiṇām / jñeyaṃ tadbhārataṃ varṣaṃ sarvakarmaphalapradam //

Was nördlich des Salzozeans und zugleich südlich des [Berges] Meru liegt, das ist als ‚Bhārata[varṣa]' zu erkennen, welches alle Früchte der [rituellen] Handlungen gewährt.

Wort für Wort
kṣārodadheḥ uttaram
nördlich des Salzozeans
yat hi meroḥ ca eva dakṣiṇām
und was südlich des Meru
jñeyaṃ tat bhārataṃ varṣam
das ist als Bhārata[varṣa] zu erkennen
sarvakarmaphalapradam
alle Früchte der Handlungen gewährend

[?] "upattaraṃ" für "uttaram", "mādreḥ" für "meroḥ" gedeutet.

atra karmāṇi kurvanti trividhāni tu nārada / tatphalaṃ bhujyate caiva bhogabhūmidhanakramāt //

Hier, o Nārada, vollziehen [die Menschen] die dreifachen Handlungen; und deren Frucht wird genossen, je nach der Ordnung von [Genuss-]Ort und Reichtum.

Wort für Wort
atra karmāṇi kurvanti trividhāni
hier vollziehen sie die dreifachen Handlungen
tu nārada
aber, o Nārada
tatphalaṃ bhujyate ca eva
und deren Frucht wird genossen
bhogabhūmidhanakramāt
je nach der Ordnung von Ort und Reichtum

bhārate tu kṛtaṃ karma śubhaṃ vāśubhameva ca / tatphalaṃ kṣayi viprendra bhujyate 'nyatrajantubhiḥ //

Die in Bhārata vollzogene Handlung, sei sie gut oder auch schlecht - deren Frucht, o Fürst der Brahmanen, wird, wiewohl vergänglich, anderswo von den Geschöpfen genossen.

Wort für Wort
bhārate tu kṛtaṃ karma
die in Bhārata vollzogene Handlung
śubhaṃ vā aśubham eva ca
sei sie gut oder schlecht
tatphalaṃ kṣayi viprendra
deren vergängliche Frucht, o Fürst der Brahmanen
bhujyate anyatra jantubhiḥ
wird anderswo von den Geschöpfen genossen

adyāpi devā icchanti janma bhāratabhūtale / saṃcitaṃ sumahatpuṇyamakṣayyamamalaṃ śubham //

Noch heute wünschen sich die Götter Geburt auf dem Boden Bhāratas - [ein] angehäuftes, sehr großes, unerschöpfliches, makelloses, heilvolles Verdienst [voraussetzend].

Wort für Wort
adya api devāḥ icchanti
noch heute wünschen sich die Götter
janma bhāratabhūtale
Geburt auf dem Boden Bhāratas
saṃcitaṃ sumahatpuṇyam
angehäuftes, sehr großes Verdienst
akṣayyam amalaṃ śubham
unerschöpflich, makellos, heilvoll

kadā labhāmahe janma varṣabhāratabhūmiṣu / kadā puṇyena mahatā yāsyāma paramaṃ padam //

‚Wann werden wir Geburt auf den Landen des Bhārata-Gebiets erlangen? Wann werden wir durch großes Verdienst zum höchsten Ort gelangen?'

Wort für Wort
kadā labhāmahe janma
wann werden wir Geburt erlangen
varṣabhāratabhūmiṣu
auf den Landen des Bhārata-Gebiets
kadā puṇyena mahatā
wann durch großes Verdienst
yāsyāma paramaṃ padam
werden wir zum höchsten Ort gelangen

[Anm.: wörtliche Rede der Götter, an V.49 anschließend.]

dānairvāvividhairyajñaistapobhirvāthavā harim / jagadīśaṃsameṣyāmo nityānandamanāmayam //

‚Durch Gaben, durch mannigfache Opfer, oder auch durch Askese werden wir zu Hari, dem Weltenherrn, gelangen, der ewig wonnevoll und leidlos ist.'

