Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 34: jñānanirūpaṇam Die Darlegung des Wissens

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde haribhaktilakṣaṇaṃ nāma catustriṃśo 'dhyāyaḥ // sanaka uvāca punarvakṣyāmi māhātmyaṃ devadevasya cakriṇaḥ / paṭhatāṃ śuṇvatāṃ sadyaḥ pāparāśiḥ praṇaśyati //

Sanaka sprach: Wiederum will ich die Größe des Gottes der Götter, des Diskusträgers, verkünden; denen, die [es] lesen [und] hören, wird die Sündenmasse sogleich vernichtet.

Wort für Wort
iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde haribhaktilakṣaṇaṃ nāma catustriṃśo 'dhyāyaḥ
(Kolophon des vorigen Kapitels, siehe Anm.)
sanaka uvāca
Sanaka sprach:
punar vakṣyāmi māhātmyaṃ
wiederum will ich die Größe verkünden
devadevasya cakriṇaḥ
des Gottes der Götter, des Diskusträgers
paṭhatāṃ śuṇvatāṃ sadyaḥ
denen, die [es] lesen [und] hören, sogleich
pāparāśiḥ praṇaśyati
wird die Sündenmasse vernichtet

[Anm.: Der Vers beginnt mit dem Schlusskolophon des vorangehenden Kapitels der Quelle (haribhaktilakṣaṇam = Kap. 33 dieses Projekts); erst danach beginnt der eigentliche Vers 1.]

śāntā jitāriṣaḍvargā yogenāpyanahṝṅkṛtāḥ / yajanti jñānayogena jñānarūpiṇamavyayam //

Die Friedvollen, die die sechs [inneren] Feinde bezwungen haben, die auch durch den Yoga nicht der Ich-Sucht verfallen sind, verehren durch den Yoga des Wissens (jñānayoga) den unvergänglichen, wissensgestaltigen [Gott].

Wort für Wort
śāntā jitāriṣaḍvargā
die Friedvollen, die die sechs Feinde bezwungen haben
yogena api anahaṅkṛtāḥ
die auch durch den Yoga nicht der Ich-Sucht verfallen sind
yajanti jñānayogena
verehren durch den Yoga des Wissens
jñānarūpiṇam avyayam
den unvergänglichen, wissensgestaltigen [Gott]

tīrthasnānairviśuddhā ye vratadānatapomakhaiḥ / yajanti karmayogena sarvadhātāramacyutam //

Die durch Bäder an Pilgerstätten, durch Gelübde, Gaben, Askese und Opfer geläutert sind, verehren durch den Yoga des Handelns (karmayoga) den Unvergänglichen, den Erhalter von allem.

Wort für Wort
tīrthasnānair viśuddhā ye
die durch Bäder an Pilgerstätten geläutert sind
vratadānatapomakhaiḥ
durch Gelübde, Gaben, Askese und Opfer
yajanti karmayogena
verehren durch den Yoga des Handelns
sarvadhātāram acyutam
den Erhalter von allem, den Unvergänglichen

lubdhā vyasanito 'jñāśca na yajanti jagatpatim / ajarāmaravanmūḍhāstiṣṭanti narakīṭakāḥ //

Die Gierigen, die Lasterhaften und die Unwissenden verehren den Herrn der Welt nicht; verblendet, als wären sie alterlos und unsterblich, verharren sie als Würmer der Hölle.

Wort für Wort
lubdhā vyasanitaḥ ajñāḥ ca
die Gierigen, die Lasterhaften und die Unwissenden
na yajanti jagatpatim
verehren den Herrn der Welt nicht
ajarāmaravan mūḍhāḥ
verblendet, als wären sie alterlos und unsterblich
tiṣṭhanti narakīṭakāḥ
verharren sie als Würmer der Hölle

taḍillekhāśriyā mattā vṛthāhṝṅkāradviṣitāḥ / na yajanti jagannāthaṃ sarvaśraiyovidhāyakam //

Trunken von der Pracht eines Blitzstreifens, von eitler Ich-Sucht befeindet[?], verehren sie nicht den Herrn der Welt, den Verleiher alles Guten.

Wort für Wort
taḍillekhāśriyā mattā
trunken von der Pracht eines Blitzstreifens
vṛthāhaṅkāradviṣitāḥ [?]
von eitler Ich-Sucht befeindet
na yajanti jagannāthaṃ
verehren sie den Herrn der Welt nicht
sarvaśreyovidhāyakam
den Verleiher alles Guten

[?] Die genaue Nuance von „vṛthāhaṅkāradviṣitāḥ“ (‚von eitler Ich-Sucht [be]feindet/gehasst') bleibt unsicher.

haridharmaratāḥ śāntā haripādābjasevakāḥ / daivātke 'pīha jāyante lokānugrahatatparāḥ //

Manche werden, dem Dharma Haris zugetan, friedvoll, Diener der Lotosfüße Haris, durch [göttliche] Fügung hier geboren, auf das Wohl der Welt bedacht.

Wort für Wort
haridharmaratāḥ śāntā
dem Dharma Haris zugetan, friedvoll
haripādābjasevakāḥ
Diener der Lotosfüße Haris
daivāt ke api iha jāyante
manche werden durch Fügung hier geboren
lokānugrahatatparāḥ
auf das Wohl der Welt bedacht

karmaṇā manasā vācā yo yajedbhaktito harim / sa yāti paramaṃ sthānaṃ sarvalokottamottamam //

Wer mit Tat, Gedanke und Wort Hari mit Hingabe verehrt, der gelangt zum höchsten Ort, dem allerbesten aller Welten.

Wort für Wort
karmaṇā manasā vācā
mit Tat, Gedanke und Wort
yo yajed bhaktito harim
wer Hari mit Hingabe verehrt
sa yāti paramaṃ sthānaṃ
der gelangt zum höchsten Ort
sarvalokottamottamam
dem allerbesten aller Welten

atraivodāharantīmamitihāsaṃ purātanam / paṭhatāṃ śṛṇvatāṃ caiva sarvapāpapraṇāśanam //

Hierzu erzählt man eben diese uralte Legende (itihāsa), die für die, die [sie] lesen und hören, alle Sünden vernichtet.

Wort für Wort
atra eva udāharanti imam
hierzu erzählt man eben diese
itihāsaṃ purātanam
uralte Legende
paṭhatāṃ śṛṇvatāṃ ca eva
für die, die [sie] lesen und hören
sarvapāpapraṇāśanam
die alle Sünden vernichtet

tatpravakṣyāmi caritaṃ yajñamālisumālinoḥ / yasya śravaṇamātreṇa vācimedha phalaṃ labhet //

Ich will nun die Geschichte von Yajñamāli und Sumāli erzählen, durch deren bloßes Hören man die Frucht eines Pferdeopfers[?] erlangt.

