Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 59 Die sieben Windbahnen und Sanatkumāras Unterweisung Śukas in der Erlösungslehre

Kolophon ohne Beschreibungstitel; Kapiteltitel daher aus dem Inhalt formuliert. [Anm.: Wie im gesamten Kapitelbereich 56–61 dieses Projekts steht auch hier der eigentliche Schlusskolophon dieses Kapitels nicht an dessen Ende, sondern am Kopf der folgenden Quelldatei (Kapitel 60), mit der gegenüber der Projektzählung um eins erhöhten Sanskrit-Ordnungszahl „ṣaṣṭitama“ (60.); die im Kopf DIESER Datei stehende Kolophonzeile gehört spiegelbildlich zum vorangehenden 58. Kapitel.] Das Kapitel gliedert sich in zwei Teile: Zunächst belehrt Vyāsa seinen Sohn Śuka, veranlasst durch einen ungewöhnlich starken Wind, über die sieben Windbahnen (Prāṇa, Pravaha, Āvaha, Udvaha, Saṃvaha, Vivaha, Parivaha, Parīvaha) und ihre kosmische Funktion (V.1–38). Sodann erscheint der erhabene Sanatkumāra und unterweist Śuka in einer langen Lehrrede über Weltentsagung, die Vergänglichkeit des Leibes und der weltlichen Bindungen, die Sāṃkhya-Kategorien (die 17- bzw. 25-teilige Gruppe der Prinzipien) sowie den Weg zur Loslösung aus dem Kreislauf von Tat und Leid (V.39–94).

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge bṛhadupākhyāne ekonaṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ sanadana uvāca avatīrṇeṣu vipreṣu yāsaḥ putrasahāyavān / tūrṣṇīṃ dhyānaparo dhīmānekānte samupāviśat

Sanandana sprach: Als die Brahmanen den Berg herabgestiegen waren, setzte sich Vyāsa, von seinem Sohn begleitet, schweigend, der Versenkung ergeben, der Kluge, abseits nieder.

Wort für Wort
avatīrṇeṣu vipreṣu
als die Brahmanen herabgestiegen waren
vyāsaḥ putrasahāyavān
Vyāsa, von seinem Sohn begleitet
tūṣṇīṃ dhyānaparo dhīmān
schweigend, der Versenkung ergeben, der Kluge
ekānte samupāviśat
setzte sich abseits nieder

[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext eine Kolophonzeile vorangestellt („iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge bṛhadupākhyāne ekonaṣaṣṭitamo 'dhyāyaḥ“), gefolgt von einer Trennlinie. Diese Zeile ist der versetzt überlieferte Schlusskolophon des vorangehenden 58. Kapitels; sie wurde im sa-Feld dokumentiert, jedoch nicht in die Übersetzung einbezogen.] [?: „yāsaḥ“ steht wohl für „vyāsaḥ“ (Vyāsa).]

tamuvācāśarī rī vāk vyāsaṃ putrasamanvitam / bho bho maharṣe bāsiṣṭha brahmaghoṣo na vartate

Zu ihm, zu Vyāsa, der mit seinem Sohn zusammen war, sprach eine körperlose Stimme: ‚He, he, großer Seher, [Nachkomme des Vasiṣṭha], der Klang des Veda-Rezitierens erschallt nicht mehr!

Wort für Wort
tam uvācāśarīrī vāk
zu ihm sprach eine körperlose Stimme
vyāsaṃ putrasamanvitam
zu Vyāsa, mit dem Sohn zusammen
bho bho maharṣe bāsiṣṭha
he, he, großer Seher [Sohn des Vasiṣṭha]
brahmaghoṣo na vartate
der Klang der Veda-Rezitation erschallt nicht

[?: „bāsiṣṭha“ unsicher; vermutlich Anrede mit Bezug auf Vasiṣṭha-Abstammung oder Verschreibung; sinngemäß übersetzt.]

eko dhyānaparastūṣṇī kimāḥse cintayanniva / brahmaghoṣairvirahitaḥ parvato 'yaṃ na śobhate

Warum sitzt du allein, schweigend, der Versenkung ergeben, wie in Gedanken versunken? Dieser Berg erstrahlt nicht mehr, da er des Klangs der Veda-Rezitation beraubt ist.

Wort für Wort
eko dhyānaparas tūṣṇī
allein, der Versenkung ergeben, schweigend
kim āsse cintayann iva
warum sitzt du, wie in Gedanken versunken
brahmaghoṣair virahitaḥ
des Klangs der Veda-Rezitation beraubt
parvato 'yaṃ na śobhate
dieser Berg erstrahlt nicht

tasmādadhīṣva bhagavansārddha putreṇa dhīmatā / vedānvedavidā caiva suprasannamanāḥ sadā

Darum studiere, o Herr, zusammen mit deinem klugen Sohn die Veden, du, der du den Veda kennst, allzeit heiteren Sinnes.'

Wort für Wort
tasmād adhīṣva bhagavan
darum studiere, o Herr
sārdhaṃ putreṇa dhīmatā
zusammen mit dem klugen Sohn
vedān vedavidā caiva
die Veden, du, der du den Veda kennst
suprasannamanāḥ sadā
allzeit heiteren Sinnes

tacchutvā vacanaṃ vyāso nabhovāṇīsamīritam / śukena saha putreṇa vedābhyāsamathākarot

Nachdem Vyāsa diese von der Himmelsstimme gesprochene Rede vernommen hatte, betrieb er darauf, zusammen mit seinem Sohn Śuka, die Übung des Veda-Rezitierens.

Wort für Wort
tac chrutvā vacanaṃ vyāso
nachdem Vyāsa diese Rede vernommen hatte
nabhovāṇīsamīritam
die von der Himmelsstimme geäußerte
śukena saha putreṇa
zusammen mit seinem Sohn Śuka
vedābhyāsam athākarot
betrieb er darauf die Übung des Veda

tayorabhyasatorevaṃ bahukālaṃ dvijottama / vāto 'timātraṃ pravavau samudrānilavījitaḥ

Während die beiden so lange Zeit übten, o Bester der Zweimalgeborenen, wehte übermäßig stark ein Wind, vom Meereswind angefacht.

Wort für Wort
tayor abhyasator evaṃ
während die beiden so übten
bahukālaṃ dvijottama
lange Zeit, o Bester der Zweimalgeborenen
vāto 'timātraṃ pravavau
ein Wind wehte übermäßig stark
samudrānilavījitaḥ
vom Meereswind angefacht

tato 'nadhyāya iti taṃ vyāsaḥ putramavārayat / śuko vāritamātrastu kautūhalasamanvitaḥ

Darauf hielt Vyāsa seinen Sohn mit den Worten ‚Zeit des Anadhyāya (Studienverbots)' zurück. Śuka aber, kaum zurückgehalten, von Neugier erfüllt,

Wort für Wort
tato 'nadhyāya iti taṃ
darauf mit ‚[Zeit des] Anadhyāya'
vyāsaḥ putram avārayat
hielt Vyāsa den Sohn zurück
śuko vāritamātras tu
Śuka aber, kaum zurückgehalten
kautūhalasamanvitaḥ
von Neugier erfüllt

apṛcchatpitaraṃ tatra kuto vāyurabhūdayam / ākhyātumarhati bhavānsarvaṃ vāyorvicaiṣṭitam

fragte da seinen Vater: ‚Woher ist dieser Wind entstanden? Du mögest mir das ganze Wirken des Windes darlegen.'

Wort für Wort
apṛcchat pitaraṃ tatra
er fragte da den Vater
kuto vāyur abhūd ayam
woher ist dieser Wind entstanden
ākhyātum arhati bhavān
du mögest darlegen
sarvaṃ vāyor vicaiṣṭitam
das ganze Wirken des Windes

śukasyaitadvacaḥ śrutvā vyāsaḥ paramavismitaḥ / anadhyāyanimitta'sminnidaṃ vacanaṃ mabravīt

Als er diese Rede Śukas gehört hatte, sprach Vyāsa, höchlich erstaunt, angesichts dieses Anlasses des Anadhyāya folgende Worte:

Wort für Wort
śukasyaitad vacaḥ śrutvā
nachdem er diese Rede Śukas gehört hatte
vyāsaḥ paramavismitaḥ
Vyāsa, höchlich erstaunt
anadhyāyanimitte 'smin
angesichts dieses Anlasses des Anadhyāya
idaṃ vacanam abravīt
sprach er folgende Worte

[?: „mabravīt“ wohl für „abravīt“ (sprach) verlesen.]

divyaṃ te cakṣurutpannaṃ svasthaṃ te niścalaṃ manaḥ / tamasā rajasā cāpi tyaktaḥ satye vyavasthitaḥ

‚Ein göttliches Auge ist dir entstanden, gesund und unerschütterlich ist dein Denken; frei von Tamas und auch von Rajas bist du in der Wahrheit gegründet.

Wort für Wort
divyaṃ te cakṣur utpannaṃ
ein göttliches Auge ist dir entstanden
svasthaṃ te niścalaṃ manaḥ
gesund und unerschütterlich dein Denken
tamasā rajasā cāpi
von Tamas und auch von Rajas
tyaktaḥ satye vyavasthitaḥ
befreit, in der Wahrheit gegründet

tasyātmani svayaṃ vedānbuddhvā samanucintaya / devayānacaro viṣṇoḥ pitṛyānaśca tāmasaḥ

Erkenne die Veden im eigenen Selbst und sinne selbst darüber nach: Es gibt den Pfad der Götter, den Weg Viṣṇus, sowie den Pfad der Ahnen, den von Tamas geprägten.

