Kapitel 62: bhāgavatatantranirūpaṇam
Darlegung des Bhāgavata-Tantra und der Tattva-Lehre
Erstes Kapitel des DRITTEN Pāda (tṛtīyapāda) der bṛhadupākhyāna-Rahmenerzählung. Der Kolophon dieses Kapitels enthält, wie in der Quelle üblich, keinen Beschreibungstitel ("iti ... tṛtīyapāde triṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ" — dieser Text steht am Kopf der folgenden Datei, Kapitel 63; die Sanskrit-Ordnungszahl "triṣaṣṭitama", 63., weicht abermals um eins von der Projektzählung ab, s. bereits Kapitel 61-Note). Der Titel wurde daher, der Anweisung folgend, aus dem Inhalt formuliert. [STRUKTURBESTÄTIGUNG zur Pāda-Grenze:] Am Kopf der vorliegenden Quelldatei findet sich ausdrücklich der Satz "samāptaścāyaṃ dvitīyaḥ pādaḥ" ("Hiermit ist dieser zweite Pāda beendet"), unmittelbar gefolgt vom Sprecherwechsel zu "śaunaka uvāca" (V.1) — der äußerste Rahmenerzähler-Dialog Śaunaka-Sūta, der seit Kapitel 1 des Werks nicht mehr in Erscheinung getreten war, wird hier kurz wiederaufgenommen, ehe in V.5 zur inneren Erzählebene (Sūta berichtet von Nārada und Sanatkumāra) zurückgekehrt wird. Damit ist die vom Auftrag vermutete Pāda-Grenze (Ende 2. Pāda / Beginn 3. Pāda) durch den Text selbst eindeutig bestätigt. Inhaltlich entfaltet Sanatkumāra ab V.12 auf Nāradas Bitte (V.7-10) das "Bhāgavata-Tantra": eine an die Terminologie der Śaiva-Siddhānta-Tradition angelehnte Kosmologie (pati-paśu-pāśa-Trias, die 36 Tattvas von Śiva bis zu den groben Elementen, Embryologie, die 8,4 Millionen Geburtsstätten) und schließt mit der Notwendigkeit der Initiation (dīkṣā) und bedingungsloser Guru-Hingabe für die endgültige Erlösung.
Śaunaka sprach: O Sūta, du Guter, lebe lange, kundig in allen Lehren — dieweil du uns, o Wissender, mit dem Nektar der Erzählung von Kṛṣṇa getränkt hast.
Wort für Wort
śaunaka uvāca
Śaunaka sprach
sūta sādho ciraṃ jīva
o Sūta, du Guter, lebe lange
sarvaśāstraviśāradaḥ
kundig in allen Lehren
yat tvayā pāyitā vidvan
dieweil du, o Wissender, [uns] getränkt hast
vayaṃ kṛṣṇakathāmṛtam
uns mit dem Nektar der Kṛṣṇa-Erzählung
[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 sind im Quelltext zwei Elemente vorangestellt: (1) die Kolophonzeile "iti ... dviṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ" mitsamt Trennlinie — dies ist, dem Aufbau der Quelle nach zu urteilen, der (versetzt überlieferte) Schlusskolophon des VORANGEHENDEN Kapitels 61 (Titel: mokṣadharmanirūpaṇam), dessen Sanskrit-Ordnungszahl "dviṣaṣṭitama" (62.) um eins von der Projektzählung abweicht (Quellanomalie); (2) der Satz "samāptaścāyaṃ dvitīyaḥ pādaḥ" ("Hiermit ist dieser zweite Pāda beendet") — dies ist die im Quelltext ausdrücklich vermerkte STRUKTURGRENZE: das Ende des zweiten Pāda und der Beginn des dritten Pāda (tṛtīyapāda) der bṛhadupākhyāna-Rahmenerzählung, der mit dem vorliegenden Kapitel 62 einsetzt. Beide Elemente wurden im sa-Feld dokumentiert, jedoch nicht in die Übersetzung von V.1 einbezogen. Die eigentliche Kapitelhandlung setzt mit "śaunaka uvāca" neu ein: Der Rahmenerzähler Sūta wird nun von Śaunaka befragt — ein Wechsel der Sprecherkonstellation gegenüber dem vorigen Pāda.]
Die Geistgeborenen Söhne Brahmās, angefangen mit Sanaka, die Herrscher der Muni, wandeln, von endloser Vollendung, durch die Welten, stets darauf bedacht, die Welt zu erretten.
nārada uvāca
sarvadeveśvaro viṣṇurvede tantre ca kīrtitaḥ /
samārādhyaḥ sa evātra sarvaiḥ sarvārthakāṅkṣibhiḥ
Nārada sprach: Viṣṇu, der Herr aller Götter, wird im Veda und im Tantra gepriesen; eben er ist hier von allen zu verehren, die alle [ihre] Ziele erstreben.
kairmantrairbhagavānviṣṇuḥ samārādhyo munīśvarāḥ /
ke devāḥ pūjanīyāśca viṣṇupādaparāyaṇaiḥ
Mit welchen Mantras ist der erhabene Viṣṇu, o Herrscher der Muni, zu verehren? Welche Götter sind von denen, die Viṣṇus Füßen ganz ergeben sind, zu verehren?
tantraṃ bhāgavataṃ viprā guruśiṣyaprayojakam /
dīkṣaṇaṃ prātarādyaṃ ca kṛtyaṃ syādyattaducyatām
Das Bhāgavata-Tantra, o Brahmanen, das Lehrer und Schüler verbindet, die Initiation, die morgendliche und übrige Pflicht — was das sei, möge gesagt werden.