Wort für Wort
tat pravakṣyāmi caritaṃ
ich will nun die Geschichte erzählen
yajñamālisumālinoḥ
von Yajñamāli und Sumāli
yasya śravaṇamātreṇa
durch deren bloßes Hören
vājimedha [?] phalaṃ labhet
man die Frucht eines Pferdeopfers erlangt

[?] „vācimedha“ ist vermutlich eine Verschreibung für „vājimedha“ (Pferdeopfer).

kaścidāsītpurā vipra brahmaṇo raivateṃ'tare / vedamāliriti khyāto vedavedāṅgapāragaḥ //

Einst lebte, o Brahmane, im Manvantara des Raivata jemand, bekannt als Vedamāli, der die Veden und die Vedāṅgas gemeistert hatte.

Wort für Wort
kaścit āsīt purā vipra
einst lebte, o Brahmane, jemand
brahmaṇo raivate antare
im Manvantara des [Manu] Raivata
vedamālir iti khyātaḥ
bekannt als Vedamāli
vedavedāṅgapāragaḥ
der die Veden und die Vedāṅgas gemeistert hatte

sarvabhūtadayāyukto haripūjāparāyaṇaḥ / putramitrakalatrārthaṃ dhanārjanaparo 'bhavat //

Mit Mitleid für alle Wesen ausgestattet, der Verehrung Haris ergeben, wurde er [dennoch] um der Söhne, Freunde und der Ehefrau willen auf den Gelderwerb bedacht.

Wort für Wort
sarvabhūtadayāyuktaḥ
mit Mitleid für alle Wesen ausgestattet
haripūjāparāyaṇaḥ
der Verehrung Haris ergeben
putramitrakalatrārthaṃ
um der Söhne, Freunde und der Ehefrau willen
dhanārjanaparo 'bhavat
wurde er auf den Gelderwerb bedacht

apaṇyaṃvikrayaṃ cakre tathā ca rasivikrayam / caṇḍālādyairapi tathā saṃbhaṣī tatpratigrahī //

Er trieb Handel mit unverkäuflichen Dingen, und ebenso Handel mit Säften[/Berauschendem], und er unterhielt sich sogar mit Caṇḍālas und dergleichen und nahm von ihnen Gaben an.

Wort für Wort
apaṇyaṃvikrayaṃ cakre
er trieb Handel mit unverkäuflichen Dingen
tathā ca rasavikrayam
und ebenso Handel mit Säften/Berauschendem
caṇḍālādyaiḥ api tathā
sogar mit Caṇḍālas und dergleichen ebenso
saṃbhāṣī tatpratigrahī
unterhielt er sich und nahm von ihnen Gaben an

tapasāṃ vikrayaṃ cakre vratānāṃ vikrayaṃ tathā / parārthaṃ tīrthagamanaṃ kalatrārthamakārayat //

Er trieb Handel mit Bußübungen und ebenso Handel mit Gelübden; für den Nutzen anderer [gegen Bezahlung] unternahm er Pilgerfahrten – um der Ehefrau willen ließ er [dies] geschehen.

Wort für Wort
tapasāṃ vikrayaṃ cakre
er trieb Handel mit Bußübungen
vratānāṃ vikrayaṃ tathā
und ebenso Handel mit Gelübden
parārthaṃ tīrthagamanaṃ
Pilgerfahrten zum Nutzen anderer [gegen Bezahlung]
kalatrārtham akārayat
vollzog er um der Ehefrau willen

kālena gacchatā vipra jātau tasya sutāvubho / yajñamālī sumālī ca yamalāvatiśobhanau //

Mit verstreichender Zeit, o Brahmane, wurden ihm zwei Söhne geboren, Yajñamāli und Sumāli, Zwillinge, überaus schön.

Wort für Wort
kālena gacchatā vipra
mit verstreichender Zeit, o Brahmane
jātau tasya sutau ubhau
wurden ihm beide Söhne geboren
yajñamālī sumālī ca
Yajñamāli und Sumāli
yamalau atiśobhanau
Zwillinge, überaus schön

tataḥ pitā kumārau tāvatisnehasamanvitaḥ / poṣayāmāsa vātsalyādbahubhiḥ sādhanaistadā //

Dann zog der Vater, von großer Zuneigung erfüllt, jene beiden Knaben aus Elternliebe damals mit vielen Mitteln groß.

Wort für Wort
tataḥ pitā kumārau tau
dann [zog] der Vater jene beiden Knaben
atisnehasamanvitaḥ
von großer Zuneigung erfüllt
poṣayāmāsa vātsalyāt
zog er groß aus Elternliebe
bahubhiḥ sādhanaiḥ tadā
damals mit vielen Mitteln

vedamālirbahūpāyairdhanaṃ saṃpādya yatnataḥ / svadhanaṃ gaṇayāmāsa kiyatsyāditi veditum //

Vedamāli, der auf vielerlei Wegen mit Mühe Reichtum erworben hatte, begann sein eigenes Vermögen zu zählen, um zu erfahren, wie viel es sei.

Wort für Wort
vedamālir bahūpāyaiḥ
Vedamāli, auf vielerlei Wegen
dhanaṃ saṃpādya yatnataḥ
Reichtum mit Mühe erworben habend
svadhanaṃ gaṇayāmāsa
begann sein eigenes Vermögen zu zählen
kiyat syād iti veditum
um zu erfahren, wie viel es sei

nidhikoṭisahasrāṇāṃ koṭikoṭiguṇānvitam / vigaṇayya svayaṃ dṛṣṭo vismitaścārthacintayā //

Nachdem er [es] selbst nachgezählt hatte, wurde [sein Vermögen] als tausendfache Crores von Schätzen, vervielfacht um Crore mal Crore, ersichtlich; erstaunt [war er], und [zugleich beunruhigt] durch die Sorge um das Vermögen.

Wort für Wort
nidhikoṭisahasrāṇāṃ
von tausendfachen Crores an Schätzen
koṭikoṭiguṇānvitam
vervielfacht um Crore mal Crore
vigaṇayya svayaṃ dṛṣṭo
nachdem er selbst nachgezählt hatte, wurde [es] ersichtlich
vismitaḥ ca arthacintayā
erstaunt, und [beunruhigt] durch die Sorge um das Vermögen

asatpratigrahaiścaiva apaṇyānāṃ ca vikrayaiḥ / meyā tapo vikrayādyairetaddhanamupārjitam //

Durch unrechtmäßige Annahme von Gaben und durch den Verkauf unverkäuflicher Dinge, [und][?] durch den Verkauf von Askese und dergleichen wurde dieser Reichtum erworben.

Wort für Wort
asatpratigrahaiḥ ca eva
durch unrechtmäßige Annahme von Gaben
apaṇyānāṃ ca vikrayaiḥ
und durch den Verkauf unverkäuflicher Dinge
[meyā, ?] tapo vikrayādyaiḥ
durch den Verkauf von Askese und dergleichen[?]
etat dhanam upārjitam
wurde dieser Reichtum erworben

[?] „meyā“ ist unklar/verderbt überliefert; möglicherweise Rest von „vratatapo-“ (Gelübde und Askese).

nādyāpi śāntimāpannā mama tṛṣṇātiduḥsahā / merutulyasuvarṇāni hyasaṃkhyātāni vāñchati //

Noch immer ist mein überaus unerträgliches Verlangen (tṛṣṇā) nicht zur Ruhe gekommen; es begehrt unzählige Mengen Gold, [gleich] dem Berg Meru.

