Kapitel 65: saṃdhyādinirūpaṇam
Die Darlegung der Sandhyā-Riten
Titel rekonstruiert aus der (durch Quellanomalie um ein Kapitel versetzten) Kolophonzeile am Kopf der Rohdatei zu Kapitel 66 ("...saṃdhyādinirūpaṇaṃ nāma ṣaṭṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ"), die nach dem im Corpus durchgängig beobachteten Muster tatsächlich das Kolophon des jeweils VORANGEHENDEN Kapitels enthält (bestätigt durch den parallelen Befund am Kopf von Kapitel 67, wo "devapūjānirūpaṇam" erscheint und sachlich zu Kapitel 66 passt). Kapitel 65 behandelt: Morgentoilette, Zahnreinigung, Tempel-Ārati, äußeres und inneres Bad (Mala-, Antara-, Mantra-Snāna), Aghamarṣaṇa, vedische und tantrische Sandhyā, Tarpaṇa, Türverehrung sowie die vorbereitende Mantra-Nyāsa (Berührungsweihe) der Buchstabenreihen (Mātṛkās) von Viṣṇu (Keśavādi), Śiva (Śrīkaṇṭha), Gaṇeśa und Sarasvatī (Bhāratī).
Sanatkumāra sprach: Danach, nachdem er gemäß dem Atemrhythmus den Fuß auf den Erdboden gesetzt hat: "O Göttin, deren Gürtel der Ozean ist, deren Kreis von Bergen die Brüste sind,
Wort für Wort
sanatkumāra uvāca
Sanatkumāra sprach
tataḥ śvāsānusāreṇa
danach, dem Atemrhythmus gemäß
datvā pādaṃ mahītale
nachdem er den Fuß auf den Erdboden gesetzt hat
samudramekhale devi
o Göttin, deren Gürtel der Ozean ist
parvatastanamaṇḍale
deren Brüste der Kreis der Berge sind
[Anm.: Vers 1 trägt im Quelltext die (unvollständige) Kolophonzeile des vorangehenden Kapitels voran; die Sanskrit-Ordnungszahl "pañcaṣaṣṭitama" (65.) weicht wie in den übrigen Kapiteln dieses Corpus um eins von der tatsächlichen Position ab (durchgängige Quellanomalie). Der eigentliche Kolophontitel dieses Kapitels (65) findet sich, dem Muster folgend, am Kopf der Rohdatei zu Kapitel 66: "saṃdhyādinirūpaṇam" ("Darlegung der Sandhyā-Riten").]
viṣṇuvatni namastubhyaṃ pādasparśaṃ kṣamasva me / iti bhūmiṃ tu saṃprārthya vihareñca yathāvidhi
O Gattin Viṣṇus, Verehrung sei dir; verzeih mir die Berührung durch den Fuß!" So habe er die Erde gebeten und sich dann vorschriftsmäßig entfernt (um sich zu entleeren).
rakṣaḥ koṇe tato grāmādgatvā mantramudīrayet / gacchantu ṛṣayo devāḥ piśācā ye ca guhyakāḥ
Dann, nachdem er vom Dorf in die dem Rakṣas zugewandte Ecke (Südwesten) gegangen ist, spreche er das Mantra: "Es mögen fortgehen die Ṛṣis, die Götter, die Piśācas und die Guhyakas,
Wort für Wort
rakṣaḥ koṇe
in der Rakṣas-Ecke (Südwesten)
tato grāmādgatvā
dann, nachdem er vom Dorf weggegangen ist
mantramudīrayet
spreche er das Mantra
gacchantu ṛṣayo devāḥ
es mögen fortgehen die Ṛṣis, die Götter
piśācā ye ca guhyakāḥ
die Piśācas und welche Guhyakas (es auch seien)
[Anm.: "rakṣaḥ koṇe" = Südwest-Ecke, traditionell den Rākṣasas zugeordnete Unglücksrichtung.]
evaṃ śaucaṃ vidhāyātha gaṇḍūṣāndvādaśaiva tu / kṛtvā vanaspatiṃ cātha prārthayenmanunāmunā
Nachdem er so die Reinigung vollzogen hat, und nachdem er zwölf Mundspülungen (gaṇḍūṣa) durchgeführt hat, bete er sodann den Waldbaum (für das Zahnholz) mit diesem Mantra an:
Wort für Wort
evaṃ tu śaucaṃ vidhāya
nachdem er so die Reinigung vollzogen hat
atha gaṇḍūṣāndvādaśaiva tu kṛtvā
und nachdem er genau zwölf Mundspülungen vollzogen hat
Mit dem auf "ṅ" endenden Wort "Kāmadeva", ebenso mit "allen Menschen lieb", innen mit dem Herz(-Mantra), reich am Kāma-Samenlaut - damit reinige er die Zähne.
Wort für Wort
kāmadevapadaṃ ṅentaṃ
das auf ṅ endende Wort "Kāmadeva"
tathā sarvajanapriyam
ebenso (das Wort) "allen Menschen lieb"
hṛdantaḥ kāmabījāḍhyaṃ
innen mit dem Herz(-Mantra), reich am Kāma-Samenlaut
jihvollekho vāgbhavena mūlena kṣālayenmukham / devāgāraṃ tato gatvā nirmālyamapasārya ca
Das Abschaben der Zunge (geschehe) mit dem Vāgbhava(-Mantra); mit dem Wurzelmantra spüle er den Mund aus. Dann, nachdem er zum Gotteshaus gegangen ist und die verwelkten Blumenopfer entfernt hat,
und reine Gewänder angelegt hat, vollziehe er das glückverheißende Lichtschwenken (Ārati). Nachdem er das Gefäß mit dem Astra(-Mantra) besprengt hat, entzünde er es mit dem Wurzelmantra.
Wort für Wort
paridhāyāṃbaraṃ śuddhaṃ
nachdem er reine Gewänder angelegt hat
maṅgalārārtikaṃ caret
vollziehe er das glückverheißende Lichtschwenken
asreṇa pātraṃ saṃprokṣya
nachdem er das Gefäß mit dem Astra-Mantra besprengt hat
mit Musikinstrumenten und lieblichen Gesängen finde das Lichtschwenken des Gottes statt. So habe er das Lichteropfer (Nīrājana) vollzogen; nachdem er seinen eigenen Herrn gebeten hat,
snātuṃ yāyānnimragādau kīrtayandevatāguṇān / gatvā tīrthaṃ namaskṛtya snānīyaṃ ca nidhāya vai
gehe er zum Baden an einen Fluss o.ä., die Eigenschaften der Gottheit besingend; nachdem er zur Pilgerstätte (Tīrtha) gegangen ist, sie verehrt und das Badegerät niedergelegt hat,
Wort für Wort
snātuṃ yāyānnimragādau
er gehe zum Baden an einen Fluss o.ä.
kīrtayandevatāguṇān
die Eigenschaften der Gottheit besingend
gatvā tīrthaṃ namaskṛtya
nachdem er zur Pilgerstätte gegangen ist und sie verehrt hat
nehme er die mit dem Wurzelmantra geweihte Erde von der Hüftgegend, bestreiche sich damit bis zu den Füßen hinab und wasche sich dann mit dem Wasser der Pilgerstätte.
