Bharadvāja sprach: Wenn der Herr des Lebensatems der Wind ist und einzig der Wind sich regt, und man nur sagt „er atmet“, dann ist die individuelle Seele (Jīva) bedeutungslos.
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
yadi prāṇapatirvāyuḥ
wenn der Herr des Lebensatems der Wind ist
vāyureva viceṣṭate
und einzig der Wind sich regt
śvasityābhāṣate caiva
und man nur sagt: ‘er atmet’
tato jīvo nirarthakaḥ
dann ist die Seele (Jīva) bedeutungslos
[Anm.: Im Quelltext geht dem eigentlichen Vers 1 die Kolophonzeile „iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge dvitīyapāde bhṛgubharadvājasaṃvāde jagadutpattivarṇanaṃ nāma dvicatvāriṃśo 'dhyāyaḥ“ samt einer Trennlinie voraus – offenbar der versehentlich hierher verschleppte Schlusskolophon eines vorangehenden (42. traditionell gezählten) Kapitels „Darstellung der Weltentstehung“. Diese Zeile wurde nicht in den Vers-Text (sa) übernommen, da sie erkennbar nicht zu V.1 gehört; die für das vorliegende (projektintern 42. gezählte) Kapitel maßgebliche Schlusskolophon-Angabe lautet stattdessen „brāhmaṇācāranirūpaṇam ... tricatvāriṃśo 'dhyāyaḥ“ und wurde für Kapiteltitel und -nummer zugrunde gelegt.]
ya ūṣmabhāva āgneyo vahninaivopalabhyate / agnirjarayate caitattadā jīvo nirarthakaḥ
Der Wärmezustand, der feuriger Natur ist, wird einzig durch das Feuer wahrgenommen; das Feuer verdaut dies [die Nahrung] – auch dann ist die Seele bedeutungslos.
Oder wenn die Seele aus Wind [?] besteht, oder wenn [ihr Sein] nur eine Verbindung mit dem Wind ist – so betrachte man den Wind wie [Wasser] in hohler Hand: sie würde mit den Eigenschaften des Windes vergehen.
Wort für Wort
yadi vāthumayo jīvaḥ
oder wenn die Seele aus Wind [?] besteht
saṃśleṣo yadi vāyunā
oder wenn [ihr Sein] nur eine Verbindung mit dem Wind ist
vāyumañjalavatpaśyet
so betrachte man den Wind wie [Wasser] in hohler Hand
gacchetsaha marudguṇaiḥ
sie würde mit den Eigenschaften des Windes dahingehen
[?: „vāthumayo“ ist unklar; sinngemäß als „vā vāyumayo“ (oder: aus Wind bestehend) rekonstruiert.]
saṃśleṣo yadi vā tena yadi tasmātpraṇaśyati / mahārṇavavimuktatvādanyatsalilabhājanam
Oder wenn [ihr Sein] eine Verbindung mit jenem ist, und wenn sie dadurch vergeht – [so gleicht dies] Wasser, das, vom großen Ozean losgelöst, in ein anderes Gefäß [gegossen wird].
Wort für Wort
saṃśleṣo yadi vā tena
oder wenn [ihr Sein] eine Verbindung mit jenem ist
So wie man Wasser in einen Brunnen [?] gäbe oder eine Lampe(nflamme) in ein loderndes Feuer – rasch eindringend, ginge es unter – ebenso vergeht jene [Seele].
Wort für Wort
kṛpe vā salilaṃ dadyāt
so wie man Wasser in einen Brunnen [?] gäbe
pradīpaṃ vā hutāśane
oder eine Lampe(nflamme) in ein loderndes Feuer
kṣipraṃ praviśya naśyeta
rasch eindringend ginge es unter
yathā naśyatyasau tathā
so wie ebenso jene [Seele] vergeht
[?: „kṛpe“ ist wohl „kūpe“ (in einem Brunnen) zu lesen.]
In diesem aus fünf [Elementen] zusammengehaltenen Körper ist das Leben begründet; es besteht kein Zweifel, dass [das Leben endet], wenn eines dieser vier [wirkenden Elemente] fehlt.
Die Wasser [im Körper] vergehen durch Nahrungs-/Trankmangel [?], der Wind durch das Anhalten des Atems; [das Feste] vergeht durch Ausscheidung [?], das Feuer vergeht durch Nahrungsentzug.