Wort für Wort
na adya api śāntim āpannā
noch immer nicht zur Ruhe gekommen
mama tṛṣṇā atiduḥsahā
ist mein überaus unerträgliches Verlangen
merutulyasuvarṇāni
Mengen Gold, [gleich] dem Berg Meru
hi asaṃkhyātāni vāñchati
begehrt es unzählige

aho manye mahākaṣṭaṃ samastakleśasādhanam / sarvānkāmānavāṃpnoti punaranyañca kāṅkṣati //

Ach, ich erachte [dies] als großes Leid, als das Mittel zu jeglicher Qual: [Der Mensch] erlangt alle [seine] Wünsche, und begehrt [dann] wieder ein anderes.

Wort für Wort
aho manye mahākaṣṭaṃ
ach, ich erachte [dies] als großes Leid
samastakleśasādhanam
als das Mittel zu jeglicher Qual
sarvān kāmān avāpnoti
er erlangt alle [seine] Wünsche
punar anyat ca kāṅkṣati
und begehrt wieder ein anderes

jīryanti jīryataḥ keśāḥ dantā jīryanti jīryataḥ / cakṣuḥśrotre ca jīryete tṛṣṇekā taruṇāyate //

Es altern, während man altert, die Haare; es altern, während man altert, die Zähne; Auge und Ohr altern ebenfalls – [nur] das Verlangen allein wird [immer wieder] jung.

Wort für Wort
jīryanti jīryataḥ keśāḥ
es altern, während man altert, die Haare
dantā jīryanti jīryataḥ
es altern, während man altert, die Zähne
cakṣuḥśrotre ca jīryete
Auge und Ohr altern ebenfalls
tṛṣṇā ekā taruṇāyate
das Verlangen allein wird [immer wieder] jung

mamedriyāṇi sarvāṇi mandabhāvaṃ vrajanti ca / balaṃ hataṃ ca jarasā tṛṣṇā taruṇatāṃ gatā //

Alle meine Sinnesorgane werden schwach, und [meine] Kraft ist durch das Alter zerstört – [nur] das Verlangen ist [immer wieder] jugendlich geworden.

Wort für Wort
mama indriyāṇi sarvāṇi
alle meine Sinnesorgane
mandabhāvaṃ vrajanti ca
werden schwach
balaṃ hataṃ ca jarasā
und [meine] Kraft ist durch das Alter zerstört
tṛṣṇā taruṇatāṃ gatā
das Verlangen ist jugendlich geworden

kaṣṭāśā varttate yasya sa vidrānatha paṇḍitaḥ / suśānto 'pi pramanyuḥ syāddhīmānapyatimūḍhadhīḥ //

Wer noch von schmerzlicher Hoffnung[/Gier] beherrscht ist, mag er [auch] gelehrt[?] und ein Kenner sein, mag er [auch] überaus friedvoll [sein], er wird [dennoch] zornmütig; mag er [auch] klug [sein], er ist [dennoch] überaus verblendeten Geistes.

Wort für Wort
kaṣṭāśā varttate yasya
wer noch von schmerzlicher Hoffnung beherrscht ist
sa vidvān [?] atha paṇḍitaḥ
mag er auch gelehrt und ein Kenner sein
suśānto 'pi pramanyuḥ syāt
mag er auch friedvoll sein, er wird [dennoch] zornmütig
dhīmān api atimūḍhadhīḥ
mag er auch klug sein, er ist [dennoch] überaus verblendeten Geistes

[?] „vidrānatha“ ist vermutlich eine Verschreibung für „vidvān atha“ (‚gelehrt, ferner').

āśā bhaṅgakarī puṃsāmajeyārātisannibhā / tasmādāśāṃ tyajetprājño yadīcchecchāśvataṃ sukham //

Hoffnung/Gier (āśā) bricht die Willenskraft der Männer, einem unbezwingbaren Feind gleich; darum soll der Kluge die Hoffnung aufgeben, wenn er ewiges Glück begehrt.

Wort für Wort
āśā bhaṅgakarī puṃsām
Hoffnung bricht die Willenskraft der Männer
ajeyārātisannibhā
einem unbezwingbaren Feind gleich
tasmāt āśāṃ tyajet prājño
darum soll der Kluge die Hoffnung aufgeben
yadi icchet śāśvataṃ sukham
wenn er ewiges Glück begehrt

balaṃ tejoḥ yaśaśvaiva vidyāṃ mānaṃ ca vṛddhatām / tathaiva satkule janma āśā hatyativegataḥ //

Kraft, Glanz (tejas), ebenso Ruhm, Wissen, Ehre und Alter[/Ansehen], ebenso Geburt in guter Familie – all das zerstört die Hoffnung mit überaus großer Geschwindigkeit.

Wort für Wort
balaṃ tejaḥ yaśaḥ ca eva
Kraft, Glanz, ebenso Ruhm
vidyāṃ mānaṃ ca vṛddhatām
Wissen, Ehre und Alter/Ansehen
tathā eva satkule janma
ebenso Geburt in guter Familie
āśā hanti ativegataḥ
das zerstört die Hoffnung mit überaus großer Geschwindigkeit

nṛṇāmāśābhibhūtānāmāścaryamidasucyate / kiñciddātāpi cāṇḍālastasmādadhikatāṃ gataḥ //

Von Menschen, die von Hoffnung/Gier überwältigt sind, wird dies als Wunder erzählt: Selbst ein Caṇḍāla, der [nur] ein wenig gibt, hat sie [darin] übertroffen.

Wort für Wort
nṛṇām āśābhibhūtānām
von Menschen, die von Hoffnung überwältigt sind
āścaryam idam ucyate
wird dies als Wunder erzählt
kiñcid dātā api cāṇḍālaḥ
selbst ein Caṇḍāla, der [nur] ein wenig gibt
tasmāt adhikatāṃ gataḥ
hat sie [darin] übertroffen

āśābhibhūtā ye martyā mahāmohā mahoddhatāḥ / avamānādikaṃ duḥkhaṃ na jānanti kadāpyaho //

Die Sterblichen, die von Hoffnung/Gier überwältigt, stark verblendet und stark hochmütig sind, erkennen, ach, niemals das Leid, das aus Verachtung und dergleichen [entsteht].

