Kapitel 11: dānapātralākṣaṇaṃ bhagīrathadharmasaṃvādaśca taḍāgamāhātmyam
Das Merkmal des Gabenempfängers, das Zwiegespräch des Bhagīratha mit Dharma und die Größe des Teichbaus
Nārada sprach: Ich habe die erwünschte, sündentilgende Größe (māhātmya) der Gaṅgā vernommen. Nun verkünde, Bruder, das Merkmal des würdigen und des unwürdigen Gabenempfängers [?].
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach:
śrutaṃ tu gaṅgāmāhātmyaṃ
gehört habe ich die Gaṅgā-Größe
vāñchitaṃ pāpanāśanam
die erwünschte, sündenvernichtende
adhunā lakṣaṇaṃ brūhi
nun verkünde das Merkmal
bhrātar me
o Bruder, mir
dāna-pātra-aghayoḥ [?]
des würdigen und unwürdigen Gabenempfängers [?]
[Anm.: Der Vers beginnt mit dem Schlusskolophon des vorigen Kapitels der Quelle (Quellzählung: „elftes Kapitel“ = Kap. 10 dieses Projekts, betitelt Gaṅgotpatti/Gaṅgāmāhātmya); erst danach beginnt der eigentliche Vers 1. – „dānapātrāghayoḥ“ ist im Quelltext unklar/korrupt, vermutlich dāna-pātra-apātrayoḥ („des würdigen und unwürdigen Gabenempfängers“); [?] entsprechend übersetzt. Sprecher dieses Unterabschnitts ist Sanaka (nicht Sanatkumāra), der Nārada als „Bruder“ anspricht.]
Sanaka sprach: Für alle Stände (varṇa) ist der Brahmane der höchste Lehrer (guru). Ihm sind jene Gaben zu geben – von dem, der die Unerschöpflichkeit des Gegebenen wünscht.
Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach:
sarveṣāmeva varṇānāṃ
für alle Stände
brahmaṇaḥ paramo guruḥ
der Brahmane ist der höchste Lehrer
tasmai tānāni deyāni
ihm sind jene (Gaben) zu geben
dattasya ānantyam icchatā
von dem, der die Unendlichkeit des Gegebenen wünscht
caṇḍasya putrahīnasya dambhācāraratasya ca / svakarmatyāginaŜāpi dattaṃ bhavati niṣphalam
Was einem Jähzornigen, einem Kinderlosen und einem der Heuchelei (dambha) Ergebenen gegeben wird, sowie was einem gegeben wird, der seine eigene Standespflicht aufgegeben hat – es bleibt fruchtlos.
Was einem, der an fremden Frauen hängt, einem, der nach fremdem Gut trachtet, und auch einem (gegen Lohn tätigen) Sterndeuter gegeben wird, bleibt fruchtlos.
asūyāviṣṭamanasaḥ kṛtanghasya ca māyinaḥ / ayājyayājakasyāpi dattaṃ bhavati niṣphalam
Was einem, dessen Geist von Missgunst erfüllt ist, einem Undankbaren und Betrüger, und auch einem, der Nicht-Opferwürdige zum Opfer anleitet, gegeben wird, bleibt fruchtlos.
nityaṃ yācñāparasyāpi hiṃsakasya khalasya ca / rasavikrayiṇaścaiva dattaṃ bhavati niṣphalam
Was einem, der stets nur ums Erbetteln bemüht ist, einem Gewalttätigen und Bösartigen, sowie einem, der (heilige) Säfte verkauft, gegeben wird, bleibt fruchtlos.
Wort für Wort
nityaṃ yācñāparasya api
einem, der stets nur ums Betteln bemüht ist
hiṃsakasya khalasya ca
einem Gewalttätigen und Bösen
rasavikrayiṇaś caiva
und einem Verkäufer (heiliger) Säfte
dattaṃ bhavati niṣphalam
das Gegebene bleibt fruchtlos
[Anm.: Quelltext „rasavikrayiṇaśvaiva“, hier als rasavikrayiṇaś caiva aufgefasst.]
Was einem, der die Veden verkauft, ebenso einem, der die Smṛtis verkauft, und einem, der die Dharma-Lehre verkauft, o Brahmane, gegeben wird, bleibt fruchtlos.
