Sanandana sprach: Nachdem er dessen also gesprochenes, mit der höchsten Wahrheit verbundenes Wort vernommen hatte, sprach der König, in Ehrerbietung sich verneigend, zu dem Zweifachgeborenen:
Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
niśamya tasyeti vacaḥ
nachdem er dessen also gesprochenes Wort vernommen hatte
Der König sprach: 'O Erhabener, das von dir gesprochene, aus der höchsten Wahrheit bestehende Wort - nachdem es gehört wurde, scheinen die Regungen meines Geistes gleichsam zu irren.'
Das Wirken der Guṇas ist das Wirken der Elemente, angetrieben durch die Tat; diese Guṇas wirken [von selbst] - 'was [geht es] mich [an]' - so wurde von dir gesagt.
etasminparamārthajña mama śrotrapathaṃ gate / mano vihvalatāmeti paramārthārthatāṃ gatam
Da dies, o Kenner der höchsten Wahrheit, den Pfad meines Gehörs erreicht hat, gerät mein Geist, der zur Bedeutung der höchsten Wahrheit gelangt ist, in Verwirrung.
Wort für Wort
etasminparamārthajña
da dies, o Kenner der höchsten Wahrheit
mama śrotrapathaṃ gate
den Pfad meines Gehörs erreicht hat
mano vihvalatāmeti
gerät mein Geist in Verwirrung
paramārthārthatāṃ gatam
der zur Bedeutung der höchsten Wahrheit gelangt ist
Schon zuvor, o Hochbeglückter, war ich, o Zweifachgeborener, bereit, zum Weisen Kapila zu gehen, um zu fragen: 'Was ist hier das Heil?' - doch [nun bin ich] im Zweifel.
kapilarṣirbhagavataḥ sarvabhūtasya vai kila / viṣṇoraṃśo jaganmohanāśāya samupāgataḥ
Der Weise Kapila ist ja wahrlich ein Teil des Erhabenen, der das Selbst aller Wesen ist, des Viṣṇu, der zur Vernichtung der Verblendung der Welt herabgekommen ist.
Wort für Wort
kapilarṣirbhagavataḥ
der Weise Kapila, des Erhabenen
sarvabhūtasya vai kila
der das Selbst aller Wesen ist, wahrlich
viṣṇoraṃśo jaganmohanāśāya
ein Teil Viṣṇus, zur Vernichtung der Verblendung der Welt
'Darum verkünde mir, o Zweifachgeborener, was zur Vernichtung [meiner] Verblendung das höchste Heil ist - du, der [wie] ein Ozean der Wellen allumfassenden Wissens bist.'
Wort für Wort
tanmahyaṃ mohanāśāya
darum verkünde mir, zur Vernichtung der Verblendung
yacchreyaḥ paramaṃ dvija
was das höchste Heil ist, o Zweifachgeborener
tadvadākhila vijñānajalavīcyujadhirbhavān
sage es, du, der ein Ozean der Wellen allumfassenden Wissens bist
Der Brahmane sprach: 'Wiederum fragst du 'was ist Heil' - fragst du [das] im Sinne der höchsten Wahrheit? Die Heilsgüter sind ja als höchste Wahrheiten sämtlich [vorhanden], o Herrscher der Erde.
devatārādhanaṃ kṛtvā dhanasaṃpadamicchati / putrānicchati rājyaṃ ca śreyastasyaiva tannṛpa
Nachdem er die Gottheit verehrt hat, wünscht [mancher] sich Reichtum an Besitz; [ein anderer] wünscht sich Söhne und Königreich - das ist eben dessen Heil, o König.
Für den, der [danach] zu streben wünscht, ist die Vereinigung mit dem höchsten Selbst jenes Heil; [wieder anderes ist] Heil - Opferhandlung und dergleichen, was die Frucht der Himmelswelt verleiht.
Und das vorzüglichste Heil, ohne [dass man] darauf [noch weiter] die Frucht [im Sinn hätte] - ebendieses ist es. Das Selbst ist stets zu meditieren, o Herrscher, von den im Yoga Geeinten und den übrigen [Höchsten].