Wort für Wort
mūlābhimantritamṛdamādāya
nachdem er die mit dem Wurzelmantra geweihte Erde ergriffen hat
kaṭideśataḥ
von der Hüftgegend her
vilipyapādaparyantaṃ
nachdem er sich bis zu den Füßen bestrichen hat
kṣālayettīrthavāriṇā
wasche er sich mit dem Wasser der Pilgerstätte
[Anm.: "kaṭideśataḥ" unklar - evtl. bezeichnet es die Entnahmestelle der Erde am Flussufer auf Hüfthöhe.]
maṇibandhe hastatale tadagre ca tathā punaḥ / kṛtvāṅgulyā gāṅgamṛgamādāyāstreṇa tatpunaḥ
am Handgelenk, in der Handfläche und wieder an deren Spitze - nachdem er es mit dem Finger gemacht hat, nehme er sodann Ganges-Lehm mit dem Astra(-Mantra),
Wort für Wort
maṇibandhe hastatale
am Handgelenk, in der Handfläche
tadagre ca tathā punaḥ
und ebenso wieder an dessen Spitze
kṛtvāṅgulyā
nachdem er es mit dem Finger gemacht hat
gāṅgamṛgamādāyāstreṇa tatpunaḥ
nehme er wieder Ganges-Lehm mit dem Astra-Mantra
[Anm.: "gāṅgamṛgam" vermutlich Verschreibung für "gāṅgamṛdam" (Ganges-Lehm) [?].]
nijopari ca mantrajño bhrāmayitvā tyajetsudhī / talasthāṃ ca ṣaḍaṅgeṣu tanmantraiḥ pravilepayet
und nachdem der Mantra-Kundige (die Erde) über sich selbst geschwenkt hat, werfe er sie, der Weise, fort; und was in der Handfläche verbleibt, bestreiche er auf die sechs Glieder mit deren Mantras.
Wort für Wort
nijopari ca mantrajño
und der Mantra-Kundige über sich selbst
bhrāmayitvā tyajetsudhī
nachdem er (sie) geschwenkt hat, werfe der Weise (sie) fort
talasthāṃ ca ṣaḍaṅgeṣu
und die in der Handfläche befindliche auf die sechs Glieder
Nachdem er eingetaucht ist, wasche er sich gründlich - dies wird das "Unreinheits-Bad" genannt. Nachdem er alles als aus dem Wunschgott bestehend imaginiert hat, vollziehe er das "innere Bad".
Wort für Wort
nimajya kṣālayetsamyag
nachdem er eingetaucht ist, wasche er sich gründlich
malasnānamitīritam
dies wird "Unreinheits-Bad" genannt
vibhāvyeṣṭamayaṃ sarvam
nachdem er alles als aus dem Wunschgott bestehend imaginiert hat
Nachdem er den Herrn, dessen Gestalt Mantra ist, ausgestattet mit eigenem Schmuck und Waffen, dem grenzenlosen Āditya gleich, sich vergegenwärtigt hat, (und) den aus seinem Fußwasser entstandenen
Wort für Wort
anantā dityasaṃkāśaṃ
dem grenzenlosen Āditya (Sonnengott) gleich [?]
nijabhūṣāyudhairyutam
ausgestattet mit eigenem Schmuck und Waffen
mantramūrtiṃ prabhuṃ smṛtvā
nachdem er den Herrn, dessen Gestalt Mantra ist, sich vergegenwärtigt hat
tatpādodakasaṃbhavām
(und) den aus seinem Fußwasser entstandenen (Strom)
In diesem Augenblick wird der Mantra-Kundige frei von Schmutz, dem Bergkristall gleich. Dann, nachdem er nach der in der Śruti gelehrten Vorschrift gebadet hat, der Mantra-Kundige, gesammelt,
Wort für Wort
tatkṣaṇādvirajā mantrī
in diesem Augenblick wird der Mantra-Kundige frei von Schmutz
jāyate sphaṭikopamaḥ
er wird dem Bergkristall gleich
tataḥ śrautoktavidhinā snātvā
dann, nachdem er nach der in der Śruti gelehrten Vorschrift gebadet hat
mantrasnānaṃ tataḥ kuryāttadvidhānamathocyate / deśakālau ca saṃkīrtya prāṇāyāmaṣaḍaṅgakaiḥ
vollziehe er sodann das Mantra-Bad; dessen Vorschrift wird nun mitgeteilt: nachdem er Ort und Zeit verkündet hat, mit Atemkontrolle und den sechs Gliedmaßen-Mantras,
Wort für Wort
mantrasnānaṃ tataḥ kuryāt
er vollziehe sodann das Mantra-Bad
tadvidhānamathocyate
dessen Vorschrift wird nun mitgeteilt
deśakālau ca saṃkīrtya
nachdem er Ort und Zeit verkündet hat
prāṇāyāmaṣaḍaṅgakaiḥ
mit Atemkontrolle und den sechs Gliedmaßen(-Mantras)
kṛtvārkamaṇḍalāttīrthānyāhvayenmuṣṭimudrayā / brahmāṇḍodaratīrthāni karaiḥ spṛṣṭāni te raveḥ
rufe er, nachdem er (dies vollzogen) hat, die Pilgerstätten aus der Sonnenscheibe mit der Faustgeste herbei: "Die im Innern des Weltenei befindlichen Pilgerstätten sind von deinen Strahlen berührt worden, o Sonne -
Wort für Wort
kṛtvārkamaṇḍalāttīrthānyāhvayenmuṣṭimudrayā
nachdem er (dies) getan hat, rufe er die Pilgerstätten aus der Sonnenscheibe mit der Faustgeste herbei
brahmāṇḍodaratīrthāni
die im Innern des Weltenei befindlichen Pilgerstätten
karaiḥ spṛṣṭāni te raveḥ
sind von deinen Strahlen (Händen) berührt worden, o Sonne
ityāvāhya jale tāni sudhābījena yojayet / gomudrayāmṛtīkṛtya kavacenāvaguṇṭhya ca
Nachdem er sie so ins Wasser herbeigerufen hat, verbinde er es mit dem Nektar-Samenlaut; nachdem er es mit der Kuh-Geste zu Nektar gemacht und mit dem Panzer(-Mantra) umhüllt hat,
Wort für Wort
ityāvāhya jale tāni
nachdem er sie so ins Wasser herbeigerufen hat
sudhābījena yojayet
verbinde er es mit dem Nektar-Samenlaut
gomudrayāmṛtīkṛtya
nachdem er es mit der Kuh-Geste zu Nektar gemacht hat
mantrayedarkamantreṇa sudhābījena tajjalam / mūlena caikādaśadhā tatra saṃmantrya bhāvayet
Er lade jenes Wasser mit dem Sonnen-Mantra und dem Nektar-Samenlaut ein; und nachdem er es dort mit dem Wurzelmantra elffach besprochen hat, meditiere er darüber.
pūjāyantraṃ ca tanmadhye svāntādāvāhya devatām / snāpayitvārcayettāṃ ca mānasairupacārakaiḥ
und das Verehrungs-Yantra in dessen Mitte; nachdem er aus seinem Innern die Gottheit herbeigerufen hat, bade er sie und verehre sie mit geistigen Dienstleistungen.
