Der ehrwürdige Nārada sprach: Woher, o Brahmane, ist diese Welt der beweglichen und unbeweglichen Dinge erschaffen? Und wohin geht sie bei der Weltauflösung (Pralaya) ein? Das sage mir, Sanandana.
Wort für Wort
śrīnārada uvāca
Der ehrwürdige Nārada sprach
kutaḥ sṛṣṭamidaṃ brahman
woher, o Brahmane, ist dies erschaffen
jagatsthāvarajaṅgamam
die Welt der unbeweglichen und beweglichen Dinge
pralaye ca kamabhyeti
und wohin geht sie bei der Weltauflösung ein
tanme brūhi sanandana
das sage mir, Sanandana
[Anm.: Im Quelltext geht der eigentlichen Rede des Nārada unmittelbar die Kolophonzeile „iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde nāmamahātmyannāma ekacatvāriṃśo 'dhyāyaḥ“ voraus – offenbar der versehentlich hierher verschleppte Schlusskolophon des vorangehenden (41.) Kapitels („Die Größe des (Gottes-)Namens“). Sie wurde nicht in den Vers-Text (sa) aufgenommen, da sie erkennbar keinen Bestandteil von V.1 bildet. Mit diesem Vers beginnt zugleich der zweite Pāda: Die Rahmenerzählung setzt sich zunächst mit Nārada und Sanandana fort (wie in den vorigen Kapiteln), doch ab V.5 berichtet Sanandana dem Nārada als „itihāsa“ die Geschichte des Zwiegesprächs zwischen Bhṛgu und Bharadvāja (ab V.6/7), sodass eine dreifache Rahmung entsteht: Sanandana erzählt Nārada, wie einst Bhṛgu dem Bharadvāja lehrte.]
Wie wurden die Wesen erschaffen, wie die Einteilung der Stände (Varṇas)? Wie ist deren Reinheit und Unreinheit, wie die Ordnung von Dharma und Adharma?
kīdṛśo jīvatāṃ jīvaḥ kva vā gacchanti ye mṛtāḥ / asmāllokādamuṃ lokaṃ sarvaṃ śaṃsatu me bhavān
Von welcher Art ist die Seele (Jīva) der Lebenden? Und wohin gehen die Verstorbenen von dieser Welt in jene Welt? Das alles möge Euer Ehrwürden mir verkünden.
Sanandana sprach: Höre, Nārada, ich will dir eine uralte Geschichte (Itihāsa) erzählen – die Lehre (Śāstra), die Bhṛgu dem fragenden Bharadvāja verkündet hat.
Bharadvāja sprach: Wie wandert die Seele (Jīva) unaufhörlich in den mannigfachen Mutterschößen (Geburten) umher? Und wie kommt für sie die Befreiung (Mukti) aus dem Weltkreislauf (Saṃsāra) zustande, o du Ehrenspender?
yaśca nārāyaṇaḥ sraṣṭā svayaṃbhūrbhagavansvayam / sevyasevakabhāvena vartete iti tau sadā
Und der Nārāyaṇa, welcher der Schöpfer, der Erhabene, der Selbstexistente (Svayambhū) selbst ist – wie stehen dieser und (die Seele) allezeit im Verhältnis von Herrn und Diener zueinander?
In welchen Herrn (Īśa) gehen bei der Weltauflösung alle beweglichen und unbeweglichen Wesen ein – er, der der Beglücker der Welten, eigenschaftslos (nirguṇa) und makellos (nirañjana) ist?
Wort für Wort
praviśanti laye sarve
bei der Weltauflösung gehen alle ein
yamīśaṃ sacarācarāḥ
in welchen Herrn, die beweglichen und unbeweglichen (Wesen)
lokānāṃ ramaṇaḥ so 'yaṃ
er, der Beglücker der Welten
nirguṇaśca nirañjanaḥ
eigenschaftslos und makellos
[Anm.: Der Vers schließt syntaktisch an V.8 an und bildet mit ihm eine zusammenhängende Frage.]
Wie kann er, der Unbeschreibliche und Unausdenkbare, erkannt werden, und von wem, o Weiser? Wie (kann man) diesen höchsten Geist (erkennen), der mit der Macht der Zeit nur schwer zu erfassen ist?
Wort für Wort
anīrdaśyo 'pratarkyaśca
der Unbeschreibliche und Unausdenkbare
kathaṃ jñāyeta kairmune
wie könnte er erkannt werden, und von wem, o Weiser
Wie preisen die Veden mit Ehrfurcht ihn, dessen Wirken jenseits des Denkens liegt? Wie gelangt die Seele, indem sie ihr Seelesein überschreitet, zur Vereinigung mit dem Brahman?
Dies möchte ich hören; das verkünde mir, o Schatz des Erbarmens [?]. So wurde jener Erhabene von Bharadvāja über seinen Zweifel befragt.
Wort für Wort
etadicchāmyahaṃ śrotuṃ
dies möchte ich hören
tanme brūhi kṛpānirgha
das sage mir, o Erbarmensreicher [?]
evaṃ sa bhagavānpṛṣṭo
so wurde jener Erhabene befragt
bharadvājena saṃśayam
von Bharadvāja über den Zweifel
[?] („kṛpānirgha“ ist im Text unklar/verderbt – vermutlich verschrieben aus einer Anrede wie „kṛpānidhe“, „o Schatz des Erbarmens“, so hier wiedergegeben.)
maharṣirbrahmasaṃkāśaḥ sarvaṃ tasmai tato 'bravīt / bhṛguruvāca / mānaso nāma yaḥ pūrvo viśruto ve maharṣibhiḥ
Der große Seher, dem Brahman gleich an Glanz, sprach ihm daraufhin alles aus. Bhṛgu sprach: Es gibt den, der „Mānasa“ (der Geistgeborene) genannt wird, den Ersten, der unter den großen Sehern wahrhaftig bekannt ist.
Jener Gott, ohne Anfang und Ende, ebenso ihnen gegenüber alterslos und unsterblich, ist als „der Unmanifeste“ (Avyakta) bekannt, ewig, unvergänglich und unwandelbar.
Wort für Wort
anādinidhano devaḥ
der Gott ohne Anfang und Ende
tathā tebhyo 'jarāmaraḥ
ebenso, ihnen gegenüber, alterslos und unsterblich
Aus der Verbindung von Feuer und Wind entstand danach die Erde. Danach wurde von dem Selbstexistenten (Svayambhū) eine göttliche, aus Glanz (Tejas) bestehende Lotosblume geschaffen.
