Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 46: khāṇḍikyakeśidhvajayogopadeśo mokṣaprāptiśca Die Yoga-Unterweisung an Khāṇḍikya und Keśidhvaja und deren Erlangung der Erlösung

sanandana uvāca etadadhyātmamānāḍhyaṃ vacaḥ keśidhvajasya saḥ / khāṇḍikyo 'mṛtavacchratvā punarāha tamīrayan

Sanandana sprach: Dieses an Adhyātma reiche Wort Keśidhvajas, wie Nektar [klingend] vernommen habend, sprach jener Khāṇḍikya wieder, ihn [weiter] antreibend.

Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
etat adhyātmamahāḍhyaṃ vacaḥ
dieses an Adhyātma reiche Wort
keśidhvajasya saḥ
dieses Keśidhvajas, er
khāṇḍikyaḥ amṛtavat śrutvā
Khāṇḍikya, wie Nektar vernommen habend
punaḥ āha tam īrayan
sprach wieder, ihn antreibend

[?] 'mānāḍhyaṃ' als 'mahāḍhyaṃ' gelesen; 'śratvā' als 'śrutvā' gelesen.

khāṇḍikya uvāca tad brūhi tvaṃ mahābhāga yogaṃ yogaviduttama / vijñātayo gaśāstrārthastvamasyāṃ nimisaṃtatau

Khāṇḍikya sprach: So verkünde denn, o Hochgesegneter, den Yoga, o Bester der Yoga-Kenner; du bist [ja], der die Bedeutung der Yoga-Lehre kennt, in dieser Nachkommenschaft Nimis.

Wort für Wort
khāṇḍikya uvāca
Khāṇḍikya sprach
tad brūhi tvaṃ mahābhāga
so verkünde denn, o Hochgesegneter
yogaṃ yogaviduttama
den Yoga, o Bester der Yoga-Kenner
vijñātayogaśāstrārthaḥ tvam
du, der die Bedeutung der Yoga-Lehre kennt
asyāṃ nimisaṃtatau
in dieser Nachkommenschaft Nimis

[?] 'vijñātayo gaśāstrārthas' als 'vijñātayogaśāstrārthaḥ' (der die Bedeutung der Yoga-Lehre kennt) gelesen.

keśidhvaja uvāca yogasvarūpaṃ khāṇḍikya śrūyatāṃ gadato mama / yatra sthito na cyavate prāpya brahmalayaṃ muniḥ

Keśidhvaja sprach: Höre, Khāṇḍikya, die wahre Natur des Yoga, wie ich sie verkünde – [der Yoga], in dem verweilend der Weise, die Auflösung im Brahman erlangt habend, nicht [mehr] daraus fällt.

Wort für Wort
keśidhvaja uvāca
Keśidhvaja sprach
yogasvarūpaṃ khāṇḍikya
die wahre Natur des Yoga, Khāṇḍikya
śrūyatāṃ gadataḥ mama
höre, wie ich [sie] verkünde
yatra sthitaḥ na cyavate
in dem verweilend er nicht [mehr] fällt
prāpya brahmalayaṃ muniḥ
der Weise, die Auflösung im Brahman erlangt habend

mana eva manuṣyāṇāṃ kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ / bandhasya viṣayāsaṃgi mukternirviṣayaṃ tathā

Der Geist allein ist für die Menschen die Ursache von Bindung und Befreiung: an die Sinnesobjekte angehaftet [ist er die Ursache] der Bindung, frei von den Sinnesobjekten ebenso [die Ursache] der Befreiung.

Wort für Wort
manaḥ eva manuṣyāṇāṃ
der Geist allein der Menschen
kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ
[ist] die Ursache von Bindung und Befreiung
bandhasya viṣayāsaṅgi
an die Sinnesobjekte angehaftet, [Ursache] der Bindung
mukteḥ nirviṣayaṃ tathā
frei von Sinnesobjekten ebenso, [Ursache] der Befreiung

viṣayebhyaḥ samāhṛtya vijñānātmā budho manaḥ / cintayenmuktaye tena brahmabhūtaṃ pareśvaram

Nachdem der Kluge, dessen Selbst aus Erkenntnis besteht, den Geist von den Sinnesobjekten zurückgezogen hat, möge er mittels dessen zur Befreiung über den höchsten Herrn nachsinnen, der zu Brahman geworden ist.

Wort für Wort
viṣayebhyaḥ samāhṛtya
von den Sinnesobjekten zurückgezogen habend
vijñānātmā budhaḥ manaḥ
der Kluge, dessen Selbst aus Erkenntnis besteht, den Geist
cintayet muktaye tena
möge er mittels dessen zur Befreiung nachsinnen
brahmabhūtaṃ pareśvaram
über den höchsten Herrn, der zu Brahman geworden ist

ātmabhāvaṃ nayettena tadbrīhyadhyāpanaṃ manaḥ / vikāryamātmanaḥ śaktyā lohamākarṣako yathā

Mittels dessen soll er [den Geist] zum Zustand des Selbst führen – sage [mir] jene Belehrung [genauer]: der Geist ist, durch die Kraft des Selbst, zu wandeln, wie das Eisen [durch die Kraft] des Magneten.

Wort für Wort
ātmabhāvaṃ nayet tena
mittels dessen soll er zum Zustand des Selbst führen
tat brūhi adhyāpanaṃ manaḥ
sage jene Unterweisung: der Geist
vikāryam ātmanaḥ śaktyā
ist durch die Kraft des Selbst zu wandeln
lohaṃ ākarṣakaḥ yathā
wie [das] Eisen durch den Magneten

[?] 'tadbrīhyadhyāpanaṃ' als 'tad brūhi adhyāpanaṃ' (sage jene Unterweisung) gelesen.

ātmaprayatnasāpekṣā viśiṣṭā yā manogatiḥ / tasyā brahmaṇi saṃyogo yoga ityabhidhīyate

Jene besondere Bewegung des Geistes, die auf eigene Anstrengung des Selbst angewiesen ist – deren Verbindung mit dem Brahman wird 'Yoga' genannt.

Wort für Wort
ātmaprayatnasāpekṣā
auf eigene Anstrengung des Selbst angewiesen
viśiṣṭā yā manogatiḥ
jene besondere Bewegung des Geistes, die
tasyāḥ brahmaṇi saṃyogaḥ
deren Verbindung mit dem Brahman
yoga iti abhidhīyate
wird 'Yoga' genannt

evamatyantavaiśiṣṭyayuktadharmopalakṣaṇam / yasya yogaḥ sa vai yogī mumukṣuramidhīyate

So [gekennzeichnet] durch eine Eigenschaft, die mit höchster Besonderheit verbunden ist – wessen [Zustand] Yoga [ist], der ist wahrlich ein Yogin; [zuvor] wird er 'nach Befreiung Strebender' (mumukṣu) genannt.

Wort für Wort
evam atyantavaiśiṣṭyayuktadharmopalakṣaṇam
so gekennzeichnet durch eine mit höchster Besonderheit verbundene Eigenschaft
yasya yogaḥ sa vai yogī
wessen [Zustand] Yoga [ist], der ist wahrlich ein Yogin
mumukṣuḥ abhidhīyate
[zuvor] wird er 'nach Befreiung Strebender' genannt

yogayuk prathamaṃ yogī yuñjamāno 'bhidhīyate / viniṣyannasamādhistu parabrahmopalabdhimān

Der zuerst mit dem Yoga Verbundene wird 'Yogin, der sich einigt' genannt; wer aber die Sammlung [vollständig] vollendet hat, hat das höchste Brahman erlangt.

Wort für Wort
yogayuk prathamaṃ yogī
der zuerst mit dem Yoga verbundene Yogin
yuñjamānaḥ abhidhīyate
wird 'sich einigend' genannt
viniṣpannasamādhiḥ tu
wer aber die Sammlung vollendet hat
parabrahmopalabdhimān
hat das höchste Brahman erlangt

[?] 'viniṣyanna' als 'viniṣpanna' gelesen.

yadyantarāyadoṣeṇa dūṣyate nāsya mānasam / janmāntarairabhyasanānmuktiḥ pūrvasya jāyate

Wenn sein Geist nicht durch den Fehler [innerer] Hindernisse befleckt wird, [dann] entsteht durch Übung in weiteren Geburten die Befreiung des zuvor [Begonnenen].