Wort für Wort
tasyātmani svayaṃ vedān
die Veden im eigenen Selbst
buddhvā samanucintaya
erkenne und sinne darüber nach
devayānacaro viṣṇoḥ
der Pfad der Götter, der Viṣṇus
pitṛyānaś ca tāmasaḥ
und der Pfad der Ahnen, der von Tamas geprägte

dvāvetau pratyayaṃ yātau divaṃ cādhaśca gacchataḥ / pithivyāmantarikṣe ca yataḥ saṃyānti vāyavaḥ

Diese beiden Pfade, zur Gewissheit gelangt, führen himmelwärts und abwärts; von der Erde und im Luftraum, von wo aus die Winde ihren Lauf nehmen –

Wort für Wort
dvāv etau pratyayaṃ yātau
diese beiden, zur Gewissheit gelangt
divaṃ cādhaś ca gacchataḥ
führen himmelwärts und abwärts
pṛthivyām antarikṣe ca
auf der Erde und im Luftraum
yataḥ saṃyānti vāyavaḥ
von wo aus die Winde ihren Lauf nehmen

sapta te vāyumārgā vai tānnibodhānupūrvaśaḥ / tatra devagaṇāḥ sādhyāḥ samabhūvanmahābalāḥ

sieben sind wahrlich die Windbahnen; vernimm sie der Reihe nach. Dort entstanden die Scharen der Sādhya-Götter, von großer Kraft.

Wort für Wort
sapta te vāyumārgā vai
sieben sind wahrlich die Windbahnen
tān nibodhānupūrvaśaḥ
vernimm sie der Reihe nach
tatra devagaṇāḥ sādhyāḥ
dort die Scharen der Sādhya-Götter
samabhūvan mahābalāḥ
entstanden, von großer Kraft

teṣāmapyabhavatputraḥ samāno nāma durjayaḥ / udānastasya putro 'bhūvdyānastasyābhavatsutaḥ

Von ihnen entstand ein Sohn mit Namen Samāna, unbesiegbar; dessen Sohn war Udāna, und dessen Sohn wiederum war Vyāna.

Wort für Wort
teṣām apy abhavat putraḥ
von ihnen entstand ein Sohn
samāno nāma durjayaḥ
mit Namen Samāna, unbesiegbar
udānas tasya putro 'bhūt
Udāna war dessen Sohn
vyānas tasyābhavat sutaḥ
Vyāna war dessen Sohn

[?: „udānastasya putro 'bhūvdyānastasyābhavatsutaḥ“ unsicher segmentiert, gelesen als „udānas tasya putro 'bhūt, vyānas tasyābhavat sutaḥ“.]

apānaśca tato jajñe prāṇaścāpi tataḥ param / anapatyo 'bhavatprāṇo durddharṣaḥ śatrumardanaḥ

Und daraus wurde Apāna geboren, und danach auch Prāṇa. Prāṇa aber blieb kinderlos, unbezwingbar, ein Zermalmer der Feinde.

Wort für Wort
apānaś ca tato jajñe
und Apāna wurde daraus geboren
prāṇaś cāpi tataḥ param
und danach auch Prāṇa
anapatyo 'bhavat prāṇo
Prāṇa aber blieb kinderlos
durdharṣaḥ śatrumardanaḥ
unbezwingbar, ein Zermalmer der Feinde

pṛtharkkṃmāṇi teṣāṃ tu pravakṣyāmi yathā tathā / prāṇināṃ sarvato vāyuśceṣṭā vartayate pṛthak

Die einzelnen Wirkweisen dieser Winde werde ich, so wie sie sind, verkünden: Bei den Lebewesen bewirkt der Wind von allen Seiten her je verschiedenes Tun.

Wort für Wort
pṛthakkarmāṇi teṣāṃ tu
die einzelnen Wirkweisen dieser aber
pravakṣyāmi yathā tathā
werde ich verkünden, so wie sie sind
prāṇināṃ sarvato vāyuś
bei den Lebewesen der Wind von allen Seiten
ceṣṭā vartayate pṛthak
bewirkt je verschiedenes Tun

[?: „pṛtharkkṃmāṇi“ unsicher, wohl „pṛthakkarmāṇi“ (die einzelnen Wirkweisen) gelesen.]

prīṇanāñcaiva sarveṣāṃ prāṇa ityabhidhīyate / preṣayatyabhrasaṃghātāndhūmajāṃścoṣmajāṃstathā

Weil er alle Lebewesen erquickt, wird er ‚Prāṇa' genannt. Er treibt die Wolkenmassen an, die aus Rauch und ebenso die aus Hitze entstandenen,

Wort für Wort
prīṇanāñ caiva sarveṣāṃ
weil er alle erquickt
prāṇa ity abhidhīyate
wird er ‚Prāṇa' genannt
preṣayaty abhrasaṃghātān
er treibt die Wolkenmassen an
dhūmajāṃś coṣmajāṃs tathā
die aus Rauch und ebenso die aus Hitze entstandenen

prathamaḥ prathame mārge pravaho nāma so 'nilaḥ / aṃbare snehamātrebhyastaḍidbhyaścottamadyutiḥ

Der erste, auf der ersten Bahn, ist jener Wind namens Pravaha; von ihm gehen am Himmel die bloßen Feuchtigkeitsteilchen aus, aus denen die Blitze von höchstem Glanz entstehen.

Wort für Wort
prathamaḥ prathame mārge
der erste, auf der ersten Bahn
pravaho nāma so 'nilaḥ
jener Wind namens Pravaha
aṃbare snehamātrebhyas
von den bloßen Feuchtigkeitsteilchen am Himmel
taḍidbhyaś cottamadyutiḥ
aus denen die Blitze von höchstem Glanz [entstehen]

[?: Zweiter Halbvers syntaktisch unsicher; sinngemäß auf die Entstehung der Blitze aus dem Pravaha-Wind bezogen.]

āvaho nāma so 'bhyeti dvitīyaḥ śvasano nadan / udayaṃ jyotiṣāṃ śaśvatsomādīnāṃ karoti yaḥ

Der zweite, brausend wehende, tritt herbei mit Namen Āvaha, der beständig den Aufgang der Gestirne, des Mondes und der anderen, bewirkt.

Wort für Wort
āvaho nāma so 'bhyeti
er tritt herbei mit Namen Āvaha
dvitīyaḥ śvasano nadan
der zweite, brausend wehend
udayaṃ jyotiṣāṃ śaśvat
beständig den Aufgang der Gestirne
somādīnāṃ karoti yaḥ
des Mondes und der anderen bewirkt er

antardeheṣu codānaṃ yaṃ vadanti manīṣiṇaḥ / yaścaturbhyaḥ samudrebhyo vāyurddhārayate jalam

– den man in den Leibern als Udāna bezeichnet, so sagen die Weisen –, der Wind, der das Wasser aus den vier Ozeanen hält,

Wort für Wort
antardeheṣu codānaṃ
in den Leibern als Udāna
yaṃ vadanti manīṣiṇaḥ
den die Weisen bezeichnen
yaś caturbhyaḥ samudrebhyo
der aus den vier Ozeanen
vāyur dhārayate jalam
der Wind, das Wasser hält

[?: Zusammenhang mit V19 unsicher; die Erwähnung des „Udāna“ scheint hier eingeschoben, evtl. Bezug auf eine weitere Windfunktion.]

uddhṛtya dadate cāpo jīmūtebhyo vane 'nilaḥ / yo 'ddhiḥ saṃyojya jīmūtānparjanyāya prayacchatī

und, es emporhebend, das Wasser den Wolken übergibt, dieser Wind; der, das Wasser mit den Wolken verbindend, es dem Regengott (Parjanya) darreicht,

Wort für Wort
uddhṛtya dadate cāpo
es emporhebend, gibt er das Wasser
jīmūtebhyo vane 'nilaḥ
den Wolken, der Wind
yo 'ddhiḥ saṃyojya jīmūtān
der, das Wasser mit den Wolken verbindend
parjanyāya prayacchati
es dem Parjanya darreicht

udvaho nāma baṃhiṣṭhastṛtīyaḥ sa sadāgatiḥ / saṃnīyamānā bahudhā yena nīlā mahāghanāḥ

er, der dritte, sehr kräftig, immer in Bewegung, wird Udvaha genannt; durch ihn werden die dunklen, gewaltigen Wolken vielfach zusammengetrieben,

Wort für Wort
udvaho nāma baṃhiṣṭhas
Udvaha genannt, sehr kräftig
tṛtīyaḥ sa sadāgatiḥ
der dritte, immer in Bewegung
saṃnīyamānā bahudhā
vielfach zusammengetrieben werden
yena nīlā mahāghanāḥ
durch ihn die dunklen, gewaltigen Wolken

varṣamokṣakṛtāraṃbhāste bhavanti ghanāghanāḥ / yo 'sau vahati devānāṃ vimānāni vihāyasā

sie, deren Beginnen auf das Entlassen des Regens gerichtet ist, werden zu Regenwolken; er, der die Himmelswagen der Götter durch die Luft trägt,

Wort für Wort
varṣamokṣakṛtāraṃbhās
deren Beginnen auf das Entlassen des Regens gerichtet ist
te bhavanti ghanāghanāḥ
sie werden zu Regenwolken
yo 'sau vahati devānāṃ
er, der der Götter
vimānāni vihāyasā
Himmelswagen durch die Luft trägt

caturthaḥ saṃvaho nāma vāyuḥ sa girimardanaḥ / yena vegavatā rugṇāḥ kriyante tarujā rasāḥ

der vierte Wind heißt Saṃvaha, ein Bergezermalmer; durch ihn, den heftigen, werden die aus den Bäumen stammenden Säfte zum Fließen gebracht.

