Kapitel 59
Die sieben Windbahnen und Sanatkumāras Unterweisung Śukas in der Erlösungslehre
Kolophon ohne Beschreibungstitel; Kapiteltitel daher aus dem Inhalt formuliert. [Anm.: Wie im gesamten Kapitelbereich 56–61 dieses Projekts steht auch hier der eigentliche Schlusskolophon dieses Kapitels nicht an dessen Ende, sondern am Kopf der folgenden Quelldatei (Kapitel 60), mit der gegenüber der Projektzählung um eins erhöhten Sanskrit-Ordnungszahl „ṣaṣṭitama“ (60.); die im Kopf DIESER Datei stehende Kolophonzeile gehört spiegelbildlich zum vorangehenden 58. Kapitel.] Das Kapitel gliedert sich in zwei Teile: Zunächst belehrt Vyāsa seinen Sohn Śuka, veranlasst durch einen ungewöhnlich starken Wind, über die sieben Windbahnen (Prāṇa, Pravaha, Āvaha, Udvaha, Saṃvaha, Vivaha, Parivaha, Parīvaha) und ihre kosmische Funktion (V.1–38). Sodann erscheint der erhabene Sanatkumāra und unterweist Śuka in einer langen Lehrrede über Weltentsagung, die Vergänglichkeit des Leibes und der weltlichen Bindungen, die Sāṃkhya-Kategorien (die 17- bzw. 25-teilige Gruppe der Prinzipien) sowie den Weg zur Loslösung aus dem Kreislauf von Tat und Leid (V.39–94).
Sanandana sprach: Als die Brahmanen den Berg herabgestiegen waren, setzte sich Vyāsa, von seinem Sohn begleitet, schweigend, der Versenkung ergeben, der Kluge, abseits nieder.
Wort für Wort
avatīrṇeṣu vipreṣu
als die Brahmanen herabgestiegen waren
vyāsaḥ putrasahāyavān
Vyāsa, von seinem Sohn begleitet
tūṣṇīṃ dhyānaparo dhīmān
schweigend, der Versenkung ergeben, der Kluge
ekānte samupāviśat
setzte sich abseits nieder
[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext eine Kolophonzeile vorangestellt („iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge bṛhadupākhyāne ekonaṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ“), gefolgt von einer Trennlinie. Diese Zeile ist der versetzt überlieferte Schlusskolophon des vorangehenden 58. Kapitels; sie wurde im sa-Feld dokumentiert, jedoch nicht in die Übersetzung einbezogen.] [?: „yāsaḥ“ steht wohl für „vyāsaḥ“ (Vyāsa).]
Zu ihm, zu Vyāsa, der mit seinem Sohn zusammen war, sprach eine körperlose Stimme: ‚He, he, großer Seher, [Nachkomme des Vasiṣṭha], der Klang des Veda-Rezitierens erschallt nicht mehr!
Wort für Wort
tam uvācāśarīrī vāk
zu ihm sprach eine körperlose Stimme
vyāsaṃ putrasamanvitam
zu Vyāsa, mit dem Sohn zusammen
bho bho maharṣe bāsiṣṭha
he, he, großer Seher [Sohn des Vasiṣṭha]
brahmaghoṣo na vartate
der Klang der Veda-Rezitation erschallt nicht
[?: „bāsiṣṭha“ unsicher; vermutlich Anrede mit Bezug auf Vasiṣṭha-Abstammung oder Verschreibung; sinngemäß übersetzt.]
eko dhyānaparastūṣṇī kimāḥse cintayanniva / brahmaghoṣairvirahitaḥ parvato 'yaṃ na śobhate
Warum sitzt du allein, schweigend, der Versenkung ergeben, wie in Gedanken versunken? Dieser Berg erstrahlt nicht mehr, da er des Klangs der Veda-Rezitation beraubt ist.
tacchutvā vacanaṃ vyāso nabhovāṇīsamīritam / śukena saha putreṇa vedābhyāsamathākarot
Nachdem Vyāsa diese von der Himmelsstimme gesprochene Rede vernommen hatte, betrieb er darauf, zusammen mit seinem Sohn Śuka, die Übung des Veda-Rezitierens.
divyaṃ te cakṣurutpannaṃ svasthaṃ te niścalaṃ manaḥ / tamasā rajasā cāpi tyaktaḥ satye vyavasthitaḥ
‚Ein göttliches Auge ist dir entstanden, gesund und unerschütterlich ist dein Denken; frei von Tamas und auch von Rajas bist du in der Wahrheit gegründet.