Wort für Wort
vedavikrayiṇaś cāpi
und auch einem Veda-Verkäufer
smṛtivikrayiṇaś tathā
ebenso einem Smṛti-Verkäufer
dharmavikrayiṇo vipra
einem Dharma-Verkäufer, o Brahmane
dattaṃ bhavati niṣphalam
das Gegebene bleibt fruchtlos
[Anm.: Vor dem eigentlichen Vers steht im Quelltext das isolierte Fragment „nāmaikā da“ – offenbar ein OCR-/Abschreibrest ohne erkennbaren Sinnzusammenhang; unverbunden übernommen, nicht übersetzt.]
Wer vom Schwert lebt, wer von Tinte lebt, ein (gegen Bezahlung tätiger) Tempeldiener, ein Dorfpriester oder ein Bote sei – was diesen gegeben wird, bleibt fruchtlos.
Was einem, der für einen anderen (gegen Lohn) kocht, einem Dichter, einem Krankheitsheiler, und auch einem, der Unverzehrbares isst, gegeben wird, bleibt fruchtlos.
Was einem, der die Speise eines Śūdra isst, einem, der die Leichen von Śūdras verbrennt, und auch einem, der verdorbene Speise [?] isst, gegeben wird, bleibt fruchtlos.
Wort für Wort
śūdrānnabhojinaś caiva
einem, der Śūdra-Speise isst
śūdrāṇāṃ śavadāhinaḥ
einem Leichenverbrenner von Śūdras
paiṃśvalānnabhujaś cāpi [?]
und auch einem Esser verdorbener Speise [?]
dattaṃ bhavati niṣphalam
das Gegebene bleibt fruchtlos
[Anm.: „paiṃśvalānna“ unklar/korrupt; sinngemäß mit „verdorbene/unreine Speise“ wiedergegeben [?].]
nāmavikrayiṇo viṣṇoḥ saṃdhyākarmorjjhitasya ca / duṣpratigrahadagdhasya dattaṃ bhavati niṣphalam
Was einem, der den Namen Viṣṇus verkauft, einem, der die Sāṃdhyā-Pflicht aufgegeben hat, und einem, der durch unrechtmäßigen Gabenempfang verbrannt (befleckt) ist, gegeben wird, bleibt fruchtlos.
Was einem, der am Tage zu schlafen pflegt, ebenso einem, der (zur Unzeit) Geschlechtsverkehr übt, und auch einem, der zur Dämmerungszeit isst, gegeben wird, bleibt fruchtlos.
Wort für Wort
divāśayanaśīlasya
einem, der am Tage zu schlafen pflegt
tathā maithunakāriṇaḥ
ebenso einem, der zur Unzeit Beischlaf übt
saṃdhyābhojina eva api
und auch einem Dämmerungsesser
dattaṃ bhavati niṣphalam
das Gegebene bleibt fruchtlos
[Anm.: Quelltext „sadhyābhojina“ als saṃdhyābhojinaḥ aufgefasst.]
Was einem, der mit einer großen Sünde behaftet ist, einem von Verwandten und Freunden Verstoßenen, und auch einem Kuṇḍa und einem Gola [Anm.: unehelich bzw. nach dem Tod des Ehemanns geboren] gegeben wird, bleibt fruchtlos.
Wort für Wort
mahāpātakayuktasya
einem, der eine große Sünde begangen hat
tyaktasya jñātibāndhavaiḥ
einem von Sippe und Freunden Verstoßenen
kuṇḍasya cāpi golasya
einem Kuṇḍa und einem Gola
dattaṃ bhavati niṣphalam
das Gegebene bleibt fruchtlos
[Anm.: kuṇḍa/gola sind technische Bezeichnungen für während bzw. nach dem Tod des Ehemannes gezeugte Söhne, hier belassen und erläutert.]
Was einem betrügerischen Tauschhändler [?] und einem nachlässigen Tauschenden, sowie einem von seiner Frau beherrschten, äußerst lasterhaften (Mann) gegeben wird, bleibt fruchtlos.
