Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 58 Das Gespräch zwischen Śuka und König Janaka über die Erlösungslehre

Kolophon ohne Beschreibungstitel; Kapiteltitel daher aus dem Inhalt formuliert. [Anm.: Wie im gesamten Kapitelbereich 56–61 dieses Projekts steht auch hier der eigentliche Schlusskolophon dieses Kapitels nicht an dessen Ende, sondern am Kopf der folgenden Quelldatei (Kapitel 59), mit der gegenüber der Projektzählung um eins erhöhten Sanskrit-Ordnungszahl „ekonaṣaṣṭitama“ (59.); die im Kopf DIESER Datei stehende Kolophonzeile gehört spiegelbildlich zum vorangehenden 57. Kapitel („śukapralobhanam“).] Das Kapitel führt den feierlichen Empfang Śukas am Hof des Janaka aus (V.1–16) und gibt sodann in Frage-und-Antwort-Form die Unterweisung Janakas über die vier Lebensstadien (Āśramas), das Verhältnis von Wissen und Lehrer sowie die Kennzeichen des zum Brahman Gelangten wieder (V.17–48), bevor Śuka geläutert zu Vyāsa zurückkehrt (V.49–55).

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge bṛhadupākhyāne dvitīyabhāge śukapralobhanaṃ nāmāṣṭañcāśattamo 'dhyāyaḥ sanandana uvāca tataḥ sa rājā sahito mantribhirdvijasattama / puraḥ purohitaṃ kṛtvā sarvāṇyantaḥ purāṇi ca

Sanandana sprach: Darauf begab sich jener König, begleitet von seinen Ministern, o Bester der Zweimalgeborenen, indem er den Hofpriester vorausgehen ließ, sowie alle Frauen des Frauengemachs,

Wort für Wort
tataḥ sa rājā sahito mantribhir
darauf jener König, begleitet von den Ministern
dvijasattama
o Bester der Zweimalgeborenen
puraḥ purohitaṃ kṛtvā
indem er den Hofpriester vorausgehen ließ
sarvāṇy antaḥ purāṇi ca
und alle Frauen des Frauengemachs

[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext eine Kolophonzeile vorangestellt („iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge bṛhadupākhyāne dvitīyabhāge śukapralobhanaṃ nāmāṣṭañcāśattamo 'dhyāyaḥ“), gefolgt von einer Trennlinie. Diese Zeile ist der versetzt überlieferte Schlusskolophon des vorangehenden 57. Kapitels (Titel „śukapralobhanam“, dort verwendet); sie wurde im sa-Feld dokumentiert, jedoch nicht in die Übersetzung einbezogen.]

śirasā cārdhyamādāya guruputraṃ samabhyagāt / mahadāsanamādāya sarvaratnavibhūṣitam

und, das Ehrengeschenk (Arghya) mit dem Haupt ehrfurchtsvoll emporhaltend, ging er zum Sohn des Lehrers [Śuka] hin, indem er einen großen, mit allen Juwelen geschmückten Sitz mitbrachte,

Wort für Wort
śirasā cārdhyam ādāya
und mit dem Haupt das Ehrengeschenk emporhaltend
guruputraṃ samabhyagāt
ging er zum Sohn des Lehrers hin
mahad āsanam ādāya
einen großen Sitz mitbringend
sarvaratnavibhūṣitam
mit allen Juwelen geschmückt

pradadau guruputrāya śukāya paramocitam / tatropaviṣṭaṃ taṃ kārṣṇiśāstradṛṣṭena karmaṇā

und übergab ihn, den höchst würdigen Sitz, dem Sohn des Lehrers, Śuka. Ihm, der sich dort niedergesetzt hatte, erwies er mit einem im Kārṣṇa-Śāstra vorgeschriebenen Ritus

Wort für Wort
pradadau guruputrāya
er übergab ihn dem Sohn des Lehrers
śukāya paramocitam
Śuka, den höchst würdigen Sitz
tatropaviṣṭaṃ taṃ
ihm, der sich dort niedergesetzt hatte
kārṣṇiśāstradṛṣṭena karmaṇā
mit einem im Kārṣṇa-Śāstra vorgeschriebenen Ritus

[?: „kārṣṇiśāstra“ vermutlich Bezug auf ein von Kṛṣṇa(-Dvaipāyana, Vyāsa) verfasstes Ritualwerk bzw. auf die für die Ehrenbezeugung an Brahmanen geltenden Regeln; nicht sicher zu identifizieren.]

pādyaṃ nivedya prathamaṃ sārghyaṃ gāṃ ca nyavedayat / sa ca tāṃmantrataḥ pūjāṃ pratigṛhya dvijottamaḥ

– nachdem er zuerst Fußwasser dargebracht hatte, überreichte er auch das Ehrengeschenk und eine Kuh. Und er, der Beste der Zweimalgeborenen [Śuka], nahm jene mit Mantras dargebrachte Verehrung an

Wort für Wort
pādyaṃ nivedya prathamaṃ
nachdem er zuerst Fußwasser dargebracht hatte
sārghyaṃ gāṃ ca nyavedayat
überreichte er das Ehrengeschenk und eine Kuh
sa ca tāṃ mantrataḥ pūjāṃ
und er jene mit Mantras dargebrachte Verehrung
pratigṛhya dvijottamaḥ
annehmend, der Beste der Zweimalgeborenen

paryapṛcchanmahātejārājñaḥ kuśalamavyayam / udārasattvābhijano rājāpi gurusūnave

und erkundigte sich, von großem Glanz, nach dem unwandelbaren Wohlergehen des Königs. Auch der König, von edler Wesensart und edler Herkunft, erkundigte sich beim Sohn des Lehrers

