Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 42: brāhmaṇācāranirūpaṇam Die Darlegung des rechten Wandels der Brahmanen

bharadvāja uvāca / yadi prāṇapatirvāyurvāyureva viceṣcate / śvasityābhāṣate caiva tato jīvo nirarthakaḥ

Bharadvāja sprach: Wenn der Herr des Lebensatems der Wind ist und einzig der Wind sich regt, und man nur sagt „er atmet“, dann ist die individuelle Seele (Jīva) bedeutungslos.

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
yadi prāṇapatirvāyuḥ
wenn der Herr des Lebensatems der Wind ist
vāyureva viceṣṭate
und einzig der Wind sich regt
śvasityābhāṣate caiva
und man nur sagt: ‘er atmet’
tato jīvo nirarthakaḥ
dann ist die Seele (Jīva) bedeutungslos

[Anm.: Im Quelltext geht dem eigentlichen Vers 1 die Kolophonzeile „iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge dvitīyapāde bhṛgubharadvājasaṃvāde jagadutpattivarṇanaṃ nāma dvicatvāriṃśo 'dhyāyaḥ“ samt einer Trennlinie voraus – offenbar der versehentlich hierher verschleppte Schlusskolophon eines vorangehenden (42. traditionell gezählten) Kapitels „Darstellung der Weltentstehung“. Diese Zeile wurde nicht in den Vers-Text (sa) übernommen, da sie erkennbar nicht zu V.1 gehört; die für das vorliegende (projektintern 42. gezählte) Kapitel maßgebliche Schlusskolophon-Angabe lautet stattdessen „brāhmaṇācāranirūpaṇam ... tricatvāriṃśo 'dhyāyaḥ“ und wurde für Kapiteltitel und -nummer zugrunde gelegt.]

ya ūṣmabhāva āgneyo vahninaivopalabhyate / agnirjarayate caitattadā jīvo nirarthakaḥ

Der Wärmezustand, der feuriger Natur ist, wird einzig durch das Feuer wahrgenommen; das Feuer verdaut dies [die Nahrung] – auch dann ist die Seele bedeutungslos.

Wort für Wort
ya ūṣmabhāva āgneyaḥ
der Wärmezustand, der feuriger Natur ist
vahninaivopalabhyate
wird einzig durch das Feuer wahrgenommen
agnirjarayate caitat
das Feuer verdaut dies
tadā jīvo nirarthakaḥ
auch dann ist die Seele bedeutungslos

jantoḥ pramniyamāṇasya jīvo naivopalabhyate / vāyureva jahātyenamūṣmabhāvaśca naśyati

Bei einem Lebewesen, das im Sterben liegt, wird die Seele gar nicht wahrgenommen; einzig der Wind verlässt es, und der Wärmezustand vergeht.

Wort für Wort
jantoḥ pramniyamāṇasya
bei einem Lebewesen, das im Sterben liegt
jīvo naivopalabhyate
wird die Seele gar nicht wahrgenommen
vāyureva jahātyenam
einzig der Wind verlässt es
ūṣmabhāvaśca naśyati
und der Wärmezustand vergeht

[?: „pramniyamāṇasya“ wird als „pramīyamāṇasya“ (im Sterben begriffen) gelesen.]

yadi vāthumayo jīvaḥ saṃśleṣo yadi vāyunā / vāyumañjalavatpaśyedgacchetsaha marudguṇaiḥ

Oder wenn die Seele aus Wind [?] besteht, oder wenn [ihr Sein] nur eine Verbindung mit dem Wind ist – so betrachte man den Wind wie [Wasser] in hohler Hand: sie würde mit den Eigenschaften des Windes vergehen.

Wort für Wort
yadi vāthumayo jīvaḥ
oder wenn die Seele aus Wind [?] besteht
saṃśleṣo yadi vāyunā
oder wenn [ihr Sein] nur eine Verbindung mit dem Wind ist
vāyumañjalavatpaśyet
so betrachte man den Wind wie [Wasser] in hohler Hand
gacchetsaha marudguṇaiḥ
sie würde mit den Eigenschaften des Windes dahingehen

[?: „vāthumayo“ ist unklar; sinngemäß als „vā vāyumayo“ (oder: aus Wind bestehend) rekonstruiert.]

saṃśleṣo yadi vā tena yadi tasmātpraṇaśyati / mahārṇavavimuktatvādanyatsalilabhājanam

Oder wenn [ihr Sein] eine Verbindung mit jenem ist, und wenn sie dadurch vergeht – [so gleicht dies] Wasser, das, vom großen Ozean losgelöst, in ein anderes Gefäß [gegossen wird].

Wort für Wort
saṃśleṣo yadi vā tena
oder wenn [ihr Sein] eine Verbindung mit jenem ist
yadi tasmātpraṇaśyati
und wenn sie dadurch vergeht
mahārṇavavimuktatvāt
weil vom großen Ozean losgelöst
anyatsalilabhājanam
[wie] Wasser in ein anderes Gefäß

kṛpe vā salilaṃ dadyātpradīpaṃ vā hutāśane / kṣipraṃ praviśya naśyeta yathā naśyatyasau tathā

So wie man Wasser in einen Brunnen [?] gäbe oder eine Lampe(nflamme) in ein loderndes Feuer – rasch eindringend, ginge es unter – ebenso vergeht jene [Seele].

Wort für Wort
kṛpe vā salilaṃ dadyāt
so wie man Wasser in einen Brunnen [?] gäbe
pradīpaṃ vā hutāśane
oder eine Lampe(nflamme) in ein loderndes Feuer
kṣipraṃ praviśya naśyeta
rasch eindringend ginge es unter
yathā naśyatyasau tathā
so wie ebenso jene [Seele] vergeht

[?: „kṛpe“ ist wohl „kūpe“ (in einem Brunnen) zu lesen.]

pañcadhāraṇake hyasmiñcharīre jīvitaṃ kṛtam / yeṣāmanyatarābhāvāñcaturṇāṃ nāsti saṃśayaḥ

In diesem aus fünf [Elementen] zusammengehaltenen Körper ist das Leben begründet; es besteht kein Zweifel, dass [das Leben endet], wenn eines dieser vier [wirkenden Elemente] fehlt.

Wort für Wort
pañcadhāraṇake
in dem aus fünf [Elementen] zusammengehaltenen
hyasmiñcharīre jīvitaṃ kṛtam
Körper ist das Leben begründet
yeṣāmanyatarābhāvāt
aus dem Fehlen eines von diesen
caturṇāṃ nāsti saṃśayaḥ
der vier [Elemente] besteht kein Zweifel

naśyantyāpo hyanāhārādvāyurucchvāsanigrahāt / naśyate koṣṭabhedārthamagrirnaśyatyabhojanāt

Die Wasser [im Körper] vergehen durch Nahrungs-/Trankmangel [?], der Wind durch das Anhalten des Atems; [das Feste] vergeht durch Ausscheidung [?], das Feuer vergeht durch Nahrungsentzug.

Wort für Wort
naśyantyāpo hyanāhārāt
die Wasser vergehen durch Nahrungs-/Trankmangel
vāyurucchvāsanigrahāt
der Wind durch das Anhalten des Atems
naśyate koṣṭabhedārtham
[das Feste] vergeht durch Ausscheidung
agrirnaśyatyabhojanāt
das Feuer vergeht durch Nahrungsentzug

[?: Zuordnung von „koṣṭabhedārtham“ unsicher; vermutlich bezieht es sich auf das Element Erde (vgl. V.9).]

vyādhitraṇaparikleśairmedinī caiva śīryate / pīḍite 'nyatare hyeṣāṃ saṃghāto yāti pañcatām

Durch Krankheit, Wunden und Leiden zerfällt das Erdhafte [Fleisch]; wird eines von diesen [fünf Elementen] bedrängt, geht das Ganze [der Körper] in seine Auflösung (Pañcatva) ein.

Wort für Wort
vyādhitraṇaparikleśaiḥ
durch Krankheit, Wunden und Leiden
medinī caiva śīryate
zerfällt auch das Erdhafte
pīḍite 'nyatare hyeṣāṃ
wird eines von diesen bedrängt
saṃghāto yāti pañcatām
geht das Ganze in seine Auflösung ein

[?: „traṇa“ vermutlich „vraṇa“ (Wunde).]

tasminpañcatvamāpanne jīvaḥ kimanudhāvati / kiṃ khedayati vā jīvaḥ kiṃ śṛṇoti bravīti ca

Wenn jener [Körper] die Auflösung erfahren hat, wem läuft die Seele dann nach? Worüber grämt sich die Seele, oder was hört und spricht sie?

Wort für Wort
tasminpañcatvamāpanne
wenn jener die Auflösung erfahren hat
jīvaḥ kimanudhāvati
wem läuft die Seele nach
kiṃ khedayati vā jīvaḥ
worüber grämt sich die Seele
kiṃ śṛṇoti bravīti ca
was hört sie und spricht sie

eṣā gauḥ paralokasthaṃ tārayiṣyatimāmiti / yo dattvā mriyate jantuḥ sā gauḥ kaṃ tārayiṣyati

[In der Meinung:] ‘Diese Kuh wird mich, wenn ich in der jenseitigen Welt bin, hinüberführen’ – wer, nachdem er sie verschenkt hat, als Lebewesen stirbt: wen wird jene Kuh [dann] hinüberführen?

Wort für Wort
eṣā gauḥ paralokasthaṃ
diese Kuh wird, wenn ich in der jenseitigen Welt bin
tārayiṣyatimāmiti
mich hinüberführen – [so denkt man]
yo dattvā mriyate jantuḥ
wer, nachdem er sie verschenkt hat, als Lebewesen stirbt
sā gauḥ kaṃ tārayiṣyati
wen wird jene Kuh hinüberführen

gauścapratigrahītā ca dātā caiva samaṃ yadā / ihaiva vilayaṃ yānti kutasteṣāṃ samāgamaḥ

Wenn die Kuh, der Empfänger und der Geber gleichermaßen schon hier [in dieser Welt] dem Untergang anheimfallen – woher [könnte] dann ihre [Wieder-]Begegnung [im Jenseits kommen]?

Wort für Wort
gauścapratigrahītā ca
die Kuh und der Empfänger
dātā caiva samaṃ yadā
und der Geber gleichermaßen, wenn
ihaiva vilayaṃ yānti
schon hier dem Untergang anheimfallen
kutasteṣāṃ samāgamaḥ
woher [käme] dann ihre Begegnung

vihagairupabhuktasya śailāgrātpatitasya ca / agninā copayuktasya kutaḥ saṃjīvanaṃ punaḥ

Für einen, der von Vögeln gefressen wurde, oder der vom Berggipfel gestürzt ist, oder der vom Feuer verzehrt wurde – woher [käme] wieder ein Wiederaufleben?

Wort für Wort
vihagairupabhuktasya
für einen, der von Vögeln gefressen wurde
śailāgrātpatitasya ca
oder der vom Berggipfel gestürzt ist
agninā copayuktasya
oder der vom Feuer verzehrt wurde
kutaḥ saṃjīvanaṃ punaḥ
woher [käme] wieder ein Wiederaufleben

chinnasya yadi vṛkṣasya na mūlaṃ pratirohati / jīvanyasya pravartante mṛtaḥ kva punareṣyati

Wenn bei einem gefällten Baum die Wurzel nicht mehr nachwächst – obwohl bei ihm, solange er lebte, [neue Triebe] entstanden – wohin sollte [dann erst] ein Toter wiederkehren?

Wort für Wort
chinnasya yadi vṛkṣasya
wenn bei einem gefällten Baum
na mūlaṃ pratirohati
die Wurzel nicht mehr nachwächst
jīvanyasya pravartante
obwohl bei ihm, solange er lebte, [Triebe] entstanden
mṛtaḥ kva punareṣyati
wohin sollte ein Toter wiederkehren

jīvamātraṃ purā sṛṣṭaṃ yadetatparivartate / mṛtāḥ praṇaśyanti bījādbījaṃ praṇaśyati

[Man sagt:] Was da fortbesteht, wurde einst nur als Seele erschaffen – [doch] die Toten vergehen; nur Same aus Same vergeht [und entsteht wieder – nicht die Seele].

Wort für Wort
jīvamātraṃ purā sṛṣṭaṃ
was einst nur als Seele erschaffen wurde
yadetatparivartate
was da [fort-]besteht
mṛtāḥ praṇaśyanti
die Toten vergehen
bījādbījaṃ praṇaśyati
nur Same aus Same vergeht

[?: Die Syntax dieses Verses ist stark verdichtet; die Übersetzung folgt einer möglichen materialistischen Deutung im Sinne der vorangehenden Einwände Bharadvājas.]

iti me saṃśayo brahmanhṛdaye paridhāvati / ta nivartaya sarvajña yatastvāmāśrito hyaham

So läuft mir, o Brahmane, dieser Zweifel im Herzen um. Vertreibe ihn, o Allwissender, da ich mich ja an dich als Zuflucht gewandt habe.

Wort für Wort
iti me saṃśayo brahman
so [läuft] mir, o Brahmane, dieser Zweifel
hṛdaye paridhāvati
im Herzen um
ta nivartaya sarvajña
vertreibe ihn, o Allwissender
yatastvāmāśrito hyaham
da ich mich ja an dich als Zuflucht gewandt habe

[?: „ta“ ist wohl „taṃ“ (ihn) zu lesen – fehlender Anusvāra.]

sanandana uvāca / evaṃ pṛṣṭastadānena sa bhṛgarbrahmaṇaḥ sutaḥ / punarāhu muniśreṣṭha tatsaṃdehanivṛttaye

Sanandana sprach: So von ihm befragt, sprach da Bhṛgu, der Sohn Brahmās, o bester der Weisen, wiederum, um jenen Zweifel zu beseitigen.

Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
evaṃ pṛṣṭastadānena
so von ihm damals befragt
sa bhṛgarbrahmaṇaḥ sutaḥ
sprach da Bhṛgu, der Sohn Brahmās
punarāhu muniśreṣṭha
wiederum, o bester der Weisen
tatsaṃdehanivṛttaye
um jenen Zweifel zu beseitigen

[Anm.: Hier tritt kurz die äußere Rahmenerzählstimme Sanandanas hervor (vgl. Kap. 41), der dem Nārada die Bhṛgu-Bharadvāja-Unterredung als Erzählung vermittelt.] [?: „bhṛgarbrahmaṇaḥ“ ist als „bhṛguḥ brahmaṇaḥ“, „punarāhu“ als „punarāha“ zu lesen.]

bhṛguruvāca / na prāṇāḥ santi jīvasya dattasya ca kṛtasya ca / yāti dehāntaraṃ prāṇī śarīraṃ tu viśīryate

Bhṛgu sprach: Nicht mit den Atemzügen [vergeht] die Seele, noch [geht verloren], was gegeben und was getan wurde; das lebende Wesen geht in einen anderen Körper ein, der [alte] Körper aber zerfällt.

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
na prāṇāḥ santi jīvasya
nicht mit den Atemzügen [vergeht] die Seele
dattasya ca kṛtasya ca
noch [geht verloren], was gegeben und getan wurde
yāti dehāntaraṃ prāṇī
das lebende Wesen geht in einen anderen Körper ein
śarīraṃ tu viśīryate
der [alte] Körper aber zerfällt

[?: Die Syntax dieses Verses ist verdichtet; sinngemäß übersetzt.]

na śarīrāśrito jīvastasminnaṣṭe praṇaśyati / samidhāmagnidagdhānāṃ yathāgrirddaśyate tathā

Die Seele, obwohl im Körper wohnend, vergeht nicht, wenn jener [Körper] zerstört ist – so wie das Feuer noch gesehen wird, wenn das Brennholz vom [selben] Feuer verbrannt ist.