Erkenne die Veden im eigenen Selbst und sinne selbst darüber nach: Es gibt den Pfad der Götter, den Weg Viṣṇus, sowie den Pfad der Ahnen, den von Tamas geprägten.
Die einzelnen Wirkweisen dieser Winde werde ich, so wie sie sind, verkünden: Bei den Lebewesen bewirkt der Wind von allen Seiten her je verschiedenes Tun.
Wort für Wort
pṛthakkarmāṇi teṣāṃ tu
die einzelnen Wirkweisen dieser aber
pravakṣyāmi yathā tathā
werde ich verkünden, so wie sie sind
prāṇināṃ sarvato vāyuś
bei den Lebewesen der Wind von allen Seiten
ceṣṭā vartayate pṛthak
bewirkt je verschiedenes Tun
[?: „pṛtharkkṃmāṇi“ unsicher, wohl „pṛthakkarmāṇi“ (die einzelnen Wirkweisen) gelesen.]
prathamaḥ prathame mārge pravaho nāma so 'nilaḥ / aṃbare snehamātrebhyastaḍidbhyaścottamadyutiḥ
Der erste, auf der ersten Bahn, ist jener Wind namens Pravaha; von ihm gehen am Himmel die bloßen Feuchtigkeitsteilchen aus, aus denen die Blitze von höchstem Glanz entstehen.
Wort für Wort
prathamaḥ prathame mārge
der erste, auf der ersten Bahn
pravaho nāma so 'nilaḥ
jener Wind namens Pravaha
aṃbare snehamātrebhyas
von den bloßen Feuchtigkeitsteilchen am Himmel
taḍidbhyaś cottamadyutiḥ
aus denen die Blitze von höchstem Glanz [entstehen]
[?: Zweiter Halbvers syntaktisch unsicher; sinngemäß auf die Entstehung der Blitze aus dem Pravaha-Wind bezogen.]
yoniraṃśusahasrasya yena yāti vasuṃdharām / yasmādāpyāyate somo nidhirdivyo 'mṛtasya ca
der der Ursprung der tausendstrahligen Sonne ist, durch den ihr Licht zur Erde gelangt; von dem der Mond genährt wird, der göttliche Hort auch des Nektars (Amṛta) –
Wort für Wort
yonir aṃśusahasrasya
der Ursprung der tausendstrahligen [Sonne]
yena yāti vasuṃdharām
durch den ihr Licht zur Erde gelangt
yasmād āpyāyate somo
von dem der Mond genährt wird
nidhir divyo 'mṛtasya ca
der göttliche Hort auch des Nektars
[?: Bezugsverhältnisse der Relativsätze unsicher, offenbar weiterhin auf den fünften Wind Vivaha bezogen.]
dessen Ordnung beide folgen, der Tod und der Sohn des Vivasvat [Yama]; wer mit rechter, prüfender Einsicht, mit friedvollem, stets auf das Selbst gerichtetem Sinn [ihn erkennt],
Wort für Wort
yasya dharme 'nuvartete
dessen Ordnung beide folgen
mṛtyur vaivasvatau ubhau
der Tod und der Sohn des Vivasvat, beide
samyag anvīkṣatā buddhyā
mit recht prüfender Einsicht
śāntayādhyātmanityayā
mit friedvollem, stets auf das Selbst gerichtetem Sinn
[?: „mṛtyuvevasvatāvubhau“ unsicher segmentiert, wohl „mṛtyur vaivasvatau ubhau“ gelesen.]