Wort für Wort
pūjāyantraṃ ca tanmadhye
und das Verehrungs-Yantra in dessen Mitte
svāntādāvāhya devatām
nachdem er aus seinem Innern die Gottheit herbeigerufen hat
Nachdem er sie, auf dem Löwenthron sitzend, verehrt hat, verneige sich der Weise vor jenem Wasser: "(Du bist) die Grundlage aller Wesen, des Viṣṇu von unvergleichlichem Glanz,
Wort für Wort
siṃhāsanasthāṃ tāṃ natvā
nachdem er sie, auf dem Löwenthron sitzend, verneigt hat
und dessen Gestalt habend, daraus entstanden - jene Wasser, ich verneige mich (vor ihnen)!" So habe er sich verneigt und, der Praktizierende, die sieben Körperöffnungen verschlossen,
Wort für Wort
tadrūpāśca tato jātā
und dessen Gestalt habend, daraus entstanden
āpastāḥ praṇamāmyaham
jene Wasser, ich verneige mich (vor ihnen)
iti natvā
so habe er sich verneigt
samārundhya saptacchidrāṇi sādhakaḥ
und der Praktizierende die sieben (Körper-)Öffnungen verschlossen
tauche in jenes Wasser ein und gedenke des Wurzelmantras in göttlicher Gestalt. Nachdem er so dreimal untergetaucht und wieder aufgetaucht ist, besprenge er (das Wasser) mit der Topf-Geste.
Wort für Wort
nimajya salile tasmin
nachdem er in jenes Wasser eingetaucht ist
mūlaṃ devākṛtiṃ smaret
gedenke er des Wurzelmantras in göttlicher Gestalt
Dreimal mit dem Wurzelmantra und mit den vier (weiteren) Mantras besprenge er den eigenen Körper; die vier tantrischen Mantras werden hier mitgeteilt, o Weiser.
Wort für Wort
trirmūlena caturmantrairabhiṣiñcennijāṃ tanum
dreimal mit dem Wurzelmantra und mit vier Mantras besprenge er den eigenen Körper
"Wiederholt der Same Prajāpatis, der das gesamte Weltall zu erschaffen wünscht - die Mütter aller Wesen, die Wasser, die Göttinnen, sie mögen mich reinigen!"
Wort für Wort
sisṛkṣornikhilaṃ viśvaṃ
(seiend jenem,) der das gesamte Weltall zu erschaffen wünscht
muhuḥ śukraṃ prajāpateḥ
wiederholt der Same Prajāpatis
mātaraḥ sarvabhūtānām
die Mütter aller Wesen
āpo devyaḥ punantu mām
die Wasser, die Göttinnen, sie mögen mich reinigen
"Jene Alakṣmī in Gestalt der Unreinheit, die in allen Wesen wohnt - sie spülen die Wasser durch ihre Berührung ab; die Wasser-Göttinnen mögen mich reinigen!"
Wort für Wort
alakṣmīrmalarūpā yā
jene Alakṣmī (Unglücksgöttin) in Gestalt der Unreinheit
"Welches Unglück (mir) in den Haaren, im Scheitel und auf dem Haupt (anhaftet), auf der Stirn, in den Ohren, in den Augen - die Wasser mögen das vernichten; Verehrung sei euch!"
āyurārogyamaiśvaryamaripakṣakṣayaṃ śubham / santoṣaḥ kṣāntirāstikyaṃ vidyā bhavatu vo namaḥ
"Langes Leben, Gesundheit, Herrschaft, glückverheißende Vernichtung der Feindesseite, Zufriedenheit, Nachsicht, Rechtgläubigkeit, Wissen - es sei (gewährt); Verehrung sei euch!"
viprapādodakaṃ pītvā śālagrāmaśilājalam / pibeddhiruddhaṃ no kuryādeṣāṃ tu niyato vidhiḥ
Nachdem er das Fußwasser eines Brahmanen und das Wasser des Śālagrāma-Steins getrunken hat - man trinke (es); man verweigere es nicht; für diese (beiden Wässer) gilt eine feste Regel.
Wort für Wort
viprapādodakaṃ pītvā
nachdem er das Fußwasser eines Brahmanen getrunken hat
"Welche Pilgerstätten es auf Erden gibt, die sind im rechten Fuß (enthalten), o Erdengott (Brahmane)!" Nachdem er seinen Wunschgott in die Sonnenscheibe entlassen hat, der Mantra-Kundige,
Wort für Wort
pṛthivyāṃ yāni tīrthāni
welche Pilgerstätten es auf Erden gibt
dakṣāṅghrau tāni bhūsure
die sind im rechten Fuß, o Erdengott
sveṣṭadevaṃ samudvāsya
nachdem er seinen Wunschgott entlassen hat
mantrī mārtaṇḍamaṇḍale
der Mantra-Kundige, in die Sonnenscheibe
[Anm.: "bhūsure" (Vokativ "Erdengott"=Brahmane) - Anrede an Nārada durch Sanatkumāra.]
dann, nachdem er zum Ufer gekommen ist und sorgfältig das (nasse) Gewand ausgewaschen hat, lege er (trockene) Gewänder an und vollziehe der Weise dann die Sandhyā-Riten usw.
Wort für Wort
tatastīraṃ samāgatya
dann, nachdem er zum Ufer gekommen ist
vastraṃ saṃkṣālya yatnataḥ
nachdem er sorgfältig das Gewand ausgewaschen hat
vāsasī paridhāyātha
nachdem er dann die (beiden) Gewänder angelegt hat
Ein durch Krankheit o.ä. geschwächter Mensch vollziehe dort das "Āgharmaṣaṇa" [?]; oder, mit Asche gebadet und mit Staub, sofern er auch dazu nicht fähig ist.
Mit den durch Praṇava eingeleiteten, auf "ṅ" (Anusvāra) und "Svāhā" endenden Namen, angefangen mit Keśava - am Mund und an der Nase mit dem Zeigefinger, an Augen und Ohren mit dem Ringfinger,
Wort für Wort
praṇavādyairṅentasvāhāntaiḥ
mit den durch Praṇava eingeleiteten, auf ṅ und Svāhā endenden (Namen)
mit dem kleinen Finger die Nabelgegend, überall zusammen mit dem Daumen. Mit den Prinzipien (Tattvas) Ātmā, Vidyā (und) Śiva, endend auf Svāhā, wird der Śaiva(-Modus genannt).