Wort für Wort
śreyaḥ pradhānaṃ ca phale
und das vorzüglichste Heil, hinsichtlich der Frucht
tadevānabhisaṃhite
ebendieses ist es, ohne [weiteres] Trachten [danach]
Das Heil eben dieses [Strebenden] ist die Vereinigung, welches das Heil des höchsten Selbst ist. So gibt es viele Heilsgüter, zu Hunderten und zu Tausenden.
saṃtyatra paramārthāstu na tvete śrūyatāṃ ca me / dharmo 'yaṃ tyajate kiṃ tu paramārtho dhanaṃ yadi
Es gibt hier [also viele, die man] 'höchste Wahrheiten' [nennt], doch diese sind es nicht - höre nun von mir: Wird etwa dieser Rechtsschaffenheit [wegen aufgegeben], wenn der Reichtum [als] höchste Wahrheit [gilt]?
vyayaścakriyata kasmātkāmaprāptyupalakṣaṇaḥ / mutraścetparamārthākhyaḥ so 'pyanyasya nareśvara
Warum wird [dann] Ausgabe getätigt, die [doch nur] als Kennzeichen der Erlangung von Begierde [dient]? Wenn [dieser Reichtum, einmal] als 'höchste Wahrheit' bezeichnet, verausgabt [ist], so ist auch er [nur Mittel] für einen anderen [Zweck], o Herr der Menschen.
Wort für Wort
vyayaścakriyata kasmāt
warum wird Ausgabe getätigt
kāmaprāptyupalakṣaṇaḥ
als Kennzeichen der Erlangung von Begierde
mutraścetparamārthākhyaḥ
wenn [er], die höchste Wahrheit genannt, [verausgabt ist] [?]
so 'pyanyasya nareśvara
so ist auch er [nur Mittel] für einen anderen, o Herr der Menschen
[?: „mutraścetparamārthākhyaḥ“ unsicher überliefert; als „mukto ced paramārthākhyaḥ“ gedeutet.]
paramārthabhūtaḥ so 'nyasya paramārtho hi naḥ pitā / evaṃ na paramārtho 'sti jagatyatra carācare
Dieser, der [einem] als höchste Wahrheit gilt, [dient] einem anderen; [denn wie man sagt] 'unser Vater ist die höchste Wahrheit für uns' - so gibt es demnach keine [absolute] höchste Wahrheit in dieser beweglichen und unbeweglichen Welt.
Wort für Wort
paramārthabhūtaḥ so 'nyasya
dieser, der als höchste Wahrheit gilt, [dient] einem anderen
paramārtho hi kāryāṇi karaṇānāmaśeṣataḥ / rājyādiprāptiratroktā paramārthatayā yadi
Denn die höchste Wahrheit [wäre dann] die Wirkungen der [jeweiligen] Ursachen, ausnahmslos; wenn hier die Erlangung von Königreich und dergleichen als höchste Wahrheit bezeichnet wird -
Wort für Wort
paramārtho hi kāryāṇi
die höchste Wahrheit [wäre] die Wirkungen
karaṇānāmaśeṣataḥ
der Ursachen, ausnahmslos
rājyādiprāptiratroktā
die Erlangung von Königreich und dergleichen wird hier genannt
paramārthā bhavantyatra na bhavanti ca vai tataḥ / ṛgyajuḥsāmaniṣpādyaṃ yajñakarma mataṃ tava
so gibt es hier 'höchste Wahrheiten' und [zugleich] gibt es sie nicht; [zum Beispiel gilt] dir das durch Ṛg-, Yajur- und Sāmaveda vollzogene Opferwerk als [höchste Wahrheit].
Auch darin, was zur höchsten Wahrheit wird, höre von mir, der ich [es] darlege: Was als Wirkung durch den Ton, der die [wirkende] Ursache ist, hervorgebracht wird,
das entsteht, o König, dem Verfolgen der Ursache gemäß, als Tönernes. Ebenso durch vergängliche Stoffe wie Brennholz, Schmalz, Kuśa-Gras und dergleichen
wird die Handlung vollzogen, die [dann selbst] vergänglich sein wird; als höchste Wahrheit aber wird von den Weisen [nur] das Unvergängliche anerkannt.
yattuṃ nāśi na saṃdeho nāśidravyopapāditam / tadevāpaladaṃ karma paramārtho mato mama
Was aber vergänglich ist - zweifellos [ist es] durch vergängliche Stoffe Bewirktes; ebendiese Tat, die keine [weitere] Frucht gibt, gilt mir als höchste Wahrheit.