dhyānābhyāsābhirāmāṇāṃ yo 'mṛtatvāya kalpate / yaṃ samāsādya vegena diśāmantaṃ prapedire
der denen, die sich an der Übung der Versenkung erfreuen, zur Unsterblichkeit gereicht; ihn erreichend, gelangten manche mit seiner Geschwindigkeit zum Ende der Himmelsrichtungen –
‚Vor dem Wind [kommt] Furcht durch den Wind' – so wird gesagt; der Veda würde dadurch beeinträchtigt.' Nachdem der Herr, der Sohn des Parāśara [Vyāsa], diese Worte gesprochen hatte,
Wort für Wort
vāyor vāyubhayaṃ hy uktaṃ
vor dem Wind kommt Furcht durch den Wind, so wird gesagt
sprach er zu seinem Sohn: ‚Studiere weiter!', und ging sodann zur Himmels-Gaṅgā zum Baden. Darauf, als Vyāsa zum Baden gegangen war, betrieb Śuka, der Beste der Brahman-Kenner,
svādhyāyamakarodbrahmanvedavedāṅgapāragaḥ / tatra svādhyāyasaṃsaktaṃ śukaṃ vyāsasutaṃ mune
die eigene Rezitation, o Brahmane, er, der die Veden und Vedāṅgas bis zum Ende beherrschte. Dort kam zu Śuka, dem Sohn des Vyāsa, der der Rezitation hingegeben war, o Weiser,
Wort für Wort
svādhyāyam akarod brahman
die eigene Rezitation betrieb er, o Brahmane
vedavedāṅgapāragaḥ
der die Veden und Vedāṅgas bis zum Ende beherrschte
sanatkumāro bhagavānekānte samupāgataḥ / utthāya satkṛtastena brahmaputro hi kārṣṇinā
der erhabene Sanatkumāra, der sich ihm an einem einsamen Ort näherte. Der Sohn Brahmans [Sanatkumāra] wurde, nachdem er aufgestanden war, von ihm, dem Sohn des Kṛṣṇa[dvaipāyana], geehrt.
Śuka sprach: Ich bin mit der Rezitation beschäftigt, o Sohn Brahmans, jetzt hier befindlich; deinen Anblick habe ich durch irgendein gutes Werk erlangt.
Sanatkumāra sprach: Es gibt kein Auge, das dem Wissen gleicht; es gibt keine Askese, die dem Wissen gleicht. Es gibt kein Leid, das der Leidenschaft gleicht; es gibt kein Glück, das der Entsagung gleicht.
mānuṣyamasukhaṃ prāpya yaḥ sajjati sa muhyati / nālaṃ sa duḥkhamokṣāya saṃgo vai duḥkhalakṣaṇaḥ
Wer, nachdem er das schwer erlangbare Menschsein erlangt hat, daran hängt, der irrt; er ist nicht fähig zur Befreiung vom Leid, denn Anhaftung ist das Kennzeichen des Leidens.
Wort für Wort
mānuṣyam asukhaṃ prāpya
nachdem er das schwer erlangbare Menschsein erlangt hat
yaḥ sajjati sa muhyati
wer daran hängt, der irrt
nālaṃ sa duḥkhamokṣāya
er ist nicht fähig zur Befreiung vom Leid
saṃgo vai duḥkhalakṣaṇaḥ
denn Anhaftung ist das Kennzeichen des Leidens
[?: „asukhaṃ“ hier wohl im Sinne von „schwer erlangbar“, nicht „unglücklich“ verstanden – Doppeldeutigkeit im Original.]
sarvopāyena kāmasya krodhasya ca vinigrahaḥ / kāryaḥ śreyorthinā tau hi śreyoghātārthamudyatau
Mit allen Mitteln ist die Bezähmung von Begierde und Zorn von dem zu vollziehen, der nach dem Heil verlangt; denn diese beiden sind darauf aus, das Heil zu vernichten.
Wort für Wort
sarvopāyena kāmasya
mit allen Mitteln der Begierde
krodhasya ca vinigrahaḥ
und des Zorns Bezähmung
kāryaḥ śreyorthinā tau hi
ist zu vollziehen von dem, der nach dem Heil verlangt; denn diese beiden
nityaṃ krodhāttapo rakṣecchriyaṃ rakṣeñca matsarāt / vidyāṃ mānāvamānābhyāmātmānaṃ tu pramādataḥ
Beständig soll man die Askese vor dem Zorn schützen, und den Wohlstand vor dem Neid; das Wissen vor Ehre und Unehre, das Selbst aber vor der Unachtsamkeit.