Wort für Wort
dānaiḥ vā vividhaiḥ yajñaiḥ
durch Gaben oder mannigfache Opfer
tapobhiḥ vā athavā
oder auch durch Askese
harim jagadīśam sameṣyāmaḥ
werden wir zu Hari, dem Weltenherrn, gelangen
nityānandam anāmayam
der ewig wonnevoll, leidlos ist

yo bhāratabhuvaṃ prāpya viṣṇupūjāparo bhavet / na tasya sadṛśo 'nyo 'sti triṣu lokeṣu nāradā //

Wer, den Boden Bhāratas erlangend, der Verehrung Viṣṇus hingegeben ist - keinen ihm Gleichen gibt es in den drei Welten, o Nārada.

Wort für Wort
yaḥ bhāratabhuvaṃ prāpya
wer den Boden Bhāratas erlangend
viṣṇupūjāparaḥ bhavet
der Verehrung Viṣṇus hingegeben ist
na tasya sadṛśaḥ anyaḥ asti
keinen ihm Gleichen gibt es
triṣu lokeṣu nārada
in den drei Welten, o Nārada

harikīrtanaśīlo vā tadbhaktānāṃ piyo 'pi vā / śukṣaṣurvāpi mahataḥ savedyo divijairapi //

Wer die Gewohnheit hat, Hari zu preisen, oder wer dessen Verehrern lieb ist, oder wer den Großen dient - er wird auch von den Himmlischen verehrt.

Wort für Wort
harikīrtanaśīlaḥ vā
wer die Gewohnheit hat, Hari zu preisen
tadbhaktānāṃ priyaḥ api vā
oder wer dessen Verehrern lieb ist
śuśrūṣuḥ vā api mahataḥ
oder wer den Großen dient
sevyaḥ divijaiḥ api
wird auch von den Himmlischen verehrt

[?] "piyo" für "priyo", "śukṣaṣurvāpi" für "śuśrūṣurvāpi", "savedyo" für "sevyo" gedeutet.

haripūjārato nityaṃ bhaktaḥ pūjāsto 'ṣi vā / bhaktocchiṣṭānnasevī ca yāti viṣṇoḥ paraṃ padam //

Wer sich ständig der Hari-Verehrung erfreut, wer als Hingegebener verehrungswürdig ist, und wer die Speisereste der Verehrer genießt, gelangt zu Viṣṇus höchstem Ort.

Wort für Wort
haripūjārataḥ nityam
wer sich ständig der Hari-Verehrung erfreut
bhaktaḥ pūjyaḥ asti vā
oder wer als Hingegebener verehrungswürdig ist
bhaktocchiṣṭānnasevī ca
und wer die Speisereste der Verehrer genießt
yāti viṣṇoḥ paraṃ padam
gelangt zu Viṣṇus höchstem Ort

[?] "pūjāsto 'ṣi" vermutlich für "pūjyo 'sti" ("verehrungswürdig ist") gedeutet.

nārāyaṇeti kṛṣṇeti vāsudeveti yo vadet / ahiṃsādiparaḥ śantiḥ so 'pi vandyaḥ surottamaiḥ //

Wer ‚Nārāyaṇa', ‚Kṛṣṇa' oder ‚Vāsudeva' ausspricht, der Gewaltlosigkeit und dergleichen ergeben, friedvoll - auch er ist verehrungswürdig für die besten der Götter.

Wort für Wort
nārāyaṇa iti kṛṣṇa iti
"Nārāyaṇa", "Kṛṣṇa"
vāsudeva iti yaḥ vadet
"Vāsudeva" - wer [dies] ausspricht
ahiṃsādiparaḥ śāntaḥ
der Gewaltlosigkeit ergeben, friedvoll
saḥ api vandyaḥ surottamaiḥ
auch er verehrungswürdig für die besten der Götter

[?] "śantiḥ" vermutlich für "śāntaḥ" ("friedvoll").