Aus jener Lotosblume entstand Brahmā, der aus den Veden bestehende Ordner (Vidhi), bekannt als „Ahaṃkāra“ [?] (das Ich-Prinzip), der Schöpfer, der zum Selbst aller Wesen wird.
Wort für Wort
tasmātpadmātsamabhavad
aus jener Lotosblume entstand
vrahmā vedamayo vidhiḥ
Brahmā, der aus den Veden bestehende Ordner
ahṝṅkāra iti khyātaḥ
als ‘Ahaṃkāra’ bekannt [?]
sarvabhūtātmabhūtakṛt
der Schöpfer, der zum Selbst aller Wesen wird
[?] („ahṝṅkāra“ ist die im Quelltext gegebene, offenkundig verschriebene Schreibung für „ahaṃkāra“; die Schreibweise wird im „sa“-Feld unverändert belassen.)
brahmā vai sa mahātejā ya ete pañca dhātavaḥ / śailāstasyāsthisaṃdhāstu medo masiṃ ca medinī
Jener Brahmā ist fürwahr von großem Glanz, [und ihm gehören] diese fünf Elemente: Die Berge sind seine Knochengelenke, Fett und Fleisch [?] aber ist die Erde.
Wort für Wort
brahmā vai sa mahātejā
jener Brahmā ist fürwahr von großem Glanz
ya ete pañca dhātavaḥ
dem diese fünf Elemente (gehören)
śailāstasyāsthisaṃdhāstu
die Berge sind seine Knochengelenke
medo masiṃ ca medinī
Fett und Fleisch [?] aber ist die Erde
[?] („medo masiṃ ca medinī“ ist grammatisch und lexikalisch unklar/verderbt; vermutlich ist „medo māṃsaṃ ca medinī“ – „Fett und Fleisch aber ist die Erde“ – gemeint, so hier übersetzt.)
Agni und Soma, Mond und Sonne [?], sind, wie bekannt, seine beiden Augen; der Himmel ist sein oberes Haupt, die Erde seine Füße, seine Arme die Himmelsrichtungen.
Wort für Wort
agnīṣomau ca candrākārai
Agni und Soma, Mond und Sonne [?]
nayane tasya viśrute
sind bekanntlich seine beiden Augen
nabhaścordhvaśirastasya
der Himmel ist sein oberes Haupt
kṣitiḥ padau bhujau diśaḥ
die Erde seine Füße, seine Arme die Himmelsrichtungen
[?] („candrākārai“ ist unklar; vermutlich verschrieben aus „candrārkau“, „Mond und Sonne“, worauf sich die Übersetzung stützt.)
durvijñeyo hyacintyātmā siddhairapi na saṃśayaḥ / sa eṣa bhagavānviṣṇurananta iti viśrutaḥ
Er ist schwer zu erkennen, sein Wesen unausdenklich – auch für die Siddhas, ohne Zweifel. Er, das ist eben der Erhabene Viṣṇu, bekannt als „Ananta“ (der Endlose).
Er, der als das Selbst aller Wesen in ihnen weilt, ist schwer zu erkennen für die, deren Selbst nicht geläutert ist; er, der Schöpfer des Ahaṃkāra, der wahrlich der Herr aller Wesen [?] ist – aus ihm entstand danach das Weltall. Das ist es, wonach du mich hier gefragt hast.
Wort für Wort
sarvabhūtātmabhūtastho
der als Selbst in allen Wesen weilt
durvijñeyo 'kṛtātmabhiḥ
schwer zu erkennen für die Ungeläuterten
ahṝṅkārasya yaḥ sraṣṭā
er, der Schöpfer des Ahaṃkāra
sarvabhūtabhaghavāyavai
der wahrlich der Herr aller Wesen ist [?]
tataḥ samabhavadviśvaṃ
aus ihm entstand danach das Weltall
pṛṣṭo 'haṃ yadiha tvayā
das ist, wonach du mich hier gefragt hast
[Anm.: Der Vers besteht im Quelltext aus drei Pādas (Halbversen) statt der üblichen zwei Zeilen (vier Pādas) – vermutlich Textstörung/Auslassung. – [?] „sarvabhūtabhaghavāyavai“ ist offenkundig verderbt; vermutlich ist „sarvabhūtabhagavān vai“ („der Herr aller Wesen wahrlich“) gemeint, worauf sich die Übersetzung stützt.]
Bharadvāja [?] sprach: Welches sind hierbei die Maße des Himmels, der Himmelsrichtungen, der Erdoberfläche und des Windes? Zerschneide meinen Zweifel der Wahrheit gemäß!
Wort für Wort
bhagdvāja uvāca
Bharadvāja [?] sprach
gaganasya diśāṃ caiva
des Himmels und der Himmelsrichtungen
bhūtalasvānilasya ca
der Erdoberfläche und des Windes
kānyatra parimāṇāni
welches sind hierbei die Maße
saṃśayaṃ chindhi tattvataḥ
zerschneide den Zweifel der Wahrheit gemäß
[?] („bhagdvāja“ ist im Quelltext eine verschriebene Form von „bharadvāja“; die Schreibweise wird im „sa“-Feld unverändert belassen.)
bhṛguruvāca / anantametadākāśaṃ siddhadaivatasovitam / ramyaṃ nānāśrayākīrṇaṃ yasyāṃ to nādhigamyate
Bhṛgu sprach: Dieser Äther ist unendlich, von Siddhas und Göttern bewohnt, lieblich, erfüllt von mannigfachen Aufenthaltsorten, dessen Ende [?] nicht erreicht wird.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
anantametadākāśaṃ
dieser Äther ist unendlich
siddhadaivatasovitam
von Siddhas und Göttern bewohnt
ramyaṃ nānāśrayākīrṇaṃ
lieblich, erfüllt von mannigfachen Aufenthaltsorten
yasyāṃ to nādhigamyate
dessen Ende [?] nicht erreicht wird
[?] („yasyāṃ to nādhigamyate“ ist unklar/verderbt; vermutlich ist „yasyānto nādhigamyate“, „dessen Ende nicht erreicht wird“, gemeint, worauf sich die Übersetzung stützt.)
ūrdhvaṃ gateradhastāttu candrādityau na paśyataḥ / tatra devāḥ svayaṃ dīptā bhāskarābhāgnivarcasaḥ
Für den, der nach oben gegangen ist, erblicken von dort unten aus Mond und Sonne nichts mehr [?]; dort strahlen die Götter selbst, von sonnengleichem Glanz und dem Leuchten des Feuers.
