Kapitel 61: mokṣadharmanirūpaṇam
Darlegung der Erlösungslehre (mokṣadharma)
Letztes Kapitel des zweiten Pāda. Titel dem Kolophon entnommen ("mokṣadharṃmanirūpaṇaṃ nāma"); dieser Kolophon-Wortlaut selbst steht, wie im Textkorpus üblich, nicht am Ende dieses Kapitels, sondern — zusammen mit dem Satz "samāptaścāyaṃ dvitīyaḥ pādaḥ" ("Hiermit ist dieser zweite Pāda beendet") — am Kopf der folgenden Quelldatei (Kapitel 62). [Anm.: Die dort verzeichnete Sanskrit-Ordnungszahl "dviṣaṣṭitama" (62.) weicht von der fortlaufenden Projektzählung (61.) um eins ab; ebenso trägt die im Kopf DIESER Datei stehende, zu Kapitel 60 gehörige Kolophonzeile die Ordnungszahl "ekaṣaṣṭitama" (61.) statt der erwarteten 60. Diese durchgängige Verschiebung um jeweils einen Zähler ist eine Anomalie der Quellüberlieferung und wird hier unkommentiert dokumentiert.] Inhaltlich schildert das Kapitel die Erlösung (den yogischen Aufflug und das Eingehen ins Brahman) des Śuka, seine Begegnung mit Nārāyaṇa auf der Śvetadvīpa bzw. in Vaikuṇṭha samt Hymnus (V.51-65), sowie die Entstehung der Bhāgavata-Saṃhitā durch Vyāsa auf Anregung Nāradas.
Sūta sprach: Nachdem der erhabene Seher Nārada diese Rede gehört hatte, o Brahmane, befragte er wiederum jenen Muni [Sanatkumāra] über den Aufflug Śukas.
Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
etat śrutvā tu vacanam
nachdem er diese Rede gehört hatte
nāradaḥ bhagavān ṛṣiḥ
der erhabene Seher Nārada
punaḥ papraccha taṃ vipra
fragte wiederum jenen, o Brahmane
śuka-abhipatanam munim
den Muni über Śukas Aufflug
[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext eine Kolophonzeile vorangestellt ("iti ... ekaṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ", gefolgt von einer Trennlinie). Diese Ordnungszahl "ekaṣaṣṭitama" (61.) gehört, dem Aufbau der Quelle nach zu urteilen, nicht zu diesem Kapitel, sondern ist der versetzt überlieferte Schlusskolophon des vorangehenden Kapitels 60; sie wurde im sa-Feld dokumentiert, aber nicht in die Übersetzung einbezogen.]
nārada uvāca
bhagavansarvamākhyātaṃ tvayātikaruṇātmanā /
yacchrṛtvā mānasaṃ me 'dya śāntimagryāmupāgatam
Nārada sprach: O Herr, alles wurde von dir, dessen Wesen überaus mitleidsvoll ist, dargelegt; nachdem ich es gehört habe, ist mein Geist heute zur höchsten Ruhe gelangt.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
bhagavan sarvam ākhyātaṃ tvayā atikaruṇātmanā
o Herr, alles wurde von dir, dem überaus Mitleidsvollen, dargelegt
ye tu saṃsāranirmuktā mokṣa śāstraparāyaṇāḥ /
kutra te nivasaṃtīha saṃśayo me mahānayam
Diejenigen aber, die vom Kreislauf des Daseins befreit und der Lehre der Erlösung ganz hingegeben sind — wo wohnen sie hier? Dies ist mein großer Zweifel.
„Zerschneide diesen [Zweifel], o Hochgesegneter — denn es gibt keinen anderen, der [ihn] besser wüsste als du!“ Sanatkumāra sprach: [Und Śuka] richtete sich selbst gemäß der Lehre aus [in yogischer Sammlung].