muktisādhanabhūtatvātparamārtho na sādhanam / dhyānamevātmano bhūpaparamārthārthaśabditam
Weil sie das Mittel zur Erlösung ist, ist die höchste Wahrheit [selbst] kein [weiteres] Mittel [zu etwas anderem]; eben die Meditation über das Selbst, o Herrscher, wird mit dem Wort 'höchste Wahrheit' bezeichnet.
bhedakāri parebhyastu paramārtho na bhedavān / paramārthātmanoryogaḥ paramārtha itīṣyate
Was Unterschiede zu anderen [Dingen] bewirkt, das ist [gerade] keine höchste Wahrheit; die höchste Wahrheit hat keinen Unterschied [in sich]. Die Vereinigung von höchster Wahrheit und Selbst wird als 'höchste Wahrheit' bezeichnet.
mithyaitadanyaddravyaṃ hi naitaddravyamayaṃ yataḥ / tasmācchreyāṃsyaśeṣāṇi nṛpaitāni na saṃśayaḥ
Falsch ist dieses andere [vermeintliche] Ding, denn dieser [Purusha] ist ja kein Ding. Darum sind, o König, alle diese [oben genannten Heilsgüter] nicht [die wahren Heilsgüter] - daran besteht kein Zweifel.
Die höchste Wahrheit aber, o Herrscher der Erde, höre in Kürze von mir: [Sie ist] eins, alldurchdringend, gleichmäßig, rein, eigenschaftslos, jenseits der Urnatur;
frei von Geburt, Wachstum und dergleichen; das Selbst ist allgegenwärtig, o König, von lauter Erkenntnis bestehend, für die Redlichen allmächtig, [aber ohne wahre] Namen, Geburtsklasse und dergleichen.
Wort für Wort
janmavṛddhyādirahita
frei von Geburt, Wachstum und dergleichen
ātmā sarvagato nṛpa
das Selbst ist allgegenwärtig, o König
parijñānamayo sadbhir
von lauter Erkenntnis bestehend, für die Redlichen
nāmajātyādibhivibhuḥ
allmächtig, [jenseits von] Namen, Geburtsklasse und dergleichen
[?: Verssinn unsicher überliefert; „nāmajātyādibhivibhuḥ“ sinngemäß als 'jenseits von Namen, Geburtsklasse und dergleichen' gedeutet.]
na yogavānna yukto 'bhūnnaiva pārthivaḥ yokṣyati / tasyātmaparadeheṣu sato 'pyekamayaṃ hi tat
Es ist weder mit Yoga verbunden, noch ist es [je] verbunden gewesen, noch wird es, o Herrscher, [je] verbunden werden; obwohl es im eigenen und im fremden Körper existiert, ist es doch ein Einziges.
Wort für Wort
na yogavānna yukto 'bhūn
es ist nicht mit Yoga verbunden, war nicht verbunden
vijñānaṃ paramārtho 'sau vetti no 'tathyadarśanaḥ / veṇuraṅghravibhedena bhedaḥ ṣaṅjādisaṃjñitaḥ
Diese Erkenntnis ist die höchste Wahrheit; wer falsche Anschauung hat, erkennt [sie] nicht. Durch die Unterschiede der Löcher der Flöte [entsteht] der als 'Ṣaḍja' und so weiter bezeichnete Unterschied [der Töne] -
[dabei besteht] Nicht-Unterschiedenheit des alldurchdringenden Windes. Ebenso [gilt] für jenen Großen Geist [das Selbst]: Einheit [besteht], und der Unterschied der Erscheinungsform entsteht aus dem Wirken der äußeren Handlung.
Wort für Wort
abhedo vyāpino vāyos
Nicht-Unterschiedenheit des alldurchdringenden Windes
devādibhedamadhyāste nāstyevācaraṇo hi saḥ / śṛṇvatra bhūpa prāgvṛttaṃ yadgītamṛbhuṇā bhavet
Es nimmt den Unterschied von Gott und so weiter an [nur scheinbar], denn es selbst ist ohne [eigenes] Handeln. Höre hierzu, o Herrscher, eine frühere Begebenheit, die [einst] von Ṛbhu besungen wurde.