Mit den drei Langvokalen, dem Mondpaar (und) vorangestelltem Raum trinke man das Wasser; mit den Ātmā-, Vidyā-, Śiva-Prinzipien selbst, endend auf Svāhā, ist der Śaiva(-Modus wiederholt genannt).
Wort für Wort
dīrghatrayenduyugvyomapūrvakaiśca
und mit den drei Langvokalen, dem Mondpaar, vorangestelltem Raum
pibejjalam
trinke man das Wasser
ātmavidyāsivaireva
eben mit den Ātmā-, Vidyā-, Śiva-(Prinzipien)
śaivaṃ svāhāvasānikaiḥ
(ist) der Śaiva(-Modus), endend auf Svāhā
[Anm.: Zweite Vershälfte wiederholt inhaltlich V51b - vermutlich Textdublette in der Quelle. "dīrghatrayenduyugvyomapūrvakaiḥ" unklar in Detailkonstruktion [?].]
Mit (den Silben) Vāg, Lajjā, Śrī usw., endend auf Svāhā, wird der Śākta(-Modus) genannt. Mit Vāg, Lajjā, Śrī usw. wird die zweckerfüllende Mundspülung der Zweifachgeborenen genannt.
Wort für Wort
vāglajjāśrī mukhaiḥ proktaṃ
mit (den Silben) Vāg, Lajjā, Śrī usw. wird genannt
śāktaṃ svāhāvasānikaiḥ
der Śākta(-Modus), endend auf Svāhā
vāglajjāśrīmukhaiḥ proktaṃ
mit Vāg, Lajjā, Śrī usw. wird genannt
dvijācamanamarthadam
die zweckerfüllende Mundspülung der Zweifachgeborenen
[Anm.: Vers scheint eine Dublette/Variante der zweiten Vershälfte in sich zu enthalten (Wiederholung von "vāglajjāśrī... proktaṃ").]
Dann mache er das Tilaka (Stirnzeichen), wohlgeformt in Keulengestalt auf der Stirn; das (Schwert) Nandaka auf dem Herzen, Muschel und Diskus auf den beiden Armen,
setze der Weise, der Reihe nach, Bogen Śārṅga und Pfeil auf das Haupt; an der Ohrwurzel, an den (beiden) Seiten, auf dem Rücken, auf dem Nabel und auch auf dem Nacken.
Wort für Wort
śārṅgabāṇaṃ mastake ca
und Bogen Śārṅga (und) Pfeil auf das Haupt
vinyasetkramaśaḥ sudhīḥ
setze der Weise der Reihe nach
karṇamūle pārśvayośca
an der Ohrwurzel und an den (beiden) Seiten
pṛṣṭhe nābhau kakudyapi
auf dem Rücken, auf dem Nabel und auch auf dem Nacken
evaṃ tu vaiṣṇavaḥ kuryānmṛdbhistīrthodbhavādibhiḥ / agnihotrodbhavaṃ bhasma gṛhītvā tryaṃbakeṇa tu
So handle der Vaiṣṇava mit den aus Pilgerstätten usw. entstandenen Lehmarten. Nachdem er die aus dem Agnihotra entstandene Asche mit (dem Mantra) Tryambaka ergriffen hat,
Wort für Wort
evaṃ tu vaiṣṇavaḥ kuryāt
so handle der Vaiṣṇava
mṛdbhistīrthodbhavādibhiḥ
mit den aus Pilgerstätten usw. entstandenen Lehmarten
agnihotrodbhavaṃ bhasma
die aus dem Agnihotra entstandene Asche
gṛhītvā tryaṃbakeṇa tu
nachdem er sie mit (dem Mantra) Tryambaka ergriffen hat
pañca kuryātripuṇḍrāṇi bhālāṃsodarahṛtsu ca / śaivaṃ śāktastrikoṇā bhaṃ nārīvadvā samācaret
mache er die fünf Tripuṇḍras auf Stirn, Schultern, Bauch und Herz; der Śaiva(-Modus ist) dreieckig; der Śākta(-Modus geschehe) oder man handle wie Frauen (mit einem einzigen Punkt).
Wort für Wort
pañca kuryātripuṇḍrāṇi
er mache die fünf Tripuṇḍras (dreifachen Aschestriche)
bhālāṃsodarahṛtsu ca
auf Stirn, Schultern, Bauch und Herz
śaivaṃ śāktastrikoṇā bhaṃ
der Śaiva(-Modus, der) Śākta(-Modus ist) dreieckig [?]
kṛtvā tu vaidikīṃ saṃdhyāṃ tāntrikīṃ ca samācaret / ācamya vidhivanmantrī tīrthānyāvāhya pūrvavat
Nachdem er die vedische Sandhyā vollzogen hat, vollziehe er auch die tantrische; nachdem der Mantra-Kundige vorschriftsmäßig Wasser gesippt und die Pilgerstätten wie zuvor herbeigerufen hat,
Wort für Wort
kṛtvā tu vaidikīṃ saṃdhyāṃ
nachdem er die vedische Sandhyā vollzogen hat
tāntrikīṃ ca samācaret
vollziehe er auch die tantrische
ācamya vidhivanmantrī
nachdem der Mantra-Kundige vorschriftsmäßig Wasser gesippt hat
Und dann, nachdem er die Atemzüge kontrolliert und die sechsgliedrige Berührungsweihe (Nyāsa) vollzogen hat, nehme er Wasser in die linke Hand, bedecke es mit der rechten Hand,
Wort für Wort
tataśca prāṇānāyamya
und dann, nachdem er die Atemzüge kontrolliert hat
kṛtvā nyāsaṃ ṣaḍaṅgakam
und die sechsgliedrige Berührungsweihe vollzogen hat
und nachdem der Mantra-Kenner (es) mit den Samenlauten von Raum, Wind, Feuer, Wasser (und) Erde besprochen hat, aus jenem tropfend, mit den Tropfen, mit der Tattva-Geste, mit dem Wurzelmantra,
Wort für Wort
viyadvāyvagnitoyakṣmābījaiḥ
mit den Samenlauten von Raum, Wind, Feuer, Wasser, Erde
saṃmantrya mantravit
nachdem der Mantra-Kenner (es) besprochen hat
mūlena tasmāt ścotadbhirbindubhistattvamudrayā
mit dem Wurzelmantra, daraus tropfend, mit den Tropfen, mit der Tattva-Geste
besprenge er sein eigenes Haupt siebenfach; das übriggebliebene Wasser bringe der Mantra-Kundige, nachdem er es zu jenem Laut gemacht hat, bis nahe an die Nase heran.