Wort für Wort
āśābhibhūtā ye martyā
die Sterblichen, die von Hoffnung überwältigt sind
mahāmohā mahoddhatāḥ
stark verblendet und stark hochmütig
avamānādikaṃ duḥkhaṃ
das Leid, das aus Verachtung und dergleichen [entsteht]
na jānanti kadā api aho
erkennen sie, ach, niemals

mayāpyevaṃ bahukliśairetaddhanamupārjitam / śarīramapi jīrṇaṃ ca jarasāpahataṃ balam //

Auch von mir wurde so, unter vielen Mühen, dieser Reichtum erworben; [nun] ist auch [mein] Körper hinfällig geworden, und [meine] Kraft ist durch das Alter zerstört.

Wort für Wort
mayā api evaṃ bahukleśaiḥ
auch von mir wurde so, unter vielen Mühen,
etat dhanam upārjitam
dieser Reichtum erworben
śarīram api jīrṇaṃ ca
auch [mein] Körper ist hinfällig geworden
jarasā apahataṃ balam
und [meine] Kraft ist durch das Alter zerstört

itaḥ paraṃ yatiṣyāmi paralokārthamādarāt / evaṃ niścitya viprendra dharmamārgarato 'bhavat //

‚Von nun an will ich mich mit Hingabe um der jenseitigen Welt willen bemühen.' So entschlossen, o Bester der Brahmanen, wurde er dem Pfad des Dharma zugetan.

Wort für Wort
itaḥ paraṃ yatiṣyāmi
von nun an will ich mich bemühen
paralokārtham ādarāt
um der jenseitigen Welt willen, mit Hingabe
evaṃ niścitya viprendra
so entschlossen, o Bester der Brahmanen
dharmamārgarato 'bhavat
wurde er dem Pfad des Dharma zugetan

tadaiva taddhanaṃ sarvaṃ caturddhā vyabhajattathā / svayaṃ tu bhāgadvitayaṃ svārjitārthādapāharat //

Da teilte er sogleich jenen gesamten Reichtum ebenso in vier [Teile]; er selbst nahm zwei Teile von dem, was er selbst erworben hatte, [für sich].

Wort für Wort
tadā eva tat dhanaṃ sarvaṃ
da [teilte er] sogleich jenen gesamten Reichtum
caturddhā vyabhajat tathā
in vier Teile
svayaṃ tu bhāgadvitayaṃ
er selbst [nahm] zwei Teile
svārjitārthāt apāharat
von dem, was er selbst erworben hatte, [für sich]

śeṣaṃ ca bhāgadvitayaṃ putrayorubhayordadau / svenārjitānāṃ pāpānāṃ nāśaṃ kartumanāstadā //

Die übrigen zwei Teile gab er beiden Söhnen; [denn] er war damals darauf bedacht, die Sünden, die er selbst erworben hatte, zu vernichten.

Wort für Wort
śeṣaṃ ca bhāgadvitayaṃ
die übrigen zwei Teile
putrayor ubhayor dadau
gab er beiden Söhnen
svena arjitānāṃ pāpānāṃ
der Sünden, die er selbst erworben hatte
nāśaṃ kartumanāḥ tadā
war er damals auf die Vernichtung bedacht

prapātaḍāgārāmāṃśca tathā devagṛhānbahūn / annādīnāṃ ca dānāni gaṅgātīre cakāra saḥ //

Wasserstationen, Teiche und Haine, und ebenso viele Tempel, sowie Gaben von Speise und dergleichen, errichtete/vollzog er am Ufer der Gaṅgā.

Wort für Wort
prapātaḍāgārāmān ca
Wasserstationen, Teiche und Haine
tathā devagṛhān bahūn
und ebenso viele Tempel
annādīnāṃ ca dānāni
und Gaben von Speise und dergleichen
gaṅgātīre cakāra saḥ
vollzog er am Ufer der Gaṅgā

evaṃ dhanamaśeṣaṃ ca viśrāṇya haribhaktimān / nāranārāyaṇasthānaṃ jagāma tapase vanam //

So verteilte er, der Hari-Hingebungsvolle, den gesamten Reichtum und ging um der Askese willen zu dem Wald, dem Ort von Nara-Nārāyaṇa.

Wort für Wort
evaṃ dhanam aśeṣaṃ ca
so [verteilte er] den gesamten Reichtum
viśrāṇya haribhaktimān
verteilt habend, der Hari-Hingebungsvolle
nāranārāyaṇasthānaṃ
zu dem Ort von Nara-Nārāyaṇa
jagāma tapase vanam
ging er um der Askese willen, zu dem Wald

tatrāpaśyanmahāramyamāśramaṃ munisevitam / phalitaiḥ puṣapitaiścaiva śobhitaṃ vṛkṣasaṃcayaiḥ //

Dort sah er einen sehr lieblichen Einsiedlerhain, von Munis aufgesucht, geschmückt mit Baumgruppen, die Früchte trugen und blühten.

Wort für Wort
tatra apaśyat mahāramyam
dort sah er einen sehr lieblichen
āśramaṃ munisevitam
Einsiedlerhain, von Munis aufgesucht
phalitaiḥ puṣpitaiḥ [?] ca eva
der Früchte trug und blühte
śobhitaṃ vṛkṣasaṃcayaiḥ
geschmückt mit Baumgruppen

[?] „puṣapitaiḥ“ ist eine Verschreibung für „puṣpitaiḥ“ (blühend).

gṛṇadbhiḥ paramaṃ brahma śāstracintāparaistathā / paricaryāparairvṛddhairmunibhiḥ pariśobhitam //

[Er sah den Einsiedlerhain] geziert von betagten Munis, die das höchste Brahman verkündeten und ebenso der Betrachtung der Lehrschriften und dem Dienst ergeben waren.

Wort für Wort
gṛṇadbhiḥ paramaṃ brahma
die das höchste Brahman verkündeten
śāstracintāparaiḥ tathā
und der Betrachtung der Lehrschriften ergeben waren
paricaryāparair vṛddhair munibhiḥ
von betagten, dem Dienst ergebenen Munis
pariśobhitam
geziert

śiṣyaiḥ parivṛtaṃ tatra muniṃ jānanti saṃjñakam / gṛṇantaṃ paramaṃ brahma tejorāśiṃ dadarśa ha //

Dort erblickte er, von Schülern umgeben, den Muni mit Namen Jānanti, eine Ansammlung von Glanz, der das höchste Brahman verkündete.

Wort für Wort
śiṣyaiḥ parivṛtaṃ tatra
dort, von Schülern umgeben
muniṃ jānanti saṃjñakam
den Muni mit Namen Jānanti
gṛṇantaṃ paramaṃ brahma
der das höchste Brahman verkündete
tejorāśiṃ dadarśa ha
eine Ansammlung von Glanz, erblickte er

śamādiguṇasaṃyuktaṃ rāgādirahitaṃ munim / śīrṇaparṇāśanaṃ dṛṣṭvā vedamālirnanāma tam //

Als er den Muni sah, der mit den Tugenden, angefangen bei der Gemütsruhe (śama), ausgestattet, frei von Leidenschaft und dergleichen war und sich von welken Blättern nährte, verneigte sich Vedamāli vor ihm.