śiveti nīlakaṇṭheti śaṅkaretica yaḥ smaret / sarvabhūtahito nityaṃ so 'bhyarcyo divijaiḥ smṛtaḥ //

Wer ‚Śiva', ‚Nīlakaṇṭha' und ‚Śaṅkara' gedenkt, stets allen Wesen wohlgesinnt - er gilt als von den Himmlischen zu verehren.

Wort für Wort
śiva iti nīlakaṇṭha iti
"Śiva", "Nīlakaṇṭha"
śaṅkara iti ca yaḥ smaret
und "Śaṅkara" - wer [dessen] gedenkt
sarvabhūtahitaḥ nityam
stets allen Wesen wohlgesinnt
saḥ abhyarcyaḥ divijaiḥ smṛtaḥ
er gilt als von den Himmlischen zu verehren

gurubhaktaḥ śivadhyānī svāśramācāratatparaḥ / anasūyuḥśucirdakṣo yaḥ so 'pyarcyaḥsureśvaraiḥ //

Wer dem Lehrer ergeben, in Śiva-Meditation versunken, dem Brauch des eigenen Lebensstandes hingegeben, frei von Missgunst, rein und tüchtig ist - auch er ist verehrungswürdig von den Herren der Götter.

Wort für Wort
gurubhaktaḥ śivadhyānī
dem Lehrer ergeben, in Śiva-Meditation
svāśramācāratatparaḥ
dem Brauch des eigenen Lebensstandes hingegeben
anasūyuḥ śuciḥ dakṣaḥ yaḥ
wer frei von Missgunst, rein, tüchtig
saḥ api arcyaḥ sureśvaraiḥ
auch er verehrungswürdig von den Herren der Götter

brāhmaṇānāṃ hitakaraḥ śradhdāvānvarṇadharmayoḥ / vedavādarato nityaṃ sa jñeyaḥ paṅkipāvanaḥ //

Wer den Brahmanen Wohltat erweist, gläubig hinsichtlich der Pflichten von Stand und Lebensstadium, stets an der Rede des Veda Freude hat - er ist als ‚Reiniger der [Ahnen-]Tischgemeinschaft' zu erkennen.

Wort für Wort
brāhmaṇānāṃ hitakaraḥ
wer den Brahmanen Wohltat erweist
śraddhāvān varṇadharmayoḥ
gläubig hinsichtlich der Pflichten von Stand und Lebensstadium
vedavādarataḥ nityam
stets an der Rede des Veda Freude habend
sa jñeyaḥ pāṅktipāvanaḥ
er ist als Reiniger der Tischgemeinschaft zu erkennen

[?] "śradhdāvān" für "śraddhāvān", "paṅkipāvanaḥ" für "pāṅktipāvanaḥ" gedeutet.

abhedadarśī deveśe nārāyaṇaśivātmake / sarvaṃ yo brahmaṇa nityamasmadādiṣu kā kathā //

Wer Nicht-Unterschiedenheit im Herrn der Götter erschaut, dessen Wesen Nārāyaṇa und Śiva zugleich sind, wer alles beständig in Brahman [gegründet erschaut] - was ist da erst von uns und unseresgleichen zu sagen!

Wort für Wort
abhedadarśī deveśe
wer Nicht-Unterschiedenheit im Herrn der Götter erschaut
nārāyaṇaśivātmake
dessen Wesen Nārāyaṇa und Śiva ist
sarvaṃ yo brahmaṇi nityam
wer alles beständig in Brahman [erschaut]
asmadādiṣu kā kathā
was ist da von uns und unseresgleichen zu sagen

goṣu kṣānto brahmacārī paranindāvivarjitaḥ / aparigrahaśī laśca devapūjyaḥ sa nārada //

Wer geduldig gegenüber den Kühen, keusch, frei von Verleumdung anderer und von besitzlosem Wesen ist - er ist von den Göttern zu verehren, o Nārada.