Wort für Wort
svaśiraḥ saptadhā prokṣya
nachdem er sein eigenes Haupt siebenfach besprengt hat
avaśiṣṭaṃ tatpunarjalam
das übriggebliebene Wasser wieder
kṛtvā tadakṣaraṃ mantrī
nachdem der Mantra-Kundige es zu jenem Laut gemacht hat
jalaṃ tejomayaṃ tañcākṛṣyāntaśceḍayā punaḥ / prakṣālyāntargataṃ tena kalmaṣaṃ tajjalaṃ punaḥ
und jenes nunmehr glutgleiche Wasser, nachdem er es angezogen hat, wieder durch die Iḍā (nach) innen - und mit ihm die im Innern befindliche Unreinheit ausgewaschen habend, jenes Wasser wieder,
Wort für Wort
jalaṃ tejomayaṃ tañcākṛṣya
und jenes glutgleiche Wasser, nachdem er es angezogen hat
antaśceḍayā punaḥ
wieder nach innen, durch die Iḍā
prakṣālyāntargataṃ tena
und mit ihm die im Innern befindliche (Unreinheit) ausgewaschen habend
nunmehr schwarz gefärbt, entlasse er durch die Piṅgalā vor sich selbst hin; dann werfe er es mit dem Astra(-Mantra) auf den bereitgehaltenen harten Stein (Kuliśopala).
Dies wird als das alle Sünden vernichtende (Ritual), das "Aghamarṣaṇa", bezeichnet. Und dann, nachdem er sich die Hände gewaschen hat, der Mantra-Kenner, wie zuvor Wasser sippend,
samutthāya ca mantrajñastāmrapātre sumādikam / prakṣipyārghaṃ pradadyādvai mūlāntairmantramuccaran
nachdem er sich erhoben hat, der Mantra-Kundige, nachdem er Blumen usw. in ein Kupfergefäß gelegt hat, biete er die Arghya(-Wassergabe) dar, das Mantra bis zum Wurzelmantra rezitierend.
Wort für Wort
samutthāya ca mantrajñaḥ
nachdem er sich erhoben hat, der Mantra-Kundige
tāmrapātre sumādikam
in ein Kupfergefäß Blumen usw.
prakṣipyārghaṃ pradadyādvai
nachdem er (sie) gelegt hat, biete er die Arghya-Gabe dar
"Dem in der Sonnenscheibe befindlichen Gott bereite ich die Arghya(-Gabe)" - nachdem er die Arghya(-Gabe) damit dreimal gegeben hat, vergegenwärtige er sich sodann den Gott als in der Sonne weilend.
Wort für Wort
ravimaṇḍalasaṃsthāya devāya
dem in der Sonnenscheibe befindlichen Gott
arghyaṃ prakalpayet
bereite er die Arghya-Gabe
dattvārghaṃ triranenātha
nachdem er damit die Arghya-Gabe dreimal gegeben hat
devaṃ ravigataṃ smaret
vergegenwärtige er sich den Gott, in der Sonne weilend
svakalpoktāṃ ca gāyatrīṃ japedaṣṭottaraṃ śatam / aṣṭāṃviṃśativāraṃ vā guhyetimanunārpayet
Er rezitiere die in seinem eigenen Ritualwerk gelehrte Gāyatrī hundertacht Mal, oder achtundzwanzig Mal; dann bringe er sie mit dem geheimen Mantra dar.
Der aufgehenden Sonne gleichend, Buch und Rosenkranz in den Lotushänden - Brāhmī, in schwarzes Antilopenfell gekleidet, meditiere man, wenn der Himmel noch mit Sternen besetzt ist (in der Morgendämmerung),
Wort für Wort
udyadādityasaṃkāśāṃ
der aufgehenden Sonne gleichend
pustakākṣakarāṃbujām
Buch und Rosenkranz in den Lotushänden
kṛṣṇājināṃbarāṃ brāhmīṃ
Brāhmī, in schwarzes Antilopenfell gekleidet
dhyāyettārāṅkite 'mbare
meditiere man, wenn der Himmel mit Sternen besetzt ist
Am Mittag gedenke man der höchsten Göttin Pārvatī, der Boten-Gewährerin, in weißes Gewand gekleidet, auf dem Stier reitend, dreiäugig, in der Sonnenscheibe weilend,
varaṃ pāśaṃ ca śūlaṃ ca dadhānāṃ nṛkaroṭikām / sāyāhne ratnabhūṣāḍhyāṃ pītakauśeyavāsasām
Gebärde des Gewährens, Schlinge und Dreizack, sowie einen menschlichen Schädel tragend - am Abend (meditiere man sie) mit Juwelenschmuck reich versehen, in gelbes Seidengewand gekleidet,
dunkelfarben, vierarmig, mit Muschel und Diskus in glänzenden Händen - die Göttin, Keule und Lotus tragend, ihre Zuflucht auf dem Sonnensitz genommen habend.
tato devānṛṣīṃścaiva pitṝṃścāpi vidhānavit / tarpayitvā sveṣṭadevaṃ tarpayetkalpamārgataḥ
Dann, der Verfahrenskundige, nachdem er den Göttern, Ṛṣis und auch den Ahnen die Wasserspende (Tarpaṇa) dargebracht hat, bringe er dem eigenen Wunschgott die Wasserspende dar, gemäß dem Weg des Ritualwerks.
Wort für Wort
tato devānṛṣīṃścaiva
dann den Göttern und Ṛṣis
pitṝṃścāpi vidhānavit
und auch den Ahnen, der Verfahrenskundige
tarpayitvā sveṣṭadevaṃ
nachdem er (ihnen die Wasserspende) dargebracht hat, dem eigenen Wunschgott
tarpayetkalpamārgataḥ
bringe er die Wasserspende dar, gemäß dem Weg des Ritualwerks
Und nachdem er der Guru-Reihe die Wasserspende dargebracht hat, zusammen mit dessen Gliedmaßen(-Gottheiten), zusammen mit seinem Gefolge, mit seinen Waffen und mit Garuḍa - "ich bringe die Wasserspende dar" - so spende er.
Wort für Wort
gurupaṅktiṃ ca saṃtarpyaṃ
und der Guru-Reihe die Wasserspende dargebracht habend
sāṃgaṃ sāvaraṇaṃ tathā
zusammen mit den Gliedmaßen(-Gottheiten), ebenso mit dem Gefolge
Nachdem er so die Wasserspende vollzogen hat, o bester der Brahmanen, und Vivasvat (der Sonne) Arghya gegeben hat, nachdem er zum Verehrungsraum gekommen und sich die Füße gewaschen hat, sippe er Wasser.