Wort für Wort
śamādiguṇasaṃyuktaṃ
ausgestattet mit den Tugenden, angefangen bei der Gemütsruhe
rāgādirahitaṃ munim
den Muni, frei von Leidenschaft und dergleichen
śīrṇaparṇāśanaṃ dṛṣṭvā
als er sah, dass er sich von welken Blättern nährte
vedamālir nanāma tam
verneigte sich Vedamāli vor ihm

tasya jānantirāgantoḥ kalpayāmāsa cārhaṇam / kandamūlaphalādyaistu nārāyaṇadhiyā mune //

Jānanti bereitete für ihn, den Gast, eine Ehrenerweisung, mit Wurzeln, Knollen, Früchten und dergleichen, o Muni, in der Gesinnung, [er sei] Nārāyaṇa [selbst].

Wort für Wort
tasya jānantiḥ āgantoḥ
für ihn, den Gast, [bereitete] Jānanti
kalpayāmāsa ca arhaṇam
eine Ehrenerweisung
kandamūlaphalādyaiḥ tu
mit Wurzeln, Knollen, Früchten und dergleichen
nārāyaṇadhiyā mune
in der Gesinnung, [er sei] Nārāyaṇa, o Muni

kṛtātithyakriyastena vedamālī kṛtāñjaliḥ / vinayāvanato bhūtvā provāca vadatāṃ varam //

Vedamāli, dem von ihm die Riten der Gastfreundschaft erwiesen worden waren, sprach, die Hände gefaltet, in Demut verneigt, zu dem Besten der Redner.

Wort für Wort
kṛtātithyakriyaḥ tena
dem von ihm die Riten der Gastfreundschaft erwiesen worden waren
vedamālī kṛtāñjaliḥ
Vedamāli, die Hände gefaltet
vinayāvanato bhūtvā
in Demut verneigt
provāca vadatāṃ varam
sprach zu dem Besten der Redner

bhagavankṛtakṛtyo 'smi vigataṃ kalmaṣaṃ mama / māmuddhara mahābhāga jñānadānena paṇḍita //

‚O Herr, ich bin am Ziel meines Wirkens; meine Befleckung ist gewichen. Rette mich, o Hochbeglückter, durch die Gabe des Wissens, o Gelehrter.'

Wort für Wort
bhagavan kṛtakṛtyo 'smi
o Herr, ich bin am Ziel meines Wirkens
vigataṃ kalmaṣaṃ mama
meine Befleckung ist gewichen
mām uddhara mahābhāga
rette mich, o Hochbeglückter
jñānadānena paṇḍita
durch die Gabe des Wissens, o Gelehrter

evamuktastatastena jānantirmunisattamaḥ / provāca prahasanvāgmī vedamāliṃ guṇānvitam //

So angesprochen, sprach daraufhin Jānanti, der Beste der Munis, lächelnd [und] redegewandt, zu Vedamāli, dem Tugendbegabten.

Wort für Wort
evam uktaḥ tataḥ tena
so von ihm angesprochen, daraufhin
jānantir munisattamaḥ
Jānanti, der Beste der Munis
provāca prahasan vāgmī
sprach, lächelnd, redegewandt
vedamāliṃ guṇānvitam
zu Vedamāli, dem Tugendbegabten

jānantiruvāca śṛṇaṣva vipraśārdūla saṃsāracchedakāraṇam / pravakṣyāmi samāsena durlabhaṃ tvakṛtātmanām //

Jānanti sprach: Höre, o Tiger unter den Brahmanen, die Ursache für die Durchtrennung des Daseinskreislaufs; ich will [sie] kurz darlegen – [sie ist] schwer erlangbar für die im Selbst Unvollkommenen.

Wort für Wort
jānantir uvāca
Jānanti sprach:
śṛṇuṣva vipraśārdūla
höre, o Tiger unter den Brahmanen
saṃsāracchedakāraṇam
die Ursache für die Durchtrennung des Daseinskreislaufs
pravakṣyāmi samāsena
ich will [sie] kurz darlegen
durlabhaṃ tv akṛtātmanām
schwer erlangbar für die im Selbst Unvollkommenen

bhaja viṣṇuṃ paraṃ nityaṃ smara nārāyaṇaṃ prabhum / parāpavādaṃ paiśunyaṃ kadācidapi mā kṛthāḥ //

Verehre stets den höchsten Viṣṇu, gedenke des Herrn Nārāyaṇa; übe niemals Verleumdung anderer oder Verrat/Zuträgerei aus.

Wort für Wort
bhaja viṣṇuṃ paraṃ nityaṃ
verehre stets den höchsten Viṣṇu
smara nārāyaṇaṃ prabhum
gedenke des Herrn Nārāyaṇa
parāpavādaṃ paiśunyaṃ
Verleumdung anderer, Verrat/Zuträgerei
kadācit api mā kṛthāḥ
übe niemals aus

paropakāranirataḥ sadā bhava mahāmate / haripūjāparaścaiva tyaja mūrkhasamāgamam //

Sei stets dem Wohltun an anderen zugetan, o Großgesinnter, und ebenso der Verehrung Haris ergeben; meide die Gesellschaft der Toren.

Wort für Wort
paropakāranirataḥ
dem Wohltun an anderen zugetan
sadā bhava mahāmate
sei stets, o Großgesinnter
haripūjāparaḥ ca eva
und ebenso der Verehrung Haris ergeben
tyaja mūrkhasamāgamam
meide die Gesellschaft der Toren

kāmaṃ krodhaṃ ca lobhaṃ ca mohaṃ ca madamatsarau / parityajyātmavallokaṃ dṛṣṭvā śāntiṃ gamiṣyasi //

Nachdem du Begierde, Zorn, Gier, Verblendung, Stolz und Missgunst aufgegeben hast, und die Welt wie dich selbst betrachtet hast, wirst du zum Frieden gelangen.

Wort für Wort
kāmaṃ krodhaṃ ca lobhaṃ ca
Begierde, Zorn und Gier
mohaṃ ca madamatsarau
Verblendung, Stolz und Missgunst
parityajya ātmavat lokaṃ
nachdem du [diese] aufgegeben, und die Welt wie dich selbst
dṛṣṭvā śāntiṃ gamiṣyasi
betrachtet hast, wirst du zum Frieden gelangen

asūyāṃ paranindāṃ ca kadācidapi mā kuru / draṃbhācāramahṝṅkāraṃ naiṣṭhuryaṃ ca parityaja //

Übe niemals Missgunst und Verleumdung anderer aus; gib heuchlerisches Verhalten (dambhācāra), Ich-Sucht und Grausamkeit auf.