Wort für Wort
naśyantyāpo hyanāhārāt
die Wasser vergehen durch Nahrungs-/Trankmangel
vāyurucchvāsanigrahāt
der Wind durch das Anhalten des Atems
naśyate koṣṭabhedārtham
[das Feste] vergeht durch Ausscheidung
agrirnaśyatyabhojanāt
das Feuer vergeht durch Nahrungsentzug
[?: Zuordnung von „koṣṭabhedārtham“ unsicher; vermutlich bezieht es sich auf das Element Erde (vgl. V.9).]
Durch Krankheit, Wunden und Leiden zerfällt das Erdhafte [Fleisch]; wird eines von diesen [fünf Elementen] bedrängt, geht das Ganze [der Körper] in seine Auflösung (Pañcatva) ein.
[In der Meinung:] ‘Diese Kuh wird mich, wenn ich in der jenseitigen Welt bin, hinüberführen’ – wer, nachdem er sie verschenkt hat, als Lebewesen stirbt: wen wird jene Kuh [dann] hinüberführen?
Wort für Wort
eṣā gauḥ paralokasthaṃ
diese Kuh wird, wenn ich in der jenseitigen Welt bin
tārayiṣyatimāmiti
mich hinüberführen – [so denkt man]
yo dattvā mriyate jantuḥ
wer, nachdem er sie verschenkt hat, als Lebewesen stirbt
Wenn die Kuh, der Empfänger und der Geber gleichermaßen schon hier [in dieser Welt] dem Untergang anheimfallen – woher [könnte] dann ihre [Wieder-]Begegnung [im Jenseits kommen]?
vihagairupabhuktasya śailāgrātpatitasya ca / agninā copayuktasya kutaḥ saṃjīvanaṃ punaḥ
Für einen, der von Vögeln gefressen wurde, oder der vom Berggipfel gestürzt ist, oder der vom Feuer verzehrt wurde – woher [käme] wieder ein Wiederaufleben?
chinnasya yadi vṛkṣasya na mūlaṃ pratirohati / jīvanyasya pravartante mṛtaḥ kva punareṣyati
Wenn bei einem gefällten Baum die Wurzel nicht mehr nachwächst – obwohl bei ihm, solange er lebte, [neue Triebe] entstanden – wohin sollte [dann erst] ein Toter wiederkehren?
Wort für Wort
chinnasya yadi vṛkṣasya
wenn bei einem gefällten Baum
na mūlaṃ pratirohati
die Wurzel nicht mehr nachwächst
jīvanyasya pravartante
obwohl bei ihm, solange er lebte, [Triebe] entstanden
[Man sagt:] Was da fortbesteht, wurde einst nur als Seele erschaffen – [doch] die Toten vergehen; nur Same aus Same vergeht [und entsteht wieder – nicht die Seele].
Wort für Wort
jīvamātraṃ purā sṛṣṭaṃ
was einst nur als Seele erschaffen wurde
yadetatparivartate
was da [fort-]besteht
mṛtāḥ praṇaśyanti
die Toten vergehen
bījādbījaṃ praṇaśyati
nur Same aus Same vergeht
[?: Die Syntax dieses Verses ist stark verdichtet; die Übersetzung folgt einer möglichen materialistischen Deutung im Sinne der vorangehenden Einwände Bharadvājas.]
Sanandana sprach: So von ihm befragt, sprach da Bhṛgu, der Sohn Brahmās, o bester der Weisen, wiederum, um jenen Zweifel zu beseitigen.
Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
evaṃ pṛṣṭastadānena
so von ihm damals befragt
sa bhṛgarbrahmaṇaḥ sutaḥ
sprach da Bhṛgu, der Sohn Brahmās
punarāhu muniśreṣṭha
wiederum, o bester der Weisen
tatsaṃdehanivṛttaye
um jenen Zweifel zu beseitigen
[Anm.: Hier tritt kurz die äußere Rahmenerzählstimme Sanandanas hervor (vgl. Kap. 41), der dem Nārada die Bhṛgu-Bharadvāja-Unterredung als Erzählung vermittelt.] [?: „bhṛgarbrahmaṇaḥ“ ist als „bhṛguḥ brahmaṇaḥ“, „punarāhu“ als „punarāha“ zu lesen.]
