Sanaka sprach: Ein anderes, vortreffliches Gelübde will ich verkünden; höre es mit gesammeltem Sinn: ein verdienstvolles, das alle Sünde vernichtet und allen Welten nützt.
Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach:
anyad vratavaraṃ vakṣye
ein anderes, vortreffliches Gelübde will ich verkünden
tacchṛṇuṣva samāhitaḥ
höre es mit gesammeltem Sinn
sarvapāpaharaṃ puṇyaṃ
ein verdienstvolles, alle Sünde vernichtendes
sarvalokopakārakam
das allen Welten nützt
[Anm.: Der Vers beginnt im Quelltext mit dem Schlusskolophon des vorigen Kapitels (das fünfnächtige Gelübde, hier als „einundzwanzigstes Kapitel“ gezählt); erst danach beginnt mit „sanaka uvāca“ der eigentliche Vers 1 dieses Kapitels; nur dieser wurde übersetzt.] [?: „sarvāpāpaharaṃ“ im Quelltext wohl verschrieben für „sarvapāpaharaṃ“ (‚alle Sünde vernichtend‘).]
eteṣvanyatame māse śulkapakṣe jitendriyaḥ / prāśayetpañcagavyaṃ ca svapedviṣṇusamīpataḥ
In irgendeinem dieser Monate nehme man, in der hellen Monatshälfte, mit gezügelten Sinnen, die fünf Kuhgaben (Pañcagavya) zu sich und schlafe in der Nähe Viṣṇus.
Wort für Wort
eteṣv anyatame māse
in irgendeinem dieser Monate
śuklapakṣe jitendriyaḥ
in der hellen Monatshälfte, mit gezügelten Sinnen
prāśayet pañcagavyaṃ ca
nehme man die fünf Kuhgaben zu sich
svaped viṣṇusamīpataḥ
und schlafe in der Nähe Viṣṇus
[?: „śulkapakṣe“ im Quelltext verschrieben für „śuklapakṣe“.]
vidvadbhiḥ sahito viṣṇumarcayitvā yathocitam / saṃkalpaṃ tu tataḥ kuryāstvasti vācanapūrvakam
Zusammen mit den Gelehrten habe man Viṣṇu gebührend verehrt; dann vollziehe man das Gelübdeversprechen (Saṃkalpa), eingeleitet durch das Sprechen des Segensspruches (Svastivācana).
Wort für Wort
vidvadbhiḥ sahito viṣṇum
zusammen mit den Gelehrten Viṣṇu
arcayitvā yathocitam
gebührend verehrt habend
saṃkalpaṃ tu tataḥ kuryāt
dann vollziehe man das Gelübdeversprechen
svastivācanapūrvakam [?]
eingeleitet durch den Segensspruch
[?: „kuryāstvasti vācanapūrvakam“ im Quelltext verschrieben/unklar getrennt; sinngemäß als „kuryāt svastivācanapūrvakam“ aufgelöst.]
[Man spreche:] „Einen ganzen Monat, ohne Nahrung, von heute an, o Keśava – am Monatsende vollziehe ich die Fastenbrechung, o Gott der Götter, auf dein Geheiß.
varṣānte vedaviduṣe gāṃ pradadyātsa dakṣiṇām / bhojayedvrāhmāṇāṃstatra dvādaśaiva vidhānataḥ / śaktyā ca dakṣiṇāṃ dadyādrūhyaṇyābharaṇāni ca
Am Jahresende gebe man dem Vedakundigen eine Kuh samt Gabe; man speise dabei zwölf Brahmanen, der Vorschrift gemäß, und gebe nach Vermögen eine Gabe sowie Schmuckstücke für die Brahmanin(nen).
Wort für Wort
varṣānte vedaviduṣe
am Jahresende dem Vedakundigen
gāṃ pradadyāt sadakṣiṇām
gebe man eine Kuh samt Gabe
bhojayed brāhmaṇāṃstatra
man speise dabei Brahmanen
dvādaśaiva vidhānataḥ
zwölf an der Zahl, der Vorschrift gemäß
śaktyā ca dakṣiṇāṃ dadyāt
und gebe nach Vermögen eine Gabe
brāhmaṇyābharaṇāni ca [?]
sowie Schmuckstücke für die Brahmanin(nen)
[Anm.: Dieser Vers hat im Quelltext drei statt der üblichen zwei Zeilen (sechs statt vier Pādas); vollständig übersetzt.] [?: „rūhyaṇyābharaṇāni“ im Quelltext stark verschrieben für „brāhmaṇyābharaṇāni“.]
Wer, mit gezügelten Sinnen, das Monatsfasten dreimal vollzieht, der genießt die doppelte Frucht des Atirātra-Opfers [?].
Wort für Wort
māsopavāsatritayaṃ
das dreifache Monatsfasten
yaḥ kuryāt saṃyatendriyaḥ
wer mit gezügelten Sinnen vollzieht
ātirātrasya yajñasya [?]
des Atirātra-Opfers
dviguṇaṃ phalam aśnute
genießt er die doppelte Frucht
[?: „ātporyāmasya yajñatya“ im Quelltext stark verschrieben; die Lesung „ātirātrasya yajñasya“ (des Atirātra-Opfers) ist eine unsichere Rekonstruktion.]
Von [Hausvätern (?)], von Asketen und von Keuschheitsschülern [?] – und insbesondere von Waldbewohnern ist das Monatsfasten zu vollziehen.
Wort für Wort
avīrābhiḥ [?]
von [Hausvätern (?), wörtl. unklar]
yatibhir brahmacāribhiḥ
von Asketen und Keuschheitsschülern
māsopavāsaḥ karttavyo
ist das Monatsfasten zu vollziehen
vanasthaiśca viśeṣataḥ
und von Waldbewohnern insbesondere
[Anm.: Der Vers ist im Quelltext offenbar unvollständig überliefert – die erste Verszeile besteht nur aus einer einzigen, stark verkürzten/verschriebenen Wortgruppe („avīrābhiryatibhirbrahyacāribhiḥ“, statt der für einen vollständigen Halbvers zu erwartenden zwei Pādas), der wohl ein Wortteil fehlt oder verderbt ist; das erste Wort „avīrābhiḥ“ wurde unsicher sinngemäß als eine Standesbezeichnung (etwa „gṛhasthaiḥ“, ‚von Hausvätern‘) gedeutet, im Parallelismus zu „yatibhiḥ“ (Asketen), „brahmacāribhiḥ“ (Keuschheitsschülern) und „vanasthaiḥ“ (Waldbewohnern) der zweiten Zeile – die vier Lebensstadien (āśramas).]
Sei es eine Frau oder ein Mann – wer dieses sehr schwer zu erlangende Gelübde vollzogen hat, erlangt die Erlösung, die selbst für Yogins schwer zu erlangen ist.
Wort für Wort
nārī vā puruṣo vāpi
sei es eine Frau oder ein Mann
vratam etat sudurlabham
dieses sehr schwer zu erlangende Gelübde
kṛtvā mokṣam avāpnoti
vollzogen habend, erlangt er die Erlösung
yogināmapi durlabham
die selbst für Yogins schwer zu erlangen ist
[?: „avānpoti“ im Quelltext verschrieben für „avāpnoti“.]