Wort für Wort
na śarīrāśrito jīvaḥ
die Seele, obwohl im Körper wohnend
tasminnaṣṭe praṇaśyati
vergeht nicht, wenn jener zerstört ist
samidhāmagnidagdhānāṃ
des vom Feuer verbrannten Brennholzes
yathāgnirdṛśyate tathā
so wie das Feuer [dennoch] gesehen wird

[?: „agrirddaśyate“ ist als „agnirdṛśyate“ zu lesen.]

bharadvāja uvāca / agneryathā tasya nāśāttadvināśo na vidyate / indhanasyopayogānte sa vāgnirnopalabhyate

Bharadvāja sprach: [Du sagst], dass durch den Untergang jenes [Brennholzes] kein Untergang des Feuers bestehe – doch am Ende des Verbrauchs des Brennstoffs wird eben jenes Feuer [auch] nicht [mehr] wahrgenommen.

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
agneryathā tasya nāśāt
wie durch den Untergang jenes [Brennholzes]
tadvināśo na vidyate
kein Untergang des Feuers bestehe [so sagst du]
indhanasyopayogānte
doch am Ende des Verbrauchs des Brennstoffs
sa vāgnirnopalabhyate
wird eben jenes Feuer nicht [mehr] wahrgenommen

naśyatītyeva jānāmi śāntamagnimanindhanam / gatiryasya pramāṇaṃ vā saṃsthānaṃ vā na vidyate

Ich weiß wohl, dass es vergeht – das erloschene, brennstofflose Feuer – dessen Gang, Maß oder Ort nicht [mehr] bestimmbar ist.

Wort für Wort
naśyatītyeva jānāmi
ich weiß wohl, dass es vergeht
śāntamagnimanindhanam
das erloschene, brennstofflose Feuer
gatiryasya pramāṇaṃ vā
dessen Gang oder Maß
saṃsthānaṃ vā na vidyate
oder Ort nicht [mehr] bestimmbar ist

bhṛguruvāca / samidhāmupayogānte sa cāgnirnopalabhyate / naśyatītyeva jānāmi śāntamagnimanindhanam

Bhṛgu sprach: Am Ende des Verbrauchs des Brennholzes wird auch jenes Feuer nicht [mehr] wahrgenommen; ich weiß wohl, dass es vergeht – das erloschene, brennstofflose Feuer.

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
samidhāmupayogānte
am Ende des Verbrauchs des Brennholzes
sa cāgnirnopalabhyate
wird auch jenes Feuer nicht wahrgenommen
naśyatītyeva jānāmi
ich weiß wohl, dass es vergeht
śāntamagnimanindhanam
das erloschene, brennstofflose Feuer

[Anm.: Dieser und der folgende Vers (V.23) wiederholen nahezu wörtlich den Einwand Bharadvājas aus V.20–21, hier Bhṛgu in den Mund gelegt – vermutlich als bewusste Wiederaufnahme des gegnerischen Standpunkts vor dessen Widerlegung (ab V.24), möglicherweise aber auch eine textliche Dopplung.]

gatiryasya pramāṇaṃ vā saṃsthānaṃ vā na vidyate / samidhāmupayogānte yathāgnirnopalabhyate

[Jenes Feuer,] dessen Gang, Maß oder Ort nicht [mehr] bestimmbar ist – so wie am Ende des Verbrauchs des Brennholzes das Feuer nicht [mehr] wahrgenommen wird.

Wort für Wort
gatiryasya pramāṇaṃ vā
dessen Gang oder Maß
saṃsthānaṃ vā na vidyate
oder Ort nicht bestimmbar ist
samidhāmupayogānte
am Ende des Verbrauchs des Brennholzes
yathāgnirnopalabhyate
so wie das Feuer nicht wahrgenommen wird

[Anm.: Wiederholt in umgekehrter Reihenfolge nahezu wörtlich die Aussagen aus V.20b und V.21b; siehe Anmerkung zu V.22.]

ākāśānugatatvāddhi durgrāhyo hi nirāśrayaḥ / tathā śarīrasaṃtyāge jīvo hyākāśavatsthitaḥ

Weil [das Feuer] dem Raum (Ākāśa) folgt, ist es, ohne festen Halt, schwer zu erfassen; ebenso besteht die Seele, wenn der Körper aufgegeben wird, dem Raum gleich.

Wort für Wort
ākāśānugatatvāddhi
weil es [das Feuer] dem Raum folgt
durgrāhyo hi nirāśrayaḥ
ist es, ohne festen Halt, schwer zu erfassen
tathā śarīrasaṃtyāge
ebenso, wenn der Körper aufgegeben wird
jīvo hyākāśavatsthitaḥ
besteht die Seele dem Raum gleich

na naśyate susūkṣmatvādyathā jyotirna saṃśayaḥ / prāṇāndhārayate hyagniḥ sa jīva upadhāryatām

Sie vergeht nicht, wegen ihrer äußersten Feinheit, wie das Licht – daran besteht kein Zweifel. Das Feuer hält ja die Lebensatems aufrecht; jenes [Feuer] werde als die Seele erkannt.

Wort für Wort
na naśyate susūkṣmatvāt
sie vergeht nicht wegen ihrer äußersten Feinheit
yathā jyotirna saṃśayaḥ
wie das Licht – daran besteht kein Zweifel
prāṇāndhārayate hyagniḥ
das Feuer hält ja die Lebensatems aufrecht
sa jīva upadhāryatām
jenes werde als die Seele erkannt

vāyusaṃdhāraṇo hyagnirnaśyatyucchvāsanigrahāt / tasminnaṣṭe śarīrāgnau tato dehamacetanam

Das Feuer wird ja vom Wind aufrechterhalten; es vergeht durch das Anhalten des Atems. Wenn jenes leibliche Feuer zerstört ist, wird der Körper danach empfindungslos.

Wort für Wort
vāyusaṃdhāraṇo hyagniḥ
das Feuer wird ja vom Wind aufrechterhalten
naśyatyucchvāsanigrahāt
es vergeht durch das Anhalten des Atems
tasminnaṣṭe śarīrāgnau
wenn jenes leibliche Feuer zerstört ist
tato dehamacetanam
wird der Körper danach empfindungslos

patitaṃ yāti bhūmitvamayanaṃ tasya hi kṣitiḥ / jagamānāṃ hi sarveṣāṃ sthāvarāṇāṃ tathaiva ca

Der gefallene [Körper] geht in den Zustand der Erde ein; sein Ruheort ist ja die Erde – bei allen sich bewegenden [Wesen] wie ebenso bei den unbeweglichen.

Wort für Wort
patitaṃ yāti bhūmitvam
der gefallene [Körper] geht in den Zustand der Erde ein
ayanaṃ tasya hi kṣitiḥ
sein Ruheort ist ja die Erde
jagamānāṃ hi sarveṣāṃ
bei allen sich bewegenden [Wesen]
sthāvarāṇāṃ tathaiva ca
und ebenso bei den unbeweglichen

[?: „jagamānāṃ“ ist als „jaṅgamānāṃ“ (der sich bewegenden [Wesen]) zu lesen.]

ākāśaṃ pavano 'nveti jyotistamanugacchati / teṣāṃ trayāṇāmekatvādvayaṃ bhūmau pratiṣṭitam

Dem Raum folgt der Wind, dem Wind folgt das Licht [das Feuer]; aufgrund der Einheit dieser drei ruht das [übrige] Paar [Wasser und Erde] auf der Erde.

Wort für Wort
ākāśaṃ pavano 'nveti
dem Raum folgt der Wind
jyotistamanugacchati
dem Wind folgt das Licht [das Feuer]
teṣāṃ trayāṇāmekatvāt
aufgrund der Einheit dieser drei
dvayaṃ bhūmau pratiṣṭitam
ruht das [übrige] Paar auf der Erde

yatra khaṃ tatra pavanastatrāgniryatra mārutaḥ / amūrtayaste vijñeyā mūrtimantaḥ śarīriṇaḥ

Wo Raum ist, dort ist Wind; wo Wind ist, dort ist Feuer – diese sind als gestaltlos zu erkennen, [während] die verkörperten Wesen gestalthaft sind.

Wort für Wort
yatra khaṃ tatra pavanaḥ
wo Raum ist, dort ist Wind
tatrāgniryatra mārutaḥ
wo Wind ist, dort ist Feuer
amūrtayaste vijñeyāḥ
diese sind als gestaltlos zu erkennen
mūrtimantaḥ śarīriṇaḥ
die verkörperten Wesen [aber] sind gestalthaft

bharadvāja uvāca / yadyagnimārutau bhūmiḥ khamāpaśca śarīriṣu / jīvaḥ kiṃlakṣaṇastatretyetadācakṣva me 'nagha

Bharadvāja sprach: Wenn Feuer und Wind, Erde, Raum und Wasser [alle] in den verkörperten Wesen sind – welches Merkmal hat dort die Seele? Sage mir dies, o Sündenloser.

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
yadyagnimārutau bhūmiḥ
wenn Feuer und Wind, Erde
khamāpaśca śarīriṣu
Raum und Wasser in den verkörperten Wesen sind
jīvaḥ kiṃlakṣaṇastatra
welches Merkmal hat dort die Seele
ityetadācakṣva me 'nagha
sage mir dies, o Sündenloser

pañcātmake pañcaratau pañcavijñānasaṃjñake / śarīre prāṇināṃ jīvaṃ vettubhicchāmi yādṛśam

In dem aus fünf [Elementen] bestehenden, von den fünf Lebenswinden [?] durchdrungenen, nach den fünf Sinneswahrnehmungen benannten Körper der Lebewesen möchte ich wissen, wie die Seele beschaffen ist.

Wort für Wort
pañcātmake pañcaratau
in dem aus fünf [Elementen] bestehenden, fünf-[Lebenswind-]durchdrungenen [?]
pañcavijñānasaṃjñake
nach den fünf Sinneswahrnehmungen benannten
śarīre prāṇināṃ
Körper der Lebewesen
jīvaṃ vettubhicchāmi yādṛśam
möchte ich wissen, wie die Seele beschaffen ist

[?: „pañcaratau“ ist unklar; sinngemäß als „pañcavāyau“ (in den fünf Lebenswinden) gedeutet. „vettubhicchāmi“ ist als „vettum icchāmi“ zu lesen.]

māṃsaśoṇitasaṃghāte medaḥsnāyvasthisaṃcaye / bhidyamāne śarīre tu jīvo naivopalabhyate

Im Körper – einer Ansammlung von Fleisch und Blut, einer Häufung von Fett, Sehnen und Knochen – wird, wenn er zerschnitten wird, die Seele gar nicht wahrgenommen.

Wort für Wort
māṃsaśoṇitasaṃghāte
in einer Ansammlung von Fleisch und Blut
medaḥsnāyvasthisaṃcaye
einer Häufung von Fett, Sehnen und Knochen
bhidyamāne śarīre tu
wenn der Körper zerschnitten wird
jīvo naivopalabhyate
wird die Seele gar nicht wahrgenommen

yadyajīvaśarīraṃ tu pañcabhūtasamanvitam / śarīre mānase duḥkha kastāṃ vedayate rujam

Wenn der Körper, obwohl mit den fünf Elementen versehen, doch seelenlos ist – wer empfindet dann jene Pein bei körperlichem [und] seelischem Leiden?

Wort für Wort
yadyajīvaśarīraṃ tu
wenn der Körper aber seelenlos ist
pañcabhūtasamanvitam
obwohl mit den fünf Elementen versehen
śarīre mānase duḥkha
bei körperlichem, seelischem Leiden
kastāṃ vedayate rujam
wer empfindet jene Pein

śṛṇoti kathitaṃ jīvaḥ karṇābhyāṃna śṛṇoti tat / maharṣe manasi vyagre tasmājjīvo nirarthakaḥ

[Man sagt,] die Seele höre, was gesprochen wird – [doch] wenn der Geist abgelenkt ist, hört man es nicht mit den Ohren, o großer Weiser; darum ist die Seele bedeutungslos.

Wort für Wort
śṛṇoti kathitaṃ jīvaḥ
die Seele höre [angeblich], was gesprochen wird
karṇābhyāṃna śṛṇoti tat
man hört es nicht mit den Ohren
maharṣe manasi vyagre
wenn der Geist abgelenkt ist, o großer Weiser
tasmājjīvo nirarthakaḥ
darum ist die Seele bedeutungslos

sarve paśyanti yadṛśyaṃ manoyuktena cakṣuṣā / manasi vyākule cakṣuḥ paśyannapi na paśyati

Alle sehen, was sichtbar ist, mit einem an den Geist gebundenen Auge; ist der Geist verwirrt, sieht das Auge, obwohl es blickt, doch nicht.

Wort für Wort
sarve paśyanti yadṛśyaṃ
alle sehen, was sichtbar ist
manoyuktena cakṣuṣā
mit einem an den Geist gebundenen Auge
manasi vyākule
ist der Geist verwirrt
cakṣuḥ paśyannapi na paśyati
sieht das Auge, obwohl blickend, doch nicht

na paśyati na cāghrāti na śṛṇoti na bhāṣate / na ca smarśamasau vetti nidrāvaśagataḥ punaḥ

Wer der Macht des Schlafes verfallen ist, sieht nicht, riecht nicht, hört nicht, spricht nicht, und nimmt auch keine Berührung wahr.

Wort für Wort
na paśyati na cāghrāti
er sieht nicht, riecht nicht
na śṛṇoti na bhāṣate
hört nicht, spricht nicht
na ca smarśamasau vetti
und nimmt auch keine Berührung wahr
nidrāvaśagataḥ punaḥ
wer der Macht des Schlafes verfallen ist

[?: „smarśam“ ist als „sparśam“ (Berührung) zu lesen.]

hṛṣyati kruddhyate ko 'tra śocatyudvijate ca kaḥ / icchati dhyāyati dveṣṭi vākyaṃ vācayate ca kaḥ

Wer ist es denn, der sich freut, der zürnt, der trauert und sich ängstigt? Wer begehrt, sinnt nach, hasst und spricht ein Wort?

Wort für Wort
hṛṣyati kruddhyate ko 'tra
wer ist es denn, der sich freut, der zürnt
śocatyudvijate ca kaḥ
der trauert und sich ängstigt
icchati dhyāyati dveṣṭi
begehrt, nachsinnt, hasst
vākyaṃ vācayate ca kaḥ
und wer spricht ein Wort

bhṛguruvāca / taṃ pañcasādhāraṇamatra kiñciccharīrameko vahateṃ'tarātmā / sa vetti gandhāṃśca rasāñchutīśca sparśaṃ ca rūpaṃ ca guṇāṃśca ye 'lye

Bhṛgu sprach: Diesen Körper hier, der den fünf [Sinnen] gemeinsam ist, trägt ein einziges inneres Selbst; es erkennt Düfte, Geschmäcker, Töne, Berührung, Gestalt und welche anderen Eigenschaften es sonst gibt.

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
taṃ pañcasādhāraṇamatra
diesen [Körper] hier, der den fünf [Sinnen] gemeinsam ist
kiñciccharīrameko vahatyantarātmā
trägt ein einziges inneres Selbst
sa vetti gandhāṃśca rasāñ
es erkennt Düfte und Geschmäcker
śrutīśca sparśaṃ ca rūpaṃ ca
Töne, Berührung und Gestalt
guṇāṃśca ye 'nye
und welche anderen Eigenschaften es gibt

[?: „chutīśca“ ist als „śrutīśca“ (Töne), „'lye“ als „'nye“ (andere) zu lesen.]

pañcātmake pañcaguṇapradarśī sa sarvagātrānugatoṃ'tarātmā / saveti duḥkhāni sukhāni cātra tadviprayogāttu na vetti deham

In dem aus fünf [Elementen] bestehenden [Körper], die fünf Eigenschaften wahrnehmend, alle Glieder durchdringend, kennt dieses innere Selbst hier Leiden und Freuden; getrennt von ihm aber weiß der Körper nichts.