Wort für Wort
goṣu kṣāntaḥ brahmacārī
geduldig gegenüber den Kühen, keusch
paranindāvivarjitaḥ
frei von Verleumdung anderer
aparigrahaśīlaḥ ca
und von besitzlosem Wesen
devapūjyaḥ sa nārada
er ist von den Göttern zu verehren, o Nārada

steyādidoṣavimukhaḥ kṛtajñaḥ satyavāk śuciḥ / paropakāranirataḥ pūjanīyaḥ surāsuraiḥ //

Wer Diebstahl und dergleichen Verfehlungen abgewandt, dankbar, wahrhaftig redend, rein, und dem Wohl anderer ergeben ist, ist verehrungswürdig für Götter und Dämonen.

Wort für Wort
steyādidoṣavimukhaḥ
abgewandt von Diebstahl und dergleichen
kṛtajñaḥ satyavāk śuciḥ
dankbar, wahrhaftig redend, rein
paropakāranirataḥ
dem Wohl anderer ergeben
pūjanīyaḥ surāsuraiḥ
verehrungswürdig für Götter und Dämonen

vedārthaśravaṇe buddhiḥ purāṇaśravaṇe tathā / satsaṃge 'pi ca yasyāsti so 'pi vandyaḥ surottamaiḥ //

Wessen Sinn auf das Hören der Bedeutung des Veda gerichtet ist, ebenso auf das Hören der Purāṇas, und wer auch am Umgang mit den Guten [teilhat] - auch er ist verehrungswürdig für die Besten der Götter.

Wort für Wort
vedārthaśravaṇe buddhiḥ
der Sinn auf das Hören der Bedeutung des Veda gerichtet
purāṇaśravaṇe tathā
ebenso auf das Hören der Purāṇas
satsaṃge api ca yasya asti
und wer auch am Umgang mit den Guten [teilhat]
so 'pi vandyaḥ surottamaiḥ
auch er verehrungswürdig für die Besten der Götter

evamādīnyanekāni karmāṇi śraddhayānvitaḥ / karoti bhārate varṣe saṃbandho 'smābhireva ca //

Wer solche und viele weitere Handlungen mit Glauben im Lande Bhārata vollzieht, mit dem besteht eben dadurch eine Verbindung zu uns.

Wort für Wort
evamādīni anekāni karmāṇi
solche und viele weitere Handlungen
śraddhayā anvitaḥ karoti
mit Glauben versehen vollzieht
bhārate varṣe
im Lande Bhārata
saṃbandhaḥ asmābhiḥ eva ca
eben dadurch eine Verbindung zu uns

eteṣvanyatamo vipramātmānaṃ nārabhettu yaḥ / sa eva duṣkṛtirmūḍho nāstyanyo 'smādacetanaḥ //

Wer sich aber, o Brahmane, an keiner einzigen dieser Handlungen beteiligt - eben der ist ein Übeltäter, ein Tor; keinen gibt es, der unbedachter wäre als dieser.

Wort für Wort
eteṣu anyatamaḥ vipra
an irgendeiner dieser, o Brahmane
ātmānaṃ na ārabhet tu yaḥ
wer sich aber nicht dazu aufrafft
sa eva duṣkṛtiḥ mūḍhaḥ
eben der ist ein Übeltäter, ein Tor
na asti anyaḥ asmāt acetanaḥ
keinen gibt es törichter als diesen

saṃprāpya bhārate janma satkarma suparāṅmukhaḥ / pīyūṣakalaśaṃ suktvā viṣabhāṇḍamupāśritaḥ //

Wer, Geburt in Bhārata erlangend, sich dennoch gänzlich von den guten Werken abwendet, gleicht einem, der den Nektarkrug aufgibt und sich an ein Giftgefäß klammert.

Wort für Wort
saṃprāpya bhārate janma
Geburt in Bhārata erlangend
satkarma suparāṅmukhaḥ
den guten Werken gänzlich den Rücken kehrend
pīyūṣakalaśaṃ tyaktvā
den Nektarkrug aufgebend
viṣabhāṇḍam upāśritaḥ
sich an ein Giftgefäß klammernd

[?] "suktvā" vermutlich für "tyaktvā" ("aufgebend").

