Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 18: dhvajāropaṇam Die Aufrichtung der Fahne (Dhvajāropaṇa)

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde vratākhyāne māgaśīrṣapaurṇimāyāṃ lakṣaghmīnārāyaṇavrataṃ nāmāṣṭādaśo 'dhyāyaḥ _____________________________________________________________ sanaka uvāca anyadvūtaṃ pravakṣyāmi dhvajāropaṇasaṃjñitam / sarvapāpaharaṃ puṇyaṃ viṣṇuprīṇanakāraṇam

Sanaka sprach: Ein anderes Gelübde will ich verkünden, genannt 'Fahnenaufrichtung' (dhvajāropaṇa) – heilig, alle Sünde tilgend, Ursache der Freude Viṣṇus.

Wort für Wort
anyadvūtaṃ pravakṣyāmi dhvajāropaṇasaṃjñitam /
ein anderes Gelübde will ich verkünden, genannt 'Fahnenaufrichtung'
sarvapāpaharaṃ puṇyaṃ viṣṇuprīṇanakāraṇam
heilig, alle Sünde tilgend, Ursache der Freude Viṣṇus

[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext das Kolophon des vorangehenden (17.) Kapitels vorangestellt, gefolgt von einer Trennlinie – ein reines Gliederungselement, im sa-Feld zur Dokumentation mitgeführt, nicht in die de-Übersetzung von V.1 einbezogen.]

yaḥ kuryādviṣṇubhavane dhvajāropaṇamuttamam / saṃpūjyate vigniñcyādyaiḥ kimanyairbahubhāṣitaiḥ

Wer im Hause Viṣṇus die vortreffliche Fahnenaufrichtung vollzieht, wird von Virañci (Brahmā) und anderen [Göttern] verehrt [?] – wozu noch viele andere Worte?

Wort für Wort
yaḥ kuryādviṣṇubhavane dhvajāropaṇamuttamam /
wer im Hause Viṣṇus die vortreffliche Fahnenaufrichtung vollzieht
saṃpūjyate vigniñcyādyaiḥ kimanyairbahubhāṣitaiḥ
wird von Virañci und anderen verehrt [?] – wozu noch viele andere Worte

[?] 'vigniñcyādyaiḥ' vermutlich für 'virañcyādyaiḥ' ('von Virañci [Brahmā] und anderen') verschrieben. [Anm.: In diesem Kapitel finden sich wiederholt solche überzähligen 'gh/gn'-Einschübe in der Vorlage (vgl. bereits das Kolophon 'lakṣaghmī' für 'lakṣmī'); sie werden im Folgenden jeweils einzeln vermerkt.]

hemabhārasahasraṃ tu yo dadāti kuṭumbine / tatphalaṃ tulyamātraṃ syāddhūjāropaṇakarmaṇaḥ

Wer aber tausend Goldlasten einem Hausvater schenkt – dessen Frucht ist genau gleich der des Werkes der Fahnenaufrichtung.

Wort für Wort
hemabhārasahasraṃ tu yo dadāti kuṭumbine /
wer aber tausend Goldlasten einem Hausvater/Familienoberhaupt schenkt
tatphalaṃ tulyamātraṃ syāddhūjāropaṇakarmaṇaḥ
dessen Frucht ist genau gleich der des Werkes der Fahnenaufrichtung

dhvajāropaṇatulyaṃ syādgaṅgāsnānamanuttamam / athavā tulasūsevā śivaliṅgaprapūjanam

Der Fahnenaufrichtung gleich ist auch das unübertreffliche Bad in der Gaṅgā, oder die Verehrung des Tulasī-Strauches, oder die Verehrung des Śiva-Liṅgam.

Wort für Wort
dhvajāropaṇatulyaṃ syādgaṅgāsnānamanuttamam /
der Fahnenaufrichtung gleich ist das unübertreffliche Bad in der Gaṅgā
athavā tulasūsevā śivaliṅgaprapūjanam
oder die Verehrung des Tulasī[-Strauches], die Verehrung des Śiva-Liṅgam

aho 'pūrvamaho 'pūrvamaho 'pūrvamidaṃ dvija / sarvapāpa haraṃ karma dhvajāgopaṇasaṃjñitam

O Wunder, o Wunder, o Wunder ist dies, o Zweimalgeborener – das alle Sünde tilgende Werk, genannt Fahnenaufrichtung!

Wort für Wort
aho 'pūrvamaho 'pūrvamaho 'pūrvamidaṃ dvija /
o Wunder, o Wunder, o Wunder ist dies, o Zweimalgeborener
sarvapāpa haraṃ karma dhvajāgopaṇasaṃjñitam
das alle Sünde tilgende Werk, genannt Fahnenaufrichtung

santi vai yāni kāryāṇi dhvajāropaṇakarmaṇi / tāni sarvāṇi vakṣyāmi śṛṇuṣva gadato mama

Welche Handlungen es beim Werk der Fahnenaufrichtung gibt – all diese will ich verkünden; höre, was ich sage.