Sanatkumāra sprach: Höre, Nārada, ich will dir das Bhāgavata-Tantra verkünden, durch dessen Kenntnis man mit makelloser Hingabe den unvergänglichen Viṣṇu erlangen kann.
Man bezeichnet [es] als großes Tantra von dreifacher Bedeutung [und] vier Padas; die Padas werden genannt: Bhoga (Genuss), Mokṣa (Erlösung), Kriyā (Ritus) und Caryā (Wandel).
Wort für Wort
tripadārthaṃ catuṣpādaṃ
von dreifacher Bedeutung, [und] vier Padas
mahātantraṃ pracakṣate
bezeichnet man als großes Tantra
bhogamokṣakriyācaryā-
Genuss, Erlösung, Ritus und Wandel
āhvayā pādāḥ prakīrtitāḥ
benannt werden die Padas verkündet
[?] 'tripadārtham' unsicher gedeutet als 'von dreifacher [Grund-]Bedeutung' (bezogen auf die im folgenden Vers genannte Trias pati-paśu-pāśa), trotz der im selben Halbvers genannten vier Padas.
pādārthāstu paśupatiḥ paśupāśāstraya eva hi /
patistatra śivohyeko jīvāstu paśavaḥ smṛtāḥ
Die Bedeutungsinhalte der Padas aber sind: Herr, Herde und Fessel — diese drei fürwahr; der Herr dort ist der eine Śiva, die Lebewesen aber gelten als die Gebundenen.
Solange die Verbindungen mit Verblendung u.a., gekennzeichnet durch Nichterkennen der eigenen wahren Natur, bestehen, solange besteht deren Zustand als Gebundene, wie im Zustand der Dualität — sieh das, Nārada!
Wort für Wort
yāvat mohādisaṃyogāḥ
solange die Verbindungen mit Verblendung u.a.
svarūpābodhalakṣaṇāḥ
gekennzeichnet durch Nichterkennen der eigenen Natur
Die Fesseln dieser Wesen aber sind fünffach, für jede einzelne von ihnen gibt es ein Kennzeichen; auch die Gebundenen sind als dreifach erkannt, mit dem Namen 'kala' bezeichnet.
[Nämlich benannt als] Vijñānākala, Pralayākala und Sakala. Von ihnen ist der erste mit dem [bloßen] Makel verbunden, der andere mit Makel und Karman verbunden.
Wort für Wort
vijñānākalasaṃjñaḥ ca
[benannt als] Vijñānākala und
pralayākalaḥ sakalaḥ ca iti nāmataḥ
Pralayākala und Sakala nach dem Namen [?]
tatra ādyo malasaṃyuktaḥ
von ihnen ist der erste mit Makel verbunden
malakarmayutaḥ paraḥ
der andere mit Makel und Karman verbunden
[?] 'talapākalasaṃjña' im Quelltext offenkundig entstellt; als 'vijñānākalasaṃjña' bzw. 'pralayākala' gedeutet (Standardtrias vijñānākala–pralayākala–sakala der Śaiva-Siddhānta-Tradition).
Der dritte wird als mit Makel, Māyā und Karman verbunden bezeichnet. Der erste [Typus] aber ist dort zweifach: zum einen mit zusammengezogenem [pauschalem] Makel behaftet,
und 'mit nicht-zusammengezogenem Makel' — so die zweite [Unterart]; ebenso wird auch der zweite [Haupttypus] wiederum als zweifach bezeichnet, eben durch gereiften und ungereiften Makel.
Wort für Wort
asamāsamalaḥ ca iti dvitīyaḥ
'mit nicht-zusammengezogenem Makel' die zweite [Unterart]
api punaḥ tathā
auch wiederum ebenso
pakvāpakvamalena eva
eben durch gereiften und ungereiften Makel
dvividhaḥ parikīrtitaḥ
wird [der zweite Haupttypus] als zweifach bezeichnet
Diese beiden, der Vijñānākala und der Pralayākala, sind im reinen Pfad eingegangen; der Sakala aber, gebunden an die Tattvas, angefangen mit Kalā, durchwandert diesen [Pfad].
karmānugaśarīreṣu tattadbhuvanageṣu ca /
pāśāḥ pañca tathā tatra prathamau malakarmajau
...in den dem Karman entsprechenden Körpern und in den jeweiligen Welten [wandernd]; dort gibt es ebenso die fünf Fesseln, deren erste beide aus Makel und Karman entstehen,
und [die dritte] aus Māyā, und [die vierte,] entstanden aus der Verhüllungskraft; die höchste [fünfte] aber entsteht aus dem Bindu — einer, doch mit vielfacher Kraft, mild [wirkend], indem sie Erkenntnis und Handeln verhüllt.
...gleich der Spelzenhülle; und ferner ist hier für die Selbste die Ursache des Leibes das aus Verdienst und Unrecht bestehende Karman, das mannigfaltige Fruchtgenüsse gewährt,
das in ununterbrochenem Strom ewig fortbesteht, nach der Regel von Samenkorn und Keim. So sind diese beiden ersten [Fesseln beschrieben]; nun höre über die Fessel Māyeya und die folgenden, o Zweifachgeborener.
Wort für Wort
pravāhanityaṃ
in ununterbrochenem Strom ewig
tadbījāṅkuranyāyena saṃsthitam
nach der Regel von Samenkorn und Keim fortbestehend
iti etau prathamau ca
so [sind] diese beiden ersten
atha māyeyādyān śṛṇu dvija
nun höre über Māyeya und die folgenden, o Zweifachgeborener
manasyati na codeti nivṛttiṃ ca prayacchati /
varvarti dṛkkriyārūpaṃ tattejaḥ śāṃbhavaṃ param
Er denkt nicht, und er erhebt sich nicht [aus sich heraus]; und er gewährt dennoch Erlösung; jener höchste Glanz Śambhus, dessen Wesen Erkenntnis und Handeln ist, waltet beständig.