bhṛguruvāca / na prāṇāḥ santi jīvasya dattasya ca kṛtasya ca / yāti dehāntaraṃ prāṇī śarīraṃ tu viśīryate
Bhṛgu sprach: Nicht mit den Atemzügen [vergeht] die Seele, noch [geht verloren], was gegeben und was getan wurde; das lebende Wesen geht in einen anderen Körper ein, der [alte] Körper aber zerfällt.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
na prāṇāḥ santi jīvasya
nicht mit den Atemzügen [vergeht] die Seele
dattasya ca kṛtasya ca
noch [geht verloren], was gegeben und getan wurde
yāti dehāntaraṃ prāṇī
das lebende Wesen geht in einen anderen Körper ein
śarīraṃ tu viśīryate
der [alte] Körper aber zerfällt
[?: Die Syntax dieses Verses ist verdichtet; sinngemäß übersetzt.]
na śarīrāśrito jīvastasminnaṣṭe praṇaśyati / samidhāmagnidagdhānāṃ yathāgrirddaśyate tathā
Die Seele, obwohl im Körper wohnend, vergeht nicht, wenn jener [Körper] zerstört ist – so wie das Feuer noch gesehen wird, wenn das Brennholz vom [selben] Feuer verbrannt ist.
Wort für Wort
na śarīrāśrito jīvaḥ
die Seele, obwohl im Körper wohnend
tasminnaṣṭe praṇaśyati
vergeht nicht, wenn jener zerstört ist
samidhāmagnidagdhānāṃ
des vom Feuer verbrannten Brennholzes
yathāgnirdṛśyate tathā
so wie das Feuer [dennoch] gesehen wird
[?: „agrirddaśyate“ ist als „agnirdṛśyate“ zu lesen.]
bharadvāja uvāca / agneryathā tasya nāśāttadvināśo na vidyate / indhanasyopayogānte sa vāgnirnopalabhyate
Bharadvāja sprach: [Du sagst], dass durch den Untergang jenes [Brennholzes] kein Untergang des Feuers bestehe – doch am Ende des Verbrauchs des Brennstoffs wird eben jenes Feuer [auch] nicht [mehr] wahrgenommen.
bhṛguruvāca / samidhāmupayogānte sa cāgnirnopalabhyate / naśyatītyeva jānāmi śāntamagnimanindhanam
Bhṛgu sprach: Am Ende des Verbrauchs des Brennholzes wird auch jenes Feuer nicht [mehr] wahrgenommen; ich weiß wohl, dass es vergeht – das erloschene, brennstofflose Feuer.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
samidhāmupayogānte
am Ende des Verbrauchs des Brennholzes
sa cāgnirnopalabhyate
wird auch jenes Feuer nicht wahrgenommen
naśyatītyeva jānāmi
ich weiß wohl, dass es vergeht
śāntamagnimanindhanam
das erloschene, brennstofflose Feuer
[Anm.: Dieser und der folgende Vers (V.23) wiederholen nahezu wörtlich den Einwand Bharadvājas aus V.20–21, hier Bhṛgu in den Mund gelegt – vermutlich als bewusste Wiederaufnahme des gegnerischen Standpunkts vor dessen Widerlegung (ab V.24), möglicherweise aber auch eine textliche Dopplung.]
gatiryasya pramāṇaṃ vā saṃsthānaṃ vā na vidyate / samidhāmupayogānte yathāgnirnopalabhyate
[Jenes Feuer,] dessen Gang, Maß oder Ort nicht [mehr] bestimmbar ist – so wie am Ende des Verbrauchs des Brennholzes das Feuer nicht [mehr] wahrgenommen wird.
Wort für Wort
gatiryasya pramāṇaṃ vā
dessen Gang oder Maß
saṃsthānaṃ vā na vidyate
oder Ort nicht bestimmbar ist
samidhāmupayogānte
am Ende des Verbrauchs des Brennholzes
yathāgnirnopalabhyate
so wie das Feuer nicht wahrgenommen wird
[Anm.: Wiederholt in umgekehrter Reihenfolge nahezu wörtlich die Aussagen aus V.20b und V.21b; siehe Anmerkung zu V.22.]
