iti śrūbṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge dvitīyapāde saptacatvāriṃśattamo 'dhyāyaḥ nārada uvāca śrutaṃ mayā mahāmāga tāpatrayacikitsitam / tathāpi me mano bhrāntaṃ na sthitiṃ labhateṃ'jasā
Nārada sprach: Gehört habe ich, o Hochbeglückter, die Heilung der drei Arten von Leid. Dennoch ist mein Geist verwirrt und findet auf geradem Wege keine Festigkeit.
Wie kann, o Brahmane, das Übertreten des eigenen Selbst (und) das Verhalten böser Menschen von Menschen ertragen werden? Das teile mir mit, o Ehrenspender.
Sūta sprach: Nachdem er das von Nārada Gesagte vernommen hatte, sprach der Sohn Brahmās, Sanandana, voller Freude, indem er sich des Tuns Bharatas erinnerte.
Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
tacchrutvā nāradenoktaṃ
nachdem er das von Nārada Gesagte gehört hatte
brahmaputraḥ sanandanaḥ
der Sohn Brahmās, Sanandana
uvāca harṣasaṃyuktaḥ
sprach, von Freude erfüllt
smaran bhagharataceṣṭitam
sich des Tuns Bharatas [?] erinnernd
[?: „bhagharataceṣṭitam“ unsicher überliefert; als „bharatasya ceṣṭitam“ (das Tun Bharatas) gedeutet, da dies zum folgenden Erzählinhalt passt.]
sa rājā prāptarājyastu pitṛpaitāmahaṃ kramāt / pālayāmāsa dharmeṇa pitṛbadrañjayan prajāḥ
Dieser König, der das vom Vater und Großvater ererbte Reich der Reihe nach erlangt hatte, beschützte es nach der Rechtsordnung, indem er die Untertanen wie ein Vater erfreute.
Wort für Wort
sa rājā prāptarājyastu
dieser König, der das Reich erlangt hatte
pitṛpaitāmahaṃ kramāt
das vom Vater und Großvater [stammende], der Reihe nach
rddaje ca vividhairyajñairbhagavantamadhokṣajam / sarvadevātmakaṃ dhyāyannānākarmasu tanmatiḥ
Er verehrte mit mannigfachen Opfern den erhabenen Herrn jenseits der Sinne, wesenhaft alle Götter, indem sein Sinn bei den vielfältigen Handlungen [auf ihn] gerichtet war.
Wort für Wort
rddaje ca vividhairyajñaiḥ
er verehrte [?] mit mannigfachen Opfern
bhagavantamadhokṣajam
den erhabenen Herrn jenseits der Sinne
sarvadevātmakaṃ dhyāyan
wesenhaft alle Götter, meditierend
nānākarmasu tanmatiḥ
bei den vielfältigen Handlungen seinen Sinn [darauf richtend]
[?: „rddaje“ unklar überliefert; als Form von „īje“ (er opferte/verehrte) gedeutet.]
[Er ging] zu Śālagrāma, dem großen heiligen Ort, der von nach Erlösung strebenden Menschen aufgesucht wird; dort, o Weiser, wurde er ein Asket und [widmete sich] der Verehrung Viṣṇus.
Wort für Wort
śālagrāmaṃ mahākṣetraṃ
zu Śālagrāma, dem großen heiligen Ort
mumukṣujanasevitam
der von nach Erlösung strebenden Menschen aufgesucht wird
tatrāsau tāpaso bhūtvā
dort wurde er ein Asket
viṣṇorārādhanaṃ mune
der Verehrung Viṣṇus, o Weiser
[Anm.: Im Quelltext steht „tāpaso tāpaso“ doppelt; als Dittographie behandelt und nur einmal übersetzt.]