Wort für Wort
manasyati na ca udeti
er denkt nicht, und er erhebt sich nicht
nivṛttiṃ ca prayacchati
und er gewährt Erlösung
varvarti dṛkkriyārūpaṃ
es waltet, von der Wesensart Erkenntnis und Handeln
śakto mayā harau bhukto paśugaṇasya hi /
tacchaktimādyāmekāntāṃ vidrūpākhyāṃ vadanti hi
Diese Kraft, durch Māyā [wirkend], wird den Scharen der gebundenen Wesen zuteil; man nennt jene erste, alleinige Kraft mit dem Namen Vidrūpā.
Wort für Wort
śaktaḥ mayā
die Kraft, durch Māyā
harau bhukto paśugaṇasya hi
wird fürwahr den Scharen der gebundenen Wesen zuteil [?]
tat śaktim ādyām ekāntāṃ
jene erste, alleinige Kraft
vidrūpākhyāṃ vadanti hi
nennt man fürwahr mit dem Namen Vidrūpā
[Anm.: Der erste Halbvers ('śakto mayā harau bhukto paśugaṇasya hi') ist im Quelltext syntaktisch unvollständig/korrupt überliefert (vermutlich fehlt ein Versfuß); die Übersetzung folgt einer sinngemäßen Deutung als Aussage über das Wirken der Śakti mittels Māyā zugunsten der gebundenen Wesen.]
Und durch sie entfaltet, wird der Bindu, dessen Wesen Erkenntnis und Handeln ist, mit dem Namen Śiva bezeichnet — die Ursache der gesamten Schar der Tattvas, der allmächtige, unvergängliche.
Wort für Wort
tayā ca ujjṛṃbhitaḥ binduḥ
und durch sie entfaltet, der Bindu
dṛkkriyātmā śivābhidhaḥ
dessen Wesen Erkenntnis und Handeln, mit Namen Śiva
— dessen, der, um Geist und Materie Gnade zu erweisen, das Weltall zu erschaffen wünscht; dessen erstes Aufblitzen ist von der Wesenheit des Nāda, bestehend aus den Welten, angefangen mit Śānti.
tacchaktitattvaṃ viprendra proktaṃ sāvayavaṃ param /
tato jñānakriyāśaktyostathotkarṣāpakarṣayoḥ
Jenes Śakti-Tattva, o Fürst der Brahmanen, wird als das höchste, doch gegliederte, bezeichnet; danach, durch das Überwiegen und Zurücktreten der Erkenntnis- und der Handlungskraft,
Wort für Wort
tat śaktitattvaṃ viprendra
jenes Śakti-Tattva, o Fürst der Brahmanen
proktaṃ sāvayavaṃ param
wird als das höchste, doch gegliederte, bezeichnet
und durch deren Entfaltung bzw. Nicht-Entfaltung entsteht dieses Tattva, Sadāśiva genannt, worin die Erkenntniskraft zurücktritt und die Handlungskraft hervortritt.
īśvarākhyaṃ tu tattattvaṃ proktaṃ sarvārthakartṛkam /
yatra kriyā hi nyagbhūtā jñānākhyodrekamaśnute
Jenes Tattva aber, das Īśvara genannt wird, gilt als der Urheber aller Ziele, worin die Handlung zurücktritt und das als Erkenntnis Bezeichnete das Übergewicht erlangt.
Wort für Wort
īśvarākhyaṃ tu tattattvaṃ
jenes Tattva aber, Īśvara genannt
proktaṃ sarvārthakartṛkam
gilt als der Urheber aller Ziele
yatra kriyā hi nyagbhūtā
worin die Handlung fürwahr zurücktritt
jñānākhyaḥ udrekam aśnute
das als Erkenntnis Bezeichnete das Übergewicht erlangt
Und eben jenes Tattva, Vidyā genannt, ist von der Wesensart der Erkenntnis, erleuchtend. Nāda und Bindu, als sakala gedacht, sind dem Tattva 'Sadākhya' zugeordnet.
Wort für Wort
tattattvaṃ ca eva vidyākhyaṃ
und eben jenes Tattva, Vidyā genannt
jñānarūpaṃ prakāśakam
von der Wesensart der Erkenntnis, erleuchtend
nādo binduḥ ca sakalaḥ
Nāda und Bindu, als sakala
sadākhyaṃ tattvam āśritau
sind dem Tattva Sadākhya zugeordnet [?]
[?] Bezug von 'sakalaḥ' und 'āśritau' im zweiten Halbvers nicht ganz eindeutig; sinngemäß auf die Zuordnung von Nāda und Bindu zum Sadāśiva-Tattva gedeutet.
Hierbei ist Īśvara die unmittelbare Wirkursache, der mit ihm verbundene Bindu-Herrscher die materielle Ursache; unter diesen fünf gibt es, da sie zeitlos sind, keine zeitliche Abfolge — dies steht fest.
Wort für Wort
sākṣāt nimittam īśo atra
hierbei ist Īśvara die unmittelbare Wirkursache
iti upādāna-sa-bindu-rāṭ
so [ist] der mit dem Bindu verbundene Herrscher die materielle Ursache
pañcānāṃ kālarāhityāt
unter diesen fünf, da sie zeitlos sind
kramo nāsti iti niścitam
gibt es keine [zeitliche] Abfolge — dies steht fest
Denn ihre scheinbare Abfolge ist nur aufgrund unterschiedlicher Wirkweisen als gedankliche Unterscheidung vorgenommen; das Tattva ist der Sache nach in Wahrheit eines, Śiva genannt, von mannigfaltiger Kraft.