Wort für Wort
paryapṛcchan mahātejā
er erkundigte sich, von großem Glanz
rājñaḥ kuśalam avyayam
nach dem unwandelbaren Wohlergehen des Königs
udārasattvābhijano
von edler Wesensart und edler Herkunft
rājāpi gurusūnave
auch der König, beim Sohn des Lehrers

āvedya kuśalaṃ bhūmau niṣasāda tadājñayā / so 'pi vaiyāsakiṃ bhūyaḥ pṛṣṭvā kuśalamavyayam / kimāgamanimityeva paryapṛcchadvidhānavit

– nachdem er sein eigenes Wohlergehen mitgeteilt hatte, setzte er sich auf dessen Geheiß zu Boden. Und er, der König, fragte, nachdem er wiederum den Sohn des Vyāsa nach dessen unwandelbarem Wohlergehen befragt hatte, ihn, der die rechten Regeln kannte, nach dem Grund seines Kommens.

Wort für Wort
āvedya kuśalaṃ bhūmau
nachdem er das Wohlergehen mitgeteilt hatte, zu Boden
niṣasāda tadājñayā
setzte er sich auf dessen Geheiß
so 'pi vaiyāsakiṃ bhūyaḥ
und er auch den Sohn des Vyāsa wiederum
pṛṣṭvā kuśalam avyayam
nachdem er nach dem unwandelbaren Wohlergehen gefragt hatte
kimāgamanimitya eva
was der Grund des Kommens sei
paryapṛcchad vidhānavit
fragte er, der die Regeln kannte

śuka uvāca pitrāhamukto bhadraṃ te mokṣadharmārthakovidaḥ / videharājohyādyome janako nāma viśrutaḥ

Śuka sprach: Ich wurde vom Vater entsandt, Heil dir! Kundig im Sinn der Erlösungslehre ist, wie ich weiß, der König von Videha, mit Namen Janaka berühmt.

Wort für Wort
pitrāham ukto bhadraṃ te
ich wurde vom Vater entsandt, Heil dir
mokṣadharmārthakovidaḥ
kundig im Sinn der Erlösungslehre
videharājo hy adya me
der König von Videha ist mir heute bekannt
janako nāma viśrutaḥ
als Janaka mit Namen berühmt

[?: „videharājohyādyome“ unsicher segmentiert, gelesen als „videharājo hy adya me“ (der König von Videha ist mir heute bekannt).]

tatra tvaṃ gaccha tūrṇaṃ vai sa te hṛdayasaṃśayam / pravṛttau ca nivṛttau ca sarvaṃ chetsyatyasaṃśayam

‚Geh eilends dorthin; er wird deinen Herzenszweifel bezüglich der Weltzuwendung (pravṛtti) und der Weltabkehr (nivṛtti) gänzlich, ohne Zweifel, zerschneiden' – so sprach mein Vater.

Wort für Wort
tatra tvaṃ gaccha tūrṇaṃ vai
geh dorthin eilends
sa te hṛdayasaṃśayam
er wird deinen Herzenszweifel
pravṛttau ca nivṛttau ca
bezüglich der Weltzuwendung und der Weltabkehr
sarvaṃ chetsyaty asaṃśayam
gänzlich zerschneiden, ohne Zweifel

so 'haṃ piturniyogāttvā mupapraṣṭumihāgataḥ / tanme dharmabhṛtāṃ śreṣṭha yathāvadvaktumarhasi

So bin ich, auf Geheiß meines Vaters, hierher gekommen, um dich zu befragen. Dies mögest du mir, o Bester der Dharma-Wahrer, der Wahrheit gemäß darlegen:

Wort für Wort
so 'haṃ piturniyogāt
so bin ich, auf Geheiß meines Vaters
tvām upapraṣṭum ihāgataḥ
hierher gekommen, um dich zu befragen
tan me dharmabhṛtāṃ śreṣṭha
dies mir, o Bester der Dharma-Wahrer
yathāvad vaktum arhasi
mögest du der Wahrheit gemäß darlegen

kiṃ kāryaṃ brāhmaṇeneha mokṣārthaśca kimātmakaḥ / kathaṃ ca mokṣaḥ kartavyo jñānena tapasāpi vā

Was ist hier die rechte Aufgabe für einen Brahmanen, und was ist das Wesen des Erlösungszieles? Und wie ist die Erlösung zu erwirken – durch Wissen oder auch durch Askese?

Wort für Wort
kiṃ kāryaṃ brāhmaṇeneha
was ist hier die Aufgabe für einen Brahmanen
mokṣārthaś ca kimātmakaḥ
und was ist das Wesen des Erlösungsziels
kathaṃ ca mokṣaḥ kartavyo
und wie ist die Erlösung zu erwirken
jñānena tapasāpi vā
durch Wissen oder auch durch Askese

janaka uvāca yatkāryaṃ brāhmaṇeneha janmaprabhṛti tacchuṇu / kṛtopanayanastāta bhavedvedaparāyaṇaḥ

Janaka sprach: Höre, was für einen Brahmanen von Geburt an hier die rechte Aufgabe ist: Nachdem die Initiation (Upanayana) vollzogen ist, soll er, mein Lieber, dem Veda ergeben sein,

Wort für Wort
yat kāryaṃ brāhmaṇeneha
was die Aufgabe für einen Brahmanen hier ist
janmaprabhṛti tac chṛṇu
von Geburt an, dies höre
kṛtopanayanas tāta
nach vollzogener Initiation, mein Lieber
bhaved vedaparāyaṇaḥ
soll er dem Veda ergeben sein

tapasā guruvṛttyā ca brahmacaryeṇa cānvitaḥ / devatānāṃ pitṝṇāṃ ca hyatṛṣṇaścānasūyakaḥ

ausgestattet mit Askese, mit Dienst am Lehrer und mit Keuschheit (Brahmacarya); frei von Begierde gegenüber Göttern und Ahnen und frei von Missgunst.