Wort für Wort
taṃ chindhi sumahābhāga
zerschneide diesen [Zweifel], o Hochgesegneter
tvattaḥ na anyaḥ vidāṃvaraḥ
denn es gibt keinen anderen, der besser wüsste, als du
sanatkumāraḥ uvāca
Sanatkumāra sprach
dhārayāmāsa ca ātmānaṃ yathāśāstraṃ mahāmuniḥ
und der große Muni [Śuka] richtete sich selbst gemäß der Lehre aus
[Anm.: Der Vers ist im Quelltext offenkundig unvollständig überliefert — es fehlen mutmaßlich zwei Pādas. Die Abkürzung "sanaṃ.u" steht für die Sprecherangabe "sanatkumāra uvāca" ("Sanatkumāra sprach"), die hier mitten im Vers eingefügt ist und den Übergang von Nāradas Frage zu Sanatkumāras Erzählung markiert.]
pādātprabhṛti gātreṣu krameṇa kramayogavit /
tataḥ sa prāṅmukho vidvānādityena virocite
Von den Füßen angefangen zog er der Reihe nach durch die Glieder [seine Lebenskraft zurück], er, der Kenner des stufenweisen Yoga; darauf [saß] er, das Gesicht nach Osten gewandt, der Kundige, an jenem von der Sonne erleuchteten [Ort].
Wort für Wort
pādāt prabhṛti gātreṣu krameṇa
von den Füßen angefangen, der Reihe nach durch die Glieder
kramayogavit
der Kenner des stufenweisen Yoga
tataḥ sa prāṅmukhaḥ vidvān
darauf er, das Gesicht nach Osten gewandt, der Kundige
pāṇipādaṃ samādhāya vinītavadupāviśat /
na tatra pakṣisaṃghāto na śabdo na ca darśanam
Nachdem er Hände und Füße [in rechter Haltung] zusammengelegt hatte, setzte er sich nieder wie ein Gedemütigter; dort gab es weder eine Ansammlung von Vögeln noch Laut noch [sonstiges] Sichtbarwerden.
yatra vaiyāsakirddhāmni yoktuṃ samupacakrame /
sa dadarśa tadātmānaṃ sarvasaṃgaviniḥsṛtaḥ
Dort, wo sich der Sohn des Vyāsa an jener leuchtenden Stätte anschickte, sich [in Yoga] zu verbinden, da erblickte er sein [wahres] Selbst, nunmehr frei von aller Anhaftung.
mahāyogīśvaro bhūtvā so 'tyakrāmadvihāyasam /
antarīkṣacaraḥ śrīmānvyāsaputraḥ suniścitaḥ
Nachdem er ein großer Herrscher der Yogins geworden war, überstieg er den Luftraum; der glanzvolle, wohlentschlossene Sohn des Vyāsa wandelte im Luftraum dahin.
Wort für Wort
mahāyogīśvaraḥ bhūtvā
nachdem er ein großer Herrscher der Yogins geworden war
saḥ atyakrāmat vihāyasam
überstieg er den Luftraum
antarīkṣacaraḥ śrīmān vyāsaputraḥ suniścitaḥ
der im Luftraum wandelnde, glanzvolle, wohlentschlossene Sohn des Vyāsa
Ihn, den emporsteigenden Besten der Zweifachgeborenen, an Glanz dem Sohn der Vinatā gleich, von der Geschwindigkeit des Geistes und des Windes — ihn sahen alle Wesen.
Wort für Wort
tam undyantaṃ dvijaśreṣṭhaṃ
ihn, den emporsteigenden Besten der Zweifachgeborenen
vainateyasamadyutim
an Glanz dem Sohn der Vinatā (Garuḍa) gleich
manomārutaraṃhasam
von der Geschwindigkeit des Geistes und des Windes
Beim Anblick von ihm waren erstaunt alle Scharen der Gandharvas und Apsaras und auch die vollendeten Seher: „Wer ist dieser, der zur Vollendung gelangt ist?“
bāḍhamuktastatastaistu lokānhitvā caturvidhān /
tamo hyaṣṭavidhaṃ tyaktvā jahau pañcavidhaṃ rajaḥ
Mit dem Wort „gewiss!“ von ihnen entlassen, verließ er darauf die vierfachen Welten; nachdem er das achtfache tamas aufgegeben hatte, gab er auch das fünffache rajas auf.
