Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 62: bhāgavatatantranirūpaṇam Darlegung des Bhāgavata-Tantra und der Tattva-Lehre

Erstes Kapitel des DRITTEN Pāda (tṛtīyapāda) der bṛhadupākhyāna-Rahmenerzählung. Der Kolophon dieses Kapitels enthält, wie in der Quelle üblich, keinen Beschreibungstitel ("iti ... tṛtīyapāde triṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ" — dieser Text steht am Kopf der folgenden Datei, Kapitel 63; die Sanskrit-Ordnungszahl "triṣaṣṭitama", 63., weicht abermals um eins von der Projektzählung ab, s. bereits Kapitel 61-Note). Der Titel wurde daher, der Anweisung folgend, aus dem Inhalt formuliert. [STRUKTURBESTÄTIGUNG zur Pāda-Grenze:] Am Kopf der vorliegenden Quelldatei findet sich ausdrücklich der Satz "samāptaścāyaṃ dvitīyaḥ pādaḥ" ("Hiermit ist dieser zweite Pāda beendet"), unmittelbar gefolgt vom Sprecherwechsel zu "śaunaka uvāca" (V.1) — der äußerste Rahmenerzähler-Dialog Śaunaka-Sūta, der seit Kapitel 1 des Werks nicht mehr in Erscheinung getreten war, wird hier kurz wiederaufgenommen, ehe in V.5 zur inneren Erzählebene (Sūta berichtet von Nārada und Sanatkumāra) zurückgekehrt wird. Damit ist die vom Auftrag vermutete Pāda-Grenze (Ende 2. Pāda / Beginn 3. Pāda) durch den Text selbst eindeutig bestätigt. Inhaltlich entfaltet Sanatkumāra ab V.12 auf Nāradas Bitte (V.7-10) das "Bhāgavata-Tantra": eine an die Terminologie der Śaiva-Siddhānta-Tradition angelehnte Kosmologie (pati-paśu-pāśa-Trias, die 36 Tattvas von Śiva bis zu den groben Elementen, Embryologie, die 8,4 Millionen Geburtsstätten) und schließt mit der Notwendigkeit der Initiation (dīkṣā) und bedingungsloser Guru-Hingabe für die endgültige Erlösung.

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge dvitīyapāde bṛhadupākhyāne mokṣadharṃmanirūpaṇaṃ nāma dviṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ _____________________________________________________________ samāptaścāyaṃ dvitīyaḥ pādaḥ / śaunaka uvāca sūta sādho ciraṃ jīva sarvaśāstraviśāradaḥ / yattvayā pāyitā vidvanvayaṃ kṛṣṇakathāmṛtam

Śaunaka sprach: O Sūta, du Guter, lebe lange, kundig in allen Lehren — dieweil du uns, o Wissender, mit dem Nektar der Erzählung von Kṛṣṇa getränkt hast.

Wort für Wort
śaunaka uvāca
Śaunaka sprach
sūta sādho ciraṃ jīva
o Sūta, du Guter, lebe lange
sarvaśāstraviśāradaḥ
kundig in allen Lehren
yat tvayā pāyitā vidvan
dieweil du, o Wissender, [uns] getränkt hast
vayaṃ kṛṣṇakathāmṛtam
uns mit dem Nektar der Kṛṣṇa-Erzählung

[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 sind im Quelltext zwei Elemente vorangestellt: (1) die Kolophonzeile "iti ... dviṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ" mitsamt Trennlinie — dies ist, dem Aufbau der Quelle nach zu urteilen, der (versetzt überlieferte) Schlusskolophon des VORANGEHENDEN Kapitels 61 (Titel: mokṣadharmanirūpaṇam), dessen Sanskrit-Ordnungszahl "dviṣaṣṭitama" (62.) um eins von der Projektzählung abweicht (Quellanomalie); (2) der Satz "samāptaścāyaṃ dvitīyaḥ pādaḥ" ("Hiermit ist dieser zweite Pāda beendet") — dies ist die im Quelltext ausdrücklich vermerkte STRUKTURGRENZE: das Ende des zweiten Pāda und der Beginn des dritten Pāda (tṛtīyapāda) der bṛhadupākhyāna-Rahmenerzählung, der mit dem vorliegenden Kapitel 62 einsetzt. Beide Elemente wurden im sa-Feld dokumentiert, jedoch nicht in die Übersetzung von V.1 einbezogen. Die eigentliche Kapitelhandlung setzt mit "śaunaka uvāca" neu ein: Der Rahmenerzähler Sūta wird nun von Śaunaka befragt — ein Wechsel der Sprecherkonstellation gegenüber dem vorigen Pāda.]

śrutvā tu mokṣadharmānvai nārado bhagavatpriyaḥ / sanandanamukhodgītānkiṃ papracchaṃ tataḥ param

Nachdem aber Nārada, dem Erhabenen lieb, die aus Sanandanas Mund verkündeten Lehren der Erlösung gehört hatte — was fragte er darauf weiter?

Wort für Wort
śrutvā tu mokṣadharmān vai
nachdem er die Erlösungslehren gehört hatte
nāradaḥ bhagavatpriyaḥ
Nārada, dem Erhabenen lieb
sanandanamukhodgītān
die aus Sanandanas Mund verkündeten
kiṃ papraccha tataḥ param
was fragte er darauf weiter

mānasā brahmaṇaḥ putrāḥ sanakādyā munīśvarāḥ / caranti lokānantasiddhā lokoddharaṇatatparāḥ

Die Geistgeborenen Söhne Brahmās, angefangen mit Sanaka, die Herrscher der Muni, wandeln, von endloser Vollendung, durch die Welten, stets darauf bedacht, die Welt zu erretten.

Wort für Wort
mānasāḥ brahmaṇaḥ putrāḥ
die geistgeborenen Söhne Brahmās
sanakādyā munīśvarāḥ
angefangen mit Sanaka, die Herrscher der Muni
caranti lokān anantasiddhāḥ
wandeln durch die Welten, von endloser Vollendung
lokoddharaṇatatparāḥ
stets darauf bedacht, die Welt zu erretten

nārado 'pi mahābhāga nityaṃ kṛṣṇaparāyaṇaḥ / teṣāṃ samāgame bhadrā kā kathā lokapāvanī

Auch Nārada, o Hochgesegneter, stets Kṛṣṇa ganz hingegeben — welch heilsames, die Welt läuterndes Gespräch [ergab sich] in ihrer Zusammenkunft?

Wort für Wort
nāradaḥ api mahābhāga
auch Nārada, o Hochgesegneter
nityaṃ kṛṣṇaparāyaṇaḥ
stets Kṛṣṇa ganz hingegeben
teṣāṃ samāgame bhadrā
in ihrer Zusammenkunft, welch heilsames
kā kathā lokapāvanī
welch die Welt läuterndes Gespräch

sūta uvāca sādhu pṛṣṭaṃ mahābhāga tvayā lokopakāriṇā / kathayiṣyāmi tatsarvaṃ yatpṛṣṭa nāradarṣiṇā

Sūta sprach: Trefflich gefragt, o Hochgesegneter, von dir, dem der Welt Nützenden; ich werde all das erzählen, wonach der Seher Nārada gefragt hat.

Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
sādhu pṛṣṭaṃ mahābhāga
trefflich gefragt, o Hochgesegneter
tvayā lokopakāriṇā
von dir, dem der Welt Nützenden
kathayiṣyāmi tat sarvaṃ
ich werde all das erzählen
yat pṛṣṭa nāradarṣiṇā
wonach der Seher Nārada gefragt hat

śrutvā sanandanaproktānmokṣadharmānsanātanān / nārado bhārgavaśreṣṭha punaḥ papraccha tānmunīn

Nachdem er die von Sanandana verkündeten, ewigen Lehren der Erlösung gehört hatte, befragte Nārada, o Bester der Bhṛgu-Nachkommen, jene Muni wiederum.

Wort für Wort
śrutvā sanandanaproktān
nachdem er die von Sanandana verkündeten gehört hatte
mokṣadharmān sanātanān
die ewigen Erlösungslehren
nārado bhārgavaśreṣṭha
Nārada, o Bester der Bhṛgu-Nachkommen
punaḥ papraccha tān munīn
befragte jene Muni wiederum

nārada uvāca sarvadeveśvaro viṣṇurvede tantre ca kīrtitaḥ / samārādhyaḥ sa evātra sarvaiḥ sarvārthakāṅkṣibhiḥ

Nārada sprach: Viṣṇu, der Herr aller Götter, wird im Veda und im Tantra gepriesen; eben er ist hier von allen zu verehren, die alle [ihre] Ziele erstreben.

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
sarvadeveśvaro viṣṇuḥ
Viṣṇu, der Herr aller Götter
vede tantre ca kīrtitaḥ
wird im Veda und im Tantra gepriesen
samārādhyaḥ sa eva atra
eben er ist hier zu verehren
sarvaiḥ sarvārthakāṅkṣibhiḥ
von allen, die alle Ziele erstreben

kairmantrairbhagavānviṣṇuḥ samārādhyo munīśvarāḥ / ke devāḥ pūjanīyāśca viṣṇupādaparāyaṇaiḥ

Mit welchen Mantras ist der erhabene Viṣṇu, o Herrscher der Muni, zu verehren? Welche Götter sind von denen, die Viṣṇus Füßen ganz ergeben sind, zu verehren?

Wort für Wort
kaiḥ mantraiḥ bhagavān viṣṇuḥ
mit welchen Mantras der erhabene Viṣṇu
samārādhyo munīśvarāḥ
zu verehren ist, o Herrscher der Muni
ke devāḥ pūjanīyāḥ ca
welche Götter sind zu verehren
viṣṇupādaparāyaṇaiḥ
von denen, die Viṣṇus Füßen ergeben sind

tantraṃ bhāgavataṃ viprā guruśiṣyaprayojakam / dīkṣaṇaṃ prātarādyaṃ ca kṛtyaṃ syādyattaducyatām

Das Bhāgavata-Tantra, o Brahmanen, das Lehrer und Schüler verbindet, die Initiation, die morgendliche und übrige Pflicht — was das sei, möge gesagt werden.

Wort für Wort
tantraṃ bhāgavataṃ viprā
das Bhāgavata-Tantra, o Brahmanen
guruśiṣyaprayojakam
das Lehrer und Schüler verbindet
dīkṣaṇaṃ prātarādyaṃ ca
die Initiation, die morgendliche [Pflicht] u.a.
kṛtyaṃ syāt yat tat ucyatām
was die [rechte] Pflicht sei, möge gesagt werden

yairmāsaiḥ karmabhiryairvā japyairhemādibhistathā / prīyeta paramātmā vai tadbrūta mama mānadāḥ

Durch welche Handlungen, durch welche Rezitationen oder durch Gold u.a. das höchste Selbst erfreut werde — das sagt mir, ihr mich Ehrenden.

Wort für Wort
yaiḥ karmabhiḥ yaiḥ vā japyaiḥ
durch welche Handlungen oder Rezitationen
hemādibhiḥ tathā
durch Gold u.a. ebenso
prīyeta paramātmā vai
das höchste Selbst erfreut werde
tat brūta mama mānadāḥ
das sagt mir, ihr mich Ehrenden

[?] 'māsaiḥ' unklar im Kontext ('durch Monate'?); sinngemäß mit 'Handlungen' wiedergegeben, evtl. Verschreibung für ein anderes Wort.

sūta uvāca etacchrutvā vacastasya nāradasya mahātmanaḥ / sanatkumāro bhagavānuvācārkasamadyutiḥ

Sūta sprach: Nachdem er diese Rede des hochgesinnten Nārada gehört hatte, sprach der erhabene Sanatkumāra, an Glanz der Sonne gleich.

Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
etat śrutvā vacaḥ tasya
nachdem er diese Rede von jenem gehört hatte
nāradasya mahātmanaḥ
dem hochgesinnten Nārada
sanatkumāro bhagavān uvāca
sprach der erhabene Sanatkumāra
arkasamadyutiḥ
an Glanz der Sonne gleich

sanatkumāra uvāca śṛṇu nārada vakṣyāmi tantraṃ bhāgavataṃ tava / yajjñātvāmalayā bhaktyā sādhayedviṣṇumavyayam

Sanatkumāra sprach: Höre, Nārada, ich will dir das Bhāgavata-Tantra verkünden, durch dessen Kenntnis man mit makelloser Hingabe den unvergänglichen Viṣṇu erlangen kann.