Wort für Wort
ūrdhvaṃ gateradhastāttu
für den nach oben Gegangenen, von unten aus
candrādityau na paśyataḥ
erblicken Mond und Sonne nichts mehr [?]
tatra devāḥ svayaṃ dīptā
dort leuchten die Götter selbst
bhāskarābhāgnivarcasaḥ
von sonnengleichem Glanz und Feuerschein
[?] (Die genaue Bedeutung von „ūrdhvaṃ gateradhastāttu candrādityau na paśyataḥ“ bleibt unsicher; hier so gedeutet, dass jenseits einer bestimmten Höhe Mond und Sonne nach unten hin nichts mehr wahrnehmen bzw. nicht mehr wahrgenommen werden.)
te cāpyantaṃ na paśyanti nabhasaḥ prathitaujasaḥ / durgamatvādanantatvāditi me vada mānada
Auch sie, obwohl von weitberühmter Macht, sehen das Ende des Himmels nicht – wegen seiner Unzugänglichkeit und Unendlichkeit. Sage mir dies, o Ehrenspender [?].
Wort für Wort
te cāpyantaṃ na paśyanti
auch sie sehen das Ende nicht
nabhasaḥ prathitaujasaḥ
des Himmels, obwohl von weitberühmter Macht
durgamatvādanantatvāt
wegen (seiner) Unzugänglichkeit und Unendlichkeit
iti me vada mānada
so sage mir, o Ehrenspender [?]
[Anm.: Die Schlussformel „iti me vada mānada“ („sage mir dies, o Ehrenspender“) ist an dieser Stelle auffällig, da sie eigentlich eine an Bhṛgu gerichtete Bitte Bharadvājas darstellt (vgl. V.7), hier aber innerhalb von Bhṛgus eigener Antwortrede steht. Möglicherweise liegt eine Textstörung/Verschiebung vor; die Übersetzung folgt dem Wortlaut, ohne den Widerspruch aufzulösen.]
Schicht um Schicht [?] ist dieser Äther von lodernden [?], selbstleuchtenden [?] (Wesen) eingeschlossen – unermesslich sogar für die Götter.
Wort für Wort
upariṣṭopariṣṭāttu
Schicht um Schicht
pjvaladbhiḥ svayaṃprabhaghaiḥ
von lodernden, selbstleuchtenden (Wesen) [?]
niruddhametadākāśaṃ
ist dieser Äther eingeschlossen
hyaprameyaṃ surairapi
unermesslich, auch für die Götter
[?] („pjvaladbhiḥ“ ist offenkundig aus „prajvaladbhiḥ“, „lodernd“, verschrieben; „svayaṃprabhaghaiḥ“ vermutlich aus „svayaṃprabhaiḥ“, „selbstleuchtend“. Die Schreibweisen werden im „sa“-Feld unverändert belassen.)
Am Ende der Erde sind die Ozeane; am Ende der Ozeane, so lehrt man, ist die Finsternis (Tamas). Am Ende der Finsternis, so sagt man, ist das Wasser; am Ende des Wassers eben das Feuer.
Wort für Wort
prathivyante samudrāstu
am Ende der Erde sind die Ozeane
samudrānte tamaḥ smṛtam
am Ende der Ozeane, so lehrt man, ist die Finsternis
Am Ende von Rasātala (der Unterwelt) ist Wasser; am Ende des Wassers die Herrscher der Schlangen (Nāgas); an deren Ende wiederum der Äther, am Ende des Äthers wiederum Wasser.
evamantaṃ bhagavataḥ pramāṇaṃ salilasya ca / agnimārutatoyebhyo durjñeyaṃ daivatairapi
So ist das Ende (Ausmaß) des Erhabenen [d.h. des Äthers] und des Wassers – ausgehend von Feuer, Wind und Wasser [?] – auch für die Götter schwer zu erkennen.
Wort für Wort
evamantaṃ bhagavataḥ
so ist das Ende des Erhabenen
pramāṇaṃ salilasya ca
das Ausmaß, und (das) des Wassers
agnimārutatoyebhyo
ausgehend von Feuer, Wind und Wasser [?]
durjñeyaṃ daivatairapi
schwer zu erkennen, auch für die Götter
[?] (Der Bezug von „agnimārutatoyebhyaḥ“ innerhalb der Konstruktion bleibt syntaktisch unsicher; hier als ablativische Angabe – ‘ausgehend von Feuer, Wind, Wasser’ – wiedergegeben.)
agnimārutatoyānāṃ varṇā kṣititalasya ca / ākāśasadṛśā hyete bhidyante tattvadaśanāt
Die Farben von Feuer, Wind und Wasser sowie der Erdoberfläche gleichen dem Äther [d.h. sind an sich formlos]; sie werden erst durch das Schauen ihres wahren Wesens (Tattva) unterschieden.
Wort für Wort
agnimārutatoyānāṃ varṇā
die Farben von Feuer, Wind und Wasser
kṣititalasya ca
und der Erdoberfläche
ākāśasadṛśā hyete
diese gleichen ja dem Äther
bhidyante tattvadaśanāt
sie werden unterschieden durch das Schauen ihres wahren Wesens
Er, der unsichtbar und unerreichbar ist – wer könnte (für ihn) ein Maß angeben, wenn schon der Wirkungsbereich (Gati) der Siddhas und der Götter begrenzt ist?
Dann (zeigt sich) die Unzählbarkeit des Endlosen (Ananta); daher ist der Name „Ananta“ bekannt – [der Name] des großmütigen Mānasa, dessen Namen seinem Wesen entspricht.
yadā tu divyaṃ yadrūpaṃ hrasate varddhate punaḥ / ko 'nyastadvedituṃ śakyo yo 'pi syāttadvidho 'paraḥ
Wenn aber seine göttliche Gestalt sich verkleinert und wieder vergrößert – wer anderes wäre imstande, dies zu erkennen, es sei denn, es gäbe einen anderen von gleicher Art?
Danach wurde aus dem Lotos (Puṣkara) der allwissende, verkörperte Herr [?] erschaffen: Brahmā, der aus Dharma bestehende, der Erste, der unübertreffliche Herr der Geschöpfe (Prajāpati).