Er vollzog [die Verehrung] mit hingebungsvoller Gesinnung, mit dem, was gerade an Dienst erlangt werden konnte; täglich, nachdem er sich am Morgen im reinen Wasser gebadet hatte, o Nārada,
Wort für Wort
cakāra bhaktibhāvena
er vollzog mit hingebungsvoller Gesinnung
yathālabdhasaparyayā
mit dem, was gerade an Dienst erlangt werden konnte
verehrte er mit Hingabe die Sonne, die höchste unvergängliche Silbe (Brahman) rezitierend; dann, zur Einsiedelei zurückgekehrt, [verehrte er] Vāsudeva, den Herrn der Welt,
Wort für Wort
upatiṣṭedraviṃ bhaktyā
verehrte er mit Hingabe die Sonne
gṛṇanbrahmākṣaraṃ param
die höchste unvergängliche Brahman-Silbe rezitierend
mit selbst herbeigebrachten Materialien - Brennholz, Kuśa-Gras, Erde und dergleichen, mit Früchten, Blumen und ebenso Blättern der Tulasī, mit klarem Wasser,
Es war, o Brahmane, eine hochschwangere, einzelne Hirschkuh aus dem Wald [gekommen]; dann geschah dort, während sie das Wasser beinahe ausgetrunken hatte,
Wort für Wort
āsannapsavā brahmann
hochschwanger, o Brahmane
aikaiva hiṇī vanāt
eine einzelne Hirschkuh aus dem Wald
tataḥ samabhavattatra
dann geschah dort
pītaprāye jale tayā
während sie das Wasser beinahe ausgetrunken hatte
[?: „āsannapsavā“ und „naikaiva hiṇī“ unsicher überliefert; als „āsannaprasavā“ (hochschwanger) und „ekaiva hariṇī“ (eine einzelne Hirschkuh) gedeutet.]
ein gewaltiges Löwengebrüll, das alle Lebewesen in Schrecken versetzte. Da sprang sie, durch das Löwengebrüll [aufgeschreckt], zum Ufer des Flusses empor.
dūraṃ gatvā ca śārdūlatrāsādabhyāyayau punaḥ / prātargatvādidūraṃ ca sāyamāyātyathāśramam
Und nachdem es weit fortgegangen war, kehrte es aus Furcht vor Tigern wieder zurück; am Morgen ging es weit fort und am Abend kam es dann zur Einsiedelei.
Wort für Wort
dūraṃ gatvā ca śārdūlatrāsāt
und nachdem es weit fortgegangen war, aus Furcht vor Tigern
āsīñcetaḥ samāsaktaṃ na tathā hyacyute mune / vimuktarājyatanayaḥ projjhitāśeṣabāndhavaḥ
ein daran gehaftetes Herz - nicht so [war es] freilich bei Acyuta (Viṣṇu), o Weiser -, obwohl er Königreich und Söhne aufgegeben und alle Verwandten verlassen hatte.
mamatva sa cakāroñcaistasminhariṇapotake / kiṃ vṛkaibhakṣito vyāghnaiḥ kiṃ siṃhena nipātitaḥ
Er entwickelte übermäßig starke Ich-Bezogenheit für jenes Hirschjunge: 'Ist es etwa von Wölfen gefressen worden? Ist es von Tigern [gefressen]? Ist es von einem Löwen niedergeworfen worden?'
Wort für Wort
mamatva sa cakāroñcaiḥ
er entwickelte übermäßig starke Ich-Bezogenheit
tasminhariṇapotake
für jenes Hirschjunge
kiṃ vṛkaibhakṣito vyāghnaiḥ
ist es etwa von Wölfen, von Tigern gefressen worden
Wie ein Vater, mit tränenden [Augen] von seinem Kind angeblickt, so wurde er vom Hirschjungen angeblickt; und ebendieser, seine Lebenshauche aufgebend, sah da nur noch den Hirsch [vor sich].
Er wurde, o Weiser, zu einem Hirsch, da er zu solcher Gesinnung gelangt war; [doch] wegen seiner Fähigkeit, sich früherer Geburten zu erinnern, o bester der Zweifachgeborenen, war er über den Weltenkreislauf erschüttert.
Wort für Wort
mṛgo babhūva sa mune
er wurde, o Weiser, zu einem Hirsch
tādṛśīṃ bhāvanāṃ gataḥ
da er zu solcher Gesinnung gelangt war
jāti smaratvādudvignaḥ
wegen der Fähigkeit, Geburten zu erinnern, erschüttert
saṃsārasya dvijottama
über den Weltenkreislauf, o bester der Zweifachgeborenen
und er vollzog die Sühne für die Tat, die die Ursache seines Hirsch-Seins gewesen war. Und dort, nachdem er den Körper abgelegt hatte, wurde er als ein sich früherer Geburten erinnernder Brahmane wiedergeboren,
Wort für Wort
mṛgatvahetubhūtasya
das die Ursache des Hirsch-Seins gewesen war
karmaṇo niṣkṛtiṃ yayau
für diese Tat vollzog er die Sühne
tatra cotsṛṣṭadeho 'sau
und dort, nachdem er den Körper abgelegt hatte
jajñe jātismaro dvijaḥ
wurde er als ein sich früherer Geburten erinnernder Brahmane geboren
in einer reinen, unter den Asketen hervorragenden Familie von rechtschaffen Handelnden - begabt mit allem Wissen, kundig der wahren Bedeutung aller Lehrschriften.