ākāśānugatatvāddhi durgrāhyo hi nirāśrayaḥ / tathā śarīrasaṃtyāge jīvo hyākāśavatsthitaḥ
Weil [das Feuer] dem Raum (Ākāśa) folgt, ist es, ohne festen Halt, schwer zu erfassen; ebenso besteht die Seele, wenn der Körper aufgegeben wird, dem Raum gleich.
na naśyate susūkṣmatvādyathā jyotirna saṃśayaḥ / prāṇāndhārayate hyagniḥ sa jīva upadhāryatām
Sie vergeht nicht, wegen ihrer äußersten Feinheit, wie das Licht – daran besteht kein Zweifel. Das Feuer hält ja die Lebensatems aufrecht; jenes [Feuer] werde als die Seele erkannt.
vāyusaṃdhāraṇo hyagnirnaśyatyucchvāsanigrahāt / tasminnaṣṭe śarīrāgnau tato dehamacetanam
Das Feuer wird ja vom Wind aufrechterhalten; es vergeht durch das Anhalten des Atems. Wenn jenes leibliche Feuer zerstört ist, wird der Körper danach empfindungslos.
patitaṃ yāti bhūmitvamayanaṃ tasya hi kṣitiḥ / jagamānāṃ hi sarveṣāṃ sthāvarāṇāṃ tathaiva ca
Der gefallene [Körper] geht in den Zustand der Erde ein; sein Ruheort ist ja die Erde – bei allen sich bewegenden [Wesen] wie ebenso bei den unbeweglichen.
Wort für Wort
patitaṃ yāti bhūmitvam
der gefallene [Körper] geht in den Zustand der Erde ein
ayanaṃ tasya hi kṣitiḥ
sein Ruheort ist ja die Erde
jagamānāṃ hi sarveṣāṃ
bei allen sich bewegenden [Wesen]
sthāvarāṇāṃ tathaiva ca
und ebenso bei den unbeweglichen
[?: „jagamānāṃ“ ist als „jaṅgamānāṃ“ (der sich bewegenden [Wesen]) zu lesen.]
Bharadvāja sprach: Wenn Feuer und Wind, Erde, Raum und Wasser [alle] in den verkörperten Wesen sind – welches Merkmal hat dort die Seele? Sage mir dies, o Sündenloser.
In dem aus fünf [Elementen] bestehenden, von den fünf Lebenswinden [?] durchdrungenen, nach den fünf Sinneswahrnehmungen benannten Körper der Lebewesen möchte ich wissen, wie die Seele beschaffen ist.
Wort für Wort
pañcātmake pañcaratau
in dem aus fünf [Elementen] bestehenden, fünf-[Lebenswind-]durchdrungenen [?]
pañcavijñānasaṃjñake
nach den fünf Sinneswahrnehmungen benannten
śarīre prāṇināṃ
Körper der Lebewesen
jīvaṃ vettubhicchāmi yādṛśam
möchte ich wissen, wie die Seele beschaffen ist
[?: „pañcaratau“ ist unklar; sinngemäß als „pañcavāyau“ (in den fünf Lebenswinden) gedeutet. „vettubhicchāmi“ ist als „vettum icchāmi“ zu lesen.]
māṃsaśoṇitasaṃghāte medaḥsnāyvasthisaṃcaye / bhidyamāne śarīre tu jīvo naivopalabhyate
Im Körper – einer Ansammlung von Fleisch und Blut, einer Häufung von Fett, Sehnen und Knochen – wird, wenn er zerschnitten wird, die Seele gar nicht wahrgenommen.
[Man sagt,] die Seele höre, was gesprochen wird – [doch] wenn der Geist abgelenkt ist, hört man es nicht mit den Ohren, o großer Weiser; darum ist die Seele bedeutungslos.
bhṛguruvāca / taṃ pañcasādhāraṇamatra kiñciccharīrameko vahateṃ'tarātmā / sa vetti gandhāṃśca rasāñchutīśca sparśaṃ ca rūpaṃ ca guṇāṃśca ye 'lye
Bhṛgu sprach: Diesen Körper hier, der den fünf [Sinnen] gemeinsam ist, trägt ein einziges inneres Selbst; es erkennt Düfte, Geschmäcker, Töne, Berührung, Gestalt und welche anderen Eigenschaften es sonst gibt.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
taṃ pañcasādhāraṇamatra
diesen [Körper] hier, der den fünf [Sinnen] gemeinsam ist
kiñciccharīrameko vahatyantarātmā
trägt ein einziges inneres Selbst
sa vetti gandhāṃśca rasāñ
es erkennt Düfte und Geschmäcker
śrutīśca sparśaṃ ca rūpaṃ ca
Töne, Berührung und Gestalt
guṇāṃśca ye 'nye
und welche anderen Eigenschaften es gibt
[?: „chutīśca“ ist als „śrutīśca“ (Töne), „'lye“ als „'nye“ (andere) zu lesen.]