Wort für Wort
evaṃ saṃtarpya viprendra
nachdem er so die Wasserspende vollzogen hat, o bester der Brahmanen
Nachdem er in die für das Agnihotra bestehenden Feuer sorgfältig Opfer dargebracht und sie verehrt hat, nachdem er zum Verehrungsort gekommen ist, vollziehe er die Türverehrung.
Wort für Wort
agnihotrasthitānagnīn
in die für das Agnihotra bestehenden Feuer
hutvopasthāya yatnataḥ
nachdem er Opfer dargebracht und sie sorgfältig verehrt hat
Vidhātā, sowie die beiden Schätze Śaṅkha und Padma links und rechts; die Türwächter verehre er sodann, der Weise, diejenigen, die im jeweiligen Ritualwerk genannt sind.
Wort für Wort
vidhātāraṃ śaṅkhapadmanidhīṃśca
Vidhātā, und die beiden Schätze Śaṅkha und Padma
vāmadakṣayoḥ
links und rechts
dvārapālāṃstato 'bhyarcet
die Türwächter verehre er sodann
tattatkalpoditānsudhīḥ
der Weise, diejenigen, die im jeweiligen Ritualwerk genannt sind
brāhmayādyā mātaro 'ṣṭau tu śaktyo dvāḥsthitāḥ svayam / seṃduḥ svanāmāgharṇādyā ṅenamoṃtā ime smṛtāḥ
Die acht Mütter mit Brāhmī an der Spitze sind selbst die an der Tür stehenden Śaktis; sie werden, mit ihrem eigenen Namen (versehen), endend auf "...ṅe namaḥ" [?], überliefert.
Wort für Wort
brāhmayādyā mātaro 'ṣṭau tu
die acht Mütter mit Brāhmī an der Spitze
śaktyo dvāḥsthitāḥ svayam
sind selbst die an der Tür stehenden Śaktis
seṃduḥ svanāmāgharṇādyā
(verderbte Stelle) [?]
ṅenamoṃtā ime smṛtāḥ
diese werden, auf "...ṅe namaḥ" endend, überliefert [?]
[Anm.: Vers 84b ("seṃduḥ svanāmāgharṇādyā ṅenamoṃtā") ist stark verderbt überliefert; Übersetzung nach bestem Ermessen, Lesung unsicher [?].]
Dann, nachdem er sich auf den Sitz gesetzt, Wasser gesippt hat, kontrolliert und rein, und nachdem er sorgfältig die göttlichen, luftigen und irdischen Hindernisse vertrieben hat,
Wort für Wort
tataḥ sthitvāsane dhīmān
dann, nachdem der Weise sich auf den Sitz gesetzt hat
ācamya prayataḥ śuciḥ
Wasser gesippt hat, kontrolliert und rein
divyāntarikṣabhaumāṃśca vighnānutsārya yatnataḥ
und nachdem er sorgfältig die göttlichen, luftigen und irdischen Hindernisse vertrieben hat
vollziehe der beste der Vaiṣṇavas die Berührungsweihe (Nyāsa) der mit Keśava beginnenden Buchstabenreihe (Mātṛkā): Keśava, verbunden mit Kīrti (Ruhm), ebenso Nārāyaṇa mit Kānti (Glanz),
Wort für Wort
keśavādyāṃ mātṛkāntu
die mit Keśava beginnende Buchstabenreihe (Mātṛkā)
nyasedvaiṣṇavasattamaḥ
vollziehe die Berührungsweihe der beste der Vaiṣṇavas
Mādhava zusammen mit Tuṣṭi (Zufriedenheit), Govinda verbunden mit Puṣṭi (Gedeihen); Viṣṇu verbunden mit Dhṛti (Standhaftigkeit), Madhusūdana verbunden mit Śānti (Frieden).
Trivikrama verbunden mit Kriyā (Tat), Vāmana verbunden mit Dayitā (der Geliebten); Śrīdhara verbunden mit Medhā (Verstand), und Hṛṣīkeśa mit Harṣā (Freude).
Pradyumna verbunden mit Prīti (Liebe), Aniruddha verbunden mit Rati (Lust); der Diskusträger verbunden mit Jayā (Sieg), danach der Keulenträger begleitet von Durgā.
Der Bogenträger (Śārṅgī) verbunden mit Prabhā (Glanz), der Schwertträger verbunden mit Satyā (Wahrheit); der Muschelträger verbunden mit Caṇḍā, der Pflugträger verbunden mit Vāṇī.
Und der Keulenträger (Musalī) mit Vilāsinī, der Dreizackträger begleitet von Vijayā; der Schlingenträger verbunden mit Virajā, der Hakenträger begleitet von Viśvā.
"Narakajit" verbunden mit Samṛddhi (Gedeihen), Hari wird als verbunden mit Śuddhi (Reinheit) überliefert; Kṛṣṇa verbunden mit Buddhi (Verstand), Satya mit Bhukti (Genuss), sodann Sātvata mit Mukti (Erlösung).
Wort für Wort
samṛddhiyuṅnarakajicchuddhiyukca hariḥ smṛtaḥ
"Narakajit", verbunden mit Samṛddhi; und Hari wird verbunden mit Śuddhi überliefert
vaikuṇṭho vasudhāyukto vasudaḥpuruṣottamaḥ / balī tu parayā yukto balānujaparāyaṇe
Vaikuṇṭha verbunden mit Vasudhā (Erde), Puruṣottama als "Vasuda" (Reichtumsgeber); Balī verbunden mit Parā, dem jüngeren Bruder Balas (Kṛṣṇa) ergeben mit Parāyaṇā [?].
Wort für Wort
vaikuṇṭho vasudhāyukto
Vaikuṇṭha, verbunden mit Vasudhā
vasudaḥpuruṣottamaḥ
Puruṣottama als "Vasuda" (Reichtumsgeber)
balī tu parayā yukto
Balī aber, verbunden mit Parā
balānujaparāyaṇe
dem jüngeren Bruder Balas, mit Parāyaṇā [?]
[Anm.: zweite Vershälfte syntaktisch unsicher [?].]
amṛtādyā ca gāyatrī chando viṣṇuśca devatā / cakrādyāyudhasaṃyuktaṃ kuṃbhādarśadharaṃ harim
"Amṛtā" usw. ist die Gāyatrī als Versmaß, Viṣṇu die Gottheit; (man meditiere) Hari, verbunden mit den Waffen, angefangen mit dem Diskus, Topf und Spiegel tragend,
Wort für Wort
amṛtādyā ca gāyatrī chando
und "Amṛtā" usw. (ist) das Gāyatrī-Versmaß
viṣṇuśca devatā
und Viṣṇu (ist) die Gottheit
cakrādyāyudhasaṃyuktaṃ
verbunden mit den Waffen, angefangen mit dem Diskus
verbunden mit Lakṣmī, blitzglänzend, mit vielfachem Schmuck versehen - man verehre (ihn so). Nachdem man so meditiert hat, vollziehe man die Berührungsweihe der Śakti, der Silbe, eingefasst von Śrī und Kāma.