Dann gab der Weise auch das sattva auf; das erschien wie ein Wunder; darauf [gelangte er] zu jenem ewigen, eigenschaftslosen Zustand, der durch das [feinstoffliche] Kennzeichen verehrt wird.
Wort für Wort
tataḥ satvaṃ jahau dhīmān
dann gab der Weise das sattva auf
tat adbhutam iva abhavat
das erschien wie ein Wunder
tataḥ tasmin pade nitye nirguṇe
darauf zu jenem ewigen, eigenschaftslosen Zustand
liṅgapūjite
der durch das (feinstoffliche) Kennzeichen verehrt wird [?]
[?] 'liṅgapūjite' unsicher gedeutet als 'durch das (subtile) Kennzeichen/den Leib verehrt'.
tataḥ sa śṛṅge 'pratime himavanmerusannibhe /
saṃśliṣṭe śvetapīte ca rukmarūpyamaye śubhe
Dann [gelangte er] zu jenem unvergleichlichen, dem Himavat und Meru gleichenden Doppelgipfel, eng verbunden, weiß und gelb, aus Gold und Silber bestehend, herrlich.
te śṛṅge 'tyantasaṃśliṣṭe sahasaiva dvidhākṛte /
adṛśyetāṃ dvijaśreṣṭha tadadbhutamivābhavat
Jene beiden aufs Äußerste eng verbundenen Gipfel wurden plötzlich in zwei geteilt; sie wurden sichtbar [als getrennte], o Bester der Zweifachgeborenen — das erschien wie ein Wunder.
tasyāṃ krīḍāsu niratāḥ snānti caivāpsarogaṇāḥ /
nirākāraṃ tu sākārādadṛśustaṃ vivāsasaḥ
In ihr, dem Spiel hingegeben, badeten Scharen von Apsaras; sie, die Unbekleideten, erblickten ihn, den [obgleich] Gestalthabenden, gleichwohl als Gestaltlosen [und empfanden daher keine Scham vor ihm].
Wort für Wort
tasyāṃ krīḍāsu niratāḥ
in ihr, dem Spiel hingegeben
snānti ca eva apsarogaṇāḥ
badeten die Scharen von Apsaras
nirākāraṃ tu sākārāt
als Gestaltlosen, [obgleich er] Gestalt [hatte]
adṛśuḥ taṃ vivāsasaḥ
erblickten ihn die Unbekleideten
[?] 'nirākāraṃ tu sākārāt' frei gedeutet: Śuka wurde von den badenden Apsaras trotz seiner Körperlichkeit als 'formlos', d.h. jenseits geschlechtlicher Wahrnehmung, erlebt (Anspielung auf die bekannte Episode, in der die Apsaras sich vor Śuka nicht verhüllen, wohl aber später vor Vyāsa).
Śuka aber, nachdem er einen Gang oberhalb des Windes, durch den Luftraum, vollzogen hatte, wurde da, nachdem er seine eigene Macht gezeigt hatte, zum Allwesen.
Wort für Wort
śukaḥ tu mārutāt ūrdhvaṃ
Śuka aber, oberhalb des Windes
gatiṃ kṛtvā antarikṣagām
nachdem er einen Gang durch den Luftraum vollzogen hatte
Śuka, der zum Alldurchdringenden, zum All-Selbst, zum Allseitig-Gewandten geworden war, antwortete, der Fromme, indem er mit dem Laut ‚Bhoḥ!‘ widerhallen ließ.
Wort für Wort
śukaḥ sarvagatiḥ bhūtvā
Śuka, nachdem er zum Alldurchdringenden geworden war
tataḥ prabhṛti vādyāpi śabdānuñcāritānpṛthak /
girigahvarapṛṣṭeṣu vyājahāra śukaṃ prati
Seither, bis heute, erschallen einzeln jene laut ausgesprochenen Laute — auf den Bergrücken und in den Bergschluchten — bezogen auf Śuka [als Widerhall].