Wort für Wort
tataḥ puṣkarataḥ saṣṭaḥ
danach wurde aus dem Lotos erschaffen [?]
sarvajño mūrtimānprabhuḥ
der allwissende, verkörperte Herr
brahmā dharmamayaḥ pūrvaḥ
Brahmā, der aus Dharma bestehende, der Erste
prajāpatiranuttamaḥ
der unübertreffliche Herr der Geschöpfe
[?] („saṣṭaḥ“ ist vermutlich verschrieben aus „sṛṣṭaḥ“, „erschaffen“, so hier übersetzt.)
bharadvāja uvāca / puṣkaro yadi saṃbhūto jyeṣṭaṃ bhavati puṣkaram / brahmāṇaṃ pūrvajaṃ cāha bhavānsaṃdeha eva me
Bharadvāja sprach: Wenn (Brahmā) aus dem Lotos entstanden ist, so ist der Lotos der Ältere; und doch nennst du Brahmā den „Erstgeborenen“ – eben dies ist mein Zweifel.
Bhṛgu sprach: Die Gestalt (Mūrti) des Mānasa, die hier den Zustand des Brahmā-Seins erlangt hat – um ihr einen Sitz (Āsana) zu bereiten, wird die Erde „Lotos“ genannt.
Die Blütenkelchmitte (Karṇikā) jenes Lotos ist der Meru, hoch in den Himmel aufragend. In dessen Mitte weilend, erschafft dieser Ordner der Welt (Jagad-vidhi) die Welten.
Bharadvāja sprach: Wie erschafft jener Herr die mannigfache Aussendung der Geschöpfe (Prajā-visarga), da doch Brahmā, in der Mitte des Meru weilend, [Dinge erschafft, die] außerhalb davon [liegen], o Bester der Zweifachgeborenen?
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
prajāvisargaṃ vividhaṃ
die mannigfache Aussendung der Geschöpfe
kathaṃ sa sṛjati prabhuḥ
wie erschafft jener Herr (sie)
merumadhye sthito brahmā
da doch Brahmā, in der Mitte des Meru weilend
tadvahirdvijasattama
(Dinge erschafft, die) außerhalb davon (liegen), o Bester der Zweifachgeborenen
Bhṛgu sprach: Mānasa erschuf die mannigfache Aussendung der Geschöpfe mit dem Geist (Manas). Zum Schutz der Wesen wurde zuallererst das Wasser erschaffen.
Das Wasser, wodurch [gleichsam] die Lebenshauche aller Wesen sind, wurde zuallererst erschaffen – das, wodurch die Lebenshauche aller Wesen [bestehen] und wodurch die Geschöpfe wachsen.
Wort für Wort
yatprāṇāḥ sarvabhūtānāṃ
wodurch die Lebenshauche aller Wesen (sind)
sṛṣṭaṃ prathamato jalam
wurde zuallererst das Wasser erschaffen
yatprāṇāḥ sarvabhūtānāṃ
wodurch die Lebenshauche aller Wesen (bestehen)
varddhante yena ca prajāḥ
und wodurch die Geschöpfe wachsen
[Anm.: Der zweite Halbvers wiederholt fast wörtlich die Formel „yatprāṇāḥ sarvabhūtānāṃ“ aus der ersten Vershälfte sowie den Ausdruck „sṛṣṭaṃ prathamato jalam“ aus dem vorangehenden Vers 42 – vermutlich eine Dittographie im Überlieferungstext.]
parityaktāśca na śyanti tenadaṃ sarvamāvṛttam / pṛthivī parvatā meghā mūrtimantaśca ye pare / sarvaṃ tadvāruṇaṃ jñeyamāpastastaṃbhire punaḥ
Und von ihm verlassen, bestehen (die Wesen) nicht mehr; durch dieses (Wasser) ist alles durchdrungen. Die Erde, die Berge, die Wolken und was es sonst noch an verkörperten Dingen gibt – dies alles ist als wässriger Natur (Vāruṇa) zu erkennen; die Wasser haben sich wiederum verfestigt.
Wort für Wort
parityaktāśca na śyanti
und (von ihm) verlassen, bestehen sie nicht mehr
tenadaṃ sarvamāvṛttam
durch dieses (Wasser) ist alles durchdrungen
pṛthivī parvatā meghā
die Erde, die Berge, die Wolken
mūrtimantaśca ye pare
und was es sonst an verkörperten Dingen gibt
sarvaṃ tadvāruṇaṃ jñeyam
dies alles ist als wässriger Natur zu erkennen
āpastastaṃbhire punaḥ
die Wasser haben sich wiederum verfestigt
[Anm.: Der Vers besteht im Quelltext aus drei vollen Zeilen statt der üblichen zwei – vermutlich Textstörung bzw. Zusammenziehung zweier Verse.]
Bhṛgu sprach: Einst, im Brahmā-Kalpa, o Brahmane, entstand bei einer Zusammenkunft der Brahmarṣis unter den Großmütigen ein Zweifel über die Entstehung der Welt.
te 'tiṣṭandhyānamālaṃbya maunamāsthāya niścalāḥ / tyaktāhārāḥ sparddhamānā divyaṃ virṣaśataṃ dvijāḥ
Sie, die Zweifachgeborenen, verharrten, sich der Meditation hingebend, Schweigen bewahrend, unbeweglich, der Nahrung entsagend, miteinander wetteifernd, hundert göttliche Jahre [?] lang.
Wort für Wort
te 'tiṣṭandhyānamālaṃbya
sie verharrten, sich der Meditation hingebend
maunamāsthāya niścalāḥ
Schweigen bewahrend, unbeweglich
tyaktāhārāḥ sparddhamānā
der Nahrung entsagend, miteinander wetteifernd
divyaṃ virṣaśataṃ dvijāḥ
die Zweifachgeborenen, hundert göttliche Jahre [?] lang
[?] („virṣaśataṃ“ ist vermutlich verschrieben aus „varṣaśataṃ“, „hundert Jahre“, so hier übersetzt.)
So wie ein Haus ohne Öffnung als geräuschlos erscheint, jenes aber, wenn es mit Wasser gefüllt wird, der Wind zum Tönen bringt –
Wort für Wort
yathābhavanamacchidraṃ
so wie ein Haus ohne Öffnung
niḥśabdamiva lakṣyate
als geräuschlos erscheint
tañcābhasā pūryamāṇaṃ
jenes aber, mit Wasser gefüllt
saśabdaṃ kurute 'nilaḥ
zum Tönen bringt der Wind
[Anm.: Der Gedanke wird als Gleichnis über V.52 hinweg fortgeführt (unvollständiger Satz, der erst im folgenden Vers seine Fortsetzung – ‘so auch...’ – findet).]