Wort für Wort
lakṣmīyutaṃ vidyudābhaṃ
verbunden mit Lakṣmī, blitzglänzend
bahubhūṣāyutaṃ bhajet
mit vielfachem Schmuck versehen, verehre man
evaṃ dhyātvā nyasecchaktiṃ
nachdem man so meditiert hat, vollziehe man die Berührungsweihe der Śakti
Man spreche jenes mit "Viṣṇu" und "Śakti", das Herz(-Mantra), dem Praṇava usw. vorangestellt; Haut, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark, Samen und Lebenshauche spreche man.
Wort für Wort
vadettadviṣṇuśaktibhyāṃ
man spreche jenes mit "Viṣṇu" und "Śakti"
hṛdayaṃ praṇavādikam
das Herz(-Mantra), dem Praṇava usw. vorangestellt
tvagaṃsṛṅmāṃsamedo 'sthimajjāśukrāṇyasūnvadet
Haut, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark, Samen und Lebenshauche spreche man
Atem und Zorn ebenso, mit "ma" - [Konstruktionsangaben für die ersten zehn Nyāsa-Stellen]; eines auf dem Scheitel, eines im Gesicht, zwei in den Augen, zwei in den Ohren,
Wort für Wort
prāṇaṃ krodhaṃ tathā mabhyāṃ
Atem und Zorn ebenso, mit (der Silbe) "ma"
antānyādidaśasvapi
(Konstruktionsangabe für) die Endungen der ersten zehn [?]
eka maulau mukhe caika
eines auf dem Scheitel, und eines im Gesicht
dvika netre dvikaṃ śrutau
zwei in den Augen, zwei in den Ohren
[Anm.: Zeile 102b "antānyādidaśasvapi" grammatisch unsicher; wörtliche Konstruktionsanweisung für die Anzahl der Nyāsa-Stellen bleibt teils unklar [?].]
Die Ka-Gruppe (der Konsonanten) auf dem rechten Arm, die Ca-Gruppe auf dem linken Arm; die Ṭa- und Ta-Gruppe auf den (beiden) Füßen; Pa und Pha setze man auf die beiden Flanken.
pṛṣṭhavaṃśe vamityuktaṃ nābhau bhaṃ hṛdaye tu mam / yādisaptāpi dhātusthā haṃ prāṇe laṃ tathātmani
"Va" wird auf der Wirbelsäule gesagt, "bha" auf dem Nabel, "ma" aber auf dem Herzen; die sieben mit "Ya" beginnenden (Laute) weilen in den Körperbestandteilen (Dhātus); "ha" auf dem Atem, ebenso "la" auf dem Selbst (Ātman).
Wort für Wort
pṛṣṭhavaṃśe vamityuktaṃ
auf der Wirbelsäule wird "va" gesagt
nābhau bhaṃ hṛdaye tu mam
auf dem Nabel "bha", auf dem Herzen aber "ma"
yādisaptāpi dhātusthā
die sieben mit "ya" beginnenden weilen in den Körperbestandteilen
Nachdem man "kṣa" auf dem Zorn der Reihe nach platziert hat, wird man fähig zur Viṣṇu-Verehrung. Śrīkaṇṭha verbunden mit Pūrṇodarī, Ananta verbunden mit Vijarā (Alterslosigkeit) -
Wort für Wort
kṣaṃ krodhe kramato nyasya
nachdem man "kṣa" auf dem Zorn der Reihe nach platziert hat
sūkṣmeśaḥ śālmalīyukto lolākṣīyuktrimātakaḥ / maheśvaro vartulākṣyādhīṃśo vai dīrghaghoṇayā
Sūkṣmeśa verbunden mit Śālmalī, "Trimātaka" [?] verbunden mit Lolākṣī; Maheśvara verbunden mit Vartulākṣī, "Adhīṃśa" [?] mit Dīrghaghoṇā (der Langnasigen).
Wort für Wort
sūkṣmeśaḥ śālmalīyukto
Sūkṣmeśa, verbunden mit Śālmalī
lolākṣīyuktrimātakaḥ
"Trimātaka" [?], verbunden mit Lolākṣī
maheśvaro vartulākṣyā
Maheśvara mit Vartulākṣī
dhīṃśo vai dīrghaghoṇayā
"Adhīṃśa" [?] mit Dīrghaghoṇā
[Anm.: Es beginnt hier die Reihe der Śrīkaṇṭha-Mātṛkā (Śiva-Namen mit Śaktis), stark technisch und in Einzelheiten unsicher überliefert; Namensabgrenzungen z.T. mit [?] markiert.]
Und Lakulīśa verbunden mit Lakṣmī, Śiveśa verbunden mit Vyāpinī; bei der Weltauflösung (Saṃvartaka) mit Mahāmāyā - so wird die Śrīkaṇṭha-Mātṛkā verkündet.
yatra svīśapadaṃ noktaṃ tatra sarvatra yojayet / muniḥsyāddakṣiṇāmūrtirgāyatrīchanda īritam
Wo das Wort "der eigene Herr" nicht genannt ist, dort setze man es überall ein. Der Ṛṣi (dieses Mantras) sei Dakṣiṇāmūrti, das Gāyatrī-Versmaß wird genannt;
die Gottheit ist Ardhanārīśa, die Anwendung (Viniyoga) dient dem Erlangen von allem. Die Konsonanten werden als Samenlaute genannt, die Vokale werden als Śaktis bezeichnet.
Man vollziehe das Gliedmaßenritual mit der von Bhṛgu herrührenden Raum(-Silbe), angereichert mit den sechs Langvokalen; (man meditiere den Gott,) dessen Glieder die Farbe der Bandhūka-Blüte und Gold haben, der Gebärde des Gewährens, Rosenkranz, Haken und Schlinge (trägt),
Wort für Wort
kuryādbhṛgusthākāśena
man vollziehe (das Ritual) mit der von Bhṛgu herrührenden Raum-Silbe
ṣaḍdīrghāḍhyena cāṅgakam
angereichert mit den sechs Langvokalen, das Gliedmaßenritual
bandhūkasvarṇavarṇāgaṃ
dessen Glieder die Farbe der Bandhūka-Blüte und Gold haben
varākṣāṅkuśapāśinam
Gebärde des Gewährens, Rosenkranz, Haken und Schlinge (tragend)
den Halbmond auf dem Scheitel, dreiäugig, von den Göttern verehrungswürdig, stelle man sich vor. Nachdem man so meditiert hat, (setze man) die Śivas und Śaktis, in der vierten (Kasus-Form) endend auf "...hṛdayāya",
Wort für Wort
arddhenduśekharaṃ tryakṣaṃ
den Halbmond auf dem Scheitel, dreiäugig
devavandyaṃ vicintayet
von den Göttern verehrungswürdig, stelle man sich vor
dhyātvaivaṃ śivaśaktīśca
nachdem man so meditiert hat, und die Śivas und Śaktis
caturthī hṛdayāntim
in der vierten (Kasus-Form), endend auf "hṛdaya" [?]