Wort für Wort
santi vai yāni kāryāṇi dhvajāropaṇakarmaṇi /
welche Handlungen es beim Werk der Fahnenaufrichtung gibt
tāni sarvāṇi vakṣyāmi śṛṇuṣva gadato mama
all diese will ich verkünden – höre, was ich sage

kārtikasya site pakṣaghe daśamyāṃ prayato naraḥ / snānaṃ kuryātprayatnena dantadhāvanapūrvakam

In der hellen Monatshälfte des Kārttika, am zehnten Tag, soll der geläuterte Mensch eifrig baden, zuerst mit dem Reinigen der Zähne.

Wort für Wort
kārtikasya site pakṣaghe daśamyāṃ prayato naraḥ /
in der hellen Monatshälfte des Kārttika, am zehnten Tag, der geläuterte Mensch
snānaṃ kuryātprayatnena dantadhāvanapūrvakam
soll eifrig baden, zuerst mit dem Reinigen der Zähne

ekāśī brahmacārī ca svapennārāyaṇaṃ smaran / dhautāmbaradharaḥ śuddho vipro nārāyaṇāgrataḥ

Nur einmal essend, keusch lebend, soll er, Nārāyaṇa gedenkend, schlafen; in gewaschenes Gewand gekleidet, rein, ruhe der Brahmane vor Nārāyaṇa.

Wort für Wort
ekāśī brahmacārī ca svapennārāyaṇaṃ smaran /
nur einmal essend und keusch lebend schlafe er, Nārāyaṇa gedenkend
dhautāmbaradharaḥ śuddho vipro nārāyaṇāgrataḥ
in gewaschenes Gewand gekleidet, rein, [ruhe] der Brahmane vor Nārāyaṇa

tataḥ prātaḥ samutthāya snātvācamya yathāvidhi / nityakarmāṇi nirvartya paścādviṣṇuṃ samarcayet

Danach, am Morgen aufgestanden, gebadet und, wie vorgeschrieben, den Mund gespült, vollziehe er die täglichen Pflichtriten und verehre danach Viṣṇu.

Wort für Wort
tataḥ prātaḥ samutthāya snātvācamya yathāvidhi /
danach, am Morgen aufgestanden, gebadet, wie vorgeschrieben den Mund gespült
nityakarmāṇi nirvartya paścādviṣṇuṃ samarcayet
vollziehe er die täglichen Pflichtriten und verehre danach Viṣṇu

caturbhirbrāhmaṇaiḥ sārdhdaṃ kṛtvā ca svastivācanam / nāndīśrāddhaṃ prakurvīta dhvajāropaṇakarmaṇi

Zusammen mit vier Brahmanen vollziehe er das Svastivācana; er vollziehe beim Werk der Fahnenaufrichtung das Nāndī-Totenopfer.

Wort für Wort
caturbhirbrāhmaṇaiḥ sārdhdaṃ kṛtvā ca svastivācanam /
zusammen mit vier Brahmanen, nachdem er das Svastivācana vollzogen hat
nāndīśrāddhaṃ prakurvīta dhvajāropaṇakarmaṇi
vollziehe er beim Werk der Fahnenaufrichtung das Nāndī-Totenopfer

dhvajastambho ca gāyatryā prokṣaghayedvastrasaṃyutau / sūryaṃ ca vainateyaṃ ca himāṃśuṃ tatparor'cayet

Die Fahne und den Fahnenpfahl besprenge er mit der Gāyatrī, beide mit Tüchern versehen; die Sonne, den Vainateya (Garuḍa) und den Mond verehre er darauf [?].

Wort für Wort
dhvajastambho ca gāyatryā prokṣaghayedvastrasaṃyutau /
die Fahne und den Pfahl besprenge er mit der Gāyatrī, beide mit Tüchern versehen
sūryaṃ ca vainateyaṃ ca himāṃśuṃ tatparor'cayet
die Sonne, den Vainateya und den Mond verehre er darauf [?]

[?] 'tatparor'cayet' textlich unklar; sinngemäß als 'tataḥ paraṃ arcayet' ('darauf verehre er') gedeutet.

dhātāraṃ ca vidhātāraṃ pūjayeddhajadaṇḍake / haridrākṣaghatagandhādyaiḥ śuklapuṣpairviśeṣataḥ

Dhātṛ und Vidhātṛ verehre er am Fahnenpfahl, mit Kurkuma, ungeschältem Reis, Duftstoffen und dergleichen, besonders aber mit weißen Blumen.