pañcātmake pañcaguṇapradarśī sa sarvagātrānugatoṃ'tarātmā / saveti duḥkhāni sukhāni cātra tadviprayogāttu na vetti deham
In dem aus fünf [Elementen] bestehenden [Körper], die fünf Eigenschaften wahrnehmend, alle Glieder durchdringend, kennt dieses innere Selbst hier Leiden und Freuden; getrennt von ihm aber weiß der Körper nichts.
Wort für Wort
pañcātmake pañcaguṇapradarśī
in dem aus fünf [Elementen] bestehenden, die fünf Eigenschaften wahrnehmend
yadā na rūpaṃ na sparśo noṣyabhavaśca pāvake / tadā śānte śarīrāgnau dehatyāgena naśyati
Wenn im [Leibes-]Feuer weder Gestalt noch Berührung noch Wärme[zustand] mehr ist – dann, wenn das leibliche Feuer erloschen ist, [scheint die Seele] durch das Verlassen des Körpers zu vergehen.
Wort für Wort
yadā na rūpaṃ na sparśo
wenn weder Gestalt noch Berührung mehr ist
noṣyabhavaśca pāvake
noch Wärme[zustand] im Feuer
tadā śānte śarīrāgnau
dann, wenn das leibliche Feuer erloschen ist
dehatyāgena naśyati
vergeht [die Seele scheinbar] durch das Verlassen des Körpers
[?: „noṣyabhavaśca“ ist als „na uṣmabhāvaśca“ zu lesen. Ob „naśyati“ ein wirkliches Vergehen oder – wie im Feueranalogon der vorigen Verse – nur ein scheinbares Verschwinden meint, bleibt in der Vorlage offen.]
Aus Wasser besteht dies alles; aus Wasser ist die Gestalt der verkörperten Wesen. Darin ist das Selbst, das geistiger Natur ist, Brahmā, der Schöpfer der Welten in allen Wesen.
acetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti sa ceṣṭate ceṣṭayate ca sarvam / ataḥ paraṃ kṣetravido vadanti prāvartayadyo bhuvanāni sapta
Die Eigenschaft der Seele [d.h. die Guṇas] nennt man unbewusst; [die Seele selbst aber] regt sich und lässt alles sich regen. Darüber hinaus nennen die Feldkenner ihn den, der die sieben Welten in Bewegung gesetzt hat.
Wort für Wort
acetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti
die Eigenschaft der Seele nennt man unbewusst
sa ceṣṭate ceṣṭayate ca sarvam
sie [die Seele] regt sich und lässt alles sich regen
ataḥ paraṃ kṣetravido vadanti
darüber hinaus nennen die Feldkenner ihn
prāvartayadyo bhuvanāni sapta
den, der die sieben Welten in Bewegung gesetzt hat
na jīvanāśo 'sti hi dehabhede mithyaitadāhurmuna ityabuddhāḥ / jīvastu dehāntaritaḥ prayāti daśārddhatastasya śarīrabhedaḥ
Es gibt bei der Zerstörung des Körpers keine Vernichtung der Seele; dies sagen die Unwissenden fälschlich, o Weiser. Die Seele aber, vom Körper geschieden, geht fort; aus der Fünfzahl [wörtlich: der Hälfte von Zehn] erfolgt die Auflösung ihres Körpers.
Wort für Wort
na jīvanāśo 'sti hi
es gibt keine Vernichtung der Seele
dehabhede mithyaitadāhur
bei der Zerstörung des Körpers, dies sagt man fälschlich
muna ityabuddhāḥ
o Weiser, [so sagen] die Unwissenden
jīvastu dehāntaritaḥ prayāti
die Seele aber, vom Körper geschieden, geht fort
daśārddhatastasya śarīrabhedaḥ
aus der Fünfzahl erfolgt die Auflösung ihres Körpers
[?: „daśārddhataḥ“ (wörtlich ‘aus der Hälfte von zehn’) wird als Anspielung auf die fünf Elemente (Pañcatva) gedeutet.]