śrutismṛtyuditairddharmairnātmānaṃ pāvayettu yaḥ / sa evātmavidhātī syātpāpināmagraṇīrmune //

Wer sich aber nicht durch die in Śruti und Smṛti verkündeten Pflichten läutert - eben der ist ein Selbstzerstörer, der Erste unter den Sündern, o Weiser.

Wort für Wort
śrutismṛtyuditaiḥ dharmaiḥ
durch die in Śruti und Smṛti verkündeten Pflichten
na ātmānaṃ pāvayet tu yaḥ
wer sich aber nicht läutert
sa eva ātmavidhātī syāt
eben der ist ein Selbstzerstörer
pāpinām agraṇīḥ mune
der Erste unter den Sündern, o Weiser

[?] "ātmavidhātī" unsicher, sinngemäß (parallel zu "agraṇīḥ pāpinām") eher "ātmaghātī" ("Selbstmörder/-zerstörer") vermutet.

karmabhūmiṃ samāsādya yo na dharmaṃ samācaret / sa ca sarvādhamaḥ prokto vedavidbhirmunīśvara //

Wer, das Land der [rituellen] Werke erlangend, die Pflicht nicht ausübt - der wird von den Vedenkennern als der Niedrigste von allen bezeichnet, o Herr der Weisen.

Wort für Wort
karmabhūmiṃ samāsādya
das Land der Werke erlangend
yo na dharmaṃ samācaret
wer die Pflicht nicht ausübt
sa ca sarvādhamaḥ proktaḥ
der wird als der Niedrigste bezeichnet
vedavidbhiḥ munīśvara
von den Vedenkennern, o Herr der Weisen

śubhaṃ karma samutsṛjya duṣkarmāṇi karoti yaḥ / kāmadhenuṃ parityajya arkakṣīraṃ saṃ mārgati //

Wer die heilvolle Handlung aufgibt und üble Handlungen vollzieht, gleicht einem, der die Wunschkuh verlässt und nach der [bitteren] Milch der Arka-Pflanze sucht.

Wort für Wort
śubhaṃ karma samutsṛjya
die heilvolle Handlung aufgebend
duṣkarmāṇi karoti yaḥ
wer üble Handlungen vollzieht
kāmadhenuṃ parityajya
die Wunschkuh verlassend
arkakṣīraṃ samārgati
sucht nach der Arka-Milch

evaṃ bhāratabhūbhāgaṃ praśaṃsanti divaukasaḥ / brahmādyā api viprendra svabhogakṣayabhīravaḥ //

So preisen die Himmelsbewohner den Landstrich Bhārata, angeführt sogar von Brahmā, o Fürst der Brahmanen, aus Furcht vor der Erschöpfung ihres eigenen [himmlischen] Genusses.

Wort für Wort
evaṃ bhāratabhūbhāgaṃ
so den Landstrich Bhārata
praśaṃsanti divaukasaḥ
preisen die Himmelsbewohner
brahmādyāḥ api viprendra
angeführt von Brahmā, o Fürst der Brahmanen
svabhogakṣayabhīravaḥ
aus Furcht vor der Erschöpfung des eigenen Genusses

tasmātpuṇyatamaṃ jñeyaṃ bhārataṃ varṣamuttamam / devānāṃ durlabhaṃ vāpi sarvakarmaphalapradam //

Deshalb ist das Land Bhārata als das verdienstvollste, vorzüglichste zu erkennen - sogar für die Götter schwer zu erlangen, alle Früchte der Handlungen gewährend.

Wort für Wort
tasmāt puṇyatamaṃ jñeyam
deshalb als das verdienstvollste zu erkennen
bhārataṃ varṣam uttamam
das Land Bhārata, das vorzüglichste
devānāṃ durlabhaṃ vā api
sogar für die Götter schwer zu erlangen
sarvakarmaphalapradam
alle Früchte der Handlungen gewährend

asminpuṇye ca bhūbhāge yastu satkarmasūdyataḥ / na tasya sadṛśaṃ kaścitriṣu vidyate //

Wer sich auf diesem heilvollen Landstrich den guten Werken widmet - keinen ihm Gleichen gibt es in den drei [Welten].