Wort für Wort
yadi antarāyadoṣeṇa
wenn durch den Fehler [innerer] Hindernisse
dūṣyate na asya mānasam
sein Geist nicht befleckt wird
janmāntaraiḥ abhyasanāt
durch Übung in weiteren Geburten
muktiḥ pūrvasya jāyate
entsteht die Befreiung des zuvor [Begonnenen]

viniṣpannasamādhistu muktistatraiva janmani / prāpnoti yogī yogāgnidagdhakarmacayo 'cirāt

Wer aber die Sammlung vollendet hat, erlangt die Befreiung eben in dieser Geburt; der Yogin, dessen Anhäufung von Taten durch das Feuer des Yoga verbrannt ist, [erlangt sie] ohne Verzug.

Wort für Wort
viniṣpannasamādhiḥ tu
wer aber die Sammlung vollendet hat
muktiḥ tatra eva janmani
die Befreiung eben in dieser Geburt
prāpnoti yogī
erlangt der Yogin
yogāgnidagdhakarmacayaḥ acirāt
dessen Tatenanhäufung durch das Yoga-Feuer verbrannt ist, ohne Verzug

brahmacaryamahiṃsāṃ ca satyāsteyāparigrahān / seveta yogī niṣkāmo yigitāṃ svamano nayan

Keuschheit und Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen und Besitzlosigkeit möge der wunschlose Yogin pflegen, seinen eigenen Geist zur Einigung führend.

Wort für Wort
brahmacaryam ahiṃsāṃ ca
Keuschheit und Gewaltlosigkeit
satyāsteyāparigrahān
Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen und Besitzlosigkeit
seveta yogī niṣkāmaḥ
möge der wunschlose Yogin pflegen
[yuktāṃ] svamanaḥ nayan
seinen eigenen Geist [zur Einigung] führend

[?] 'yigitāṃ' textlich unsicher, sinngemäß als 'zur Einigung/Verbindung [mit dem Höchsten]' verstanden.

svādhyāyaśaucasaṃtoṣatapāṃsi niyamānyamān / kurvvīta brahmaṇi tathā parisminpravaṇaṃ manaḥ

[Schrift-]Studium, Reinheit, Zufriedenheit und Askese – [dies sind] die Niyamas, [zusammen mit] den Yamas – er übe [diese], und lenke ebenso den Geist zum höchsten Brahman hin.

Wort für Wort
svādhyāyaśaucasaṃtoṣatapāṃsi
Studium, Reinheit, Zufriedenheit und Askese
niyamān yamān
die Niyamas [und] die Yamas
kurvīta
er übe [diese]
brahmaṇi tathā parasmin pravaṇaṃ manaḥ
und lenke ebenso den Geist zum höchsten Brahman hin

ete yamāśca niyamāḥ pañca pañcaprakīrtitāḥ / viśiṣṭaphaladāḥ kāmyā niṣkāmānāṃ vimuktidāḥ

Diese Yamas und Niyamas, je fünf verkündet – [wenn] mit Verlangen [geübt, sind sie] Geber besonderer Früchte, für die Wunschlosen aber Geber der Befreiung.

Wort für Wort
ete yamāḥ ca niyamāḥ
diese Yamas und Niyamas
pañca pañcaprakīrtitāḥ
je fünf verkündet
viśiṣṭaphaladāḥ kāmyāḥ
[wenn] mit Verlangen [geübt], Geber besonderer Früchte
niṣkāmānāṃ vimuktidāḥ
für die Wunschlosen Geber der Befreiung

evaṃ bhadrāsanādīnāṃ samāsthāya guṇairyutaḥ / yamākhyairniyamākhyaiśca yuñjīta niyato yatiḥ

So möge der beherrschte Asket, [Körperhaltungen] wie Bhadrāsana u.Ä. eingenommen habend, ausgestattet mit [ihren] Eigenschaften, sich mittels der Yama und Niyama genannten [Übungen] einen.

Wort für Wort
evaṃ bhadrāsanādīnām
so [Körperhaltungen] wie Bhadrāsana u.Ä.
samāsthāya guṇaiḥ yutaḥ
eingenommen habend, mit [ihren] Eigenschaften ausgestattet
yamākhyaiḥ niyamākhyaiḥ ca
mit den Yama und Niyama genannten [Übungen]
yuñjīta niyataḥ yatiḥ
möge sich der beherrschte Asket einen

prāṇākhyamavalaṃbasthamabhyāsātkurute tu yat / prāṇāyāmaḥ sa vijñeyaḥ sabījo 'bīja eva ca

Was man aber durch Übung an der 'Prāṇa' genannten Stütze vollzieht – das ist als 'Prāṇāyāma' (Atemzügelung) zu erkennen, sowohl 'mit Samen' als auch 'samenlos'.

Wort für Wort
prāṇākhyam avalambastham
an der 'Prāṇa' genannten Stütze [befindlich]
abhyāsāt kurute tu yat
was man aber durch Übung vollzieht
prāṇāyāmaḥ sa vijñeyaḥ
das ist als Prāṇāyāma zu erkennen
sabījaḥ abījaḥ eva ca
sowohl 'mit Samen' als auch 'samenlos'

paraspareṇābhibhavaṃ prāṇāpānau yadā nilau / kurutaḥ sadvidhānena tṛtīyaḥ saṃyamāttayoḥ

Wenn die beiden Winde, Ein- und Ausatem, sich gegenseitig, nach rechter Vorschrift, überwältigen, [entsteht] durch die Zügelung dieser beiden ein dritter [Zustand].

Wort für Wort
parasspareṇa abhibhavaṃ
gegenseitig sich überwältigend
prāṇāpānau yadā nilau
wenn die beiden Winde, Ein- und Ausatem
kurutaḥ sadvidhānena
nach rechter Vorschrift [dies] vollziehen
tṛtīyaḥ saṃyamāt tayoḥ
[entsteht] ein dritter [Zustand] durch die Zügelung beider

tasya cāṃlabanavatsthūlaṃ rūpaṃ dviṣatpate / ālaṃbanamanantasya yogino 'bhyasataḥ smṛtam

Und dessen [Prāṇāyāmas] grobe Form, mit Stütze [versehen], o Herr über [deine] Feinde – als Stütze des Unendlichen wird sie dem übenden Yogin überliefert.

Wort für Wort
tasya ca ālambanavat sthūlaṃ rūpam
und dessen grobe, mit Stütze [versehene] Form
dviṣatpate
o Herr über [deine] Feinde
ālambanam anantasya
als Stütze des Unendlichen
yoginaḥ abhyasataḥ smṛtam
wird sie dem übenden Yogin überliefert

śabdādiṣvanuraktāni nigṛhyākṣāṇi yogavit / kuryyāñcittānukārīṇi pratyāhāraparāyaṇaḥ

Der Yoga-Kenner soll, dem Sinnesentzug (pratyāhāra) hingegeben, die an Laut u.Ä. hängenden Sinne, die dem Geist nachfolgen, bezwingen und [sich] gefügig machen.

Wort für Wort
śabdādiṣu anuraktāni
an Laut u.Ä. hängenden
nigṛhya akṣāṇi yogavit
die Sinne bezwingend, der Yoga-Kenner
kuryāt cittānukārīṇi
möge [sie], die dem Geist nachfolgen, [gefügig] machen
pratyāhāraparāyaṇaḥ
dem Sinnesentzug hingegeben

vaśyatā paramā tena jāyate niścalā tmanām / indriyāṇāmavaśyaistairna yogī yogasādhakaḥ

Dadurch entsteht die höchste, unerschütterliche Beherrschung [der Sinne]; wer seine Sinne nicht [derart] beherrscht, ist kein Yogin, der den Yoga [wirklich] vollbringt.