Wort für Wort
devādibhedamadhyāste
es nimmt den Unterschied von Gott und so weiter an
nāstyevācaraṇo hi saḥ
denn es selbst ist ohne Handeln
śṛṇvatra bhūpa prāgvṛttaṃ
höre hierzu, o Herrscher, eine frühere Begebenheit
prādādaśeṣavijñānaṃ sa tasmai parayā mudā / avāptajñāna tattvasya na tasyādvaitavāsanā
Er [Ṛbhu] gab jenem [Nidāgha] mit höchster Freude vollständiges Wissen; [doch] obwohl [Nidāgha] die Wahrheit des Wissens erlangt hatte, hatte er keine [feste] Prägung der Nicht-Zweiheit.
jagāma sa ṛbhuḥ śiṣyaṃ nidāghamavalokitum / sa tasya vaiśvadevanti dvārālokanagocaraḥ
ging jener Ṛbhu zu [dessen Stadt], um den Schüler Nidāgha zu besuchen. Er [Nidāgha] war nach [der Zeremonie] des Vaiśvadeva-Opfers im Bereich der Türbeobachtung [an der Tür stehend] -
sthita stena gṛhītārtho nijaveśma praveśitaḥ / prakṣālitāṅghripāṇiṃ ca kṛtāsanaparigraham
dort stehend, wurde er [Ṛbhu] von ihm [erkannt und] sein Anliegen verstanden, [und er wurde] in sein eigenes Haus hineingeführt; nachdem [Nidāgha Ṛbhus] Füße und Hände gewaschen und einen Sitz eingenommen hatte,
sprach jener beste der Zweifachgeborenen [Nidāgha] ehrerbietig: 'Speise!' Ṛbhu sprach: 'He, bester der Brahmanen, was auch immer in deinem Haus zu essen ist,
tatkathyatāṃ kadanneṣu na prītiḥ satataṃ mama / nidāgha uvāca saktuyāvakavrīhīnāmapūpānāṃ ca me gṛhe
das sage mir; an schlechter Speise habe ich niemals Gefallen.' Nidāgha sprach: 'Von Mehlspeise, Gerstenbrei, Reis, und Fladenbrot [ist] in meinem Haus,
Wort für Wort
tatkathyatāṃ kadanneṣu
das sage mir; an schlechter Speise
na prītiḥ satataṃ mama
habe ich niemals Gefallen
nidāgha uvāca
Nidāgha sprach
saktuyāvakavrīhīnāmapūpānāṃ ca me gṛhe
von Mehlspeise, Gerstenbrei, Reis und Fladenbrot in meinem Haus
was dir beliebt, o bester der Zweifachgeborenen, davon iss nach Belieben.' Ṛbhu sprach: 'Das sind schlechte Speisen, o Zweifachgeborener; gib mir süße Speise,
Kuchengebäck, Milchreis und dergleichen, sowie Zuckerrohrsaft-haltige [Speisen].' Nidāgha sprach: 'In [meinem] Haus, o Verehrter, in meinem Haus [gebe ich dir], was auch immer besonders gut [ist].
bhojyeṣu sādhanaṃ miṣṭaṃ tenāsyānnaṃ prasādhaya / ityuktā tena sā patnī miṣṭamannaṃ dvijasya tat
Unter den Speisen [ist ihm] Süßes das Rechte; damit bereite für ihn die Speise.' So von ihm angewiesen, bereitete jene seine Gattin für diesen Zweifachgeborenen jene süße Speise,
āgamyate ca bhavatā yatastaśca nivedyatām / ṛmuruvāca kṣudhitasya ca bhukte 'nne tṛptirbrahmanvijāyate
Und von wo du gekommen bist, das möge [ebenfalls] mitgeteilt werden.' Ṛbhu sprach: 'Für den Hungrigen entsteht, wenn Speise gegessen wurde, o Brahmane, Sättigung;
Wort für Wort
āgamyate ca bhavatā yatastaśca nivedyatām
und von wo du gekommen bist, das möge mitgeteilt werden
na me kṣudhā bhavettṝptiḥ kasmānmāṃ dvija pṛcchati / vahninā pārthivenādau dagdhe vai kṣurāpīśvaḥ
mir aber gibt es keinen Hunger - wie [könnte es dann] Sättigung [geben]? Warum fragst du mich, o Zweifachgeborener? Wenn zuvor durch das irdische Feuer [die Nahrung verzehrt und dadurch Hunger entstanden ist] -
Wort für Wort
na me kṣudhā bhavettṝptiḥ
mir aber gibt es keinen Hunger, [wie dann] Sättigung
kasmānmāṃ dvija pṛcchati
warum fragst du mich, o Zweifachgeborener
vahninā pārthivenādau
durch das irdische Feuer zuvor
dagdhe vai kṣurāpīśvaḥ
wenn [die Nahrung] verzehrt ist [?]