Der Weise, der sich in den früheren und späteren Nachtstunden ständig in Versenkung auf sie übt, mit erlangter [gemäßigter] Speise, reinen Selbst, sieht das Selbst im Selbst.
cittasya hi prasādena hitvā karma śubhāśubham / prasannātmātmani sthitvā sukhamānantyamaśnute
Durch die Klarheit des Geistes, nachdem er gute und schlechte Taten aufgegeben hat, erlangt er, mit heiterem Gemüt im Selbst verweilend, unendliche Seligkeit.
Wort für Wort
cittasya hi prasādena
durch die Klarheit des Geistes
hitvā karma śubhāśubham
nachdem er gute und schlechte Taten aufgegeben hat
Das geistige Feuer in den Körpern wird Seele genannt; dies ist die Schöpfung des Prajāpati im Hinblick auf die Bestimmung des Verhältnisses der Wesen zum Selbst.
Wort für Wort
mānaso 'gniḥ śarīreṣu
das geistige Feuer in den Körpern
jīva ityabhidhīyate
wird Seele genannt
sṛṣṭiḥ prajāpatereṣā
dies ist die Schöpfung des Prajāpati
bhūtādhyātmaviniścaye
im Hinblick auf die Bestimmung des Verhältnisses der Wesen zum Selbst
tataḥ satyaṃ ca dharmaṃ ca tathā brahma ca śāśvatam / ācāraṃ caiva śaucaṃ ca svargāya vidadhe prabhuḥ
Dann bestimmte der Herr Wahrheit und Dharma, ebenso das ewige heilige Wissen (Brahman), sowie rechten Wandel und Reinheit, um den Himmel [zu erlangen].
[Bhṛgu fuhr fort:] Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas, und ebenso die schwarze [Farbe] der Śūdras. – Bharadvāja sprach: Wenn die [gesellschaftliche] Klasse (Varṇa) durch die Farbe (Varṇa) der vier Klassen unterschieden wird…
Wort für Wort
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas
śūdrāṇāmasitastathā
und ebenso die schwarze [Farbe] der Śūdras
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
cāturvarṇyasya varṇena
durch die Farbe der vier Klassen
yadi varṇo vibhidyate
wenn die [gesellschaftliche] Klasse unterschieden wird
[Anm.: Mitten im Vers wechselt der Sprecher – die erste Vershälfte schließt noch Bhṛgus Aufzählung der Geschöpfe ab, die zweite Vershälfte beginnt bereits Bharadvājas neue Frage, eingeleitet durch die eingeschobene Sprecherangabe „bharadvāja uvāca“ mitten im Vers.]
Schweiß, Urin, Kot, Schleim, Galle samt Blut fließen von innen aus der Haut [?] bei allen [Menschen gleichermaßen] – wodurch also wird die Klasse (Varṇa) unterschieden?
Wort für Wort
svedamūtrapurīṣāṇi
Schweiß, Urin, Kot
śleṣmā pitta saśoṇitam
Schleim, Galle samt Blut
tvantaḥ kṣarati sarveṣāṃ
fließen von innen aus der Haut [?] bei allen [gleichermaßen]
kasmādvarṇo vibhajyate
wodurch wird die Klasse unterschieden
[?: „tvantaḥ“ ist unklar; sinngemäß als „tvacaḥ antaḥ“ (von innen aus der Haut) gedeutet.]
jaṅgamānāmasaṃkhyeyāḥ sthāvarāṇāṃ ca jātayaḥ / teṣāṃ vividhavarṇānāṃ kuto varṇaviniścayaḥ
Unzählig sind die Arten der beweglichen und der unbeweglichen [Wesen]; bei diesen, die von vielfältiger Farbe (Varṇa) sind – woher [käme] eine Bestimmung der Klasse (Varṇa)?