Wort für Wort
nityaṃ krodhāt tapo rakṣec
beständig soll man die Askese vor dem Zorn schützen
ānṛśaṃsyaṃ paro dharmaḥ kṣamā ca paramaṃ balam / ātmajñānaṃ paraṃ jñānaṃ satyaṃ hi paramaṃ hitam
Gewaltlosigkeit (Mitleid) ist der höchste Dharma, und Geduld die höchste Kraft; Selbsterkenntnis ist das höchste Wissen, Wahrheit fürwahr das höchste Heil.
yena sarvaṃ parityaktaṃ sa vidvānsa ca paṇḍitaḥ / indriyairindriyārthebhyaścaratyātmavaśairiha
Wer alles aufgegeben hat, der ist der Wissende, der ist der Weise – wer hier, mit selbstbeherrschten Sinnen, sich nur soweit nötig den Sinnesobjekten zuwendet.
asajjamānaḥ śāntātmā nirvikāraḥ samāhitaḥ / ātmabhūtairatadbhūtaḥ saha caiva vinaiva ca
Unanhaftend, friedvollen Sinnes, unveränderlich, gesammelt; unter den zum Selbst gewordenen Wesen doch nicht selbst zu ihnen gehörig – sowohl mit ihnen als auch ohne sie.
Wort für Wort
asajjamānaḥ śāntātmā
unanhaftend, friedvollen Sinnes
nirvikāraḥ samāhitaḥ
unveränderlich, gesammelt
ātmabhūtair atadbhūtaḥ
unter den zum Selbst gewordenen Wesen, doch nicht selbst zu ihnen gehörig
saha caiva vinaiva ca
sowohl mit ihnen als auch ohne sie
[?: Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; sinngemäß als Beschreibung der Gleichmütigkeit des Erlösten gegenüber Gemeinschaft und Einsamkeit gedeutet.]
yasya bhūtaiḥ saha mune sa śreyo vindate mahat / na hiṃsyātsarvabhūtāni bhūtairmaitrāyaṇaścaret
– wer solches gegenüber den Wesen übt, o Weiser, der erlangt das große Heil. Man soll keinem Wesen Schaden zufügen, sondern mit den Wesen in Freundschaft wandeln.
Man soll, nachdem man diese Geburt erlangt hat, gegen niemanden Feindschaft hegen; Besitzlosigkeit, rechte Zufriedenheit, Wunschlosigkeit und Freiheit von Unbeständigkeit seien das Ziel.
Wort für Wort
nedaṃ janma samāsādya
nachdem man diese Geburt erlangt hat, nicht
vairaṃ kurvīta kena cit
soll man gegen irgendjemanden Feindschaft hegen
ākiñcanyaṃ susaṃtoṣo
Besitzlosigkeit, rechte Zufriedenheit
nirāśiṣṭvam acāpalam
Wunschlosigkeit, Freiheit von Unbeständigkeit
[?: Aufzählung im zweiten Halbvers elliptisch, ohne eigenes regierendes Verb.]
Dies, so sagt man, ist das höchste Heil des Selbsterkennenden, des sich selbst Bezwungenen. Gib den Besitz auf und werde, mein Lieber, ein Bezähmer der Sinne.
Wort für Wort
etad āhuḥ paraṃ śreya
dies, so sagt man, ist das höchste Heil
ātmajñasya jitātmanaḥ
des Selbsterkennenden, des sich selbst Bezwungenen
Nachdem du den Wunsch aufgegeben hast, o Sanfter, wirst du von der Fülle des Leids befreit werden – durch beständige Askese, gezähmt, als Muni, gebändigten Sinnes,
Wort für Wort
parityajyāśiṣaṃ saumya
nachdem du den Wunsch aufgegeben hast, o Sanfter
duḥkhagrāmād vimokṣyase
wirst du von der Fülle des Leids befreit werden
taponityena dāntena
durch beständige Askese, gezähmt
muninā saṃyatātmanā
als Muni, gebändigten Sinnes
[?: „taparonityena“ wohl für „tapo-nityena“ (durch beständige Askese) gelesen; syntaktischer Anschluss zu V58 fließend.]
sollst du werden, der das Unbezwungene bezwingen will, unangehaftet inmitten der Anhaftungen; nicht gebunden an die Bindungen an die Sinnes-Eigenschaften, beständig der Einsamkeit hingegeben.