Wort für Wort
pañcātmake pañcaguṇapradarśī
in dem aus fünf [Elementen] bestehenden, die fünf Eigenschaften wahrnehmend
sa sarvagātrānugato'ntarātmā
dieses alle Glieder durchdringende innere Selbst
saveti duḥkhāni sukhāni cātra
kennt hier Leiden und Freuden
tadviprayogāttu na vetti deham
getrennt von ihm aber weiß der Körper nichts

[?: „saveti“ ist als „sa vetti“ zu lesen.]

yadā na rūpaṃ na sparśo noṣyabhavaśca pāvake / tadā śānte śarīrāgnau dehatyāgena naśyati

Wenn im [Leibes-]Feuer weder Gestalt noch Berührung noch Wärme[zustand] mehr ist – dann, wenn das leibliche Feuer erloschen ist, [scheint die Seele] durch das Verlassen des Körpers zu vergehen.

Wort für Wort
yadā na rūpaṃ na sparśo
wenn weder Gestalt noch Berührung mehr ist
noṣyabhavaśca pāvake
noch Wärme[zustand] im Feuer
tadā śānte śarīrāgnau
dann, wenn das leibliche Feuer erloschen ist
dehatyāgena naśyati
vergeht [die Seele scheinbar] durch das Verlassen des Körpers

[?: „noṣyabhavaśca“ ist als „na uṣmabhāvaśca“ zu lesen. Ob „naśyati“ ein wirkliches Vergehen oder – wie im Feueranalogon der vorigen Verse – nur ein scheinbares Verschwinden meint, bleibt in der Vorlage offen.]

āpomayamidaṃ sarvamāpomūrtiḥ śarīriṇām / tatrātmā mānaso brahmā sarvabhūteṣu lokakṛt

Aus Wasser besteht dies alles; aus Wasser ist die Gestalt der verkörperten Wesen. Darin ist das Selbst, das geistiger Natur ist, Brahmā, der Schöpfer der Welten in allen Wesen.

Wort für Wort
āpomayamidaṃ sarvam
aus Wasser besteht dies alles
āpomūrtiḥ śarīriṇām
aus Wasser ist die Gestalt der verkörperten Wesen
tatrātmā mānaso brahmā
darin ist das geistige Selbst Brahmā
sarvabhūteṣu lokakṛt
der Schöpfer der Welten in allen Wesen

ātmānaṃ taṃ vijānīhi sarvalokahitātmakam / tasminyaḥ saṃśrito dehe hyabbinduriva puṣkare

Erkenne jenes Selbst als eines, dessen Wesen das Wohl aller Welten ist – es, das im Körper wohnt wie ein Wassertropfen auf einem Lotosblatt.

Wort für Wort
ātmānaṃ taṃ vijānīhi
erkenne jenes Selbst
sarvalokahitātmakam
als eines, dessen Wesen das Wohl aller Welten ist
tasminyaḥ saṃśrito dehe
das im Körper wohnt
hyabbinduriva puṣkare
wie ein Wassertropfen auf einem Lotosblatt

kṣetrajñaṃ taṃ vijānīhi nityaṃ lokahitātmakam / tamorajaśca sattvaṃ ca viddhi jīvaguṇānimām

Erkenne dasselbe als den Feldkenner (Kṣetrajña), stets dem Wohl der Welt zugewandt; erkenne Tamas, Rajas und Sattva als diese Eigenschaften der Seele.

Wort für Wort
kṣetrajñaṃ taṃ vijānīhi
erkenne dasselbe als den Feldkenner
nityaṃ lokahitātmakam
stets dem Wohl der Welt zugewandt
tamorajaśca sattvaṃ ca
Tamas, Rajas und Sattva
viddhi jīvaguṇānimām
erkenne als diese Eigenschaften der Seele

acetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti sa ceṣṭate ceṣṭayate ca sarvam / ataḥ paraṃ kṣetravido vadanti prāvartayadyo bhuvanāni sapta

Die Eigenschaft der Seele [d.h. die Guṇas] nennt man unbewusst; [die Seele selbst aber] regt sich und lässt alles sich regen. Darüber hinaus nennen die Feldkenner ihn den, der die sieben Welten in Bewegung gesetzt hat.

Wort für Wort
acetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti
die Eigenschaft der Seele nennt man unbewusst
sa ceṣṭate ceṣṭayate ca sarvam
sie [die Seele] regt sich und lässt alles sich regen
ataḥ paraṃ kṣetravido vadanti
darüber hinaus nennen die Feldkenner ihn
prāvartayadyo bhuvanāni sapta
den, der die sieben Welten in Bewegung gesetzt hat

na jīvanāśo 'sti hi dehabhede mithyaitadāhurmuna ityabuddhāḥ / jīvastu dehāntaritaḥ prayāti daśārddhatastasya śarīrabhedaḥ

Es gibt bei der Zerstörung des Körpers keine Vernichtung der Seele; dies sagen die Unwissenden fälschlich, o Weiser. Die Seele aber, vom Körper geschieden, geht fort; aus der Fünfzahl [wörtlich: der Hälfte von Zehn] erfolgt die Auflösung ihres Körpers.

Wort für Wort
na jīvanāśo 'sti hi
es gibt keine Vernichtung der Seele
dehabhede mithyaitadāhur
bei der Zerstörung des Körpers, dies sagt man fälschlich
muna ityabuddhāḥ
o Weiser, [so sagen] die Unwissenden
jīvastu dehāntaritaḥ prayāti
die Seele aber, vom Körper geschieden, geht fort
daśārddhatastasya śarīrabhedaḥ
aus der Fünfzahl erfolgt die Auflösung ihres Körpers

[?: „daśārddhataḥ“ (wörtlich ‘aus der Hälfte von zehn’) wird als Anspielung auf die fünf Elemente (Pañcatva) gedeutet.]

evaṃ bhūteṣu sarveṣu gūḍhaścarati sarvadā / dṛśyate tvagryā budhyāsūkṣmayā tattvadarśibhiḥ

So bewegt sie sich, verborgen, allezeit in allen Wesen; sie wird aber von denen, die die Wahrheit schauen, mit vorzüglicher, feiner Einsicht gesehen.

Wort für Wort
evaṃ bhūteṣu sarveṣu
so [bewegt sie sich] in allen Wesen
gūḍhaścarati sarvadā
verborgen bewegt sie sich allezeit
dṛśyate tvagryā budhyā
sie wird aber mit vorzüglicher Einsicht gesehen
sūkṣmayā tattvadarśibhiḥ
mit feiner [Einsicht] von den Wahrheitsschauenden

taṃ pūrvāpararātreṣu yuñjānaḥ satataṃ budhaḥ / labdhāhāro viśuddhātmā paśyatyātmānamātmani

Der Weise, der sich in den früheren und späteren Nachtstunden ständig in Versenkung auf sie übt, mit erlangter [gemäßigter] Speise, reinen Selbst, sieht das Selbst im Selbst.

Wort für Wort
taṃ pūrvāpararātreṣu
auf sie in den früheren und späteren Nachtstunden
yuñjānaḥ satataṃ budhaḥ
der Weise, der sich ständig in Versenkung übt
labdhāhāro viśuddhātmā
mit erlangter Speise, reinen Selbst
paśyatyātmānamātmani
sieht das Selbst im Selbst

cittasya hi prasādena hitvā karma śubhāśubham / prasannātmātmani sthitvā sukhamānantyamaśnute

Durch die Klarheit des Geistes, nachdem er gute und schlechte Taten aufgegeben hat, erlangt er, mit heiterem Gemüt im Selbst verweilend, unendliche Seligkeit.

Wort für Wort
cittasya hi prasādena
durch die Klarheit des Geistes
hitvā karma śubhāśubham
nachdem er gute und schlechte Taten aufgegeben hat
prasannātmātmani sthitvā
mit heiterem Gemüt im Selbst verweilend
sukhamānantyamaśnute
erlangt er unendliche Seligkeit

mānaso 'gniḥ śarīreṣu jīva ityabhidhīyate / sṛṣṭiḥ prajāpatereṣā bhūtādhyātmaviniścaye

Das geistige Feuer in den Körpern wird Seele genannt; dies ist die Schöpfung des Prajāpati im Hinblick auf die Bestimmung des Verhältnisses der Wesen zum Selbst.

Wort für Wort
mānaso 'gniḥ śarīreṣu
das geistige Feuer in den Körpern
jīva ityabhidhīyate
wird Seele genannt
sṛṣṭiḥ prajāpatereṣā
dies ist die Schöpfung des Prajāpati
bhūtādhyātmaviniścaye
im Hinblick auf die Bestimmung des Verhältnisses der Wesen zum Selbst

asṛjadbrāhmaṇāneva pūrvaṃ brahmā prajāpatiḥ / ātmatejo 'bhinir vṛttānbhāskarāgnisamaprabhān

Zuerst schuf Brahmā Prajāpati allein die Brahmanen, aus seinem eigenen Glanz entstanden, strahlend gleich Sonne und Feuer.

Wort für Wort
asṛjadbrāhmaṇāneva
schuf allein die Brahmanen
pūrvaṃ brahmā prajāpatiḥ
zuerst Brahmā Prajāpati
ātmatejo 'bhinirvṛttān
aus seinem eigenen Glanz entstanden
bhāskarāgnisamaprabhān
strahlend gleich Sonne und Feuer

tataḥ satyaṃ ca dharmaṃ ca tathā brahma ca śāśvatam / ācāraṃ caiva śaucaṃ ca svargāya vidadhe prabhuḥ

Dann bestimmte der Herr Wahrheit und Dharma, ebenso das ewige heilige Wissen (Brahman), sowie rechten Wandel und Reinheit, um den Himmel [zu erlangen].

Wort für Wort
tataḥ satyaṃ ca dharmaṃ ca
dann [bestimmte er] Wahrheit und Dharma
tathā brahma ca śāśvatam
ebenso das ewige heilige Wissen
ācāraṃ caiva śaucaṃ ca
und rechten Wandel und Reinheit
svargāya vidadhe prabhuḥ
bestimmte der Herr, um den Himmel [zu erlangen]

devadāna vagandharvā daityāsuramahoragāḥ / yakṣarākṣasanāgāśca piśācā manujāstathā

[Er schuf ferner] Götter, Dānavas und Gandharvas, Daityas, Asuras und große Schlangen, Yakṣas, Rākṣasas und Nāgas, Piśācas und ebenso die Menschen.

Wort für Wort
devadānavagandharvāḥ
Götter, Dānavas und Gandharvas
daityāsuramahoragāḥ
Daityas, Asuras und große Schlangen
yakṣarākṣasanāgāśca
Yakṣas, Rākṣasas und Nāgas
piśācā manujāstathā
Piśācas und ebenso die Menschen

brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ śūdrāṇāmasitastathā / bharadvāja uvāca / cāturvarṇyasya varṇena yadi varṇo vibhidyate

[Bhṛgu fuhr fort:] Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas, und ebenso die schwarze [Farbe] der Śūdras. – Bharadvāja sprach: Wenn die [gesellschaftliche] Klasse (Varṇa) durch die Farbe (Varṇa) der vier Klassen unterschieden wird…

Wort für Wort
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas
śūdrāṇāmasitastathā
und ebenso die schwarze [Farbe] der Śūdras
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
cāturvarṇyasya varṇena
durch die Farbe der vier Klassen
yadi varṇo vibhidyate
wenn die [gesellschaftliche] Klasse unterschieden wird

[Anm.: Mitten im Vers wechselt der Sprecher – die erste Vershälfte schließt noch Bhṛgus Aufzählung der Geschöpfe ab, die zweite Vershälfte beginnt bereits Bharadvājas neue Frage, eingeleitet durch die eingeschobene Sprecherangabe „bharadvāja uvāca“ mitten im Vers.]

svedamūtrapurīṣāṇi śleṣmā pitta saśoṇitam / tvantaḥ kṣarati sarveṣāṃ kasmādvarṇo vibhajyate

Schweiß, Urin, Kot, Schleim, Galle samt Blut fließen von innen aus der Haut [?] bei allen [Menschen gleichermaßen] – wodurch also wird die Klasse (Varṇa) unterschieden?

Wort für Wort
svedamūtrapurīṣāṇi
Schweiß, Urin, Kot
śleṣmā pitta saśoṇitam
Schleim, Galle samt Blut
tvantaḥ kṣarati sarveṣāṃ
fließen von innen aus der Haut [?] bei allen [gleichermaßen]
kasmādvarṇo vibhajyate
wodurch wird die Klasse unterschieden

[?: „tvantaḥ“ ist unklar; sinngemäß als „tvacaḥ antaḥ“ (von innen aus der Haut) gedeutet.]

jaṅgamānāmasaṃkhyeyāḥ sthāvarāṇāṃ ca jātayaḥ / teṣāṃ vividhavarṇānāṃ kuto varṇaviniścayaḥ

Unzählig sind die Arten der beweglichen und der unbeweglichen [Wesen]; bei diesen, die von vielfältiger Farbe (Varṇa) sind – woher [käme] eine Bestimmung der Klasse (Varṇa)?

Wort für Wort
jaṅgamānāmasaṃkhyeyāḥ
unzählig sind die [Arten] der beweglichen [Wesen]
sthāvarāṇāṃ ca jātayaḥ
und die Arten der unbeweglichen
teṣāṃ vividhavarṇānāṃ
bei diesen, die von vielfältiger Farbe sind
kuto varṇaviniścayaḥ
woher [käme] eine Bestimmung der Klasse

bhṛguruvāca / na viśeṣo 'sti varṇānāṃ sarvaṃ brahmamayaṃ jagat / brahmaṇā pūrvasṛṣṭaṃ hi karmaṇā varṇatāṃ gatam

Bhṛgu sprach: Es gibt keinen [wesenhaften] Unterschied der Klassen – die ganze Welt besteht aus Brahman. Von Brahmā anfangs [einheitlich] geschaffen, gelangte sie durch [ihr] Tun zur Unterscheidung der Klassen.

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
na viśeṣo 'sti varṇānāṃ
es gibt keinen [wesenhaften] Unterschied der Klassen
sarvaṃ brahmamayaṃ jagat
die ganze Welt besteht aus Brahman
brahmaṇā pūrvasṛṣṭaṃ hi
von Brahmā anfangs geschaffen
karmaṇā varṇatāṃ gatam
gelangte sie durch [ihr] Tun zur Klassenunterscheidung

kāmabhogāḥ priyāstīkṣṇāḥ krodhatāpriyasāhasāḥ / tyaktasvakarmaraktāṅgāste dvijāḥ kṣatratāṃ gatāḥ

Jene Zweifachgeborenen, die Sinnenfreuden zugetan, scharf/heftig, dem Zorn, der Erregung [?] und Gewalttat zugeneigt waren, die eigene Pflicht aufgaben, [ihre] Glieder rot [gefärbt] – sie gelangten zum Kṣatriya-Stand.