Wort für Wort
tapasā guruvṛttyā ca
mit Askese und mit Dienst am Lehrer
brahmacaryeṇa cānvitaḥ
und mit Keuschheit ausgestattet
devatānāṃ pitṝṇāṃ ca
gegenüber Göttern und Ahnen
hy atṛṣṇaś cānasūyakaḥ
frei von Begierde und frei von Missgunst

vedānadhītya niyato dakṣiṇāmapavartya ca / abhyanujñāmanuprāpya samāvarteta vai dvijaḥ

Nachdem er, gezügelt, die Veden studiert und die Dakṣiṇā (Lehrergabe) entrichtet hat, soll der Zweimalgeborene, nachdem er die Erlaubnis des Lehrers erlangt hat, heimkehren.

Wort für Wort
vedān adhītya niyato
nachdem er, gezügelt, die Veden studiert hat
dakṣiṇām apavartya ca
und die Dakṣiṇā entrichtet hat
abhyanujñām anuprāpya
nachdem er die Erlaubnis erlangt hat
samāvarteta vai dvijaḥ
soll der Zweimalgeborene heimkehren

samāvṛttastu gārhasthye sadāro niyato vaset / anasūyuryathānyāyamāhitāgniranādṛte

Heimgekehrt aber soll er im Hausstand, mit Gattin, gezügelt wohnen, frei von Missgunst, gemäß der Regel, die heiligen Feuer errichtend, ohne den Gast zu missachten,

Wort für Wort
samāvṛttas tu gārhasthye
heimgekehrt aber, im Hausstand
sadāro niyato vaset
soll er mit Gattin, gezügelt, wohnen
anasūyur yathānyāyam
frei von Missgunst, gemäß der Regel
āhitāgnir anādṛte
die Feuer errichtend, ohne den Gast zu missachten

utpādya putrapautrāṃśca vanyāśramapade vaset / tānevāgnīnyathānyāyaṃ pūjayannatithipriyaḥ

Nachdem er Söhne und Enkel gezeugt hat, soll er in der Stufe des Waldeinsiedler-Āśramas wohnen, eben jene Feuer gemäß der Regel verehrend, dem Gast zugetan,

Wort für Wort
utpādya putrapautrāṃś ca
nachdem er Söhne und Enkel gezeugt hat
vanyāśramapade vaset
soll er in der Stufe des Wald-Āśramas wohnen
tān evāgnīn yathānyāyaṃ
eben jene Feuer gemäß der Regel
pūjayann atithipriyaḥ
verehrend, dem Gast zugetan

sarvānagnīnyathānyāyamātmanyāropya dharmavit / nirdvandvo vītarāgātmā brahmāśramapade vaset

Nachdem er, der Dharma-Kundige, alle Feuer gemäß der Regel in sich selbst aufgenommen hat, soll er, frei von den Gegensatzpaaren, seines Verlangens entledigten Sinnes, in der Stufe des Brahman-Āśramas wohnen.

Wort für Wort
sarvān agnīn yathānyāyam
alle Feuer gemäß der Regel
ātmany āropya dharmavit
in sich selbst aufnehmend, der Dharma-Kundige
nirdvandvo vītarāgātmā
frei von den Gegensatzpaaren, seines Verlangens entledigten Sinnes
brahmāśramapade vaset
soll er in der Stufe des Brahman-Āśramas wohnen

śuka uvāca utpanne jñānavijñāne pratyakṣe hṛdi śaśvate / na vinā gurusaṃvāsājjñānasyādhigamaḥ smṛtaḥ

Śuka sprach: Wenn Wissen und Erkenntnis, unmittelbar erfahrbar, im Herzen entstanden und beständig sind – dennoch gilt: ohne das Zusammenwohnen mit dem Lehrer wird das Erlangen des Wissens nicht für möglich gehalten.

Wort für Wort
utpanne jñānavijñāne
wenn Wissen und Erkenntnis entstanden sind
pratyakṣe hṛdi śaśvate
unmittelbar erfahrbar, im Herzen, beständig
na vinā gurusaṃvāsāj
nicht ohne das Zusammenwohnen mit dem Lehrer
jñānasyādhigamaḥ smṛtaḥ
wird das Erlangen des Wissens für möglich gehalten

kimavaśyaṃ tu vastavyamāśrameṣu na vā nṛpa / etadbhavantaṃ pṛcchāmi tadbhavānvaktumarhati

Muss man aber notwendig in den Āśramas verweilen oder nicht, o König? Dies frage ich dich; das mögest du darlegen.

Wort für Wort
kim avaśyaṃ tu vastavyam
muss man aber notwendig verweilen
āśrameṣu na vā nṛpa
in den Āśramas oder nicht, o König
etad bhavantaṃ pṛcchāmi
dies frage ich dich
tad bhavān vaktum arhati
das mögest du darlegen

janaka uvāca na vinā jñānavijñāne mokṣasyādhigamo bhavet /. na vinā gurusaṃbadhājjñānasyādhigamastathā

Janaka sprach: Ohne Wissen und Erkenntnis kann das Erlangen der Erlösung nicht stattfinden; ebenso kann ohne die Verbindung mit dem Lehrer das Erlangen des Wissens nicht stattfinden.