bhṛguruvāca / na viśeṣo 'sti varṇānāṃ sarvaṃ brahmamayaṃ jagat / brahmaṇā pūrvasṛṣṭaṃ hi karmaṇā varṇatāṃ gatam
Bhṛgu sprach: Es gibt keinen [wesenhaften] Unterschied der Klassen – die ganze Welt besteht aus Brahman. Von Brahmā anfangs [einheitlich] geschaffen, gelangte sie durch [ihr] Tun zur Unterscheidung der Klassen.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
na viśeṣo 'sti varṇānāṃ
es gibt keinen [wesenhaften] Unterschied der Klassen
sarvaṃ brahmamayaṃ jagat
die ganze Welt besteht aus Brahman
brahmaṇā pūrvasṛṣṭaṃ hi
von Brahmā anfangs geschaffen
karmaṇā varṇatāṃ gatam
gelangte sie durch [ihr] Tun zur Klassenunterscheidung
Jene Zweifachgeborenen, die Sinnenfreuden zugetan, scharf/heftig, dem Zorn, der Erregung [?] und Gewalttat zugeneigt waren, die eigene Pflicht aufgaben, [ihre] Glieder rot [gefärbt] – sie gelangten zum Kṣatriya-Stand.
Wort für Wort
kāmabhogāḥ priyāstīkṣṇāḥ
Sinnenfreuden zugetan, scharf/heftig
krodhatāpriyasāhasāḥ
dem Zorn, der Erregung [?] und Gewalttat zugeneigt
tyaktasvakarmaraktāṅgāḥ
die eigene Pflicht aufgaben, [ihre] Glieder rot [gefärbt]
te dvijāḥ kṣatratāṃ gatāḥ
sie, die Zweifachgeborenen, gelangten zum Kṣatriya-Stand
[?: „krodhatāpriyasāhasāḥ“ ist unsicher überliefert; sinngemäß als „krodha-tāpa-priya-sāhasāḥ“ (dem Zorn, der Erregung und Gewalttat zugeneigt) gedeutet.]
Jene Zweifachgeborenen, die, sich vom Vieh ernährend, gelb [gefärbt], vom Ackerbau lebend, ihre eigene [brahmanische] Pflicht nicht ausüben – sie gelangten zum Vaiśya-Stand.
Wort für Wort
gobhyo vṛttiṃ samāsthāya
sich vom Vieh ernährend
pītāḥ kṛṣyupajīvinaḥ
gelb [gefärbt], vom Ackerbau lebend
svadharṃmannānutiṣṭanti
die ihre eigene Pflicht nicht ausüben
te dvijā vaiśyatāṃ gatāḥ
sie, die Zweifachgeborenen, gelangten zum Vaiśya-Stand
[?: „svadharṃmannānutiṣṭanti“ ist als „svadharmān na anutiṣṭhanti“ zu lesen.]
Jene Zweifachgeborenen, die der Gewalt und Lüge zugetan, gierig, von jeder [niederen] Arbeit lebend, schwarz [gefärbt], von der Reinheit gefallen waren – sie gelangten zum Śūdra-Stand.
Wort für Wort
rhisānṛtaparā lubdhāḥ
der Gewalt und Lüge zugetan [?], gierig
sarvakarmopajīvinaḥ
von jeder [niederen] Arbeit lebend
kṛṣṇāḥ śaucapāribhrāṣṭāḥ
schwarz [gefärbt], von der Reinheit gefallen
te dvijāḥ śūdratāṃ gatāḥ
sie, die Zweifachgeborenen, gelangten zum Śūdra-Stand
[?: „rhisānṛtaparā“ ist verderbt überliefert und wird als „hiṃsānṛtaparāḥ“ (der Gewalt und Lüge zugetan) rekonstruiert.]
ityetaiḥ karmabhirvyāptā dvijā varṇāntaraṃ gatāḥ / brāhmaṇā dharmatantrasthāstapasteṣāṃ na naśyati
So gelangten, von diesen Taten erfasst, die Zweifachgeborenen zu einer anderen Klasse; [nur] die Brahmanen, in der Ordnung des Dharma verbleibend, deren Askese vergeht nicht.
Wort für Wort
ityetaiḥ karmabhirvyāptā
so, von diesen Taten erfasst
dvijā varṇāntaraṃ gatāḥ
gelangten die Zweifachgeborenen zu einer anderen Klasse
brāhmaṇā dharmatantrasthāḥ
die Brahmanen, in der Ordnung des Dharma verbleibend
[Von denen,] die stets das heilige Wissen (Brahman) bewahren, [ihre] Gelübde und ebenso [ihre] Beobachtungen – und das Brahman, das einst erschaffen wurde, durch welches es die Kenner desselben erkennen.