Wort für Wort
sadācāravatāṃ śuddhe
in einer reinen [Familie] von rechtschaffen Handelnden
Er, der beste der Weisen, erkannte sein eigenes Selbst als jenseits der Urnatur befindlich; aufgrund des von ihm selbst erlangten Wissens [erkannte er] die Götter und die übrigen [Wesen], o großer Weiser,
sarvabhūtānyabhe dena dadarśa sa mahāmatiḥ / na papāṭha guruproktaṃ kṛtopanayanaḥ śrutam
er, der Großgesinnte, sah alle Wesen ohne Unterschied. Obwohl die Einweihung an ihm vollzogen worden war, rezitierte er nicht die vom Lehrer vorgetragene [heilige] Überlieferung.
Wort für Wort
sarvabhūtānyabhe dena
alle Wesen ohne Unterschied
dadarśa sa mahāmatiḥ
sah er, der Großgesinnte
na papāṭha guruproktaṃ
er rezitierte nicht das vom Lehrer Vorgetragene
kṛtopanayanaḥ śrutam
obwohl die Einweihung vollzogen worden war, die heilige Überlieferung
na dadarśa ca karmāṇi śāstrāṇi jagṛhe na ca / ukto 'pi bahuśaḥ kiñcijjaṇḍa vākyamabhāṣata
Und er beachtete nicht die [vorgeschriebenen] Riten und nahm auch die Lehrschriften nicht auf; selbst wenn er vielfach angesprochen wurde, sprach er nur wenig und wie ein Stumpfsinniger.
Wort für Wort
na dadarśa ca karmāṇi
und er beachtete nicht die Riten
śāstrāṇi jagṛhe na ca
und nahm auch die Lehrschriften nicht auf
ukto 'pi bahuśaḥ kiñcij
selbst wenn er vielfach angesprochen wurde, [nur] wenig
tadapyasaṃskāraguṇaṃ grāmabhāṣoktisaṃyutam / apaddhastavapuḥ so 'pi malināṃbaradhṛṅ mune
Auch dies [seine Rede] war von der Eigenart der Unkultiviertheit, verbunden mit dörflicher Redeweise; auch er, mit ungepflegter Gestalt, schmutzige Kleider tragend, o Weiser,
Wort für Wort
tadapyasaṃskāraguṇaṃ
auch dies war von der Eigenart der Unkultiviertheit
grāmabhāṣoktisaṃyutam
verbunden mit dörflicher Redeweise
apaddhastavapuḥ so 'pi
auch er, von ungepflegter Gestalt [?]
malināṃbaradhṛṅ mune
schmutzige Kleider tragend, o Weiser
[?: „apaddhastavapuḥ“ unsicher überliefert; sinngemäß als „ungepflegte Gestalt“ wiedergegeben.]
mit feuchtem Zahnzwischenraum, wurde er von allen Stadtbewohnern verachtet - denn durch [gesellschaftliche] Ehrung bewirkt man einen großen Schaden für den Erfolg des Yoga.
so dass die Leute ihn verachten mögen und keinen Umgang mit ihm pflegen mögen. Der Großgesinnte, nachdem er so das Wort Hiraṇyagarbhas (Brahmās) bedacht hatte,
yadyadāpnoti sa bahūnatti vai kālasaṃbhavam / pitaryuparate so 'tha bhrātṛbhrātṛvyabāndhavaiḥ
Was auch immer er bekam, aß er reichlich, wie es sich gerade [zeitlich] ergab. Nachdem der Vater verstorben war, wurde er dann von den Brüdern, Neffen und Verwandten
kāritaḥ kṣetrakarmādi kadannāhārapoṣitaḥ / sarūkṣapīnāvayavo jaḍakārī ca karmaṇi
zur Feldarbeit und dergleichen angehalten, ernährt mit schlechter Nahrung; mit rauhen, [doch] kräftigen Gliedern, und bei der Arbeit stumpfsinnig handelnd,
Wort für Wort
kāritaḥ kṣetrakarmādi
zur Feldarbeit und dergleichen angehalten
kadannāhārapoṣitaḥ
ernährt mit schlechter Nahrung
sarūkṣapīnāvayavo
mit rauhen, kräftigen Gliedern
jaḍakārī ca karmaṇi
und bei der Arbeit stumpfsinnig handelnd
[?: „sarūkṣapīnāvayavo“ - Kombination von „rauh“ und „kräftig“ unsicher; wörtlich wiedergegeben.]