Wort für Wort
sanatkumāra uvāca
Sanatkumāra sprach
śṛṇu nārada vakṣyāmi
höre, Nārada, ich will verkünden
tantraṃ bhāgavataṃ tava
dir das Bhāgavata-Tantra
yat jñātvā amalayā bhaktyā
durch dessen Kenntnis man mit makelloser Hingabe
sādhayet viṣṇum avyayam
den unvergänglichen Viṣṇu erlangen kann

tripadārthaṃ catuṣpādaṃ mahātantraṃ pracakṣate / bhogamokṣakriyācaryāhvayā pādāḥ prakīrtitāḥ

Man bezeichnet [es] als großes Tantra von dreifacher Bedeutung [und] vier Padas; die Padas werden genannt: Bhoga (Genuss), Mokṣa (Erlösung), Kriyā (Ritus) und Caryā (Wandel).

Wort für Wort
tripadārthaṃ catuṣpādaṃ
von dreifacher Bedeutung, [und] vier Padas
mahātantraṃ pracakṣate
bezeichnet man als großes Tantra
bhogamokṣakriyācaryā-
Genuss, Erlösung, Ritus und Wandel
āhvayā pādāḥ prakīrtitāḥ
benannt werden die Padas verkündet

[?] 'tripadārtham' unsicher gedeutet als 'von dreifacher [Grund-]Bedeutung' (bezogen auf die im folgenden Vers genannte Trias pati-paśu-pāśa), trotz der im selben Halbvers genannten vier Padas.

pādārthāstu paśupatiḥ paśupāśāstraya eva hi / patistatra śivohyeko jīvāstu paśavaḥ smṛtāḥ

Die Bedeutungsinhalte der Padas aber sind: Herr, Herde und Fessel — diese drei fürwahr; der Herr dort ist der eine Śiva, die Lebewesen aber gelten als die Gebundenen.

Wort für Wort
pādārthāḥ tu paśupatiḥ
die Bedeutungsinhalte [der Padas] aber sind Herr
paśupāśāḥ trayaḥ eva hi
Herde und Fessel — diese drei fürwahr
patiḥ tatra śivaḥ hi ekaḥ
der Herr dort ist der eine Śiva
jīvāḥ tu paśavaḥ smṛtāḥ
die Lebewesen aber gelten als die Gebundenen

yāvanmohādisaṃyogāḥ svarūpābodhalakṣaṇāḥ / tāvatpaśutvameteṣāṃ dvaitavatpaśya nārada

Solange die Verbindungen mit Verblendung u.a., gekennzeichnet durch Nichterkennen der eigenen wahren Natur, bestehen, solange besteht deren Zustand als Gebundene, wie im Zustand der Dualität — sieh das, Nārada!

Wort für Wort
yāvat mohādisaṃyogāḥ
solange die Verbindungen mit Verblendung u.a.
svarūpābodhalakṣaṇāḥ
gekennzeichnet durch Nichterkennen der eigenen Natur
tāvat paśutvam eteṣāṃ
solange [besteht] deren Zustand als Gebundene
dvaitavat paśya nārada
wie im Zustand der Dualität — sieh das, Nārada

pāśāḥ pañcavidhāstveṣāṃ pratyekaṃ teṣu lakṣaṇam / paśavastrividhāścāpi vijñātāḥ kalasaṃjñikāḥ

Die Fesseln dieser Wesen aber sind fünffach, für jede einzelne von ihnen gibt es ein Kennzeichen; auch die Gebundenen sind als dreifach erkannt, mit dem Namen 'kala' bezeichnet.

Wort für Wort
pāśāḥ pañcavidhāḥ tu eṣāṃ
die Fesseln dieser [Wesen] aber sind fünffach
pratyekaṃ teṣu lakṣaṇam
für jede einzelne von ihnen ein Kennzeichen
paśavaḥ trividhāḥ ca api
auch die Gebundenen sind dreifach
vijñātāḥ kalasaṃjñikāḥ
erkannt, mit dem Namen 'kala' bezeichnet

talapākalasaṃjñaśca sakalaśceti nāmataḥ / tatrādyo malasaṃyukto malakarmayutaḥ paraḥ

[Nämlich benannt als] Vijñānākala, Pralayākala und Sakala. Von ihnen ist der erste mit dem [bloßen] Makel verbunden, der andere mit Makel und Karman verbunden.

Wort für Wort
vijñānākalasaṃjñaḥ ca
[benannt als] Vijñānākala und
pralayākalaḥ sakalaḥ ca iti nāmataḥ
Pralayākala und Sakala nach dem Namen [?]
tatra ādyo malasaṃyuktaḥ
von ihnen ist der erste mit Makel verbunden
malakarmayutaḥ paraḥ
der andere mit Makel und Karman verbunden

[?] 'talapākalasaṃjña' im Quelltext offenkundig entstellt; als 'vijñānākalasaṃjña' bzw. 'pralayākala' gedeutet (Standardtrias vijñānākala–pralayākala–sakala der Śaiva-Siddhānta-Tradition).

malamāyākarmayutastṛtīyaḥ parikīrtitaḥ / ādyastu dvividhastatra samāsakaluṣastathā

Der dritte wird als mit Makel, Māyā und Karman verbunden bezeichnet. Der erste [Typus] aber ist dort zweifach: zum einen mit zusammengezogenem [pauschalem] Makel behaftet,

Wort für Wort
malamāyākarmayutaḥ
mit Makel, Māyā und Karman verbunden
tṛtīyaḥ parikīrtitaḥ
wird der dritte bezeichnet
ādyaḥ tu dvividhaḥ tatra
der erste aber ist dort zweifach
samāsakaluṣaḥ tathā
mit zusammengezogenem Makel behaftet

asamāsamalaśceti dvitīyo 'pi punastathā / pakvāpakvamalenaiva dvividhaḥ parikīrtitaḥ

und 'mit nicht-zusammengezogenem Makel' — so die zweite [Unterart]; ebenso wird auch der zweite [Haupttypus] wiederum als zweifach bezeichnet, eben durch gereiften und ungereiften Makel.

Wort für Wort
asamāsamalaḥ ca iti dvitīyaḥ
'mit nicht-zusammengezogenem Makel' die zweite [Unterart]
api punaḥ tathā
auch wiederum ebenso
pakvāpakvamalena eva
eben durch gereiften und ungereiften Makel
dvividhaḥ parikīrtitaḥ
wird [der zweite Haupttypus] als zweifach bezeichnet

śuddhe 'dhvani gatāvetau vijñānapralayākalau / kalāditattvaniyataḥ sakalaḥ paryaṭatyayam

Diese beiden, der Vijñānākala und der Pralayākala, sind im reinen Pfad eingegangen; der Sakala aber, gebunden an die Tattvas, angefangen mit Kalā, durchwandert diesen [Pfad].

Wort für Wort
śuddhe adhvani gatau etau
diese beiden sind im reinen Pfad eingegangen
vijñānapralayākalau
der Vijñānākala und der Pralayākala
kalāditattvaniyataḥ
gebunden an die Tattvas, angefangen mit Kalā
sakalaḥ paryaṭati ayam
durchwandert der Sakala diesen [Pfad]

karmānugaśarīreṣu tattadbhuvanageṣu ca / pāśāḥ pañca tathā tatra prathamau malakarmajau

...in den dem Karman entsprechenden Körpern und in den jeweiligen Welten [wandernd]; dort gibt es ebenso die fünf Fesseln, deren erste beide aus Makel und Karman entstehen,

Wort für Wort
karmānugaśarīreṣu
in den dem Karman entsprechenden Körpern
tattadbhuvanageṣu ca
und in den jeweiligen Welten
pāśāḥ pañca tathā tatra
dort ebenso die fünf Fesseln
prathamau malakarmajau
deren erste beide aus Makel und Karman entstehen

māyeyaśca tirodhānaśaktijo bindujaḥ paraḥ / eko 'pyanekaśaktirdṛkkriyācchādanakomalaḥ

und [die dritte] aus Māyā, und [die vierte,] entstanden aus der Verhüllungskraft; die höchste [fünfte] aber entsteht aus dem Bindu — einer, doch mit vielfacher Kraft, mild [wirkend], indem sie Erkenntnis und Handeln verhüllt.

Wort für Wort
māyeyaḥ ca
und die aus Māyā [stammende]
tirodhānaśaktijaḥ
die aus der Verhüllungskraft entstandene
bindujaḥ paraḥ
die höchste, aus dem Bindu entstandene
ekaḥ api anekaśaktiḥ
eine, doch mit vielfacher Kraft
dṛkkriyācchādanakomalaḥ
mild, Erkenntnis und Handeln verhüllend

tuṣakañcukavaddehanimittaṃ cātmanāmiha / dharmādharmātmakaṃ karma vicitraphalabhogadam

...gleich der Spelzenhülle; und ferner ist hier für die Selbste die Ursache des Leibes das aus Verdienst und Unrecht bestehende Karman, das mannigfaltige Fruchtgenüsse gewährt,

Wort für Wort
tuṣakañcukavat
gleich der Spelzenhülle
dehanimittaṃ ca ātmanām iha
und die Ursache des Leibes für die Selbste hier
dharmādharmātmakaṃ karma
das aus Verdienst und Unrecht bestehende Karman
vicitraphalabhogadam
das mannigfaltige Fruchtgenüsse gewährt

pravāhanityaṃ tadbījāṅkuranyāyena saṃsthitam / ityetau prathamau cātha māyeyādyān śṛṇudvija

das in ununterbrochenem Strom ewig fortbesteht, nach der Regel von Samenkorn und Keim. So sind diese beiden ersten [Fesseln beschrieben]; nun höre über die Fessel Māyeya und die folgenden, o Zweifachgeborener.

Wort für Wort
pravāhanityaṃ
in ununterbrochenem Strom ewig
tadbījāṅkuranyāyena saṃsthitam
nach der Regel von Samenkorn und Keim fortbestehend
iti etau prathamau ca
so [sind] diese beiden ersten
atha māyeyādyān śṛṇu dvija
nun höre über Māyeya und die folgenden, o Zweifachgeborener

sañcidānandavibhavaḥ paramātmā sanātanaḥ / patirjayati sarveṣāmeko bījaṃ vibhuḥ param

Der ewige höchste Ātman, dessen Herrlichkeit Sein, Bewusstsein und Wonne ist, der Herr aller — der eine, höchste, allmächtige Same — triumphiert.

Wort für Wort
sañcidānandavibhavaḥ
dessen Herrlichkeit Sein, Bewusstsein, Wonne ist
paramātmā sanātanaḥ
der ewige höchste Ātman
patiḥ jayati sarveṣām
der Herr aller triumphiert
ekaḥ bījaṃ vibhuḥ param
der eine, höchste, allmächtige Same

manasyati na codeti nivṛttiṃ ca prayacchati / varvarti dṛkkriyārūpaṃ tattejaḥ śāṃbhavaṃ param

Er denkt nicht, und er erhebt sich nicht [aus sich heraus]; und er gewährt dennoch Erlösung; jener höchste Glanz Śambhus, dessen Wesen Erkenntnis und Handeln ist, waltet beständig.

Wort für Wort
manasyati na ca udeti
er denkt nicht, und er erhebt sich nicht
nivṛttiṃ ca prayacchati
und er gewährt Erlösung
varvarti dṛkkriyārūpaṃ
es waltet, von der Wesensart Erkenntnis und Handeln
tat tejaḥ śāṃbhavaṃ param
jener höchste Glanz Śambhus

śakto mayā harau bhukto paśugaṇasya hi / tacchaktimādyāmekāntāṃ vidrūpākhyāṃ vadanti hi

Diese Kraft, durch Māyā [wirkend], wird den Scharen der gebundenen Wesen zuteil; man nennt jene erste, alleinige Kraft mit dem Namen Vidrūpā.

Wort für Wort
śaktaḥ mayā
die Kraft, durch Māyā
harau bhukto paśugaṇasya hi
wird fürwahr den Scharen der gebundenen Wesen zuteil [?]
tat śaktim ādyām ekāntāṃ
jene erste, alleinige Kraft
vidrūpākhyāṃ vadanti hi
nennt man fürwahr mit dem Namen Vidrūpā

[Anm.: Der erste Halbvers ('śakto mayā harau bhukto paśugaṇasya hi') ist im Quelltext syntaktisch unvollständig/korrupt überliefert (vermutlich fehlt ein Versfuß); die Übersetzung folgt einer sinngemäßen Deutung als Aussage über das Wirken der Śakti mittels Māyā zugunsten der gebundenen Wesen.]

tayā cojjṛṃbhito bindurdikkriyātmā śivābhidhaḥ / aśeṣatattvajātasya kāraṇaṃ vibhuravyayam

Und durch sie entfaltet, wird der Bindu, dessen Wesen Erkenntnis und Handeln ist, mit dem Namen Śiva bezeichnet — die Ursache der gesamten Schar der Tattvas, der allmächtige, unvergängliche.