Wort für Wort
dhātāraṃ ca vidhātāraṃ pūjayeddhajadaṇḍake /
Dhātṛ und Vidhātṛ verehre er am Fahnenpfahl
haridrākṣaghatagandhādyaiḥ śuklapuṣpairviśeṣataḥ
mit Kurkuma, ungeschältem Reis, Duftstoffen usw., besonders aber mit weißen Blumen

tato gocarmamātraghaṃ tu sthaṇḍilaṃ copalipya vai / ādhāyāngiṃ svagṛhyottyā hyājyabhāgādikaṃ kramāt

Danach, nachdem er eine Opferstätte von der Größe einer Kuhhaut ausgestrichen hat, richte er das Feuer ein, gemäß der Vorschrift seines eigenen Gṛhyasūtra, und bringe der Reihe nach die Ājyabhāga-Spenden und dergleichen dar.

Wort für Wort
tato gocarmamātraghaṃ tu sthaṇḍilaṃ copalipya vai /
danach, nachdem er eine Opferstätte von der Größe einer Kuhhaut ausgestrichen hat
ādhāyāngiṃ svagṛhyottyā hyājyabhāgādikaṃ kramāt
richte er das Feuer ein, gemäß der Vorschrift seines Gṛhyasūtra, [und bringe] der Reihe nach die Ājyabhāga-Spenden usw. dar

juhuyātpāyasaṃ caiva sājyamaṣṭottaraṃ śatam / prathamaṃ pauruṣaṃ sūktaṃ viṣṇornukamirāvatīm

Er opfere Milchreis samt Ghee, 108-mal, zuerst das Puruṣa-Sūkta, [dann] die Viṣṇu[-Hymnen] samt [der Hymne] Irāvatī [?].

Wort für Wort
juhuyātpāyasaṃ caiva sājyamaṣṭottaraṃ śatam /
er opfere Milchreis samt Ghee, 108-mal
prathamaṃ pauruṣaṃ sūktaṃ viṣṇornukamirāvatīm
zuerst das Puruṣa-Sūkta, [dann] die Viṣṇu[-Hymnen] samt Irāvatī [?]

[?] 'viṣṇornukamirāvatīm' textlich unklar/korrupt überliefert; sinngemäß wiedergegeben.

tataśca vainateyāya svāhe tyaṣṭāhutīstathā / somo dhenumudutyaṃ ca juhuyācca tato dvija

Danach bringe er dem Vainateya mit [dem Ruf] 'svāhā' ebenso acht Opfergüsse dar; dem Soma [opfere er] eine Kuh[-Gabe, ?], und danach opfere er weiter, o Zweimalgeborener.

Wort für Wort
tataśca vainateyāya svāhe tyaṣṭāhutīstathā /
danach bringe er dem Vainateya mit 'svāhā' ebenso acht Opfergüsse dar
somo dhenumudutyaṃ ca juhuyācca tato dvija
dem Soma [opfere er] eine Kuh[-Gabe, ?], und opfere danach weiter, o Zweimalgeborener

[?] 'somo dhenumudutyaṃ' textlich unklar/korrupt überliefert; sinngemäß als Opfergabe an Soma gedeutet.

sauramantrāñjapettaghatra śāntisūtkāni śaktitaḥ / rātraghau jāgaraṇaṃ kuryādupakaṇṭhaṃ hareḥ śucuḥ

Er rezitiere dort die Sonnen-Mantras sowie, nach Vermögen, die Friedenshymnen; in der Nacht halte er, rein, in der Nähe Haris die Nachtwache.

Wort für Wort
sauramantrāñjapettaghatra śāntisūtkāni śaktitaḥ /
er rezitiere dort die Sonnen-Mantras sowie, nach Vermögen, die Friedenshymnen
rātraghau jāgaraṇaṃ kuryādupakaṇṭhaṃ hareḥ śucuḥ
in der Nacht halte er, rein, in der Nähe Haris die Nachtwache

tataḥ prātaḥ samutthāya nityakarma samāpya ca / gandhapuṣpādibhirdevamarcayetpūrvavatkramāt

Danach, am Morgen aufgestanden und die täglichen Pflichtriten vollendet, verehre er den Gott mit Duftstoffen, Blumen usw., der Reihe nach wie zuvor.

Wort für Wort
tataḥ prātaḥ samutthāya nityakarma samāpya ca /
danach, am Morgen aufgestanden und die täglichen Pflichtriten vollendet
gandhapuṣpādibhirdevamarcayetpūrvavatkramāt
verehre er den Gott mit Duftstoffen, Blumen usw., der Reihe nach wie zuvor

tato maṅgalavādyaiśca sūktapāṭhaiśca śaubhanam / nṛtyaiśca ratotraghapaṭhanairnayedviṣṇavālaye dhvajam

Dann geleite er, mit Glück verheißenden Musikinstrumenten, der Rezitation von Sūkta-Hymnen, auf schöne Weise, mit Tänzen und der Rezitation von Loblied-Hymnen, die Fahne zum Tempel Viṣṇus.