Wort für Wort
vaśyatā paramā tena
dadurch die höchste Beherrschung
jāyate niścalā ātmanām
entsteht, unerschütterlich, [der Sinne]
indriyāṇām avaśyaiḥ taiḥ
durch [Sinne], die diesen nicht unterworfen sind
na yogī yogasādhakaḥ
[ist man] kein Yogin, der den Yoga vollbringt

[?] 'niścalā tmanām' als 'niścalātmanām' bzw. Beherrschung der Sinne gelesen.

prāṇāyāmena pavanaiḥ pratyāhareṇa cendriyaiḥ / vaśīkṛtaistataḥ kuryātsthiraṃ cetaḥ śubhāśraye

Mit den durch Prāṇāyāma [gezügelten] Winden und den durch Sinnesentzug bezwungenen Sinnen möge man dann den Geist auf eine heilvolle Grundlage fest richten.

Wort für Wort
prāṇāyāmena pavanaiḥ
mit den durch Prāṇāyāma [gezügelten] Winden
pratyāhāreṇa ca indriyaiḥ
und den durch Sinnesentzug [bezwungenen] Sinnen
vaśīkṛtaiḥ tataḥ kuryāt
dann bezwungen, möge man [den Geist] machen
sthiraṃ cetaḥ śubhāśraye
fest, den Geist auf eine heilvolle Grundlage

khāṇḍikya uvāca kathyatāṃ me mahābhāga cetaso yaḥ śubhāśrayaḥ / yadādhāramaśeṣaṃ tu hṝnti doṣasamudbhavam

Khāṇḍikya sprach: Es werde mir, o Hochgesegneter, gesagt, was die heilvolle Grundlage des Geistes ist – [jene], gestützt auf welche man das gänzliche Entstehen der Fehler beseitigt.

Wort für Wort
khāṇḍikya uvāca
Khāṇḍikya sprach
kathyatāṃ me mahābhāga
es werde mir gesagt, o Hochgesegneter
cetasaḥ yaḥ śubhāśrayaḥ
was die heilvolle Grundlage des Geistes [ist]
yadādhāram aśeṣaṃ tu hanti doṣasamudbhavam
gestützt auf welche man das gänzliche Entstehen der Fehler beseitigt

keśidhvaja uvāca āśrayaścetaso jñānin dvidhā tañca svarūpataḥ / rūpaṃ mūrtamamūrtaṃ ca paraṃ cāparameva ca

Keśidhvaja sprach: Die Grundlage des Geistes, o Kenner, ist zweifach, ihrer Wesensform nach: [die Gestalt des Herrn ist] verkörpert und unverkörpert, und [sie ist] höher und niederer zugleich.

Wort für Wort
keśidhvaja uvāca
Keśidhvaja sprach
āśrayaḥ cetasaḥ jñānin
die Grundlage des Geistes, o Kenner
dvidhā tat ca svarūpataḥ
ist zweifach, ihrer Wesensform nach
rūpaṃ mūrtam amūrtaṃ ca param ca aparam eva ca
die Gestalt verkörpert und unverkörpert, höher und niederer

trividhā bhāvanā rūpaṃ viśvametattridhocyate / brahmākhyā karmasaṃjñā ca tathā caivobhayātmikā

Dreifach ist die Manifestation/Gestalt; dieses ganze Universum wird dreifach genannt: 'Brahman' genannt, 'Karma' genannt, und ebenso aus beidem bestehend.

Wort für Wort
trividhā bhāvanā rūpam
dreifach ist die Manifestation/Gestalt
viśvam etat tridhā ucyate
dieses ganze Universum wird dreifach genannt
brahmākhyā karmasaṃjñā ca
'Brahman' genannt, 'Karma' genannt
tathā ca eva ubhayātmikā
und ebenso aus beidem bestehend

karmabhāvātmikā hyekā brahmabhāvātmikāparā / ubhayātmikā tathaivānyā trividhā bhāvabhāvanā

Die eine [ist] wahrlich von der Natur des Karma-Zustandes, eine andere von der Natur des Brahman-Zustandes; und ebenso eine weitere von der Natur beider – dreifach ist die Manifestation des Seins.

Wort für Wort
karmabhāvātmikā hi ekā
die eine [ist] wahrlich von der Natur des Karma-Zustandes
brahmabhāvātmikā aparā
eine andere von der Natur des Brahman-Zustandes
ubhayātmikā tathā eva anyā
und ebenso eine weitere von der Natur beider
trividhā bhāvabhāvanā
dreifach die Manifestation des Seins

sanakādyā sadā jñānin brahmabhāvanayā yutāḥ / karmabhāvanayā cānye devādyāḥ sthāvarāścarāḥ

[Weise] wie Sanaka u.a. sind, o Kenner, stets mit der Brahman-Manifestation ausgestattet; andere aber, Götter u.a., [sowie] die Unbeweglichen und Beweglichen, mit der Karma-Manifestation.

Wort für Wort
sanakādyāḥ sadā jñānin
[Weise] wie Sanaka u.a. stets, o Kenner
brahmabhāvanayā yutāḥ
mit der Brahman-Manifestation ausgestattet
karmabhāvanayā ca anye
mit der Karma-Manifestation aber andere
devādyāḥ sthāvarāḥ carāḥ
Götter u.a., die Unbeweglichen und Beweglichen

hiraṇyagarbhādiṣu ca brahmakarmātmikā dvidhā / adhikārabodhayukteṣu vidyate bhāvabhāvanā

Und bei [Wesen] wie Hiraṇyagarbha und den anderen, die mit [kosmischem] Amt und Erwachtsein ausgestattet sind, besteht die zweifache, aus Brahman und Karma [zugleich bestehende] Manifestation des Seins.

Wort für Wort
hiraṇyagarbhādiṣu ca
und bei [Wesen] wie Hiraṇyagarbha u.a.
brahmakarmātmikā dvidhā
die zweifache, aus Brahman und Karma bestehende
adhikārabodhayukteṣu
bei den mit [kosmischem] Amt und Erwachtsein ausgestatteten
vidyate bhāvabhāvanā
besteht die Manifestation des Seins

akṣīṇeṣu samasteṣu viśeṣajñānakarmasu / viśvametatparaṃ cānyadbhedabhinnadṛśāṃ nṛpa

Solange bei allen [Wesen] das besondere Wissen und die [besonderen] Taten nicht erschöpft sind, [erscheint] dieses ganze Universum, o König, als das Höhere und als ein Anderes für die, deren Sicht von Unterscheidung geprägt ist.

Wort für Wort
akṣīṇeṣu samasteṣu
solange bei allen nicht erschöpft
viśeṣajñānakarmasu
das besondere Wissen und die [besonderen] Taten
viśvam etat paraṃ ca anyat
[erscheint] dieses ganze Universum als das Höhere und als ein Anderes
bhedabhinnadṛśāṃ nṛpa
für die, deren Sicht von Unterscheidung geprägt ist, o König

pratyastamitabhedaṃ yatsattāmātramagocaram / vacasāmātmasaṃtodyaṃ tajjñānaṃ brahmasaṃjñitam

Das, worin alle Unterscheidung untergegangen ist, was reines Sein allein und jenseits [des Wahrnehmungs]bereiches [ist], durch das Selbst allein erkennbar, jenseits der Worte – jenes Wissen wird 'Brahman' genannt.

Wort für Wort
pratyastamitabhedaṃ yat
das, worin alle Unterscheidung untergegangen ist
sattāmātram agocaram
reines Sein allein, jenseits des [Wahrnehmungs-]Bereiches
vacasām ātmasaṃvedyam
jenseits der Worte, durch das Selbst allein erkennbar
tat jñānaṃ brahmasaṃjñitam
jenes Wissen wird 'Brahman' genannt

[?] 'ātmasaṃtodyaṃ' als 'ātmasaṃvedyam' (durch das Selbst allein erkennbar) gelesen.

tacca viṣṇoḥ paraṃ rūpamarūpasyājanasya ca / viśvasvarūpaṃ vairūpyalakṣaṇaṃ paramātmanaḥ

Und dies ist die höchste Gestalt Viṣṇus, des Gestaltlosen und Ungeborenen; die Gestalt des Universums [aber] ist das Merkmal der Mannigfaltigkeit des höchsten Selbst.