Wort für Wort
tataḥ prabhṛti vā adya api
seither, bis heute
śabdān uñcāritān pṛthak
die einzeln laut ausgesprochenen Laute
girigahvarapṛṣṭeṣu
auf Bergrücken und in Bergschluchten
vyājahāra śukaṃ prati
erschallen sie, auf Śuka bezogen [?]
[?] Subjekt von 'vyājahāra' im Quelltext nicht eindeutig (vermutlich unpersönlich/das Echo selbst); Vers als ätiologische Erklärung des Bergechos gedeutet.
„Warum bist du bekümmert, o Muni, in Aufruhr wegen deines Sohnes? Siehst du nicht, o Brahmane, wie er, zum Brahman geworden, in dein eigenes Inneres eingeht?“
Wort für Wort
kim u tvaṃ tāmyasi mune
warum bist du bekümmert, o Muni
putraṃ prati samākulaḥ
wegen des Sohnes in Aufruhr
paśyasi vipra na āyāntaṃ
siehst du nicht, o Brahmane, den Eintretenden
brahmabhūtaṃ nijāntire
der, zum Brahman geworden, in dein eigenes Inneres [eingeht]
Und von Śukadeva gepriesen, sprach er wohlgeneigt, o Nārada. Der erhabene Herr sprach: „Von dir bin ich gesehen worden, o Herrscher der Yogins, der ich im Geheimen aller Götter weile.“
Wort für Wort
stutaḥ ca śukadevena
und von Śukadeva gepriesen
prasannaḥ prāha nārada
sprach er wohlgeneigt, o Nārada
śrībhagavān uvāca
der erhabene Herr sprach
tvayā dṛṣṭaḥ asmi yogīndra
von dir bin ich gesehen worden, o Herrscher der Yogins
„Durch den von Sanatkumāra gelehrten Yoga vollendet, o Sohn eines Brahmanen, stehst du stets auf dem Pfad des [freien] Gehens; betrachte die Welten nach Belieben.“
Wort für Wort
sanatkumārādiṣṭena yogena siddhaḥ
durch den von Sanatkumāra gelehrten Yoga vollendet
So von Vāsudeva angesprochen, verneigte sich der aus Araṇi Entsprossene (Śuka) vor ihm und begab sich nach Vaikuṇṭha, o Brahmane, das von allen Welten verehrt wird.
Wort für Wort
iti uktaḥ vāsudevena
so von Vāsudeva angesprochen
taṃ natvā āraṇisaṃbhavaḥ
verneigte sich der aus Araṇi Entsprossene (Śuka) vor ihm
[Vaikuṇṭha], das von den in Flugwagen [reisenden] Göttern besucht wird, das von [der Flussgöttin] Virajā umgeben ist — dem [Leuchtenden] leuchten, wenn es strahlt, alle diese Welten nach, o Nārada.
Wort für Wort
vaimānikaiḥ suraiḥ juṣṭaṃ
von den in Flugwagen [reisenden] Göttern besucht
virajāpariceṣṭitam
von Virajā umgeben [?]
yaṃ bhāntam anubhānti ete
dem, wenn es strahlt, diese nachleuchten
lokāḥ sarve api nārada
alle Welten, o Nārada
[?] 'virajāpariceṣṭitam' unsicher gedeutet als 'von [der Flussgöttin] Virajā umgeben/durchzogen'.
Wo es Treppenstufen aus Korallen gibt, bunt geschmückt mit Gold und Edelsteinen, und Teiche, bedeckt mit Lotosblumen, erfüllt vom Spiel der Götterfrauen,
divyairhaṃsakulairghuṣṭāḥ svacchāṃbunibhṛtāḥ sadā /
tatra dvāḥsthaiścaturhastenārnābharaṇabhūṣitaiḥ
— die von göttlichen Scharen von Schwänen umtönt, stets mit klarem Wasser gefüllt sind; dort, von den vierarmigen Torwächtern, geschmückt mit strahlendem Schmuck [begrüßt],
Wort für Wort
divyaiḥ haṃsakulaiḥ ghuṣṭāḥ
von göttlichen Scharen von Schwänen umtönt
svacchāṃbunibhṛtāḥ sadā
stets mit klarem Wasser gefüllt
tatra dvāḥsthaiḥ caturhastena
dort, von den vierarmigen Torwächtern
arṇābharaṇabhūṣitaiḥ
geschmückt mit strahlendem Schmuck [?]