Wort für Wort
tato maṅgalavādyaiśca sūktapāṭhaiśca śaubhanam /
dann, mit Glück verheißenden Musikinstrumenten, der Rezitation von Sūkta-Hymnen, auf schöne Weise
nṛtyaiśca ratotraghapaṭhanairnayedviṣṇavālaye dhvajam
mit Tänzen und der Rezitation von Loblied-Hymnen geleite er die Fahne zum Tempel Viṣṇus

devasya dvāradeśe vā śikhare vā mudānvitaḥ / susthuraḥ sthāpayedvipra dhvajaṃ sastambhasaṃyutam

Am Tor des Gottes oder auf der Turmspitze soll er, von Freude erfüllt, fest [?] die Fahne samt ihrem Pfahl aufstellen, o Brahmane.

Wort für Wort
devasya dvāradeśe vā śikhare vā mudānvitaḥ /
am Tor des Gottes oder auf der Turmspitze, von Freude erfüllt
susthuraḥ sthāpayedvipra dhvajaṃ sastambhasaṃyutam
soll er fest [?] die Fahne samt ihrem Pfahl aufstellen, o Brahmane

[?] 'susthuraḥ' vermutlich für 'susthiraḥ' ('fest, unerschütterlich') verschrieben.

gandhapuṣpāghakṣatairddevaṃ dhūpadīparmanoharaiḥ / bhakṣaghyabhojyādisaṃyuktairnaivedyaiśca hariṃ yajet

Mit Duftstoffen, Blumen, ungeschältem Reis, mit bezauberndem Räucherwerk und Lampen, mit Speisen, Genüssen und anderen Opfergaben verehre er den Gott, ihn, Hari.

Wort für Wort
gandhapuṣpāghakṣatairddevaṃ dhūpadīparmanoharaiḥ /
mit Duftstoffen, Blumen, ungeschältem Reis, mit bezauberndem Räucherwerk und Lampen
bhakṣaghyabhojyādisaṃyuktairnaivedyaiśca hariṃ yajet
mit Speisen, Genüssen und anderen Opfergaben verehre er Hari

evaṃ devālaye sthāpya śobhanaṃ dhvajamuttamam / pradakṣaghiṇamanuvrajya stotraghametadudūrayet

Nachdem er so im Tempel die schöne, vortreffliche Fahne aufgestellt hat, umschreite er sie rechtsherum und spreche darauf diesen Lobpreis:

Wort für Wort
evaṃ devālaye sthāpya śobhanaṃ dhvajamuttamam /
nachdem er so im Tempel die schöne, vortreffliche Fahne aufgestellt hat
pradakṣaghiṇamanuvrajya stotraghametadudūrayet
umschreite er sie rechtsherum und spreche darauf diesen Lobpreis

namaste puṇḍarīkākṣa namaste viśvabhāvana / namaste 'stu hṛṣīkeśa mahāpuruṣa pūrvaja

Verehrung dir, o Lotusäugiger! Verehrung dir, o Weltenschöpfer! Verehrung sei dir, o Hṛṣīkeśa, o großer Urmensch, o Erstgeborener!

Wort für Wort
namaste puṇḍarīkākṣa namaste viśvabhāvana /
Verehrung dir, o Lotusäugiger! Verehrung dir, o Weltenschöpfer!
namaste 'stu hṛṣīkeśa mahāpuruṣa pūrvaja
Verehrung sei dir, o Hṛṣīkeśa, o großer Urmensch, o Erstgeborener

yenedamakhilaṃ jātaṃ yatra sarvaṃ pratiṣṭitam / layameṣyati yatraivaṃ taṃ prapanno 'smi keśavam

Durch den dies ganze All entstanden ist, in dem alles gegründet ist, und in den es ebenso wieder vergehen wird – ihm, dem Keśava, bin ich zugeflüchtet.

Wort für Wort
yenedamakhilaṃ jātaṃ yatra sarvaṃ pratiṣṭitam /
durch den dies ganze All entstanden ist, in dem alles gegründet ist
layameṣyati yatraivaṃ taṃ prapanno 'smi keśavam
in den es ebenso wieder vergehen wird – ihm, dem Keśava, bin ich zugeflüchtet

na jānanti paraṃ bhāvaṃ yasya brahmādayaḥ surāḥ / yoginoyaṃ na paśyanti taṃ vandaṃ jñānarupuṇam

Dessen höheres Wesen selbst die Götter, angefangen mit Brahmā, nicht kennen, den auch die Yogis nicht schauen – ihn, den Wissensgestaltigen, verehre ich.