Wort für Wort
na vinā jñānavijñāne
nicht ohne Wissen und Erkenntnis
mokṣasyādhigamo bhavet
kann das Erlangen der Erlösung stattfinden
na vinā gurusaṃbandhāj
nicht ohne die Verbindung mit dem Lehrer
jñānasyādhigamas tathā
ebenso das Erlangen des Wissens

ācāryaḥ plāvitā tasya jñānaṃ plava ihocyate / vijñāya kṛtakṛtyastu tīrṇastatrobhayaṃ tyajet

Der Lehrer ist gleichsam der Fährmann, das Wissen wird hier als Floß bezeichnet. Wer beides erkannt hat und sein Ziel erreicht hat, der soll, übergesetzt, beides dort zurücklassen.

Wort für Wort
ācāryaḥ plāvayitā tasya
der Lehrer ist dessen Fährmann
jñānaṃ plava ihocyate
das Wissen wird hier als Floß bezeichnet
vijñāya kṛtakṛtyas tu
wer erkannt hat und sein Ziel erreicht hat
tīrṇas tatrobhayaṃ tyajet
soll, übergesetzt, dort beides zurücklassen

[?: „plāvitā“ wohl für „plāvayitā“ (Übersetzer/Fährmann) stehend.]

anucchedāya lokānāmanucchedāya karmaṇām / kṛtvā śubhāśubhaṃ karma mokṣo nāmeha labhyate

Zum Nicht-Abreißen der Weltenordnung, zum Nicht-Abreißen der rituellen Handlungen – erst nachdem man gute und schlechte Handlungen gebührend vollzogen hat, wird das, was hier ‚Erlösung' heißt, erlangt.

Wort für Wort
anucchedāya lokānām
zum Nicht-Abreißen der Weltenordnung
anucchedāya karmaṇām
zum Nicht-Abreißen der Handlungen
kṛtvā śubhāśubhaṃ karma
nachdem man gute und schlechte Handlung vollzogen hat
mokṣo nāmeha labhyate
wird das, was Erlösung heißt, hier erlangt

bhāvitaiḥ kāraṇaiścāryaṃ bahusaṃsārayoniṣu / āsādayati śuddhātmā mokṣaṃ hi prathamāśrame

Durch geübte Verdienste, in den vielfachen Mutterschößen des Saṃsāra gereift, erlangt der reinen Sinnes gewordene Mensch das Edle – die Erlösung – bereits im ersten Āśrama.

Wort für Wort
bhāvitaiḥ kāraṇaiś cāryaṃ
durch geübte Ursachen das Edle
bahusaṃsārayoniṣu
in den vielfachen Mutterschößen des Saṃsāra
āsādayati śuddhātmā
erlangt der reinen Sinnes gewordene
mokṣaṃ hi prathamāśrame
die Erlösung bereits im ersten Āśrama

[?: Konstruktion elliptisch; sinngemäß ergänzt.]

tamāsādya tu muktasya dṛṣṭārthasya vipaścitaḥ / tridhāśrameṣu konvartho bhavetparamabhīpsataḥ

Für den aber, der, befreit, sein Ziel geschaut hat, den Weisen, der dies erlangt hat – welchen Sinn hätten dann noch die drei weiteren Āśramas für den, der nach dem Höchsten verlangt?

Wort für Wort
tam āsādya tu muktasya
für den aber, der, befreit, dies erlangt hat
dṛṣṭārthasya vipaścitaḥ
der sein Ziel geschaut hat, den Weisen
tridhāśrameṣu ko nv
welchen Sinn hätten wohl die drei Āśramas
artho bhavet paramābhīpsataḥ
für den, der nach dem Höchsten verlangt

rājasāṃstāmasāṃścaiva nityaṃ doṣānvisarjayeta / sāttvikaṃ mārgamāsthāya paśyedātmānamātmanā

Die aus Rajas und ebenso die aus Tamas entstehenden Fehler soll er beständig aufgeben; indem er sich auf den Weg des Sattva stützt, soll er das Selbst durch das Selbst schauen,

Wort für Wort
rājasāṃs tāmasāṃś caiva
die aus Rajas und ebenso aus Tamas stammenden
nityaṃ doṣān visarjayeta
Fehler soll er beständig aufgeben
sāttvikaṃ mārgam āsthāya
indem er sich auf den Weg des Sattva stützt
paśyed ātmānam ātmanā
soll er das Selbst durch das Selbst schauen

sarvabhūteṣu cātmānaṃ sarvabhūtāni cātmani / saṃpaśyannaiva lipyeta jale vāricarago yathā

und, indem er das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst erblickt, nicht befleckt werden, gleichwie ein Wasserbewohner im Wasser.

Wort für Wort
sarvabhūteṣu cātmānaṃ
das Selbst in allen Wesen
sarvabhūtāni cātmani
und alle Wesen im Selbst
saṃpaśyann naiva lipyeta
erblickend, wird er nicht befleckt
jale vāricarago yathā
gleichwie ein Wasserbewohner im Wasser

pakṣīvatpavanādvardhvamamutrānuntyaśnute / vihāya dehaṃ nirmukto nirdvandvaḥ śubhasaṃgataḥ

Wie ein Vogel durch den Wind sich erhebt, so genießt er droben Unendlichkeit; nachdem er den Leib verlassen hat, befreit, frei von den Gegensatzpaaren, dem Guten verbunden.