Wort für Wort
tat ca viṣṇoḥ paraṃ rūpam
und dies [ist] die höchste Gestalt Viṣṇus
arūpasya ajanasya ca
des Gestaltlosen und Ungeborenen
viśvasvarūpam
die Gestalt des Universums
vairūpyalakṣaṇaṃ paramātmanaḥ
[ist] das Merkmal der Mannigfaltigkeit des höchsten Selbst

na tadyogayujā śakyaṃ nṛpa cintayituṃ yataḥ / tataḥ sthūlaṃ hare rūpaṃ cintyaṃ yañcakṣugocaram

Weil jenes [höchste, gestaltlose Brahman], o König, von dem [erst] mit dem Yoga Verbundenen nicht bedacht werden kann, ist deshalb die grobe Gestalt Haris zu bedenken, die im Bereich des Auges liegt.

Wort für Wort
na tat yogayujā śakyam
weil jenes von dem [erst] mit Yoga Verbundenen nicht [gedacht werden] kann
nṛpa cintayituṃ yataḥ
o König, zu bedenken, weshalb
tataḥ sthūlaṃ hareḥ rūpam
deshalb die grobe Gestalt Haris
cintyaṃ yat cakṣugocaram
ist zu bedenken, die im Bereich des Auges liegt

hiraṇyagarbho bhagavānvāsavo 'tha prajāpatiḥ / maruto vasavo rudrā bhāskārāstārakā grahāḥ

Hiraṇyagarbha, der erhabene Vāsava [Indra], sodann Prajāpati; die Maruts, die Vasus, die Rudras, die Sonnen(götter), die Sterne, die Planeten –

Wort für Wort
hiraṇyagarbhaḥ bhagavān vāsavaḥ
Hiraṇyagarbha, der erhabene Vāsava
atha prajāpatiḥ
sodann Prajāpati
marutaḥ vasavaḥ rudrāḥ
die Maruts, die Vasus, die Rudras
bhāskārāḥ tārakāḥ grahāḥ
die Sonnen, die Sterne, die Planeten

gandharvā yakṣadaityāśca sakalā devayotayaḥ / manuṣyāḥ paśavaḥ śailāsamudrāḥ sarito drumāḥ

– die Gandharvas, Yakṣas und Daityas, alle Arten von Göttern; Menschen, Tiere, Berge, Meere, Flüsse, Bäume –

Wort für Wort
gandharvāḥ yakṣadaityāḥ ca
die Gandharvas, Yakṣas und Daityas
sakalāḥ devayonayaḥ
alle Arten von Göttern
manuṣyāḥ paśavaḥ śailāḥ
Menschen, Tiere, Berge
samudrāḥ saritaḥ drumāḥ
Meere, Flüsse, Bäume

[?] 'devayotayaḥ' als 'devayonayaḥ' gelesen.

bhūpa bhūtānyaśeṣāṇi bhūtānāṃ ye ca hetavaḥ / pradhānādiviśeṣāntāścetanāñcetanātmakam

– o König, alle Wesen ohne Ausnahme, und was auch immer die Ursachen der Wesen [sind], von Pradhāna [Urmaterie] bis zu den [gröbsten] Besonderheiten, [sowohl] beseelt als auch unbeseelt in ihrer Natur –

Wort für Wort
bhūpa bhūtāni aśeṣāṇi
o König, alle Wesen ohne Ausnahme
bhūtānāṃ ye ca hetavaḥ
und was die Ursachen der Wesen [sind]
pradhānādiviśeṣāntāḥ
von Pradhāna bis zu den [gröbsten] Besonderheiten
cetanā acetanātmakam
beseelt und unbeseelt in ihrer Natur

ekapādaṃ dvipādaṃ ca bahupādamapādakam / mūrttametaddhare rūpaṃ bhāvanātritayātmakam

– [Wesen] mit einem Fuß, mit zwei Füßen, mit vielen Füßen und ohne Füße: dies ist die verkörperte Gestalt Haris, von dreifacher Manifestation.

Wort für Wort
ekapādaṃ dvipādaṃ ca
mit einem Fuß, mit zwei Füßen
bahupādam apādakam
mit vielen Füßen, ohne Füße
mūrtam etat hareḥ rūpam
dies ist die verkörperte Gestalt Haris
bhāvanātritayātmakam
von dreifacher Manifestation

etatsarvamidaṃ viṃśvaṃ jagadetañcarācaram / parabrahmasvarūpasya viṣṇoḥ śaktisamanvitam

All dies, dieses ganze Universum, diese bewegliche und unbewegliche Welt, ist mit der Macht Viṣṇus, dessen eigenes Wesen das höchste Brahman ist, verbunden.

Wort für Wort
etat sarvam idaṃ viśvam
all dies, dieses ganze Universum
jagat etat carācaram
diese bewegliche und unbewegliche Welt
parabrahmasvarūpasya viṣṇoḥ
Viṣṇus, dessen eigenes Wesen das höchste Brahman ist
śaktisamanvitam
ist mit [dessen] Macht verbunden

viṣṇuśaktiḥ parā proktā kṣetrajñākhyā tathāparā / avidyākarmasaṃjñānyā tṛtīyā śaktiriṣyate

Viṣṇus Macht wird [als] die höchste bezeichnet, ebenso eine andere, 'Kṣetrajña' genannt; eine dritte Macht, 'Unwissenheit-und-Karma' genannt, wird [ebenfalls] anerkannt.

Wort für Wort
viṣṇuśaktiḥ parā proktā
Viṣṇus Macht wird als die höchste bezeichnet
kṣetrajñākhyā tathā aparā
ebenso eine andere, 'Kṣetrajña' genannt
avidyākarmasaṃjñā anyā
eine andere, 'Unwissenheit-und-Karma' genannt
tṛtīyā śaktiḥ iṣyate
als dritte Macht wird [sie] anerkannt

yeyaṃ kṣetrajñaśaktiḥ sā ceṣṭitā nṛpa karmajā / asārabhūte saṃsāre proktā tatra mahāmate

Diese Macht, die 'Kṣetrajña' [heißt], sie ist, o König, tätig, aus Karma entstanden; im wesenlosen Saṃsāra wird sie dort, o Großgesinnter, [so] bezeichnet.

Wort für Wort
yā iyaṃ kṣetrajñaśaktiḥ
diese Macht, die 'Kṣetrajña' [heißt]
sā ceṣṭitā nṛpa karmajā
sie ist tätig, o König, aus Karma entstanden
asārabhūte saṃsāre
im wesenlosen Saṃsāra
proktā tatra mahāmate
wird sie dort so bezeichnet, o Großgesinnter

saṃsāratāpānakhilānavāpnotyanusaṃjñitān / tayā tirohitatvāttu śaktiḥ kṣetrajña saṃjñitā

Sie erlangt alle entsprechend benannten Qualen des Saṃsāra; und weil sie durch jene [dritte Macht] verhüllt ist, wird [diese zweite] Macht 'Kṣetrajña' genannt.

Wort für Wort
saṃsāratāpān akhilān
alle Qualen des Saṃsāra
avāpnoti anusaṃjñitān
erlangt sie, entsprechend benannt
tayā tirohitatvāt tu
weil sie aber durch jene [dritte Macht] verhüllt ist
śaktiḥ kṣetrajña saṃjñitā
wird [diese] Macht 'Kṣetrajña' genannt

sarvabhūteṣu bhūpāla tāratamyena lakṣyate / aprāṇavatsu khalvalpā sthāvareṣu tato 'dhikā

O Erdenschützer, sie wird in allen Wesen abgestuft wahrgenommen: bei den Leblosen ist sie wahrlich gering, bei den Unbeweglichen [Pflanzen] größer als dies –

Wort für Wort
sarvabhūteṣu bhūpāla
o Erdenschützer, in allen Wesen
tāratamyena lakṣyate
wird sie abgestuft wahrgenommen
aprāṇavatsu khalu alpā
bei den Leblosen wahrlich gering
sthāvareṣu tataḥ adhikā
bei den Unbeweglichen größer als dies

sarīsṛpeṣu tebhyo 'nyāpyatiśaktyā patatriśu / patatribhyo mṛgāstebhyaḥ svaśaktyā paśavo 'dhikāḥ

– bei den Kriechtieren [ist sie noch] anders als bei diesen, mit größerer Kraft bei den Vögeln; [größer noch] als bei den Vögeln bei den wilden Tieren, [und] als bei diesen [ist sie] durch eigene Kraft bei den [Haus-]Tieren größer –

Wort für Wort
sarīsṛpeṣu tebhyaḥ anyā
bei den Kriechtieren, anders als bei diesen
api atiśaktyā patatriṣu
mit größerer Kraft bei den Vögeln
patatribhyaḥ mṛgāḥ
als bei den Vögeln [größer] bei den wilden Tieren
tebhyaḥ svaśaktyā paśavaḥ adhikāḥ
und als bei diesen bei den [Haus-]Tieren durch eigene Kraft größer

paśubhyo manujāścātiśaktyā puṃsaḥprabhāvitāḥ / tebhyo 'pi nāgagandharvayakṣādyā devatā nṛpa

– als bei den [Haus-]Tieren bei den Menschen, mit größerer Kraft, durch die Macht des [kosmischen] Puruṣa; und noch größer als bei diesen, o König, bei den Gottheiten wie Nāgas, Gandharvas, Yakṣas u.a.