Wort für Wort
parivatteḥ śaṭhasya api [?]
einem betrügerischen Tauschhändler [?]
parivattuḥ pramādinaḥ
einem nachlässigen Tauschenden
strījitasya atiduṣṭasya
einem von der Frau beherrschten, sehr Lasterhaften
dattaṃ bhavati niṣphalam
das Gegebene bleibt fruchtlos
[Anm.: „parivatti/parivattu“ – vermutlich ein (rituelle Gaben) gegen Gegengaben Eintauschender; Bedeutung unsicher [?].]
ye kecitpāpaniratā ninditāḥ sujanaiḥ sadā / na tebhyaḥ pratigṛhṇīyānna ca vadyāddijottama / satkarmaniratāyāpi deyaṃ yatnena nārada
Wer immer in Sünde verhaftet und von den Guten stets getadelt ist – von ihnen soll man nichts annehmen, o Bester der Zweifachgeborenen, und man soll (ihnen) auch nichts geben. Dem hingegen, der guten Werken hingegeben ist, soll man, o Nārada, mit Sorgfalt geben.
Welche Gabe mit Glauben (śraddhā) gegeben wird, ebenso als Widmung an Viṣṇu, oder auch von einem würdigen Empfänger erbeten wird – diese Gabe sei die höchste.
Die Gabe, die im Hinblick auf die jenseitige oder auch die diesseitige Welt, o Nārada, einem würdigen Empfänger gegeben wird, gilt als aus Wunsch gegeben und wird als mittlere bezeichnet.
dambhena cāpi hiṃsārthaṃ parasyāvidhinā api ca / kruddhenāśraddhayā pātre taddānaṃ madhyamaṃ smṛtam
Auch die Gabe, die aus Heuchelei, zum Schaden eines anderen, regelwidrig, von einem Zornigen oder ohne Glauben einem würdigen Empfänger gegeben wird, gilt (hier ebenfalls) als mittlere [?].
Wort für Wort
dambhena cāpi hiṃsārtham
auch aus Heuchelei, zum Schaden
parasya avidhinā api ca
eines anderen, auch regelwidrig
kruddhena aśraddhayā pātre
von einem Zornigen, ohne Glauben, einem würdigen Empfänger
tad dānaṃ madhyamaṃ smṛtam [?]
diese Gabe gilt als mittlere [?]
[Anm.: Quelltext „dagbhena“ als dambhena aufgefasst. Die Einstufung als „madhyama“ (mittlere Gabe) steht in Spannung zum folgenden Vers 22, der erzwungene/eigennützige Gaben als „adhama“ (niedrigste) einstuft; möglicherweise ist „madhyama“ hier textverderbt für „adhama“ – wörtlich wiedergegeben, mit [?] markiert.]
Die niedrigste (Gabe geschieht) zur Besänftigung eines Mächtigen (Zwangsgabe) [?], die mittlere zur eigenen Zielerreichung, die höchste, um Hari (Viṣṇu) zu erfreuen – so sagen die Besten der Vedakenner.
Wort für Wort
adhamaṃ balitoṣāyam [?]
die niedrigste zur Besänftigung eines Mächtigen [?]
madhyamaṃ svārthasiddhaye
die mittlere zur eigenen Zielerreichung
uttamaṃ hariprītyartham
die höchste, Hari zu erfreuen
prāhuḥ vedavidāṃ varāḥ
so sagen die Besten der Vedakenner
[Anm.: „balitoṣāyam“ – wörtlich „zur Befriedigung des Mächtigen/aus Zwang (bali)“, sinngemäß als erzwungene Gabe wiedergegeben [?].]
yo dadāti ca nobhukte taddhanaṃ nāśakāraṇam / dhanaṃ dharmaphalaṃ vipra dharmo mādhavatuṣṭikṛt
Wer (Reichtum) weder gibt noch genießt, dessen Reichtum wird zur Ursache des Untergangs. Reichtum ist die Frucht des Dharma, o Brahmane, und Dharma bewirkt die Zufriedenheit Mādhavas (Viṣṇus).
manuṣyā yadi viprāgthra na parārthāstadā mṛtāḥ / parakāryaṃ na ye martyāḥ kāyenāpi dhanena vā
Wenn Menschen nicht für andere da sind, sind sie gleichsam tot [?] – jene Sterblichen, die das Werk für andere weder mit dem Körper noch mit Reichtum vollbringen.