Wort für Wort
na jānanti paraṃ bhāvaṃ yasya brahmādayaḥ surāḥ /
dessen höheres Wesen selbst die Götter, angefangen mit Brahmā, nicht kennen
yoginoyaṃ na paśyanti taṃ vandaṃ jñānarupuṇam
den auch die Yogis nicht schauen – ihn, den Wissensgestaltigen, verehre ich

antarikṣantu yannābhirdyairmūrddhā yasya caiva hi / pādo 'bhūdyasya pṛthivī taṃ vande viśvarupiṇam

Dessen Nabel der Luftraum ist, dessen Haupt der Himmel ist, und dessen Fuß die Erde geworden ist – ihn, den Allgestaltigen, verehre ich.

Wort für Wort
antarikṣantu yannābhirdyairmūrddhā yasya caiva hi /
dessen Nabel der Luftraum, und dessen Haupt der Himmel ist
pādo 'bhūdyasya pṛthivī taṃ vande viśvarupiṇam
dessen Fuß die Erde geworden ist – ihn, den Allgestaltigen, verehre ich

[Anm.: Anklang an den vedischen Puruṣasūkta (ṚV 10.90).]

yasya śrotre diśaḥ sarvā yaccakṣurdinakṛcajchaśī / ṛksāmayajupī yena taṃ vande brahrarupiṇam

Dessen Ohren alle Himmelsrichtungen sind, dessen Augen die Sonne und der Mond sind, durch den Ṛk, Sāman und Yajus [bestehen] – ihn, den Brahman-Gestaltigen, verehre ich.

Wort für Wort
yasya śrotre diśaḥ sarvā yaccakṣurdinakṛcajchaśī /
dessen Ohren alle Himmelsrichtungen sind, dessen Augen die Sonne und der Mond sind
ṛksāmayajupī yena taṃ vande brahrarupiṇam
durch den Ṛk, Sāman und Yajus [bestehen] – ihn, den Brahman-Gestaltigen, verehre ich

yanmukhādvāhmaṇā jātā yadvāhorabhavannṛpāḥ / vaiśyā yasyo ruto jātāḥ padbhaghyāṃ śūdro vyajāyata

Aus dessen Mund die Brahmanen entstanden, aus dessen Armen die Könige wurden, aus dessen Schenkel die Vaiśyas entstanden, aus dessen Füßen der Śūdra geboren wurde,

Wort für Wort
yanmukhādvāhmaṇā jātā yadvāhorabhavannṛpāḥ /
aus dessen Mund die Brahmanen entstanden, aus dessen Armen die Könige wurden
vaiśyā yasyo ruto jātāḥ padbhaghyāṃ śūdro vyajāyata
aus dessen Schenkel die Vaiśyas entstanden, aus dessen Füßen der Śūdra geboren wurde

[Anm.: Anklang an den Puruṣasūkta (ṚV 10.90.12), die Herkunft der vier Stände aus dem Urwesen.]

māyāsaṅgamamātragheṇa vadanti puruṣaṃ tvajam / svabhāvavimalaṃ śuddhaṃ nirvikāraṃ nirañjanam

Durch bloße Verbindung mit der Māyā nennt man ihn den 'Puruṣa', obwohl er ungeboren ist – von Natur aus makellos, rein, unveränderlich und unbefleckt.

Wort für Wort
māyāsaṅgamamātragheṇa vadanti puruṣaṃ tvajam /
durch bloße Verbindung mit der Māyā nennt man ihn den 'Puruṣa', [obwohl] ungeboren
svabhāvavimalaṃ śuddhaṃ nirvikāraṃ nirañjanam
von Natur aus makellos, rein, unveränderlich und unbefleckt

kṣīrabdhi śāyinaṃ devamananta maparājitam / sadbhaktavatsalaṃ viṣṇuṃ bhaktigamyaṃ namāmyaham

Den Gott, der auf dem Milchozean ruht, den Endlosen, den Unbesiegten, den den guten Gläubigen liebevoll Zugetanen, Viṣṇu, der nur durch Hingabe erreichbar ist – ihn verehre ich.

Wort für Wort
kṣīrabdhi śāyinaṃ devamananta maparājitam /
den Gott, der auf dem Milchozean ruht, den Endlosen, den Unbesiegten
sadbhaktavatsalaṃ viṣṇuṃ bhaktigamyaṃ namāmyaham
den den guten Gläubigen liebevoll Zugetanen, Viṣṇu, der nur durch Hingabe erreichbar ist – ihn verehre ich

pṛthivyādīni bhūtāni tanmātrāṇīṃndriyāṇi ca / sūkṣmāsūkṣyāṇi yenāsaṃstaṃ vande sarvatomukham

Die Elemente, angefangen mit der Erde, die Tanmātras und die Sinnesorgane, die subtilen und groben [Dinge], durch den sie entstanden sind – ihn, den Allseitigen, verehre ich.