Wort für Wort
tayā ca ujjṛṃbhitaḥ binduḥ
und durch sie entfaltet, der Bindu
dṛkkriyātmā śivābhidhaḥ
dessen Wesen Erkenntnis und Handeln, mit Namen Śiva
aśeṣatattvajātasya kāraṇaṃ
die Ursache der gesamten Schar der Tattvas
vibhuḥ avyayam
der allmächtige, unvergängliche

asminnilīnā nikhilā icchāyāḥ śaktayaḥ svakam / kṛtyaṃ kurvanti tenedaṃ sarvānugrāhakaṃ mune

In ihm aufgelöst ruhend, vollbringen alle Kräfte des Willens ihr eigenes Werk; dadurch ist dies der alle Gnade Erweisende, o Muni.

Wort für Wort
asmin nilīnāḥ nikhilāḥ
in ihm aufgelöst ruhend, alle
icchāyāḥ śaktayaḥ svakam
die Kräfte des Willens ihr eigenes
kṛtyaṃ kurvanti
Werk vollbringen
tena idaṃ sarvānugrāhakaṃ mune
dadurch ist dies der alle Gnade Erweisende, o Muni

cijjaḍānugrahārthāya yasya viśvaṃ sisṛkṣataḥ / ādyonmeṣo 'sya nādātmā śāntyādibhuvanātmakaḥ

— dessen, der, um Geist und Materie Gnade zu erweisen, das Weltall zu erschaffen wünscht; dessen erstes Aufblitzen ist von der Wesenheit des Nāda, bestehend aus den Welten, angefangen mit Śānti.

Wort für Wort
cijjaḍānugrahārthāya
um Geist und Materie Gnade zu erweisen
yasya viśvaṃ sisṛkṣataḥ
dessen, der das Weltall zu erschaffen wünscht
ādyonmeṣo 'sya nādātmā
dessen erstes Aufblitzen von Nāda-Wesenheit
śāntyādibhuvanātmakaḥ
bestehend aus den Welten, angefangen mit Śānti

tacchaktitattvaṃ viprendra proktaṃ sāvayavaṃ param / tato jñānakriyāśaktyostathotkarṣāpakarṣayoḥ

Jenes Śakti-Tattva, o Fürst der Brahmanen, wird als das höchste, doch gegliederte, bezeichnet; danach, durch das Überwiegen und Zurücktreten der Erkenntnis- und der Handlungskraft,

Wort für Wort
tat śaktitattvaṃ viprendra
jenes Śakti-Tattva, o Fürst der Brahmanen
proktaṃ sāvayavaṃ param
wird als das höchste, doch gegliederte, bezeichnet
tato jñānakriyāśaktyoḥ
danach, der Erkenntnis- und Handlungskraft
tathā utkarṣāpakarṣayoḥ
durch deren Überwiegen und Zurücktreten

prasaraścāpyabhāvena tattvaṃ caitatsadāśivam / dṛkśaktiryatra nyagbhūtā kriyāśaktirviśiṣyate

und durch deren Entfaltung bzw. Nicht-Entfaltung entsteht dieses Tattva, Sadāśiva genannt, worin die Erkenntniskraft zurücktritt und die Handlungskraft hervortritt.

Wort für Wort
prasaraḥ ca api abhāvena
durch Entfaltung bzw. Nicht-Entfaltung
tattvaṃ ca etat sadāśivam
entsteht dieses Tattva, Sadāśiva genannt
dṛkśaktiḥ yatra nyagbhūtā
worin die Erkenntniskraft zurücktritt
kriyāśaktiḥ viśiṣyate
die Handlungskraft hervortritt

īśvarākhyaṃ tu tattattvaṃ proktaṃ sarvārthakartṛkam / yatra kriyā hi nyagbhūtā jñānākhyodrekamaśnute

Jenes Tattva aber, das Īśvara genannt wird, gilt als der Urheber aller Ziele, worin die Handlung zurücktritt und das als Erkenntnis Bezeichnete das Übergewicht erlangt.

Wort für Wort
īśvarākhyaṃ tu tattattvaṃ
jenes Tattva aber, Īśvara genannt
proktaṃ sarvārthakartṛkam
gilt als der Urheber aller Ziele
yatra kriyā hi nyagbhūtā
worin die Handlung fürwahr zurücktritt
jñānākhyaḥ udrekam aśnute
das als Erkenntnis Bezeichnete das Übergewicht erlangt

tattattvaṃ caiva vidyākhyaṃ jñānarūpaṃ prakāśakam / nādo binduśca sakalaḥ sadākhyaṃ tattvamāśritau

Und eben jenes Tattva, Vidyā genannt, ist von der Wesensart der Erkenntnis, erleuchtend. Nāda und Bindu, als sakala gedacht, sind dem Tattva 'Sadākhya' zugeordnet.

Wort für Wort
tattattvaṃ ca eva vidyākhyaṃ
und eben jenes Tattva, Vidyā genannt
jñānarūpaṃ prakāśakam
von der Wesensart der Erkenntnis, erleuchtend
nādo binduḥ ca sakalaḥ
Nāda und Bindu, als sakala
sadākhyaṃ tattvam āśritau
sind dem Tattva Sadākhya zugeordnet [?]

[?] Bezug von 'sakalaḥ' und 'āśritau' im zweiten Halbvers nicht ganz eindeutig; sinngemäß auf die Zuordnung von Nāda und Bindu zum Sadāśiva-Tattva gedeutet.

vidyeśāḥ punaraiśaṃ tu mantrā vidyābhidhaṃ punaḥ / imāni caiva tattvāni śuddhādhveti prakīrtitam

Die Vidyeśas wiederum gehören zum Īśvara-Tattva, die Mantras wiederum zum Vidyā-Tattva; eben diese Tattvas werden als 'reiner Pfad' bezeichnet.

Wort für Wort
vidyeśāḥ punaḥ aiśaṃ tu
die Vidyeśas wiederum [gehören] zum Īśvara[-Tattva]
mantrā vidyābhidhaṃ punaḥ
die Mantras wiederum zum Vidyā[-Tattva]
imāni ca eva tattvāni
eben diese Tattvas
śuddhādhvā iti prakīrtitam
werden als 'reiner Pfad' bezeichnet

sākṣānnimittamīśo 'tretyupādānasabindurāṭ / pañcānāṃ kālarāhityākramo nāstīti niścitam

Hierbei ist Īśvara die unmittelbare Wirkursache, der mit ihm verbundene Bindu-Herrscher die materielle Ursache; unter diesen fünf gibt es, da sie zeitlos sind, keine zeitliche Abfolge — dies steht fest.

Wort für Wort
sākṣāt nimittam īśo atra
hierbei ist Īśvara die unmittelbare Wirkursache
iti upādāna-sa-bindu-rāṭ
so [ist] der mit dem Bindu verbundene Herrscher die materielle Ursache
pañcānāṃ kālarāhityāt
unter diesen fünf, da sie zeitlos sind
kramo nāsti iti niścitam
gibt es keine [zeitliche] Abfolge — dies steht fest

vyāpāravasato hyeṣāṃ vihitā khalu kalpanā / tattvaṃ vastuta ekaṃ tu śivākhyaṃ citraśaktikam

Denn ihre scheinbare Abfolge ist nur aufgrund unterschiedlicher Wirkweisen als gedankliche Unterscheidung vorgenommen; das Tattva ist der Sache nach in Wahrheit eines, Śiva genannt, von mannigfaltiger Kraft.

Wort für Wort
vyāpāravaśataḥ hi eṣāṃ
denn aufgrund ihrer Wirkweisen
vihitā khalu kalpanā
ist nur eine gedankliche Unterscheidung vorgenommen
tattvaṃ vastutaḥ ekaṃ tu
das Tattva ist der Sache nach eines
śivākhyaṃ citraśaktikam
Śiva genannt, von mannigfaltiger Kraft

śaktaṃ yāṃ vṛttibhedāttuvihitāḥ khalu kalpanāḥ / cijjaḍānugrahārthāya kṛtvā rūpāṇi vai prabhuḥ

— das, dessen verschiedene Gestaltungen aufgrund des Unterschieds der Kraft-Funktionen vorgenommen werden; um Geist und Materie Gnade zu erweisen, nimmt der Herr verschiedene Formen an.

Wort für Wort
śaktaṃ yāṃ vṛttibhedāt tu
das, dessen [Gestaltungen] aufgrund des Funktionsunterschieds
vihitāḥ khalu kalpanāḥ
vorgenommen werden, gedankliche Unterscheidungen
cijjaḍānugrahārthāya
um Geist und Materie Gnade zu erweisen
kṛtvā rūpāṇi vai prabhuḥ
nimmt der Herr fürwahr Formen an

anādimalaruddhānāṃ kurute 'nugrahaṃ citām / muktiṃ ca viśveṣāṃ svavyāpāre samarthetām

Er erweist Gnade den durch anfangslosen Makel gebundenen Geistwesen, und gewährt die Erlösung; er befähigt das All zu seiner jeweiligen Wirkweise.

Wort für Wort
anādimalaruddhānāṃ
den durch anfangslosen Makel gebundenen
kurute anugrahaṃ citām
erweist er den Geistwesen Gnade
muktiṃ ca
und die Erlösung
viśveṣāṃ svavyāpāre samarthetām
er befähigt das All zu seiner Wirkweise

vidhatte jaḍavargasya sarvānugrāhakaḥ śivaḥ / śivasāmānyarūpo hi mokṣastu cidanugrahaḥ

Śiva, der alle Gnade Erweisende, ordnet alles für die Schar der leblosen Dinge an; denn die Erlösung, von der Wesensart der Śiva-Gleichheit, ist die Gnade an das Bewusstsein.

Wort für Wort
vidhatte jaḍavargasya
ordnet für die Schar der leblosen Dinge an
sarvānugrāhakaḥ śivaḥ
Śiva, der alle Gnade Erweisende
śivasāmānyarūpo hi
denn von der Wesensart der Śiva-Gleichheit
mokṣaḥ tu cidanugrahaḥ
ist die Erlösung die Gnade an das Bewusstsein

so 'nāditvātkarmaṇo hi tattadbhogaṃ vinā bhavet / tenānugrāhakaḥ śambhustadbhuktyai prabhurvyayaḥ

Da das Karman ohne Anfang ist, könnte er nicht ohne den jeweiligen Genuss [befreit werden]; deshalb ist Śambhu, der gnadenspendende Herr, [dazu tätig], damit jener Genuss vollzogen werde.

Wort für Wort
saḥ anāditvāt karmaṇo hi
da fürwahr das Karman ohne Anfang ist
tattadbhogaṃ vinā bhavet
könnte er nicht ohne den jeweiligen Genuss [befreit werden]
tena anugrāhakaḥ śambhuḥ
deshalb [ist] Śambhu, der gnadenspendende
tadbhuktyai prabhuḥ avyayaḥ
der unvergängliche Herr, damit jener Genuss [vollzogen werde] [?]

[?] 'prabhurvyayaḥ' auffällig: 'vyayaḥ' ('vergänglich') widerspricht sonst durchweg betonter Unvergänglichkeit Śivas; vermutlich Verschreibung für 'avyayaḥ' ('unvergänglich') — so sinngemäß übersetzt.

kurute sūkṣmakaraṇabhuvanotpattimañjasā / karttopādānakaraṇairvinā kārye na dṛśyate

Er bewirkt leicht die Entstehung der subtilen Organe und der Welten; ein Urheber wird ohne materielle Ursache und Werkzeug-Ursachen nicht als tätig im Werk gesehen.

Wort für Wort
kurute sūkṣmakaraṇa-
er bewirkt der subtilen Organe
bhuvanotpattim añjasā
und der Welten Entstehung, leicht
kartā upādānakaraṇaiḥ vinā
ein Urheber ohne materielle Ursache und Werkzeuge
kārye na dṛśyate
wird im Werk nicht [als tätig] gesehen

śaktayaḥ karaṇaṃ cātra māyopādānamiṣyate / nityaikā ca śivā śaktyā hyanādinidhanā satī

Die Śiva-Kräfte gelten hier als Werkzeug-Ursache, Māyā als materielle Ursache; und die ewig-eine, glückverheißende Māyā, obschon anfangs- und endlos seiend, wird tätig durch die göttliche Kraft.