Wort für Wort
caturthaḥ saṃvaho nāma
der vierte, Saṃvaha genannt
vāyuḥ sa girimardanaḥ
der Wind, ein Bergezermalmer
yena vegavatā rugṇāḥ
durch ihn, den heftigen, gebrochen
kriyante tarujā rasāḥ
werden die aus Bäumen stammenden Säfte

pañcamaḥ sa mahāvego vivaho nāma mārutaḥ / yasminpariplave divyā vahṝntyāpo vihāyasā

Der fünfte, von großer Geschwindigkeit, ist der Windgott namens Vivaha; in dessen Strömung die göttlichen Wasser durch die Luft dahingetragen werden,

Wort für Wort
pañcamaḥ sa mahāvego
der fünfte, von großer Geschwindigkeit
vivaho nāma mārutaḥ
der Windgott namens Vivaha
yasmin pariplave divyā
in dessen Strömung die göttlichen
vahanty āpo vihāyasā
Wasser durch die Luft getragen werden

puṇyaṃ cākāśagaṅgāyāstoyaṃ tiṣṭati tiṣṭati / dūrātpratihato yasminnekaraśmirdivākaraḥ

und das heilige Wasser der Himmels-Gaṅgā dort verharrt, ja verharrt; in dem von ferne die einstrahlige Sonne zurückgeworfen wird,

Wort für Wort
puṇyaṃ cākāśagaṅgāyās
und das heilige der Himmels-Gaṅgā
toyaṃ tiṣṭati tiṣṭati
Wasser verharrt, ja verharrt
dūrāt pratihato yasminn
in dem von ferne zurückgeworfen wird
ekaraśmir divākaraḥ
die einstrahlige Sonne

[?: „tiṣṭati tiṣṭati“ – Wiederholung im Quelltext, als emphatische Doppelung übersetzt.]

yoniraṃśusahasrasya yena yāti vasuṃdharām / yasmādāpyāyate somo nidhirdivyo 'mṛtasya ca

der der Ursprung der tausendstrahligen Sonne ist, durch den ihr Licht zur Erde gelangt; von dem der Mond genährt wird, der göttliche Hort auch des Nektars (Amṛta) –

Wort für Wort
yonir aṃśusahasrasya
der Ursprung der tausendstrahligen [Sonne]
yena yāti vasuṃdharām
durch den ihr Licht zur Erde gelangt
yasmād āpyāyate somo
von dem der Mond genährt wird
nidhir divyo 'mṛtasya ca
der göttliche Hort auch des Nektars

[?: Bezugsverhältnisse der Relativsätze unsicher, offenbar weiterhin auf den fünften Wind Vivaha bezogen.]

ṣaṣṭhaḥ parivaho nāma sa vāyurjīvatāṃ varaḥ / sarvaprāṇabhṛtāṃ prāṇārnyo 'takāle nirasyati

der sechste, mit Namen Parivaha, jener Wind, der Beste der Lebendigen, der die Lebenshauche aller Wesen nicht zur Unzeit fortnimmt,

Wort für Wort
ṣaṣṭhaḥ parivaho nāma
der sechste, mit Namen Parivaha
sa vāyur jīvatāṃ varaḥ
jener Wind, der Beste der Lebendigen
sarvaprāṇabhṛtāṃ prāṇān
die Lebenshauche aller Wesen
yo 'kāle nirasyati
der sie nicht zur Unzeit fortnimmt

[?: „prāṇārnyo 'takāle nirasyati“ unsicher überliefert, wohl „prāṇān yo 'kāle nirasyati“ (der die Lebenshauche nicht zur Unzeit fortnimmt) gelesen.]

yasya dharme 'nuvartete mṛtyuvevasvatāvubhau / samyaganvīkṣatā buddhyā śāntayādhyātmanityayā

dessen Ordnung beide folgen, der Tod und der Sohn des Vivasvat [Yama]; wer mit rechter, prüfender Einsicht, mit friedvollem, stets auf das Selbst gerichtetem Sinn [ihn erkennt],

Wort für Wort
yasya dharme 'nuvartete
dessen Ordnung beide folgen
mṛtyur vaivasvatau ubhau
der Tod und der Sohn des Vivasvat, beide
samyag anvīkṣatā buddhyā
mit recht prüfender Einsicht
śāntayādhyātmanityayā
mit friedvollem, stets auf das Selbst gerichtetem Sinn

[?: „mṛtyuvevasvatāvubhau“ unsicher segmentiert, wohl „mṛtyur vaivasvatau ubhau“ gelesen.]

dhyānābhyāsābhirāmāṇāṃ yo 'mṛtatvāya kalpate / yaṃ samāsādya vegena diśāmantaṃ prapedire

der denen, die sich an der Übung der Versenkung erfreuen, zur Unsterblichkeit gereicht; ihn erreichend, gelangten manche mit seiner Geschwindigkeit zum Ende der Himmelsrichtungen –

Wort für Wort
dhyānābhyāsābhirāmāṇāṃ
denen, die sich an Versenkungsübung erfreuen
yo 'mṛtatvāya kalpate
der zur Unsterblichkeit gereicht
yaṃ samāsādya vegena
ihn erreichend, mit seiner Geschwindigkeit
diśām antaṃ prapedire
gelangten sie zum Ende der Himmelsrichtungen

dakṣasya daśa putrāṇāṃ sahasrāṇi prajāpateḥ / yena vṛṣṭyā parābhūtastoyānyena nivartate

die tausend Söhne des Prajāpati Dakṣa; durch ihn, überwältigt vom Regen, kehren die Wasser wieder zurück,

Wort für Wort
dakṣasya daśa putrāṇāṃ
des Dakṣa, die zehn[fach tausend] Söhne
sahasrāṇi prajāpateḥ
tausend, des Prajāpati
yena vṛṣṭyā parābhūtas
durch ihn, vom Regen überwältigt
toyāny ena nivartate
kehren die Wasser zurück

[?: Bezug auf die mythischen tausend Söhne Dakṣas ist hier unklar in den Kontext eingebunden; möglicherweise Anspielung auf eine Nebenerzählung.]

parīvaho nāma varo vāyuḥ sa duratikramaḥ / evamete diteḥ putrā marutaḥ paramādbhutāḥ

der ausgezeichnete Wind mit Namen Parīvaha, jener unüberwindliche – so sind dies die Söhne der Diti, die Marut-Winde, höchst wunderbar,

Wort für Wort
parīvaho nāma varo
der ausgezeichnete, mit Namen Parīvaha
vāyuḥ sa duratikramaḥ
jener Wind, unüberwindlich
evam ete diteḥ putrā
so sind dies die Söhne der Diti
marutaḥ paramādbhutāḥ
die Marut-Winde, höchst wunderbar

anāramantaḥ sarvāṅgāḥ sarvacāriṇaḥ / etattu mahadāścaryaṃ yadayaṃ parvatottamaḥ

die niemals ruhen, überallhin wandelnd. Dies aber ist ein großes Wunder, dass eben dieser höchste Berg –

Wort für Wort
anāramantaḥ sarvāṅgāḥ
niemals ruhend, in allen Gliedern
sarvacāriṇaḥ
überallhin wandelnd
etat tu mahad āścaryaṃ
dies aber ist ein großes Wunder
yad ayaṃ parvatottamaḥ
dass eben dieser höchste Berg

[?: Erster Pāda metrisch/syntaktisch unvollständig überliefert; sinngemäß ergänzt.]

kaṃpitaḥ sahasā tena pavamānena vāyunā / viṣṇorniḥśvāsavāto 'yaṃ yadā vegasamīritaḥ

plötzlich von jenem reinigenden Wind erschüttert wurde – dies ist der Atemhauch-Wind Viṣṇus, wenn er mit voller Geschwindigkeit angetrieben wird.

Wort für Wort
kaṃpitaḥ sahasā tena
plötzlich von jenem erschüttert
pavamānena vāyunā
von dem reinigenden Wind
viṣṇor niḥśvāsavāto 'yaṃ
dies ist der Atemhauch-Wind Viṣṇus
yadā vegasamīritaḥ
wenn er mit Geschwindigkeit angetrieben wird

sahasodīryate tāta jagatpravyathate tadā / tasmādbrahmavido brahma na paṭhantyativāyutaḥ

Plötzlich bricht er hervor, mein Lieber, dann erzittert die Welt; deshalb rezitieren die Brahman-Kenner den Veda nicht bei allzu starkem Wind.