[?: Vers stark verderbt überliefert („dagdhe vai kṣurāpīśvaḥ“); Sinn sinngemäß als Hinweis auf die Entstehung von Hunger durch das Verdauungsfeuer gedeutet.]
bhavatyaṃbhasi ca kṣīṇe nṛṇāṃ tṛṣṇāsamudbhavaḥ / kṣuttṛṣṇe dehadharmākhye na mamaite yato dvija
und wenn das Wasser [im Körper] geschwunden ist, entsteht bei den Menschen Durst. Hunger und Durst, als Eigenschaften des Körpers bezeichnet, sind nicht die meinigen, da [ich kein Körper bin], o Zweifachgeborener.
Wort für Wort
bhavatyaṃbhasi ca kṣīṇe
und wenn das Wasser geschwunden ist
nṛṇāṃ tṛṣṇāsamudbhavaḥ
entsteht bei den Menschen Durst
kṣuttṛṣṇe dehadharmākhye
Hunger und Durst, als Eigenschaften des Körpers bezeichnet
tataḥ kṣutsaṃbhavābhāvāttṛptirastyeva me sadā / manasaḥ svasthatā tuṣṭiścittadharmāvimau dvija
Darum, weil es bei mir kein Entstehen von Hunger gibt, besteht bei mir stets Sättigung. Das Wohlbefinden des Geistes und die Zufriedenheit - diese beiden sind Eigenschaften des Denkens, o Zweifachgeborener.
Wort für Wort
tataḥ kṣutsaṃbhavābhāvāt
darum, weil es kein Entstehen von Hunger gibt
tṛptirastyeva me sadā
besteht bei mir stets Sättigung
manasaḥ svasthatā tuṣṭiś
das Wohlbefinden des Geistes und die Zufriedenheit
cittadharmāvimau dvija
diese beiden sind Eigenschaften des Denkens, o Zweifachgeborener
cetaso yasya yatpṛṣṭaṃ pumānebhirna yujyate / kva nivāsastavetyuktaṃ kva gantāsi ca yattvayā
Was von dir hinsichtlich des Denkens gefragt wurde - der [wahre] Mensch ist mit diesen [Eigenschaften des Denkens] nicht verbunden. 'Wo ist dein Wohnsitz' - das wurde gesagt, und 'wohin wirst du gehen' - das [wurde] von dir [gefragt];
kutaścāgamyate tvetātrritaye 'pi nibodha me / pumānsavargato vyāpītyākāśavadayaṃ yataḥ
'und woher kommst du' - auch hierzu, bei diesen dreien [Fragen], vernimm von mir: Der [wahre] Mensch ist allgegenwärtig, alldurchdringend, wie der Äther, weil er eben [so beschaffen ist].
Wort für Wort
kutaścāgamyate tvetātrritaye 'pi nibodha me
und woher kommst du - auch hierzu, bei diesen dreien, vernimm von mir
kutaḥ kutra kva gantāsītyetadapyarthavatkatham / so 'haṃ gantā na cāgantā naikadeśaniketanaḥ
'Woher, wo, wohin wirst du gehen' - wie könnte auch dies sinnvoll sein? Ich bin weder ein Gehender noch ein Kommender, [ich habe] keine Wohnstatt an einem einzelnen Ort.
Wort für Wort
kutaḥ kutra kva gantāsītyetadapyarthavatkatham
'woher, wo, wohin wirst du gehen' - wie könnte auch dies sinnvoll sein
tvaṃ cānye ca na ca tvaṃ tvaṃ nānye naivāhamapyaham / miṣṭanne miṣṭamityeṣā jihvā sā me kṛtā tava
Du und die anderen [sind mir nicht verschieden], und [doch bist] du nicht du, [und] die anderen [sind] nicht [verschieden von dir]; auch ich bin nicht [einmal wirklich] 'ich'. 'In der süßen Speise [ist] Süße' - das ist [nur] die Zunge; diese wurde von mir [erwähnt, um] dir [zu zeigen, was Geschmack ist].