Wort für Wort
kāmabhogāḥ priyāstīkṣṇāḥ
Sinnenfreuden zugetan, scharf/heftig
krodhatāpriyasāhasāḥ
dem Zorn, der Erregung [?] und Gewalttat zugeneigt
tyaktasvakarmaraktāṅgāḥ
die eigene Pflicht aufgaben, [ihre] Glieder rot [gefärbt]
te dvijāḥ kṣatratāṃ gatāḥ
sie, die Zweifachgeborenen, gelangten zum Kṣatriya-Stand

[?: „krodhatāpriyasāhasāḥ“ ist unsicher überliefert; sinngemäß als „krodha-tāpa-priya-sāhasāḥ“ (dem Zorn, der Erregung und Gewalttat zugeneigt) gedeutet.]

gobhyo vṛttiṃ samāsthāya pītāḥ kṛṣyupajīvinaḥ / svadharṃmannānutiṣṭanti te dvijā vaiśyatāṃ gatāḥ

Jene Zweifachgeborenen, die, sich vom Vieh ernährend, gelb [gefärbt], vom Ackerbau lebend, ihre eigene [brahmanische] Pflicht nicht ausüben – sie gelangten zum Vaiśya-Stand.

Wort für Wort
gobhyo vṛttiṃ samāsthāya
sich vom Vieh ernährend
pītāḥ kṛṣyupajīvinaḥ
gelb [gefärbt], vom Ackerbau lebend
svadharṃmannānutiṣṭanti
die ihre eigene Pflicht nicht ausüben
te dvijā vaiśyatāṃ gatāḥ
sie, die Zweifachgeborenen, gelangten zum Vaiśya-Stand

[?: „svadharṃmannānutiṣṭanti“ ist als „svadharmān na anutiṣṭhanti“ zu lesen.]

rhisānṛtaparā lubdhāḥ sarvakarmopajīvinaḥ / kṛṣṇāḥ śaucapāribhrāṣṭāste dvijāḥ śūdratāṃ gatāḥ

Jene Zweifachgeborenen, die der Gewalt und Lüge zugetan, gierig, von jeder [niederen] Arbeit lebend, schwarz [gefärbt], von der Reinheit gefallen waren – sie gelangten zum Śūdra-Stand.

Wort für Wort
rhisānṛtaparā lubdhāḥ
der Gewalt und Lüge zugetan [?], gierig
sarvakarmopajīvinaḥ
von jeder [niederen] Arbeit lebend
kṛṣṇāḥ śaucapāribhrāṣṭāḥ
schwarz [gefärbt], von der Reinheit gefallen
te dvijāḥ śūdratāṃ gatāḥ
sie, die Zweifachgeborenen, gelangten zum Śūdra-Stand

[?: „rhisānṛtaparā“ ist verderbt überliefert und wird als „hiṃsānṛtaparāḥ“ (der Gewalt und Lüge zugetan) rekonstruiert.]

ityetaiḥ karmabhirvyāptā dvijā varṇāntaraṃ gatāḥ / brāhmaṇā dharmatantrasthāstapasteṣāṃ na naśyati

So gelangten, von diesen Taten erfasst, die Zweifachgeborenen zu einer anderen Klasse; [nur] die Brahmanen, in der Ordnung des Dharma verbleibend, deren Askese vergeht nicht.

Wort für Wort
ityetaiḥ karmabhirvyāptā
so, von diesen Taten erfasst
dvijā varṇāntaraṃ gatāḥ
gelangten die Zweifachgeborenen zu einer anderen Klasse
brāhmaṇā dharmatantrasthāḥ
die Brahmanen, in der Ordnung des Dharma verbleibend
tapasteṣāṃ na naśyati
deren Askese vergeht nicht

brahma dhārayatāṃ nityaṃ vratāni niyabhāṃstathā / brahma caiva purā sṛṣṭaṃ yena jānanti tadvidaḥ

[Von denen,] die stets das heilige Wissen (Brahman) bewahren, [ihre] Gelübde und ebenso [ihre] Beobachtungen – und das Brahman, das einst erschaffen wurde, durch welches es die Kenner desselben erkennen.

Wort für Wort
brahma dhārayatāṃ nityaṃ
die stets das heilige Wissen bewahren
vratāni niyabhāṃstathā
[ihre] Gelübde und ebenso [ihre] Beobachtungen
brahma caiva purā sṛṣṭaṃ
und das Brahman, das einst erschaffen wurde
yena jānanti tadvidaḥ
durch welches es die Kenner desselben erkennen

[?: „niyabhāṃs“ ist als „niyamān“ (Beobachtungen) zu lesen.]

teṣāṃ bahuvidhāstvanyāstatra tatra dvijātayaḥ / piśācajā rākṣasāḥ pretā vividhā mlecchajātayaḥ / sā sṛṣṭirmānasī nāma dharmatantraparāyaṇā

Von ihnen gibt es vielerlei andere Zweifachgeborene hier und dort: als Piśācas Geborene, Rākṣasas, Pretas und mancherlei Barbarenstämme (Mleccha) – jene Schöpfung heißt die geistgeborene, [ursprünglich] der Ordnung des Dharma zugewandte.

Wort für Wort
teṣāṃ bahuvidhāstvanyāḥ
von ihnen [gibt es] vielerlei andere
tatra tatra dvijātayaḥ
Zweifachgeborene hier und dort
piśācajā rākṣasāḥ pretā
als Piśācas Geborene, Rākṣasas, Pretas
vividhā mlecchajātayaḥ
und mancherlei Barbarenstämme
sā sṛṣṭirmānasī nāma
jene Schöpfung heißt die geistgeborene
dharmatantraparāyaṇā
der Ordnung des Dharma zugewandte

[Anm.: Dieser Vers weist mit drei statt der üblichen zwei Verszeilen eine strukturelle Unregelmäßigkeit auf; zudem erscheint die inhaltliche Verknüpfung von Piśācas, Rākṣasas und Barbarenstämmen mit der Bezeichnung „dharmatantraparāyaṇā“ (der Ordnung des Dharma zugewandt) widersprüchlich – möglicherweise Textstörung.]

bharadvāja uvāca / brāhmaṇaḥ kena bhavati kṣatriyo vā dvijottama / vaiśyaḥ śūdraśca viprarṣe tadbrūhi vadatāṃ vara

Bharadvāja sprach: Wodurch wird man Brahmane, o bester der Zweifachgeborenen, oder Kṣatriya, Vaiśya und Śūdra, o Weiser unter den Brahmanen? Sage mir dies, o Bester der Redner.

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
brāhmaṇaḥ kena bhavati
wodurch wird man Brahmane
kṣatriyo vā dvijottama
oder Kṣatriya, o bester der Zweifachgeborenen
vaiśyaḥ śūdraśca viprarṣe
Vaiśya und Śūdra, o Weiser unter den Brahmanen
tadbrūhi vadatāṃ vara
sage mir dies, o Bester der Redner

bhṛguruvāca / jātakarmādibhiryastu saṃskāraiḥ saṃskṛtaḥ śuciḥ / vedādhyayanasaṃpanno brahmakarmasvavasthitaḥ

Bhṛgu sprach: Wer durch die mit dem Geburtsritus beginnenden Sakramente geweiht, rein, im Studium des Veda vollendet, in den [heiligen] Pflichten des Brahmanen verankert ist…

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
jātakarmādibhiryastu
wer durch die mit dem Geburtsritus beginnenden
saṃskāraiḥ saṃskṛtaḥ śuciḥ
Sakramente geweiht, rein ist
vedādhyayanasaṃpannaḥ
im Studium des Veda vollendet
brahmakarmasvavasthitaḥ
in den [heiligen] Pflichten des Brahmanen verankert

śaucācārasthitaḥ samyagvidyābhyāsī gurupriyaḥ / nityavratī satyaparaḥ sa vai brāhmaṇa ucyate

…in reiner Lebensführung verankert, recht dem Studium der Wissenschaft zugetan, dem Lehrer lieb, beständig im Gelübde, der Wahrheit hingegeben – er wird wahrlich Brahmane genannt.

Wort für Wort
śaucācārasthitaḥ
in reiner Lebensführung verankert
samyagvidyābhyāsī gurupriyaḥ
recht dem Studium zugetan, dem Lehrer lieb
nityavratī satyaparaḥ
beständig im Gelübde, der Wahrheit hingegeben
sa vai brāhmaṇa ucyate
er wird wahrlich Brahmane genannt

satyaṃ dānamatho 'droha ānṛśaṃsyaṃ kṛpā ghṛṇā / tapasyāṃ dṛśyate yatra sa brāhmaṇa iti smṛtaḥ

In wessen Askese sich Wahrheit, Freigebigkeit, Arglosigkeit, Milde, Mitgefühl und Scheu zeigen, der wird als Brahmane überliefert.

Wort für Wort
satyaṃ dānamatho 'drohaḥ
Wahrheit, Freigebigkeit, Arglosigkeit
ānṛśaṃsyaṃ kṛpā ghṛṇā
Milde, Mitgefühl und Scheu
tapasyāṃ dṛśyate yatra
in wessen Askese sich [dies] zeigt
sa brāhmaṇa iti smṛtaḥ
der wird als Brahmane überliefert

kṣatrajaṃ sevate karma vedādhyayanasaṃgataḥ / dānādānaratiryastu sa vai kṣatriya ucyate

Wer die dem Kṣatriya eigene Tätigkeit ausübt, [dabei] dem Studium des Veda verbunden bleibt, [und] am Geben und Nehmen [gemäß der Vorschrift] Freude hat – er wird wahrlich Kṣatriya genannt.

Wort für Wort
kṣatrajaṃ sevate karma
er übt die dem Kṣatriya eigene Tätigkeit aus
vedādhyayanasaṃgataḥ
dem Studium des Veda verbunden
dānādānaratiryastu
wer am Geben und Nehmen Freude hat
sa vai kṣatriya ucyate
er wird wahrlich Kṣatriya genannt

viśatyāśu paśubhyaśca kṛṣyādānaratiḥ śuciḥ / vedādhyayanasaṃpannaḥ sa vaiśya iti saṃjñitaḥ

Wer sich rasch dem Vieh [zuwendet] [?] und an Ackerbau und Erwerb Freude hat, rein ist, im Studium des Veda vollendet – er wird Vaiśya genannt.

Wort für Wort
viśatyāśu paśubhyaśca
wer sich rasch dem Vieh [zuwendet] [?]
kṛṣyādānaratiḥ śuciḥ
und an Ackerbau und Erwerb Freude hat, rein ist
vedādhyayanasaṃpannaḥ
im Studium des Veda vollendet
sa vaiśya iti saṃjñitaḥ
er wird Vaiśya genannt

[?: „viśatyāśu paśubhyaśca“ ist unklar überliefert; sinngemäß frei wiedergegeben.]

sarvaghabhakṣaratirnityaṃ sarvakarmakaro 'śuciḥ / tyaktavedastvanācāraḥ sa vai śūdra iti smṛtaḥ

Wer stets Freude an allerlei [unreiner] Speise hat [?], jede [niedere] Arbeit verrichtet, unrein ist, den Veda aufgegeben hat und ohne rechten Wandel ist – er wird wahrlich Śūdra genannt.

Wort für Wort
sarvaghabhakṣaratirnityaṃ
wer stets Freude an allerlei [unreiner] Speise hat
sarvakarmakaro 'śuciḥ
jede [niedere] Arbeit verrichtet, unrein ist
tyaktavedastvanācāraḥ
den Veda aufgegeben hat, ohne rechten Wandel
sa vai śūdra iti smṛtaḥ
er wird wahrlich Śūdra genannt

[?: „sarvaghabhakṣaratiḥ“ ist unsicher; sinngemäß als ‘Freude an allerlei [verbotener] Speise’ gedeutet.]

śūdre caitadbhavellakṣma dvije tacca na vidyate / na vai śūdro bhavecchūdro brāhmaṇo brāhmaṇo na ca

Und dieses Merkmal [der brahmanischen Tugenden] mag bei einem Śūdra vorhanden sein, während es bei einem Zweifachgeborenen fehlt; dann wäre der [Śūdra] nicht wahrhaft Śūdra, noch der [Brahmane] wahrhaft Brahmane.

Wort für Wort
śūdre caitadbhavellakṣma
und dieses Merkmal mag bei einem Śūdra vorhanden sein
dvije tacca na vidyate
während es bei einem Zweifachgeborenen fehlt
na vai śūdro bhavecchūdro
dann wäre der [nominelle] Śūdra nicht [wahrer] Śūdra
brāhmaṇo brāhmaṇo na ca
noch der [nominelle] Brahmane [wahrer] Brahmane

sarvopāyaistu lobhasya krodhasya ca vinigrahaḥ / etatpavitraṃ jñānānāṃ tathā caivātmasaṃyamaḥ

Mit allen Mitteln die Bezähmung von Gier und Zorn – dies ist der Reiniger allen Wissens, und ebenso die Selbstbeherrschung.

Wort für Wort
sarvopāyaistu
mit allen Mitteln
lobhasya krodhasya ca vinigrahaḥ
die Bezähmung von Gier und Zorn
etatpavitraṃ jñānānāṃ
dies ist der Reiniger allen Wissens
tathā caivātmasaṃyamaḥ
und ebenso die Selbstbeherrschung

varjyau sarvātmanā tau hi śreyoghātārthamudyatau / nityakrodhācchriyaṃ rakṣettapo rakṣettu matsarāt

Diese beiden [Gier und Zorn] sind gänzlich zu meiden, da sie darauf aus sind, das Wohl zu zerstören; man schütze [seinen] Wohlstand vor beständigem Zorn, [seine] Askese aber schütze man vor Neid.

Wort für Wort
varjyau sarvātmanā tau hi
diese beiden sind gänzlich zu meiden
śreyoghātārthamudyatau
da sie darauf aus sind, das Wohl zu zerstören
nityakrodhācchriyaṃ rakṣet
man schütze [seinen] Wohlstand vor beständigem Zorn
tapo rakṣettu matsarāt
[seine] Askese aber schütze man vor Neid

vidyāṃ mānāpamānābhaghyāmātmānaṃ tu pramādataḥ

[Man schütze] das Wissen vor Ehre und Schmach, das Selbst aber vor Nachlässigkeit.

Wort für Wort
vidyāṃ mānāpamānābhyāṃ
[man schütze] das Wissen vor Ehre und Schmach
ātmānaṃ tu pramādataḥ
das Selbst aber vor Nachlässigkeit

[Anm.: Dieser Vers besteht im Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile (Pāda); die erste Vershälfte fehlt – vermutlich ein Textverlust. Das Verb („rakṣet“, ‘man schütze’) wurde in Fortsetzung von V.72 sinngemäß ergänzt.]

yasya sarve samāraṃbhaghā nirāśīrbandhanā dvija / tyāge yasya hutaṃ sarvaṃ sa tyāgī sa ca buddhimān

Wessen sämtliche Unternehmungen, o Zweifachgeborener, frei von der Fessel des [eigennützigen] Wunsches sind, für wen, im Verzicht, alles [wie] geopfert ist – er ist ein [wahrer] Entsagender, und er ist der Weise.

Wort für Wort
yasya sarve samāraṃbhaghā
wessen sämtliche Unternehmungen
nirāśīrbandhanā dvija
frei von der Fessel des [eigennützigen] Wunsches sind, o Zweifachgeborener
tyāge yasya hutaṃ sarvaṃ
für wen, im Verzicht, alles [wie] geopfert ist
sa tyāgī sa ca buddhimān
er ist ein [wahrer] Entsagender und der Weise

ahiṃstraḥ sarvabhūtānāṃ maitrāyaṇa gataścaret / parigrahātparityajya bhavedbaddhyā jitendriyaḥ

Keinem Wesen Gewalt antuend soll er, dem Pfad des Wohlwollens folgend [?], umherwandeln; nachdem er den Besitz aufgegeben hat, werde er, mit Bedacht [?] die Sinne bezwungen habend, [frei].