Wort für Wort
sahasodīryate tāta
plötzlich bricht er hervor, mein Lieber
jagat pravyathate tadā
dann erzittert die Welt
tasmād brahmavido brahma
deshalb die Brahman-Kenner den Veda
na paṭhanty ativāyutaḥ
rezitieren nicht bei allzu starkem Wind

vāyorvāyubhayaṃ hyuktaṃ brahma tatpīḍitaṃ bhavet / etāvaduktvā vacanaṃ parāśarasutaḥ prabhuḥ

‚Vor dem Wind [kommt] Furcht durch den Wind' – so wird gesagt; der Veda würde dadurch beeinträchtigt.' Nachdem der Herr, der Sohn des Parāśara [Vyāsa], diese Worte gesprochen hatte,

Wort für Wort
vāyor vāyubhayaṃ hy uktaṃ
vor dem Wind kommt Furcht durch den Wind, so wird gesagt
brahma tat pīḍitaṃ bhavet
der Veda würde dadurch beeinträchtigt
etāvad uktvā vacanaṃ
nachdem er so viel gesprochen hatte
parāśarasutaḥ prabhuḥ
der Herr, der Sohn des Parāśara

uktvā putramadhīṣveti vyomagaṅgāmagāttadā / tato vyāse gate snātuṃ śuko brahmavidāṃ varaḥ

sprach er zu seinem Sohn: ‚Studiere weiter!', und ging sodann zur Himmels-Gaṅgā zum Baden. Darauf, als Vyāsa zum Baden gegangen war, betrieb Śuka, der Beste der Brahman-Kenner,

Wort für Wort
uktvā putram adhīṣveti
zum Sohn sprechend: ‚Studiere'
vyomagaṅgām agāt tadā
ging er da zur Himmels-Gaṅgā
tato vyāse gate snātuṃ
darauf, als Vyāsa zum Baden gegangen war
śuko brahmavidāṃ varaḥ
Śuka, der Beste der Brahman-Kenner

svādhyāyamakarodbrahmanvedavedāṅgapāragaḥ / tatra svādhyāyasaṃsaktaṃ śukaṃ vyāsasutaṃ mune

die eigene Rezitation, o Brahmane, er, der die Veden und Vedāṅgas bis zum Ende beherrschte. Dort kam zu Śuka, dem Sohn des Vyāsa, der der Rezitation hingegeben war, o Weiser,

Wort für Wort
svādhyāyam akarod brahman
die eigene Rezitation betrieb er, o Brahmane
vedavedāṅgapāragaḥ
der die Veden und Vedāṅgas bis zum Ende beherrschte
tatra svādhyāyasaṃsaktaṃ
dort, der Rezitation hingegeben
śukaṃ vyāsasutaṃ mune
zu Śuka, dem Sohn des Vyāsa, o Weiser

sanatkumāro bhagavānekānte samupāgataḥ / utthāya satkṛtastena brahmaputro hi kārṣṇinā

der erhabene Sanatkumāra, der sich ihm an einem einsamen Ort näherte. Der Sohn Brahmans [Sanatkumāra] wurde, nachdem er aufgestanden war, von ihm, dem Sohn des Kṛṣṇa[dvaipāyana], geehrt.

Wort für Wort
sanatkumāro bhagavān
der erhabene Sanatkumāra
ekānte samupāgataḥ
der sich an einem einsamen Ort näherte
utthāya satkṛtas tena
nachdem er aufgestanden war, von ihm geehrt
brahmaputro hi kārṣṇinā
der Sohn Brahmans, von dem Sohn des Kṛṣṇa

tataḥ provāca viprendra śukaṃ vidāṃ varaḥ / kiṃ karoṣi mahābhāga vyāsaputra mahādyute

Darauf sprach, o Fürst der Brahmanen, der Beste der Wissenden zu Śuka: ‚Was tust du, o Hochgesegneter, Sohn des Vyāsa, von großem Glanz?'

Wort für Wort
tataḥ provāca viprendra
darauf sprach, o Fürst der Brahmanen
śukaṃ vidāṃ varaḥ
zu Śuka, der Beste der Wissenden
kiṃ karoṣi mahābhāga
was tust du, o Hochgesegneter
vyāsaputra mahādyute
Sohn des Vyāsa, von großem Glanz

śuka uvāca svādhyāye saṃpravṛtto 'haṃ brahmaputrādhunā sthitaḥ / tvaddarśanamanuprāptaḥ kenāpi sukṛtena ca

Śuka sprach: Ich bin mit der Rezitation beschäftigt, o Sohn Brahmans, jetzt hier befindlich; deinen Anblick habe ich durch irgendein gutes Werk erlangt.

Wort für Wort
svādhyāye saṃpravṛtto 'haṃ
ich bin mit der Rezitation beschäftigt
brahmaputrādhunā sthitaḥ
o Sohn Brahmans, jetzt hier befindlich
tvaddarśanam anuprāptaḥ
deinen Anblick habe ich erlangt
kenāpi sukṛtena ca
durch irgendein gutes Werk

kiñcittvāṃ praṣṭumicchāmi tattvaṃ mokṣārthasādhanam / tadvadasva mahābhāga yathā ta jjñānamāpnuyām

Ich möchte dich um etwas fragen: das wahre Mittel zur Erlösung. Das mögest du mir darlegen, o Hochgesegneter, damit ich jenes Wissen erlange.

Wort für Wort
kiñcit tvāṃ praṣṭum icchāmi
ich möchte dich um etwas fragen
tattvaṃ mokṣārthasādhanam
das wahre Mittel zur Erlösung
tad vadasva mahābhāga
das mögest du darlegen, o Hochgesegneter
yathā tajjñānam āpnuyām
damit ich jenes Wissen erlange

sanatkumāra uvāca nāsti vidyāsamaṃ cakṣurnāsti vidyāsamaṃ tapaḥ / nāsti rāgasamaṃ duḥkhaṃ nāsti tyāgasamaṃ sukham

Sanatkumāra sprach: Es gibt kein Auge, das dem Wissen gleicht; es gibt keine Askese, die dem Wissen gleicht. Es gibt kein Leid, das der Leidenschaft gleicht; es gibt kein Glück, das der Entsagung gleicht.

Wort für Wort
nāsti vidyāsamaṃ cakṣur
es gibt kein Auge, das dem Wissen gleicht
nāsti vidyāsamaṃ tapaḥ
es gibt keine Askese, die dem Wissen gleicht
nāsti rāgasamaṃ duḥkhaṃ
es gibt kein Leid, das der Leidenschaft gleicht
nāsti tyāgasamaṃ sukham
es gibt kein Glück, das der Entsagung gleicht

nivṛttiḥ karmaṇaḥ pāpātsatataṃ puṇyaśīlatā / sadvṛttiḥ samudācāraḥ śreya etadanuttamam

Das Abstehen von böser Tat, beständig tugendhafte Lebensweise, rechter Wandel, gutes Betragen – dies ist das unübertreffliche Heil.

Wort für Wort
nivṛttiḥ karmaṇaḥ pāpāt
das Abstehen von böser Tat
satataṃ puṇyaśīlatā
beständig tugendhafte Lebensweise
sadvṛttiḥ samudācāraḥ
rechter Wandel, gutes Betragen
śreya etad anuttamam
dies ist das unübertreffliche Heil

mānuṣyamasukhaṃ prāpya yaḥ sajjati sa muhyati / nālaṃ sa duḥkhamokṣāya saṃgo vai duḥkhalakṣaṇaḥ

Wer, nachdem er das schwer erlangbare Menschsein erlangt hat, daran hängt, der irrt; er ist nicht fähig zur Befreiung vom Leid, denn Anhaftung ist das Kennzeichen des Leidens.

Wort für Wort
mānuṣyam asukhaṃ prāpya
nachdem er das schwer erlangbare Menschsein erlangt hat
yaḥ sajjati sa muhyati
wer daran hängt, der irrt
nālaṃ sa duḥkhamokṣāya
er ist nicht fähig zur Befreiung vom Leid
saṃgo vai duḥkhalakṣaṇaḥ
denn Anhaftung ist das Kennzeichen des Leidens

[?: „asukhaṃ“ hier wohl im Sinne von „schwer erlangbar“, nicht „unglücklich“ verstanden – Doppeldeutigkeit im Original.]

saktasya buddharbhavati mohajālavivarddhinī / mohajālāvṛto duḥkhamihāmutra tathāśnute

Beim Anhaftenden wird die Einsicht zur Mehrerin des Verblendungsnetzes; vom Netz der Verblendung umhüllt, erfährt er Leid hier wie im Jenseits.

Wort für Wort
saktasya buddhir bhavati
beim Anhaftenden wird die Einsicht
mohajālavivarddhinī
zur Mehrerin des Verblendungsnetzes
mohajālāvṛto duḥkham
vom Netz der Verblendung umhüllt, Leid
ihāmutra tathāśnute
erfährt er ebenso hier wie im Jenseits

[?: „buddharbhavati“ wohl für „buddhir bhavati“ verlesen.]

sarvopāyena kāmasya krodhasya ca vinigrahaḥ / kāryaḥ śreyorthinā tau hi śreyoghātārthamudyatau

Mit allen Mitteln ist die Bezähmung von Begierde und Zorn von dem zu vollziehen, der nach dem Heil verlangt; denn diese beiden sind darauf aus, das Heil zu vernichten.