Wort für Wort
asūyāṃ paranindāṃ ca
Missgunst und Verleumdung anderer
kadācit api mā kuru
übe niemals aus
dambhācāram ahaṅkāraṃ
heuchlerisches Verhalten, Ich-Sucht
naiṣṭhuryaṃ ca parityaja
und Grausamkeit gib auf

dayāṃ kuruṣva bhuteṣu śuśrūṣāṃ ca tathā satām / tvayā kṛtāṃśca dharmānvai mā prakāśaya pucchatām //

Übe Mitleid gegenüber [allen] Wesen, und ebenso Dienst gegenüber den Guten; die von dir vollzogenen [religiösen] Pflichten sollst du wahrlich nicht vor denen offenbaren, die [danach] fragen.

Wort für Wort
dayāṃ kuruṣva bhūteṣu
übe Mitleid gegenüber [allen] Wesen
śuśrūṣāṃ ca tathā satām
und ebenso Dienst gegenüber den Guten
tvayā kṛtān ca dharmān vai
die von dir vollzogenen [religiösen] Pflichten wahrlich
mā prakāśaya pṛcchatām
offenbare nicht vor denen, die fragen

anācāraparāndṛṣṭvā nopekṣāṃ kuru śaktitaḥ / pūjayasvātiyiṃ nityaṃ svakuṭuṃbāvirodhataḥ //

Wenn du die dem Unrecht Zugetanen siehst, übe [gegenüber ihnen] nicht Gleichgültigkeit, soweit du vermagst; ehre stets den Gast, ohne [dabei] mit deiner eigenen Familie in Widerstreit zu geraten.

Wort für Wort
anācāraparān dṛṣṭvā
wenn du die dem Unrecht Zugetanen siehst
na upekṣāṃ kuru śaktitaḥ
übe [gegenüber ihnen] nicht Gleichgültigkeit, soweit du vermagst
pūjayasva atithiṃ [?] nityaṃ
ehre stets den Gast
svakuṭumbāvirodhataḥ
ohne mit der eigenen Familie in Widerstreit zu geraten

[?] „atiyiṃ“ ist eine Verschreibung für „atithim“ (den Gast).

patraiḥ puṣpaiḥ phalairvāpi dūrvābhiḥ pallavairatha / pūjayasva jagannāthaṃ nārāyaṇamakāṃ mataḥ //

Mit Blättern, Blumen oder auch Früchten, mit Dūrvā-Gras oder mit Sprösslingen verehre den Herrn der Welt, Nārāyaṇa – [dies ist] meine Lehre[?].

Wort für Wort
patraiḥ puṣpaiḥ phalair vā api
mit Blättern, Blumen oder auch Früchten
dūrvābhiḥ pallavaiḥ atha
mit Dūrvā-Gras oder mit Sprösslingen
pūjayasva jagannāthaṃ
verehre den Herrn der Welt
nārāyaṇam [...] mataḥ [?]
Nārāyaṇa – [dies ist] meine Lehre[?]

[Anm.: Der Ausdruck „nārāyaṇamakāṃ mataḥ“ ist unklar/verderbt überliefert; sinngemäß etwa „nārāyaṇam … [so ist] meine Ansicht“. [?]

devānṛpīnpitṝścāpi tarpayasva yathāvidhi / agreśca vidhivadvapra paricaryāparo bhava //

Erfreue die Götter, die Seher[?] und die Ahnen ebenfalls, nach Vorschrift; und sei, davor[?], o Brahmane[?], ordnungsgemäß dem Dienst ergeben.

Wort für Wort
devān ṛṣīn [?] pitṝn ca api
die Götter, die Seher[?] und die Ahnen ebenfalls
tarpayasva yathāvidhi
erfreue [sie] nach Vorschrift
agre ca vidhivat vipra [?]
und davor, ordnungsgemäß, o Brahmane[?]
paricaryāparo bhava
sei dem Dienst ergeben

[?] „nṛpīn“ steht vermutlich für „ṛṣīn“ (Seher), entsprechend der üblichen Trias Götter–Seher–Ahnen. „vapra“ ist unklar, vermutlich Verschreibung für „vipra“ (o Brahmane).

devatāyatane nityaṃ saṃmārjanaparo bhava / tathopalepanaṃ caiva kuruṣva susamāhitaḥ //

Sei stets im Gottestempel dem Kehren zugetan; und vollziehe ebenso, mit voller Sammlung, das [rituelle] Bestreichen [mit Kuhdung].

Wort für Wort
devatāyatane nityaṃ
im Gottestempel stets
saṃmārjanaparo bhava
sei dem Kehren zugetan
tathā upalepanaṃ ca eva
und ebenso das [rituelle] Bestreichen
kuruṣva susamāhitaḥ
vollziehe mit voller Sammlung

śīrṇasphaṭitasaṃdhānaṃ kuru devagṛhe sadā / mārgaśobhāṃ ca dīpaṃ ca viṣṇorāyatane kuru //

Vollziehe stets die Ausbesserung dessen, was im Gottestempel verfallen und geborsten ist; sorge für den Schmuck des Weges und für Lampen im Tempel Viṣṇus.

Wort für Wort
śīrṇasphaṭitasaṃdhānaṃ
die Ausbesserung dessen, was verfallen und geborsten ist
kuru devagṛhe sadā
vollziehe stets im Gottestempel
mārgaśobhāṃ ca dīpaṃ ca
den Schmuck des Weges und Lampen
viṣṇoḥ āyatane kuru
sorge dafür im Tempel Viṣṇus

kandamūlaphalairvāpi sadā pūjaya mādhavam / pradakṣiṇanamaskāraiḥ stotrāṇāṃ paṭhanaistathā //

Verehre Mādhava stets, sei es mit Wurzeln, Knollen und Früchten, [sei es] mit Umwandlungen und Verneigungen, und ebenso mit dem Rezitieren von Lobpreisungen (stotra).

Wort für Wort
kandamūlaphalair vā api
sei es mit Wurzeln, Knollen und Früchten
sadā pūjaya mādhavam
verehre Mādhava stets
pradakṣiṇanamaskāraiḥ
mit Umwandlungen und Verneigungen
stotrāṇāṃ paṭhanaiḥ tathā
und ebenso mit dem Rezitieren von Lobpreisungen

yurāṇaśravaṇaṃ caiva purāṇapaṭhanaṃ tathā / vedāntapaṭhanaṃ caiva pratyahaṃ kuru śaktitaḥ //

Vollziehe täglich, soweit du vermagst, das Hören der Purāṇas[?] sowie das Lesen der Purāṇas und ebenso das Studium des Vedānta.

Wort für Wort
purāṇaśravaṇaṃ [?] ca eva
das Hören der Purāṇas
purāṇapaṭhanaṃ tathā
sowie das Lesen der Purāṇas
vedāntapaṭhanaṃ ca eva
und ebenso das Studium des Vedānta
pratyahaṃ kuru śaktitaḥ
vollziehe täglich, soweit du vermagst

[?] „yurāṇaśravaṇaṃ“ ist eine Verschreibung für „purāṇaśravaṇaṃ“.

evaṃ sthitistava jñānaṃ bhaghaviṣyatyuttamottamam / jñānātsamastapāpānāṃ mokṣo bhavati niścitam //

So beständig, wird dein Wissen das allerhöchste werden; aus dem Wissen erfolgt gewiss die Erlösung von allen Sünden.