Wort für Wort
manuṣyā yadi [?]
wenn Menschen [Text unklar]
na parārthāḥ tadā mṛtāḥ
nicht für andere da sind, dann (gleichsam) tot
parakāryaṃ na ye martyāḥ
jene Sterblichen, die das Werk für andere nicht
kāyena api dhanena vā
weder mit dem Körper noch mit Reichtum (vollbringen)
[Anm.: „viprāgthra“ im Quelltext unklar/korrupt, ohne erkennbaren Wortlaut zu rekonstruieren; sinngemäß im Anschluss an den Baum-Vergleich von Vers 25 übersetzt [?].]
– noch mit Gedanke oder Wort – sie sind als die größten Sünder zu erkennen. Hierzu will ich eine Erzählung (itihāsa) vortragen; höre sie, o Nārada, der Wahrheit gemäß.
An Gestalt dem Liebesgott (Kandarpa) gleich, ein eifriger Opferer, scharfsinnig, an Standhaftigkeit dem Schneeberg (Himālaya) gleich, im Dharma dem Dharma(-gott) selbst gleich – so war der König.
Mit allen guten Merkmalen ausgestattet, in der Bedeutung aller Lehrschriften bewandert, mit allem Reichtum ausgestattet, allen Freude bereitend, o Weiser (Muni).
Als er einen solchen König erkannt – als er Bhagīratha gesehen hatte –, o Bester der Zweifachgeborenen, kam Dharmarāja (der König des Dharma, Yama) einst, um ihn zu sehen.
Wort für Wort
etādṛśaṃ taṃ rājānam
einen solchen König
jñātvā dṛṣṭvā bhagīratham
erkannt, Bhagīratha gesehen habend
dharmarājo dvijaśreṣṭha
Dharmarāja, o bester Zweifachgeborener
kadācit draṣṭum āgataḥ
kam einst, um (ihn) zu sehen
[Anm.: Quelltext „dṛṣṭo“ grammatisch unstimmig (Partizip statt Absolutiv); hier als dṛṣṭvā aufgefasst [?].]
samāgataṃ dharmarājamarhayāmāsa bhūpatiḥ / śāstradṛṣṭena vidhinā dharmaḥ prīta uvāca tam
Den angekommenen Dharmarāja empfing der Herrscher der Erde ehrenvoll, nach der in den Lehrschriften festgelegten Vorschrift; erfreut sprach Dharma zu ihm:
Wort für Wort
samāgataṃ dharmarājam
den angekommenen Dharmarāja
arhayāmāsa bhūpatiḥ
empfing der Herrscher der Erde ehrenvoll
śāstradṛṣṭena vidhinā
nach der in den Lehrschriften vorgesehenen Vorschrift
Dharmarāja sprach: O König, du bist als der Beste der Dharma-Kenner in den drei Welten berühmt. Da Dharmarāja von deinem Ruhm gehört hatte, ist er gekommen, dich zu sehen.
Wort für Wort
dharmarāja uvāca
Dharmarāja sprach:
rājan dharmavidāṃ śreṣṭha
o König, Bester der Dharma-Kenner
prasiddhaḥ asi jagattraye
du bist berühmt in den drei Welten
dharmarājo 'tha kīrtiṃ te śrutvā
Dharmarāja, nachdem er von deinem Ruhm gehört hatte
tvāṃ draṣṭum āgataḥ
ist gekommen, dich zu sehen
[Anm.: Dharmarāja spricht hier von sich selbst in dritter Person.]
Den auf dem rechten Pfad Verharrenden, den Wahrhaftigen, dem Wohl aller Wesen Zugetanen wünschen selbst die Götter zu sehen, die die erhabensten Tugenden lieben.
Wort für Wort
sanmārganirataṃ satyam
den auf rechtem Pfad Verharrenden, den Wahrhaften
sarvabhūtahite ratam
dem Wohl aller Wesen Zugetanen
draṣṭum icchanti vibudhāḥ api [?]
selbst die Götter wünschen (ihn) zu sehen [?]
utkuṣṭaguṇapriyāḥ
die die erhabensten Tugenden lieben
[Anm.: Quelltext „vibudhāratavo tkuṣṭaguṇapriyāḥ“ korrupt; sinngemäß als vibudhā api utkuṣṭaguṇapriyāḥ aufgefasst [?].]