vollziehe man die Berührungsweihe der Buchstabenreihe (Mātṛkā), dem Sau-Samenlaut vorangestellt, an der Stelle der Mātṛkā. Vighneśa verbunden mit Hrī (Scham), Vighnarāja verbunden mit Śrī,
Wort für Wort
saubījamātṛkāpūrve
dem Sau-Samenlaut vorangestellt, (bei) der Buchstabenreihe
vinyasenmātṛkā sthale
vollziehe man die Berührungsweihe an der Stelle der Mātṛkā
Das dreifache Gāyatrī(-Versmaß), die Gottheit ist Gaṇeśvara mit seiner Śakti; nachdem man mit dem um die sechs Langvokale angereicherten Samenlaut die Glieder vollzogen hat, meditiere man dann:
Wort für Wort
trivṛdgāyatrikāchando
das dreifache Gāyatrī-Versmaß
devaḥ śaktigaṇeśvaraḥ
die Gottheit (ist) Gaṇeśvara mit seiner Śakti
ṣaḍdīrghāḍhyena bījena
mit dem um die sechs Langvokale angereicherten Samenlaut
kṛtvāṅgāni tataḥ smaret
nachdem man die Glieder vollzogen hat, meditiere man dann
der Schlinge, Haken, Furchtlosigkeits- und Gewährungsgebärde trägt, mit der Hand seiner Gattin, die Lotos hält, umschlungen, rotfarbig am Körper, dreiäugig - so werde bei Gaṇapati (meditiert).
Wort für Wort
pāṃśāṅkuśābhayavarāndadhānaṃ
Schlinge, Haken, Furchtlosigkeits- und Gewährungsgebärde tragend
evaṃ dhyātvā nyasetsvīyabījapūrvākṣarānvitam / nivṛttiśca pratiṣṭhā ca vidyā śāntistatedhikāḥ
Nachdem man so meditiert hat, vollziehe man die Berührungsweihe, versehen mit der dem eigenen Samenlaut vorangehenden Silbe; Nivṛtti, Pratiṣṭhā, Vidyā, Śānti und die weiteren (Kalās, Kräfte, folgen):
Wort für Wort
evaṃ dhyātvā nyaset
nachdem man so meditiert hat, vollziehe man die Berührungsweihe
svīyabījapūrvākṣarānvitam
versehen mit der dem eigenen Samenlaut vorangehenden Silbe
nivṛttiśca pratiṣṭhā ca
Nivṛtti und Pratiṣṭhā
vidyā śāntistatedhikāḥ
Vidyā, Śānti und die weiteren (Kalās) darüber hinaus
dīrghā tīkṣṇā tathā raudrā proktā nidrā ca tandrikā / kṣudhā ca krodhinī paścākriyākārī samṛtyukā
Dīrghā, Tīkṣṇā, und ebenso Raudrā, Nidrā (Schlaf) und Tandrikā (Mattigkeit) werden genannt; und Kṣudhā (Hunger), Krodhinī, sodann Kriyākārī, und "Samṛtyukā" (mit dem Tod verbunden).
Pītā, Śvetā, Aruṇā, sodann Asitā, verbunden mit Anantā - so wird die Kalā-Buchstabenreihe (Mātṛkā) genannt; entsprechend handle der jeweilige Verehrer.
Von der mit den Kalās verbundenen Buchstabenreihe (Mātṛkā) wird Prajāpati als Ṛṣi genannt; das Gāyatrī-Versmaß wird verkündet, die Gottheit heißt Śāradā.
Wort für Wort
kalāyuṅmātṛkāyāstu
von der mit den Kalās verbundenen Buchstabenreihe aber
hrasvadīrghāntarasthaiśca tāraiḥ kuryātṣaḍaṅgakam / padmacakraguṇaiṇāṃśca dadhatīṃ ca trilocanām
Mit den kurzen, langen und in der Mitte stehenden (Halbvokal-)Lauten vollziehe man das Sechsgliederritual; (man verehre sie,) Lotos, Diskus, Buch und Laute [?] tragend, dreiäugig,
Wort für Wort
hrasvadīrghāntarasthaiśca tāraiḥ
mit den kurzen, langen und dazwischenstehenden (Halbvokal-)Lauten
kuryātṣaḍaṅgakam
vollziehe man das Sechsgliederritual
padmacakraguṇaiṇāṃśca dadhatīṃ
Lotos, Diskus, Buch und Laute [?] tragend
ca trilocanām
und dreiäugig
[Anm.: "padmacakraguṇaiṇāṃ" vermutlich verderbt für "padmapustakavīṇāṃ" (Lotos, Buch, Laute) [?].]
jene fünfantlitzige Bhāratī, mit Perlen geschmückt, verehre der Weise. Nachdem man so meditiert hat, vollziehe man deren Berührungsweihe, dem Praṇava vorangestellt und mit der auf "ṅ" endenden Kalā versehen.
Wort für Wort
pañcavakrāṃ bhāratīṃ tāṃ
jene fünfantlitzige Bhāratī
muktābhūṣāṃ bhajetsudhīḥ
mit Perlen geschmückt, verehre der Weise
dhyātvaivaṃ tārapūrvāṃ tāṃ
nachdem man so meditiert hat, jene, dem Praṇava vorangestellt
nyasenṅantakalānvitām
vollziehe man die Berührungsweihe, versehen mit der auf ṅ endenden Kalā
Und dann vollziehe man die sechs Glieder des Wurzelmantras; am Ende der vierten Kasusform der mit "Herz" usw. beginnenden (Worte), nachdem man die "Geschlechter" (Endpartikel) hinzugefügt hat, vollziehe man die Berührungsweihe.
Wort für Wort
tataśca mūlamantrasya
und dann des Wurzelmantras
ṣaḍaṅgāni samācaret
vollziehe man die sechs Glieder
hṛdayādicaturthyante
am Ende der vierten Kasusform der mit "Herz" beginnenden (Worte)
jātīḥ saṃyojya vinyaset
nachdem man die "Geschlechter" (Endpartikel) hinzugefügt hat, vollziehe man die Berührungsweihe
"Namaḥ, svāhā, vaṣaṭ, hum, vauṣaṭ, phaṭ" werden als die "Geschlechter" (Endpartikel) bezeichnet; dann, nachdem man jenen Wunschgott meditiert hat, mit Schmuck und Waffen versehen,
Wort für Wort
namaḥ svāhā vaṣaṭ huṃ
"Namaḥ, svāhā, vaṣaṭ, hum"
vauṣaṭ phaṭ jātaya īritāḥ
"vauṣaṭ, phaṭ" werden als die "Geschlechter" bezeichnet