Was [die Zunge] wohl sagen wird, höre auch hierzu, o bester der Zweifachgeborenen: Eben das Süße, wenn es [einem] widerwärtig wird, wird zur Ursache des Überdrusses.
Aus Unschmackhaftem wird Schmackhaftes, und vor Schmackhaftem ekelt sich der Mensch [irgendwann]. In Anfang, Mitte und Ende - was ist da an der Speise die Ursache des Wohlgeschmacks?
Wort für Wort
amiṣṭaṃ jāyate miṣṭaṃ
aus Unschmackhaftem wird Schmackhaftes
miṣṭādudvijate janaḥ
und vor Schmackhaftem ekelt sich der Mensch
ādimadhyāvasāneṣu
in Anfang, Mitte, Ende
kimannaṃ rucikāraṇam
was ist an der Speise die Ursache des Wohlgeschmacks
Nachdem du dies erkannt hast, [solltest du] das, was [zwischen] süß und unschmackhaft unterscheidet - dieses Denken -, indem du Ruhe zugrunde legst, [beherrschen]; denn zur Erlösung ist [dies] zu erlangen.
Wort für Wort
tadetadbhavatā jñātvā
nachdem du dies erkannt hast
miṣṭāmiṣṭavicāri yat
was zwischen süß und unschmackhaft unterscheidet
tanmanaḥ śamanālabi
dieses Denken, Ruhe zugrunde legend [?]
kāryaṃ prāpyaṃ hi muktaye
ist zu tun, [dies] ist zu erlangen, denn zur Erlösung
Nachdem er, o König, dieses seiner Rede, die sich auf die höchste Wahrheit stützte, vernommen hatte, sprach der Hochbeglückte Nidāgha, sich niederwerfend, [dieses] Wort:
Wort für Wort
ityākarṇya vacastasya
nachdem er dieses seiner Rede vernommen hatte
paramārthāśritaṃ nṛpa
die sich auf die höchste Wahrheit stützte, o König
prasīda maddhitārthāya kathyatāṃ yastvamāgataḥ / naṣṭo mohastavākarṇya vacāṃsyetāni me dvija
'Sei gnädig, zu meinem Wohle; sage, wer du bist, der [du zu mir] gekommen bist. Vernichtet ist meine Verblendung, nachdem ich diese deine Worte gehört habe, o Zweifachgeborener.'
Ṛbhu sprach: 'Ich bin Ṛbhu, dein Lehrer, [gekommen], um dir Weisheit zu schenken, o Zweifachgeborener. Hierher gekommen, werde ich [dir] die höchste Wahrheit, wohlverständlich [dargelegt], geben.
Wisse, dass diese ganze Welt ein Einziges ist, nicht unterschieden - [dies ist] die wahre Wesensform des höchsten Selbst, das mit dem Namen Vāsudeva bezeichnet wird.'
[Der Erzähler sprach:] 'So sei es', sprechend, von Nidāgha, dem eine Niederwerfung vorausging, mit höchster Hingabe verehrt, ging der Mächtige [Ṛbhu], ohne dass jener es wollte, fort.
Wort für Wort
tathetyuktvā nidādhena
'so sei es', von Nidāgha sprechend
praṇipātapuraḥsaram
dem eine Niederwerfung vorausging
pūjitaḥ parayā bhaktyā
mit höchster Hingabe verehrt
nicchitaḥ prayayau vibhuḥ
ohne dass jener es wollte, ging der Mächtige fort
[Anm.: Sprecherzuordnung im Quelltext „brahmaṇa uvāca“ – da der Vers reine Erzählung, keine direkte Rede enthält, vermutlich Verschreibung für die Rahmenerzählung (Sanandana/Sūta); so behandelt. „nicchitaḥ“ unsicher überliefert, als „anicchataḥ“ (ohne dass jener es wollte) gedeutet.]
[ihn,] fernab stehend, das Gedränge der Menschen meidend, o Hochbeglückter, mit vor Hunger geschwächter Kehle, aus dem Wald kommend, mit Brennholz und Kuśa-Gras [beladen].
Nidāgha sprach: 'He, Brahmane, groß ist dieses Gedränge der Leute, da der Herrscher der Menschen in die reizvolle Stadt einzuziehen wünscht; darum verweile ich hier.'