wurde er zum Werkzeug für alle Leute, [nur] Nahrung als Lohn [erhaltend]. Ihn, den derart Unkultivierten, der sich in einer dem Brahmanenwesen unangemessenen Weise benahm,
kṣattā sauvīrarājyasya viṣṭiyogyamamanyata / sa rājā śibikārūḍho gantuṃ kṛtamatirdvija
hielt der Aufseher des Sauvīra-Königreichs für tauglich zum Frondienst. Jener König [von Sauvīra], der sich entschlossen hatte, in einer Sänfte zu fahren, o Zweifachgeborener,
Wort für Wort
kṣattā sauvīrarājyasya
der Aufseher des Sauvīra-Königreichs
viṣṭiyogyamamanyata
hielt für tauglich zum Frondienst
sa rājā śibikārūḍho
jener König, in einer Sänfte [fahrend]
gantuṃ kṛtamatirdvija
der sich zu gehen entschlossen hatte, o Zweifachgeborener
[wollte] zur vortrefflichen Einsiedelei des Weisen Kapila am Ufer der Ikṣumatī [gehen, um zu fragen]: 'Was ist hier in diesem größtenteils leidvollen Weltenlauf das Heil für die Menschen?'
um ihn zu fragen, den großen Weisen namens Kapila, der die Lehre von der Erlösung kennt. [Bharata,] vom Wort des Aufsehers angetrieben, trug dessen Sänfte.
Wort für Wort
praṣṭuṃ taṃ mokṣadharmajñaṃ
um ihn zu fragen, den die Erlösungslehre Kennenden
nṛṇāṃ viṣṭigṛhītānāmanyeṣāṃ so 'pi madhyagaḥ / gṛhīto viṣṭinā vipra sarvajñānaikabhājanam
Unter den zum Frondienst herangezogenen Menschen befand sich auch er inmitten der anderen - er, der zum Frondienst herangezogen wurde, o Brahmane, [obwohl er] das alleinige Gefäß allen Wissens [war].
jātismaro 'sau pāpasya kṣayakāma uvāha tām / yayau jaḍagatistatra yugamātrāvalokanam
Er, der sich früherer Geburten Erinnernde, der die Vernichtung [seiner] Sünde wünschte, trug jene [Sänfte]; er ging dort mit stumpfsinnigem Gang, nur einen Yuga [-Joch] anschauend,
Wort für Wort
jātismaro 'sau pāpasya
er, der sich früherer Geburten Erinnernde, der [seiner] Sünde
so handelnd, er, der Beste der Verständigen - die anderen aber gingen eilig. Als der König dann bemerkte, dass die Sänfte ungleichmäßig [schwankend] fuhr,
kimetadityāha samaṃ gamyatāṃ śibikāvahāḥ / punastathaiva śibikāṃ vilokya viṣamāṃ hasan
sprach er: 'Was ist das? Gleichmäßig sollt ihr gehen, ihr Sänftenträger!' Und als er wiederum die Sänfte ebenso ungleichmäßig [schwankend] bemerkte, sprach der König lachend:
'Was ist das? Von euch wird ungleichmäßig gegangen.' Nachdem sie dieses vielfach wiederholte Wort des sprechenden Königs gehört hatten, sagten die Sänftenträger: 'Dieser [Mann] hier geht nicht eilig.'