Ach, König, hochgesegneter, dein Verhalten ist herrlich; dein Wohlwollen gegenüber allen Wesen und dergleichen ist selbst für unsereins schwer zu erreichen.
Wort für Wort
aho rājan mahābhāga
ach, König, hochgesegneter
śobhanīcaritaṃ tava
dein herrliches Verhalten
sarvabhūtahitatvādi
dein Wohlwollen gegenüber allen Wesen und dergleichen
Von welcher Art sind die verkündeten Pflichten (dharmas)? Welches sind die Welten derer, die dem Dharma zugetan sind? Wie viele Höllenqualen (yātanā) wurden genannt, und für wen werden sie verkündet?
Dharmarāja sprach: Vortrefflich, vortrefflich, o Großgesinnter! Dein Verstand ist makellos und kraftvoll. Ich werde dir Dharma und Adharma der Wahrheit gemäß verkünden; höre mit Hingabe.
Wort für Wort
dharmarāja uvāca
Dharmarāja sprach:
sādhu sādhu mahābuddhe
vortrefflich, vortrefflich, o Großgesinnter
matiḥ te vimalā ūrjitā
dein Verstand ist makellos und kraftvoll
dharmādharmān pravakṣyāmi
ich werde Dharma und Adharma verkünden
tattvataḥ śṛṇu bhaktitaḥ
höre der Wahrheit gemäß, mit Hingabe
[Anm.: Quelltext „mahāvuddhe“ als mahābuddhe aufgefasst.]
Vielfältig sind die Pflichten genannt, die die verdienstvollen Welten gewähren; ebenso sind die Höllenqualen genannt, unzählig und schrecklich anzusehen.
Wort für Wort
dharmāḥ bahuvidhāḥ proktāḥ
vielfältig sind die Pflichten genannt
puṇyalokapradāyakāḥ
die die verdienstvollen Welten gewähren
tathaiva yātanāḥ proktāḥ
ebenso sind die Höllenqualen genannt
asaṃkhyā ghoradarśanāḥ
unzählig, schrecklich anzusehen
[Anm.: Quelltext „ghoradarśatāḥ“ als ghoradarśanāḥ aufgefasst.]
Ausführlich darzulegen vermöchte ich nicht, auch nicht in zehntausend Jahren; daher will ich es zusammengefasst darlegen, als Beispiel für Dharma und Adharma.
Wort für Wort
vistarāt gadituṃ na alam
ausführlich darzulegen vermöchte ich nicht
api varṣaśatāyutaiḥ
auch nicht in zehntausend Jahren
tasmāt taṃ samāsataḥ vakṣye
daher will ich es zusammengefasst darlegen
dharmādharmanidarśanam
als Beispiel für Dharma und Adharma
[Anm.: Quelltext „idarśanam“ als nidarśanam aufgefasst.]
tathaiva yātanāṃ vai mahāpuṇyaṃ prakīrtitam / tathaivādhyātmaviduṣo dattaṃ bhavati cākṣayam
Ebenso wird (die Aufhebung) der Höllenqual als großes Verdienst gepriesen [?]; ebenso wird, was einem in der Selbst-Erkenntnis (adhyātma) Bewanderten gegeben wird, unvergänglich.
Wort für Wort
tathaiva yātanāṃ vai [?]
ebenso wird die Höllenqual [?]
mahāpuṇyaṃ prakīrtitam
als großes Verdienst gepriesen
tathaiva adhyātmaviduṣaḥ
ebenso einem in der Selbsterkenntnis Bewanderten
dattaṃ bhavati cākṣayam
wird das Gegebene unvergänglich
[Anm.: Der Vers wechselt hier unvermittelt vom Thema der Höllenqualen zurück zum Thema „Gabe“; Sinnzusammenhang im Quelltext unklar [?], möglicherweise Störung der Überlieferung.]