Wort für Wort
vyāpāravaśataḥ hi eṣāṃ
denn aufgrund ihrer Wirkweisen
vihitā khalu kalpanā
ist nur eine gedankliche Unterscheidung vorgenommen
— das, dessen verschiedene Gestaltungen aufgrund des Unterschieds der Kraft-Funktionen vorgenommen werden; um Geist und Materie Gnade zu erweisen, nimmt der Herr verschiedene Formen an.
Wort für Wort
śaktaṃ yāṃ vṛttibhedāt tu
das, dessen [Gestaltungen] aufgrund des Funktionsunterschieds
vidhatte jaḍavargasya sarvānugrāhakaḥ śivaḥ /
śivasāmānyarūpo hi mokṣastu cidanugrahaḥ
Śiva, der alle Gnade Erweisende, ordnet alles für die Schar der leblosen Dinge an; denn die Erlösung, von der Wesensart der Śiva-Gleichheit, ist die Gnade an das Bewusstsein.
so 'nāditvātkarmaṇo hi tattadbhogaṃ vinā bhavet /
tenānugrāhakaḥ śambhustadbhuktyai prabhurvyayaḥ
Da das Karman ohne Anfang ist, könnte er nicht ohne den jeweiligen Genuss [befreit werden]; deshalb ist Śambhu, der gnadenspendende Herr, [dazu tätig], damit jener Genuss vollzogen werde.
Wort für Wort
saḥ anāditvāt karmaṇo hi
da fürwahr das Karman ohne Anfang ist
tattadbhogaṃ vinā bhavet
könnte er nicht ohne den jeweiligen Genuss [befreit werden]
tena anugrāhakaḥ śambhuḥ
deshalb [ist] Śambhu, der gnadenspendende
tadbhuktyai prabhuḥ avyayaḥ
der unvergängliche Herr, damit jener Genuss [vollzogen werde] [?]
[?] 'prabhurvyayaḥ' auffällig: 'vyayaḥ' ('vergänglich') widerspricht sonst durchweg betonter Unvergänglichkeit Śivas; vermutlich Verschreibung für 'avyayaḥ' ('unvergänglich') — so sinngemäß übersetzt.
kurute sūkṣmakaraṇabhuvanotpattimañjasā /
karttopādānakaraṇairvinā kārye na dṛśyate
Er bewirkt leicht die Entstehung der subtilen Organe und der Welten; ein Urheber wird ohne materielle Ursache und Werkzeug-Ursachen nicht als tätig im Werk gesehen.
Die Śiva-Kräfte gelten hier als Werkzeug-Ursache, Māyā als materielle Ursache; und die ewig-eine, glückverheißende Māyā, obschon anfangs- und endlos seiend, wird tätig durch die göttliche Kraft.
sādhāraṇī narāṇāṃ vai bhuvanānāṃ ca kāraṇam /
svabhāvānmohajananī svacitājanakarmabhiḥ
Sie ist allen Menschen gemeinsam und die Ursache der Welten; von Natur aus die Erzeugerin der Verblendung, durch die den einzelnen Geistwesen zugehörigen Taten,
Wort für Wort
sādhāraṇī narāṇāṃ vai
sie ist fürwahr allen Menschen gemeinsam
bhuvanānāṃ ca kāraṇam
und die Ursache der Welten
svabhāvāt mohajananī
von Natur aus die Erzeugerin der Verblendung
svacitājanakarmabhiḥ
durch die den einzelnen Geistwesen zugehörigen Taten
wirkt die alldurchdringende, subtile, höchste Māyā; höher noch aber ist sie durch ihre Umwandlungen wirksam. Nachdem der Vidyeśa die Taten betrachtet hat, erregt er die Māyā mit seinen Kräften
das Zukünftige, Vergangene und Gegenwärtige, und diese Welt bringt es zur Auflösung; unmittelbar danach bringt Māyā die Kraft hervor, deren Wesen das Regulieren aller Dinge ist,
Wort für Wort
bhāvi bhūtaṃ vartamānam ca
Zukünftiges, Vergangenes und Gegenwärtiges [?]
idaṃ jagat kalayate layam
und diese Welt bringt es zur Auflösung
sūte hi anantaraṃ māyā
unmittelbar danach bringt Māyā hervor
śaktiṃ niyamanātmikām
die Kraft, deren Wesen das Regulieren ist
[?] 'mavañca' im Quelltext unklar; sinngemäß als 'vartamānam ca' ('und Gegenwärtiges') gedeutet.
das Tattva namens Vidyā, von erleuchtender Wesensart, hervor — eben die Kalā [bringt es hervor]. Die Vidyā aber, nachdem sie durch ihre eigene Wirkung die Hülle der Erkenntniskraft durchbrochen hat,
Wort für Wort
prakāśarūpaṃ vidyākhyaṃ
das Tattva namens Vidyā, von erleuchtender Wesensart
udbuddhaśaktiḥ puruṣaḥ pracodya mahadādikān /
bhogye bhogaṃ ca bhoktāraṃ tatparaṃ karaṇaṃ tu sā
wonach der Puruṣa, dessen Kraft erweckt ist, die Prinzipien Mahat usw. antreibt; jenes höhere Werkzeug aber bewirkt den Genuss im Genussobjekt und den Genießenden.
Die Genießbarkeit des Genussobjekts besteht im Hervortreten des Bewusstseins [im Objekt]; 'Genuss' wird genannt die Erscheinung von Lust usw.; die Buddhi, kurz gesagt, nimmt die Gestalt der Sinnesobjekte an.