Dieser Wind, entstanden aus dem Andrängen des Ozeans, bewegt sich unter diesen (Elementen); und obwohl er den Ort des Äthers erreicht hat, kommt er nicht zur Ruhe.
Bei jener Reibung von Wind und Wasser erschien ein Wesen von loderndem Glanz und großer Kraft, mit aufwärts gerichteter Flamme, das die Finsternis licht machte (die Dunkelheit vertrieb).
Das Feuer, mit dem Wind verbunden, zieht den Äther und das Wasser zusammen; durch jene Berührung von Feuer und Wind kommt Festigkeit (Ghanatva) zustande.
tasyākāśaṃ nipatitaḥ snehāttiṣṭati yo 'paraḥ / sa saṃghātatvamāpanno bhūmitvamanugacchati
Von jenem (Gemenge) fällt (ein Teil) in den Äther; jener andere Teil, der aufgrund seiner Ölhaftigkeit (Sneha) fest steht, gelangt, zu einem Aggregatzustand (Saṃghāta) geworden, in den Zustand der Erde.
Wort für Wort
tasyākāśaṃ nipatitaḥ
davon (ein Teil,) in den Äther gefallen
snehāttiṣṭati yo 'paraḥ
jener andere, der aufgrund von Ölhaftigkeit fest steht
Als Ursprung [?] der Geschmäcker, aller Düfte, der öligen Substanzen und ebenso der Lebewesen ist die Erde zu erkennen, aus der alles hervorgebracht wird.
Wort für Wort
rasānāṃ sarvagandhānāṃ
der Geschmäcker, aller Düfte
snehānāṃ prāṇināṃ tathā
der öligen Substanzen und ebenso der Lebewesen
bhūmiryo niriyaṃ jñeyā
die Erde ist als (deren) Ursprung zu erkennen [?]
yasyāḥ sarvaṃ prasūyate
aus der alles hervorgebracht wird
[?] („bhūmiryo niriyaṃ jñeyā“ ist grammatisch unstimmig – das Maskulinum „yaḥ“ passt nicht zum Femininum „bhūmiḥ“; „niriyaṃ“ wird hier sinngemäß als ‘Ursprung, Quelle’ gedeutet.)
Bharadvāja sprach: Diese fünf Elemente, die zu bewahren sind, die der Herr erschaffen hat, durch die – mit dem Namen „Mahābhūtas“ (große Elemente) bezeichnet – diese Welten umhüllt sind –
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
ya ete dhātavaḥ pañca
diese fünf Elemente
rakṣyā yānasṛjatprabhuḥ
die zu bewahren sind, die der Herr erschaffen hat
āvṛtā yairime lokā
durch die diese Welten umhüllt sind
mahābhūtābhisaṃjñitaiḥ
die mit dem Namen ‘große Elemente’ bezeichnet werden
yadāsṛjatsahasrāṇi bhūtānāṃ sa mahāmatiḥ / paścātteṣveva bhūtatvaṃ kathaṃ samupapadyate
– wenn jener Großmütige Tausende von Geschöpfen (Bhūtas) erschuf, wie kommt es dann, dass gerade in ihnen [nachträglich] der Zustand des Elements (Bhūtatva) zustande kommt?
Wort für Wort
yadāsṛjatsahasrāṇi
als er Tausende erschuf
bhūtānāṃ sa mahāmatiḥ
von Geschöpfen, jener Großmütige
paścātteṣveva bhūtatvaṃ
wie kommt danach gerade in ihnen der Elementzustand
Bhṛgu sprach: Zahllose, gewaltige Geschöpfe [?] gehen in die Existenz (Saṃbhava) ein; daher kommt ihnen diese Bezeichnung „Mahābhūta“ (großes Element) zu.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
amitāni mahāṣṭāni
zahllose, gewaltige [?]
yānti bhūtāni saṃbhavam
Geschöpfe gehen in die Existenz ein
atasteṣāṃ mahābhūtaśabdo
daher kommt ihnen die Bezeichnung ‘Mahābhūta’
'yamupapadyate
diese zu
[?] („mahāṣṭāni“ ist lexikalisch unklar; sinngemäß hier als ‘gewaltig, groß (an Zahl)’ wiedergegeben.)
Bewegung (Ceṣṭā) ist der Wind, der Hohlraum ist der Äther, Hitze (Ūṣman) ist das Feuer, das Flüssige (Drava) ist das Wasser, und die Festigkeit (Saṃghāta) hierbei ist die Erde – der Körper besteht aus diesen fünf Elementen.
So ist, durch diese fünf verbundenen (Elemente) verbunden, alles Bewegliche und Unbewegliche. Gehör, Geruch, Geschmack, Tastsinn und Gesicht werden als die Sinne (Indriyas) bezeichnet.
Bharadvāja sprach: Wenn Bewegliches und Unbewegliches durch die fünf Elemente verbunden ist, warum werden dann im Körper der Unbeweglichen (Pflanzen) die fünf Elemente nicht wahrgenommen?
va śṛṇvanti na paśyanti na gandharasavedinaḥ / na ca sparśaṃ hi jānanti te kathaṃ pañca dhātavaḥ
Sie hören nicht [?], sie sehen nicht, sie nehmen weder Duft noch Geschmack wahr, und sie kennen auch nicht den Tastsinn – wie (sollten sie also) die fünf Elemente (haben)?
Wort für Wort
va śṛṇvanti na paśyanti
sie hören nicht [?], sie sehen nicht
na gandharasavedinaḥ
sie nehmen weder Duft noch Geschmack wahr
na ca sparśaṃ hi jānanti
und sie kennen auch nicht den Tastsinn
te kathaṃ pañca dhātavaḥ
wie (sollten sie also) die fünf Elemente (haben)
[?] („va śṛṇvanti“ ist vermutlich verschrieben aus „na śṛṇvanti“, „sie hören nicht“, so hier übersetzt, im Einklang mit den folgenden Negationen.)
Wegen (ihrer) Nicht-Flüssigkeit, Nicht-Feuerhaftigkeit, Nicht-Erdhaftigkeit, wegen (des Fehlens von) Wind und wegen der Unwahrnehmbarkeit des Äthers gibt es bei den Bäumen kein Elementarhaftes.