ṛbhuruvāca narādhipo 'tra katamaḥ katamaścetaro janaḥ / kathyatāṃ me dvijaśreṣṭha tvamabhijño mato mama
Ṛbhu sprach: 'Welcher ist hier der Herrscher der Menschen, und welcher der andere, [gewöhnliche] Mensch? Sage es mir, o bester der Zweifachgeborenen; du giltst mir als kundig.'
Nidāgha sprach: 'Dieser hier, der auf den brünstigen Elefantenfürsten, [der] hoch wie ein Berggipfel [ist], hinaufgestiegen ist, [er] ist der Herrscher der Menschen; und wer [ihn] ringsum [begleitet], das ist der andere.'
ṛbhuruvāca etau hi gajarājānau dṛṣṭau hi yugapanmayā / bhavatā nirviśeṣeṇa pṛthagvedopalakṣitau
Ṛbhu sprach: 'Diese beiden nämlich, [wie] zwei Elefantenkönige, habe ich zugleich gesehen; von dir aber wurden sie ohne Unterscheidung, [jedoch] gesondert, durch [dein] Wissen bezeichnet.
nidādha uvāca gajoyo 'yamadho brahmannuparyasyaiṣa bhūpatiḥ / vāhyavāhakasaṃbandhaṃ ko na jānāti vai dvija
Nidāgha sprach: 'Der Elefant ist der, der unten [ist], o Brahmane; oben auf ihm ist dieser Herrscher der Erde. Die Beziehung von Getragenem und Träger - wer kennte sie nicht, o Zweifachgeborener?'
Ṛbhu sprach: 'O Brahmane, belehre mich so, dass ich [es] verstehen möge: Was wird als die 'unten' [befindliche] Wesenheit bezeichnet, und was als die 'oben' [befindliche]?'
[Der Erzähler sprach:] So sprechend, [und] rasch [auf einen erhöhten Platz] hinaufsteigend, sagte Nidāgha zu jenem Ṛbhu: 'Höre, ich werde dir das erklären, wonach du mich fragst.
Wort für Wort
ityuktvā sahasāruhya
so sprechend, rasch hinaufsteigend
nidāghaḥ prāha taṃ ṛbhum
sagte Nidāgha zu jenem Ṛbhu
śrayatāṃ kathayāmyeṣa
höre, ich werde erklären
yanmāṃ tvaṃ paripṛcchasi
wonach du mich fragst
[Anm.: Sprecherzuordnung im Quelltext „brāhmaṇa uvāca“, obwohl der Vers Erzählung in dritter Person ist („nidāghaḥ prāha“); vermutlich Rest der Rahmenerzählung.]
So wie ich oben [bin], [bin ich] wie der König; du [bist] unten, wie der Elefant. Zu deiner Belehrung, o Brahmane, wurde von mir [dieses] Beispiel gezeigt.'
Ṛbhu sprach: 'Wenn du, o bester der Zweifachgeborenen, wie der König [oben] stehst, [und] ich wie der Elefant [unten bin] - dann erkläre mir doch: wer [bist] du, und wer [bin] ich demgemäß?'
Bei keinem anderen wird der Geist so durch [dessen] Prägung geprägt, wie durch [den] des Lehrers; darum halte ich dich [für den], den ich als Lehrer erlangt habe.'
Wort für Wort
nānyasyādvai vasaṃskārasaṃskṛtaṃ mānasaṃ tathā
bei keinem anderen wird der Geist so durch Prägung geprägt
yathācāryasya tena tvāṃ
wie durch die des Lehrers, darum dich
manye prāptamahaṃ gurum
halte ich für den erlangten Lehrer
[?: „vasaṃskāra“ unsicher überliefert; als „saṃskāra“ (Prägung) gedeutet.]
Ṛbhu sprach: 'Um dir Belehrung zu geben, aufgrund deines früheren Dienstes und aus Zuneigung des Lehrers, bin ich, mit Namen Ṛbhu, zu Nidāgha gekommen.
[Der Erzähler sprach:] So sprechend, gab jener Ṛbhu, der Lehrer, dem Nidāgha [dieses] Wissen; und Nidāgha wurde durch jene Belehrung der Nicht-Zweiheit ergeben.