Wort für Wort
ahiṃstraḥ sarvabhūtānāṃ
keinem Wesen Gewalt antuend
maitrāyaṇa gataścaret
soll er, dem Pfad des Wohlwollens folgend [?], umherwandeln
parigrahātparityajya
nachdem er den Besitz aufgegeben hat
bhavedbaddhyā jitendriyaḥ
werde er, mit Bedacht [?], die Sinne bezwungen habend, [frei]

[?: „maitrāyaṇagataḥ“ ist unsicher überliefert; sinngemäß als ‘dem Pfad des Wohlwollens folgend’ gedeutet. „baddhyā“ wird als „buddhyā“ (mit Bedacht) gelesen.]

aśokasthānamāti vediha cāmutra cābhayam / taponityena dāntena muninā saṃyatātmamanā

Der Weise, der stets der Askese ergeben, bezähmt, mit gezügeltem Selbst und Sinn ist, erlangt [?] die Stätte der Leidlosigkeit und, hier wie dort, Furchtlosigkeit.

Wort für Wort
aśokasthānamāti vedi
er erlangt [?] die Stätte der Leidlosigkeit
iha cāmutra cābhayam
hier und dort Furchtlosigkeit
taponityena dāntena
der stets der Askese ergeben, bezähmt ist
muninā saṃyatātmamanā
der Weise, mit gezügeltem Selbst und Sinn

[?: „āti vedi“ ist unklar überliefert; sinngemäß als „āpnoti“ (er erlangt) gedeutet.]

ajitaṃ jetukāmena vyāsaṃgeṣu hyasaṃginā / indriyairgṛhyate yadyattattavdyaktamiti sthitiḥ

Für den, der das Unbezwungene bezwingen will, der inmitten von Bindungen ungebunden ist – was immer von den Sinnen erfasst wird, das gilt als ‘manifest’ (Vyakta) – so lautet die Lehre.

Wort für Wort
ajitaṃ jetukāmena
für den, der das Unbezwungene bezwingen will
vyāsaṃgeṣu hyasaṃginā
der inmitten von Bindungen ungebunden ist
indriyairgṛhyate yadyat
was immer von den Sinnen erfasst wird
tattavdyaktamiti sthitiḥ
das gilt als ‘manifest’ – so lautet die Lehre

avyaktamiti vijñeyaṃ liṅgagrāhyamatīndriyam / aviśraṃbheṇa mantavyaṃ viśraṃbhe dhārayenmanaḥ

Was nur durch Merkmale (Liṅga) erfassbar, jenseits der Sinne ist, gilt als das ‘Unmanifeste’ (Avyakta); man erwäge es unbeirrt [?], und in [solcher] Zuversicht halte man den Geist fest.

Wort für Wort
avyaktamiti vijñeyaṃ
als das ‘Unmanifeste’ gilt es
liṅgagrāhyamatīndriyam
was nur durch Merkmale erfassbar, jenseits der Sinne ist
aviśraṃbheṇa mantavyaṃ
man erwäge es unbeirrt [?]
viśraṃbhe dhārayenmanaḥ
und in [solcher] Zuversicht halte man den Geist fest

[?: „aviśrambheṇa mantavyam“ ist mehrdeutig; hier als ‘unbeirrt/mit Vertrauen zu erwägen’ gedeutet.]

manaḥ prāṇena gṛhṇīyātprāṇaṃ brahmaṇi dhārayet / nivedādeva nirvāṇaṃ na ca kiñcidviccitayet

Man fasse den Geist mittels des Atems (Prāṇa), man halte den Atem im Brahman fest; aus Entsagung allein [kommt] die Erlöschung (Nirvāṇa), und man denke an nichts [anderes].

Wort für Wort
manaḥ prāṇena gṛhṇīyāt
man fasse den Geist mittels des Atems
prāṇaṃ brahmaṇi dhārayet
man halte den Atem im Brahman fest
nivedādeva nirvāṇaṃ
aus Entsagung allein [kommt] die Erlöschung
na ca kiñcidviccitayet
und man denke an nichts anderes

[?: „nivedādeva“ ist als „nirvedādeva“ (aus Entsagung allein), „viccitayet“ als „vicintayet“ zu lesen.]

sukhaṃ vai brahmaṇo brahmannirvedenādhigacchati / śauce tu satataṃ yuktaḥ sadācārasamanvitaḥ

Wahrlich, o Brahmane, durch Entsagung gelangt man zur Seligkeit des Brahman; man sei aber stets der Reinheit ergeben und mit gutem Wandel versehen.

Wort für Wort
sukhaṃ vai brahmaṇo brahman
wahrlich, o Brahmane, die Seligkeit des Brahman
nirvedenādhigacchati
erlangt man durch Entsagung
śauce tu satataṃ yuktaḥ
man sei stets der Reinheit ergeben
sadācārasamanvitaḥ
und mit gutem Wandel versehen

svanukrośaśca bhūteṣu taddvijātiṣu lakṣaṇam / satyaṃvrataṃ tapaḥ śaucaṃ satyaṃ visṛjate prajā

Und Mitleid gegenüber den Wesen – das ist das Kennzeichen bei den Zweifachgeborenen: Wahrhaftigkeit, Gelübde, Askese, Reinheit; die Wahrheit bringt Geschöpfe hervor.

Wort für Wort
svanukrośaśca bhūteṣu
und Mitleid gegenüber den Wesen
taddvijātiṣu lakṣaṇam
das ist das Kennzeichen bei den Zweifachgeborenen
satyaṃvrataṃ tapaḥ śaucaṃ
Wahrhaftigkeit, Gelübde, Askese, Reinheit
satyaṃ visṛjate prajā
die Wahrheit bringt Geschöpfe hervor

satyena dhāryate lokaḥ svaḥ satyenaiva gacchati / anṛtaṃ tamaso rūpaṃ tamasā nīyate hyadhaḥ

Durch Wahrheit wird die Welt getragen; durch Wahrheit allein gelangt man zum Himmel. Lüge ist eine Erscheinungsform der Finsternis (Tamas); durch Finsternis wird man ja nach unten geführt.

Wort für Wort
satyena dhāryate lokaḥ
durch Wahrheit wird die Welt getragen
svaḥ satyenaiva gacchati
zum Himmel gelangt man durch Wahrheit allein
anṛtaṃ tamaso rūpaṃ
Lüge ist eine Erscheinungsform der Finsternis
tamasā nīyate hyadhaḥ
durch Finsternis wird man ja nach unten geführt

tamograstāna paśyanti prakāśantamasāvṛtāḥ / suduṣprakāśa ityāhurnarakaṃ tama eva ca

Die von Finsternis Ergriffenen, von Dunkel Umhüllten sehen [selbst] das Licht [nur als Finsternis] [?]; man nennt [dies] das ‘schwer zu Erhellende’, und eben die Finsternis ist die Hölle.

Wort für Wort
tamograstāna paśyanti
die von Finsternis Ergriffenen sehen
prakāśantamasāvṛtāḥ
das Licht [nur als Finsternis], von Dunkel umhüllt [?]
suduṣprakāśa ityāhuḥ
man nennt [dies] das ‘schwer zu Erhellende’
narakaṃ tama eva ca
und eben die Finsternis ist die Hölle

[?: Die Syntax dieses Verses ist unsicher; sinngemäß übersetzt.]

satyānṛtaṃ tadubhaghayaṃ prāpyate jagatīcaraiḥ / tatrāpyevaṃvidhā loke vṛttiḥ satyānṛte bhavet

Jenes Paar, Wahrheit und Lüge, wird von denen erlangt, die in der Welt wandeln; auch darin kann in der Welt der Lebenswandel derart in Wahrheit oder Lüge bestehen.

Wort für Wort
satyānṛtaṃ tadubhaghayaṃ
jenes Paar, Wahrheit und Lüge
prāpyate jagatīcaraiḥ
wird von denen erlangt, die in der Welt wandeln
tatrāpyevaṃvidhā loke
auch darin, derart, in der Welt
vṛttiḥ satyānṛte bhavet
kann der Lebenswandel in Wahrheit oder Lüge bestehen

dharmādharmauṃ prakāśaśca tamo duḥkhasukhaṃ tathā / śārīrairmānasairduḥkhaiḥ sukhaiścāpyasukhodayaiḥ

Recht und Unrecht, Licht und Finsternis, ebenso Leid und Freude – [dies erfährt man] durch körperliche und seelische Leiden, sowie durch Freuden, die [wiederum] Unglück hervorbringen.

Wort für Wort
dharmādharmauṃ prakāśaśca
Recht und Unrecht, Licht
tamo duḥkhasukhaṃ tathā
Finsternis, ebenso Leid und Freude
śārīrairmānasairduḥkhaiḥ
durch körperliche und seelische Leiden
sukhaiścāpyasukhodayaiḥ
und durch Freuden, die Unglück hervorbringen

lokasṛṣṭaṃ prapaśyanto na muhyanti vicakṣaṇāḥ / tatra duḥkhavimokṣārthaṃ prayateta vicakṣaṇaḥ

Die Einsichtigen, die die Schöpfung der Welt durchschauen, geraten nicht in Verwirrung; darin soll der Einsichtige sich um die Befreiung vom Leiden bemühen.

Wort für Wort
lokasṛṣṭaṃ prapaśyanto
die die Schöpfung der Welt durchschauen
na muhyanti vicakṣaṇāḥ
geraten die Einsichtigen nicht in Verwirrung
tatra duḥkhavimokṣārthaṃ
darin, um der Befreiung vom Leiden willen
prayateta vicakṣaṇaḥ
soll der Einsichtige sich bemühen

sukhaṃ hyanityaṃ bhūtānāmiha loke paratra ca / rāhugrastasya somasya yathā jyotsnā na bhāsate

Das Glück der Wesen ist ja unbeständig, in dieser Welt wie in der jenseitigen – so wie das Mondlicht des von Rāhu ergriffenen Mondes [während einer Finsternis] nicht scheint.

Wort für Wort
sukhaṃ hyanityaṃ bhūtānām
das Glück der Wesen ist ja unbeständig
iha loke paratra ca
in dieser Welt wie in der jenseitigen
rāhugrastasya somasya
des von Rāhu ergriffenen Mondes
yathā jyotsnā na bhāsate
so wie dessen Mondlicht nicht scheint

tathā tamobhibhūtānāṃ bhūtānāṃ naśyate sukham

Ebenso vergeht das Glück der von Finsternis überwältigten Wesen.

Wort für Wort
tathā tamobhibhūtānāṃ
ebenso, der von Finsternis überwältigten
bhūtānāṃ naśyate sukham
Wesen vergeht das Glück

[Anm.: Dieser Vers besteht im Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile; die zweite Vershälfte fehlt – vermutlich ein Textverlust.]

tatkhalu dvividhaṃ sukhamucyacate śarīraṃ mānasaṃ ca / iha khalvamuṣmiṃśca loke vastupravṛttayaḥ sukhārthamabhidhīyante nahītaḥ paratrāparvagaphalādviśiṣṭataramasti / sa eva kāmyo guṇaviśeṣo dharmārthaguṇāraṃbhagastaddheturasyotpattiḥ sukhaprayojanārthamāraṃbhāḥ / bharadvāja uvāca / vadaitadbhavatābhihitaṃ sukhānāṃ paramā sthitiriti

Jenes Glück nun ist bekanntlich zweifach: leiblich und seelisch. Hier in dieser wie in jener Welt werden die Unternehmungen um materieller Dinge willen um des Glückes willen ausgesprochen, denn es gibt nichts, weder hier noch im Jenseits, das ausgezeichneter wäre als die daraus [erwachsende] Frucht. Eben jene besondere, begehrenswerte Eigenschaft ist es, die die [Bestrebungen nach] Dharma und Artha in Gang setzt; ihr Grund ist deren Entstehung; die Unternehmungen [überhaupt] geschehen um des Zweckes des Glückes willen. – Bharadvāja sprach: Sage [mir] dies, was von dir dargelegt wurde – dass es einen höchsten Zustand der Freuden gebe.

Wort für Wort
tatkhalu dvividhaṃ sukhamucyacate
jenes Glück nun ist bekanntlich zweifach
śarīraṃ mānasaṃ ca
leiblich und seelisch
iha khalvamuṣmiṃśca loke
hier in dieser wie in jener Welt
vastupravṛttayaḥ sukhārthamabhidhīyante
werden die Unternehmungen um materieller Dinge willen um des Glückes willen ausgesprochen
nahītaḥ paratrāparvagaphalādviśiṣṭataramasti
denn es gibt nichts, weder hier noch im Jenseits, das ausgezeichneter wäre als jene Frucht
sa eva kāmyo guṇaviśeṣo
eben jene begehrenswerte besondere Eigenschaft
dharmārthaguṇāraṃbhagastaddheturasyotpattiḥ
setzt [die Bestrebungen nach] Dharma und Artha in Gang; ihr Grund ist deren Entstehung
sukhaprayojanārthamāraṃbhāḥ
die Unternehmungen geschehen um des Zweckes des Glückes willen
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
vadaitadbhavatābhihitaṃ
sage [mir] dies, was von dir dargelegt wurde
sukhānāṃ paramā sthitiriti
dass es einen höchsten Zustand der Freuden gebe

[Anm.: In diese eine Verseinheit sind ein längerer Prosaabschnitt Bhṛgus sowie, ohne eigene Versnummer, ein Sprecherwechsel zu Bharadvāja („bharadvāja uvāca“) samt dessen anschließender Frage zusammengefasst – eine strukturelle Verschmelzung mehrerer Redeanteile in einer Einheit.] [?: „ucyacate“ ist als „ucyate“, der Ausdruck „aparvagaphalāt“ als unsicher zu lesen.]

na tadupagṛhṇīmo na hyeṣāmṛṣīṇāṃ mahati sthitānām

[Bhṛgu erwiderte:] Das billigen wir nicht – denn dies ist nicht [die Lehre] dieser Seher, die im Höchsten feststehen.

Wort für Wort
na tadupagṛhṇīmo
das billigen wir nicht
na hyeṣāmṛṣīṇāṃ
denn dies ist nicht [die Lehre] dieser Seher
mahati sthitānām
die im Höchsten feststehen

[Anm.: Kurzer prosaischer Einwurf ohne eigene Sprecherangabe; dem Zusammenhang nach ist Bhṛgu als Sprecher zu verstehen, der auf Bharadvājas Frage aus V.89 antwortet.]

aprāpya eṣa kāmya guṇaviśeṣo na cainamabhiśīlayanti / tapasi śrūyate trilokakṛdbrahmā prabhurekākī tiṣṭati brahmacārī na kāmasukhoṣvātmānamavadadhāti

Diese begehrenswerte, besondere Eigenschaft [das Sinnesglück] ist unerreichbar [durch jenen Weg], und [die Weisen] pflegen sie auch nicht; in der Askese, so hört man, verharrt Brahmā, der Schöpfer der drei Welten, der Herr, allein, als Brahmacārin, und richtet sein Selbst nicht auf die Freuden der Sinneslust.

Wort für Wort
aprāpya eṣa kāmya guṇaviśeṣo
diese begehrenswerte, besondere Eigenschaft ist unerreichbar [?]
na cainamabhiśīlayanti
und [die Weisen] pflegen sie auch nicht
tapasi śrūyate trilokakṛdbrahmā
in der Askese, so hört man, [verharrt] Brahmā, der Schöpfer der drei Welten
prabhurekākī tiṣṭati brahmacārī
der Herr verharrt allein, als Brahmacārin
na kāmasukhoṣvātmānamavadadhāti
und richtet sein Selbst nicht auf die Freuden der Sinneslust

[?: Der Sinn der ersten Vershälfte bleibt unsicher.]

api ca bhagavānviśveśvara umāpatiḥ kāmamabhivartamānamanaṅgatvena samamanayat

Und ferner: der erhabene Herr des Alls, der Gemahl Umās, führte Kāma, als dieser sich [ihm] näherte, durch Verwandlung in Körperlosigkeit zum Gleichmaß.