Wort für Wort
sarvopāyena kāmasya
mit allen Mitteln der Begierde
krodhasya ca vinigrahaḥ
und des Zorns Bezähmung
kāryaḥ śreyorthinā tau hi
ist zu vollziehen von dem, der nach dem Heil verlangt; denn diese beiden
śreyoghātārtham udyatau
sind darauf aus, das Heil zu vernichten

nityaṃ krodhāttapo rakṣecchriyaṃ rakṣeñca matsarāt / vidyāṃ mānāvamānābhyāmātmānaṃ tu pramādataḥ

Beständig soll man die Askese vor dem Zorn schützen, und den Wohlstand vor dem Neid; das Wissen vor Ehre und Unehre, das Selbst aber vor der Unachtsamkeit.

Wort für Wort
nityaṃ krodhāt tapo rakṣec
beständig soll man die Askese vor dem Zorn schützen
chriyaṃ rakṣeñ ca matsarāt
und den Wohlstand vor dem Neid schützen
vidyāṃ mānāvamānābhyām
das Wissen vor Ehre und Unehre
ātmānaṃ tu pramādataḥ
das Selbst aber vor der Unachtsamkeit

ānṛśaṃsyaṃ paro dharmaḥ kṣamā ca paramaṃ balam / ātmajñānaṃ paraṃ jñānaṃ satyaṃ hi paramaṃ hitam

Gewaltlosigkeit (Mitleid) ist der höchste Dharma, und Geduld die höchste Kraft; Selbsterkenntnis ist das höchste Wissen, Wahrheit fürwahr das höchste Heil.

Wort für Wort
ānṛśaṃsyaṃ paro dharmaḥ
Gewaltlosigkeit ist der höchste Dharma
kṣamā ca paramaṃ balam
und Geduld die höchste Kraft
ātmajñānaṃ paraṃ jñānaṃ
Selbsterkenntnis das höchste Wissen
satyaṃ hi paramaṃ hitam
Wahrheit fürwahr das höchste Heil

yena sarvaṃ parityaktaṃ sa vidvānsa ca paṇḍitaḥ / indriyairindriyārthebhyaścaratyātmavaśairiha

Wer alles aufgegeben hat, der ist der Wissende, der ist der Weise – wer hier, mit selbstbeherrschten Sinnen, sich nur soweit nötig den Sinnesobjekten zuwendet.

Wort für Wort
yena sarvaṃ parityaktaṃ
von wem alles aufgegeben wurde
sa vidvān sa ca paṇḍitaḥ
der ist der Wissende, der ist der Weise
indriyair indriyārthebhyaś
mit den Sinnen, von den Sinnesobjekten her
caraty ātmavaśair iha
wandelt er hier mit selbstbeherrschten Sinnen

asajjamānaḥ śāntātmā nirvikāraḥ samāhitaḥ / ātmabhūtairatadbhūtaḥ saha caiva vinaiva ca

Unanhaftend, friedvollen Sinnes, unveränderlich, gesammelt; unter den zum Selbst gewordenen Wesen doch nicht selbst zu ihnen gehörig – sowohl mit ihnen als auch ohne sie.

Wort für Wort
asajjamānaḥ śāntātmā
unanhaftend, friedvollen Sinnes
nirvikāraḥ samāhitaḥ
unveränderlich, gesammelt
ātmabhūtair atadbhūtaḥ
unter den zum Selbst gewordenen Wesen, doch nicht selbst zu ihnen gehörig
saha caiva vinaiva ca
sowohl mit ihnen als auch ohne sie

[?: Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; sinngemäß als Beschreibung der Gleichmütigkeit des Erlösten gegenüber Gemeinschaft und Einsamkeit gedeutet.]

sa vimuktaḥ paraṃ śreyo na cireṇādhigacchati / adarśanamasaṃsparśastathaivābhāṣāṇaṃ sadā

Er, befreit, erlangt in Kürze das höchste Heil – durch Nicht-Sehen, Nicht-Berühren, sowie beständiges Nicht-Reden,

Wort für Wort
sa vimuktaḥ paraṃ śreyo
er, befreit, das höchste Heil
na cireṇādhigacchati
erlangt er in Kürze
adarśanam asaṃsparśas
Nicht-Sehen, Nicht-Berühren
tathaivābhāṣaṇaṃ sadā
sowie ebenso beständiges Nicht-Reden

yasya bhūtaiḥ saha mune sa śreyo vindate mahat / na hiṃsyātsarvabhūtāni bhūtairmaitrāyaṇaścaret

– wer solches gegenüber den Wesen übt, o Weiser, der erlangt das große Heil. Man soll keinem Wesen Schaden zufügen, sondern mit den Wesen in Freundschaft wandeln.

Wort für Wort
yasya bhūtaiḥ saha mune
wer, mit den Wesen, o Weiser
sa śreyo vindate mahat
der erlangt das große Heil
na hiṃsyāt sarvabhūtāni
man soll keinem Wesen Schaden zufügen
bhūtair maitrāyaṇaś caret
man soll mit den Wesen in Freundschaft wandeln

nedaṃ janma samāsādya vairaṃ kurvīta kena cit / ākiñcanyaṃ susaṃtoṣo nirāśiṣṭvamacāpalam

Man soll, nachdem man diese Geburt erlangt hat, gegen niemanden Feindschaft hegen; Besitzlosigkeit, rechte Zufriedenheit, Wunschlosigkeit und Freiheit von Unbeständigkeit seien das Ziel.

Wort für Wort
nedaṃ janma samāsādya
nachdem man diese Geburt erlangt hat, nicht
vairaṃ kurvīta kena cit
soll man gegen irgendjemanden Feindschaft hegen
ākiñcanyaṃ susaṃtoṣo
Besitzlosigkeit, rechte Zufriedenheit
nirāśiṣṭvam acāpalam
Wunschlosigkeit, Freiheit von Unbeständigkeit

[?: Aufzählung im zweiten Halbvers elliptisch, ohne eigenes regierendes Verb.]

etadāhuḥ paraṃ śreya ātmajñasya jitātmanaḥ / parigrahaṃ parityajya bhava tātajitendriyaḥ

Dies, so sagt man, ist das höchste Heil des Selbsterkennenden, des sich selbst Bezwungenen. Gib den Besitz auf und werde, mein Lieber, ein Bezähmer der Sinne.

Wort für Wort
etad āhuḥ paraṃ śreya
dies, so sagt man, ist das höchste Heil
ātmajñasya jitātmanaḥ
des Selbsterkennenden, des sich selbst Bezwungenen
parigrahaṃ parityajya
den Besitz aufgebend
bhava tāta jitendriyaḥ
werde, mein Lieber, ein Bezähmer der Sinne

aśokaṃ sthānamātiṣṭa iha cāmutra cābhayam / nirāśiṣo na śocanti tyajedāśiṣamātmanaḥ

Erlange den leidlosen Zustand, hier und im Jenseits die Furchtlosigkeit; die Wunschlosen trauern nicht – man gebe die eigenen Wünsche auf.

Wort für Wort
aśokaṃ sthānam ātiṣṭha
erlange den leidlosen Zustand
iha cāmutra cābhayam
hier und im Jenseits die Furchtlosigkeit
nirāśiṣo na śocanti
die Wunschlosen trauern nicht
tyajed āśiṣam ātmanaḥ
man gebe die eigenen Wünsche auf

parityajyāśiṣaṃ saumya duḥkhagrāmādvimokṣyase / taparonityena dāntena muninā saṃyatātmanā

Nachdem du den Wunsch aufgegeben hast, o Sanfter, wirst du von der Fülle des Leids befreit werden – durch beständige Askese, gezähmt, als Muni, gebändigten Sinnes,

Wort für Wort
parityajyāśiṣaṃ saumya
nachdem du den Wunsch aufgegeben hast, o Sanfter
duḥkhagrāmād vimokṣyase
wirst du von der Fülle des Leids befreit werden
taponityena dāntena
durch beständige Askese, gezähmt
muninā saṃyatātmanā
als Muni, gebändigten Sinnes

[?: „taparonityena“ wohl für „tapo-nityena“ (durch beständige Askese) gelesen; syntaktischer Anschluss zu V58 fließend.]

ajitaṃ jetukāmena bhāvyaṃ saṃgeṣvasaṃginā / guṇasaṃgeṣveṣvanāsakta ekacaryā rataḥ sadā

sollst du werden, der das Unbezwungene bezwingen will, unangehaftet inmitten der Anhaftungen; nicht gebunden an die Bindungen an die Sinnes-Eigenschaften, beständig der Einsamkeit hingegeben.

Wort für Wort
ajitaṃ jetukāmena
der das Unbezwungene bezwingen will
bhāvyaṃ saṃgeṣv asaṃginā
sollst du werden, unangehaftet inmitten der Anhaftungen
guṇasaṃgeṣv anāsakta
an die Bindungen an die Eigenschaften nicht gebunden
ekacaryā rataḥ sadā
beständig der Einsamkeit hingegeben

brāhmaṇo na cirādeva sukhamāyātyanuttamam / dvandvārāmeṣu bhūteṣu varāko ramate muniḥ

So gelangt der Brahmane in Kürze zum höchsten Glück; nur der [noch unvollkommene] Weise findet Gefallen an den Wesen, die sich an den Gegensatzpaaren erfreuen.