Wort für Wort
bhogyasya bhogyatiḥ
die Genießbarkeit des Genussobjekts
māsāt cidvyaktiḥ bhoga ucyate
besteht im Hervortreten des Bewusstseins, 'Genuss' genannt [?]
sukhādirūpo
von der Gestalt Lust usw.
viṣayākārā buddhiḥ samāsataḥ
die Buddhi nimmt, kurz gesagt, die Gestalt der Objekte an
[?] erster Halbvers ('bhogyesya bhogyatirmāsāñcidvyaktirbhoga ucyate') im Quelltext unklar/verderbt überliefert; sinngemäß mit dem Hervortreten des Bewusstseins im Genussobjekt wiedergegeben.
bhogyaṃ bhoktuśca svenaiva vidyākhyaṃ karaṇaṃ tu tat /
yadyarkavatprakāśā dhīḥ karmatvāñca tathāpi hi
Für den Genießenden ist das Genussobjekt eben durch sich selbst mittels jenes Werkzeugs namens Vidyā [erkennbar]; obwohl die Buddhi wie die Sonne selbstleuchtend ist, bedarf sie dennoch, weil sie auch Werkzeug-Charakter hat,
Wort für Wort
bhogyaṃ bhoktuḥ ca svena eva
das Genussobjekt für den Genießenden eben durch sich selbst
vidyākhyaṃ karaṇaṃ tu tat
jenes Werkzeug namens Vidyā
yadi arkavat prakāśā dhīḥ
obwohl die Buddhi wie die Sonne selbstleuchtend ist
karaṇāntarasāpekṣā śaktā grāhayituṃ ca tam /
saṃbandhātkāraṇādyaistadbhogautsukyena codanāt
eines anderen Werkzeugs, um jenen das Objekt erfassen zu lassen — durch die Verbindung mit den übrigen Ursachen usw., angetrieben vom Verlangen nach jenem Genuss.
tañcaṣṭāphalayogāñca saṃsiddhā kartṛtāsya tu /
akartṛtvābhyupagame bhoktṛtvākhyā vṛthāsya tu
Und durch die Verbindung mit den erwünschten Früchten wird ihm die Täterschaft zuteil; würde man seine Nicht-Täterschaft annehmen, so wäre die sogenannte Genießerschaft für ihn sinnlos.
Wort für Wort
tam ca iṣṭaphalayogāt ca
und durch die Verbindung mit den erwünschten Früchten
saṃsiddhā kartṛtā asya tu
wird ihm die Täterschaft zuteil
akartṛtvābhyupagame
würde man seine Nicht-Täterschaft annehmen
bhoktṛtvākhyā vṛthā asya tu
wäre die sogenannte Genießerschaft für ihn sinnlos
kiṃ ca pradhānacaritaṃ vyarthaṃ sarvaṃ bhavettataḥ /
kartṛtvarahite puṃsi karaṇādyaprayojake
Ferner würde dann das ganze Wirken der Urmaterie sinnlos, wenn der Puruṣa ohne Täterschaft und ohne Fähigkeit, die Werkzeuge usw. in Gang zu setzen, wäre;
— dann wäre auch der Genuss unmöglich. Deshalb ist eben er hier der Antreiber; dass er die Werkzeuge usw. in Gang setzt, wird eben durch die Vidyā ihm zuerkannt.
Unmittelbar danach bringt die Kalā das Rāga-Tattva hervor, das von der Wesensart eines individualisierenden Gliedes ist, wodurch im individualisierten Puruṣa wiederum, zum Zweck des Genusses, [ein Verlangen] erzeugt wird,
Wort für Wort
anantaraṃ kalārāgaṃ
unmittelbar danach das Rāga [-Tattva]
sūte bhidyaṅgarūpakam
bringt die Kalā hervor, von individualisierender Wesensart
welches die Ursache jenes aus den sieben Knoten Bestehenden ist, der aus den Guṇas gebildeten Prinzipien; darin herrscht Ununterschiedenheit der Guṇas, wie im ungeteilten Substrat, dem Element Erde u.ä. zugrunde liegt.
Wort für Wort
saptagranthividhānasya
des aus sieben Knoten Bestehenden
yat tat gauṇasya kāraṇam
welches die Ursache jenes aus den Guṇas [Gebildeten] ist
guṇānām avibhāgo atra
darin herrscht Ununterschiedenheit der Guṇas
hi ādhāre kṣmādibhāgavat
wie im Substrat, dem Element Erde u.ä. zugrunde liegt
[?] 'saptagranthividhānasya' unsicher; als Verweis auf die siebengliedrige Guṇa-Reihe (Mahat bis Tanmātras) gedeutet.
Sattva, Rajas und Tamas werden sie genannt, deren Wesen die Regelung der Tätigkeit ist. Aus den Guṇas entsteht die Buddhi, deren Wesensart die Entscheidung über die Sinnesobjekte ist.
Wort für Wort
sattvaṃ rajastamaḥprakhyā
Sattva, Rajas, Tamas genannt
vyāpāraniyamātmikā
deren Wesen die Regelung der Tätigkeit ist
guṇato dhīḥ ca
aus den Guṇas [entsteht] die Buddhi
viṣayādhyavasāyasvarūpiṇī
deren Wesensart die Entscheidung über die Objekte ist
Auch sie wird, den Guṇas entsprechend, als dreifach bezeichnet, gemäß dem Karman. Aus dem Mahat-Tattva entstand der Ahaṃkāra, dessen Wirkweise das Sich-Behaupten ist,
prakāśānva yatastasmādvodhakāni bhavanti hi /
rājasāñca kriyāhetostathā karmendriyāṇi tu
da sie vom Leuchtenden herstammen, sind sie fürwahr erkenntnisvermittelnd. Und aus dem rājasa entstehen, als Ursache der Handlung, ebenso die Tatorgane,
tāmasāñcaiva jāyante tanmātrā bhūtayonayaḥ /
icchārūpaṃ ca saṃkalpavyāpāraṃ tatra vai manaḥ
und aus dem tāmasa entstehen die Tanmātras, die Ursprünge der Elemente. Das Manas, dessen Gestalt das Wollen ist und dessen Wirken die Vorstellungsbildung ist, befindet sich dabei fürwahr...