[?] 'caturhastenārnābharaṇabhūṣitaiḥ' unsicher; 'ārṇa-' vermutlich Verschreibung für 'ratna-' o.ä. ('juwelenbesetzt') — sinngemäß als 'strahlender Schmuck' wiedergegeben.
viṣvaksenānugaiḥ siddhaiḥ kumudādyairavā ritaḥ /
praviśyābhyāntaraṃ tatra devadevaṃ caturbhujam
— umgeben von den vollendeten Gefolgsleuten Viṣvaksenas, angefangen mit Kumuda — [betrat Śuka jenes Vaikuṇṭha]; nachdem er dort ins Innere eingetreten war, [erblickte er] den vierarmigen Gott der Götter,
Wort für Wort
viṣvaksenānugaiḥ siddhaiḥ
von den vollendeten Gefolgsleuten Viṣvaksenas
kumudādyaiḥ āvṛtaḥ
umgeben, angefangen mit Kumuda [?]
praviśya abhyāntaraṃ tatra
nachdem er dort ins Innere eingetreten war
devadevaṃ caturbhujam
den vierarmigen Gott der Götter
[?] 'avā ritaḥ' im Quelltext mit Lücke überliefert; als 'āvṛtaḥ' ('umgeben') gedeutet.
— den Friedvollen, mit heiterem Antlitz, in gelbe Seidengewänder gekleidet, umdient von den personifizierten [Insignien] Muschel, Diskus, Keule und Lotos,
— erstrahlend durch die auf seiner Brust weilende Lakṣmī und durch den Kaustubha-Edelstein, geschmückt mit Hüftgürtel, heiliger Schnur, Armreifen und Oberarmspangen,
— dessen Diadem und Armreifen erstrahlten, geschmückt mit juwelenbesetzten Fußreifen — so erblickte er ihn, Tag und Nacht bedient von Scharen der Vollendeten.
Wort für Wort
bhrājatkirīṭavalayaṃ
dessen Diadem und Armreifen erstrahlten
maṇinūpuraśobhitam
geschmückt mit juwelenbesetzten Fußreifen
dadarśa siddhanikaraiḥ
so erblickte er ihn, von Scharen der Vollendeten [?]
sevyamānam ahar niśam
Tag und Nacht bedient
[?] 'siddhani karaiḥ' vermutlich verschrieben für 'siddhanikaraiḥ' ('von Scharen der Vollendeten').
Als er ihn erblickte, pries er, von hingebungsvoller Gesinnung erfüllt, den Madhusūdana. Śuka sprach: Verehrung sei dir, Vāsudeva, dem alleinigen Zeugen aller Welten!
Wort für Wort
taṃ dṛṣṭvā bhaktibhāvena
als er ihn erblickte, von hingebungsvoller Gesinnung erfüllt
Dem, dessen Wesen der Same der Welt ist, dem Vollkommenen, dem in sich selbst Ruhenden, dem Hari, dem auf Vāsuki Ruhenden, dem Bewohner der Śvetadvīpa!
catuḥsanāya kūrmāya pṛthave svasuravātmane /
nābheyāya jagaddhātre vidhātreṃ'takāraya ca
Dem [als] die vier Sanas [Erschienenen], dem Kūrma, dem Pṛthu, [dem, dessen Wesen die eigenen Götter sind], dem aus dem Nabel [Brahmā hervorbringenden Viṣṇu], dem Erhalter der Welt, dem Schöpfer und zugleich dem Beender!
Wort für Wort
catuḥsanāya kūrmāya
dem [als] die vier Sanas, dem Kūrma
pṛthave svasuravātmane
dem Pṛthu, dem [?]
nābheyāya jagaddhātre
dem aus dem Nabel [Hervorbringenden], dem Erhalter der Welt
vidhātre antakāraya ca
dem Schöpfer und dem Beender
[?] 'svasuravātmane' unklar überliefert, sinngemäß mit 'dessen Wesen die eigenen Götter sind' wiedergegeben.