Wort für Wort
adravatvādanignitvāt
wegen der Nicht-Flüssigkeit, der Nicht-Feuerhaftigkeit
abhūmitvādavāyutaḥ
wegen der Nicht-Erdhaftigkeit, wegen (des Fehlens von) Wind
Bhṛgu sprach: Auch in den festen Bäumen ist Äther vorhanden, ohne Zweifel; (denn) bei ihnen kommt beständig das Hervortreten von Blüte und Frucht [?] zustande.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
ghanānāmapi vṛkṣaṇāmākāśo 'sti
auch in den festen Bäumen ist Äther vorhanden
na saṃśayaḥ
ohne Zweifel
teṣāṃ puṣpapalavyaktir
bei ihnen das Hervortreten von Blüte und Frucht [?]
nityaṃ samupapadyate
kommt beständig zustande
[?] („puṣpapalavyaktiḥ“ – vermutlich verschrieben aus „puṣpaphalavyaktiḥ“, „Hervortreten von Blüte und Frucht“, so hier übersetzt.)
Von Hitze welkt das Blatt, die Rinde, die Frucht und auch die Blüte; sie welken und zerfallen auch – dadurch ist hier der Tastsinn (bei den Bäumen) erwiesen.
Durch das Dröhnen von Wind, Feuer und Blitzschlag zerfällt Frucht und Blüte; durch das Gehör (Śrotra) wird der Schall wahrgenommen – deshalb hören die Bäume (Pādapas).
sukhaduḥkhayorgrahaṇācchinnasya ca virohaṇāt / jīvaṃ paśyāmi vṛkṣāṇāmacaitanyaṃ na vidyate
Aus dem Erfassen von Lust und Leid und aus dem Wiederaustreiben des Abgeschnittenen erkenne ich Leben (Jīva) in den Bäumen; Bewusstlosigkeit ist bei ihnen nicht gegeben.
tena tajjalamādatte jarayatyagnimārutau / āhārapariṇāmāñca snaho vṛddhiśca jāyate
Durch jenes (Leben) nimmt er (der Baum) das Wasser auf, Feuer und Wind verdauen es; und aus der Umwandlung der Nahrung entstehen Ölhaftigkeit (Sneha) und Wachstum.
tejo hyagnistathā krodhaścakṣuruṣmā tathaiva ca / agnirjanayate yañca pañcāgneyāḥ śarīriṇaḥ
Glanz und Feuer, ebenso Zorn, das Auge, und ebenso Hitze, sowie das, was das Feuer erzeugt – dies sind die fünf feuerhaften (Bestandteile) der verkörperten Wesen.
Wort für Wort
tejo hyagnistathā krodhaḥ
Glanz und Feuer, ebenso Zorn
cakṣuruṣmā tathaiva ca
das Auge und ebenso Hitze
agnirjanayate yañca
und das, was das Feuer erzeugt
pañcāgneyāḥ śarīriṇaḥ
die fünf feuerhaften (Bestandteile) der verkörperten Wesen
śrotraṃ ghrāṇaṃ tathāsyaṃ ca hṛdayaṃ koṣṭameva ca / ākāśātprāṇināmete śarīre pañca dhātavaḥ
Das Gehör, der Geruchssinn, ebenso der Mund, das Herz und die Körperhöhle (Koṣṭha) – diese sind, vom Äther stammend, die fünf Elemente im Körper der Lebewesen.
Durch Prāṇa (den Einatem) wird der Lebende erquickt, und ebenso dehnt er sich durch Vyāna (den Durchatem).
Wort für Wort
prāṇātprīṇayate prāṇī
durch Prāṇa wird der Lebende erquickt
vyānāvdyāyacchate tathā
und ebenso dehnt er sich durch Vyāna
[Anm.: Dieser Vers besteht im Quelltext nur aus einer Zeile (zwei Pādas) statt der sonst üblichen zwei Zeilen; der folgende Vers 80 weist dagegen drei Zeilen (sechs Pādas) auf. Die Aufzählung der fünf Prāṇas (Lebenshauche: Prāṇa, Vyāna, Apāna, Samāna, Udāna) verteilt sich somit ungleichmäßig auf V.79–80, vermutlich infolge einer Verschiebung der Versgrenze im Überlieferungstext.]
Apāna geht abwärts, und Samāna ist in der Mitte [?] befindlich; durch Udāna atmet man aufwärts aus – so werden die fünf (Lebenshauche) mit ihren Unterarten [?] benannt. Diese fünf Lebenshauche also umhüllen hier den Verkörperten.
Wort für Wort
gacchatyapāno 'dhaścaiva
Apāna geht abwärts
samāno hyadyavasthitaḥ
und Samāna ist in der Mitte [?] befindlich
udānāducchvasitīti
durch Udāna atmet man aufwärts aus, so (heißt es)
pañca (prati)bhadāñca bhāṣate
werden die fünf mit ihren Unterarten [?] benannt
ityete vāyavaḥ pañca
diese fünf Lebenshauche also
veṣṭayantīhadehinam
umhüllen hier den Verkörperten
[?] („adyavasthitaḥ“ ist vermutlich verschrieben aus „madhyavasthitaḥ“, „in der Mitte befindlich“. Die Klammer „(prati)“ bei „bhadāñca“ steht bereits so im Quelltext und markiert dort selbst eine unsichere Textstelle – vermutlich „pratibhedān“, „Unterarten“, gemeint.)
Der Verkörperte nimmt von der Erde die Eigenschaft des Duftes wahr, und den Geschmack (nimmt er wahr) aus dem Wasser [?]; von jenem Duft will ich nun die im Einzelnen dargelegten Eigenschaften beschreiben.
Wort für Wort
bhūmergandhaguṇānvetti
er nimmt von der Erde die Eigenschaft des Duftes wahr
rasaṃ cādūbhyaḥ śarīravān
und der Verkörperte (nimmt) den Geschmack aus dem Wasser [?] (wahr)
tasya gandhasya vakṣyāmi
von jenem Duft will ich beschreiben
vistarābhihitānguṇān
die im Einzelnen dargelegten Eigenschaften
[?] („cādūbhyaḥ“ ist vermutlich verschrieben aus „ca adbhyaḥ“, „und aus dem Wasser“, so hier übersetzt.)
iṣṭaścānuṣṭagandhaśca madhuraḥ kaṭureva ca / nirhārī saṃhataḥ snigdho rukṣo viśada eva ca
Angenehm und unangenehm [?] ist der Duft, süß und auch scharf, durchdringend, konzentriert, ölig, trocken und auch klar/leicht.