Wort für Wort
ajitaṃ jetukāmena
der das Unbezwungene bezwingen will
bhāvyaṃ saṃgeṣv asaṃginā
sollst du werden, unangehaftet inmitten der Anhaftungen
guṇasaṃgeṣv anāsakta
an die Bindungen an die Eigenschaften nicht gebunden
brāhmaṇo na cirādeva sukhamāyātyanuttamam / dvandvārāmeṣu bhūteṣu varāko ramate muniḥ
So gelangt der Brahmane in Kürze zum höchsten Glück; nur der [noch unvollkommene] Weise findet Gefallen an den Wesen, die sich an den Gegensatzpaaren erfreuen.
Wort für Wort
brāhmaṇo na cirād eva
der Brahmane, in Kürze
sukham āyāty anuttamam
gelangt zum höchsten Glück
dvandvārāmeṣu bhūteṣu
an den Wesen, die sich an den Gegensatzpaaren erfreuen
varāko ramate muniḥ
findet der [unvollkommene] Weise Gefallen
[?: „varāko“ (elend, bedauernswert) bezieht sich hier wohl ironisch auf einen unvollkommenen Weisen, der noch an weltlichen Gegensätzen hängt.]
kiñcinprajñānatṛpto 'sau jñānatṛpto na śocati / śubhairlabheta devatvaṃ vyāmiśrairjanma mānuṣam
Wer gänzlich durch Erkenntnis-Weisheit gesättigt ist, der durch Wissen Gesättigte, trauert nicht. Durch gute Taten erlangt man Göttlichkeit, durch gemischte Taten die menschliche Geburt,
Wort für Wort
kiñcit prajñānatṛpto 'sau
wer gänzlich durch Erkenntnis-Weisheit gesättigt ist
jñānatṛpto na śocati
der durch Wissen Gesättigte trauert nicht
śubhair labheta devatvaṃ
durch gute Taten erlangt man Göttlichkeit
vyāmiśrair janma mānuṣam
durch gemischte Taten die menschliche Geburt
[?: „kiñcin“ hier adverbial i.S.v. „gänzlich, völlig“ verstanden, nicht „ein wenig“.]
versunken im Schlammozean des Lebensteiches, wie gealterte Waldelefanten. Schaue die vom Netz der Verblendung fortgerissenen Wesen, überaus leidgeplagt,
Familie, Söhne und Gattin, der Leib, die angehäuften Güter – all dies gehört einem anderen und ist unbeständig; was ist wirklich das Eigene außer guten und schlechten Taten?
vidyā karma ca śauryaṃ ca jñānaṃ ca bahuvistaram / arthārthamanuśīryante siddhārthastu vimucyate
Wissen, Tat, Tapferkeit und weitausgebreitete Erkenntnis – all dies zerfällt letztlich um des rechten Zieles willen; wer sein Ziel erreicht hat, wird ganz befreit.
Wort für Wort
vidyā karma ca śauryaṃ ca
Wissen, Tat und Tapferkeit
jñānaṃ ca bahuvistaram
und weitausgebreitete Erkenntnis
arthārtham anuśīryante
zerfallen hin um des Zieles willen
siddhārthas tu vimucyate
wer aber sein Ziel erreicht hat, wird befreit
[?: „arthārthamanuśīryante“ syntaktisch schwierig, sinngemäß als „vergehen/verfallen letztlich hin zum höheren Ziel“ gedeutet.]
Ein bindender Strick ist dies: die Freude dessen, der im Dorf (in der Welt) wohnt. Nachdem sie dies durchschnitten haben, gehen die Tugendhaften ihren Weg; die Übeltäter aber durchschneiden es nicht.
Wort für Wort
nibandhinī rajjur eṣā
ein bindender Strick ist dies
yā grāme vasato ratiḥ
die Freude dessen, der im Dorf wohnt
chitvainaṃ sukṛto yānti
nachdem sie dies durchschnitten haben, gehen die Tugendhaften
tulyajātivayorūpān hṛtānpasyasi mṛtyunā / na ca nāmāsti nirvedo lohaṃ hi hṛdayaṃ tava
Du siehst Menschen von gleicher Geburt, gleichem Alter, gleicher Gestalt, vom Tod dahingerafft – und doch entsteht in dir keine Ernüchterung; Eisen fürwahr ist dein Herz.