Dem in vier Vyūhas [Erscheinenden], dem Erkennbaren, dem zu Meditierenden, dem höchsten Selbst, dem als Nara und Nārāyaṇa Benannten, dem in [alle Geschöpfe] Eingegangenen, dem Viṣṇu!
Wort für Wort
caturvyuhāya vedyāya
dem in vier Vyūhas [Erscheinenden], dem Erkennbaren
dhyeyāya paramātmane
dem zu Meditierenden, dem höchsten Selbst
naranārāyaṇākhyāya
dem als Nara und Nārāyaṇa Benannten
śiśuviṣṭāya viṣṇave
dem [in die Geschöpfe] Eingegangenen [?], dem Viṣṇu
[?] 'śiṣiviṣṭāya' unsicher; sinngemäß als 'dem in (die Geschöpfe) Eingegangenen' gedeutet.
ṛtadhāmne vidhāmne ca suparṇāya svarociṣe /
ṛbhave suvratākhyāya sudhāmne cājitāya ca
Dem in der Stätte der Wahrheit [Wohnenden] und dem Vidhāman, dem Suparṇa, dem Selbstleuchtenden, dem Ṛbhu, dem als Suvrata Benannten, dem in der Stätte der Glückseligkeit [Wohnenden] und dem Unbesiegten!
Wort für Wort
ṛtadhāmne vidhāmne ca
dem in der Stätte der Wahrheit, und dem Vidhāman
suparṇāya svarociṣe
dem Suparṇa, dem Selbstleuchtenden
ṛbhave suvratākhyāya
dem Ṛbhu, dem als Suvrata Benannten
sudhāmne ca ajitāya ca
dem in der Stätte der Glückseligkeit, und dem Unbesiegten
viśvarūpāya viśvāya sṛṣṭisthityantakāriṇe /
yajñāya yajñabhokte ca sthaviṣṭhāyāṇave 'rthine
Dem Allgestaltigen, dem All, dem Urheber von Schöpfung, Erhaltung und Untergang, dem Opfer, und dem Genießer des Opfers, dem Größten und dem Feinsten, dem [alle] Zwecke [Erfüllenden]!
Wort für Wort
viśvarūpāya viśvāya
dem Allgestaltigen, dem All
sṛṣṭisthityantakāriṇe
dem Urheber von Schöpfung, Erhaltung und Untergang
yajñāya yajñabhokte ca
dem Opfer und dem Genießer des Opfers
sthaviṣṭhāya aṇave arthine
dem Größten, dem Feinsten, dem [alle] Zwecke [Erfüllenden]
ādityasomanetrāya sahaojobalāya ca /
ījyāya sākṣiṇe 'jāyabahuśīrṣāṅghribāhave
Dem, dessen Augen Sonne und Mond sind, dem [Quell von] Kraft, Glanz und Stärke, dem zu Opfernden, dem Zeugen, dem Ungeborenen, dem Vielhäuptigen, Vielfüßigen und Vielarmigen!
Dem Gemahl der Śrī, dem Wohnsitz der Śrī, dem den Hingebungsvollen Gehorchenden, dem Träger des Śārṅga-Bogens, dem Herrn der acht Urnaturen, dem Brahman, dem von unendlicher Kraft!
Wort für Wort
śrīśāya śrīnivāsāya
dem Gemahl der Śrī, dem Wohnsitz der Śrī
bhaktavaśyāya śārṅgiṇe
dem den Hingebungsvollen Gehorchenden, dem Träger des Śārṅga-Bogens
Dem in der Bṛhadāraṇyaka[-Upaniṣad] zu Erkennenden, dem Hṛṣīkeśa, dem Schöpfer, dem, dessen Augen dem Lotos gleichen, dem Kṣetrajña, dem Erstrahlenden!