Wort für Wort
iṣṭaścānuṣṭagandhaśca
angenehm und unangenehm [?] ist der Duft
madhuraḥ kaṭureva ca
süß und auch scharf
nirhārī saṃhataḥ snigdho
durchdringend, konzentriert, ölig
rukṣo viśada eva ca
trocken und auch klar/leicht
[?] („anuṣṭagandhaḥ“ ist vermutlich verschrieben aus „aniṣṭagandhaḥ“, „unangenehmer Duft“, so hier übersetzt; vgl. die in V.83 genannte Neunzahl der Eigenschaften.)
So ist die Entfaltung des irdischen Duftes als neunfach zu erkennen. Das Licht(-Element, Jyotis) sieht durch die Augen, und den Tastsinn erkennt es durch den Wind.
śabdaḥ sparśaśca rūpaṃ ca rasaścāpi guṇāḥ smṛtāḥ / rasajñānaṃ tu vakṣyāmi tanme nigadataḥ śṛṇu
Schall, Tastsinn, Form und auch Geschmack werden als (dessen) Eigenschaften überliefert. Nun will ich die Kenntnis des Geschmacks darlegen – höre mir zu, wie ich es verkünde.
Wort für Wort
śabdaḥ sparśaśca rūpaṃ ca
Schall, Tastsinn und Form
rasaścāpi guṇāḥ smṛtāḥ
und auch Geschmack werden als Eigenschaften überliefert
Der Geschmack wird von den Sehern, deren Wesen weitberühmt ist, als vielfältig bezeichnet: süß, salzig, bitter, herb/zusammenziehend, sauer und ebenso scharf.
Dies ist die sechsfache Entfaltung des Geschmacks, der als aus Wasser bestehend überliefert wird. Schall, Tastsinn und Form – mit diesen drei Eigenschaften wird das Licht(-Element) bezeichnet.
Wort für Wort
eṣa ṣaḍidhavistāro
dies ist die sechsfache Entfaltung
raso vārimayaḥ smṛtaḥ
des Geschmacks, der als aus Wasser bestehend gilt
śabdaḥ sparśaśca rūpaśca
Schall, Tastsinn und Form
triguṇaṃ jyotirucyate
mit diesen drei Eigenschaften wird das Licht bezeichnet
Das Licht(-Element) sieht Formen (Rūpas), und die Form wird als vielfältig überliefert: kurz, lang, ferner grob, viereckig, und (von) feinem-runden (Wesen).
So ist die Entfaltung der Eigenschaften des Licht(-Elements) als sechzehnfach überliefert. Darunter hat der Äther eine einzige Eigenschaft – als „Schall“ wird er eben überliefert.
Wort für Wort
evaṃ ṣoḍaśavistāro
so ist die sechzehnfache Entfaltung
jyotīrupaguṇaḥ smṛtaḥ
der Eigenschaften des Licht(-Elements) überliefert
aiśvaryyeṇa tu sarvatra sthito 'pi payahādiṣu / mṛdaṅgabherīśaṅkhānāṃ stanayitno rathasya ca
Obwohl er durch (seine) Herrschermacht überall gegenwärtig ist, auch in Wasser und dergleichen [?] – (so erscheint er als der Klang) der Mṛdaṅga-Trommeln, der Bherī-Trommeln, der Muschelhörner, des Donners und des Wagens.
Wort für Wort
aiśvaryyeṇa tu sarvatra
durch (seine) Herrschermacht aber überall
sthito 'pi payahādiṣu
gegenwärtig, auch in Wasser und dergleichen [?]
mṛdaṅgabherīśaṅkhānāṃ
der Mṛdaṅga-Trommeln, Bherī-Trommeln, Muschelhörner
stanayitno rathasya ca
des Donners und des Wagens
[?] („payahādiṣu“ ist unklar/verderbt; sinngemäß als ‘in Wasser und dergleichen’ wiedergegeben.)
So hat der aus dem Äther entstandene Schall vielfältige Gestalt. Die dem Wind eigene Eigenschaft aber ist der Tastsinn; und auch der Tastsinn wird als mannigfaltig überliefert.
Wort für Wort
evaṃ bahuvidhākāraḥ
so, von vielfältiger Gestalt
śabda ākāśasaṃbhavaḥ
ist der aus dem Äther entstandene Schall
vāyavyastu guṇaḥ sparśaḥ
die dem Wind eigene Eigenschaft aber ist der Tastsinn
sparśaśca bahudhā smṛtaḥ
und der Tastsinn wird als mannigfaltig überliefert
śabdasparśau tu vijñeyau dviguṇau vāyurityuta / evamekādaśavidho vāyavyo guṇa ucyate
Schall und Tastsinn aber sind als die zwei (ererbten) Eigenschaften des Windes zu erkennen, wird gesagt. So wird die dem Wind eigene Eigenschaft als elffach bezeichnet.
Wort für Wort
śabdasparśau tu vijñeyau
Schall und Tastsinn aber sind zu erkennen
dviguṇau vāyurityuta
als die zwei Eigenschaften des Windes, wird gesagt
ākāśajaṃ śabdamāhurebhirvāyuguṇaiḥ saha / avyāhataiścetayate naveti viṣamā gatiḥ
Den aus dem Äther entstandenen Schall nennt man, zusammen mit diesen Eigenschaften des Windes, unbehindert; er wird als neunfach [?] erkannt – uneinheitlich ist sein Verlauf.
Wort für Wort
ākāśajaṃ śabdamāhur
den aus dem Äther entstandenen Schall nennt man
ebhirvāyuguṇaiḥ saha
zusammen mit diesen Eigenschaften des Windes
avyāhataiścetayate
er wird als unbehindert erkannt
naveti viṣamā gatiḥ
als neunfach [?]; uneinheitlich ist sein Verlauf
[?] (Die Angabe „nava“, ‘neun’, lässt sich mit den vorher genannten Zahlen – ein Äther-Schall, elf Wind-Eigenschaften – nicht ohne Weiteres in Einklang bringen; der Vers bleibt inhaltlich unsicher.)
Diese sind die Wurzel des Körpers; die Lebenshauche (Prāṇas) weilen hier, ihn durchdringend; nachdem der Starke (die Lebenskraft) das irdische Element erreicht hat, bringt er es in Bewegung.
sa jantuḥ sarvabhūtātmā puruṣaḥ sa sanātanaḥ / mano buddhirahṝṅkāro bhūtāni viṣayaśca saḥ
Jenes Lebewesen ist das Selbst aller Wesen, der ewige Puruṣa; er ist Geist (Manas), Verstand (Buddhi), Ich-Prinzip (Ahaṃkāra) [?], die Elemente und die Sinnesobjekte.