Wort für Wort
pṛthivyādīni bhūtāni tanmātrāṇīṃndriyāṇi ca /
die Elemente, angefangen mit der Erde, die Tanmātras und die Sinnesorgane
sūkṣmāsūkṣyāṇi yenāsaṃstaṃ vande sarvatomukham
die subtilen und groben [Dinge], durch den sie entstanden sind – ihn, den Allseitigen, verehre ich

yadvahya paramaṃ dhāma sarvalokottamottamam / nirguṇaṃ paramaṃ sūkṣmaṃ praṇato 'sti punaḥ punaḥ

[Ihm,] dessen höchste Wohnstatt das Brahman [selbst] ist [?], dem Höchsten über alle Welten, dem Eigenschaftslosen, dem höchst Feinen – verneige ich mich wieder und wieder.

Wort für Wort
yadvahya paramaṃ dhāma sarvalokottamottamam /
[ihm,] dessen höchste Wohnstatt das Brahman [ist, ?], dem Höchsten über alle Welten
nirguṇaṃ paramaṃ sūkṣmaṃ praṇato 'sti punaḥ punaḥ
dem Eigenschaftslosen, dem höchst Feinen – verneige ich mich wieder und wieder

[?] 'yadvahya' textlich unklar überliefert, sinngemäß als 'yad brahma' ('welches [als] Brahman') gedeutet.

avikāramajaṃ śuddhaṃ sarvatobāhumīśvaram /. yamāmananti yogāndrāḥ sarvakāraṇakāraṇam

Den Unveränderlichen, Ungeborenen, Reinen, den mit Armen nach allen Seiten, den Herrn, den die besten der Yogis als die Ursache aller Ursachen preisen –

Wort für Wort
avikāramajaṃ śuddhaṃ sarvatobāhumīśvaram /.
den Unveränderlichen, Ungeborenen, Reinen, den mit Armen nach allen Seiten, den Herrn
yamāmananti yogāndrāḥ sarvakāraṇakāraṇam
den die besten der Yogis als die Ursache aller Ursachen preisen

[Anm.: Im Quelltext folgt nach 'sarvatobāhumīśvaram' ein überzähliger Punkt ('/.'), ein Interpunktionsartefakt der Vorlage.]

yo devaḥ sarvabhūtānāmantarātmā jaganmayaḥ / nirguṇaḥ paramātmā ca sa me viṣṇuḥ prasīdatu

Der Gott, der die innere Seele aller Wesen ist, der die Welt durchdringt, der eigenschaftslose höchste Selbst – er, Viṣṇu, sei mir gnädig!

Wort für Wort
yo devaḥ sarvabhūtānāmantarātmā jaganmayaḥ /
der Gott, der die innere Seele aller Wesen, die Welt durchdringend ist
nirguṇaḥ paramātmā ca sa me viṣṇuḥ prasīdatu
der eigenschaftslose höchste Selbst – er, Viṣṇu, sei mir gnädig

hṛdayastho 'pi dūrastho māyayā mohitātmanām / jñānināṃ sarvago yastu sa me viṣṇuḥ prasīdatu

Der, obwohl im Herzen weilend, doch für die durch [seine] Māyā Verblendeten fern ist, für die Wissenden aber allgegenwärtig ist – er, Viṣṇu, sei mir gnädig!

Wort für Wort
hṛdayastho 'pi dūrastho māyayā mohitātmanām /
der, obwohl im Herzen weilend, doch für die durch [seine] Māyā Verblendeten fern ist
jñānināṃ sarvago yastu sa me viṣṇuḥ prasīdatu
für die Wissenden aber allgegenwärtig ist – er, Viṣṇu, sei mir gnädig

caturbhiśca caturbhiśca dvābhyāṃ pañcabhireva ca / hūyate ca punardvātārthaṃbhyāṃ sa me viṣṇuḥ pratīdatu

Mit vier und wieder mit vier, mit zwei und auch mit fünf [Opfergüssen], und wiederum mit zwei [?] wird [ihm] geopfert – er, Viṣṇu, sei mir gnädig!