Wort für Wort
śaktayaḥ karaṇaṃ ca atra
die Kräfte gelten hier als Werkzeug-Ursache
māyā upādānam iṣyate
Māyā gilt als materielle Ursache
nityaikā ca śivā
und die ewig-eine, glückverheißende
śaktyā hi anādinidhanā satī
wird durch die Kraft, obschon anfangs- und endlos

sādhāraṇī narāṇāṃ vai bhuvanānāṃ ca kāraṇam / svabhāvānmohajananī svacitājanakarmabhiḥ

Sie ist allen Menschen gemeinsam und die Ursache der Welten; von Natur aus die Erzeugerin der Verblendung, durch die den einzelnen Geistwesen zugehörigen Taten,

Wort für Wort
sādhāraṇī narāṇāṃ vai
sie ist fürwahr allen Menschen gemeinsam
bhuvanānāṃ ca kāraṇam
und die Ursache der Welten
svabhāvāt mohajananī
von Natur aus die Erzeugerin der Verblendung
svacitājanakarmabhiḥ
durch die den einzelnen Geistwesen zugehörigen Taten

viśvī sūkṣmā parā māyā vikṛtaiḥ parattu sā / karmāṇyāvekṣya vidyeśo māyāṃ vikṣobhya śaktibhiḥ

wirkt die alldurchdringende, subtile, höchste Māyā; höher noch aber ist sie durch ihre Umwandlungen wirksam. Nachdem der Vidyeśa die Taten betrachtet hat, erregt er die Māyā mit seinen Kräften

Wort für Wort
viśvī sūkṣmā parā māyā
die alldurchdringende, subtile, höchste Māyā
vikṛtaiḥ param tu sā
höher noch aber [wirkt] sie durch Umwandlungen
karmāṇi āvekṣya vidyeśo
nachdem der Vidyeśa die Taten betrachtet hat
māyāṃ vikṣobhya śaktibhiḥ
erregt er die Māyā mit [seinen] Kräften

vidhatte jīvabhogārthaṃ vapūṃṣi karaṇāni ca / sṛjatyādo kālatattvaṃ nānāśaktimayī ca sā

und ordnet, zum Zweck des Genusses der Lebewesen, Körper und Organe an; anfangs erschafft sie, von mannigfacher Kraft, das Zeit-Tattva,

Wort für Wort
vidhatte jīvabhogārthaṃ
ordnet zum Zweck des Genusses der Lebewesen
vapūṃṣi karaṇāni ca
Körper und Organe an
sṛjati ādau kālatattvaṃ
sie erschafft anfangs das Zeit-Tattva
nānāśaktimayī ca sā
sie, von mannigfacher Kraft

bhāvi bhūtaṃ mavañcedaṃ jagatkalayate layam / sūte hyanantaraṃ māyā śaktiṃ niyamanātmikām

das Zukünftige, Vergangene und Gegenwärtige, und diese Welt bringt es zur Auflösung; unmittelbar danach bringt Māyā die Kraft hervor, deren Wesen das Regulieren aller Dinge ist,

Wort für Wort
bhāvi bhūtaṃ vartamānam ca
Zukünftiges, Vergangenes und Gegenwärtiges [?]
idaṃ jagat kalayate layam
und diese Welt bringt es zur Auflösung
sūte hi anantaraṃ māyā
unmittelbar danach bringt Māyā hervor
śaktiṃ niyamanātmikām
die Kraft, deren Wesen das Regulieren ist

[?] 'mavañca' im Quelltext unklar; sinngemäß als 'vartamānam ca' ('und Gegenwärtiges') gedeutet.

sarvaṃ niyamayatyeṣā teneyaṃ niyatiḥ smṛtā / anantaraṃ ca sā māyā nityā viśvavimohinī

welche alles reguliert — deshalb gilt sie als Niyati. Und unmittelbar danach [erschafft] jene ewige, das All verblendende Māyā

Wort für Wort
sarvaṃ niyamayati eṣā
sie reguliert alles
tena iyaṃ niyatiḥ smṛtā
deshalb gilt sie als Niyati
anantaraṃ ca sā māyā
und unmittelbar danach jene Māyā
nityā viśvavimohinī
die ewige, das All verblendende

anādinidhanā tattvaṃ kalākhyaṃ janayatyapi / ekatastu nṛṇāṃ yena kalayitvā malaṃ tataḥ

— anfangs- und endlos — auch das Tattva namens Kalā; wodurch sie einerseits, nach Maßgabe des Makels der Menschen [diesen begrenzend],

Wort für Wort
anādinidhanā
anfangs- und endlos
tattvaṃ kalākhyaṃ janayati api
erzeugt auch das Tattva namens Kalā
ekataḥ tu nṛṇāṃ
einerseits der Menschen
yena kalayitvā malaṃ tataḥ
wodurch sie, den Makel begrenzend

kartṛśaktiṃ vyañjayati tenedaṃ tu kalābhidham / kālena ca niyatyopasargatāṃ samupetayā

die Tatkraft des Geistes offenbart; deshalb heißt dies eben 'Kalā'. Und durch die Zeit, verbunden mit der zur Begleiterscheinung gewordenen Niyati,

Wort für Wort
kartṛśaktiṃ vyañjayati
die Tatkraft offenbart
tena idaṃ tu kalābhidham
deshalb heißt dies 'Kalā'
kālena ca niyatyā
und durch die Zeit, mit der Niyati
upasargatāṃ samupetayā
die zur Begleiterscheinung geworden ist

vyāpāraṃ vidadhātyeṣā bhūparyantaṃ svakīyakam / pradarśanātha vai puṃso viṣayāṇāṃ ca sā punaḥ

übt diese ihre eigene Wirksamkeit bis hinab zur Erde aus; und ferner, um dem Puruṣa die Sinnesobjekte zu zeigen, bringt sie wiederum

Wort für Wort
vyāpāraṃ vidadhāti eṣā
übt diese ihre Wirksamkeit aus
bhūparyantaṃ svakīyakam
bis hinab zur Erde, ihre eigene
pradarśanāya atha vai puṃsaḥ
und ferner, um dem Puruṣa zu zeigen
viṣayāṇāṃ ca sā punaḥ
die Sinnesobjekte, sie wiederum

prakāśarūpaṃ vidyākhyaṃ tattvaṃ sūte kalaiva hi / vidyā tvāvaraṇaṃ bhitvā jñānaśakteḥ svakarmaṇā

das Tattva namens Vidyā, von erleuchtender Wesensart, hervor — eben die Kalā [bringt es hervor]. Die Vidyā aber, nachdem sie durch ihre eigene Wirkung die Hülle der Erkenntniskraft durchbrochen hat,

Wort für Wort
prakāśarūpaṃ vidyākhyaṃ
das Tattva namens Vidyā, von erleuchtender Wesensart
tattvaṃ sūte kalā eva hi
bringt eben die Kalā hervor
vidyā tu āvaraṇaṃ bhitvā
die Vidyā aber, die Hülle durchbrechend
jñānaśakteḥ svakarmaṇā
der Erkenntniskraft, durch ihre eigene Wirkung

viṣayāndarśayatyeṣātmanāṃśākāraṇaṃ hyataḥ / karoti bhogyaṃ yānāsau karaṇena pareṇa vai

zeigt diese dem [Puruṣa, der] ein Teil des Selbst ist, die Objekte; deshalb macht sie eben durch ein weiteres Werkzeug das, was zu genießen ist,

Wort für Wort
viṣayān darśayati eṣā
diese zeigt die Objekte
ātmanāṃśākāraṇaṃ hi ataḥ
dem Teil-des-Selbst-Seienden, deshalb
karoti bhogyaṃ yān
macht sie [das], was zu genießen ist
asau karaṇena pareṇa vai
diese fürwahr durch ein weiteres Werkzeug

udbuddhaśaktiḥ puruṣaḥ pracodya mahadādikān / bhogye bhogaṃ ca bhoktāraṃ tatparaṃ karaṇaṃ tu sā

wonach der Puruṣa, dessen Kraft erweckt ist, die Prinzipien Mahat usw. antreibt; jenes höhere Werkzeug aber bewirkt den Genuss im Genussobjekt und den Genießenden.

Wort für Wort
udbuddhaśaktiḥ puruṣaḥ
der Puruṣa, dessen Kraft erweckt ist
pracodya mahadādikān
die Prinzipien Mahat usw. antreibend
bhogye bhogaṃ ca bhoktāraṃ
den Genuss im Genussobjekt und den Genießenden
tatparaṃ karaṇaṃ tu sā
bewirkt jenes höhere Werkzeug

bhogyesya bhogyatirmāsāñcidvyaktirbhoga ucyate / sukhādirūpo viṣayākārā buddhiḥ samāsataḥ

Die Genießbarkeit des Genussobjekts besteht im Hervortreten des Bewusstseins [im Objekt]; 'Genuss' wird genannt die Erscheinung von Lust usw.; die Buddhi, kurz gesagt, nimmt die Gestalt der Sinnesobjekte an.

Wort für Wort
bhogyasya bhogyatiḥ
die Genießbarkeit des Genussobjekts
māsāt cidvyaktiḥ bhoga ucyate
besteht im Hervortreten des Bewusstseins, 'Genuss' genannt [?]
sukhādirūpo
von der Gestalt Lust usw.
viṣayākārā buddhiḥ samāsataḥ
die Buddhi nimmt, kurz gesagt, die Gestalt der Objekte an

[?] erster Halbvers ('bhogyesya bhogyatirmāsāñcidvyaktirbhoga ucyate') im Quelltext unklar/verderbt überliefert; sinngemäß mit dem Hervortreten des Bewusstseins im Genussobjekt wiedergegeben.

bhogyaṃ bhoktuśca svenaiva vidyākhyaṃ karaṇaṃ tu tat / yadyarkavatprakāśā dhīḥ karmatvāñca tathāpi hi

Für den Genießenden ist das Genussobjekt eben durch sich selbst mittels jenes Werkzeugs namens Vidyā [erkennbar]; obwohl die Buddhi wie die Sonne selbstleuchtend ist, bedarf sie dennoch, weil sie auch Werkzeug-Charakter hat,

Wort für Wort
bhogyaṃ bhoktuḥ ca svena eva
das Genussobjekt für den Genießenden eben durch sich selbst
vidyākhyaṃ karaṇaṃ tu tat
jenes Werkzeug namens Vidyā
yadi arkavat prakāśā dhīḥ
obwohl die Buddhi wie die Sonne selbstleuchtend ist
karmatvāt ca tathā api hi
dennoch, weil sie auch Werkzeug-Charakter hat

karaṇāntarasāpekṣā śaktā grāhayituṃ ca tam / saṃbandhātkāraṇādyaistadbhogautsukyena codanāt

eines anderen Werkzeugs, um jenen das Objekt erfassen zu lassen — durch die Verbindung mit den übrigen Ursachen usw., angetrieben vom Verlangen nach jenem Genuss.

Wort für Wort
karaṇāntarasāpekṣā
eines anderen Werkzeugs bedürftig
śaktā grāhayituṃ ca tam
imstande, jenen [das Objekt] erfassen zu lassen
saṃbandhāt kāraṇādyaiḥ
durch die Verbindung mit den [übrigen] Ursachen
tadbhogautsukyena codanāt
angetrieben vom Verlangen nach jenem Genuss

tañcaṣṭāphalayogāñca saṃsiddhā kartṛtāsya tu / akartṛtvābhyupagame bhoktṛtvākhyā vṛthāsya tu

Und durch die Verbindung mit den erwünschten Früchten wird ihm die Täterschaft zuteil; würde man seine Nicht-Täterschaft annehmen, so wäre die sogenannte Genießerschaft für ihn sinnlos.