Diesen Strom des Geistes, dessen Ufer die äußere Gestalt ist, dessen Insel die Berührung, die den Geschmack mit sich führt, dessen Schlamm der Geruch, dessen Wasser der Klang ist, schwer zu besteigen auf dem Weg zum Himmel –
Wort für Wort
rūpakūlāṃ manaḥsrotāṃ
den Strom des Geistes, dessen Ufer die Gestalt ist
sparśadvīpāṃ rasāvahām
dessen Insel die Berührung, der den Geschmack mit sich führt
gandhapaṅkāṃ śabdajalāṃ
dessen Schlamm der Geruch, dessen Wasser der Klang ist
svargamārgadurāruhām
schwer zu besteigen auf dem Weg zum Himmel
[?: V.74–75 bilden eine zusammenhängende Flussmetapher (Ufer, Insel, Schlamm, Wasser des ‚Stroms des Geistes'), deren tragendes Substantiv „nadī“ (Fluss) erst in V.75 mit „nadīṃ taret“ erscheint; hier daher vorausdeutend übersetzt.]
– diesen Fluss soll man mit dem Boot der Erkenntnis überqueren, mit dem Ruder der Geduld, ganz aus Wahrheit bestehend, Beständigkeit im Dharma bewirkend, durch den Wind der Entsagung rasch dahinfahrend.
Wort für Wort
kṣamāritrāṃ satyamayīṃ
mit dem Ruder der Geduld, ganz aus Wahrheit bestehend
dharmasthairyakarākarām
Beständigkeit im Dharma bewirkend
tyāgavātādhvagāṃ śīghrāṃ
durch den Wind der Entsagung dahinfahrend, rasch
buddhināvaṃ nadīṃ taret
das Boot der Erkenntnis, den Fluss soll man überqueren
tyaktvā dharmamadharmaṃ ca hyubhe satyānṛte tyaja / tyaja dharmamasaṃkalpādadharmaṃ cāpyahiṃsayā
Nachdem du Dharma und Adharma [in ihrer äußeren Form] aufgegeben hast, gib auch beide, Wahrheit und Unwahrheit, auf; gib den Dharma durch Nicht-Ergreifen auf, und den Adharma durch Gewaltlosigkeit.
Wort für Wort
tyaktvā dharmam adharmaṃ ca
nachdem du Dharma und Adharma aufgegeben hast
hy ubhe satyānṛte tyaja
gib auch beide, Wahrheit und Unwahrheit, auf
tyaja dharmam asaṃkalpād
gib den Dharma durch Nicht-Ergreifen auf
adharmaṃ cāpy ahiṃsayā
und den Adharma auch durch Gewaltlosigkeit
[?: Die paradoxe Formulierung „tyaktvā dharmam adharmaṃ ca“ meint wohl die Überwindung der Dualität von Recht und Unrecht auf der höchsten Stufe der Erkenntnis, wie die folgenden Verse ausführen.]
beide, Wahrheit und Unwahrheit, gib mit dem Verstand, durch höchste Gewissheit, auf. Erkenne diesen Leib als mit Knochen abgestützt, mit Sehnen versehen, mit Fleisch und Blut überzogen,
Wort für Wort
ubhe satyānṛte buddhyā
beide, Wahrheit und Unwahrheit, mit dem Verstand
paramaniścayāt [tyaja]
durch höchste Gewissheit [gib auf]
asthisthūṇaṃ snāyuyutaṃ
mit Knochen abgestützt, mit Sehnen versehen
māṃsaśoṇitalepanam
mit Fleisch und Blut überzogen
[?: Erster Halbvers elliptisch, das Verb (wohl aus V76 fortwirkend „tyaja“) fehlt im Quelltext und wurde sinngemäß ergänzt.]
Diese aus fünfundzwanzig Prinzipien bestehende Gruppe besteht aus dem Offenbaren und dem Unoffenbaren; das mit all diesen Verbundene wird als unbeständig bezeichnet.
trivargo 'tra sukhaṃ duḥkha jīvitaṃ maraṇaṃ tathā / ya idaṃ veda tattvena sasa veda prabhavāpyayau
Die drei Lebensziele (Dharma, Artha, Kāma), Glück und Leid, Leben und ebenso Tod – wer dies der Wahrheit gemäß erkennt, der kennt wahrlich Entstehen und Vergehen.