Wer einem Familienvater, einem Schriftkundigen, einem vedakundigen Śrotriya oder einem Tugendreichen (etwas) gibt und ihn dadurch am Leben erhält [?], dessen Verdienstfrucht höre:
Wort für Wort
kuṭumbinaṃ yāḥ śāstrajñam
wer einem Familienvater, Schriftkundigen
śrotriyaṃ vā guṇānvitam
oder Śrotriya, einem Tugendreichen
yo dattvā jīvayet [?]
wer, gebend, am Leben erhält [?]
tasya puṇyaphalaṃ śṛṇu
dessen Verdienstfrucht höre
[Anm.: „syāpayedṛtim“ im Quelltext unklar/korrupt, sinngemäß als „ihn am Leben erhalten“ wiedergegeben [?].]
Mütterlicherseits und väterlicherseits – ein Zweifachgeborener mit einer Sippe von zehn Millionen (Angehörigen) – tritt, nachdem er in Viṣṇus Wohnstatt eingegangen ist, dort für ein Weltzeitalter in Freude.
Wort für Wort
mātṛtāḥ pitṛtaḥ caiva
mütterlicherseits und väterlicherseits
dvijaḥ koṭikulanvitaḥ
ein Zweifachgeborener mit einer Sippe von zehn Millionen
nirviśya viṣṇubhavanam
nachdem er in Viṣṇus Wohnstatt eingegangen ist
kalpaṃ tatraiva mādate
weilt dort für ein Weltzeitalter in Freude
[Anm.: Beschreibt, dass das Verdienst einer solchen Gabe die gesamte mütterliche und väterliche Sippe („koṭikula“, „Sippe von zehn Millionen“) erfasst.]
gaṇyante pāṃsavo bhūmergaṇyante vṛṣṭibindavaḥ / na gaṇyante vidhātrāpi brahmavṛttiphalāni vai
Zählbar sind die Staubkörner der Erde, zählbar die Regentropfen – doch nicht zählbar sind, selbst für den Schöpfer (Vidhātṛ), die Früchte der (Ermöglichung des) Lebensunterhalts eines Brahmanen.
yo viprahitakṛnnityaṃ sa sarvānkṛtavānmakhān / sa snātaḥ sarvatīrtheṣu tatpuṇyaṃ tenākhilaṃ tapaḥ
Wer stets zum Wohl der Brahmanen handelt, der hat alle (großen) Opfer vollbracht; er hat in allen Pilgerstätten gebadet, durch ihn ist alles Verdienst und alle Askese (vollbracht) [?].
Wort für Wort
yo viprahitakṛt nityam
wer stets zum Wohl der Brahmanen handelt
sa sarvān kṛtavān makhān
der hat alle Opfer vollbracht
sa snātaḥ sarvatīrtheṣu
er hat in allen Pilgerstätten gebadet
tat puṇyaṃ tena akhilaṃ tapaḥ [?]
durch ihn (ist) alles Verdienst, alle Askese [?]
[Anm.: Quelltext „strātaḥ“ als snātaḥ aufgefasst, „tatpaṃ“ als tatpuṇyaṃ [?].]
yo dadasveti viprāṇāṃ jīvanaṃ prerayetparam / so 'pi tatphalamāpnoti kimanyairbahubhāṣitaiḥ
Wer auch nur (einen anderen) mit den Worten ‘Gib!’ dazu anspornt, den Lebensunterhalt der Brahmanen zu sichern, auch er erlangt jene Frucht – was bedürfte es vieler anderer Worte?
Wer einen Teich (taḍāga) anlegen lässt, sei es selbst oder durch einen anderen – die Zahl seines Verdienstes darzulegen, reicht selbst ein Leben von hundert Jahren nicht aus.
ekāham api yatkuryādbhūmisthamudakaṃ naraḥ / sa muktaḥ sarvapāpebhyaḥ śatavarṣaṃ vaseddivi
Auch wenn ein Mensch nur für einen einzigen Tag auf der Erde stehendes Wasser bereitstellt, wird er von allen Sünden befreit und weilt hundert Jahre im Himmel.
Wort für Wort
ekāham api yat kuryāt
auch wenn (nur) einen Tag lang
bhūmistham udakaṃ naraḥ
ein Mensch auf der Erde stehendes Wasser (bereitstellt)
Wessen Gottheiten oder Lehrer zufrieden sind, o bester der Könige, der wird Anteil am Verdienst des Teichbaus – dies ist die ewige (heilige) Überlieferung.