Wort für Wort
tam ca iṣṭaphalayogāt ca
und durch die Verbindung mit den erwünschten Früchten
saṃsiddhā kartṛtā asya tu
wird ihm die Täterschaft zuteil
akartṛtvābhyupagame
würde man seine Nicht-Täterschaft annehmen
bhoktṛtvākhyā vṛthā asya tu
wäre die sogenannte Genießerschaft für ihn sinnlos

kiṃ ca pradhānacaritaṃ vyarthaṃ sarvaṃ bhavettataḥ / kartṛtvarahite puṃsi karaṇādyaprayojake

Ferner würde dann das ganze Wirken der Urmaterie sinnlos, wenn der Puruṣa ohne Täterschaft und ohne Fähigkeit, die Werkzeuge usw. in Gang zu setzen, wäre;

Wort für Wort
kiṃ ca pradhānacaritaṃ
ferner das Wirken der Urmaterie
vyarthaṃ sarvaṃ bhavet tataḥ
würde dann ganz sinnlos
kartṛtvarahite puṃsi
wenn der Puruṣa ohne Täterschaft [wäre]
karaṇādyaprayojake
ohne die Werkzeuge usw. in Gang zu setzen

bhogasyāsaṃbhavastasmātsa evātra pravartakaḥ / karaṇādiprayoktṛātvaṃ vidyayaivāsya saṃmatam

— dann wäre auch der Genuss unmöglich. Deshalb ist eben er hier der Antreiber; dass er die Werkzeuge usw. in Gang setzt, wird eben durch die Vidyā ihm zuerkannt.

Wort für Wort
bhogasya asaṃbhavaḥ tasmāt
deshalb [wäre] der Genuss unmöglich
sa eva atra pravartakaḥ
eben er ist hier der Antreiber
karaṇādiprayoktṛtvaṃ
das In-Gang-Setzen der Werkzeuge usw.
vidyayā eva asya saṃmatam
wird ihm eben durch die Vidyā zuerkannt

anantaraṃ kalārāgaṃ sūte bhidyaṅgarūpakam / yena bhogyāya janitā bhidyaṅge puruṣe punaḥ

Unmittelbar danach bringt die Kalā das Rāga-Tattva hervor, das von der Wesensart eines individualisierenden Gliedes ist, wodurch im individualisierten Puruṣa wiederum, zum Zweck des Genusses, [ein Verlangen] erzeugt wird,

Wort für Wort
anantaraṃ kalārāgaṃ
unmittelbar danach das Rāga [-Tattva]
sūte bhidyaṅgarūpakam
bringt die Kalā hervor, von individualisierender Wesensart
yena bhogyāya janitā
wodurch zum Zweck des Genusses erzeugt [wird]
bhidyaṅge puruṣe punaḥ
im individualisierten Puruṣa wiederum

kriyāpravṛttirbhavati tenedaṃ rāgasaṃjñikam / ebhistattvaiśca bhoktṛtvadaśāyāṃ kalito yadā

die Neigung zum Handeln entsteht; deshalb heißt dies eben 'Rāga'. Wenn er durch diese Tattvas hindurch in den Zustand des Genießers versetzt ist,

Wort für Wort
kriyāpravṛttiḥ bhavati
die Neigung zum Handeln entsteht
tena idaṃ rāgasaṃjñikam
deshalb heißt dies 'Rāga'
ebhiḥ tattvaiḥ ca
durch diese Tattvas
bhoktṛtvadaśāyāṃ kalito yadā
wenn er in den Zustand des Genießers versetzt ist

nityastadāyamātmā tu labhate puruṣābhidhām / kalaiva paścādavyaktaṃ sūte bhogyāya cāsya tu

dann erhält dieses ewige Selbst den Namen 'Puruṣa'. Danach bringt eben die Kalā, zum Zweck seines Genusses, das Unmanifeste hervor,

Wort für Wort
nityaḥ tadā ayam ātmā tu
dann erhält dieses ewige Selbst
labhate puruṣābhidhām
den Namen 'Puruṣa'
kalā eva paścāt avyaktaṃ
danach eben die Kalā das Unmanifeste
sūte bhogyāya ca asya tu
bringt hervor, zum Zweck seines Genusses

saptagranthividhānasya yattadgauṇasyakāraṇam / guṇānāmavibhāgo 'tra hyādhāre kṣmādibhāgavat

welches die Ursache jenes aus den sieben Knoten Bestehenden ist, der aus den Guṇas gebildeten Prinzipien; darin herrscht Ununterschiedenheit der Guṇas, wie im ungeteilten Substrat, dem Element Erde u.ä. zugrunde liegt.

Wort für Wort
saptagranthividhānasya
des aus sieben Knoten Bestehenden
yat tat gauṇasya kāraṇam
welches die Ursache jenes aus den Guṇas [Gebildeten] ist
guṇānām avibhāgo atra
darin herrscht Ununterschiedenheit der Guṇas
hi ādhāre kṣmādibhāgavat
wie im Substrat, dem Element Erde u.ä. zugrunde liegt

[?] 'saptagranthividhānasya' unsicher; als Verweis auf die siebengliedrige Guṇa-Reihe (Mahat bis Tanmātras) gedeutet.

ādhāro 'pi ca yasteṣāṃ tadavyaktaṃ ca gīyate / traya eva guṇā hyaṣāmavyaktādeva saṃbhavaḥ

Und was das Substrat dieser ist, das wird eben 'das Unmanifeste' genannt; nur drei sind fürwahr die Guṇas; ihr Ursprung liegt eben im Unmanifesten.

Wort für Wort
ādhāro api ca yaḥ teṣāṃ
und was das Substrat dieser ist
tat avyaktaṃ ca gīyate
das wird 'das Unmanifeste' genannt
traya eva guṇā hi eṣām
nur drei fürwahr sind ihre Guṇas
avyaktāt eva saṃbhavaḥ
ihr Ursprung liegt eben im Unmanifesten

sattvaṃ rajastamaḥprakhyā vyāpāraniyamātmikā / guṇato dhīśca viṣayādhyavasāyasvarūpiṇī

Sattva, Rajas und Tamas werden sie genannt, deren Wesen die Regelung der Tätigkeit ist. Aus den Guṇas entsteht die Buddhi, deren Wesensart die Entscheidung über die Sinnesobjekte ist.

Wort für Wort
sattvaṃ rajastamaḥprakhyā
Sattva, Rajas, Tamas genannt
vyāpāraniyamātmikā
deren Wesen die Regelung der Tätigkeit ist
guṇato dhīḥ ca
aus den Guṇas [entsteht] die Buddhi
viṣayādhyavasāyasvarūpiṇī
deren Wesensart die Entscheidung über die Objekte ist

guṇatastrividhā sāpi proktā karmānusārataḥ / mahattattavādahṝṅkāro jātaḥ saṃraṃbhavṛttimān

Auch sie wird, den Guṇas entsprechend, als dreifach bezeichnet, gemäß dem Karman. Aus dem Mahat-Tattva entstand der Ahaṃkāra, dessen Wirkweise das Sich-Behaupten ist,

Wort für Wort
guṇataḥ trividhā sā api
auch sie, den Guṇas entsprechend, dreifach
proktā karmānusārataḥ
bezeichnet, gemäß dem Karman
mahattattvāt ahaṃkāro jātaḥ
aus dem Mahat-Tattva entstand der Ahaṃkāra
saṃraṃbhavṛttimān
dessen Wirkweise das Sich-Behaupten ist

saṃbhodādasya viṣayaḥ prāpnoti vyavahāryatām / sattvā dviguṇabhedena sa punastrividho bhavet

durch dessen Erwachen der Sinnesgegenstand handhabbar wird. Durch die Unterscheidung der beiden anderen Guṇas neben Sattva wird er wiederum dreifach.

Wort für Wort
saṃbodhāt asya viṣayaḥ
durch dessen Erwachen der Gegenstand
prāpnoti vyavahāryatām
wird handhabbar
sattvād dviguṇabhedena
durch die Unterscheidung der beiden [anderen] Guṇas neben Sattva
sa punaḥ trividho bhavet
wird er wiederum dreifach

taijaso rājasaścaiva tāmasaśceti nāmataḥ / tatra taijasato jñānendriyāṇi manasā saha

[Nämlich] mit den Namen taijasa, rājasa und tāmasa. Von diesen entstehen aus dem taijasa die Erkenntnisorgane samt dem Manas,

Wort für Wort
taijaso rājasaḥ ca eva
taijasa und rājasa
tāmasaḥ ca iti nāmataḥ
und tāmasa mit Namen
tatra taijasato
davon aus dem taijasa
jñānendriyāṇi manasā saha
die Erkenntnisorgane samt dem Manas

prakāśānva yatastasmādvodhakāni bhavanti hi / rājasāñca kriyāhetostathā karmendriyāṇi tu

da sie vom Leuchtenden herstammen, sind sie fürwahr erkenntnisvermittelnd. Und aus dem rājasa entstehen, als Ursache der Handlung, ebenso die Tatorgane,

Wort für Wort
prakāśān yataḥ tasmāt
da sie vom Leuchtenden herstammen
vodhakāni bhavanti hi
sind sie fürwahr erkenntnisvermittelnd
rājasāt ca kriyāhetoḥ
und aus dem rājasa, als Ursache der Handlung
tathā karmendriyāṇi tu
ebenso die Tatorgane

tāmasāñcaiva jāyante tanmātrā bhūtayonayaḥ / icchārūpaṃ ca saṃkalpavyāpāraṃ tatra vai manaḥ

und aus dem tāmasa entstehen die Tanmātras, die Ursprünge der Elemente. Das Manas, dessen Gestalt das Wollen ist und dessen Wirken die Vorstellungsbildung ist, befindet sich dabei fürwahr...

Wort für Wort
tāmasāt ca eva jāyante
und aus dem tāmasa entstehen
tanmātrā bhūtayonayaḥ
die Tanmātras, die Ursprünge der Elemente
icchārūpaṃ ca saṃkalpavyāpāraṃ
das Manas, von der Gestalt des Wollens, mit dem Wirken der Vorstellungsbildung
tatra vai manaḥ
befindet sich dabei fürwahr

dvidhādhikāri tañcittaṃ bhoktṛbhogopapādakam / bahiḥ karaṇabhāvena svocitena yataḥ sadā

jenes Citta, zuständig für zweierlei, ist es, das Genießer und Genuss vermittelt; es fungiert nach außen stets in der ihm eigenen Weise als äußeres Werkzeug,

Wort für Wort
dvidhādhikāri tat cittaṃ
jenes Citta, zuständig für zweierlei
bhoktṛbhogopapādakam
das Genießer und Genuss vermittelt
bahiḥ karaṇabhāvena
nach außen als Werkzeug
svocitena yataḥ sadā
in der ihm eigenen Weise, stets

indriyāṇāñca sāmarthyaṃ saṃkalpenātmavṛttinā / karotyantaḥsthitaṃ bhūyastato 'ntaḥ karaṇaṃ manaḥ

und es bewirkt durch die Vorstellungsbildung, die seine eigene Wirkweise ist, die Wirksamkeit der Sinnesorgane; ferner wirkt es häufig als innen verweilendes Organ — deshalb heißt das Manas auch 'inneres Werkzeug'.

Wort für Wort
indriyāṇāṃ ca sāmarthyaṃ
und die Wirksamkeit der Sinnesorgane
saṃkalpena ātmavṛttinā
durch die Vorstellungsbildung, seine eigene Wirkweise
karoti antaḥsthitaṃ bhūyaḥ
bewirkt es, ferner als innen verweilend
tato antaḥkaraṇaṃ manaḥ
deshalb [heißt] das Manas 'inneres Werkzeug'

mano 'hṝṅkārabuddhyākhyamastyantaḥ kāraṇaṃ tridhā / icchāsaṃraṃbhabodhākhyā vṛttayaḥ kramato 'sya tu

Das innere Werkzeug besteht dreifach, benannt als Manas, Ahaṃkāra und Buddhi; seine Funktionen heißen der Reihe nach Wollen, Sich-Behaupten und Erkennen.