Wort für Wort
nṛpaḥ kime 'tadityāha
der König sprach: 'was ist das?'
bhavadbhirgamyate 'nyathā
von euch wird ungleichmäßig gegangen
bhūpatervadatastasya śrutvetthaṃ bahuśo vacaḥ
nachdem sie dieses vielfach wiederholte Wort des sprechenden Königs gehört hatten
śibikāvāhakāḥ procurayaṃ yātītyasatvaram
sagten die Sänftenträger: dieser hier geht nicht eilig
rājovāca kiṃ śrānto 'syalpamadhvānaṃ tvayoḍhā śibikā mama / kimāyāsasaho na tvaṃ pīvā nāsi nirīkṣyase
Der König sprach: 'Bist du müde? Nur eine kurze Strecke hast du meine Sänfte getragen. Erträgst du die Anstrengung nicht? Du bist doch nicht fett, wie man sieht.'
brāhmaṇa uvāca nāhaṃ pīvā na caivoḍhā śibikā bhavato mayā / na śrānto 'smi na cāyāso voḍhānyo 'sti mahīpate
Der Brahmane sprach: 'Ich bin nicht fett, und auch nicht von mir wurde deine Sänfte getragen; ich bin nicht müde, und es gibt auch keine Anstrengung - ein anderer ist der Träger, o Herr der Erde.'
Der König sprach: 'Unmittelbar wird gesehen, dass die Sänfte auch jetzt noch auf dir [ruht]; denn Ermüdung und die Last des Tragens entstehen doch gewiss für die verkörperten Wesen.'
Wort für Wort
rājovāca
der König sprach
pratyakṣaṃ dṛśyate pīvātvadyāpi
unmittelbar wird gesehen, dass auch jetzt [?]
śibikā tvayi
die Sänfte auf dir [ruht]
śramaśca bhāro dvahane
Ermüdung und die Last beim Tragen
bhavatyeva hi dehinām
entstehen doch gewiss für die verkörperten Wesen
[?: „pīvātvadyāpi“ unsicher überliefert; sinngemäß als „auf dir ruht“ wiedergegeben.]
Der Brahmane sprach: 'Was von dir, o König, unmittelbar an mir gesehen wurde, das sage mir. Die nähere Bestimmung 'kräftig' oder 'kraftlos' ist erst danach auszusprechen.'
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach
pratyakṣaṃ bhavatā bhūpa
unmittelbar von dir, o König
yaddṛṣṭaṃ mama tadvada
was gesehen wurde an mir, das sage
balavānabalaśceti
'kräftig' oder 'kraftlos'
vācyaṃ paścādviśeṣaṇam
ist erst danach als nähere Bestimmung auszusprechen
'Auf dem Boden [stehen] die beiden Füße, und auf den beiden Füßen stehen die Unterschenkel; auf den beiden Unterschenkeln ruhen die Oberschenkel, und darauf gestützt der Bauch;
Wort für Wort
bhūmau pādayugaṃ cātha
auf dem Boden die beiden Füße
jaṅghe pādadvaye sthite
und auf den beiden Füßen stehen die Unterschenkel
ūru jaṅghādvayāvasthau
auf den beiden Unterschenkeln die Oberschenkel ruhend
die Brust, ebenso die Arme, und die Schultern, auf dem Bauch beruhend; auf den Schultern gestützt ist diese Sänfte - was habe ich hier als [ihre] Grundlage zu tun?
śibikāyāṃ sthitaṃ cedaṃ dehaṃ tvadupalakṣitam / tatra tvamahamapyatretyucyate cedamanyathā
Und dieser Körper, der als 'du' bezeichnet wird, befindet sich in der Sänfte; wenn man sagt 'du' [bist dort] und 'ich' [bin] hier - so wird dies fälschlich gesagt.
Wort für Wort
śibikāyāṃ sthitaṃ cedaṃ
in der Sänfte befindlich, dieser
dehaṃ tvadupalakṣitam
Körper, der als 'du' bezeichnet wird
tatra tvamahamapyatretyucyate
'du' [bist] dort, 'ich' [bin] hier, so wird gesagt
ahaṃ tvaṃ ca tathānye ca bhūtairuhyāśca pārthiva / guṇapravāhapatito bhūtavargo 'pi yātyayam
Ich und du und ebenso die anderen werden von den Elementen getragen, o Herrscher; auch diese Gruppe der Elemente, in den Strom der Guṇas gefallen, vergeht.
Diese Guṇas - Sattva und die übrigen - sind der Tat unterworfen, o Herr der Erde, und die durch Unwissenheit angehäufte Tat [wirkt] bei allen Lebewesen ausnahmslos.