Die großen Minister dieses Königs, die zwischen Tun und Nicht-Tun Unterscheidenden, treffen stets in den Dharma-Lehrbüchern die Entscheidung über die Pflichten.
prāyaścittaṃ cikitsāṃ ca jyotiṣe dharmanirṇayam / vinā śāstreṇa yo brūyāttamāhurbrahmaghātakam
Wer Büßung, Heilkunde und die Entscheidung über Dharma in der Sternkunde ohne (Grundlage in der) Lehrschrift verkündet, den nennt man einen Brahmanenmörder.
Was ist dies – dieser Teich, wie ein Horn der Erde [?], von wem wurde er geschaffen? Wie könnte hier Wasser entstehen, wodurch dieser König selbst am Leben bliebe?
Wort für Wort
kim ayaṃ saraḥ [?]
was ist dieser Teich [?]
śṛṅgam iva bhuvaḥ kena vinirmitā
wie ein Horn der Erde, von wem geschaffen
kathaṃ jalaṃ bhavet atra
wie könnte hier Wasser entstehen
yena jīvet ayaṃ nṛpaḥ
wodurch dieser König am Leben bliebe
[Anm.: „sarasīśṛṅgebhuvaḥ“ im Quelltext unklar/korrupt, sinngemäß als saraḥ śṛṅgam iva bhuvaḥ („der Teich, wie ein Horn/Erhebung der Erde“) aufgefasst [?].]
tena toyena pītena rājñastṛptirajāyata / mantriṇaścāpi bhūmīśa buddhisāgarasaṃjñinaḥ
Durch das getrunkene Wasser entstand Zufriedenheit beim König und auch bei dessen Minister, o Herrscher der Erde, der den Namen Buddhisāgara („Ozean der Weisheit“) trug.
adyaināṃ baddhavaprāṃ ca karttuṃ jātā matirmama / tadbhavānmodatāṃ deva dattādājñāṃ ca me 'nagha
Heute nun ist in mir der Gedanke entstanden, ihn mit einem Damm zu versehen. Möge sich daran mein Herr erfreuen und mir, o Makelloser, die Erlaubnis dazu geben.’
kadācitsvāyuṣaścānte sa mantrī buddhisāgaraḥ / mṛto gatavāṃllokaṃ lokaśāsturmama prabho
Einst, am Ende seiner Lebenszeit, verstarb jener Minister Buddhisāgara und gelangte in die Welt des Weltenherrschers, meines Gebieters.
Wort für Wort
kadācit svāyuṣaḥ ca ante
einst, am Ende seiner Lebenszeit
sa mantrī buddhisāgaraḥ
jener Minister Buddhisāgara
mṛto gatavān lokam
verstarb, gelangte in die Welt
lokaśāstuḥ mama prabho
des Weltenherrschers, meines Gebieters
[Anm.: Sprecher ist Dharmarāja (Yama) selbst; mit „des Weltenherrschers, meines Gebieters“ ist offenbar dessen eigener Bereich gemeint. Quelltext „pramṛto“ als mṛto aufgefasst.]
– dort wurde von jenem Wachtelvogel (lāvaka) mit dem Schnabel eine Stelle von zwei Fingerbreiten in der Erde gegraben; dann, nach einiger Zeit, wurde von jenem Eber, o bester der Könige,
Wort für Wort
lāvakena amunā cañcvā
von jenem Wachtelvogel mit dem Schnabel
khātaṃ dvyaṅgulaṃ bhuvi [?]
gegraben, zwei Fingerbreiten in der Erde [?]
tataḥ kālāntare tena
dann, nach einiger Zeit, von jenem
vārāheṇa nṛpottama
Eber, o bester der Könige
[Anm.: Quelltext „dvyaṃṅguprambuni“ unklar/korrupt, sinngemäß als dvyaṅgulaṃ bhuvi („zwei Fingerbreiten in der Erde“) aufgefasst [?].]
khanitaṃ hastamātraṃ tu jalaṃ tuṇḍena cātmanaḥ / tato 'nyadā keneva hastayugmamitaḥ kṛtaḥ
– eine ellentiefe Grube mit seiner eigenen Schnauze gegraben, und Wasser (erschien). Dann, ein andermal, wurde von jemandem [?] eine Vertiefung von zwei Ellen daraus gemacht.