Wort für Wort
evaṃ sthitiḥ tava jñānaṃ
so beständig, [wird] dein Wissen
bhaviṣyati uttamottamam
das allerhöchste werden
jñānāt samastapāpānāṃ
aus dem Wissen von allen Sünden
mokṣo bhavati niścitam
erfolgt gewiss die Erlösung

evaṃ prabodhitastena vedamālirmahāmatiḥ / tathā jñānarato nityaṃ jñānaleśamavāptavān //

So von ihm belehrt, wurde Vedamāli, von großer Einsicht, ebenso beständig dem Wissen zugetan [und] erlangte ein Teilchen von Wissen (jñānaleśa).

Wort für Wort
evaṃ prabodhitaḥ tena
so von ihm belehrt
vedamālir mahāmatiḥ
Vedamāli, von großer Einsicht
tathā jñānarato nityaṃ
ebenso beständig dem Wissen zugetan
jñānaleśam avāptavān
erlangte er ein Teilchen von Wissen

vedamāliḥ kadācittu jñānaleśapracoditaḥ / ko 'haṃ mama kriyā keti svayameva vyaktintayat //

Vedamāli, einst durch sein Teilchen Wissen angetrieben, erwog bei sich selbst: ‚Wer bin ich, was ist mein Tun?'

Wort für Wort
vedamāliḥ kadācit tu
Vedamāli, einst
jñānaleśapracoditaḥ
durch sein Teilchen Wissen angetrieben
ko 'haṃ mama kriyā kā iti
‚wer bin ich, was ist mein Tun?'
svayam eva vyacintayat [?]
erwog er bei sich selbst

[?] „vyaktintayat“ ist vermutlich eine Verschreibung für „vyacintayat“ (er erwog).

mama janma kathaṃ jātaṃ rūpaṃ kīdṛgvidhaṃ mama / evaṃ vicāraṇaparoḥ divāniśamatandritaḥ //

‚Wie ist meine Geburt entstanden, was für eine Gestalt ist die meine?' – so untersuchend, Tag und Nacht, unermüdlich.

Wort für Wort
mama janma kathaṃ jātaṃ
wie ist meine Geburt entstanden
rūpaṃ kīdṛgvidhaṃ mama
was für eine Gestalt ist die meine
evaṃ vicāraṇaparaḥ
so untersuchend
divāniśam atandritaḥ
Tag und Nacht, unermüdlich

aniścitamatirbhūtvā vedamālirddhijottamaḥ / punarjānantimāgamya praṇamyedamuvāca ha //

Vedamāli, der Beste der Zweifachgeborenen, wurde [dabei] unsicheren Geistes und sprach, nachdem er wieder zu Jānanti gekommen und sich verneigt hatte, dies.

Wort für Wort
aniścitamatir bhūtvā
unsicheren Geistes geworden
vedamālir dvijottamaḥ
Vedamāli, der Beste der Zweifachgeborenen
punar jānantim āgamya
nachdem er wieder zu Jānanti gekommen war
praṇamya idam uvāca ha
sprach er, nachdem er sich verneigt hatte, dies

vedamāliruvāca mama cittamatibhrātaṃ guro brahmavidāṃ vara / ko 'haṃ mama kriyā kā ca mama janma kathaṃ vada //

Vedamāli sprach: Mein Geist ist völlig verwirrt, o Lehrer, Bester der Brahmankenner; sage [mir], wer ich bin, was mein Tun ist, und wie meine Geburt [geschah].

Wort für Wort
vedamālir uvāca
Vedamāli sprach:
mama cittam atibhrāntaṃ
mein Geist ist völlig verwirrt
guro brahmavidāṃ vara
o Lehrer, Bester der Brahmankenner
ko 'haṃ mama kriyā kā ca
wer bin ich, was ist mein Tun
mama janma kathaṃ vada
wie [geschah] meine Geburt, sage [mir]

jānantiruvāca satyaṃ satyaṃ mahābhāga cittaṃ bhrātaṃ suniścitam / avidyānilarya cittaṃ kathaṃ sadbhāvagagameṣyati //

Jānanti sprach: Wahr, wahr [ist es], o Hochbeglückter: [dein] Geist ist ganz gewiss verwirrt; wie sollte ein vom Winde der Unwissenheit [aufgewühlter] Geist zum wahren Sein gelangen?

Wort für Wort
satyaṃ satyaṃ mahābhāga
wahr, wahr, o Hochbeglückter
cittaṃ bhrāntaṃ suniścitam
[dein] Geist ist ganz gewiss verwirrt
avidyānilena [?] cittaṃ
ein vom Winde der Unwissenheit [aufgewühlter] Geist
kathaṃ sadbhāvam āgameṣyati
wie sollte [er] zum wahren Sein gelangen

[?] „avidyānilarya“ ist vermutlich eine Verschreibung für „avidyānilena“ (durch den Wind der Unwissenheit).

mameti gaditaṃ yattu tadapi bhrāntiriṣyate / ahṝṅkāro manodharma ātmano nahi paṇḍita //

Auch das, was als ‚mein' ausgesprochen wird, gilt als Verirrung; die Ich-Sucht ist eine Eigenschaft des Geistes, o Gelehrter, nicht des Selbst (ātman).

Wort für Wort
mama iti gaditaṃ yat tu
das, was als ‚mein' ausgesprochen wird
tat api bhrāntiḥ iṣyate
auch das gilt als Verirrung
ahaṅkāro manodharma
die Ich-Sucht ist eine Eigenschaft des Geistes
ātmano na hi paṇḍita
nicht des Selbst, o Gelehrter

punaśca ko 'hamityuktaṃ vedamāle tvayā tu yat / mama jātyādi śūnyasya kathaṃ nāma karomyaham //

Und ferner, was von dir, Vedamāli, gesagt wurde als ‚wer bin ich' – wie könnte ich, der ich frei bin von Kaste (jāti) und dergleichen, [mir überhaupt] einen Namen geben?

Wort für Wort
punaḥ ca ko 'ham iti uktaṃ
und ferner, was als ‚wer bin ich' gesagt wurde
vedamāle tvayā tu yat
von dir, Vedamāli
mama jātyādi śūnyasya
von mir, der ich frei bin von Kaste und dergleichen
kathaṃ nāma karomi aham
wie könnte ich [mir] einen Namen geben

anaupamyasvabhāvasya nirguṇasya parātmanaḥ / nīrūpasyāprameyasya kathaṃ nāma karomyaham //

Von [mir], dessen Wesen unvergleichlich ist, [dessen Wesen als] das höchste Selbst eigenschaftslos [ist], gestaltlos, unermesslich – wie könnte ich [mir] einen Namen geben?