Wort für Wort
api ca bhagavānviśveśvara
und ferner, der erhabene Herr des Alls
umāpatiḥ
der Gemahl Umās
kāmamabhivartamānam
Kāma, als dieser sich [ihm] näherte
anaṅgatvena samamanayat
führte er durch Verwandlung in Körperlosigkeit zum Gleichmaß

tasmādbhūmau na tu mahātmabhirañjayati gṛhīto na tveṣa tāvadviśiṣṭo guṇaviśeṣa iti

Deshalb wird [das Sinnesglück] auf Erden von den Großherzigen nicht als erfreulich angenommen; so ausgezeichnet, wie [man meint], ist diese besondere Eigenschaft also nicht.

Wort für Wort
tasmādbhūmau
deshalb auf Erden
na tu mahātmabhirañjayati gṛhītaḥ
wird es von den Großherzigen nicht als erfreulich angenommen
na tveṣa tāvadviśiṣṭo
so ausgezeichnet ist dies also nicht
guṇaviśeṣa iti
diese besondere Eigenschaft, so [heißt es]

[?: Die Syntax dieses Satzes ist stark verdichtet; sinngemäß übersetzt.]

naitadbhagavataḥ pratyemi bhavatā tūktaṃ sukhānāṃ paramāḥ striya iti lokapravādo hi dvividhaḥ phalodayaḥ sukṛtātsukhamavāpyate 'nyathā duḥkhamiti

Dies erachte ich nicht als [Verhalten] des Erhabenen [Śiva]; von dir aber wurde gesagt, dass die Frauen das höchste [Mittel] der Freuden seien – so lautet der volkstümliche Ausspruch. Denn das Entstehen der Frucht ist zweifach: aus guter Tat wird Glück erlangt, andernfalls Leid.

Wort für Wort
naitadbhagavataḥ pratyemi
dies erachte ich nicht als [Verhalten] des Erhabenen
bhavatā tūktaṃ
von dir aber wurde gesagt
sukhānāṃ paramāḥ striya iti
dass die Frauen das höchste [Mittel] der Freuden seien
lokapravādo hi
so lautet ja der volkstümliche Ausspruch
dvividhaḥ phalodayaḥ
zweifach ist das Entstehen der Frucht
sukṛtātsukhamavāpyate
aus guter Tat wird Glück erlangt
'nyathā duḥkhamiti
andernfalls Leid

[Anm.: Kein neuer Sprecherwechsel im Quelltext markiert; dem Zusammenhang nach setzt hier Bhṛgu seine Rede fort und wendet sich mit „bhavatā“ (‘von dir’) an Bharadvāja.]

bhṛguruvāca / atrocyate anṛtātkhalu tamaḥ prādurbhūtaṃ tatastamograstā adharmamevānuvartante na dharmaṃ krodhalobhamohahiṃsānṛtādibhikhacchannāḥ khalvasmiṃlloke nāmutra sukhamāpnuvanti vividhavyādhirujopatāpairavakīryante vadhabandhanaparikleśādibhiśca kṣutpipāsāśramakṛtairupatāpairupatapyante varṣavātātyuṣṇātiśītakṛtaiśca pratibhayaiḥ śārīrairduḥkhairupatapyante bandhudhanavināśaviprayogakṛtaiśca mānasaiḥ śaukairabhibhūyante jarāmṛtyukṛtaiścānyairiti yastvetaiḥ

Bhṛgu sprach: Hierzu wird gesagt: Aus der Lüge nämlich ist die Finsternis (Tamas) entstanden; daraufhin folgen die von Finsternis Ergriffenen nur dem Unrecht, nicht dem Recht. Umhüllt von Zorn, Gier, Verblendung, Gewalt, Lüge und dergleichen, erlangen sie weder in dieser Welt noch in jener Glück; sie werden von mancherlei Krankheiten, Leiden und Qualen überschüttet; sie werden von Qualen, verursacht durch Tötung, Gefangenschaft, Bedrängnis und dergleichen, sowie durch Hunger, Durst und Erschöpfung, gequält; sie werden von furchtbaren körperlichen Leiden gequält, verursacht durch Regen, Wind, übermäßige Hitze und übermäßige Kälte; sie werden von seelischen Kümmernissen überwältigt, verursacht durch den Verlust und die Trennung von Verwandten und Reichtum, sowie von anderen, verursacht durch Alter und Tod – wer aber von diesen [Übeln nicht berührt wird]…

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
atrocyate anṛtātkhalu tamaḥ prādurbhūtaṃ
hierzu wird gesagt: aus der Lüge ist die Finsternis entstanden
tatastamograstā adharmamevānuvartante na dharmaṃ
daraufhin folgen die von Finsternis Ergriffenen nur dem Unrecht, nicht dem Recht
krodhalobhamohahiṃsānṛtādibhikhacchannāḥ
umhüllt von Zorn, Gier, Verblendung, Gewalt, Lüge und dergleichen
khalvasmiṃlloke nāmutra sukhamāpnuvanti
erlangen sie weder in dieser noch in jener Welt Glück
vividhavyādhirujopatāpairavakīryante
sie werden von mancherlei Krankheiten, Leiden und Qualen überschüttet
vadhabandhanaparikleśādibhiśca kṣutpipāsāśramakṛtairupatāpairupatapyante
sie werden von Qualen durch Tötung, Gefangenschaft, Bedrängnis, Hunger, Durst und Erschöpfung gequält
varṣavātātyuṣṇātiśītakṛtaiśca pratibhayaiḥ śārīrairduḥkhairupatapyante
sie werden von furchtbaren körperlichen Leiden durch Regen, Wind, Hitze und Kälte gequält
bandhudhanavināśaviprayogakṛtaiśca mānasaiḥ śaukairabhibhūyante
sie werden von seelischen Kümmernissen durch Verlust und Trennung von Verwandten und Reichtum überwältigt
jarāmṛtyukṛtaiścānyairiti
und von anderen, durch Alter und Tod verursachten
yastvetaiḥ
wer aber von diesen [Übeln nicht berührt wird]

[Anm.: Der Satz bricht am Versende unvollständig ab („yastvetaiḥ“, ‘wer aber von diesen’) und setzt sich inhaltlich offenbar erst in V.96 fort, ohne dass ein neuer Hauptsatz eingeleitet wird – ein Satz übergreift hier die Versgrenze.] [?: „khacchannāḥ“ ist als „ācchannāḥ“, „śaukaiḥ“ als „śokaiḥ“ zu lesen.]

śārīraṃ mānasaṃ nāsti na jarā na ca pātakam / nityameva sukhaṃ svarge sukhaṃ duḥkhamihobhayam

…[wo] weder leibliches noch seelisches [Leid] ist, noch Alter, noch Sünde – im Himmel ist einzig Glück beständig; hier [in dieser Welt] ist beides, Glück und Leid.

Wort für Wort
śārīraṃ mānasaṃ nāsti
[wo] weder leibliches noch seelisches [Leid] ist
na jarā na ca pātakam
noch Alter noch Sünde
nityameva sukhaṃ svarge
im Himmel ist einzig Glück beständig
sukhaṃ duḥkhamihobhayam
hier [in dieser Welt] ist beides, Glück und Leid

[Anm.: Grammatische Fortsetzung des in V.95 abgebrochenen Satzes.]

narake duḥkhamevāhuḥ sukhaṃ tatparamaṃ padam / pṛthivī sarvabhūtānāṃ janitrī tadvidhāḥ striyaḥ

In der Hölle, so sagt man, gibt es nur Leid; jener höchste Zustand ist [reines] Glück. Die Erde ist die Erzeugerin aller Wesen; von gleicher Art sind die Frauen.

Wort für Wort
narake duḥkhamevāhuḥ
in der Hölle, so sagt man, gibt es nur Leid
sukhaṃ tatparamaṃ padam
jener höchste Zustand ist [reines] Glück
pṛthivī sarvabhūtānāṃ janitrī
die Erde ist die Erzeugerin aller Wesen
tadvidhāḥ striyaḥ
von gleicher Art sind die Frauen

pumānprajāpatistatraśukraṃ tejomayaṃ viduḥ / ityetallokanirmātā dharmasya caritasya ca

Der Mann ist dabei Prajāpati; den Samen kennt man als aus [seinem] Glanz bestehend. So ist dieser [der Mann] der Bildner der Welt, des Dharma und des rechten Wandels.

Wort für Wort
pumānprajāpatistatra
der Mann ist dabei Prajāpati
śukraṃ tejomayaṃ viduḥ
den Samen kennt man als aus [seinem] Glanz bestehend
ityetallokanirmātā
so ist dieser der Bildner der Welt
dharmasya caritasya ca
des Dharma und des rechten Wandels

tapasaśca sutaptasya svādhyāyasya hutasya ca / hutena śāmyate pāpaṃ svādhyāye śāntiruttamā

[Er ist auch der Ursprung] wohlvollzogener Askese, der Veda-Rezitation (Svādhyāya) und des Opfers; durch das Opfer wird Sünde beruhigt, in der Veda-Rezitation liegt der höchste Friede.

Wort für Wort
tapasaśca sutaptasya
und wohlvollzogener Askese
svādhyāyasya hutasya ca
der Veda-Rezitation und des Opfers
hutena śāmyate pāpaṃ
durch das Opfer wird Sünde beruhigt
svādhyāye śāntiruttamā
in der Veda-Rezitation liegt der höchste Friede

dānena bhogānityāhusta pasā svargamāpnuyāt / dānaṃ tu dvividhaṃ prāhuḥ paratrārthamihaiva ca

Durch Gabe, so sagt man, [erlangt man] Genüsse; durch Askese möge man den Himmel erlangen. Die Gabe aber, so lehrt man, ist zweifach: um des Jenseits willen und um dieser Welt selbst willen.

Wort für Wort
dānena bhogānityāhuḥ
durch Gabe, so sagt man, [erlangt man] Genüsse
tapasā svargamāpnuyāt
durch Askese möge man den Himmel erlangen
dānaṃ tu dvividhaṃ prāhuḥ
die Gabe aber, so lehrt man, ist zweifach
paratrārthamihaiva ca
um des Jenseits willen und um dieser Welt willen

[?: „ta pasā“ ist als „tapasā“ zu lesen.]

sadbhyo yaddīyate kiñcittatparatropatiṣṭate / asadbhyo dīyate yattu taddānamiha bhujyate / yādṛśaṃ dīyate dānaṃ tādṛśaṃ phalamaśnute

Was auch immer den Guten gegeben wird, und sei es noch so gering, das steht [als Verdienst] im Jenseits bereit; was aber den Unwürdigen gegeben wird, jene Gabe wird [bereits] hier [in dieser Welt] verzehrt. Wie die Gabe gegeben wird, eine solche Frucht erlangt man.

Wort für Wort
sadbhyo yaddīyate kiñcit
was auch immer den Guten gegeben wird, und sei es gering
tatparatropatiṣṭate
das steht [als Verdienst] im Jenseits bereit
asadbhyo dīyate yattu
was aber den Unwürdigen gegeben wird
taddānamiha bhujyate
jene Gabe wird hier [in dieser Welt] verzehrt
yādṛśaṃ dīyate dānaṃ
wie die Gabe gegeben wird
tādṛśaṃ phalamaśnute
eine solche Frucht erlangt man

[Anm.: Dieser Vers besteht ausnahmsweise aus drei statt der üblichen zwei Verszeilen – eine strukturelle Unregelmäßigkeit.]

bharadvāja uvāca / kiṃ kasya dharmacaraṇaṃ kiṃ vā dharmasya lakṣaṇam / dharmaḥ katividho vāpi tadbhavānvaktumarhati

Bharadvāja sprach: Was ist wessen Ausübung des Dharma? Oder was ist das Kennzeichen des Dharma? Von wie vielen Arten ist der Dharma auch? Das solltest du mir sagen.

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
kiṃ kasya dharmacaraṇaṃ
was ist wessen Ausübung des Dharma
kiṃ vā dharmasya lakṣaṇam
oder was ist das Kennzeichen des Dharma
dharmaḥ katividho vāpi
von wie vielen Arten ist der Dharma auch
tadbhavānvaktumarhati
das solltest du mir sagen

bhṛguruvāca / svadharmācaraṇe yuktā ye bhavanti manīṣiṇaḥ / teṣāṃ svargapalāvāptiryo 'nyathā sa vimuhyate

Bhṛgu sprach: Jene Verständigen, die der Ausübung ihrer eigenen Pflicht (Svadharma) ergeben sind, erlangen die Frucht des Himmels; wer [aber] anders [handelt], der verfällt der Verblendung.

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
svadharmācaraṇe yuktā
der Ausübung ihrer eigenen Pflicht ergeben
ye bhavanti manīṣiṇaḥ
jene Verständigen, die es sind
teṣāṃ svargapalāvāptiḥ
sie erlangen die Frucht des Himmels
yo 'nyathā sa vimuhyate
wer anders [handelt], der verfällt der Verblendung

[?: „palāvāptiḥ“ ist als „phalāvāptiḥ“ zu lesen.]

bharadvāja uvāca / yadetañcāturāśramyaṃ brahmarṣivihitaṃ purā / teṣāṃ sve sve samācārāstanme vaktumihārhasi

Bharadvāja sprach: Jene vierfache Ordnung der Lebensstufen (Cāturāśramya), die einst von den Brahmanenweisen festgesetzt wurde – den jeweils eigenen rechten Wandel [eines jeden] von ihnen solltest du mir hier verkünden.

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
yadetañcāturāśramyaṃ
jene vierfache Ordnung der Lebensstufen
brahmarṣivihitaṃ purā
die einst von den Brahmanenweisen festgesetzt wurde
teṣāṃ sve sve samācāraḥ
den jeweils eigenen rechten Wandel von ihnen
tanme vaktumihārhasi
das solltest du mir hier verkünden

bhṛguruvāca / pūrvameva bhagavatā brahmaṇā lokahitamanutiṣṭatā dharmasaṃrakṣaṇārthamāśramāścatvāro 'bhinirddiṣṭāḥ

Bhṛgu sprach: Vom erhabenen Brahmā, der dem Wohl der Welt zugetan war, wurden bereits am Anfang zum Schutz des Dharma die vier Lebensstufen (Āśrama) ausdrücklich festgesetzt.

Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
pūrvameva bhagavatā brahmaṇā
vom erhabenen Brahmā bereits am Anfang
lokahitamanutiṣṭatā
der dem Wohl der Welt zugetan war
dharmasaṃrakṣaṇārtham
zum Schutz des Dharma
āśramāścatvāro 'bhinirddiṣṭāḥ
wurden die vier Lebensstufen ausdrücklich festgesetzt

tatra gurukulavāsameva prathamamāśramamāharanti samyagatra śaucasaskāraniyamavrataviniyatātmā ubhe saṃdhye bhāskarāgnidaivatānyupasthāya vihāya taddhyālasyaṃ gurorabhivādanavedābyāsaśravaṇapavitraghīkṛtāntarātmā triṣavaṇamupaspṛśya brahmacaryāgniparicaraṇaguruśuśrūṣā nityabhikṣābhaikṣyādisarvaniveditāntarātmā guruvacananideśānuṣṭānāpratikūlo guruprasādalabdhasvādhyāyatatparaḥ syāt

Darunter nennt man das Wohnen im Hause des Lehrers (Gurukula) die erste Lebensstufe. Darin soll [der Schüler], durch Reinheitsriten, Regeln und Gelübde recht gebändigt an sich selbst, nachdem er an beiden Dämmerungen die Gottheiten Sonne und Feuer verehrt und darin die Trägheit abgelegt hat, mit einem durch die Verehrung des Lehrers sowie durch das Studium und Anhören des Veda geläuterten inneren Selbst, nachdem er dreimal täglich [rituelle Waschung] vollzogen hat, mit einem der Keuschheit (Brahmacarya), dem Dienst am [heiligen] Feuer, dem Dienst am Lehrer sowie dem täglichen Bettelgang und Leben von Almosen und dergleichen gänzlich hingegebenen inneren Selbst, dem Wort und der Weisung des Lehrers nicht entgegen handelnd, dem durch die Gunst des Lehrers erlangten Studium ergeben sein.