Wort für Wort
paśubhyaḥ manujāḥ ca atiśaktyā
als bei den Tieren bei den Menschen mit größerer Kraft
puṃsaḥ prabhāvitāḥ
durch die Macht des [kosmischen] Puruṣa
tebhyaḥ api nāgagandharvayakṣādyāḥ devatāḥ
und noch [größer] als bei diesen bei den Gottheiten wie Nāgas, Gandharvas, Yakṣas u.a.
nṛpa
o König

śakraḥ samastadevebhyastataścātiprajāpatiḥ / hiraṇyagarbho 'pi tataḥ puṃsaḥ śaktyupalakṣitaḥ

Śakra [übertrifft] alle Götter, und noch mehr als er Prajāpati; und noch mehr als dieser Hiraṇyagarbha, gekennzeichnet durch die Macht des [kosmischen] Puruṣa.

Wort für Wort
śakraḥ samastadevebhyaḥ
Śakra [übertrifft] alle Götter
tataḥ ca ati prajāpatiḥ
und noch mehr als er Prajāpati
hiraṇyagarbhaḥ api tataḥ
und noch [mehr] als dieser Hiraṇyagarbha
puṃsaḥ śaktyupalakṣitaḥ
gekennzeichnet durch die Macht des [kosmischen] Puruṣa

etānyaśeṣarūpāṇi tasya rūpāṇi pārthiva / yatastacchaktiyogena yuktāni nabhasā yathā

Diese Gestalten ohne Ausnahme sind seine [Viṣṇus] Gestalten, o König, weil sie durch die Verbindung mit seiner Macht [durchdrungen] sind, wie [alles] mit dem Äther.

Wort für Wort
etāni aśeṣarūpāṇi
diese Gestalten ohne Ausnahme
tasya rūpāṇi pārthiva
sind seine Gestalten, o König
yataḥ tacchaktiyogena yuktāni
weil sie durch die Verbindung mit seiner Macht [durchdrungen] sind
nabhasā yathā
wie [alles] mit dem Äther

dvitīyaṃ viṣṇusaṃjñasya yogidhyeyaṃ mahāmate / amṛrtaṃ brahmaṇo rūpaṃ yatsadityucyate budhaiḥ

Die zweite, o Großgesinnter, von den Yogins zu meditierende [Gestalt] dessen, der 'Viṣṇu' heißt: die unverkörperte Gestalt des Brahman, die von den Weisen 'das Seiende' (sat) genannt wird.

Wort für Wort
dvitīyaṃ viṣṇusaṃjñasya
die zweite [Gestalt] dessen, der 'Viṣṇu' heißt
yogidhyeyaṃ mahāmate
von den Yogins zu meditierende, o Großgesinnter
amūrtaṃ brahmaṇo rūpam
die unverkörperte Gestalt des Brahman
yat sat iti ucyate budhaiḥ
die von den Weisen 'das Seiende' genannt wird

samastāḥ śaktayaścaitā nṛpa yatra pratiṣṭitāḥ / nahi svarūparūpaṃ vai rūpamanyaddharermahat

In welcher, o König, all diese Mächte gegründet sind – denn es gibt wahrlich keine andere, größere Gestalt Haris als seine eigene wesenhafte Gestalt.

Wort für Wort
samastāḥ śaktayaḥ ca etāḥ
alle diese Mächte
nṛpa yatra pratiṣṭhitāḥ
o König, in welcher [Gestalt sie] gegründet sind
na hi svarūparūpaṃ vai
denn es gibt wahrlich keine [Gestalt gleich] der eigenen wesenhaften Gestalt
rūpam anyat hareḥ mahat
eine andere, größere Gestalt Haris

samastaśaktirūpāṇi tatkaroti janeśvara / devatiryaṅmanuṣyādiceṣṭāvanti svalīlayā

Er, der Herr der Wesen, erschafft durch sein eigenes Spiel [alle] Gestalten voller Macht: die tätigen [Gestalten] der Götter, Tiere, Menschen u.a.

Wort für Wort
samastaśaktirūpāṇi
alle Gestalten voller Macht
tat karoti janeśvara
erschafft er, der Herr der Wesen
devatiryaṅmanuṣyādiceṣṭāvanti
die tätigen [Gestalten] der Götter, Tiere, Menschen u.a.
svalīlayā
durch sein eigenes Spiel

jagatāmupakārāya tasya karmanimittajā / ceṣṭā tasyāprameyasya vyāpinyavihitātmikā

Zum Nutzen der Welten [ist] die durch das Karma [der Wesen] veranlasste Tätigkeit jenes Unermesslichen, [selbst] durchdringend und von unbedingter (nicht [äußerlich] angeordneter) Natur.

Wort für Wort
jagatām upakārāya
zum Nutzen der Welten
tasya karmanimittajā
die durch [ihr] Karma veranlasste
ceṣṭā tasya aprameyasya
Tätigkeit jenes Unermesslichen
vyāpinī avihitātmikā
durchdringend und von unbedingter Natur

tadrūpaṃ viśvarūpāya cintyaṃ yoga yujā nṛpa / tasya hyātmaviśuddhyarthaṃ sarvakilbiṣanāśanam

Jene Gestalt, [genannt] Viśvarūpa (Allgestalt), ist vom mit dem Yoga Verbundenen zu bedenken, o König; denn sie [dient] zum Zweck der Selbstreinigung, [als] Vernichterin aller Sünde.

Wort für Wort
tadrūpaṃ viśvarūpāya
jene Gestalt, [genannt] Viśvarūpa
cintyaṃ yogayujā nṛpa
ist vom mit dem Yoga Verbundenen zu bedenken, o König
tasya hi ātmaviśuddhyartham
denn sie [dient] zum Zweck der Selbstreinigung
sarvakilbiṣanāśanam
als Vernichterin aller Sünde

yathāgnirūddhataśikhaḥ kakṣaṃ dahati sānilaḥ / tathā cittasthito viṣṇuryogināṃ sarvakilbiṣam

Wie ein Feuer mit aufsteigenden Flammen, vom Wind [angefacht], dürres Gras verbrennt, so [verbrennt] Viṣṇu, im Geist weilend, jede Sünde der Yogins.

Wort für Wort
yathā agniḥ ūddhataśikhaḥ
wie ein Feuer mit aufsteigenden Flammen
kakṣaṃ dahati sa anilaḥ
dürres Gras verbrennt, vom Wind [angefacht]
tathā cittasthitaḥ viṣṇuḥ
so [verbrennt] der im Geist weilende Viṣṇu
yogināṃ sarvakilbiṣam
jede Sünde der Yogins

tasmātsamastaśaktīnāmāndyānte tatra cetasaḥ / kurvīta saṃsthitaṃ sādhu vijñeyā śuddhalakṣaṇā

Deshalb möge man am Anfang und Ende [der Meditation über] alle Mächte den Geist dort recht gefestigt halten; die reine [Grundlage] ist [so] zu erkennen, gekennzeichnet [durch Reinheit].

Wort für Wort
tasmāt samastaśaktīnām
deshalb aller Mächte
ādyante tatra cetasaḥ
am Anfang und Ende dort den Geist
kurvīta saṃsthitaṃ sādhu
möge man recht gefestigt halten
vijñeyā śuddhalakṣaṇā
die reine [Grundlage] ist zu erkennen

[?] 'āndyānte' als 'ādyante' (am Anfang und Ende) gelesen.