Wort für Wort
pakṣīvat pavanād ūrdhvam
wie ein Vogel, durch den Wind, nach oben
amutrānantyam aśnute
genießt er dort Unendlichkeit
vihāya dehaṃ nirmukto
nachdem er den Leib verlassen hat, befreit
nirdvandvaḥ śubhasaṃgataḥ
frei von den Gegensatzpaaren, dem Guten verbunden

[?: „amutrānuntyaśnute“ unsicher segmentiert, wohl „amutrānantyam aśnute“ (er genießt dort die Unendlichkeit) gelesen.]

atra gāthāḥ purā gītāḥ śṛṇu rājñā yayātinā / dhāryate yā dvijaistāta mokṣaśāstraviśāradaiḥ

Höre hierzu die Verse (Gāthās), die einst von König Yayāti gesungen wurden – die von den in der Erlösungslehre bewanderten Zweimalgeborenen, mein Lieber, bewahrt werden.

Wort für Wort
atra gāthāḥ purā gītāḥ
hierzu die einst gesungenen Verse
śṛṇu rājñā yayātinā
höre, von König Yayāti
dhāryate yā dvijais tāta
die von den Zweimalgeborenen bewahrt werden, mein Lieber
mokṣaśāstraviśāradaiḥ
von den in der Erlösungslehre Bewanderten

jyotiścātmani nānyatra ratnaṃ tatraiva caiva tat / svayaṃ ca śakyaṃ taddraṣṭuṃ susamāhitarcatasā

Das Licht ist im Selbst, nirgendwo anders; der Edelstein ebenso eben dort. Und man vermag es selbst zu schauen, mit wohlgesammeltem Geist.

Wort für Wort
jyotiś cātmani nānyatra
das Licht ist im Selbst, nirgendwo anders
ratnaṃ tatraiva caiva tat
der Edelstein eben dort
svayaṃ ca śakyaṃ tad draṣṭuṃ
und man vermag es selbst zu schauen
susamāhitacetasā
mit wohlgesammeltem Geist

[?: „susamāhitarcatasā“ wohl für „susamāhitacetasā“ (mit wohlgesammeltem Geist) verlesen.]

na bibheti paro yasmānna bibheti parācca yaḥ / yaśca necchati na dveṣṭi brahma saṃpadyate sa tu

Vor wem der andere sich nicht fürchtet, und wer sich vor dem anderen nicht fürchtet, und wer weder begehrt noch hasst – der gelangt zum Brahman.

Wort für Wort
na bibheti paro yasmān
vor wem der andere sich nicht fürchtet
na bibheti parāc ca yaḥ
und wer sich vor dem anderen nicht fürchtet
yaś ca necchati na dveṣṭi
und wer weder begehrt noch hasst
brahma saṃpadyate sa tu
der gelangt zum Brahman

yadā bhāvaṃ na kurute sarvabhūteṣu pāpakam / pūrvairācarito dharmaścaturāśramasaṃjñakaḥ

Wenn er gegenüber allen Wesen keine böse Gesinnung mehr hegt – dies ist der von den Altvorderen geübte Dharma, benannt nach den vier Āśramas.

Wort für Wort
yadā bhāvaṃ na kurute
wenn er keine Gesinnung mehr hegt
sarvabhūteṣu pāpakam
gegenüber allen Wesen, eine böse
pūrvairācarito dharmaś
der von den Altvorderen geübte Dharma
caturāśramasaṃjñakaḥ
benannt nach den vier Āśramas

anena kramayogena bahujātisukarmaṇām / karmaṇā manasā vācā brahma saṃpadyate tadā

Durch diesen stufenweisen Vollzug, gereift durch die guten Taten vieler Geburten, gelangt er dann durch Tat, Denken und Rede zum Brahman.

Wort für Wort
anena kramayogena
durch diesen stufenweisen Vollzug
bahujātisukarmaṇām
der guten Taten vieler Geburten
karmaṇā manasā vācā
durch Tat, Denken und Rede
brahma saṃpadyate tadā
gelangt er dann zum Brahman

rsuyojya tapasātmānamīrṣyāmutsṛjya mohinīm / tyaktva kāmaṃ ca lobhaṃ ca tato brahmatvamaśnute

Nachdem er das Selbst durch Askese recht eingesetzt und die verblendende Eifersucht aufgegeben hat, und nachdem er Begierde und Habsucht aufgegeben hat, erlangt er sodann den Zustand des Brahman.

Wort für Wort
niyojya tapasātmānam
nachdem er das Selbst durch Askese eingesetzt hat
īrṣyām utsṛjya mohinīm
und die verblendende Eifersucht aufgegeben hat
tyaktvā kāmaṃ ca lobhaṃ ca
und Begierde und Habsucht aufgegeben hat
tato brahmatvam aśnute
erlangt er sodann den Zustand des Brahman

[?: „rsuyojya“ unsicher, wohl „niyojya“ (einsetzend) verlesen.]

yadā śrāvye ca dṛśye ca sarvabhūteṣu cāvyayam / samo bhavati nirdvudvo brahma saṃpadyate tadā

Wenn er gegenüber dem Hörbaren und dem Sichtbaren sowie gegenüber allen Wesen unwandelbar gleichmütig und frei von den Gegensatzpaaren wird, dann gelangt er zum Brahman.

Wort für Wort
yadā śrāvye ca dṛśye ca
wenn gegenüber dem Hörbaren und dem Sichtbaren
sarvabhūteṣu cāvyayam
und gegenüber allen Wesen, unwandelbar
samo bhavati nirdvandvo
er gleichmütig und frei von den Gegensatzpaaren wird
brahma saṃpadyate tadā
gelangt er dann zum Brahman

yadā stuti ca rnidāṃ ca samatvena ca paśyati / kāñcanaṃ cāyasaṃ caiva sukhaduḥkhe tathaiva ca

Wenn er Lob und Tadel mit Gleichmut betrachtet, sowie Gold und Eisen, und ebenso Freud und Leid,

Wort für Wort
yadā stutiṃ ca nindāṃ ca
wenn er Lob und Tadel
samatvena ca paśyati
mit Gleichmut betrachtet
kāñcanaṃ cāyasaṃ caiva
Gold und ebenso Eisen
sukhaduḥkhe tathaiva ca
und ebenso Freud und Leid

[?: „rnidāṃ“ wohl für „nindāṃ“ (Tadel) verlesen.]