Wort für Wort
caturbhiśca caturbhiśca dvābhyāṃ pañcabhireva ca /
mit vier und wieder mit vier, mit zwei und auch mit fünf [Opfergüssen]
hūyate ca punardvātārthaṃbhyāṃ sa me viṣṇuḥ pratīdatu
und wiederum mit zwei [?] wird geopfert – er, Viṣṇu, sei mir gnädig

[?] Vers stark korrupt/unklar überliefert, insbesondere 'punardvātārthaṃbhyāṃ'; sinngemäß wiedergegeben.

jñānināṃ karmiṇāṃ caiva tathā bhaktimatāṃ nṛṇām / gatidātā viśvamṛgyaḥ sa me viṣṇuḥ prasūdatu

Der den Wissenden, den Werktätigen und ebenso den hingebungsvollen Menschen das Ziel verleiht, von der ganzen Welt gesucht – er, Viṣṇu, sei mir gnädig!

Wort für Wort
jñānināṃ karmiṇāṃ caiva tathā bhaktimatāṃ nṛṇām /
den Wissenden, den Werktätigen und ebenso den hingebungsvollen Menschen
gatidātā viśvamṛgyaḥ sa me viṣṇuḥ prasūdatu
der das Ziel verleiht, von der ganzen Welt gesucht – er, Viṣṇu, sei mir gnädig

jagaddhitārthaṃ ye dehā dhriyante līlayā hareḥ / tānarcayanti vibudhāḥ sa me viṣṇuḥ prasīdatu

Die Leiber, die zum Wohle der Welt durch das Spiel Haris getragen werden – sie verehren die Weisen (Götter). Er, Viṣṇu, sei mir gnädig!

Wort für Wort
jagaddhitārthaṃ ye dehā dhriyante līlayā hareḥ /
die Leiber, die zum Wohle der Welt durch das Spiel Haris getragen werden
tānarcayanti vibudhāḥ sa me viṣṇuḥ prasīdatu
sie verehren die Weisen (Götter) – er, Viṣṇu, sei mir gnädig

yamāmanantive santaḥ saccidānandavigraham / nirguṇaṃ ca guṇādhāraṃ sa me viṣṇuḥ prasīdatu

Den fürwahr die Frommen preisen als die Gestalt von Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit, als den Eigenschaftslosen und [doch zugleich] den Träger der Eigenschaften – er, Viṣṇu, sei mir gnädig!

Wort für Wort
yamāmanantive santaḥ saccidānandavigraham /
den fürwahr die Frommen preisen als die Gestalt von Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit
nirguṇaṃ ca guṇādhāraṃ sa me viṣṇuḥ prasīdatu
als den Eigenschaftslosen und [doch] den Träger der Eigenschaften – er, Viṣṇu, sei mir gnädig

iti stutvā namedviṣṇuṃ brāhmaṇāṃśca prapūjayet / ācāryaṃ pūjayetpaścāddakṣiṇācchādanādibhiḥ

Nachdem er so [Viṣṇu] gepriesen hat, verneige er sich vor Viṣṇu und verehre die Brahmanen; danach verehre er den Ācārya mit Priestergabe, Gewändern und dergleichen.

Wort für Wort
iti stutvā namedviṣṇuṃ brāhmaṇāṃśca prapūjayet /
nachdem er so [Viṣṇu] gepriesen hat, verneige er sich vor Viṣṇu und verehre die Brahmanen
ācāryaṃ pūjayetpaścāddakṣiṇācchādanādibhiḥ
danach verehre er den Ācārya mit Priestergabe, Gewändern und dergleichen

brāhmaṇānbhojayecchaktyā bhakti bhāvasamanvitaḥ / putramatrikalatrādyaiḥ svayaṃ ca saha bandhubhiḥ

Nach Vermögen speise er, von hingebungsvoller Gesinnung erfüllt, die Brahmanen, zusammen mit Söhnen, Freunden, Gattin und dergleichen sowie selbst mit den Verwandten.

Wort für Wort
brāhmaṇānbhojayecchaktyā bhakti bhāvasamanvitaḥ /
nach Vermögen speise er, von hingebungsvoller Gesinnung erfüllt, die Brahmanen
putramatrikalatrādyaiḥ svayaṃ ca saha bandhubhiḥ
zusammen mit Söhnen, Freunden, Gattin und dergleichen sowie selbst mit den Verwandten

kurvīta pāraṇaṃ vipra nārāyaṇaparāyaṇaḥ / yastvetatkarma kurvīta dhvajāropaṇamuttamam / tasya puṇyaphalaṃ vakṣye śṛṇuṣva susamāhitaḥ

Er vollziehe, o Brahmane, das Fastenbrechen, Nārāyaṇa ganz ergeben. Wer aber dieses Werk vollzieht, die vortreffliche Fahnenaufrichtung – dessen Verdienstfrucht will ich verkünden; höre wohlgesammelt zu.