Wort für Wort
asmin puṇye ca bhūbhāge
auf diesem heilvollen Landstrich
yastu satkarmasu udyataḥ
wer sich den guten Werken widmet
na tasya sadṛśaṃ kaścit
keinen ihm Gleichen gibt es
triṣu [lokeṣu] vidyate
in den drei [Welten]

[Anm.: Das Wort "lokeṣu" ("Welten") fehlt in der Quelle nach "triṣu" - vermutlich Auslassung im Digitalisat; nach der Parallelformel in V.52 ("triṣu lokeṣu") sinngemäß ergänzt.]

asmiñjāto naro yastu svaṅkarmakṣapaṇodyataḥ / nararupaparicchannaḥ sa harirnātra saṃśayaḥ //

Wer aber, hier als Mensch geboren, sich der Tilgung des eigenen Karma widmet - er ist, in Menschengestalt verhüllt, Hari [selbst], kein Zweifel daran.

Wort für Wort
asmin jātaḥ naraḥ yastu
wer aber, hier als Mensch geboren
svakarmakṣapaṇodyataḥ
sich der Tilgung des eigenen Karma widmend
nararupaparicchannaḥ
in Menschengestalt verhüllt
sa hariḥ na atra saṃśayaḥ
er ist Hari, kein Zweifel daran

paraṃ lokaphalaṃ prepsuḥ kiryātkarmāṇyatandritaḥ / nivedya haraye bhaktyā tatphalaṃ hyakṣayaṃ smṛtam //

Wer nach der Frucht der höchsten Welt zu streben wünscht, soll unermüdlich seine Werke vollziehen; wenn er sie mit Hingabe Hari darbringt, wird deren Frucht als unvergänglich überliefert.

Wort für Wort
paraṃ lokaphalaṃ prepsuḥ
wer nach der Frucht der höchsten Welt zu streben wünscht
kuryāt karmāṇi atandritaḥ
soll unermüdlich die Werke vollziehen
nivedya haraye bhaktyā
mit Hingabe Hari darbringend
tatphalaṃ hi akṣayaṃ smṛtam
wird deren Frucht als unvergänglich überliefert

[?] "kiryāt" für "kuryāt" gedeutet.

virāgī cetkarmaphaleṣvapi kiñcitra kārayet / arpayetsukṛtaṃ karma prīyatāmitiṃ me hariḥ //

Ist er leidenschaftslos gegenüber den Früchten der Werke, so möge er dennoch seine Werke verrichten lassen und das wohlgetane Werk darbringen mit dem Gedanken: ‚Möge mein Hari erfreut sein.'

Wort für Wort
virāgī cet karmaphaleṣu
ist er leidenschaftslos gegenüber den Werkfrüchten
api kiñcit tatra kārayet
möge er dennoch [Werk] verrichten lassen
arpayet sukṛtaṃ karma
möge er das wohlgetane Werk darbringen
prīyatām iti me hariḥ
[mit dem Gedanken:] möge mein Hari erfreut sein

ābrahmabhuvanāllokāḥ punarutpattidāyakāḥ / phalāgṛdhnuḥ karmaṇāṃ tatprātproti paramaṃ padam //

Die Welten bis hinauf zur Brahmā-Welt gewähren [nur] Wiedergeburt; wer aber nicht nach der Frucht der Werke giert, der erlangt den höchsten Ort.

Wort für Wort
ābrahmabhuvanāt lokāḥ
die Welten bis zur Brahmā-Welt
punarutpattidāyakāḥ
gewähren Wiedergeburt
phalāgṛdhnuḥ karmaṇām
wer nicht nach der Frucht der Werke giert
tat prāpnoti paramaṃ padam
der erlangt den höchsten Ort

vedoditāni karmāṇi kuryādīśvaratuṣṭaye / yathāśramaṃ tyaktukāmaḥ prānpoti padamavyayam //

Die im Veda verkündeten Werke möge man vollziehen, zur Freude des Herrn; wer, entsprechend seinem Lebensstand, [die Frucht] aufzugeben wünscht, erlangt den unvergänglichen Ort.