śītamuṣṇaṃ tathaivārthamanarnthaṃ priyamapriyam / jīvitaṃ maraṇaṃ caiva brahma saṃpadyate tadā

Kälte und Hitze, ebenso Gewinn und Verlust, Angenehmes und Unangenehmes, Leben und Tod – wenn er all dies gleichmütig sieht, gelangt er dann zum Brahman.

Wort für Wort
śītam uṣṇaṃ tathaivārtham
Kälte, Hitze, ebenso Gewinn
anarthaṃ priyam apriyam
Verlust, Angenehmes, Unangenehmes
jīvitaṃ maraṇaṃ caiva
Leben und ebenso Tod
brahma saṃpadyate tadā
gelangt er dann zum Brahman

prasāryeha yathāṅgāni kūrmaḥ saṃharate punaḥ / tarthedriyāṇi manasā saṃyantavyāni bhikṣuṇā

Wie eine Schildkröte hier ihre Glieder ausstreckt und sie wieder einzieht, so sollen die Sinne vom wandernden Bettelmönch mit dem Denken gezügelt werden.

Wort für Wort
prasārya iha yathāṅgāni
wie sie hier die Glieder ausstreckt
kūrmaḥ saṃharate punaḥ
eine Schildkröte, sie wieder einzieht
tathendriyāṇi manasā
so auch die Sinne mit dem Denken
saṃyantavyāni bhikṣuṇā
sollen vom Bettelmönch gezügelt werden

[?: „tarthedriyāṇi“ wohl für „tathendriyāṇi“ (so auch die Sinne) verlesen.]

tamaḥ parigataṃ veśya yathā dīpena dṛśyate / tathā buddhipradīpena śakya ātmā nirīkṣitum

Wie ein von Dunkelheit umgebenes Haus durch eine Lampe sichtbar wird, so ist das Selbst durch die Lampe der Erkenntnis (Buddhi) zu erschauen imstande.

Wort für Wort
tamaḥ parigataṃ veśma
ein von Dunkelheit umgebenes Haus
yathā dīpena dṛśyate
wie durch eine Lampe sichtbar wird
tathā buddhipradīpena
so durch die Lampe der Erkenntnis
śakya ātmā nirīkṣitum
ist das Selbst zu erschauen imstande

[?: „veśya“ wohl für „veśma“ (Haus) verlesen.]

etatsarvaṃ prapaśyāmi tvayi buddhimatāṃvara / yañcānyadapi vettavyaṃ tattvato vetti tadbhavān

All dies erblicke ich in dir, o Bester der Verständigen; und was sonst noch zu wissen wäre – das weißt du, der Erhabene, der Wahrheit gemäß.

Wort für Wort
etat sarvaṃ prapaśyāmi
all dies erblicke ich
tvayi buddhimatāṃ vara
in dir, o Bester der Verständigen
yac cānyad api vettavyaṃ
und was sonst noch zu wissen wäre
tattvato vetti tad bhavān
das weißt du, der Erhabene, der Wahrheit gemäß

brahmarṣe viditaśvāsi viṣayāntamupāgataḥ / guroścaiva prasādena tava caivopaśikṣayā

O Brahmarṣi, du bist als der Erkannte bekannt, da du zum Ende der Erkenntnis-Gegenstände gelangt bist – durch die Gnade des Lehrers sowie auch durch deine eigene innere Unterweisung.

Wort für Wort
brahmarṣe vidita evāsi
o Brahmarṣi, du bist wahrlich erkannt
viṣayāntam upāgataḥ
da du zum Ende der Erkenntnis-Gegenstände gelangt bist
guroś caiva prasādena
durch die Gnade des Lehrers
tava caivopaśikṣayā
und auch durch deine eigene Unterweisung

[?: „viditaśvāsi“ unsicher segmentiert, wohl „vidita evāsi“ (du bist wahrlich erkannt) gelesen.]

tasya caiva prasādena prādurbhūtaṃ mahāmuneḥ / jñānaṃ divyaṃ samādīptaṃ tenāsi vidito vidito mama

Und eben durch dessen Gnade ist in dir göttliches, hell erstrahlendes Wissen erschienen; dadurch bist du mir als solcher bekannt.

Wort für Wort
tasya caiva prasādena
und eben durch dessen Gnade
prādurbhūtaṃ mahāmuneḥ
ist erschienen, des großen Muni
jñānaṃ divyaṃ samādīptaṃ
göttliches, hell erstrahlendes Wissen
tenāsi vidito mama
dadurch bist du mir bekannt

[?: „tenāsi vidito vidito mama“ enthält im Quelltext eine Doppelung von „vidito“; als Dittographie behandelt und nur einmal übersetzt.]

ardhikaṃ tava vijñānamadhi kāvagatistava / adhikaṃ ca tavaiśvaryaṃ tañca tvaṃ nāvabudhyase

Größer ist dein Wissen, größer deine Einsicht; größer auch deine Herrschermacht (Aiśvarya) – und dies erkennst du selbst nicht.