Wort für Wort
brāhmaṇo na cirād eva
der Brahmane, in Kürze
sukham āyāty anuttamam
gelangt zum höchsten Glück
dvandvārāmeṣu bhūteṣu
an den Wesen, die sich an den Gegensatzpaaren erfreuen
varāko ramate muniḥ
findet der [unvollkommene] Weise Gefallen

[?: „varāko“ (elend, bedauernswert) bezieht sich hier wohl ironisch auf einen unvollkommenen Weisen, der noch an weltlichen Gegensätzen hängt.]

kiñcinprajñānatṛpto 'sau jñānatṛpto na śocati / śubhairlabheta devatvaṃ vyāmiśrairjanma mānuṣam

Wer gänzlich durch Erkenntnis-Weisheit gesättigt ist, der durch Wissen Gesättigte, trauert nicht. Durch gute Taten erlangt man Göttlichkeit, durch gemischte Taten die menschliche Geburt,

Wort für Wort
kiñcit prajñānatṛpto 'sau
wer gänzlich durch Erkenntnis-Weisheit gesättigt ist
jñānatṛpto na śocati
der durch Wissen Gesättigte trauert nicht
śubhair labheta devatvaṃ
durch gute Taten erlangt man Göttlichkeit
vyāmiśrair janma mānuṣam
durch gemischte Taten die menschliche Geburt

[?: „kiñcin“ hier adverbial i.S.v. „gänzlich, völlig“ verstanden, nicht „ein wenig“.]

aśubhaiścāpyadho janma karmabhirlabhate 'vaśaḥ / tatra mṛtyujarāduḥkhaiḥ satataṃ samabhidrutam

und durch schlechte Taten erlangt man, machtlos, eine niedere Geburt. Dort ist man beständig von den Leiden des Todes und des Alters bedrängt,

Wort für Wort
aśubhaiś cāpy adho janma
und durch schlechte Taten eine niedere Geburt
karmabhir labhate 'vaśaḥ
erlangt man, machtlos, durch die Taten
tatra mṛtyujarāduḥkhaiḥ
dort von den Leiden des Todes und des Alters
satataṃ samabhidrutam
beständig bedrängt

saṃsāraṃ paśyate jantustatkathaṃ nāvabudhse / ahite hitasaṃjñastvamadhruve dhruvasaṃjñakaḥ

das Lebewesen erblickt den Saṃsāra – wie also erkennst du dies nicht? Du hältst das Schädliche für nützlich, das Unbeständige für beständig,

Wort für Wort
saṃsāraṃ paśyate jantus
das Lebewesen erblickt den Saṃsāra
tat kathaṃ nāvabudhyase
wie also erkennst du dies nicht
ahite hitasaṃjñas tvam
du hältst das Schädliche für nützlich
adhruve dhruvasaṃjñakaḥ
das Unbeständige für beständig

anarthe vārthasaṃjñastvaṃ kimarthaṃ nāvabudhyase / saṃveṣṭyamānaṃ bahubhirmohatantubhirātmajaiḥ

das Nichtige für nützlich – warum erkennst du es nicht, umsponnen von den vielen, aus dir selbst entstandenen Fäden der Verblendung?

Wort für Wort
anarthe vārthasaṃjñas tvaṃ
das Nichtige für nützlich haltend
kimarthaṃ nāvabudhyase
warum erkennst du es nicht
saṃveṣṭyamānaṃ bahubhir
umsponnen von den vielen
mohatantubhir ātmajaiḥ
Fäden der Verblendung, aus dir selbst entstanden

kośakāravadātmānaṃ veṣṭito nāvabudhyase / alaṃ parigraheṇeha doṣavān hi parigrahaḥ

Gleich dem Seidenwurm erkennst du, selbst eingesponnen, das Selbst nicht. Genug mit dem Besitz hier – denn der Besitz ist mit Fehlern behaftet.

Wort für Wort
kośakāravad ātmānaṃ
gleich dem Seidenwurm, das Selbst
veṣṭito nāvabudhyase
eingesponnen, erkennst du nicht
alaṃ parigraheṇeha
genug mit dem Besitz hier
doṣavān hi parigrahaḥ
denn der Besitz ist fehlerbehaftet

kṛmirhi kośakārastu badhyate svaparigrahāt / putradārakuṭuṃbeṣu saktāḥ sīdanti jantavaḥ

Denn der Wurm, der Seidenspinner, wird durch seinen eigenen Kokon-Besitz gefesselt. An Söhnen, Gattin und Familie hängend, gehen die Wesen zugrunde,

Wort für Wort
kṛmir hi kośakāras tu
der Wurm, der Seidenspinner, wird
badhyate svaparigrahāt
durch seinen eigenen Besitz gefesselt
putradārakuṭuṃbeṣu
an Söhnen, Gattin und Familie
saktāḥ sīdanti jantavaḥ
hängend, gehen die Wesen zugrunde

saraḥpaṅkārṇave magnā jīrṇā vanagajā iva / mohajālasamākṛṣṭānpaśyajantūnsuduḥkhitān

versunken im Schlammozean des Lebensteiches, wie gealterte Waldelefanten. Schaue die vom Netz der Verblendung fortgerissenen Wesen, überaus leidgeplagt,

Wort für Wort
saraḥpaṅkārṇave magnā
versunken im Schlammozean des Teiches
jīrṇā vanagajā iva
wie gealterte Waldelefanten
mohajālasamākṛṣṭān
vom Netz der Verblendung fortgerissene
paśya jantūn suduḥkhitān
schaue die überaus leidgeplagten Wesen

kuṭuṃbaṃ putradāraṃ ca śarīraṃ dravyasaṃcayam / pārakyamadhruvaṃ sarvaṃ kiṃ svaṃ sukṛtaduṣkṛte

Familie, Söhne und Gattin, der Leib, die angehäuften Güter – all dies gehört einem anderen und ist unbeständig; was ist wirklich das Eigene außer guten und schlechten Taten?

Wort für Wort
kuṭuṃbaṃ putradāraṃ ca
Familie, Söhne und Gattin
śarīraṃ dravyasaṃcayam
der Leib, die angehäuften Güter
pārakyam adhruvaṃ sarvaṃ
einem anderen gehörig, unbeständig, alles
kiṃ svaṃ sukṛtaduṣkṛte
was ist das Eigene außer gute und schlechte Taten

yadā sarvaṃ parityajya gantavyamavaśena vai / anarthe kiṃ prasaktastvaṃ svamarthaṃ nānutiṣṭasi

Wenn man, alles zurücklassend, machtlos gehen muss – warum haftest du am Nichtigen? Warum vollziehst du nicht dein eigentliches Ziel?

Wort für Wort
yadā sarvaṃ parityajya
wenn man, alles zurücklassend
gantavyam avaśena vai
gehen muss, machtlos
anarthe kiṃ prasaktas tvaṃ
warum haftest du am Nichtigen
svam arthaṃ nānutiṣṭhasi
warum vollziehst du nicht dein eigenes Ziel

aviśrāntamanālaṃbamapātheyamadaiśikam / tamaḥ karttāramadhvānaṃ kathameko gamiṣyasi

Wie wirst du allein den rastlosen, haltlosen, ohne Wegzehrung, ohne Wegweiser zu gehenden, Finsternis erzeugenden Weg gehen?

Wort für Wort
aviśrāntam anālaṃbam
den rastlosen, den haltlosen
apātheyam adaiśikam
ohne Wegzehrung, ohne Wegweiser
tamaḥkarttāram adhvānaṃ
den Finsternis erzeugenden Weg
katham eko gamiṣyasi
wie wirst du ihn allein gehen

nahi tvāṃ prasthitaṃ kaścitpṛṣṭato 'nugamiṣyati / sukṛtaṃ duṣkṛtaṃ ca tvāṃ gacchantamanuyāsyataḥ

Denn niemand wird dir, dem Aufbrechenden, von hinten nachfolgen; nur die gute und die böse Tat werden dir, dem Gehenden, dorthin folgen.

Wort für Wort
na hi tvāṃ prasthitaṃ kaścit
denn niemand wird dir, dem Aufbrechenden
pṛṣṭato 'nugamiṣyati
von hinten nachfolgen
sukṛtaṃ duṣkṛtaṃ ca tvāṃ
die gute und die böse Tat dir
gacchantam anuyāsyataḥ
dem Gehenden werden sie folgen

vidyā karma ca śauryaṃ ca jñānaṃ ca bahuvistaram / arthārthamanuśīryante siddhārthastu vimucyate

Wissen, Tat, Tapferkeit und weitausgebreitete Erkenntnis – all dies zerfällt letztlich um des rechten Zieles willen; wer sein Ziel erreicht hat, wird ganz befreit.

Wort für Wort
vidyā karma ca śauryaṃ ca
Wissen, Tat und Tapferkeit
jñānaṃ ca bahuvistaram
und weitausgebreitete Erkenntnis
arthārtham anuśīryante
zerfallen hin um des Zieles willen
siddhārthas tu vimucyate
wer aber sein Ziel erreicht hat, wird befreit

[?: „arthārthamanuśīryante“ syntaktisch schwierig, sinngemäß als „vergehen/verfallen letztlich hin zum höheren Ziel“ gedeutet.]

nibandhinī rajjureṣā yā grāme vasato ratiḥ / chitvaināṃ sukṛto yānti naināṃ chindanti duṣkṛtaḥ

Ein bindender Strick ist dies: die Freude dessen, der im Dorf (in der Welt) wohnt. Nachdem sie dies durchschnitten haben, gehen die Tugendhaften ihren Weg; die Übeltäter aber durchschneiden es nicht.