Wort für Wort
trivargo 'tra sukhaṃ duḥkham
die drei Ziele hier, Glück und Leid
jīvitaṃ maraṇaṃ tathā
Leben und ebenso Tod
ya idaṃ veda tattvena
wer dies der Wahrheit gemäß erkennt
sa veda prabhavāpyayau
der kennt Entstehen und Vergehen
[?: „sasa veda“ – Dittographie von „sa“ im Quelltext; nur einmal übersetzt.]
Was auch immer von den Sinnen erfasst wird, das wird ‚offenbar' genannt; das aber, was durch Kennzeichen erfassbar und jenseits der Sinne ist, ist als ‚unoffenbar' zu erkennen.
Wort für Wort
indriyair gṛhyate yad yat
was auch immer von den Sinnen erfasst wird
tad vyaktam abhidhīyate
das wird ‚offenbar' genannt
avyaktam atha taj jñeyaṃ
das ‚Unoffenbare' aber ist als das zu erkennen
liṅgagrāhyam atīndriyam
was durch Kennzeichen erfassbar und jenseits der Sinne ist
Durch die gezügelten Sinne wird der Verkörperte gleichsam durch Ströme von Eindrücken gesättigt; er sieht das in der Welt Angeordnete als Selbst und die Welt im Selbst.
gibt es für den, der zum Brahman geworden ist, keine Verbindung mit dem Unheilvollen mehr. Durch das Wissen erfolgt die Loslösung von den mannigfachen, aus dem Leib entstehenden Leiden,
Wort für Wort
brahmabhūtasya saṃyogo
für den, der zum Brahman geworden ist, eine Verbindung
nāśubhenopapadyate
mit dem Unheilvollen gibt es nicht
jñānena vividhāt kleśān
durch Wissen von den mannigfachen Leiden
na nivṛttiś ca dehajāt
und die Loslösung von den leibbürtigen [Leiden erfolgt]
lokabuddhiprakāśena lokamārgo na riṣyati / anādinidhanaṃ jantumātmani sthitamavyayam
durch das Licht der Welterkenntnis geht der Weltenlauf nicht zugrunde. Wer erkennt, dass das im Selbst wohnende, unwandelbare Lebewesen ohne Anfang und Ende ist,
Wort für Wort
lokabuddhiprakāśena
durch das Licht der Welterkenntnis
lokamārgo na riṣyati
geht der Weltenlauf nicht zugrunde
anādinidhanaṃ jantum
das Lebewesen ohne Anfang und Ende
ātmani sthitam avyayam
im Selbst wohnend, unwandelbar
[?: Übergang V87–89 elliptisch; das regierende Verb (etwa „erkennt“) wurde aus dem Kontext von V89 sinngemäß ergänzt.]
akartāramamūḍhaṃ ca bhagavānāha tīrtavit / yo jantuḥ svakṛtaistaistaiḥ karmabhirnityaduḥkhitaḥ
handlungslos und unverblendet – dies erklärt der Erhabene, der die rechte Furt Kennende. Anders ist es beim Lebewesen, das durch seine je eigenen Taten beständig leidgeplagt ist,
und leidet dadurch abermals, wie ein Kranker, der Unzuträgliches gegessen hat; unablässig, noch fern vom Ende der Verblendung, hält es das Leid für Glück,
vadhyate tapyate caiva bhayavatyarmabhiḥ sadā / tato nivṛtto bandhātsvātkarmaṇāmudayādiha
wird getötet und leidet beständig durch die furchterregenden Taten; wer sich aber davon abwendet, von der Bindung, die aus dem eigenen Entstehen der Taten herrührt, hier,
Wort für Wort
vadhyate tapyate caiva
wird getötet und leidet
bhayavadbhiḥ karmabhiḥ sadā
beständig durch die furchterregenden Taten
tato nivṛtto bandhāt
wer aber sich davon abwendet, von der Bindung
svāt karmaṇām udayād iha
die aus dem eigenen Entstehen der Taten herrührt, hier
[?: „bhayavatyarmabhiḥ“ unsicher segmentiert, wohl „bhayavadbhiḥ karmabhiḥ“ gelesen.]
paribhramati saṃsāre cakravadbāhuvarjitaḥ / saṃyamena ca saṃbandhānnivṛttyā tapaso balāt
– wer diesem, das sonst umherirrt im Saṃsāra wie ein Rad ohne stützenden Arm, entgeht – durch Selbstbeherrschung, durch Loslösung von den Bindungen, durch die Kraft der Askese,