Wort für Wort
bṛhadāraṇyavedyāya
dem in der Bṛhadāraṇyaka[-Upaniṣad] zu Erkennenden
govindāya jagatkartre jagannāthāya yogine /
satyāya satyasaṃdhāya vaikuṇṭhāyācyutāya ca
Dem Govinda, dem Schöpfer der Welt, dem Herrn der Welt, dem Yogin, dem Wahrhaftigen, dem an sein Wort Gebundenen, dem Vaikuṇṭha, und dem Unvergänglichen!
adhokṣajāya dharmāya vāmanāya tridhātave /
ghṛtārciṣe viṣṇave te 'nantāya kapilāyaya ca
Dem Adhokṣaja, dem Dharma, dem Vāmana, dem Träger der drei [Welten], dem, dessen Flamme aus Schmalz [genährt wird], dir, dem Viṣṇu, dem Endlosen, und dem Kapila!
Wort für Wort
adhokṣajāya dharmāya
dem Adhokṣaja, dem Dharma
vāmanāya tridhātave
dem Vāmana, dem Träger der drei [Welten]
ghṛtārciṣe viṣṇave te
dem, dessen Flamme aus Schmalz genährt wird, dir, dem Viṣṇu
viriñcaye trikakude ṛgyajuḥsāmarūpiṇe /
ekaśṛṅgāya ca śuciśravase śāstrayonaye
Dem Viriñca, dem Dreigipfligen, dem, dessen Wesen Ṛg-, Yajur- und Sāmaveda sind, dem Einhörnigen und dem Reinhörigen, dem Ursprung der [heiligen] Lehren!
vṛṣākapaya ṛddhāya prabhave viśvakarmaṇe /
bhūrbhuvuḥsvaḥsvarūpāya daityaghne nirguṇāya ca
Dem Vṛṣākapi, dem Gedeihenden, dem Herrn, dem Werkmeister des Alls, dem, dessen Wesen Bhūr, Bhuvaḥ und Svaḥ sind, dem Töter der Daityas, und dem Eigenschaftslosen!
nirañjanāya nityāya hyavyayāyākṣarāya ca /
namaste pāhi māmīśa śaraṇāgatavatsala
Dem Makellosen, dem Ewigen, dem Unvergänglichen und dem Unwandelbaren! Verehrung sei dir — schütze mich, o Herr, der du den zu dir Geflüchteten liebevoll zugetan bist!
Wort für Wort
nirañjanāya nityāya
dem Makellosen, dem Ewigen
hi avyayāya akṣarāya ca
und dem Unvergänglichen, dem Unwandelbaren
namaste pāhi mām īśa
Verehrung sei dir; schütze mich, o Herr
śaraṇāgatavatsala
der du den zu dir Geflüchteten liebevoll zugetan bist
iti stutaḥ sa bhagavāñcchaṅkhacakragadādharaḥ /
āraṇeyamuvācedaṃ bhṛśaṃ praṇatavatsalaḥ
So gepriesen, sprach der erhabene Träger von Muschel, Diskus und Keule dies zum Sohn der Araṇi, er, der den sich Verneigenden über die Maßen liebevoll zugetan ist:
Wort für Wort
iti stutaḥ sa bhagavān
so gepriesen, der erhabene
śaṅkhacakragadādharaḥ
Träger von Muschel, Diskus und Keule
āraṇeyam uvāca idaṃ
sprach dies zum Sohn der Araṇi (Śuka)
bhṛśaṃ praṇatavatsalaḥ
über die Maßen den sich Verneigenden liebevoll zugetan
śrībhagavānuvāca
vyāsaputra mahābhāga prīto 'smi tava suvrata /
vidyāmāpnuhi bhaktiṃ ca jñānī tvaṃ mama rūpadhṛk
Der erhabene Herr sprach: „O Sohn des Vyāsa, Hochgesegneter, ich bin erfreut über dich, o Guter-Gelübde-Habender; erlange Wissen und Hingabe — du, der Erkennende, trägst meine [eigene] Gestalt.“
Wort für Wort
śrībhagavān uvāca
der erhabene Herr sprach
vyāsaputra mahābhāga
o Sohn des Vyāsa, Hochgesegneter
prītaḥ asmi tava suvrata
ich bin erfreut über dich, o Guter-Gelübde-Habender
yadrūpaṃ mama dṛṣṭaṃ prāk śvetadvīpe tvayā dvija /
so 'hamevāvatārārthaṃ sthito viśvaṃbharātmakaḥ
„Jene Gestalt von mir, die zuvor auf der Śvetadvīpa von dir gesehen wurde, o Zweifachgeborener — ich selbst bin es, der zum Zweck der Herabkunft als der die Welt Tragende [hier] weile.“
„Vollendet bist du, o Hochgesegneter, durch das beständige Nachsinnen über die Lehre der Erlösung; [so durchwandle du] die erhabenen Welten frei, wie der Wind, wie die Sonne ihren Schein [verbreitet].“
Wort für Wort
siddhaḥ asi tvaṃ mahābhāga
vollendet bist du, o Hochgesegneter
mokṣadharmānucintayā
durch das Nachsinnen über die Erlösungslehre
varalokān yathā vāyuḥ
die erhabenen Welten [durchwandle] wie der Wind
yathā ravaṃ savitā tathā
wie die Sonne ihren Schein [verbreitet], so [?]