Wort für Wort
adhikaṃ tava vijñānam
größer ist dein Wissen
adhikā avagatis tava
größer deine Einsicht
adhikaṃ ca tavaiśvaryaṃ
und größer deine Herrschermacht
tac ca tvaṃ nāvabudhyase
und dies erkennst du selbst nicht

[?: „ardhikaṃ“ und „adhi kāvagatistava“ unsicher segmentiert; beide vermutlich für „adhikam“ (größer) stehend.]

bālyādvā saṃśayādvāpi bhayādvāpi vimeṣajāt / utpanne cāpi vijñā ne nādhigacchanti tāṅgatim

Sei es aus Kindlichkeit, sei es aus Zweifel, sei es aus einer aus Unentschlossenheit entstandenen Furcht – selbst wenn Erkenntnis entstanden ist, erlangen manche jenen wahren Zustand nicht.

Wort für Wort
bālyād vā saṃśayād vāpi
sei es aus Kindlichkeit, sei es aus Zweifel
bhayād vāpi vimarśajāt
sei es aus einer aus Unentschlossenheit entstandenen Furcht
utpanne cāpi vijñāne
selbst wenn Erkenntnis entstanden ist
nādhigacchanti tāṅgatim
erlangen sie jenen Zustand nicht

[?: „vimeṣajāt“ unsicher, wohl „vimarśajāt“ (aus Zweifel/Unentschlossenheit entstanden) gelesen.]

vyavasāyena śuddhena madvidhaiśchinnasaṃśayāḥ / vimucya hṛdayagranthīnārtimāsādayanti tām

Durch reinen Entschluss lösen Menschen meiner Art, deren Zweifel geschwunden sind, die Herzensknoten und erlangen jenen leidfreien Zustand.

Wort für Wort
vyavasāyena śuddhena
durch reinen Entschluss
madvidhaiś chinnasaṃśayāḥ
Menschen meiner Art, deren Zweifel geschwunden sind
vimucya hṛdayagranthīn
die Herzensknoten lösend
ārtim āsādayanti tām
erlangen sie jenen leidfreien Zustand

[?: „ārtim“ hier möglicherweise entstellt überliefert (etwa für „śāntim“, den Zustand der Ruhe); sinngemäß als Erlangen des leidfreien Zustands übersetzt.]

mavāṃścotpannavijñānaḥ sthirabaguddhiralolupaḥ / vyavasāyādṛte brahmannāsādayati tatpadam

Selbst wer, o Brahmane, wie ich, zu Erkenntnis gelangt, fester Einsicht und frei von Gier ist – ohne festen Entschluss erlangt er jenen höchsten Zustand nicht.

Wort für Wort
mad-vāṃś cotpannavijñānaḥ
auch wer wie ich, zu Erkenntnis gelangt
sthirabuddhir alolupaḥ
fester Einsicht, frei von Gier
vyavasāyād ṛte brahmann
ohne festen Entschluss, o Brahmane
nāsādayati tatpadam
erlangt er jenen Zustand nicht

[?: „mavāṃś“ wohl für „mad-vān“ i.S.v. „meinesgleichen“ gelesen; „sthirabaguddhiḥ“ für „sthirabuddhiḥ“ verlesen.]

nāsti te sukhaduḥkheṣu viśeṣo nāsti vastuṣu / nautsukyaṃ nṛtyagīteṣu na rāga upajāyate

Für dich gibt es keinen Unterschied in Freud und Leid, keinen in den äußeren Dingen; kein Verlangen entsteht in dir bei Tanz und Gesang, keine Leidenschaft.

Wort für Wort
nāsti te sukhaduḥkheṣu
für dich gibt es in Freud und Leid keinen
viśeṣo nāsti vastuṣu
Unterschied; keinen Unterschied gibt es in den Dingen
nautsukyaṃ nṛtyagīteṣu
kein Verlangen bei Tanz und Gesang
na rāga upajāyate
keine Leidenschaft entsteht

na bandhuṣu nibandhaste na bhayeṣvasti te bhayam / paśyāmitvāṃ mahābhāga tulyanindātmasaṃstutim

Keine Bindung hast du an Verwandte, keine Furcht hast du vor dem Furchtbaren; ich sehe dich, o Hochgesegneter, dem Tadel wie dem Eigenlob gleichmütig gegenüberstehend,

Wort für Wort
na bandhuṣu nibandhas te
keine Bindung hast du an Verwandte
na bhayeṣv asti te bhayam
keine Furcht hast du vor dem Furchtbaren
paśyāmi tvāṃ mahābhāga
ich sehe dich, o Hochgesegneter
tulyanindātmasaṃstutim
dem Tadel wie dem Eigenlob gleichmütig gegenüberstehend

ahaṃ ca tvānupaśyāmi ye cānye 'pi manīṣiṇaḥ / āsthitaṃ paramaṃ mārge akṣayaṃ cāpyanāmayam

und ich sehe dich – sowie auch die anderen Weisen dich sehen – auf dem höchsten Pfad verweilend, der unvergänglich und frei von Leiden ist.

Wort für Wort
ahaṃ ca tvānupaśyāmi
und ich sehe dich
ye cānye 'pi manīṣiṇaḥ
und auch die anderen Weisen
āsthitaṃ paramaṃ mārge
auf dem höchsten Pfad verweilend
akṣayaṃ cāpy anāmayam
der unvergänglich und auch frei von Leiden ist

yatphalaṃ brāhmaṇasyeha mokṣārthaścāpadātmakaḥ / tasminvai vartase viprakimanyatparipṛcchasi

In eben dem, was hier die Frucht des Brahmanen ist, im auf Erlösung gerichteten, makellosen Streben – darin, o Brahmane, verweilst du bereits; was fragst du noch anderes?