Wort für Wort
vedoditāni karmāṇi
die im Veda verkündeten Werke
kuryāt īśvaratuṣṭaye
möge man vollziehen zur Freude des Herrn
yathāśramaṃ tyaktukāmaḥ
entsprechend dem Lebensstand [die Frucht] aufzugeben wünschend
prāpnoti padam avyayam
erlangt den unvergänglichen Ort

niṣkāmo vā sakāmo vā kuryātkarma yathāvidhi / svāśramācāraśūnyaśca patitaḥ procyate budhaiḥ //

Ob wunschlos oder mit Wunsch behaftet, man vollziehe das Werk vorschriftsgemäß; wer aber des Brauchs seines eigenen Lebensstandes entbehrt, wird von den Weisen als ‚gefallen' bezeichnet.

Wort für Wort
niṣkāmo vā sakāmo vā
ob wunschlos oder mit Wunsch behaftet
kuryāt karma yathāvidhi
man vollziehe das Werk vorschriftsgemäß
svāśramācāraśūnyaśca
wer des Brauchs des eigenen Lebensstandes entbehrt
patitaḥ procyate budhaiḥ
wird von den Weisen als gefallen bezeichnet

sadācāraparo vipro varddhate brahmatejasā / tasya viṣṇuśca tuṣṭaḥ syādbhaktiyuktasya nārada //

Der dem guten Brauch ergebene Brahmane wächst durch brahmanischen Glanz; und Viṣṇu wird mit ihm, sofern er von Hingabe erfüllt ist, zufrieden sein, o Nārada.

Wort für Wort
sadācāraparo vipro
der dem guten Brauch ergebene Brahmane
varddhate brahmatejasā
wächst durch brahmanischen Glanz
tasya viṣṇuḥ ca tuṣṭaḥ syāt
und Viṣṇu wird mit ihm zufrieden sein
bhaktiyuktasya nārada
sofern von Hingabe erfüllt, o Nārada

bhārate janma saṃprāpya nātmānaṃ tārayetu yaḥ / pacyate niraye dhore sa tvācandrākratārakam //

Wer, Geburt in Bhārata erlangend, sich selbst aber nicht [aus dem Daseinskreislauf] hinüberrettet, wird in schrecklicher Hölle gequält, solange Mond, Sonne und Sterne bestehen.

Wort für Wort
bhārate janma saṃprāpya
Geburt in Bhārata erlangend
na ātmānaṃ tārayet tu yaḥ
wer sich aber nicht hinüberrettet
pacyate niraye ghore
wird in schrecklicher Hölle gequält
sa tu ācandrārkatārakam
solange Mond, Sonne und Sterne bestehen

[?] "dhore" für "ghore" ("schrecklich"), "ācandrākratārakam" für "ācandrārkatārakam" ("solange Mond, Sonne, Sterne [bestehen]") gedeutet.

vāsadevaparo dharmo vāsudevaparaṃ tapaḥ / vāsudevaparaṃ jñānaṃ vāsudevaparā gatiḥ //

Vāsudeva zum höchsten Ziel habend - das ist wahre Pflicht; Vāsudeva zum höchsten Ziel habend - das ist wahre Askese; Vāsudeva zum höchsten Ziel habend - das ist wahres Wissen; Vāsudeva zum höchsten Ziel habend - das ist der wahre Weg.

Wort für Wort
vāsudevaparo dharmaḥ
Vāsudeva zum Höchsten habend ist die Pflicht
vāsudevaparaṃ tapaḥ
Vāsudeva zum Höchsten habend ist die Askese
vāsudevaparaṃ jñānam
Vāsudeva zum Höchsten habend ist das Wissen
vāsudevaparā gatiḥ
Vāsudeva zum Höchsten habend ist der Weg

[Anm.: bekannte Formelverse, die Vāsudeva/Kṛṣṇa als höchstes Ziel aller vier klassischen Lebensziele bezeichnen; ähnliche Formulierung findet sich auch in anderen Purāṇen/im Mahābhārata-Kontext.]

vāsudevātmakaṃ sarvaṃ jagatsthāvarajaṅgamam / ābrahmastambaparyantaṃ tasmādanyatra vidyate //

Ganz aus Vāsudevas Wesen besteht Alles - die Welt, das Unbewegliche und Bewegliche, von Brahmā bis hinab zum [bloßen] Grasbüschel; nichts existiert getrennt davon.