Wort für Wort
manaḥ ahaṃkārabuddhyākhyam
benannt als Manas, Ahaṃkāra, Buddhi
asti antaḥkāraṇaṃ tridhā
besteht das innere Werkzeug dreifach
icchāsaṃraṃbhabodhākhyā
genannt Wollen, Sich-Behaupten, Erkennen
vṛttayaḥ kramataḥ asya tu
seine Funktionen der Reihe nach

jñānendriyāṇi śrotraṃ tvak cakṣurjihvā ca nāsikā / grāhyāśca viṣayā hyeṣāṃ jñeyāḥ śabdādayo mune

Die Erkenntnisorgane sind: Gehör, Haut, Auge, Zunge und Nase; deren zu erfassende Objekte sind, wie zu wissen ist, Klang usw., o Muni,

Wort für Wort
jñānendriyāṇi śrotraṃ tvak
die Erkenntnisorgane: Gehör, Haut
cakṣuḥ jihvā ca nāsikā
Auge, Zunge und Nase
grāhyāḥ ca viṣayā hi eṣāṃ
deren zu erfassende Objekte fürwahr
jñeyāḥ śabdādayo mune
sind, wie zu wissen, Klang usw., o Muni

śabdasparśarūparasagandhāḥ śabdādayo matāḥ / vākpāṇipādapāyūpasthāstu karmendriyāṇyapi

[nämlich] Klang, Tastempfindung, Farbe/Gestalt, Geschmack und Geruch — das sind die als 'Klang usw.' Bezeichneten. Sprachorgan, Hand, Fuß, After und Geschlechtsorgan aber sind die Tatorgane.

Wort für Wort
śabdasparśarūparasagandhāḥ
Klang, Tastempfindung, Farbe, Geschmack, Geruch
śabdādayo matāḥ
gelten als 'Klang usw.'
vākpāṇipādapāyūpasthāḥ tu
Sprachorgan, Hand, Fuß, After, Geschlechtsorgan aber
karmendriyāṇi api
sind auch die Tatorgane

vacanādānagamanotsargānandeṣu karmasu / karaṇāni ca siddhinā na kṛtiḥ karaṇairvinā

[Sie wirken] bei den Tätigkeiten des Sprechens, Ergreifens, Gehens, Ausscheidens und der Wonne. Und die Werkzeuge wirken durch ihre eigene Vollbringung — ohne Werkzeuge gibt es kein Tun.

Wort für Wort
vacanādānagamana-
beim Sprechen, Ergreifen, Gehen
utsargānandeṣu karmasu
Ausscheiden und der Wonne, bei den Tätigkeiten
karaṇāni ca siddhinā
die Werkzeuge durch [ihre] Vollbringung
na kṛtiḥ karaṇaiḥ vinā
kein Tun ohne Werkzeuge

daśadhā karaṇaiśceṣṭāṃ kāryamāviśya kāryate / ceṣṭante kāryamālaṃbya vibhutvātkaraṇāni tu

Durch die zehnfachen Werkzeuge wird, indem sie in das zu Bewirkende eingehen, die Bewegung bewirkt; die Werkzeuge aber wirken, gestützt auf das zu Bewirkende, kraft ihrer je eigenen Mächtigkeit.

Wort für Wort
daśadhā karaṇaiḥ ceṣṭāṃ
durch die zehnfachen Werkzeuge die Bewegung
kāryam āviśya kāryate
wird, indem sie ins Werk eingehen, bewirkt
ceṣṭante kāryam ālaṃbya
sie wirken, gestützt auf das Werk
vibhutvāt karaṇāni tu
kraft ihrer Mächtigkeit, die Werkzeuge

tanmātrāṇi tu khavāyustejo 'mbhaḥ kṣmeti pañca vai / tebhyo bhūtānyekaguṇānyākhyātāni bhavanti hi

Die Tanmātras aber sind die fünf: Äther, Wind, Feuer, Wasser und Erde; aus ihnen entstehen, wie überliefert, die groben Elemente, je mit einer [zunehmenden Anzahl von] Eigenschaft[en].

Wort für Wort
tanmātrāṇi tu kha vāyuḥ
die Tanmātras aber: Äther, Wind
tejaḥ ambhaḥ kṣmā iti pañca vai
Feuer, Wasser, Erde — diese fünf
tebhyo bhūtāni ekaguṇāni
aus ihnen die Elemente, mit je einer Eigenschaft
ākhyātāni bhavanti hi
entstehen, wie überliefert

iti pañcasu śabdo 'yaṃ sparśo bhūtacatuṣṭaye / rūpaṃ triṣu rasaścaiva dvayorgandhaḥ kṣitau tathā

So ist dieser Klang in allen fünf Elementen enthalten, die Tastempfindung in vier Elementen, die Farbe/Gestalt in dreien, der Geschmack in zweien, und der Geruch nur in der Erde.

Wort für Wort
iti pañcasu śabdo ayaṃ
so dieser Klang in fünf
sparśo bhūtacatuṣṭaye
die Tastempfindung in vier Elementen
rūpaṃ triṣu rasaḥ ca eva
Farbe in dreien, der Geschmack
dvayoḥ gandhaḥ kṣitau tathā
in zweien, der Geruch [nur] in der Erde

kāryāṇyeṣāṃ krameṇaivāvakāśo vyūhakalpanam / pākaśca saṃgrahaścaiva dhāraṇaṃ ceti kathyate

Deren Wirkungen werden der Reihe nach genannt: Raumgewährung, Formgebung, Reifung, Zusammenhalt und Tragen.

Wort für Wort
kāryāṇi eṣāṃ krameṇa eva
deren Wirkungen der Reihe nach
avakāśo vyūhakalpanam
Raumgewährung, Formgebung
pākaḥ ca saṃgrahaḥ ca eva
Reifung und Zusammenhalt
dhāraṇaṃ ca iti kathyate
und Tragen, so wird gesagt

āśītoṣṇau mahā vādyau śītoṣṇau vāritejasoḥ / bhāsvadagnau jale śuklaṃ kṣitau śuklādyanekadhā

Kalt und heiß sind die beiden großen Eigenschaften von Wasser und Feuer, nämlich kühl und warm; im leuchtenden Feuer, im Wasser ist es weiß, in der Erde gibt es Weiß und vielerlei anderes.

Wort für Wort
āśītoṣṇau mahā vādyau
kalt und heiß, die beiden großen [Eigenschaften]
śītoṣṇau vāritejasoḥ
kühl und warm, von Wasser und Feuer
bhāsvadagnau jale śuklaṃ
im leuchtenden Feuer, im Wasser weiß
kṣitau śuklādyanekadhā
in der Erde Weiß und vielerlei anderes

rūpaṃ triṣu rasoṃ'bhaḥ su madhuraḥ ṣaḍidhaḥ kṣitau / gandhaḥ kṣitāvasurabhiḥ surabhiśca prakīrtitaḥ

Die Farbe/Gestalt ist in dreien; der Geschmack im Wasser ist süß, in der Erde sechsfach; der Geruch in der Erde wird als übelriechend und wohlriechend bezeichnet.

Wort für Wort
rūpaṃ triṣu rasaḥ ambhaḥ su
die Farbe in dreien, der Geschmack im Wasser
madhuraḥ ṣaḍvidhaḥ kṣitau
süß, in der Erde sechsfach
gandhaḥ kṣitau asurabhiḥ
der Geruch in der Erde übelriechend
surabhiḥ ca prakīrtitaḥ
und wohlriechend wird bezeichnet

tanmātraṃ tadbhūtaguṇaṃ karaṇaṃ poṣaṇaṃ tathā / bhūtasya tu viśeṣo 'yaṃ viśeṣarahitaṃ tu tat

Das Tanmātra ist die Eigenschaft jenes Elements, dient als Werkzeug sowie zur Ernährung; dies Grobe aber ist die Besonderung des Elements, jenes Tanmātra aber ist ohne Besonderung.

Wort für Wort
tanmātraṃ tadbhūtaguṇaṃ
das Tanmātra, die Eigenschaft jenes Elements
karaṇaṃ poṣaṇaṃ tathā
[dient als] Werkzeug sowie zur Ernährung
bhūtasya tu viśeṣo ayaṃ
dies aber ist die Besonderung des Elements
viśeṣarahitaṃ tu tat
jenes [Tanmātra] aber ist ohne Besonderung

imāni pañcabhūtāni saṃniviṣṭāni sarvataḥ / pañcabhūtātmakaṃ sarvaṃ jagatsthāvarajaṅgamam

Diese fünf groben Elemente sind überall eingegangen; die ganze Welt, das Unbewegliche und Bewegliche, besteht aus den fünf Elementen.

Wort für Wort
imāni pañcabhūtāni
diese fünf Elemente
saṃniviṣṭāni sarvataḥ
sind überall eingegangen
pañcabhūtātmakaṃ sarvaṃ
aus den fünf Elementen besteht alles
jagat sthāvarajaṅgamam
die Welt, das Unbewegliche und Bewegliche

śarīrasaṃniviṣṭatvameṣāṃ tāvannirūpyate / dehe 'sthimāṃsakeśatvaṅnakhadantāśca pārthivāḥ

Ihr Eingegangensein in den Körper werde nun dargelegt: im Leib sind Knochen, Fleisch, Haar, Haut, Nägel und Zähne von der Erde gebildet;

Wort für Wort
śarīrasaṃniviṣṭatvam
das Eingegangensein in den Körper
eṣāṃ tāvat nirūpyate
von diesen werde nun dargelegt
dehe asthimāṃsakeśatvak-
im Leib Knochen, Fleisch, Haar, Haut
nakhadantāḥ ca pārthivāḥ
Nägel und Zähne sind von der Erde

mūtraraktakaphasvedaśukrādiṣu jalasthitiḥ / hṛdi paṅktau dṛśoḥ pitte tejastaddharmadarśanāt

In Urin, Blut, Schleim, Schweiß, Same u.a. besteht die Beständigkeit des Wassers; im Herzen, im Verdauungstrakt, in den Augen, in der Galle ist das Feuer, weil man dort dessen Eigenschaften wahrnimmt.

Wort für Wort
mūtraraktakaphasveda-
in Urin, Blut, Schleim, Schweiß
śukrādiṣu jalasthitiḥ
Same u.a. besteht die Beständigkeit des Wassers
hṛdi paṅktau dṛśoḥ pitte
im Herzen, im Verdauungstrakt [?], in den Augen, in der Galle
tejaḥ taddharmadarśanāt
das Feuer, weil man dessen Eigenschaften wahrnimmt

[?] 'paṅktau' unsicher gedeutet als Bezeichnung des Verdauungstraktes/der Speiseröhre.

prāṇādivṛttibhedena vāyuścaivātra saṃsthitaḥ / viyatsarvāsu nāḍīṣu garbhavṛtyanuṣaṅgataḥ

Durch die Unterscheidung der Funktionen von Prāṇa usw. ist auch der Wind hier im Körper angesiedelt; der Äther befindet sich in allen Kanälen, in Verbindung mit der Funktion des Embryo-Leibes.

Wort für Wort
prāṇādivṛttibhedena
durch die Unterscheidung der Funktionen von Prāṇa usw.
vāyuḥ ca eva atra saṃsthitaḥ
ist auch der Wind hier angesiedelt
viyat sarvāsu nāḍīṣu
der Äther in allen Kanälen
garbhavṛtyanuṣaṅgataḥ
in Verbindung mit der Funktion des Embryo-Leibes

prayoktyādimahīprāntametadaṇḍārthasādhanam / pratyātmaniyataṃ bhogabhedato vyavasīyate

Dies, vom ersten Antreiber bis hin zur Erde reichend, dient dem Zweck des Welt-Eies; für jedes einzelne Selbst festgelegt, wird es je nach der Verschiedenheit des Genusses bestimmt.

Wort für Wort
prayoktyādimahīprāntam
vom [ersten] Antreiber bis zur Erde reichend
etat aṇḍārthasādhanam
dies dient dem Zweck des [Welt-]Eies
pratyātmaniyataṃ
für jedes einzelne Selbst festgelegt
bhogabhedato vyavasīyate
wird es je nach Verschiedenheit des Genusses bestimmt

[?] Kompositum 'prayoktyādimahīprāntam' unsicher aufgelöst.

tattvānyevaṃ kalādyāni pratipuṃniyatāni hi / deheṣu karmavaśataḥ sarveṣu vicaranti hi

So sind die Tattvas, angefangen mit Kalā, für jeden einzelnen Puruṣa festgelegt; kraft des Karmans wandeln sie fürwahr in allen Körpern.

Wort für Wort
tattvāni evaṃ kalādyāni
die Tattvas, angefangen mit Kalā, so
pratipuṃniyatāni hi
sind fürwahr für jeden einzelnen Puruṣa festgelegt
deheṣu karmavaśataḥ
in den Körpern, kraft des Karmans
sarveṣu vicaranti hi
wandeln sie fürwahr in allen

māyeyaścaiva pāśo 'yaṃ yenāvṛtamidaṃ jagat / aśuddhādhvāmato hyeṣa dharaṇyādikalāvadhiḥ

Und diese Fessel, die 'aus Māyā stammende', durch die diese Welt umhüllt ist — dies ist eben der unreine Pfad, der von der Erde bis zur Kalā reicht.