'Ebenso werde auch du, o Kenner der Rechtsordnung, [einer, dem] Selbst, Feind und Verwandter gleich [sind]; sei [du selbst] das allgegenwärtige Wissen, [erkenne dich] als das Selbst, o Herrscher der Erde.'
Wort für Wort
tathā tvamapi dharmajña
ebenso werde auch du, o Kenner der Rechtsordnung
tulyātmaripubāndhavaḥ
[einer, dem] Selbst, Feind, Verwandter gleich sind
So wie der eine Himmel durch den Unterschied von Weiß, Blau und so weiter [verschieden erscheint] - ebenso erscheint auch das eine Selbst, obwohl es eines ist, für die, deren Blick verwirrt ist, [als] je gesondert.
Wort für Wort
sitanīlādibhedena
durch den Unterschied von Weiß, Blau und so weiter
yathaikaṃ dṛśyate nabhaḥ
wie der eine Himmel erscheint
bhrāntadṛṣṭibhirātmāpi
auch das Selbst, für die, deren Blick verwirrt ist
ekaḥ samastaṃ yadihāsti kiñcittadacyuto nāsti paraṃ tato 'nyat / so 'haṃ sa ca tvaṃ sa ca sarvametadātmāṃsvayaṃ bhātyapabhedamohaḥ
Er, der Eine, [ist] alles, was hier irgendetwas ist; das [ist] der Unvergängliche - es gibt nichts anderes außer ihm. Er [bin] ich, und er [bist] du, und er [ist] dies alles; das Selbst erscheint von selbst [als] die Verblendung falscher Unterscheidung.
Wort für Wort
ekaḥ samastaṃ yadihāsti kiñcit
er, der Eine, [ist] alles, was hier irgendetwas ist
tadacyuto nāsti paraṃ tato 'nyat
das ist der Unvergängliche, es gibt nichts anderes außer ihm
so 'haṃ sa ca tvaṃ sa ca sarvametat
er [bin] ich, und er [bist] du, und er ist dies alles
ātmāṃsvayaṃ bhātyapabhedamohaḥ
das Selbst erscheint von selbst als die Verblendung falscher Unterscheidung
[Anm.: Vers in abweichendem, längerem Versmaß (Triṣṭubh-artig) überliefert; Sandhi „ātmāṃsvayaṃ“ als „ātmā svayaṃ“ aufgelöst.]
sanandana uvāca itīritastena sa rājavaryastatyāja bhedaṃ paramārthadṛṣṭiḥ / sa cāpi jātismaraṇāvabodastatraiva janmanyapavargamāpa
Sanandana sprach: So von jenem angesprochen, gab jener vortreffliche König, [nunmehr] mit dem Blick der höchsten Wahrheit, die [falsche] Unterscheidung auf; und auch er, durch die Erinnerung an frühere Geburten erwacht, erlangte eben in dieser Geburt die Erlösung.
Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
itīritastena sa rājavaryastatyāja bhedaṃ paramārthadṛṣṭiḥ
so von jenem angesprochen, gab jener vortreffliche König, mit dem Blick der höchsten Wahrheit, die Unterscheidung auf
sa cāpi jātismaraṇāvabodastatraiva janmanyapavargamāpa
und auch er, durch die Erinnerung an frühere Geburten erwacht, erlangte eben in dieser Geburt die Erlösung
Diese auf die höchste Wahrheit [bezogene] Lehre vom Selbst wurde dir, o Fürst der Weisen, verkündet - sie, die auch Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras die Erlösung verleiht.
Wort für Wort
paramārthādhyātmametat
diese auf die höchste Wahrheit [bezogene] Lehre vom Selbst
tubhyamuktaṃ munīśvara
wurde dir verkündet, o Fürst der Weisen
brāhmaṇakṣatriyaviśāṃ
der Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas
śrortṛāṇāṃ cāpi muktidam
und auch der Śūdras [?], die Erlösung verleihend
[?: „śrortṛāṇāṃ“ unsicher überliefert; als „śūdrāṇāṃ“ (der Śūdras) gedeutet.]
yathā pṛṣṭaṃ tvayā brahmaṃstathā te gaditaṃ mayā / brahmajñānamidaṃ śuddhaṃ kimanyatkathayāmi vai
So wie von dir gefragt wurde, o Brahmane, so wurde es dir von mir dargelegt; dies ist die reine Erkenntnis Brahmans - was anderes sollte ich noch sagen?