[?] zweite Vershälfte unsicher; freie sinngemäße Wiedergabe des Vergleichs mit Wind und Sonne.
„Von ewig befreiter Wesensart bist du, verehrt von Göttern und Menschen; denn Hingabe an mich, den Aller-Zuflucht, ist in der Welt schwer zu erlangen.“
„Hat man sie erlangt, bleibt nichts anderes mehr zu erlangen übrig; bis zum Ende des Weltzeitalters verharren die beiden Seher Nara und Nārāyaṇa in Askese.“
Wort für Wort
tāṃ labdhvā na aparaṃ kiñcit
hat man sie erlangt, nichts anderes
labdhavyam avaśiṣyate
bleibt zu erlangen übrig
ākalpāntaḥ tapaḥ saṃsthau
bis zum Ende des Weltzeitalters in Askese verharrend
Als er ihn nun in seiner Nähe erblickte, wandte sich der glanzvolle Sohn des Parāśara, nachdem er den Sohn wiedererlangt hatte, hocherfreuten Herzens von der Askese ab.
Wort für Wort
atha taṃ svantike dṛṣṭvā
als er ihn nun in seiner Nähe erblickte
pārāśaryyaḥ pratāpavān
der glanzvolle Sohn des Parāśara
putraṃ prāpya prahṛṣṭātmā
nachdem er den Sohn wiedererlangt hatte, hocherfreuten Herzens
Auf Nārāyaṇas Geheiß hin verfasste er, o Herrscher der Muni, durch dein Wort [d.h. auf deine Anregung hin], die göttliche Saṃhitā, versehen mit vielerlei Erzählungen.
Wort für Wort
nārāyaṇaniyogāt tu
auf Nārāyaṇas Geheiß hin
tvanmukhena munīśvara
durch dein Wort, o Herrscher der Muni
cakāra saṃhitāṃ divyāṃ
verfasste er die göttliche Saṃhitā
nānākhyānasamanvitām
versehen mit vielerlei Erzählungen
[Anm.: 'tvanmukhena munīśvara' — die Anrede wechselt hier von der dritten Person (Erzählung über Vyāsa) zur direkten Ansprache an Nārada, dem die traditionelle Rolle zukommt, Vyāsa zur Abfassung des Bhāgavata angeregt zu haben.]
vedatulyāṃ bhāgavatīṃ haribhaktivivarddhinīm /
nivṛttinirataṃ putraṃ śukamadhyāpayañca tām
— die dem Veda gleichkommende, dem Hari-[Werk] Bhāgavatī, die Hingabe zu Hari mehrende — und lehrte sie seinem Sohn Śuka, der der Weltentsagung hingegeben war.
ātmārāmo 'pi bhagavānpārāśaryātmajaḥ śukaḥ /
adhītavānsaṃhitāṃ vai nityaṃ viṣṇujanapriyām
Obwohl in sich selbst ruhend, erlernte der erhabene Śuka, der Sohn des Sohnes des Parāśara, dennoch die Saṃhitā, die den Verehrern Viṣṇus stets lieb ist.