ātmā śuddho 'kṣaraḥ śānto nirguṇaḥ prakṛte paraḥ / pravṛddhyapacayau na sta ekasyākhilajantuṣu
Das Selbst ist rein, unvergänglich, friedvoll, eigenschaftslos, jenseits der Urnatur; Zunahme und Abnahme gibt es nicht bei dem einen [Selbst], das in allen Lebewesen [dasselbe ist].
Wenn es für dieses [Selbst] weder Zunahme noch Abnahme gibt, o König, dann bist du [dennoch] ein Tor - mit welcher Beweisführung hast du [das eben Gesagte] geäußert?
O Herrscher, wenn diese Sänfte, auf Fuß, Unterschenkel, Hüfte, Oberschenkel, Bauch und dergleichen gestützt, [letztlich] auf der Schulter ruht, dann ist die Last von dir ebenso zu tragen.
Wort für Wort
bhūpādajaṅghākaṭyūrujaṭharādiṣu saṃsthitā
auf Fuß, Unterschenkel, Hüfte, Oberschenkel, Bauch und dergleichen gestützt
śibikeyaṃ yadā skandhe
diese Sänfte, wenn auf der Schulter
tadā bhāraḥ samastvayā
dann ist die Last gleichermaßen von dir [zu tragen]
tathānyajantubhirbhūpa śibikoḍhāna kevalam / śailadrumagṛhottho 'pi pṛthivīsaṃbhavo 'pi ca
Und ebenso, o Herrscher, wird die Sänfte nicht nur von anderen Lebewesen getragen; auch was aus Berg, Baum, Haus entstanden, auch was aus der Erde entstanden ist [trägt in gleicher Weise].
So wie beim Menschen die Gesondertheit [nur] durch die aus der Urnatur [stammenden] Sinnesorgane [besteht], o König - welche sehr große Last wäre da von mir für dich zu tragen, o König?
Wort für Wort
yathā puṃsaḥ pṛthagbhāvaḥ
so wie beim Menschen die Gesondertheit
prākṛtaiḥ karaṇairnṛpa
durch die aus der Urnatur [stammenden] Organe, o König
yaddravyo śibikā ceyaṃ taddravyo bhūtasaṃgrahaḥ / bhavato me 'khilasyāsya samatvenopabṛṃhitaḥ
Aus welchem Stoff diese Sänfte [besteht], aus demselben Stoff [besteht] die Ansammlung der Elemente; von dir und von mir ist dies alles gleichermaßen zusammengesetzt.
sanandana uvāca evamuktvābhavaṃnmaunī sa vahañśibikāṃ dvijaḥ / so 'pi rājāvatīryorvyāṃ tatpādau jagṛhe tvaran
Sanandana sprach: Nachdem er so gesprochen hatte, wurde er, der die Sänfte tragende Zweifachgeborene, schweigsam. Auch der König, von [seinem Sitz] herabgestiegen, ergriff eilends dessen Füße auf der Erde.
Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
evamuktvābhavaṃnmaunī
nachdem er so gesprochen hatte, wurde er schweigsam
rājovāca bho bho visṛjya śibikāṃ prasādaṃ kuru me dvija / kathyatāṃ ko bhavānatra jālmarupadharaḥ sthitaḥ
Der König sprach: 'He, he! Lass die Sänfte fahren und erweise mir Gnade, o Zweifachgeborener! Sage mir, wer du hier bist, der du in der Gestalt eines Elenden verweilst.
yo bhavānyadapatyaṃ vā yadāgamanakāraṇam / tatsarvaṃ kathyatāṃ vidvanmahyaṃ śuśrūṣave tvayā
Wer du bist, wessen Nachkomme du bist, und was der Grund deines Kommens ist - dies alles möge mir, der ich [zu] hören begehre, von dir, o Wissender, gesagt werden.'
sukhaduḥkhopabhogau tu tau dehādyupapādakau / dharmādharmodbhavau bhoktuṃ janturdehādimṛcchati
Das Erfahren von Glück und Leid aber - diese beiden, die aus Verdienst und Unrecht entstehen, bringen den Körper und dergleichen hervor; um [sie] zu erfahren, gelangt das Lebewesen zum Körper und dergleichen.