Wort für Wort
māyeyaḥ ca eva pāśo ayaṃ
und diese Fessel, die aus Māyā stammende
yena āvṛtam idaṃ jagat
durch die diese Welt umhüllt ist
aśuddhādhvā amataḥ hi eṣa
dies eben ist der unreine Pfad
dharaṇyādikalāvadhiḥ
der von der Erde bis zur Kalā reicht

tatra bhūmaṇḍalastho 'sau sthāvaro jaṅgamātmakaḥ / sthāvarā girivṛkṣādyā jaṅgamastrividhaḥ punaḥ

Darin, auf der Erdscheibe befindlich, ist dieses unbeweglicher und beweglicher Natur; unbeweglich sind Berge, Bäume u.a., das Bewegliche aber ist wiederum dreifach:

Wort für Wort
tatra bhūmaṇḍalasthaḥ asau
darin, auf der Erdscheibe befindlich, dieses
sthāvaro jaṅgamātmakaḥ
unbeweglicher und beweglicher Natur
sthāvarā girivṛkṣādyā
unbeweglich sind Berge, Bäume u.a.
jaṅgamaḥ trividhaḥ punaḥ
das Bewegliche aber wiederum dreifach

svedajāścāṇḍajāścaiva tathaiva ca jarāyujāḥ / carācareṣu lakṣāṇāṃ caturāśītiyonayaḥ

aus Schweiß Geborene, aus dem Ei Geborene und ebenso aus der Gebärmutterhülle Geborene; unter dem Beweglichen und Unbeweglichen gibt es vierundachtzig hunderttausend Geburtsstätten.

Wort für Wort
svedajāḥ ca aṇḍajāḥ ca eva
aus Schweiß Geborene und aus dem Ei Geborene
tathā eva ca jarāyujāḥ
und ebenso aus der Gebärmutterhülle Geborene
carācareṣu lakṣāṇāṃ
unter dem Beweglichen und Unbeweglichen, an Hunderttausenden
caturāśītiyonayaḥ
vierundachtzig [an Zahl] Geburtsstätten

bhramamāṇasteṣu jīvaḥ kadācinmānuṣaṃ vapuḥ / prāpnoti karmavaśataḥ paraṃ sarvārthasādhakam

Unter diesen umherirrend, erlangt das Lebewesen manchmal, kraft seines Karmans, den menschlichen Leib, den höchsten, alle Ziele erwirkenden.

Wort für Wort
bhramamāṇaḥ teṣu jīvaḥ
unter diesen umherirrend, das Lebewesen
kadācit mānuṣaṃ vapuḥ
manchmal den menschlichen Leib
prāpnoti karmavaśataḥ
erlangt, kraft seines Karmans
paraṃ sarvārthasādhakam
den höchsten, alle Ziele erwirkenden

tatrāpi bhārate khaṇḍe brāhmaṇādikuleṣu ca / mahāpuṇyavaśenaiva janirbhavati durlabhā

Und selbst darin, im Land Bhārata, in den Familien der Brahmanen u.a., ist die Geburt nur kraft großen Verdienstes möglich und daher schwer zu erlangen.

Wort für Wort
tatra api bhārate khaṇḍe
und selbst darin, im Land Bhārata
brāhmaṇādikuleṣu ca
in den Familien der Brahmanen u.a.
mahāpuṇyavaśena eva
nur kraft großen Verdienstes
janiḥ bhavati durlabhā
ist die Geburt schwer zu erlangen

janiśca puṃstriyoryogaḥ śukraśoṇitayogataḥ / bindurekaḥ praviśati yadā garbhe dvayātmakaḥ

Und die Geburt geschieht durch die Vereinigung von Mann und Frau, durch die Vereinigung von Samen und Menstrualblut; wenn ein einziger Tropfen, aus beidem bestehend, in die Gebärmutter eintritt,

Wort für Wort
janiḥ ca puṃstriyoḥ yogaḥ
und die Geburt [geschieht durch] die Vereinigung von Mann und Frau
śukraśoṇitayogataḥ
durch die Vereinigung von Samen und Menstrualblut
binduḥ ekaḥ praviśati
ein einziger Tropfen tritt ein
yadā garbhe dvayātmakaḥ
wenn, aus beidem bestehend, in die Gebärmutter

tadā rajo 'dhike nārī bhavedreto 'dhike pumān / malakarmādipāśena kaścidātmā niyantritaḥ

dann entsteht, wenn das weibliche Rajas überwiegt, ein weibliches Wesen, wenn der Same überwiegt, ein männliches Wesen; ein bestimmtes Selbst, gebunden durch die Fessel von Makel, Karman u.a.,

Wort für Wort
tadā rajaḥ adhike nārī
dann, wenn das Rajas überwiegt, ein weibliches [Wesen]
bhavet retaḥ adhike pumān
es entsteht, wenn der Same überwiegt, ein männliches
malakarmādipāśena
durch die Fessel von Makel, Karman u.a.
kaścit ātmā niyantritaḥ
ein bestimmtes Selbst, gebunden

jīvabhāvaṃ tadā tasminsakalaḥ pratipadyate / atha tatrāhṛtairmātrā pānānnādyaiśca poṣitaḥ

gelangt dann darin, als sakala-Seele, zum Zustand des Lebewesens; darauf, dort von der Mutter durch Trank und Speise genährt,

Wort für Wort
jīvabhāvaṃ tadā tasmin
den Zustand des Lebewesens dann darin
sakalaḥ pratipadyate
erreicht die sakala[-Seele]
atha tatra āhṛtaiḥ mātrā
darauf, dort von der Mutter herbeigebracht
pānānnādyaiḥ ca poṣitaḥ
durch Trank und Speise genährt

pakṣamāsādikālena vardhate vapuratra hi / duḥkhādyaḥ pīḍitaścaivācchannadeho jarāyuṇā

wächst der Leib dort, binnen Zeiträumen von Halbmonaten, Monaten usw.; von Leid u.a. gequält, mit einem von der Fruchthülle umhüllten Körper,

Wort für Wort
pakṣamāsādikālena
binnen Zeiträumen von Halbmonaten, Monaten usw.
vardhate vapuḥ atra hi
wächst dort fürwahr der Leib
duḥkhādyaiḥ pīḍitaḥ ca eva
von Leid u.a. gequält
ācchannadeho jarāyuṇā
mit von der Fruchthülle umhülltem Körper

evaṃ tatra sthito garbhe prāgjanmotthaṃ śubhāśubham / smaraṃstiṣṭati duḥkhātmāpīḍyamāno muhurmuhuḥ

so verweilt es dort im Mutterleib, sich an das aus früheren Geburten Entstandene, Gute und Schlechte, erinnernd, leidvoller Natur, wiederholt gequält.

Wort für Wort
evaṃ tatra sthito garbhe
so dort im Mutterleib verweilend
prāgjanmotthaṃ śubhāśubham
das aus früheren Geburten Entstandene, Gute und Schlechte
smaran tiṣṭhati duḥkhātmā
sich erinnernd verweilt es, leidvoller Natur
pīḍyamāno muhurmuhuḥ
wiederholt gequält

kālakrameṇa bālo 'sau mātaraṃ pīḍayannapi / saṃpīḍito niḥsarati yoniyantrādavāṅmukhaḥ

Im Laufe der Zeit tritt jenes Kind, obschon selbst die Mutter bedrängend, selbst bedrängt, mit dem Kopf nach unten gewandt, aus der Mündungsöffnung hervor.

Wort für Wort
kālakrameṇa bālo asau
im Laufe der Zeit jenes Kind
mātaraṃ pīḍayan api
obschon [selbst] die Mutter bedrängend
saṃpīḍito niḥsarati
selbst bedrängt, tritt es hervor
yoniyantrāt avāṅmukhaḥ
mit dem Kopf nach unten aus der Mündungsöffnung

kṣaṇaṃ tiṣṭati niśceṣṭastato roditumicchati / tataḥ krameṇa sa śiśurvardhamāno dinedine

Einen Augenblick verharrt es bewegungslos, dann will es weinen; danach wächst jenes Kind allmählich, Tag für Tag,

Wort für Wort
kṣaṇaṃ tiṣṭati niśceṣṭaḥ
einen Augenblick verharrt es bewegungslos
tato roditum icchati
dann will es weinen
tataḥ krameṇa sa śiśuḥ
danach allmählich jenes Kind
vardhamāno dine dine
wächst Tag für Tag

bālapaugaṇḍabhedena yuvatvaṃ pratipadyate / evaṃ krameṇa loke 'smindehināṃ dehasaṃbhavaḥ

durch die Stadien Kindheit und Knabenalter hindurch, und gelangt zum Jugendalter. So vollzieht sich der Reihe nach in dieser Welt die Körperwerdung der verkörperten Wesen.

Wort für Wort
bālapaugaṇḍabhedena
durch die Unterscheidung von Kindheit und Knabenalter
yuvatvaṃ pratipadyate
gelangt es zum Jugendalter
evaṃ krameṇa loke asmin
so der Reihe nach in dieser Welt
dehināṃ dehasaṃbhavaḥ
die Körperwerdung der verkörperten Wesen

mānuṣaṃ durlabhaṃ prāpya sarvalokopakārakam / yastārayati nātmānaṃ tasmātpāpataro 'tra kaḥ

Wer, nachdem er den schwer erlangbaren Menschenleib erlangt hat, der allen Welten nützt, sich selbst nicht über den Daseinsozean hinüberrettet — wer ist sündiger als er hier?

Wort für Wort
mānuṣaṃ durlabhaṃ prāpya
nachdem er den schwer erlangbaren Menschenleib erlangt hat
sarvalokopakārakam
der allen Welten nützt
yaḥ tārayati na ātmānaṃ
wer sich selbst nicht hinüberrettet
tasmāt pāpataraḥ atra kaḥ
wer ist sündiger als er hier

āhāraścaiva nidrā ca bhayaṃ maithunameva ca / paśvādīnāṃ ca sarveṣāṃ ca sarveṣāṃ sādhāraṇamitīritam

Nahrung, Schlaf, Furcht und ebenso Paarung — dies gilt als allen Wesen, den Tieren u.a., gemeinsam.

Wort für Wort
āhāraḥ ca eva nidrā ca
Nahrung und ebenso Schlaf
bhayaṃ maithunam eva ca
Furcht und ebenso Paarung
paśvādīnāṃ ca sarveṣāṃ
der Tiere u.a. und aller [Wesen]
sādhāraṇam itīritam
gilt als gemeinsam, so wird gesagt

[Anm.: 'ca sarveṣāṃ ca sarveṣāṃ' im Quelltext wiederholt (Dittographie); nur einmal übersetzt.]

caturṣvevānurakto yaḥ sa mūrkho hyātmadhātakaḥ / manuṣyāṇāmayaṃ dharmaḥ ravabandhacchedanātmakaḥ

Wer nur diesen vieren ergeben ist, der ist ein Tor, fürwahr ein Selbstmörder; dies aber ist die eigentliche Pflicht der Menschen: das Durchtrennen der [Daseins-]Fessel.

Wort für Wort
caturṣu eva anuraktaḥ yaḥ
wer nur diesen vieren ergeben ist
sa mūrkho hi ātmadhātakaḥ
der ist ein Tor, fürwahr ein Selbstmörder
manuṣyāṇām ayaṃ dharmaḥ
dies aber ist die Pflicht der Menschen
bandhacchedanātmakaḥ
das Durchtrennen der Fessel [?]

[?] 'ravabandhacchedanātmakaḥ' unsicher; sinngemäß als 'das Durchtrennen der (Leid-)Fessel' wiedergegeben.

pāśabandhanavicchedo dīkṣayaiva prajāyate / ato bandhanavicchittyai mantradīkṣāṃ samācaret

Die Durchtrennung der Fesselbindung entsteht eben durch die Initiation; daher soll man, um die Bindung zu durchtrennen, die Mantra-Initiation vollziehen.

Wort für Wort
pāśabandhanavicchedo
die Durchtrennung der Fesselbindung
dīkṣayā eva prajāyate
entsteht eben durch die Initiation
ato bandhanavicchittyai
daher, um die Bindung zu durchtrennen
mantradīkṣāṃ samācaret
soll man die Mantra-Initiation vollziehen

dīkṣājñānākhyayā śaktyā hyapadhvaṃsitabandhanaḥ / śuddhātmatattvanāmāsau nirvāṇapadamaśnute

Durch die als Erkenntnis bezeichnete Kraft der Initiation, nunmehr mit zerstörter Bindung, erlangt jener, dann 'reines Ātman-Tattva' genannt, den Zustand des Nirvāṇa.