Wort für Wort
sa jantuḥ sarvabhūtātmā
jenes Lebewesen ist das Selbst aller Wesen
puruṣaḥ sa sanātanaḥ
der ewige Puruṣa
mano buddhirahṝṅkāro
Geist, Verstand, Ich-Prinzip [?]
bhūtāni viṣayaśca saḥ
er (ist) die Elemente und die Sinnesobjekte
[?] („ahṝṅkāra“ – wie bereits in V.18 und V.23 – ist die im Quelltext gegebene verschriebene Form von „ahaṃkāra“.)
So wird er hier überall durch die Lebenshauche geschützt; von hinten aber, durch Samāna, hat (jeder Hauch) seinen jeweils eigenen Wirkungsbereich (Gati) inne.
Wort für Wort
evaṃ tviha sa sarvatra
so wird er hier überall
prāṇaistu paripālyate
durch die Lebenshauche geschützt
pṛṣṭatastu samānena
von hinten aber, durch Samāna
svāṃ svāṃ gatimupāśritaḥ
hat er seinen jeweils eigenen Wirkungsbereich inne
Der, welcher bei Anstrengung und bei der Regelung der Handlung als einer unter dreien wirkt – ihn nennen die in der Erkenntnis des inneren Selbst Bewanderten „Udāna“.
Wort für Wort
prayatne karmaniyame
bei Anstrengung, bei der Regelung der Handlung
yaca ekastriṣu vartate
der, welcher als einer unter dreien wirkt
udāna iti taṃ prāhur
den nennen sie ‘Udāna’
adhyātmajñānakovidāḥ
die in der Erkenntnis des inneren Selbst Bewanderten
Das Feuer aber, in den Armen ausgebreitet und durch Samāna angetrieben, bewirkt, indem es die Säfte, den Wind-(Humor) [?] und die (übrigen) Körpersäfte (Doṣas) umlaufen lässt, außerordentliche Wirksamkeit.
Wort für Wort
bāhuṣvagnistu vitataḥ
das Feuer aber, in den Armen ausgebreitet
samānena samīritaḥ
durch Samāna angetrieben
rasānvāru doṣāṃśca
die Säfte, den Wind(-Humor) [?] und die Körpersäfte
vartayannati ceṣṭate
umlaufen lassend, wirkt es außerordentlich
[?] („rasānvāru doṣāṃśca“ ist unklar; „vāru“ wird hier sinngemäß als ‘Wind(-Humor)’, im Sinn von „vāyu“, gedeutet, im Zusammenhang mit den drei Körpersäften – Doṣas – der altindischen Medizin.)
Zwischen Apāna und Prāṇa, angetrieben durch das Zusammenwirken von Prāṇa und Apāna, verdaut das Feuer, mit seinem Sitz (Adhiṣṭhāna) vereint, ordnungsgemäß (die Nahrung).
Wort für Wort
apānaprāṇayormadhye
zwischen Apāna und Prāṇa
prāṇāpānasamīhitaḥ
angetrieben durch das Zusammenwirken von Prāṇa und Apāna
Sein Sitz [?] nämlich reicht bis zum After, an dessen Ende das mit „Guda“ (Mastdarm) Bezeichnete liegt; von dort werden der Same und sämtliche Körperkanäle (Srotas) der Verkörperten hervorgebracht.
Wort für Wort
āspaṃhi pāyuparyantam
sein Sitz [?] reicht bis zum After
ante syādgudasaṃjñite
an dessen Ende das ‘Guda’ genannte (liegt)
retastasmātprajāyante
von dort werden Same
sarvasrotāṃsi dehinām
und sämtliche Körperkanäle der Verkörperten hervorgebracht
[?] („āspaṃhi“ ist unklar/verderbt; vermutlich verschrieben aus „āsthānaṃ hi“, „der Sitz nämlich“, so hier sinngemäß übersetzt.)
Und die Zusammenkünfte der Lebenshauche ergeben (eine) Zusammenkunft [?]; und die Hitze ist als „Agni“ (Feuer) zu erkennen, welche die Speise der Verkörperten verdaut.
Wort für Wort
prāṇānāṃ sannipātāśca
und die Zusammenkünfte der Lebenshauche
sannipātaḥ prajāyate
ergeben eine Zusammenkunft [?]
ūṣmā cāgirīti jñeyo
und die Hitze ist als Agni zu erkennen [?]
yo 'nnaṃ pacati dehinām
welche die Speise der Verkörperten verdaut
[Anm.: „sannipātāśca sannipātaḥ“ wiederholt denselben Wortstamm unmittelbar hintereinander – vermutlich eine Dittographie im Überlieferungstext. – [?] „cāgirīti“ ist vermutlich verschrieben aus „cāgnir iti“, „und als Agni“, so hier übersetzt.]
Der Behälter des Verdauten (Pakvāśaya) ist unterhalb des Nabels; oberhalb wird der Behälter des Unverdauten (Āmāśaya) überliefert. An der Wurzel des Nabels des Körpers sind alle Lebenshauche vereint.
Wort für Wort
pakvāśayastvadho nābhyā
der Behälter des Verdauten ist unterhalb des Nabels
ūrdhvamāmāśayaḥ smṛtaḥ
oberhalb wird der Behälter des Unverdauten überliefert
Dies ist auch der Weg der Yogins, auf dem sie – die Ermüdung überwunden habend, gleichmütig, standhaft – zu jenem (höchsten) Zustand gelangen, indem sie das Selbst im Haupt (Mūrdhan) verankern.
Wort für Wort
eṣa mārgo 'pi yogānāṃ
dies ist auch der Weg der Yogins
yena gacchanti tatpadam
auf dem sie zu jenem Zustand gelangen
jitaklamāḥ samā dhīrā
die Ermüdung überwunden habend, gleichmütig, standhaft
So, wenn Prāṇa und Apāna bei allen Verkörperten (in dieser Weise) geordnet sind, wird in jenem (Leib) das Feuer stets entfacht, wie eines, das in einem Kochtopf (Sthālī) untergebracht ist.
Wort für Wort
evaṃ sarveṣu vihita-
so, wenn bei allen (Verkörperten) geordnet sind
prāṇāpāneṣu dehinām
Prāṇa und Apāna, bei den Verkörperten
tasminsamidhyate nityam
in jenem wird stets entfacht
agniḥ sthālyāmivāhitaḥ
das Feuer, wie eines, das in einem Kochtopf untergebracht ist