Wort für Wort
tatra gurukulavāsameva prathamamāśramamāharanti
darunter nennt man das Wohnen im Hause des Lehrers die erste Lebensstufe
samyagatra śaucasaskāraniyamavrataviniyatātmā
darin, durch Reinheitsriten, Regeln und Gelübde recht gebändigt an sich selbst
ubhe saṃdhye bhāskarāgnidaivatānyupasthāya
nachdem er an beiden Dämmerungen die Gottheiten Sonne und Feuer verehrt hat
vihāya taddhyālasyaṃ
und darin die Trägheit abgelegt hat
gurorabhivādanavedābyāsaśravaṇapavitraghīkṛtāntarātmā
mit einem durch Lehrerverehrung sowie Studium und Anhören des Veda geläuterten inneren Selbst
triṣavaṇamupaspṛśya
nachdem er dreimal täglich [rituelle Waschung] vollzogen hat
brahmacaryāgniparicaraṇaguruśuśrūṣā nityabhikṣābhaikṣyādisarvaniveditāntarātmā
mit einem der Keuschheit, dem Feuerdienst, dem Lehrerdienst und dem täglichen Bettelgang gänzlich hingegebenen inneren Selbst
guruvacananideśānuṣṭānāpratikūlo
dem Wort und der Weisung des Lehrers nicht entgegen handelnd
guruprasādalabdhasvādhyāyatatparaḥ syāt
dem durch die Gunst des Lehrers erlangten Studium ergeben sein soll

[?: Mehrere offenkundige Tippfehler im Quelltext („saskāra“ statt „saṃskāra“, „ābyāsa“ statt „abhyāsa“, „pavitraghīkṛta“ statt „pavitrīkṛta“, „anuṣṭāna“ statt „anuṣṭhāna“) wurden stillschweigend sinngemäß aufgelöst.]

bhavati cātra ślokaḥ / guruṃ yastu samārādhya dvijo vedamāvānpuyāt / tasya svargaphalāvāptiḥ siddhyate cāsya mānasam / iti gārhasthyaṃ khalu dvitīyamāśramaṃ vadanti

Und dazu gibt es einen Vers: ‘Der Zweifachgeborene, der, nachdem er den Lehrer wohl verehrt hat, den Veda erlangt – für ihn wird die Frucht des Himmels erreicht, und sein Wunsch geht in Erfüllung.’ So nennt man das Haushälterleben (Gārhasthya) die zweite Lebensstufe.

Wort für Wort
bhavati cātra ślokaḥ
und dazu gibt es einen Vers
guruṃ yastu samārādhya
der, nachdem er den Lehrer wohl verehrt hat
dvijo vedamāvānpuyāt
der Zweifachgeborene den Veda erlangt
tasya svargaphalāvāptiḥ
für ihn wird die Frucht des Himmels erreicht
siddhyate cāsya mānasam
und sein Wunsch geht in Erfüllung
iti gārhasthyaṃ khalu dvitīyamāśramaṃ vadanti
so nennt man das Haushälterleben die zweite Lebensstufe

[?: „āvānpuyāt“ ist als „avāpnuyāt“ (er möge erlangen) zu lesen.]

tasya sadā cāralakṣaṇaṃ sarvamanuvyākhyāsyāmaḥ / samāvṛtānāṃ sadācārāṇāṃ sahadharmacaryaphalārthināṃ gṛhāśramo vidhīyate

Wir wollen nun das Kennzeichen ihres [des Haushälters] Wandels zu jeder Zeit vollständig erläutern. Für jene, die [aus der Schülerschaft] zurückgekehrt sind, von gutem Wandel und die nach der Frucht der gemeinsamen Ausübung des Dharma [mit der Gattin] trachten, wird die Lebensstufe des Hausvaters (Gṛhāśrama) angeordnet.

Wort für Wort
tasya sadā cāralakṣaṇaṃ
das Kennzeichen ihres Wandels zu jeder Zeit
sarvamanuvyākhyāsyāmaḥ
wollen wir nun vollständig erläutern
samāvṛtānāṃ sadācārāṇāṃ
für jene, die zurückgekehrt sind, von gutem Wandel
sahadharmacaryaphalārthināṃ
und die nach der Frucht der gemeinsamen Dharma-Ausübung trachten
gṛhāśramo vidhīyate
wird die Lebensstufe des Hausvaters angeordnet

[?: „cāralakṣaṇaṃ“ ist als „ācāralakṣaṇaṃ“ zu lesen.]

dharmārthakāmāvāptirhya.tra trivargasādhanamapekṣyāgarhitakarmaṇā dhanānyādāya svādhyāyopalabdhaprakarṣeṇa vā brahmarṣinirmitena vā adbhiḥ sāgaragatena vā dravyaniyamābhyāsadaivataprasādopalabdhena vā dhanena gṛhastho gārhasthyaṃ vartayet

Denn hier [in dieser Lebensstufe] liegt die Erlangung von Dharma, Artha und Kāma; unter Berücksichtigung der Mittel zur [Erlangung der] dreifachen Gruppe [von Lebenszielen] soll der Hausvater, nachdem er durch untadeliges Tun Reichtum erworben hat – sei es durch die im Studium erlangte Vorzüglichkeit, sei es [Reichtum,] der von einem Brahmanenweisen geschaffen wurde, sei es [Reichtum,] der über das Wasser, auf dem Meer, herbeigebracht wurde, sei es Reichtum, der durch die Gunst einer Gottheit erlangt wurde, [gewonnen] durch die Übung einer [asketischen] Regel bezüglich der Güter – mit solchem Reichtum das Haushälterleben führen.

Wort für Wort
dharmārthakāmāvāptirhyatra
denn hier liegt die Erlangung von Dharma, Artha und Kāma
trivargasādhanamapekṣya
unter Berücksichtigung der Mittel zur dreifachen Gruppe
agarhitakarmaṇā dhanānyādāya
nachdem er durch untadeliges Tun Reichtum erworben hat
svādhyāyopalabdhaprakarṣeṇa vā
sei es durch im Studium erlangte Vorzüglichkeit
brahmarṣinirmitena vā
sei es [Reichtum], der von einem Brahmanenweisen geschaffen wurde
adbhiḥ sāgaragatena vā
sei es [Reichtum], der über das Wasser auf dem Meer herbeigebracht wurde
dravyaniyamābhyāsadaivataprasādopalabdhena vā dhanena
oder mit Reichtum, erlangt durch die Gunst einer Gottheit durch [asketische] Übung
gṛhastho gārhasthyaṃ vartayet
soll der Hausvater das Haushälterleben führen

[?: „hya.tra“ enthält offenbar einen OCR-bedingten Punkt und ist als „hi atra“ zu lesen.]

taddhi sarvāśramaṇāṃ mūlamudāharanti gurukulanivāsinaḥ parivrājakā ye 'nye saṃkalpitavrataniyamadharmānuṣṭāninasteṣāmapyantarā ca bhikṣābalisaṃvibhāgāḥ pravartante

Man nennt dies [das Haushälterleben] ja die Wurzel aller Lebensstufen; für die Bewohner des Lehrerhauses, die wandernden Asketen (Parivrājaka) und alle anderen, die sich selbst auferlegten Gelübden, Regeln und Pflichten hingeben – auch für sie erfolgen zwischenzeitlich die Zuteilungen von Almosen und Opferspenden [aus dem Haushälterleben].

Wort für Wort
taddhi sarvāśramaṇāṃ mūlamudāharanti
man nennt dies ja die Wurzel aller Lebensstufen
gurukulanivāsinaḥ parivrājakā ye 'nye
für die Bewohner des Lehrerhauses, die wandernden Asketen und alle anderen
saṃkalpitavrataniyamadharmānuṣṭāninaḥ
die sich selbst auferlegten Gelübden, Regeln und Pflichten hingeben
teṣāmapyantarā ca bhikṣābalisaṃvibhāgāḥ pravartante
auch für sie erfolgen zwischenzeitlich die Zuteilungen von Almosen und Opferspenden

vānaprasthānāṃ ca dravyopaskāra iti prāyaśaḥ khalvete sādhavaḥ sādhupathyodanāḥ svādhyāyaprasaṃginastīrthābhigamanadeśadarśanārthaṃ pṛthivīṃ paryaṭanti

Und [ebenso erfolgt vom Haushälter] die materielle Unterstützung der Waldbewohner (Vānaprastha); meist wandern diese Tugendhaften, die von wohltuender, den Guten geziemender Speise [leben] und dem Studium des Veda zugetan sind, über die Erde, um heilige Badestätten (Tīrtha) aufzusuchen und [heilige] Orte zu besichtigen.

Wort für Wort
vānaprasthānāṃ ca dravyopaskāra iti
und [ebenso erfolgt] die materielle Unterstützung der Waldbewohner
prāyaśaḥ khalvete sādhavaḥ
meist wandern diese Tugendhaften
sādhupathyodanāḥ svādhyāyaprasaṃginaḥ
die von wohltuender Speise leben und dem Veda-Studium zugetan sind
tīrthābhigamanadeśadarśanārthaṃ pṛthivīṃ paryaṭanti
um heilige Badestätten aufzusuchen und [heilige] Orte zu besichtigen, über die Erde

teṣāṃ pratyutthānābhigamanamanasūyāvākyadānasukhasatkārāsanasukhaśayanābhyavahārasatkriyā ceti

Und die [rechte] Behandlung ihnen gegenüber besteht darin: [ihnen] entgegenzukommen und sich zu erheben, ohne Missgunst, in freundlicher Rede, angenehmer Bewirtung, einem bequemen Sitz, einem bequemen Lager und ehrenvoller Bewirtung mit Speise.

Wort für Wort
teṣāṃ pratyutthānābhigamana
ihnen gegenüber das Sich-Erheben und Entgegenkommen
manasūyāvākyadāna
ohne Missgunst, mit freundlicher Rede
sukhasatkārāsanasukhaśayana
angenehme Bewirtung, bequemer Sitz, bequemes Lager
abhyavahārasatkriyā ceti
und ehrenvolle Bewirtung mit Speise – das ist [die rechte Behandlung]

bhavati cātra ślokaḥ / atithiryasya bhagnāśo gṛhātpratinivartate / sa dattvā duṣkṛtaṃ tasmai puṇyamādāya gacchati

Und dazu gibt es einen Vers: ‘Der Gast, der mit gebrochener Hoffnung von jemandes Haus zurückkehrt – er geht fort, nachdem er jenem [Hausherrn] seine Missetat gegeben und dessen Verdienst mitgenommen hat.’

Wort für Wort
bhavati cātra ślokaḥ
und dazu gibt es einen Vers
atithiryasya bhagnāśo
der Gast, dessen Hoffnung gebrochen ist
gṛhātpratinivartate
und von [jemandes] Haus zurückkehrt
sa dattvā duṣkṛtaṃ tasmai
er geht fort, nachdem er jenem seine Missetat gegeben hat
puṇyamādāya gacchati
und dessen Verdienst mitgenommen hat

api cātra yajñakriyābhirdevatāḥ prīyante nivāpena pitaro vidyābhyāsaśravaṇadhāraṇena ṛṣayaḥ apatyotpādanena prajāpatiriti

Und ferner werden hier [im Haushälterleben]: die Götter durch die Vollziehung von Opfern erfreut, die Ahnen (Pitṛ) durch die Wasserspende (Nivāpa), die Weisen (Ṛṣi) durch Studium, Anhören und Bewahren des [heiligen] Wissens, und Prajāpati durch die Zeugung von Nachkommenschaft.

Wort für Wort
api cātra yajñakriyābhirdevatāḥ prīyante
und ferner werden hier die Götter durch Opferhandlungen erfreut
nivāpena pitaro
die Ahnen durch die Wasserspende
vidyābhyāsaśravaṇadhāraṇena ṛṣayaḥ
die Weisen durch Studium, Anhören und Bewahren des Wissens
apatyotpādanena prajāpatiriti
und Prajāpati durch die Zeugung von Nachkommenschaft

lokau cātra bhavataḥ / vātsalyāḥ sarvabhūtebhyo vāyoḥ śrotrastathā girā / paritāpodapaghātaśca pāruṣyaṃ cātra garhitam

Und dazu gibt es zwei Verse: Zuneigung zu allen Wesen, [Aufmerksamkeit des] Gehörs [?] und der Rede [?] [sind hier geboten]; Bedrängnis, Verletzung und Rauheit aber sind hier verwerflich.

Wort für Wort
lokau cātra bhavataḥ
und dazu gibt es zwei Verse
vātsalyāḥ sarvabhūtebhyo
Zuneigung zu allen Wesen
vāyoḥ śrotrastathā girā
[Aufmerksamkeit des] Gehörs [?] und der Rede [?]
paritāpodapaghātaśca
Bedrängnis und Verletzung aber
pāruṣyaṃ cātra garhitam
und Rauheit sind hier verwerflich

[?: Die erste Vershälfte („vātsalyāḥ ... girā“) ist unsicher überliefert; die Übersetzung ist eine Annäherung.]

avajñānamahṝṅkāro daṃbhaścaiva vigarhitaḥ / ahiṃsā satyamakrodaṃ sarvāśramagataṃ tapaḥ

Geringschätzung, Selbstsucht (Ahaṃkāra) und ebenso Heuchelei (Dambha) sind verwerflich; Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Zornlosigkeit [und] Askese gelten für [die Angehörigen] aller Lebensstufen.

Wort für Wort
avajñānamahṝṅkāro
Geringschätzung [und] Selbstsucht
daṃbhaścaiva vigarhitaḥ
und ebenso Heuchelei sind verwerflich
ahiṃsā satyamakrodaṃ
Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Zornlosigkeit
sarvāśramagataṃ tapaḥ
[und] Askese gelten für alle Lebensstufen

[?: „mahṝṅkāro“ ist als „ahaṃkāro“ zu lesen.]

api cātra mālyābharaṇavastrābhyaṅganityopabhoganṛtyagītavāditraśrutisukhanayanasneharāmādarśanānāṃ prāptirbhakṣyabhojyalehyapeyacoṣyāṇāmabhyavahāryyāṇāṃ vividhānāmupabhogaḥ

Und ferner [gibt es hier] die Erlangung von Blumenkränzen, Schmuck, Kleidung, Salböl und stetem Genuss, von Tanz, Gesang und Instrumentalmusik, die dem Gehör angenehm sind, sowie den Anblick lieber, erfreulicher [Dinge/Personen]; und den Genuss mancherlei zu essender, zu speisender, zu leckender, zu trinkender und zu saugender Speisen.

Wort für Wort
api cātra mālyābharaṇavastrābhyaṅganityopabhoga
und ferner die Erlangung von Blumenkränzen, Schmuck, Kleidung, Salböl und stetem Genuss
nṛtyagītavāditraśrutisukhanayana
von Tanz, Gesang und Instrumentalmusik, dem Gehör angenehm
sneharāmādarśanānāṃ prāptiḥ
und den Anblick lieber, erfreulicher [Dinge]
bhakṣyabhojyalehyapeyacoṣyāṇāmabhyavahāryyāṇāṃ vividhānāmupabhogaḥ
und der Genuss mancherlei zu essender, zu speisender, zu leckender, zu trinkender und zu saugender Speisen

svavihārasaṃtoṣaḥ kāmasukhāvāptiriti / trivargaguṇanirvṛttiryasya nityaṃ gṛhāśrame / sa sukhānyanubhūyeha śiṣṭānāṃ gatimāpnuyāt

Die Zufriedenheit an den eigenen Vergnügungen [und] die Erlangung der Freuden der Sinneslust – so [ist es hier]. Wer stets im Haushälterleben die Vollendung der Eigenschaften der dreifachen Gruppe [erreicht], der erlangt, nachdem er hier Freuden genossen hat, den Weg der Tugendhaften (Śiṣṭa).