Wort für Wort
tāmasāt ca eva jāyante
und aus dem tāmasa entstehen
tanmātrā bhūtayonayaḥ
die Tanmātras, die Ursprünge der Elemente
icchārūpaṃ ca saṃkalpavyāpāraṃ
das Manas, von der Gestalt des Wollens, mit dem Wirken der Vorstellungsbildung
jenes Citta, zuständig für zweierlei, ist es, das Genießer und Genuss vermittelt; es fungiert nach außen stets in der ihm eigenen Weise als äußeres Werkzeug,
und es bewirkt durch die Vorstellungsbildung, die seine eigene Wirkweise ist, die Wirksamkeit der Sinnesorgane; ferner wirkt es häufig als innen verweilendes Organ — deshalb heißt das Manas auch 'inneres Werkzeug'.
Wort für Wort
indriyāṇāṃ ca sāmarthyaṃ
und die Wirksamkeit der Sinnesorgane
saṃkalpena ātmavṛttinā
durch die Vorstellungsbildung, seine eigene Wirkweise
mano 'hṝṅkārabuddhyākhyamastyantaḥ kāraṇaṃ tridhā /
icchāsaṃraṃbhabodhākhyā vṛttayaḥ kramato 'sya tu
Das innere Werkzeug besteht dreifach, benannt als Manas, Ahaṃkāra und Buddhi; seine Funktionen heißen der Reihe nach Wollen, Sich-Behaupten und Erkennen.
[nämlich] Klang, Tastempfindung, Farbe/Gestalt, Geschmack und Geruch — das sind die als 'Klang usw.' Bezeichneten. Sprachorgan, Hand, Fuß, After und Geschlechtsorgan aber sind die Tatorgane.
Wort für Wort
śabdasparśarūparasagandhāḥ
Klang, Tastempfindung, Farbe, Geschmack, Geruch
śabdādayo matāḥ
gelten als 'Klang usw.'
vākpāṇipādapāyūpasthāḥ tu
Sprachorgan, Hand, Fuß, After, Geschlechtsorgan aber
vacanādānagamanotsargānandeṣu karmasu /
karaṇāni ca siddhinā na kṛtiḥ karaṇairvinā
[Sie wirken] bei den Tätigkeiten des Sprechens, Ergreifens, Gehens, Ausscheidens und der Wonne. Und die Werkzeuge wirken durch ihre eigene Vollbringung — ohne Werkzeuge gibt es kein Tun.
daśadhā karaṇaiśceṣṭāṃ kāryamāviśya kāryate /
ceṣṭante kāryamālaṃbya vibhutvātkaraṇāni tu
Durch die zehnfachen Werkzeuge wird, indem sie in das zu Bewirkende eingehen, die Bewegung bewirkt; die Werkzeuge aber wirken, gestützt auf das zu Bewirkende, kraft ihrer je eigenen Mächtigkeit.
tanmātrāṇi tu khavāyustejo 'mbhaḥ kṣmeti pañca vai /
tebhyo bhūtānyekaguṇānyākhyātāni bhavanti hi
Die Tanmātras aber sind die fünf: Äther, Wind, Feuer, Wasser und Erde; aus ihnen entstehen, wie überliefert, die groben Elemente, je mit einer [zunehmenden Anzahl von] Eigenschaft[en].
So ist dieser Klang in allen fünf Elementen enthalten, die Tastempfindung in vier Elementen, die Farbe/Gestalt in dreien, der Geschmack in zweien, und der Geruch nur in der Erde.
Kalt und heiß sind die beiden großen Eigenschaften von Wasser und Feuer, nämlich kühl und warm; im leuchtenden Feuer, im Wasser ist es weiß, in der Erde gibt es Weiß und vielerlei anderes.
Die Farbe/Gestalt ist in dreien; der Geschmack im Wasser ist süß, in der Erde sechsfach; der Geruch in der Erde wird als übelriechend und wohlriechend bezeichnet.
tanmātraṃ tadbhūtaguṇaṃ karaṇaṃ poṣaṇaṃ tathā /
bhūtasya tu viśeṣo 'yaṃ viśeṣarahitaṃ tu tat
Das Tanmātra ist die Eigenschaft jenes Elements, dient als Werkzeug sowie zur Ernährung; dies Grobe aber ist die Besonderung des Elements, jenes Tanmātra aber ist ohne Besonderung.
In Urin, Blut, Schleim, Schweiß, Same u.a. besteht die Beständigkeit des Wassers; im Herzen, im Verdauungstrakt, in den Augen, in der Galle ist das Feuer, weil man dort dessen Eigenschaften wahrnimmt.
Wort für Wort
mūtraraktakaphasveda-
in Urin, Blut, Schleim, Schweiß
śukrādiṣu jalasthitiḥ
Same u.a. besteht die Beständigkeit des Wassers
hṛdi paṅktau dṛśoḥ pitte
im Herzen, im Verdauungstrakt [?], in den Augen, in der Galle
tejaḥ taddharmadarśanāt
das Feuer, weil man dessen Eigenschaften wahrnimmt
[?] 'paṅktau' unsicher gedeutet als Bezeichnung des Verdauungstraktes/der Speiseröhre.
Durch die Unterscheidung der Funktionen von Prāṇa usw. ist auch der Wind hier im Körper angesiedelt; der Äther befindet sich in allen Kanälen, in Verbindung mit der Funktion des Embryo-Leibes.