śubhāṃśrayaḥ sacittasya sarvagasya tathātmanaḥ / tribhāvabhāvanātīto muktaye yogināṃ nṛpa

– die heilvolle Grundlage sowohl des Geistes als auch des allgegenwärtigen Selbst, jenseits der dreifachen Manifestation des Seins, zur Befreiung der Yogins, o König.

Wort für Wort
śubhāśrayaḥ sa cittasya
die heilvolle Grundlage, sie, des Geistes
sarvagasya tathā ātmanaḥ
und ebenso des allgegenwärtigen Selbst
tribhāvabhāvanātītaḥ
jenseits der dreifachen Manifestation des Seins
muktaye yogināṃ nṛpa
zur Befreiung der Yogins, o König

anye tu puruṣavyāghra cetaso ye vyāpā8yāḥ / aśuddhāste samastāstu devādyāḥ karmayonayaḥ

Die anderen [Stützen] des Geistes aber, o Tiger unter den Männern, welche [zu den] Wirkfeldern [gehören] – all diese sind unrein, [nämlich Götter] u.a., deren Ursprung im Karma liegt.

Wort für Wort
anye tu puruṣavyāghra
die anderen aber, o Tiger unter den Männern
cetasaḥ ye vyāpāryāḥ(?)
des Geistes, welche [Wirkfelder] (?)
aśuddhāḥ te samastāḥ tu
all diese sind unrein
devādyāḥ karmayonayaḥ
[nämlich Götter] u.a., deren Ursprung im Karma liegt

[?] 'vyāpā8yāḥ' textlich unsicher/verderbt; sinngemäß als 'zu den Wirkfeldern/Objekten [des Geistes] gehörig' verstanden.

mūrttaṃ bhagavato rūpaṃ sarvāpāśrayanispṛhaḥ / eṣā vai dhāraṇā jñeyā yañcitaṃ tatra dhāryate

Die verkörperte Gestalt des Erhabenen [ist die Stütze] für den, der frei von Verlangen nach jeder anderen Stütze ist; dies wahrlich ist als 'Konzentration' (dhāraṇā) zu erkennen, worin der Geist dort festgehalten wird.

Wort für Wort
mūrtaṃ bhagavataḥ rūpam
die verkörperte Gestalt des Erhabenen
sarvāpāśrayanispṛhaḥ
für den, der frei von Verlangen nach jeder [anderen] Stütze ist
eṣā vai dhāraṇā jñeyā
dies wahrlich ist als Konzentration zu erkennen
yat cittaṃ tatra dhāryate
worin der Geist dort festgehalten wird

tatra mūrttaṃ hare rūpaṃ yādṛk cintyaṃ narādhipa / tacchrūyatā manādhāre dhāraṇā nopapadyate

Welcher Art dabei die verkörperte Gestalt Haris zu bedenken ist, o Herrscher der Menschen – dies möge gehört werden; [denn sonst] ohne [rechte] Grundlage des Geistes kommt die Konzentration nicht zustande.

Wort für Wort
tatra mūrtaṃ hareḥ rūpam
dabei die verkörperte Gestalt Haris
yādṛk cintyaṃ narādhipa
welcher Art [sie] zu bedenken ist, o Herrscher der Menschen
tat śrūyatām
dies möge gehört werden
manādhāre dhāraṇā na upapadyate
ohne [rechte] Grundlage des Geistes kommt Konzentration nicht zustande

prasannacāruvadanaṃ padmapatrāyatekṣaṇam / sukapolaṃ suvistīrṇaṃ lalāṭaphalakojjvalam

[Man meditiere über ihn:] mit heiterem, schönem Antlitz, mit Augen, lang wie Lotusblätter, mit schönen Wangen, mit breiter, strahlender Stirnfläche –

Wort für Wort
prasannacāruvadanam
mit heiterem, schönem Antlitz
padmapatrāyatekṣaṇam
mit Augen, lang wie Lotusblätter
sukapolaṃ suvistīrṇam
mit schönen Wangen, breit
lalāṭaphalakojjvalam
mit strahlender Stirnfläche

samakarṇāṃsavinya stacārukarṇopabhūṣaṇam / kambugrīvaṃ suvistīrṇaśrīvatsāṃkitavakṣasam

– mit gleichmäßig angeordneten Ohren und Schultern, mit schönem Ohrenschmuck, mit einem Hals wie eine Muschel, mit breiter, vom Śrīvatsa-Zeichen gezeichneter Brust –

Wort für Wort
samakarṇāṃsavinyastam
mit gleichmäßig angeordneten Ohren und Schultern
cārukarṇopabhūṣaṇam
mit schönem Ohrenschmuck
kambugrīvaṃ suvistīrṇa
mit einem Hals wie eine Muschel, breiter
śrīvatsāṅkitavakṣasam
von dem Śrīvatsa-Zeichen gezeichneter Brust

balitriṃbhāginā bhugnanābhinā codareṇa vai / pralaṃbāṣṭabhujaṃ viṣṇumatha vāpi caturbhujam

– mit einem Bauch, [gekennzeichnet] durch dreifache Hautfalten und gewölbten Nabel – Viṣṇu mit acht herabhängenden Armen, oder auch mit vier Armen,

Wort für Wort
balitriṃbhāginā bhugnanābhinā
mit dreifachen Hautfalten [und] gewölbtem Nabel
udareṇa vai
mit einem Bauch, wahrlich
pralambāṣṭabhujaṃ viṣṇum
Viṣṇu mit acht herabhängenden Armen
atha vā api caturbhujam
oder aber auch mit vier Armen

samasthitorujaghanaṃ susthirāṅghrikarāṃbujaṃm / cintayedbūhyabhūtaṃ taṃ pītanirmalavāsasam

– mit gleichmäßig angeordneten Schenkeln und Hüften, mit fest gegründeten Lotus-Füßen und -Händen, möge man jenen bedenken, [der] zu Brahman geworden ist, in gelbem, reinem Gewand,

Wort für Wort
samasthitorujaghanam
mit gleichmäßig angeordneten Schenkeln und Hüften
susthirāṅghrikarāmbujam
mit fest gegründeten Lotus-Füßen und -Händen
cintayet brahmabhūtaṃ tam
möge man jenen, der zu Brahman geworden ist, bedenken
pītanirmalavāsasam
in gelbem, reinem Gewand

kirīṭacārukeyūrakaṭakādivibhūṣitam / śārṅgaśaṅkhagadākhaḍgaprakāśavalayāñcitam

– geschmückt mit Krone, schönen Armreifen, Armbändern u.dgl., versehen mit dem [Bogen] Śārṅga, der Muschel, der Keule, dem Schwert und einem glänzenden Reif.

Wort für Wort
kirīṭacārukeyūrakaṭakādivibhūṣitam
geschmückt mit Krone, schönen Armreifen, Armbändern u.dgl.
śārṅgaśaṅkhagadākhaḍga
mit dem [Bogen] Śārṅga, Muschel, Keule, Schwert
prakāśavalayāñcitam
versehen mit glänzendem Reif

cintayettanmayo yogī samādhāyātmamānasam / tāvadyāvad dṛḍhībhūtā tatraiva nṛpa dhāraṇā

So [gestaltet], mit ihm geeint, möge der Yogin [ihn] bedenken, [seinen] eigenen Geist [darauf] sammelnd, so lange, bis, o König, die Konzentration eben darin fest geworden ist.

Wort für Wort
cintayet tanmayaḥ yogī
möge der Yogin, mit ihm geeint, bedenken
samādhāya ātmamānasam
[seinen] eigenen Geist [darauf] sammelnd
tāvat yāvat dṛḍhībhūtā
so lange, bis fest geworden ist
tatra eva nṛpa dhāraṇā
eben darin, o König, die Konzentration

vadatastiṣṭato yadvā svecchayā karma kurvataḥ / nāpayāti yadā cittātsiddhāṃ manyeta tāṃ tadā

Wenn [jene Gestalt], sei es beim Sprechen, beim Stehen, oder beim nach eigenem Willen ein Werk Verrichten, nicht aus dem Geist weicht, dann möge man sie als vollendet erachten.