Wort für Wort
kurvīta pāraṇaṃ vipra nārāyaṇaparāyaṇaḥ /
er vollziehe, o Brahmane, das Fastenbrechen, Nārāyaṇa ganz ergeben
yastvetatkarma kurvīta dhvajāropaṇamuttamam /
wer aber dieses Werk vollzieht, die vortreffliche Fahnenaufrichtung
tasya puṇyaphalaṃ vakṣye śṛṇuṣva susamāhitaḥ
dessen Verdienstfrucht will ich verkünden; höre wohlgesammelt zu

paṭo dhvajasya viprendra yāvaccalati vāyunā / tāvanti pāpajālāni naśyantyeva na saṃśayaḥ

So lange das Tuch der Fahne, o Bester der Brahmanen, sich im Wind bewegt, so viele Netze von Sünden werden fürwahr vernichtet – kein Zweifel.

Wort für Wort
paṭo dhvajasya viprendra yāvaccalati vāyunā /
so lange das Tuch der Fahne, o Bester der Brahmanen, sich im Wind bewegt
tāvanti pāpajālāni naśyantyeva na saṃśayaḥ
so viele Netze von Sünden werden fürwahr vernichtet – kein Zweifel

mahāpātakayukto vā yukto vā sarvapātakaiḥ / dhvajaṃ viṣṇugṛhe kṛtvā mucyate sarvapātakaiḥ

Selbst wer mit einer Todesünde behaftet ist, oder mit allen [Arten von] Sünden behaftet, wird, nachdem er im Hause Viṣṇus eine Fahne errichtet hat, von allen Sünden befreit.

Wort für Wort
mahāpātakayukto vā yukto vā sarvapātakaiḥ /
selbst wer mit einer Todesünde behaftet ist, oder mit allen Sünden behaftet
dhvajaṃ viṣṇugṛhe kṛtvā mucyate sarvapātakaiḥ
wird, nachdem er im Hause Viṣṇus eine Fahne errichtet hat, von allen Sünden befreit

yāvaddināni tiṣṭeta dhvajo viṣṇugṛhe dvija / tāvadyugasahasrāṇi harisārupyamaśnute

So viele Tage die Fahne im Hause Viṣṇus steht, o Zweimalgeborener, so viele tausend Weltzeitalter genießt er die Gleichgestalt mit Hari.

Wort für Wort
yāvaddināni tiṣṭeta dhvajo viṣṇugṛhe dvija /
so viele Tage die Fahne im Hause Viṣṇus steht, o Zweimalgeborener
tāvadyugasahasrāṇi harisārupyamaśnute
so viele tausend Weltzeitalter genießt er die Gleichgestalt mit Hari

āropitaṃ dhvajaṃ dṛṣṭvā ye 'bhinandanti dhārmikāḥ / te 'pi sarve pramucyante mahāpātakakoṭibhiḥ

Auch alle jene Frommen, die, die aufgerichtete Fahne erblickend, sich [darüber] freuen, werden von zehn Millionen Todesünden befreit.

Wort für Wort
āropitaṃ dhvajaṃ dṛṣṭvā ye 'bhinandanti dhārmikāḥ /
alle jene Frommen, die, die aufgerichtete Fahne erblickend, sich freuen
te 'pi sarve pramucyante mahāpātakakoṭibhiḥ
auch sie alle werden von zehn Millionen Todesünden befreit

āropito dhvajo viṣṇugṛhe dhunvanpaṭaṃ svakam / kartuḥ sarvāṇi pāpāni dhunoti nimiṣārddhataḥ

Die im Hause Viṣṇus aufgerichtete Fahne schüttelt, indem sie ihr eigenes Tuch schüttelt, alle Sünden ihres Stifters ab – binnen der Hälfte eines Augenblicks.

Wort für Wort
āropito dhvajo viṣṇugṛhe dhunvanpaṭaṃ svakam /
die im Hause Viṣṇus aufgerichtete Fahne, indem sie ihr eigenes Tuch schüttelt
kartuḥ sarvāṇi pāpāni dhunoti nimiṣārddhataḥ
schüttelt alle Sünden ihres Stifters ab, binnen der Hälfte eines Augenblicks

yastvā ropya gṛhe viṣṇordhvajaṃ nityamupācaret / sa devayānena divaṃ yātīva sumatirnṛpaḥ

Wer aber, nachdem er im Hause Viṣṇus eine Fahne aufgerichtet hat, sie beständig pflegt – der gelangt auf dem Götterpfad zum Himmel, ebenso wie König Sumati.

Wort für Wort
yastvā ropya gṛhe viṣṇordhvajaṃ nityamupācaret /
wer aber, nachdem er im Hause Viṣṇus eine Fahne aufgerichtet hat, sie beständig pflegt
sa devayānena divaṃ yātīva sumatirnṛpaḥ
der gelangt auf dem Götterpfad zum Himmel, ebenso wie König Sumati

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