Wort für Wort
dīkṣājñānākhyayā śaktyā
durch die als Erkenntnis bezeichnete Kraft der Initiation
hi apadhvaṃsitabandhanaḥ
fürwahr mit zerstörter Bindung
śuddhātmatattvanāmā asau
jener, 'reines Ātman-Tattva' genannt
nirvāṇapadam aśnute
erlangt den Zustand des Nirvāṇa

svaśaktyātmikayā dṛṣṭyā śivaṃ dhyāyati paśyati / yajate śivaṃ mantraiśca ravapareṣāṃ hitāya saḥ

Mit dem Blick, dessen Wesen die eigene erlangte Kraft ist, meditiert er über Śiva und schaut ihn; und er verehrt Śiva mit Mantras, zum Wohl der übrigen Wesen.

Wort für Wort
svaśaktyātmikayā dṛṣṭyā
mit dem Blick, dessen Wesen die eigene Kraft ist
śivaṃ dhyāyati paśyati
meditiert er über Śiva und schaut ihn
yajate śivaṃ mantraiḥ ca
und er verehrt Śiva mit Mantras
apareṣāṃ hitāya saḥ
er, zum Wohl der übrigen [?]

[?] 'ravapareṣāṃ' unsicher; sinngemäß als 'der übrigen (Wesen)' gedeutet.

śivārkaśaktidīdhityā samarthīkṛtacidṛśā / śivaśaktyādibhiḥ sārddhaṃ paśyatyātmagatāvṛttiḥ

Durch den Glanz der Kraft der Sonne Śivas wird die Erkenntnisschau befähigt; zusammen mit den Kräften Śivas u.a. sieht er, dessen Aktivität auf das eigene Selbst gerichtet ist,

Wort für Wort
śivārkaśaktidīdhityā
durch den Glanz der Kraft der Sonne Śivas
samarthīkṛtacidṛśā
mit befähigter Erkenntnisschau
śivaśaktyādibhiḥ sārdhaṃ
zusammen mit den Kräften Śivas u.a.
paśyati ātmagatāvṛttiḥ
sieht er, dessen Aktivität auf das Selbst gerichtet ist

antaḥkaraṇavṛttiryā bodhākhyā sā maheśvaram / na prakāśayituṃ śaktā pāśatvānnigaḍādivat

dass jene Funktion des inneren Werkzeugs, die als 'Erkennen' bezeichnet wird, nicht imstande ist, den großen Herrn zu offenbaren, da sie selbst, einer Fessel gleich, wie eine Kette u.ä. ist.

Wort für Wort
antaḥkaraṇavṛttiḥ yā
jene Funktion des inneren Werkzeugs
bodhākhyā sā maheśvaram
als 'Erkennen' bezeichnet, den großen Herrn
na prakāśayituṃ śaktā
nicht imstande, zu offenbaren
pāśatvāt nigaḍādivat
da sie, einer Fessel gleich, wie eine Kette ist

dīkṣaiva paramo hetuḥ pāśavicchedane punaḥ / ataḥ śāstroktavidhinā matradīkṣāṃ samācaret

Eben die Initiation ist wiederum die höchste Ursache für die Durchtrennung der Fessel; deshalb soll man gemäß der in den Lehrschriften genannten Vorschrift die Mantra-Initiation vollziehen.

Wort für Wort
dīkṣā eva paramo hetuḥ
eben die Initiation ist die höchste Ursache
pāśavicchedane punaḥ
wiederum für die Durchtrennung der Fessel
ataḥ śāstroktavidhinā
deshalb gemäß der in den Lehrschriften genannten Vorschrift
mantradīkṣāṃ samācaret
soll man die Mantra-Initiation vollziehen

dīkṣitastantravidhinā svavarṇācāratatparaḥ / anuṣṭānaṃ prakurvīta nityanamittikātmakam

Der gemäß der Tantra-Vorschrift Initiierte, dem Brauch seiner eigenen Kaste ergeben, soll die tägliche und die gelegentliche Pflichtübung vollziehen.

Wort für Wort
dīkṣitaḥ tantravidhinā
der gemäß der Tantra-Vorschrift Initiierte
svavarṇācāratatparaḥ
dem Brauch seiner eigenen Kaste ergeben
anuṣṭhānaṃ prakurvīta
soll die Pflichtübung vollziehen
nityanaimittikātmakam
die tägliche und gelegentliche

nijavarṇāśramācārānmanasāpi na laṅghayet / yo yasminnāśrame tiṣṭandīkṣāṃ prāpnoti mānavaḥ

Die Bräuche der eigenen Kaste und des eigenen Lebensstandes soll er nicht einmal in Gedanken übertreten; wer, in welchem Lebensstand er auch stehe, die Initiation als Mensch erlangt,

Wort für Wort
nijavarṇāśramācārān
die Bräuche der eigenen Kaste und des Lebensstandes
manasā api na laṅghayet
soll er nicht einmal in Gedanken übertreten
yo yasmin āśrame tiṣṭhan
wer, in welchem Lebensstand stehend
dīkṣāṃ prāpnoti mānavaḥ
die Initiation als Mensch erlangt

sa tasminnāśrame tiṣṭhettaddharmānanupālayet / kṛtānyapi na karmāṇi bandhanāya bhavanti hi

der soll in jenem Lebensstand verbleiben und dessen Pflichten befolgen; selbst vollzogene Handlungen führen dann fürwahr nicht zur Bindung.

Wort für Wort
sa tasmin āśrame tiṣṭhet
der soll in jenem Lebensstand verbleiben
taddharmān anupālayet
und dessen Pflichten befolgen
kṛtāni api na karmāṇi
selbst vollzogene Handlungen
bandhanāya bhavanti hi
führen fürwahr nicht zur Bindung

ekaṃ tu phaladaṃ karma mantrānuṣṭhānasaṃbhavam / dīkṣito 'bhilaṣedbhogānyadyallokagatānasau

Eine einzige fruchtbringende Handlung aber gibt es, die aus der Ausübung des Mantras entsteht; sollte der Initiierte weltliche Genüsse begehren,

Wort für Wort
ekaṃ tu phaladaṃ karma
eine einzige fruchtbringende Handlung aber
mantrānuṣṭhānasaṃbhavam
die aus der Ausübung des Mantras entsteht
dīkṣito abhilaṣet bhogān
sollte der Initiierte Genüsse begehren
yadi lokagatān asau
wenn er weltliche [begehrt]

mantrārādhanasāmarthyāttadbhuktvā mokṣamaśnute / nityaṃ naimittikaṃ dīkṣāṃ prāpya yo nācarennaraḥ

so erlangt er, kraft der Wirkkraft der Mantra-Verehrung, nachdem er jene genossen hat, dennoch schließlich die Erlösung. Wer aber, nachdem er die Initiation erlangt hat, die tägliche und gelegentliche Pflicht als Mensch nicht ausübt,

Wort für Wort
mantrārādhanasāmarthyāt
kraft der Wirkkraft der Mantra-Verehrung
tadbhuktvā mokṣam aśnute
erlangt er, nachdem er jene genossen hat, die Erlösung
nityaṃ naimittikaṃ dīkṣāṃ
die tägliche, gelegentliche [Pflicht], die Initiation
prāpya yo na ācaret naraḥ
wer als Mensch, nachdem er sie erlangt hat, nicht ausübt

kañcitkālaṃ piśācatvaṃ prāpyānte mokṣamaśnute / tasmāttu dīkṣitaḥ kuryyānnityanaimittikādikam

der erlangt, nachdem er für eine gewisse Zeit den Zustand eines Dämons erlangt hat, am Ende dennoch die Erlösung. Deshalb soll der Initiierte die tägliche und gelegentliche Pflicht u.a. vollziehen.

Wort für Wort
kañcit kālaṃ piśācatvaṃ
für eine gewisse Zeit den Zustand eines Dämons
prāpya ante mokṣam aśnute
erlangt er am Ende die Erlösung
tasmāt tu dīkṣitaḥ kuryāt
deshalb soll der Initiierte vollziehen
nityanaimittikādikam
die tägliche und gelegentliche [Pflicht] u.a.

anuṣṭhānaṃ ca tenāsya dīkṣāṃ prāpyānumīyate / nityanaimittikācāra pālakasya narasya tu

Und durch die rechte Pflichtübung wird geschlossen, dass er wirklich die Initiation erlangt hat; für den Menschen aber, der die tägliche und gelegentliche Übung bewahrt,

Wort für Wort
anuṣṭhānaṃ ca tena asya
und durch dessen Pflichtübung
dīkṣāṃ prāpya anumīyate
wird geschlossen, dass er die Initiation erlangt hat
nityanaimittikācāra-
der die tägliche und gelegentliche Übung
pālakasya narasya tu
bewahrenden Menschen aber

dīkṣāvaikalyavirahātsadyo muktistu jāyate / tatrāpi gurubhaktasya gatirbhavati nānyathā

entsteht, da kein Mangel an der Initiation mehr besteht, die sofortige Erlösung; und auch dabei erfolgt dies wirklich nur für den dem Guru Ergebenen, nicht anders.

Wort für Wort
dīkṣāvaikalyavirahāt
da kein Mangel an der Initiation besteht
sadyo muktiḥ tu jāyate
entsteht die sofortige Erlösung
tatra api gurubhaktasya
und auch dabei für den dem Guru Ergebenen
gatiḥ bhavati na anyathā
erfolgt [dies], nicht anders

dīkṣayā gurumūrtisthaḥ sarvānugrāhakaḥ śivaḥ / dṛṣṭādyarthatayā yasya gurubhaktistu kṛtrimā

Durch die Initiation wird Śiva, der alle Gnade Erweisende, in der Gestalt des Guru gegenwärtig; wessen Hingabe zum Guru aber nur um sichtbarer weltlicher Zwecke willen künstlich ist,

Wort für Wort
dīkṣayā gurumūrtisthaḥ
durch die Initiation, in der Gestalt des Guru gegenwärtig
sarvānugrāhakaḥ śivaḥ
Śiva, der alle Gnade Erweisende
dṛṣṭādyarthatayā yasya
wessen [Hingabe] um sichtbarer Zwecke willen
gurubhaktiḥ tu kṛtrimā
die Hingabe zum Guru aber künstlich [ist]

kṛte 'pi viphalaṃ tasya prāyaścittaṃ pade pade / kāyena manasā vācā gurubhaktiparasya ca

für den bleibt selbst die vollzogene Buße wirkungslos, Schritt für Schritt. Für den aber, der mit Körper, Geist und Rede dem Guru ganz ergeben ist,

Wort für Wort
kṛte api viphalaṃ tasya
selbst wenn vollzogen, wirkungslos für ihn
prāyaścittaṃ pade pade
die Buße, Schritt für Schritt
kāyena manasā vācā
mit Körper, Geist und Rede
gurubhaktiparasya ca
und für den, der dem Guru ganz ergeben ist

prāyaścittaṃ bhavennaiva siddhistasya pade pade / gurubhaktiyute śiṣye sarvasvavinivedake

gibt es überhaupt keine Buße mehr nötig; ihm wird Schritt für Schritt Vollendung zuteil — nämlich dem dem Guru ergebenen Schüler, der sein Alles darbringt.

Wort für Wort
prāyaścittaṃ bhavet na eva
es gibt überhaupt keine Buße
siddhiḥ tasya pade pade
ihm [wird] Schritt für Schritt Vollendung
gurubhaktiyute śiṣye
dem dem Guru ergebenen Schüler
sarvasvavinivedake
der sein Alles darbringt

mithyāprayuktamantrastu prāyāścittī bhavedguruḥ

Wird aber ein Mantra fälschlich angewandt, so ist dafür der Guru büßungspflichtig.

Wort für Wort
mithyāprayuktamantraḥ tu
wird aber ein Mantra fälschlich angewandt
prāyaścittī bhavet guruḥ
so ist der Guru büßungspflichtig

[Anm.: Dieser Vers ist im Quelltext nur mit einem einzigen Pāda-Paar (zwei statt der sonst üblichen vier Pādas) überliefert; die Quelldatei endet unmittelbar danach. Möglicherweise fehlt die zweite Vershälfte in der zugrundeliegenden Vorlage.]

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