Wort für Wort
prāṇādivṛttibhedena
durch die Unterscheidung der Funktionen von Prāṇa usw.
Dies, vom ersten Antreiber bis hin zur Erde reichend, dient dem Zweck des Welt-Eies; für jedes einzelne Selbst festgelegt, wird es je nach der Verschiedenheit des Genusses bestimmt.
Wort für Wort
prayoktyādimahīprāntam
vom [ersten] Antreiber bis zur Erde reichend
etat aṇḍārthasādhanam
dies dient dem Zweck des [Welt-]Eies
pratyātmaniyataṃ
für jedes einzelne Selbst festgelegt
bhogabhedato vyavasīyate
wird es je nach Verschiedenheit des Genusses bestimmt
tatra bhūmaṇḍalastho 'sau sthāvaro jaṅgamātmakaḥ /
sthāvarā girivṛkṣādyā jaṅgamastrividhaḥ punaḥ
Darin, auf der Erdscheibe befindlich, ist dieses unbeweglicher und beweglicher Natur; unbeweglich sind Berge, Bäume u.a., das Bewegliche aber ist wiederum dreifach:
svedajāścāṇḍajāścaiva tathaiva ca jarāyujāḥ /
carācareṣu lakṣāṇāṃ caturāśītiyonayaḥ
aus Schweiß Geborene, aus dem Ei Geborene und ebenso aus der Gebärmutterhülle Geborene; unter dem Beweglichen und Unbeweglichen gibt es vierundachtzig hunderttausend Geburtsstätten.
Wort für Wort
svedajāḥ ca aṇḍajāḥ ca eva
aus Schweiß Geborene und aus dem Ei Geborene
tathā eva ca jarāyujāḥ
und ebenso aus der Gebärmutterhülle Geborene
carācareṣu lakṣāṇāṃ
unter dem Beweglichen und Unbeweglichen, an Hunderttausenden
tatrāpi bhārate khaṇḍe brāhmaṇādikuleṣu ca /
mahāpuṇyavaśenaiva janirbhavati durlabhā
Und selbst darin, im Land Bhārata, in den Familien der Brahmanen u.a., ist die Geburt nur kraft großen Verdienstes möglich und daher schwer zu erlangen.
Und die Geburt geschieht durch die Vereinigung von Mann und Frau, durch die Vereinigung von Samen und Menstrualblut; wenn ein einziger Tropfen, aus beidem bestehend, in die Gebärmutter eintritt,
Wort für Wort
janiḥ ca puṃstriyoḥ yogaḥ
und die Geburt [geschieht durch] die Vereinigung von Mann und Frau
dann entsteht, wenn das weibliche Rajas überwiegt, ein weibliches Wesen, wenn der Same überwiegt, ein männliches Wesen; ein bestimmtes Selbst, gebunden durch die Fessel von Makel, Karman u.a.,
Wort für Wort
tadā rajaḥ adhike nārī
dann, wenn das Rajas überwiegt, ein weibliches [Wesen]
bhavet retaḥ adhike pumān
es entsteht, wenn der Same überwiegt, ein männliches
Im Laufe der Zeit tritt jenes Kind, obschon selbst die Mutter bedrängend, selbst bedrängt, mit dem Kopf nach unten gewandt, aus der Mündungsöffnung hervor.
durch die Stadien Kindheit und Knabenalter hindurch, und gelangt zum Jugendalter. So vollzieht sich der Reihe nach in dieser Welt die Körperwerdung der verkörperten Wesen.
Wort für Wort
bālapaugaṇḍabhedena
durch die Unterscheidung von Kindheit und Knabenalter
Wer, nachdem er den schwer erlangbaren Menschenleib erlangt hat, der allen Welten nützt, sich selbst nicht über den Daseinsozean hinüberrettet — wer ist sündiger als er hier?
Wort für Wort
mānuṣaṃ durlabhaṃ prāpya
nachdem er den schwer erlangbaren Menschenleib erlangt hat
caturṣvevānurakto yaḥ sa mūrkho hyātmadhātakaḥ /
manuṣyāṇāmayaṃ dharmaḥ ravabandhacchedanātmakaḥ
Wer nur diesen vieren ergeben ist, der ist ein Tor, fürwahr ein Selbstmörder; dies aber ist die eigentliche Pflicht der Menschen: das Durchtrennen der [Daseins-]Fessel.
Wort für Wort
caturṣu eva anuraktaḥ yaḥ
wer nur diesen vieren ergeben ist
sa mūrkho hi ātmadhātakaḥ
der ist ein Tor, fürwahr ein Selbstmörder
manuṣyāṇām ayaṃ dharmaḥ
dies aber ist die Pflicht der Menschen
bandhacchedanātmakaḥ
das Durchtrennen der Fessel [?]
[?] 'ravabandhacchedanātmakaḥ' unsicher; sinngemäß als 'das Durchtrennen der (Leid-)Fessel' wiedergegeben.
pāśabandhanavicchedo dīkṣayaiva prajāyate /
ato bandhanavicchittyai mantradīkṣāṃ samācaret
Die Durchtrennung der Fesselbindung entsteht eben durch die Initiation; daher soll man, um die Bindung zu durchtrennen, die Mantra-Initiation vollziehen.
Durch die als Erkenntnis bezeichnete Kraft der Initiation, nunmehr mit zerstörter Bindung, erlangt jener, dann 'reines Ātman-Tattva' genannt, den Zustand des Nirvāṇa.
Wort für Wort
dīkṣājñānākhyayā śaktyā
durch die als Erkenntnis bezeichnete Kraft der Initiation
Mit dem Blick, dessen Wesen die eigene erlangte Kraft ist, meditiert er über Śiva und schaut ihn; und er verehrt Śiva mit Mantras, zum Wohl der übrigen Wesen.