Wort für Wort
vadataḥ tiṣṭhataḥ yadvā
beim Sprechen, beim Stehen, oder
svecchayā karma kurvataḥ
beim nach eigenem Willen ein Werk Verrichten
na apayāti yadā cittāt
wenn [sie] nicht aus dem Geist weicht
siddhāṃ manyeta tāṃ tadā
möge man sie dann als vollendet erachten

tataḥ śaṅkhagadācakraśārṅgādi rahitaṃ budhaḥ / cintaye dbhagavadrūpaṃ praśāntaṃ sākṣasūtrakam

Dann möge der Weise die Gestalt des Erhabenen bedenken, ohne Muschel, Keule, Diskus, Śārṅga-Bogen u.dgl., friedvoll, mit der [Meditations-]Perlenschnur [versehen].

Wort für Wort
tataḥ śaṅkhagadācakraśārṅgādirahitaṃ budhaḥ
dann [möge] der Weise ohne Muschel, Keule, Diskus, Bogen u.dgl.
cintayet bhagavadrūpam
die Gestalt des Erhabenen bedenken
praśāntaṃ sa akṣasūtrakam
friedvoll, mit der Perlenschnur [versehen]

sā yadā dhāraṇā tadvadavasthānavatī tataḥ / kirīṭakeyūramukhairbhūṣaṇai rahitaṃ smaret

Wenn dann diese Konzentration in ebensolcher Weise beständig geworden ist, möge man [ihn] ohne die mit Krone, Armreifen u.a. beginnenden Schmuckstücke erinnern/bedenken.

Wort für Wort
sā yadā dhāraṇā tadvat
wenn dann diese Konzentration in ebensolcher Weise
avasthānavatī tataḥ
beständig geworden ist
kirīṭakeyūramukhaiḥ bhūṣaṇaiḥ rahitam
ohne die mit Krone, Armreifen u.a. beginnenden Schmuckstücke
smaret
möge man [ihn] erinnern/bedenken

tadekāvayavaṃ caivaṃ cetasā hi punarbudhaḥ / kuryāttato 'vayavini prāṇidhānaparo bhavet

So [fortschreitend, betrachte man] wahrlich mit dem Geist nur ein einzelnes Glied jener [Gestalt]; der Weise möge dann auf den [ganzen] Gliederträger ausgerichtete Vertiefung üben.

Wort für Wort
tat ekāvayavaṃ ca evam
so [betrachte man] jenes einzelne Glied
cetasā hi punaḥ budhaḥ
mit dem Geist wahrlich wieder der Weise
kuryāt tataḥ avayavini
möge dann auf den [ganzen] Gliederträger [gerichtet] üben
prāṇidhānaparaḥ bhavet
möge er der Vertiefung hingegeben sein

tadrūpapratyaye caikasaṃnatiścānyaniḥspṛhā / taddhyānaṃ prathamairaṅgaiḥ ṣaṅbhirniṣpādyate nṛpa

Wenn beim Erfassen jener Gestalt eine einzige Ausrichtung [des Geistes], frei von Verlangen nach anderem, [besteht] – das ist Meditation (dhyāna), vollbracht durch die ersten sechs Glieder [des Yoga], o König.

Wort für Wort
tadrūpapratyaye ca eka saṃnatiḥ
beim Erfassen jener Gestalt eine einzige Ausrichtung
ca anyaniḥspṛhā
und frei von Verlangen nach anderem
tat dhyānam prathamaiḥ aṅgaiḥ ṣaḍbhiḥ
das [ist] Meditation, durch die ersten sechs Glieder
niṣpādyate nṛpa
vollbracht, o König

tasyaivaṃ kalpanāhīnaṃ svarūpagrahaṇaṃ hi yat / manasā dhyānaniṣpādyaṃ samādhiḥ so 'bhidhīyate

Jenes so von [begrifflicher] Vorstellung freie Erfassen ihrer wahren Gestalt, das durch Meditation mit dem Geist vollendet wird – das wird 'Samādhi' genannt.

Wort für Wort
tasya evaṃ kalpanāhīnam
jenes so von [begrifflicher] Vorstellung freie
svarūpagrahaṇaṃ hi yat
Erfassen ihrer wahren Gestalt, das
manasā dhyānaniṣpādyam
durch Meditation mit dem Geist vollendet
samādhiḥ saḥ abhidhīyate
das wird 'Samādhi' genannt

vijñānaṃ prāpakaṃ prāpye paraṃ brahmaṇi pārthiva / prāpaṇīyastathaivātmā prakṣīṇāśeṣabhāvanaḥ

Die [rechte] Erkenntnis ist das Erlangungsmittel für das zu Erlangende, das höchste Brahman, o König; ebenso ist das Selbst, dessen [weltliche] Vorstellungen gänzlich vernichtet sind, das zu Erlangende.

Wort für Wort
vijñānaṃ prāpakaṃ prāpye
die Erkenntnis [ist] das Erlangungsmittel für das zu Erlangende
paraṃ brahmaṇi pārthiva
das höchste Brahman, o König
prāpaṇīyaḥ tathā eva ātmā
ebenso [ist] das Selbst das zu Erlangende
prakṣīṇāśeṣabhāvanaḥ
dessen [weltliche] Vorstellungen gänzlich vernichtet sind

kṣetrajñakaraṇījñānaṃ karaṇaṃ tena tasya tat / niṣpādya muktikāryaṃ vai kṛtakṛtyo nivartate

Das Wissen ist das Werkzeug des Kṣetrajña; mit ihm, dadurch, jenes [Werk] – nachdem er das Werk der Befreiung wahrlich vollbracht hat, kehrt der, dessen Aufgabe erfüllt ist, [von weiterem Streben] ab.

Wort für Wort
kṣetrajñakaraṇījñānam
das Wissen [ist] das Werkzeug des Kṣetrajña
karaṇaṃ tena tasya tat
das Werkzeug damit, jenes von ihm
niṣpādya muktikāryaṃ vai
nachdem er das Werk der Befreiung vollbracht hat
kṛtakṛtyaḥ nivartate
kehrt der, dessen Aufgabe erfüllt ist, ab

tadbhāvabhāvanāpannastato 'sau paramātmanaḥ / bhavatyabhedī bhedaśca tasyājñānakṛto bhavet

Der [so] in die Manifestation jenes [Brahman-]Zustandes Eingetretene wird dann nicht-verschieden vom höchsten Selbst; und [jede] Verschiedenheit von ihm wäre [nur] durch Unwissenheit bewirkt.

Wort für Wort
tadbhāvabhāvanāpannaḥ
der in die Manifestation jenes Zustandes Eingetretene
tataḥ asau paramātmanaḥ
dann wird er vom höchsten Selbst
bhavati abhedī
nicht-verschieden
bhedaḥ ca tasya ajñānakṛtaḥ bhavet
und [jede] Verschiedenheit von ihm wäre [nur] durch Unwissenheit bewirkt

vibhedajanake jñāne nāśa mātyantikaṃ gate / ātmano brahmaṇābhedaṃ saṃmataṃ kaḥ kariṣyati

Wenn das Verschiedenheit erzeugende Wissen zu absoluter Vernichtung gelangt ist, wer würde [dann noch] die [schon] anerkannte Nicht-Verschiedenheit des Selbst vom Brahman [in Frage] stellen?

Wort für Wort
vibhedajanake jñāne
wenn das Verschiedenheit erzeugende Wissen
nāśam ātyantikaṃ gate
zu absoluter Vernichtung gelangt ist
ātmanaḥ brahmaṇā abhedaṃ saṃmatam
die anerkannte Nicht-Verschiedenheit des Selbst vom Brahman
kaḥ kariṣyati
wer würde [dann in Frage] stellen

ityuktaste mayā yogaḥ khāṇḍikya paripṛcchataḥ / saṃkṣepavistarābhyāṃ tu kimanyatkriyatāṃ tava

So wurde dir, Khāṇḍikya, der [du] eifrig fragtest, von mir der Yoga dargelegt, sowohl kurz als auch ausführlich; was anderes soll für dich [noch] getan werden?