Wort für Wort
nibandhinī rajjur eṣā
ein bindender Strick ist dies
yā grāme vasato ratiḥ
die Freude dessen, der im Dorf wohnt
chitvainaṃ sukṛto yānti
nachdem sie dies durchschnitten haben, gehen die Tugendhaften
naināṃ chindanti duṣkṛtaḥ
die Übeltäter durchschneiden es nicht

tulyajātivayorūpān hṛtānpasyasi mṛtyunā / na ca nāmāsti nirvedo lohaṃ hi hṛdayaṃ tava

Du siehst Menschen von gleicher Geburt, gleichem Alter, gleicher Gestalt, vom Tod dahingerafft – und doch entsteht in dir keine Ernüchterung; Eisen fürwahr ist dein Herz.

Wort für Wort
tulyajātivayorūpān
von gleicher Geburt, Alter, Gestalt
hṛtān paśyasi mṛtyunā
du siehst dahingerafft vom Tod
na ca nāmāsti nirvedo
und doch entsteht keine Ernüchterung
lohaṃ hi hṛdayaṃ tava
Eisen fürwahr ist dein Herz

[?: „pasyasi“ für „paśyasi“ (du siehst) gelesen.]

rūpakūlāṃ manaḥ srotāṃ sparśadvīpāṃ rasāvahām / gandhapaṅkāṃ śabdajalāṃ svargamārgadurāruhām

Diesen Strom des Geistes, dessen Ufer die äußere Gestalt ist, dessen Insel die Berührung, die den Geschmack mit sich führt, dessen Schlamm der Geruch, dessen Wasser der Klang ist, schwer zu besteigen auf dem Weg zum Himmel –

Wort für Wort
rūpakūlāṃ manaḥsrotāṃ
den Strom des Geistes, dessen Ufer die Gestalt ist
sparśadvīpāṃ rasāvahām
dessen Insel die Berührung, der den Geschmack mit sich führt
gandhapaṅkāṃ śabdajalāṃ
dessen Schlamm der Geruch, dessen Wasser der Klang ist
svargamārgadurāruhām
schwer zu besteigen auf dem Weg zum Himmel

[?: V.74–75 bilden eine zusammenhängende Flussmetapher (Ufer, Insel, Schlamm, Wasser des ‚Stroms des Geistes'), deren tragendes Substantiv „nadī“ (Fluss) erst in V.75 mit „nadīṃ taret“ erscheint; hier daher vorausdeutend übersetzt.]

kṣamāritrāṃ satyamayīṃ dharmasthairyakarākarām / tyāgavātādhvagāṃ śīghrāṃ buddhināvaṃ nadīṃ taret

– diesen Fluss soll man mit dem Boot der Erkenntnis überqueren, mit dem Ruder der Geduld, ganz aus Wahrheit bestehend, Beständigkeit im Dharma bewirkend, durch den Wind der Entsagung rasch dahinfahrend.

Wort für Wort
kṣamāritrāṃ satyamayīṃ
mit dem Ruder der Geduld, ganz aus Wahrheit bestehend
dharmasthairyakarākarām
Beständigkeit im Dharma bewirkend
tyāgavātādhvagāṃ śīghrāṃ
durch den Wind der Entsagung dahinfahrend, rasch
buddhināvaṃ nadīṃ taret
das Boot der Erkenntnis, den Fluss soll man überqueren

tyaktvā dharmamadharmaṃ ca hyubhe satyānṛte tyaja / tyaja dharmamasaṃkalpādadharmaṃ cāpyahiṃsayā

Nachdem du Dharma und Adharma [in ihrer äußeren Form] aufgegeben hast, gib auch beide, Wahrheit und Unwahrheit, auf; gib den Dharma durch Nicht-Ergreifen auf, und den Adharma durch Gewaltlosigkeit.

Wort für Wort
tyaktvā dharmam adharmaṃ ca
nachdem du Dharma und Adharma aufgegeben hast
hy ubhe satyānṛte tyaja
gib auch beide, Wahrheit und Unwahrheit, auf
tyaja dharmam asaṃkalpād
gib den Dharma durch Nicht-Ergreifen auf
adharmaṃ cāpy ahiṃsayā
und den Adharma auch durch Gewaltlosigkeit

[?: Die paradoxe Formulierung „tyaktvā dharmam adharmaṃ ca“ meint wohl die Überwindung der Dualität von Recht und Unrecht auf der höchsten Stufe der Erkenntnis, wie die folgenden Verse ausführen.]

ubhe satyānṛte buddhiṃ paramaniścayāt / asthisthūṇaṃ snāyuyutaṃ māṃsaśoṇitalepanam

beide, Wahrheit und Unwahrheit, gib mit dem Verstand, durch höchste Gewissheit, auf. Erkenne diesen Leib als mit Knochen abgestützt, mit Sehnen versehen, mit Fleisch und Blut überzogen,

Wort für Wort
ubhe satyānṛte buddhyā
beide, Wahrheit und Unwahrheit, mit dem Verstand
paramaniścayāt [tyaja]
durch höchste Gewissheit [gib auf]
asthisthūṇaṃ snāyuyutaṃ
mit Knochen abgestützt, mit Sehnen versehen
māṃsaśoṇitalepanam
mit Fleisch und Blut überzogen

[?: Erster Halbvers elliptisch, das Verb (wohl aus V76 fortwirkend „tyaja“) fehlt im Quelltext und wurde sinngemäß ergänzt.]

dharmāvanaddhaṃ durgandhiṃ pūrṇaṃ mūtrapurīṣayoḥ / jarāśokasamāviṣṭaṃ rogāyatanamasthiram

von Haut umspannt, übelriechend, voll von Harn und Kot, von Alter und Kummer durchdrungen, eine Wohnstatt der Krankheit, unbeständig,

Wort für Wort
carmāvanaddhaṃ durgandhiṃ
von Haut umspannt, übelriechend
pūrṇaṃ mūtrapurīṣayoḥ
voll von Harn und Kot
jarāśokasamāviṣṭaṃ
von Alter und Kummer durchdrungen
rogāyatanam asthiram
eine Wohnstatt der Krankheit, unbeständig

[?: „dharmāvanaddhaṃ“ wohl für „carmāvanaddhaṃ“ (von Haut umspannt) verlesen – im Kontext einer Leibschilderung naheliegender.]

rajasvalamanityaṃ ca bhūtāvāsaṃ samutsṛja / idaṃ viśvaṃ jagatsarvamajagañcāpi yadbhavet

voller Unreinheit und unbeständig – gib diese Wohnstatt der Elemente auf! Dieses ganze Weltall, alles Bewegliche wie auch, was unbeweglich ist,

Wort für Wort
rajasvalam anityaṃ ca
voller Unreinheit und unbeständig
bhūtāvāsaṃ samutsṛja
gib die Wohnstatt der Elemente auf
idaṃ viśvaṃ jagat sarvam
dieses ganze Weltall, alles
ajagac cāpi yad bhavet
und was auch immer unbeweglich ist

mahābhūtātmakaṃ sarvamasmādyatparamāṇumat / indriyāṇi ca pañcaiva tamaḥ sattvaṃ rajastathā

besteht ganz aus den Großelementen, allem, was daraus entstanden ist, bis zu den Atomen; sowie die fünf Sinne, Tamas, Sattva und ebenso Rajas –

Wort für Wort
mahābhūtātmakaṃ sarvam
besteht ganz aus den Großelementen
asmād yat paramāṇumat
was daraus entstanden ist, bis zu den Atomen
indriyāṇi ca pañcaiva
und die fünf Sinne
tamaḥ sattvaṃ rajas tathā
Tamas, Sattva und ebenso Rajas

ityeṣa saptadaśako rāśikhyaktasaṃjñakaḥ / sarvairihendriyārthaiśca vyaktāvyaktairhi hitam

dies ist die siebzehnteilige Gruppe, ‚das Offenbare' genannt; mit allen Sinnesobjekten hier, ob offenbar oder unoffenbar, ist dies verbunden.

Wort für Wort
ity eṣa saptadaśako
dies ist die siebzehnteilige
rāśir vyaktasaṃjñakaḥ
Gruppe, ‚das Offenbare' genannt
sarvair ihendriyārthaiś ca
mit allen Sinnesobjekten hier
vyaktāvyaktair hi hitam
ob offenbar oder unoffenbar, damit verbunden

[?: „rāśikhyaktasaṃjñakaḥ“ unsicher segmentiert, wohl „rāśir vyaktasaṃjñakaḥ“ gelesen. Zweiter Halbvers syntaktisch unklar.]

pañcaviṃśaka ityeṣa vyaktāvyaktamayo gaṇaḥ / etaiḥ sarvaiḥ samāyuktamanityamabhidhīyate

Diese aus fünfundzwanzig Prinzipien bestehende Gruppe besteht aus dem Offenbaren und dem Unoffenbaren; das mit all diesen Verbundene wird als unbeständig bezeichnet.