Wort für Wort
sukhaduḥkhopabhogau tu
das Erfahren von Glück und Leid aber
tau dehādyupapādakau
diese beiden, den Körper und dergleichen hervorbringend
dharmādharmodbhavau bhoktuṃ
aus Verdienst und Unrecht entstehend, um zu erfahren
Denn für jedes Lebewesen überhaupt, o Herrscher der Erde, sind überall Verdienst und Unrecht die Ursache; wonach wird da noch nach [einer weiteren] Ursache gefragt?'
rājovāca dharmādharmauṃ na saṃdehaḥ sarvakāryeṣu kāraṇam / upabhoganimittaṃ ca dehāddehāntarāgamaḥ
Der König sprach: 'Verdienst und Unrecht sind zweifellos die Ursache bei allen Wirkungen, und um des Erfahrens willen [geschieht] der Übergang von einem Körper zu einem anderen Körper.
yo 'sti yo 'hamiti brahmankathaṃ vaktuṃ na śakyate / ātmanyeva na doṣāya śabdo 'hamiti yo dvijā
Wer da ist, [der als] 'ich' [bezeichnet wird], o Brahmane - warum lässt sich das nicht sagen? Beim Selbst selbst ist doch das Wort 'ich', o Zweifachgeborener, kein Fehler.'
Der Brahmane sprach: 'Das Wort 'ich' [gebraucht] für das Selbst ist so kein Fehler; ebenso ist es [auch kein Fehler, gebraucht] für das Nicht-Selbst - [doch dann ist es] Selbst-Erkenntnis am Nicht-Selbst, oder [nur] ein Wort, das durch die [übliche] Sprachgewohnheit gekennzeichnet ist.
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach
śabdo 'hamiti doṣāya
das Wort 'ich' ist ein Fehler
nātmanyevaṃ tathaiva tat
nicht beim Selbst; ebenso ist dies [der Fall]
anātmanyātmavijñānaṃ
beim Nicht-Selbst [ist es] Selbst-Erkenntnis
śabdo vā śrutilakṣaṇaḥ
oder ein Wort, durch Sprachgewohnheit gekennzeichnet
[?: Vers philosophisch verdichtet; „śrutilakṣaṇaḥ“ sinngemäß als 'durch Sprachgewohnheit gekennzeichnet' wiedergegeben.]
Die Zunge sagt 'ich', [ebenso] Zähne, Lippen und Gaumen, o König; dadurch [wird deutlich, dass] 'ich' [nur ein Wort ist], da ja alle [diese Organe] die Ursachen der Hervorbringung der Sprache sind.
piṇḍaḥ pṛthagyataḥ puṃsaḥ śiraḥpāṇyādilakṣaṇaḥ / tato 'hamiti kutraināṃ saṃjñāṃ rājankaromyaham
Da der Leib des Menschen, gekennzeichnet durch Kopf, Hände und dergleichen, [aus Teilen] gesondert [besteht] - wo also, o König, sollte ich diese Bezeichnung 'ich' anwenden?
yadyanyo 'sti paraḥ ko 'pi mattaḥ pārthivasattam / na deho 'hamayaṃ cānye vaktumevamapīṣyate
Wenn es irgendeinen anderen, von mir verschiedenen gibt, o Bester der Herrscher - [dann mag gelten:] 'Ich bin nicht dieser Körper', und auch von den anderen [Körperteilen] lässt sich Entsprechendes sagen.
tvaṃ rājā śibikā ceyaṃ vayaṃ vāhāḥ puraḥ sarāḥ / ayaṃ ca bhavato loko na sadetannṛpocyate
'Du bist König', 'dies ist die Sänfte', 'wir sind die Träger, die Vorangehenden', 'und dies ist dein Gefolge' - o König, das wird [zwar so] gesagt, ist aber nicht wahr.
vṛkṣāddāru tataśceyaṃ śibikā tvadadhiṣṭitā / kva vṛkṣasaṃjñā vai tasyā dārusaṃjñāthavā nṛpa
Vom Baum [stammt] das Holz, und daraus [besteht] diese Sänfte, auf der du sitzt; wo aber ist bei ihr die Bezeichnung 'Baum' oder die Bezeichnung 'Holz', o König?
vṛkṣārūḍho mahārājo nāyaṃ vadati te janaḥ / na ca dāruṇi sarvastvāṃ bravīti śibikāgatam
'Auf dem Baum sitzend, o Großkönig' - so sagt dieses Volk von dir nicht; und auch nicht 'auf dem Holz' - so sagen nicht alle, wenn du in der Sänfte sitzt.