Wort für Wort
svaśaktyātmikayā dṛṣṭyā
mit dem Blick, dessen Wesen die eigene Kraft ist
śivaṃ dhyāyati paśyati
meditiert er über Śiva und schaut ihn
yajate śivaṃ mantraiḥ ca
und er verehrt Śiva mit Mantras
apareṣāṃ hitāya saḥ
er, zum Wohl der übrigen [?]
[?] 'ravapareṣāṃ' unsicher; sinngemäß als 'der übrigen (Wesen)' gedeutet.
Durch den Glanz der Kraft der Sonne Śivas wird die Erkenntnisschau befähigt; zusammen mit den Kräften Śivas u.a. sieht er, dessen Aktivität auf das eigene Selbst gerichtet ist,
Wort für Wort
śivārkaśaktidīdhityā
durch den Glanz der Kraft der Sonne Śivas
samarthīkṛtacidṛśā
mit befähigter Erkenntnisschau
śivaśaktyādibhiḥ sārdhaṃ
zusammen mit den Kräften Śivas u.a.
paśyati ātmagatāvṛttiḥ
sieht er, dessen Aktivität auf das Selbst gerichtet ist
antaḥkaraṇavṛttiryā bodhākhyā sā maheśvaram /
na prakāśayituṃ śaktā pāśatvānnigaḍādivat
dass jene Funktion des inneren Werkzeugs, die als 'Erkennen' bezeichnet wird, nicht imstande ist, den großen Herrn zu offenbaren, da sie selbst, einer Fessel gleich, wie eine Kette u.ä. ist.
Eben die Initiation ist wiederum die höchste Ursache für die Durchtrennung der Fessel; deshalb soll man gemäß der in den Lehrschriften genannten Vorschrift die Mantra-Initiation vollziehen.
Wort für Wort
dīkṣā eva paramo hetuḥ
eben die Initiation ist die höchste Ursache
pāśavicchedane punaḥ
wiederum für die Durchtrennung der Fessel
ataḥ śāstroktavidhinā
deshalb gemäß der in den Lehrschriften genannten Vorschrift
nijavarṇāśramācārānmanasāpi na laṅghayet /
yo yasminnāśrame tiṣṭandīkṣāṃ prāpnoti mānavaḥ
Die Bräuche der eigenen Kaste und des eigenen Lebensstandes soll er nicht einmal in Gedanken übertreten; wer, in welchem Lebensstand er auch stehe, die Initiation als Mensch erlangt,
Wort für Wort
nijavarṇāśramācārān
die Bräuche der eigenen Kaste und des Lebensstandes
mantrārādhanasāmarthyāttadbhuktvā mokṣamaśnute /
nityaṃ naimittikaṃ dīkṣāṃ prāpya yo nācarennaraḥ
so erlangt er, kraft der Wirkkraft der Mantra-Verehrung, nachdem er jene genossen hat, dennoch schließlich die Erlösung. Wer aber, nachdem er die Initiation erlangt hat, die tägliche und gelegentliche Pflicht als Mensch nicht ausübt,
Wort für Wort
mantrārādhanasāmarthyāt
kraft der Wirkkraft der Mantra-Verehrung
tadbhuktvā mokṣam aśnute
erlangt er, nachdem er jene genossen hat, die Erlösung
nityaṃ naimittikaṃ dīkṣāṃ
die tägliche, gelegentliche [Pflicht], die Initiation
prāpya yo na ācaret naraḥ
wer als Mensch, nachdem er sie erlangt hat, nicht ausübt
der erlangt, nachdem er für eine gewisse Zeit den Zustand eines Dämons erlangt hat, am Ende dennoch die Erlösung. Deshalb soll der Initiierte die tägliche und gelegentliche Pflicht u.a. vollziehen.
anuṣṭhānaṃ ca tenāsya dīkṣāṃ prāpyānumīyate /
nityanaimittikācāra pālakasya narasya tu
Und durch die rechte Pflichtübung wird geschlossen, dass er wirklich die Initiation erlangt hat; für den Menschen aber, der die tägliche und gelegentliche Übung bewahrt,
Wort für Wort
anuṣṭhānaṃ ca tena asya
und durch dessen Pflichtübung
dīkṣāṃ prāpya anumīyate
wird geschlossen, dass er die Initiation erlangt hat
entsteht, da kein Mangel an der Initiation mehr besteht, die sofortige Erlösung; und auch dabei erfolgt dies wirklich nur für den dem Guru Ergebenen, nicht anders.
Durch die Initiation wird Śiva, der alle Gnade Erweisende, in der Gestalt des Guru gegenwärtig; wessen Hingabe zum Guru aber nur um sichtbarer weltlicher Zwecke willen künstlich ist,
Wort für Wort
dīkṣayā gurumūrtisthaḥ
durch die Initiation, in der Gestalt des Guru gegenwärtig
gibt es überhaupt keine Buße mehr nötig; ihm wird Schritt für Schritt Vollendung zuteil — nämlich dem dem Guru ergebenen Schüler, der sein Alles darbringt.
Wird aber ein Mantra fälschlich angewandt, so ist dafür der Guru büßungspflichtig.
Wort für Wort
mithyāprayuktamantraḥ tu
wird aber ein Mantra fälschlich angewandt
prāyaścittī bhavet guruḥ
so ist der Guru büßungspflichtig
[Anm.: Dieser Vers ist im Quelltext nur mit einem einzigen Pāda-Paar (zwei statt der sonst üblichen vier Pādas) überliefert; die Quelldatei endet unmittelbar danach. Möglicherweise fehlt die zweite Vershälfte in der zugrundeliegenden Vorlage.]