Wort für Wort
pañcaviṃśaka ity eṣa
diese fünfundzwanzigteilige
vyaktāvyaktamayo gaṇaḥ
Gruppe besteht aus Offenbarem und Unoffenbarem
etaiḥ sarvaiḥ samāyuktam
das mit all diesen Verbundene
anityam abhidhīyate
wird als unbeständig bezeichnet

trivargo 'tra sukhaṃ duḥkha jīvitaṃ maraṇaṃ tathā / ya idaṃ veda tattvena sasa veda prabhavāpyayau

Die drei Lebensziele (Dharma, Artha, Kāma), Glück und Leid, Leben und ebenso Tod – wer dies der Wahrheit gemäß erkennt, der kennt wahrlich Entstehen und Vergehen.

Wort für Wort
trivargo 'tra sukhaṃ duḥkham
die drei Ziele hier, Glück und Leid
jīvitaṃ maraṇaṃ tathā
Leben und ebenso Tod
ya idaṃ veda tattvena
wer dies der Wahrheit gemäß erkennt
sa veda prabhavāpyayau
der kennt Entstehen und Vergehen

[?: „sasa veda“ – Dittographie von „sa“ im Quelltext; nur einmal übersetzt.]

indriyairgṛhyate yadyattadvyaktamabhidhīyate / avyaktamatha tajjñeyaṃ liṅgagrāhyamatīndriyam

Was auch immer von den Sinnen erfasst wird, das wird ‚offenbar' genannt; das aber, was durch Kennzeichen erfassbar und jenseits der Sinne ist, ist als ‚unoffenbar' zu erkennen.

Wort für Wort
indriyair gṛhyate yad yat
was auch immer von den Sinnen erfasst wird
tad vyaktam abhidhīyate
das wird ‚offenbar' genannt
avyaktam atha taj jñeyaṃ
das ‚Unoffenbare' aber ist als das zu erkennen
liṅgagrāhyam atīndriyam
was durch Kennzeichen erfassbar und jenseits der Sinne ist

indriyairniyatairdehī dhārābhiriva tarpyate / loke vihitamātmānaṃ lokaṃ cātmani paśyati

Durch die gezügelten Sinne wird der Verkörperte gleichsam durch Ströme von Eindrücken gesättigt; er sieht das in der Welt Angeordnete als Selbst und die Welt im Selbst.

Wort für Wort
indriyair niyatair dehī
durch die gezügelten Sinne der Verkörperte
dhārābhir iva tarpyate
wird gleichsam durch Ströme gesättigt
loke vihitam ātmānaṃ
das in der Welt Angeordnete als Selbst
lokaṃ cātmani paśyati
und die Welt im Selbst sieht er

parāvaradṛśaḥ śaktirjñānavelāṃ na paśyati / paśyataḥ sarvabhūtāni sarvāvasthāsu sarvadā

Die Kraft dessen, der das Höhere und Niedere schaut, kennt keine Grenze der Erkenntnis; für den, der alle Wesen in allen Zuständen allzeit schaut,

Wort für Wort
parāvaradṛśaḥ śaktir
die Kraft dessen, der Höheres und Niederes schaut
jñānavelāṃ na paśyati
kennt keine Grenze der Erkenntnis
paśyataḥ sarvabhūtāni
für den, der alle Wesen sieht
sarvāvasthāsu sarvadā
in allen Zuständen, allzeit

[?: „jñānavelāṃ“ – „velā“ im Sinne von „Grenze, Ufer“ verstanden.]

brahmabhūtasya saṃyogo nāśubhenopapadyate / jñānena vividhātkleśānna nivṛttiśca dehajāt

gibt es für den, der zum Brahman geworden ist, keine Verbindung mit dem Unheilvollen mehr. Durch das Wissen erfolgt die Loslösung von den mannigfachen, aus dem Leib entstehenden Leiden,

Wort für Wort
brahmabhūtasya saṃyogo
für den, der zum Brahman geworden ist, eine Verbindung
nāśubhenopapadyate
mit dem Unheilvollen gibt es nicht
jñānena vividhāt kleśān
durch Wissen von den mannigfachen Leiden
na nivṛttiś ca dehajāt
und die Loslösung von den leibbürtigen [Leiden erfolgt]

lokabuddhiprakāśena lokamārgo na riṣyati / anādinidhanaṃ jantumātmani sthitamavyayam

durch das Licht der Welterkenntnis geht der Weltenlauf nicht zugrunde. Wer erkennt, dass das im Selbst wohnende, unwandelbare Lebewesen ohne Anfang und Ende ist,

Wort für Wort
lokabuddhiprakāśena
durch das Licht der Welterkenntnis
lokamārgo na riṣyati
geht der Weltenlauf nicht zugrunde
anādinidhanaṃ jantum
das Lebewesen ohne Anfang und Ende
ātmani sthitam avyayam
im Selbst wohnend, unwandelbar

[?: Übergang V87–89 elliptisch; das regierende Verb (etwa „erkennt“) wurde aus dem Kontext von V89 sinngemäß ergänzt.]

akartāramamūḍhaṃ ca bhagavānāha tīrtavit / yo jantuḥ svakṛtaistaistaiḥ karmabhirnityaduḥkhitaḥ

handlungslos und unverblendet – dies erklärt der Erhabene, der die rechte Furt Kennende. Anders ist es beim Lebewesen, das durch seine je eigenen Taten beständig leidgeplagt ist,

Wort für Wort
akartāram amūḍhaṃ ca
handlungslos und unverblendet
bhagavān āha tīrthavit
erklärt der Erhabene, der die Furt Kennende
yo jantuḥ svakṛtais taistaiḥ
das Lebewesen, das durch seine je eigenen
karmabhir nityaduḥkhitaḥ
Taten beständig leidgeplagt ist

svaduḥkhapratighātārthaṃ hṝnti janturanekadhā / tataḥ karma samādatte punaranyannavaṃ bahu

das, um sein eigenes Leid abzuwehren, andere Wesen vielfach tötet – dadurch nimmt es abermals viel neue, andere Tat auf sich,

Wort für Wort
svaduḥkhapratighātārthaṃ
um sein eigenes Leid abzuwehren
hanti jantur anekadhā
tötet das Lebewesen vielfach
tataḥ karma samādatte
dadurch nimmt es Tat auf sich
punar anyan navaṃ bahu
wiederum andere, neue, viele

[?: „hṝnti“ wohl für „hanti“ (tötet) verlesen.]

tapyate 'tha punastena bhuktvāpathyamivāturaḥ / ajasrameva mohānto duḥkheṣu sukhasaṃjñitaḥ

und leidet dadurch abermals, wie ein Kranker, der Unzuträgliches gegessen hat; unablässig, noch fern vom Ende der Verblendung, hält es das Leid für Glück,

Wort für Wort
tapyate 'tha punas tena
und leidet dadurch abermals
bhuktvāpathyam ivāturaḥ
wie ein Kranker, der Unzuträgliches gegessen hat
ajasram eva mohānto
unablässig, [noch fern] vom Ende der Verblendung
duḥkheṣu sukhasaṃjñitaḥ
hält es das Leid für Glück

vadhyate tapyate caiva bhayavatyarmabhiḥ sadā / tato nivṛtto bandhātsvātkarmaṇāmudayādiha

wird getötet und leidet beständig durch die furchterregenden Taten; wer sich aber davon abwendet, von der Bindung, die aus dem eigenen Entstehen der Taten herrührt, hier,

Wort für Wort
vadhyate tapyate caiva
wird getötet und leidet
bhayavadbhiḥ karmabhiḥ sadā
beständig durch die furchterregenden Taten
tato nivṛtto bandhāt
wer aber sich davon abwendet, von der Bindung
svāt karmaṇām udayād iha
die aus dem eigenen Entstehen der Taten herrührt, hier

[?: „bhayavatyarmabhiḥ“ unsicher segmentiert, wohl „bhayavadbhiḥ karmabhiḥ“ gelesen.]

paribhramati saṃsāre cakravadbāhuvarjitaḥ / saṃyamena ca saṃbandhānnivṛttyā tapaso balāt

– wer diesem, das sonst umherirrt im Saṃsāra wie ein Rad ohne stützenden Arm, entgeht – durch Selbstbeherrschung, durch Loslösung von den Bindungen, durch die Kraft der Askese,

Wort für Wort
paribhramati saṃsāre
es irrt umher im Saṃsāra
cakravad bāhuvarjitaḥ
wie ein Rad, ohne stützenden Arm
saṃyamena ca saṃbandhān
durch Selbstbeherrschung und von den Bindungen
nivṛttyā tapaso balāt
durch Loslösung, durch die Kraft der Askese

samprāptā bahavaḥ siddhiṃ avyābādhāṃ sukhodayām

– viele haben so die Vollendung erlangt, die ungestörte, glückspendende.

Wort für Wort
samprāptā bahavaḥ siddhim
viele haben die Vollendung erlangt
avyābādhāṃ sukhodayām
die ungestörte, glückspendende

[Anm.: Vers 94, der letzte des Kapitels, besteht im Quelltext nur aus einer Halbzeile (einem Pāda-Paar); die zweite Vershälfte fehlt in der Quelle.]

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