Wort für Wort
svavihārasaṃtoṣaḥ
die Zufriedenheit an den eigenen Vergnügungen
kāmasukhāvāptiriti
und die Erlangung der Freuden der Sinneslust – so ist es
trivargaguṇanirvṛttiryasya
wer die Vollendung der Eigenschaften der dreifachen Gruppe [erreicht]
nityaṃ gṛhāśrame
stets im Haushälterleben
sa sukhānyanubhūyeha
er, nachdem er hier Freuden genossen hat
śiṣṭānāṃ gatimāpnuyāt
erlangt den Weg der Tugendhaften

uñchavṛttirvṛhastho yaḥ svadhama caraṇe rataḥ / tyaktakāmasukhāraṃbhaḥ svargastasya na durlabhaḥ

Der Hausvater, der von Ährenlese lebt, [der] der Ausübung seiner eigenen Pflicht zugetan ist, [der] Unternehmungen [im Streben] nach den Freuden der Sinneslust aufgegeben hat – für ihn ist der Himmel nicht schwer zu erlangen.

Wort für Wort
uñchavṛttirvṛhastho yaḥ
der Hausvater, der von Ährenlese lebt
svadhama caraṇe rataḥ
der der Ausübung seiner eigenen Pflicht zugetan ist
tyaktakāmasukhāraṃbhaḥ
der Unternehmungen nach den Freuden der Sinneslust aufgegeben hat
svargastasya na durlabhaḥ
für ihn ist der Himmel nicht schwer zu erlangen

[?: „vṛhastho“ ist als „gṛhasthaḥ“, „svadhama“ als „svadharma“ zu lesen.]

vānaprasthāḥ khalvapi dharmamanusarantaḥ puṇyāni tīrthāni nadīprastravaṇāni svabhakteṣvaraṇyeṣu mṛgavarāhamahiṣa śārdūlavanagajākīrṇeṣu tapasyante anusaṃcaranti

Die Waldbewohner (Vānaprastha) nun, dem Dharma folgend, wandern und üben Askese an heiligen Badestätten, an den Ursprüngen der Flüsse, in ihren bevorzugten [?] Wäldern, die von Hirschen, Ebern, Büffeln, Tigern und wilden Elefanten wimmeln.

Wort für Wort
vānaprasthāḥ khalvapi dharmamanusarantaḥ
die Waldbewohner nun, dem Dharma folgend
puṇyāni tīrthāni nadīprastravaṇāni
an heiligen Badestätten, an den Ursprüngen der Flüsse
svabhakteṣvaraṇyeṣu
in ihren bevorzugten [?] Wäldern
mṛgavarāhamahiṣaśārdūlavanagajākīrṇeṣu
die von Hirschen, Ebern, Büffeln, Tigern und wilden Elefanten wimmeln
tapasyante anusaṃcaranti
üben Askese und wandern umher

[?: „svabhakteṣu“ ist unsicher; sinngemäß als ‘in ihren bevorzugten/vertrauten [Wäldern]’ gedeutet.]

tyaktagrāmyavastrābhyavahāropabhogā vanyauṣadhiphalamūlaparṇaparimitavicitraniyatāhārāḥ sthānāsaninobhūpāṣāṇasikatāśarkarāvālukābhasmaśāyinaḥ kāśukuśacarmavalkalasaṃvṛtāṅgāḥ keśaśyaśrunakharomadhāriṇo niyatakālopasparśanāḥśuṣkabalihomakālānuṣṭāyinaḥ / samitkuśakusumāpahārasaṃmārjanalabdhaviśrāmāḥ śītoṣṇapavanaviṣṭaṃ bhavibhinnasarvatvaco vividhaniyamayogacaryānuṣṭānavihitapariśuṣkamāṃsaśoṇitatvagasthibhūtā dhṛtiparāḥ sattvayogāccharīrāṇyudvahṝnte

Sie haben dörfliche Kleidung, Speise und Genüsse aufgegeben; ihre Nahrung ist eine gemessene, mannigfaltige, feste [Diät] aus wilden Kräutern, Früchten, Wurzeln und Blättern. Stehend oder sitzend [an festem Ort] [?], schlafen sie auf dem Erdboden, auf Stein, Sand, Kies oder Asche; ihre Glieder sind mit Kāśa-Gras, Kuśa-Gras, Fell und Baumrinde bedeckt; sie tragen [ungeschnittenes] Haar, Bart, Nägel und Körperhaar; sie vollziehen ihre [rituellen] Waschungen zu festen Zeiten und beobachten trockene Opfergaben und Feueropfer zu [festen] Zeiten. Sie erlangen Ruhe erst nach dem Herbeischaffen von Brennholz, Kuśa-Gras und Blumen und nach dem Kehren [der heiligen Stätte]; Kälte, Hitze und Wind ausgesetzt, mit gänzlich rissiger Haut [?], sind sie durch die verschiedenen Regeln, Yoga-Übungen und vorgeschriebenen Verhaltensweisen zu bloßem ausgetrocknetem Fleisch, Blut, Haut und Knochen geworden; der Standhaftigkeit ergeben, tragen sie ihre Körper durch die Kraft des Sattva.

Wort für Wort
tyaktagrāmyavastrābhyavahāropabhogā
sie haben dörfliche Kleidung, Speise und Genüsse aufgegeben
vanyauṣadhiphalamūlaparṇaparimitavicitraniyatāhārāḥ
ihre Nahrung ist eine gemessene, mannigfaltige feste Diät aus wilden Kräutern, Früchten, Wurzeln und Blättern
sthānāsaninobhūpāṣāṇasikatāśarkarāvālukābhasmaśāyinaḥ
stehend oder sitzend [?] schlafen sie auf Erde, Stein, Sand, Kies oder Asche
kāśukuśacarmavalkalasaṃvṛtāṅgāḥ
ihre Glieder sind mit Kāśa-Gras, Kuśa-Gras, Fell und Baumrinde bedeckt
keśaśyaśrunakharomadhāriṇo
sie tragen [ungeschnittenes] Haar, Bart, Nägel und Körperhaar
niyatakālopasparśanāḥ śuṣkabalihomakālānuṣṭāyinaḥ
sie waschen sich zu festen Zeiten und vollziehen trockene Opfer und Feueropfer zu [festen] Zeiten
samitkuśakusumāpahārasaṃmārjanalabdhaviśrāmāḥ
sie erlangen Ruhe erst nach Herbeischaffen von Brennholz, Gras und Blumen und nach dem Kehren
śītoṣṇapavanaviṣṭaṃ bhavibhinnasarvatvaco
Kälte, Hitze und Wind ausgesetzt, mit gänzlich rissiger Haut [?]
vividhaniyamayogacaryānuṣṭānavihitapariśuṣkamāṃsaśoṇitatvagasthibhūtā
durch verschiedene Regeln und Yoga-Übungen zu ausgetrocknetem Fleisch, Blut, Haut und Knochen geworden
dhṛtiparāḥ sattvayogāccharīrāṇyudvahṝnte
der Standhaftigkeit ergeben, tragen sie ihre Körper durch die Kraft des Sattva

[?: „śyaśru“ ist als „śmaśru“ (Bart), „anuṣṭāyinaḥ“ als „anuṣṭhāyinaḥ“, „udvahṝnte“ als „udvahante“ zu lesen; die Wendungen „sthānāsaninaḥ“ und „bhavibhinnasarvatvacaḥ“ sind unsicher überliefert.]

yastvetāṃ niyatacaryāṃ brahmarṣivihitāṃ caret / sa dahedagnivaddoṣāñjayellokāṃśca durjāyān

Wer aber diesen festgesetzten Wandel, der von den Brahmanenweisen festgelegt wurde, ausübt, der würde [seine] Fehler wie durch Feuer verbrennen und schwer zu erobernde Welten erobern.

Wort für Wort
yastvetāṃ niyatacaryāṃ
wer aber diesen festgesetzten Wandel
brahmarṣivihitāṃ caret
ausübt, der von den Brahmanenweisen festgelegt wurde
sa dahedagnivaddoṣāñ
der würde [seine] Fehler wie durch Feuer verbrennen
jayellokāṃśca durjāyān
und würde schwer zu erobernde Welten erobern

parivrājakānāṃ punarācāraḥ tadyathā / vimucyāgniṃ dhanakalatraparibarhasaṃgeṣvātmānaṃ snehapāśānavadhūya parivrajanti / samaloṣṭāśmakāñcanāstrivargapravṛtteṣvasaktabuddhayaḥ

Der Wandel der wandernden Asketen (Parivrājaka) nun ist folgender: Nachdem sie das [heilige] Feuer aufgegeben und die Fesseln der Zuneigung, [die] das Selbst an die Verhaftung mit Reichtum, Gattin und Hausrat [binden], abgeschüttelt haben, ziehen sie umher. Erdscholle, Stein und Gold gelten ihnen gleich; ihr Sinn ist unabhängig von den Unternehmungen [nach] der dreifachen Gruppe.

Wort für Wort
parivrājakānāṃ punarācāraḥ tadyathā
der Wandel der wandernden Asketen nun ist folgender
vimucyāgniṃ
nachdem sie das [heilige] Feuer aufgegeben haben
dhanakalatraparibarhasaṃgeṣvātmānaṃ snehapāśānavadhūya
nachdem sie die Fesseln der Zuneigung des Selbst an Reichtum, Gattin und Hausrat abgeschüttelt haben
parivrajanti
ziehen sie umher
samaloṣṭāśmakāñcanāḥ
Erdscholle, Stein und Gold gelten ihnen gleich
trivargapravṛtteṣvasaktabuddhayaḥ
ihr Sinn ist unabhängig von den Unternehmungen nach der dreifachen Gruppe

arimitrodāsīnāṃ tulyadarśanāḥ sthāvarajarāyujāṇḍajasvedajānāṃ bhūtānāṃ vāṅmanṛḥkarmabhiranabhiranabhidrohiṇo 'niketāḥ parvatapulinavṛkṣamūladevāyatanānyanusaṃcaranto vā sārthamupeyurnagaraṃ grāmaṃ vā na krodhadarpalobhamohakārpaṇyadaṃbhaparivādābhimānanirvṛttahiṃsā iti

Feind, Freund und Unbeteiligtem gegenüber mit gleichem Blick, den unbeweglichen und den aus Mutterleib, Ei und Schweiß geborenen Wesen in Wort, Gedanke und Tat nicht feindselig, ohne festen Wohnsitz, wandern sie zwischen Bergen, Flussufern, Baumwurzeln und Göttertempeln umher, oder ziehen, wenn nötig [zum Zweck des Almosens], in eine Stadt oder ein Dorf – frei von Gewalt, die aus Zorn, Hochmut, Gier, Verblendung, Kleinmut, Heuchelei, Verleumdung und Einbildung entspringt.

Wort für Wort
arimitrodāsīnāṃ tulyadarśanāḥ
Feind, Freund und Unbeteiligtem gegenüber mit gleichem Blick
sthāvarajarāyujāṇḍajasvedajānāṃ bhūtānāṃ
gegenüber den unbeweglichen sowie aus Mutterleib, Ei und Schweiß geborenen Wesen
vāṅmanṛḥkarmabhiranabhidrohiṇaḥ
in Wort, Gedanke und Tat nicht feindselig
'niketāḥ parvatapulinavṛkṣamūladevāyatanānyanusaṃcaranto
ohne festen Wohnsitz, zwischen Bergen, Flussufern, Baumwurzeln und Göttertempeln wandernd
vā sārthamupeyurnagaraṃ grāmaṃ vā
oder, wenn nötig, in eine Stadt oder ein Dorf ziehend
na krodhadarpalobhamohakārpaṇyadaṃbhaparivādābhimānanirvṛttahiṃsā iti
frei von Gewalt aus Zorn, Hochmut, Gier, Verblendung, Kleinmut, Heuchelei, Verleumdung und Einbildung

[Anm.: „vāṅmanṛḥkarmabhiranabhiranabhidrohiṇo“ enthält offensichtlich eine Dittographie („anabhi“ doppelt); gelesen als „vāṅmanaḥkarmabhiranabhidrohiṇaḥ“.]

bhavanti cātra ślokāḥ / abhayaṃ sarvabhūtebhyo dattvā yaścarate muniḥ / na tasya sarvabhūtebhyo bhayamutpadyate kvacit

Und dazu gibt es Verse: ‘Der Weise, der wandert, nachdem er allen Wesen Furchtlosigkeit gewährt hat – für ihn entsteht von keinem Wesen jemals Furcht.’

Wort für Wort
bhavanti cātra ślokāḥ
und dazu gibt es Verse
abhayaṃ sarvabhūtebhyo dattvā
nachdem er allen Wesen Furchtlosigkeit gewährt hat
yaścarate muniḥ
der Weise, der [so] wandert
na tasya sarvabhūtebhyo
für ihn von keinem Wesen
bhayamutpadyate kvacit
entsteht jemals Furcht

kṛtvāgnihotraṃ svaśarīrasaṃsthaṃ śarīramagniṃ svamukhe juhoti / viprastu bhaikṣopagatairhavirbhiścitā gninā saṃvrajate hi sokān

Nachdem er das in seinem eigenen Körper wohnende Feueropfer (Agnihotra) vollzogen hat, opfert er, den Körper als Feuer betrachtend, in seinen eigenen Mund. Der Brahmane aber zieht mit den durch Betteln erlangten Opfergaben, [und schließlich] mit dem Feuer des Scheiterhaufens, in [andere] Welten hinüber.

Wort für Wort
kṛtvāgnihotraṃ svaśarīrasaṃsthaṃ
nachdem er das in seinem eigenen Körper wohnende Feueropfer vollzogen hat
śarīramagniṃ svamukhe juhoti
opfert er, den Körper als Feuer betrachtend, in seinen eigenen Mund
viprastu bhaikṣopagatairhavirbhiḥ
der Brahmane aber mit den durch Betteln erlangten Opfergaben
citāgninā saṃvrajate hi lokān
zieht mit dem Feuer des Scheiterhaufens in [andere] Welten hinüber

[?: „sokān“ ist als „lokān“ (Welten) zu lesen; „citā gninā“ als „citāgninā“ (mit dem Feuer des Scheiterhaufens).]

mokṣāśramaṃ yaścarate yathoktaṃ śuciḥ svasaṃkalpitayuktabuddhiḥ / anindhanaṃ jyotiriva praśāntaṃ sa brahmalokaṃ śrayate dvijātiḥ

Der Zweifachgeborene, der die Lebensstufe der Erlösung (Mokṣāśrama) wie beschrieben übt, rein, mit einem an seinem eigenen Vorsatz festgemachten Sinn – er nimmt, wie eine brennstofflose, erloschene Flamme, Zuflucht in der Welt des Brahman.

Wort für Wort
mokṣāśramaṃ yaścarate yathoktaṃ
wer die Lebensstufe der Erlösung wie beschrieben übt
śuciḥ svasaṃkalpitayuktabuddhiḥ
rein, mit einem an seinem eigenen Vorsatz festgemachten Sinn
anindhanaṃ jyotiriva praśāntaṃ
wie eine brennstofflose, erloschene Flamme
sa brahmalokaṃ śrayate dvijātiḥ
nimmt der Zweifachgeborene Zuflucht in der Welt des Brahman

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