Wort für Wort
yat phalaṃ brāhmaṇasyeha
was hier die Frucht des Brahmanen ist
mokṣārthaś cāpadātmakaḥ
das auf Erlösung gerichtete, makellose Streben
tasmin vai vartase vipra
darin verweilst du bereits, o Brahmane
kim anyat paripṛcchasi
was fragst du noch anderes

[?: „cāpadātmakaḥ“ unsicher – wohl „apadātmakaḥ“ (ohne Fehltritt, makellos) o.ä. gelesen.]

sanandana uvāca etacchutvā tu vacanaṃ katātmā kṛtaniścayaḥ / ātmanātmānamāsthāya dṛṣṭvā cātmānamātmanā

Sanandana sprach: Nachdem er diese Rede gehört hatte, wurde Śuka geläuterten Sinnes, zu festem Entschluss gelangt; nachdem er, durch das Selbst im Selbst verweilend, das Selbst durch das Selbst geschaut hatte,

Wort für Wort
etac chrutvā tu vacanaṃ
nachdem er diese Rede gehört hatte
kṛtātmā kṛtaniścayaḥ
geläuterten Sinnes, zu festem Entschluss gelangt
ātmanātmānam āsthāya
durch das Selbst im Selbst verweilend
dṛṣṭvā cātmānam ātmanā
und das Selbst durch das Selbst geschaut habend

[?: „katātmā“ unsicher, wohl „kṛtātmā“ (geläuterten Sinnes, vollendet) gelesen.]

kṛtakāryaḥ sukhī śāntastūṣṇīṃ prāyādudaṅmukhaḥ / śaiśiraṃ girimāsādya pārāśaryaṃ dadarśa ca

sein Werk vollendet, glückselig und friedvoll, zog er schweigend nordwärts gewandt fort; zum Śaiśira-Berg gelangend, erblickte er den Sohn des Parāśara [Vyāsa]

Wort für Wort
kṛtakāryaḥ sukhī śāntas
sein Werk vollendet, glückselig und friedvoll
tūṣṇīṃ prāyād udaṅmukhaḥ
zog er schweigend nordwärts gewandt fort
śaiśiraṃ girim āsādya
zum Śaiśira-Berg gelangend
pārāśaryaṃ dadarśa ca
erblickte er den Sohn des Parāśara

śiṣyānadhyāpayantaṃ ca pailādīnvedasaṃhitāḥ / ārarṇeyo viśuddhātmā divākarasamaprabhaḥ

wie er die Schüler, Paila und andere, in den Veda-Saṃhitās unterrichtete – ihn, den ganz reinen Sohn des Reibholzes, von sonnengleichem Glanz.

Wort für Wort
śiṣyān adhyāpayantaṃ ca
wie er die Schüler unterrichtete
pailādīn vedasaṃhitāḥ
Paila u.a. in den Veda-Saṃhitās
āraṇeyo viśuddhātmā
der Sohn des Reibholzes, ganz reinen Sinnes
divākarasamaprabhaḥ
von sonnengleichem Glanz

piturjagrāha pādau caja sādaraṃ hṛṣṭamānasaḥ / tato nivedayāmāsa pituḥ sarvamudāradhīḥ

Ehrfurchtsvoll und frohen Sinnes ergriff er die Füße des Vaters; sodann berichtete er, edlen Geistes, dem Vater alles

Wort für Wort
pitur jagrāha pādau
er ergriff die Füße des Vaters
sādaraṃ hṛṣṭamānasaḥ
ehrfurchtsvoll und frohen Sinnes
tato nivedayāmāsa
sodann berichtete er
pituḥ sarvam udāradhīḥ
dem Vater alles, edlen Geistes

[?: „caja“ ist offenbar ein sinnentleertes Textfragment; nicht übersetzt.]

śuko janakarājena saṃvādaṃ mokṣasādhanam / tacchatvā vedakartāsau prahṛṣṭenāntarātmanā

– Śuka berichtete das Gespräch mit König Janaka über die Mittel zur Erlösung. Nachdem er dies gehört hatte, freute sich jener Schöpfer des Veda [Vyāsa] in seinem Innersten, hocherfreut,

Wort für Wort
śuko janakarājena
Śuka [berichtete das Gespräch] mit König Janaka
saṃvādaṃ mokṣasādhanam
das Gespräch über die Mittel zur Erlösung
tac chrutvā vedakartāsau
nachdem er dies gehört hatte, jener Schöpfer des Veda
prahṛṣṭenāntarātmanā
mit hocherfreutem Innerstem

samāliṅgya sutaṃ vyāsaḥ svapārśvasthaṃ cakāra ca

und Vyāsa umarmte seinen Sohn und ließ ihn an seiner Seite verweilen.

Wort für Wort
samāliṅgya sutaṃ vyāsaḥ
Vyāsa umarmte den Sohn
svapārśvasthaṃ cakāra ca
und ließ ihn an seiner eigenen Seite verweilen

[Anm.: Vers 54 besteht im Quelltext nur aus einer Halbzeile (einem Pāda-Paar); die zweite Vershälfte fehlt in der Quelle.]

tataḥ pailādayo viprā vedān vyāsādadhītya ca / śailaśṛṅgādbhuvaṃ prāptā yājanādhyāpane ratāḥ

Darauf gelangten die Brahmanen, Paila und die anderen, nachdem sie die Veden von Vyāsa erlernt hatten, vom Berggipfel herab zur Erde, dem Opferdienst und dem Unterrichten hingegeben.

Wort für Wort
tataḥ pailādayo viprā
darauf die Brahmanen, Paila und die anderen
vedān vyāsād adhītya ca
nachdem sie die Veden von Vyāsa erlernt hatten
śailaśṛṅgād bhuvaṃ prāptā
gelangten sie vom Berggipfel zur Erde
yājanādhyāpane ratāḥ
dem Opferdienst und dem Unterrichten hingegeben

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