Wort für Wort
vāsudevātmakaṃ sarvam
ganz aus Vāsudevas Wesen [besteht] Alles
jagatsthāvarajaṅgamam
die Welt, das Unbewegliche und Bewegliche
ābrahmastambaparyantam
von Brahmā bis zum Grasbüschel
tasmāt [na] anyatra vidyate
nichts existiert getrennt davon

[?] "tasmādanyatra vidyate" (wörtl. "anderswo als das existiert [es]") ergibt ohne Verneinung den gegenteiligen Sinn; da die Aussage (nichts existiert außerhalb Vāsudevas) dem gesamten Kontext (V.81f.) und bekannten Parallelformulierungen entspricht, wird eine fehlende Verneinung ("na") im Digitalisat angenommen und entsprechend übersetzt.

sa eva dhātā tripurāntakaśca sa eva devāsurayajñarupaḥ / sa evabrahmāṇḍamidaṃ tato 'nyanna kiñcidasti vyatiriktarupam //

Er eben ist der Schöpfer und der Beender der drei [Dämonen-]Burgen, er eben ist die Gestalt des Opfers von Göttern und Dämonen, er eben ist dieses Weltenei - außer ihm gibt es nichts, das eine davon verschiedene Gestalt hätte.

Wort für Wort
sa eva dhātā tripurāntakaḥ ca
er eben der Schöpfer und der Beender der drei Burgen
sa eva devāsurayajñarupaḥ
er eben die Gestalt des Opfers von Göttern und Dämonen
sa eva brahmāṇḍam idam
er eben dieses Weltenei
tato 'nyat na kiñcit asti vyatiriktarupam
außer ihm gibt es nichts davon Verschiedenes

[Anm.: Versmaß wechselt hier zu einem längeren (triṣṭubhartigen) Metrum, wie im Kolophon-Vers 83 fortgesetzt.]

asmātparaṃ nāparamasti kiñcidyasmādaṇīyānnatathā mahīyān / vyātpaṃ hi tenedamidaṃ vicitraṃ taṃ devadevaṃ praṇametsamīṅyam //

Über diesen hinaus gibt es nichts anderes, denn nichts ist feiner und nichts größer als er; von ihm fürwahr ist diese wunderbare [Welt] durchdrungen - jenen Gott der Götter möge man geziemend verehren.

Wort für Wort
asmāt paraṃ na aparam asti kiñcit
über diesen hinaus gibt es nichts anderes
yasmāt aṇīyān na tathā mahīyān
denn nichts ist feiner, nichts größer [als er]
vyāptaṃ hi tena idam idaṃ vicitram
von ihm fürwahr ist diese wunderbare [Welt] durchdrungen
taṃ devadevaṃ praṇamet samīcīnam
jenen Gott der Götter möge man geziemend verehren

[?] "samīṅyam" unklare/vermutlich verderbte Lesart, sinngemäß als "geziemend" (vgl. samīcīnam/samañjasam) wiedergegeben. [Anm.: Kolophon der Quelle nach diesem Vers: "iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde sṛṣṭibharatakhaṇḍaprāśastyabhūgolānāṃ varṇanaṃ nāma tṛtīyo 'dhyāyaḥ" ("So [endet] im ehrwürdigen Bṛhannāradīya-Purāṇa, im Pūrvabhāga, im ersten Pāda, das dritte Adhyāya mit dem Titel 'Schilderung der Schöpfung, des Lobs von Bhāratakhaṇḍa und der Erdkunde'.") - als Grundlage für Kapiteltitel dieser Ausgabe verwendet.

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