Wort für Wort
khanitaṃ hastamātraṃ tu
gegraben eine Elle tief
jalaṃ tuṇḍena ca ātmanaḥ
Wasser, mit seiner eigenen Schnauze
tato 'nyadā [?]
dann, ein andermal [?]
hastayugmam itaḥ kṛtaḥ [?]
eine Vertiefung von zwei Ellen daraus gemacht [?]
[Anm.: Quelltext „tato 'nyadāmuyā kālyāhasta yugmamitaḥ kṛtaḥ“ stark korrupt, Subjekt der Handlung nicht sicher zu bestimmen; sinngemäß als Fortsetzung der Kette von Tieren übersetzt [?].]
Die Grube (war) voll Wasser, großer König; das Wasser blieb zwei Monate (dort) und wurde von den kleinen Waldtieren, die von Durst geplagt waren, getrunken.
tato varṣatrayānte tu gajenānena suvrata / hastatrayamitaḥ khātaḥ kṛtastatrādhikaṃ jalam
Dann, nach Ablauf von drei Jahren, o Tugendreicher, wurde von diesem Elefanten eine Vertiefung von drei Ellen gegraben, wodurch dort mehr Wasser entstand.
Und jenes Wasser blieb drei Monate (dort) für die Waldlebewesen; du selbst [Anm.: gemeint ist König Vīrabhadraka, von Dharma angesprochen] kamst dorthin, unmittelbar nachdem das Wasser versiegt war.
– wurde auf fünfzig Bogenlängen ausgegraben, und großes Wasser entstand dort; wiederum wurde es mit Steinen fest befestigt, so dass ein großer See entstand; und Bäume wurden dort gepflanzt, allen Wesen zum Nutzen.
Wort für Wort
pañcāśat dhanuḥ utkhātaṃ
auf fünfzig Bogenlängen ausgegraben
jātaṃ tatra mahājalam
großes Wasser entstand dort
punaḥ śilābhiḥ sudṛḍhaṃ baddhaṃ
wiederum mit Steinen fest befestigt
jātaṃ mahatsaraḥ
ein großer See entstand
vṛkṣāḥ ca ropitāḥ tatra
und Bäume wurden dort gepflanzt
sarvalokopakāriṇaḥ
allen Wesen zum Nutzen
[Anm.: Dieser Vers hat im Quelltext drei statt zwei Pādas.]
iti vākyaṃ samākarṇya tasya rājā sa bhūmipa / āruroha vimānaṃ tat ṣaṣṭho rājā samāṃśabhāk
Nachdem er diese Worte vernommen hatte, bestieg jener König, o Herrscher der Erde, den Himmelswagen als sechster König, gleichen Anteil (am Verdienst) empfangend.
Wort für Wort
iti vākyaṃ samākarṇya
nachdem er diese Worte vernommen hatte
tasya rājā sa bhūmipa
jener König, o Herrscher der Erde
āruroha vimānaṃ tat
bestieg jenen Himmelswagen
ṣaṣṭho rājā samāṃśabhāk
als sechster König, gleichen Anteil empfangend
[Anm.: Quelltext „mama rājā“ hier als tasya rājā aufgefasst, da vom König Vīrabhadraka die Rede ist, nicht vom Sprecher Dharmarāja.]
iti te sarvamākhyātaṃ taḍāgajanitaṃ phalam / śrutvaitanmucyate pāpādājanmamaraṇāntikāt
So wurde dir die gesamte, aus dem Teich entstandene Frucht dargelegt. Wer dies hört, wird von Sünde befreit, bis hin zur Grenze von Geburt und Tod [Anm.: d.h. von aller in diesem Leben angesammelten Sünde].
yo naraḥ śraddhayā yukto vyākhyātametacchṛṇuyātpaṭhet / so 'pyāpnotyakhilaṃ puṇyaṃ saronirmāṇasaṃbhavam
Welcher Mensch, mit Glauben ausgestattet, dies Dargelegte hört oder liest, auch er erlangt das gesamte Verdienst, das aus dem Bau eines Teiches entsteht.