Wort für Wort
iti uktaḥ te mayā yogaḥ
so wurde dir von mir der Yoga dargelegt
khāṇḍikya paripṛcchataḥ
Khāṇḍikya, [du] eifrig fragtest
saṃkṣepavistarābhyāṃ tu
sowohl kurz als auch ausführlich
kim anyat kriyatāṃ tava
was anderes soll für dich getan werden

khāṇḍikya uvāca kathito yogasadbhāvaḥ sarvameva kṛtaṃ mama / tavopadeśātsakalo naṣṭaścittamalo mama

Khāṇḍikya sprach: Das wahre Wesen des Yoga ist dargelegt worden, alles ist mir vollbracht; durch deine Unterweisung ist die gesamte Trübung meines Geistes vernichtet.

Wort für Wort
khāṇḍikya uvāca
Khāṇḍikya sprach
kathitaḥ yogasadbhāvaḥ
das wahre Wesen des Yoga ist dargelegt worden
sarvam eva kṛtaṃ mama
alles ist mir vollbracht
tavopadeśāt sakalaḥ naṣṭaḥ cittamalaḥ mama
durch deine Unterweisung ist die gesamte Trübung meines Geistes vernichtet

mameti yanmayā proktamasadetanna cānyathā / naredraṃ gadituṃ śakyamapi vijñeyavedabhiḥ

Was von mir als 'mein' gesagt wurde, dies ist nicht wirklich, und auch nicht anders [zu verstehen]; dies kann kaum [angemessen] ausgesprochen werden, selbst von denen, die das Erkennbare kennen.

Wort für Wort
mama iti yat mayā proktam
was von mir als 'mein' gesagt wurde
asat etat na ca anyathā
dies ist nicht wirklich, und auch nicht anders [zu verstehen]
na īdṛśaṃ(?) gadituṃ śakyam
dies kann kaum [so] ausgesprochen werden
api vijñeyavedabhiḥ
selbst von denen, die das Erkennbare kennen

[?] 'naredraṃ' unklar; sinngemäß als Verneinung/Verstärkung ('kaum') übersetzt.

ahaṃ mametyavidyeyaṃ vyavahārastathānayoḥ / paramārthastva saṃlāpyo vacasāṃ gocaro na yaḥ

'Ich' und 'mein' – dies ist Unwissenheit; und der [übliche] Sprachgebrauch [beruht] auf diesen beiden; der höchste Sinn aber ist nicht mitteilbar, [da er] nicht im Bereich der Worte liegt.

Wort für Wort
ahaṃ mama iti avidyā iyam
'ich' und 'mein' – dies ist Unwissenheit
vyavahāraḥ tathā anayoḥ
und der Sprachgebrauch [beruht] auf diesen beiden
paramārthaḥ tu na saṃlāpyaḥ
der höchste Sinn aber ist nicht mitteilbar
vacasāṃ gocaraḥ na yaḥ
der nicht im Bereich der Worte liegt

tadguccha śreyase sarvaṃ mamaitadbhavatā kṛtam / yadvimuktiparo yogaḥ proktaḥ keśidvajāvyayaḥ

So gehe denn zu [deinem eigenen] Heil; alles ist von dir für mich getan worden, indem der auf Befreiung zielende Yoga [von dir] dargelegt wurde, o unvergänglicher Keśidhvaja.

Wort für Wort
tat gaccha śreyase
so gehe denn zu [deinem] Heil
sarvaṃ mama etat bhavatā kṛtam
alles ist von dir für mich getan worden
yat vimuktiparaḥ yogaḥ proktaḥ
indem der auf Befreiung zielende Yoga dargelegt wurde
keśidhvaja avyayaḥ
o unvergänglicher Keśidhvaja

sanandana uvāca yathārhapūjayā tena khāṇḍikyena sa pūjitaḥ / ājagāma puraṃ brahmaṃstataḥ keśidhvajo nṛpaḥ

Sanandana sprach: Mit gebührender Verehrung von jenem Khāṇḍikya geehrt, kehrte König Keśidhvaja darauf, o Brahmane [Nārada], in seine Stadt zurück.

Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
yathārhapūjayā tena khāṇḍikyena
mit gebührender Verehrung von jenem Khāṇḍikya
sa pūjitaḥ
geehrt
ājagāma puraṃ brahman tataḥ keśidhvajaḥ nṛpaḥ
kehrte König Keśidhvaja darauf, o Brahmane, in seine Stadt zurück

khāṇḍikyo 'pi sutaṃ kṛtvā rājānaṃ yogasiddhaye / viśālāmagamatkṛṣṇe samāveśitamānasaḥ

Khāṇḍikya aber, nachdem er seinen Sohn zum König gemacht hatte, ging zur Erlangung der Vollendung im Yoga nach Viśālā, seinen Geist auf Kṛṣṇa gerichtet.

Wort für Wort
khāṇḍikyaḥ api sutaṃ kṛtvā rājānam
Khāṇḍikya aber, seinen Sohn zum König gemacht habend
yogasiddhaye
zur Erlangung der Vollendung im Yoga
viśālām agamat kṛṣṇe samāveśitamānasaḥ
ging nach Viśālā, seinen Geist auf Kṛṣṇa gerichtet

sa tatraikāntiko bhūtvā yamādiguṇasaṃyutaḥ / viṣṇvākhye nirmale brahmaṇyavāpa nṛpatirlayam

Er, dort einzig [auf Viṣṇu] ausgerichtet geworden, mit den Eigenschaften der Yamas u.a. ausgestattet, der König, erlangte die Auflösung im reinen, 'Viṣṇu' genannten Brahman.

Wort für Wort
sa tatra ekāntikaḥ bhūtvā
er, dort einzig [auf Viṣṇu] ausgerichtet geworden
yamādiguṇasaṃyutaḥ
mit den Eigenschaften der Yamas u.a. ausgestattet
viṣṇvākhye nirmale brahmaṇi
im reinen, 'Viṣṇu' genannten Brahman
avāpa nṛpatiḥ layam
erlangte der König die Auflösung

keśidhvajo 'pi muktayarthaṃ svakarmakṣapaṇonmukhaḥ / bubhuje viṣayānkarma cakre cānabhisaṃdhitam

Keśidhvaja aber, um der Befreiung willen auf die Erschöpfung seines eigenen [restlichen] Karmas ausgerichtet, genoss die Sinnesobjekte und vollzog Handlungen, [jedoch] ohne [innere] Verhaftung.

Wort für Wort
keśidhvajaḥ api muktayartham
Keśidhvaja aber, um der Befreiung willen
svakarmakṣapaṇonmukhaḥ
auf die Erschöpfung seines eigenen Karmas ausgerichtet
bubhuje viṣayān
genoss die Sinnesobjekte
karma cakre ca anabhisaṃdhitam
und vollzog Handlungen, [jedoch] ohne [innere] Verhaftung

sa kalyāṇopabhogaiśca kṣīṇapāpo 'malastataḥ / avāpa siddhimatyantatritāpakṣapaṇīṃ mune

Er, durch heilvolle Genüsse mit erschöpfter Sünde, sodann makellos, erlangte, o Weiser, die Vollendung, die die dreifache Qual gänzlich beseitigt.

Wort für Wort
sa kalyāṇopabhogaiḥ ca
er, durch heilvolle Genüsse
kṣīṇapāpaḥ amalaḥ tataḥ
mit erschöpfter Sünde, sodann makellos
avāpa siddhim
erlangte die Vollendung
atyantatritāpakṣapaṇīṃ mune
die die dreifache Qual gänzlich beseitigt, o Weiser

etatte kathitaṃ sarvaṃ yanmāṃ tvaṃ paripṛṣṭavān / tāpatrayacikitsārthaṃ kimanyatkathayāmi te

Dies alles, wonach du mich eifrig gefragt hast, ist dir dargelegt worden, zum Zweck der Heilung der dreifachen Qual; was anderes soll ich dir [noch] erzählen?

Wort für Wort
etat te kathitaṃ sarvam
dies alles ist dir dargelegt worden
yat māṃ tvaṃ paripṛṣṭavān
wonach du mich eifrig gefragt hast
tāpatrayacikitsārtham
zum Zweck der Heilung der dreifachen Qual
kim anyat kathayāmi te
was anderes soll ich dir erzählen

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