Die Sänfte [ist] eine Ansammlung von Holz, bestehend in dem Bestand ihres eigenen Namens; es möge geprüft werden, o bester der Könige, [was] die Sänfte dir [wirklich bedeutet].
Ebenso werde bei dem Sonnenschirm die Gesondertheit von den [einzelnen] Speichen bedacht: 'Wo ist der Sonnenschirm entstanden?' - dieser [gleiche] Grundsatz [gilt] bei dir ebenso wie bei mir.
Mann, Frau, Kuh, Ziege, Ross, Elefant, Vogel, Baum - diese landläufige Bezeichnung ist bei den Körpern, [die] durch die Tat verursacht [sind], zu erkennen [als bloße Konvention].
Wort für Wort
pumānstrī gaurajā bājī
Mann, Frau, Kuh, Ziege, Ross
kuñjaro vihagastaruḥ
Elefant, Vogel, Baum
deheṣu lokasaṃjñeyaṃ
diese landläufige Bezeichnung bei den Körpern
vijñeyā karmahetuṣu
ist zu erkennen bei den durch die Tat verursachten
pumānna devo na naro na paśurna ca pādapaḥ / śarīrākṛtibhedāstu bhūpaite karmayonayaḥ
Der [wahre] Mensch ist weder Gott noch Mensch noch Tier noch Baum; diese Unterschiede der Körpergestalt aber, o Herrscher, haben die Tat als ihren Ursprung.
Was in der Welt als 'Ding König' [gilt] und was aus 'König und Diener' besteht, und ebenso 'ein anderer [ist] so ein König' - das ist nicht wahr, [sondern] besteht aus [bloßer] Vorstellung.
yastu kālāntareṇāpi nāśasaṃjñāmupaiti vai / pariṇāmādisaṃbhūtaṃ tadvastu nṛpa tañca kim
Was aber nach [einiger] Zeit die Bezeichnung 'Vergehen' erlangt, [weil es] aus Wandlung und dergleichen entstanden ist - was ist denn das für ein [wirkliches] Ding, o König?
Du [bist] König, [Ursache] allen Kummers, Sohn des Vaters, Feind des Feindes, Gatte der Gattin, Vater des Sohnes - wer bist du [wirklich], o Herrscher? Sage mir [das].
tvaṃ kimetacciraḥ kiṃ tu śirastava tatho daram / kimu pādādikaṃ tvetannaiva kiṃ te mahīpate
Bist du dieses [Haar]? Oder aber dein Kopf und ebenso der Bauch? Oder etwa Füße und dergleichen? Oder bist du [dies alles] gerade nicht, o Herrscher der Erde?
Wort für Wort
tvaṃ kimetacciraḥ kiṃ tu
bist du dieses [Haar]? oder aber
śirastava tatho daram
dein Kopf und ebenso der Bauch
kimu pādādikaṃ tvetan
oder etwa Füße und dergleichen
naiva kiṃ te mahīpate
oder bist du dies gerade nicht, o Herrscher der Erde
[?: „ciraḥ“ unsicher überliefert, evtl. für „keśaḥ“ (Haar) oder „śiras“ (Kopf) stehend.]
samastāvayavebhyastvaṃ pṛthagbhūto vyavasthitaḥ / ko 'hamityatra nipuṇaṃ bhūtvā cintaya pārthiva
Von sämtlichen Gliedern gesondert bestehst du [in Wirklichkeit]; werde hierüber scharfsinnig und denke nach, [was] 'wer bin ich' [bedeutet], o Herrscher.
Wenn die Wahrheit sich so verhält, wie könnte dann, o König, das Denken 'von mir' [und] 'ich' [als etwas] Gesondertes, durch [eigenes] Reden Hervorzubringendes, überhaupt möglich sein?
Wort für Wort
evaṃ vyavasthite tattve
wenn die Wahrheit sich so verhält
mayāhamiti bhāvitum
das Denken 'von mir', 'ich'
pṛthakūcaraṇaniṣpādyaṃ
als Gesondertes, durch Aussprechen hervorzubringen