Wort für Wort
anaupamyasvabhāvasya
dessen Wesen unvergleichlich ist
nirguṇasya parātmanaḥ
das höchste Selbst, eigenschaftslos
nīrūpasya aprameyasya
gestaltlos, unermesslich
kathaṃ nāma karomi aham
wie könnte ich [mir] einen Namen geben

parajyotiḥ svarūpasya paripūrṇāvyayātmanaḥ / avicchinnasvabhāvasya kathyate ca kathaṃ kriyā //

Von [mir], dessen Wesensgestalt das höchste Licht ist, dessen Selbst vollkommen und unvergänglich ist, dessen Wesen ununterbrochen ist – wie könnte [von ihm überhaupt] von einer Handlung gesprochen werden?

Wort für Wort
parajyotiḥ svarūpasya
dessen Wesensgestalt das höchste Licht ist
paripūrṇāvyayātmanaḥ
dessen Selbst vollkommen und unvergänglich ist
avicchinnasvabhāvasya
dessen Wesen ununterbrochen ist
kathyate ca kathaṃ kriyā
wie könnte [von ihm] von einer Handlung gesprochen werden

svaprakāśātmano vipra nityasya paramātmanaḥ / anantasya kriyā caiva kathaṃ janma ca kathyate //

Vom selbstleuchtenden, o Brahmane, ewigen höchsten Selbst, dem unendlichen, wie könnte [von ihm] von Handlung oder gar Geburt gesprochen werden?

Wort für Wort
svaprakāśātmano vipra
vom selbstleuchtenden [Selbst], o Brahmane
nityasya paramātmanaḥ
dem ewigen höchsten Selbst
anantasya kriyā ca eva
vom unendlichen, von Handlung
kathaṃ janma ca kathyate
wie könnte auch von Geburt gesprochen werden

jñānaikavedyamajaraṃ paraṃ brahma sanātanam / paripūrṇaṃ parānandaṃ tasmānnānyadiha dvija //

[Es ist] das höchste, ewige Brahman, nur durch Wissen erkennbar, alterlos, vollkommen, von höchster Wonne – außer diesem gibt es hier nichts anderes, o Zweifachgeborener.

Wort für Wort
jñānaikavedyam ajaraṃ
nur durch Wissen erkennbar, alterlos
paraṃ brahma sanātanam
das höchste, ewige Brahman
paripūrṇaṃ parānandaṃ
vollkommen, von höchster Wonne
tasmāt na anyat iha dvija
außer diesem gibt es hier nichts anderes, o Zweifachgeborener

tattvamasyādivākyebhyo jñānaṃ mokṣasya sādhanam / jñāne tvanāhate siddhe sarvaṃ brahmamayaṃ bhavet //

Aus den großen Aussprüchen, angefangen mit ‚tat tvam asi' [‚das bist du'], [entsteht] das Wissen, das Mittel zur Erlösung; ist das Wissen, ungehindert, [einmal] vollendet, wird alles [als] aus Brahman bestehend [erkannt].

Wort für Wort
tattvamasyādivākyebhyo
aus den großen Aussprüchen, angefangen mit ‚tat tvam asi'
jñānaṃ mokṣasya sādhanam
[entsteht] das Wissen, das Mittel zur Erlösung
jñāne tu anāhate siddhe
ist das Wissen aber, ungehindert, vollendet
sarvaṃ brahmamayaṃ bhavet
wird alles [als] aus Brahman bestehend [erkannt]

evaṃ prabodhitastena vedamālirmunīśvara / mumoda paśyannātmānamātmanyevācyutaṃ prabhum //

So von ihm belehrt, o Herr der Munis, freute sich Vedamāli, indem er sein Selbst [erkannte, und] den Herrn Acyuta eben im [eigenen] Selbst schaute.

Wort für Wort
evaṃ prabodhitastena
so von ihm belehrt
vedamālir munīśvara
Vedamāli, o Herr der Munis
mumoda paśyan ātmānam
freute sich, sein Selbst schauend
ātmani eva acyutaṃ prabhum
den Herrn Acyuta eben im [eigenen] Selbst

upādhirahitaṃ brahma svaprakāśaṃ nirañjanam / ahameveti niścitya parāṃ śāntimavāptavān //

Nachdem er festgestellt hatte: ‚Ich bin eben [dieses] von Zuschreibungen freie, selbstleuchtende, makellose Brahman', erlangte er höchsten Frieden.

Wort für Wort
upādhirahitaṃ brahma
das von Zuschreibungen freie Brahman
svaprakāśaṃ nirañjanam
selbstleuchtend, makellos
aham eva iti niścitya
‚ich bin eben [dieses]' festgestellt habend
parāṃ śāntim avāptavān
erlangte er höchsten Frieden

tataśca vyavahārārthaṃ vedamālirmunīśvaram / guruṃ praṇamya jānanti sadā dhyānaparo 'bhavat //

Und dann, um des [weltlichen] Wirkens willen, wurde Vedamāli, nachdem er sich vor [seinem] Lehrer, dem Herrn der Munis, Jānanti, verneigt hatte, beständig der Meditation zugetan.

Wort für Wort
tataḥ ca vyavahārārthaṃ
und dann, um des [weltlichen] Wirkens willen
vedamālir munīśvaram
Vedamāli, [vor] dem Herrn der Munis
guruṃ praṇamya jānanti
seinem Lehrer Jānanti, sich verneigt habend,
sadā dhyānaparo 'bhavat
wurde beständig der Meditation zugetan

gate bahutithe kāle vedamālirmunīśva / vārāṇasīpuraṃ prāpya paraṃ mokṣamavāptavān //

Als geraume Zeit verstrichen war, erlangte Vedamāli, [nunmehr] wie ein Herr der Munis[?], nachdem er die Stadt Vārāṇasī erreicht hatte, die höchste Erlösung.

Wort für Wort
gate bahutithe kāle
als geraume Zeit verstrichen war
vedamālir munīśvaraḥ [?]
Vedamāli, [wie] ein Herr der Munis
vārāṇasīpuraṃ prāpya
nachdem er die Stadt Vārāṇasī erreicht hatte
paraṃ mokṣam avāptavān
erlangte er die höchste Erlösung

[?] „munīśva“ ist offenkundig verkürzt/abgebrochen überliefert, vermutlich für „munīśvaraḥ“ (Herr der Munis).

ya imaṃ paṭhate 'dhyāyaṃ śṛṇuyādvā samāhitaḥ / sa karmapāśavicchedaṃ prāpya saukhyamavānpuyāt //

Wer dieses Kapitel liest oder mit gesammeltem Geist hört, der erlangt die Durchtrennung der Fessel des Karma und gewinnt Glückseligkeit.

Wort für Wort
ya imaṃ paṭhate 'dhyāyaṃ
wer dieses Kapitel liest
śṛṇuyād vā samāhitaḥ
oder mit gesammeltem Geist hört
sa karmapāśavicchedaṃ
der erlangt die Durchtrennung der Fessel des Karma
prāpya saukhyam avāpnuyāt
und gewinnt Glückseligkeit

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