Wort für Wort
brahma dhārayatāṃ nityaṃ
die stets das heilige Wissen bewahren
vratāni niyabhāṃstathā
[ihre] Gelübde und ebenso [ihre] Beobachtungen
brahma caiva purā sṛṣṭaṃ
und das Brahman, das einst erschaffen wurde
yena jānanti tadvidaḥ
durch welches es die Kenner desselben erkennen
[?: „niyabhāṃs“ ist als „niyamān“ (Beobachtungen) zu lesen.]
Von ihnen gibt es vielerlei andere Zweifachgeborene hier und dort: als Piśācas Geborene, Rākṣasas, Pretas und mancherlei Barbarenstämme (Mleccha) – jene Schöpfung heißt die geistgeborene, [ursprünglich] der Ordnung des Dharma zugewandte.
Wort für Wort
teṣāṃ bahuvidhāstvanyāḥ
von ihnen [gibt es] vielerlei andere
tatra tatra dvijātayaḥ
Zweifachgeborene hier und dort
piśācajā rākṣasāḥ pretā
als Piśācas Geborene, Rākṣasas, Pretas
vividhā mlecchajātayaḥ
und mancherlei Barbarenstämme
sā sṛṣṭirmānasī nāma
jene Schöpfung heißt die geistgeborene
dharmatantraparāyaṇā
der Ordnung des Dharma zugewandte
[Anm.: Dieser Vers weist mit drei statt der üblichen zwei Verszeilen eine strukturelle Unregelmäßigkeit auf; zudem erscheint die inhaltliche Verknüpfung von Piśācas, Rākṣasas und Barbarenstämmen mit der Bezeichnung „dharmatantraparāyaṇā“ (der Ordnung des Dharma zugewandt) widersprüchlich – möglicherweise Textstörung.]
Bharadvāja sprach: Wodurch wird man Brahmane, o bester der Zweifachgeborenen, oder Kṣatriya, Vaiśya und Śūdra, o Weiser unter den Brahmanen? Sage mir dies, o Bester der Redner.
Bhṛgu sprach: Wer durch die mit dem Geburtsritus beginnenden Sakramente geweiht, rein, im Studium des Veda vollendet, in den [heiligen] Pflichten des Brahmanen verankert ist…
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
jātakarmādibhiryastu
wer durch die mit dem Geburtsritus beginnenden
saṃskāraiḥ saṃskṛtaḥ śuciḥ
Sakramente geweiht, rein ist
vedādhyayanasaṃpannaḥ
im Studium des Veda vollendet
brahmakarmasvavasthitaḥ
in den [heiligen] Pflichten des Brahmanen verankert
śaucācārasthitaḥ samyagvidyābhyāsī gurupriyaḥ / nityavratī satyaparaḥ sa vai brāhmaṇa ucyate
…in reiner Lebensführung verankert, recht dem Studium der Wissenschaft zugetan, dem Lehrer lieb, beständig im Gelübde, der Wahrheit hingegeben – er wird wahrlich Brahmane genannt.
kṣatrajaṃ sevate karma vedādhyayanasaṃgataḥ / dānādānaratiryastu sa vai kṣatriya ucyate
Wer die dem Kṣatriya eigene Tätigkeit ausübt, [dabei] dem Studium des Veda verbunden bleibt, [und] am Geben und Nehmen [gemäß der Vorschrift] Freude hat – er wird wahrlich Kṣatriya genannt.
sarvaghabhakṣaratirnityaṃ sarvakarmakaro 'śuciḥ / tyaktavedastvanācāraḥ sa vai śūdra iti smṛtaḥ
Wer stets Freude an allerlei [unreiner] Speise hat [?], jede [niedere] Arbeit verrichtet, unrein ist, den Veda aufgegeben hat und ohne rechten Wandel ist – er wird wahrlich Śūdra genannt.
Wort für Wort
sarvaghabhakṣaratirnityaṃ
wer stets Freude an allerlei [unreiner] Speise hat
sarvakarmakaro 'śuciḥ
jede [niedere] Arbeit verrichtet, unrein ist
tyaktavedastvanācāraḥ
den Veda aufgegeben hat, ohne rechten Wandel
sa vai śūdra iti smṛtaḥ
er wird wahrlich Śūdra genannt
[?: „sarvaghabhakṣaratiḥ“ ist unsicher; sinngemäß als ‘Freude an allerlei [verbotener] Speise’ gedeutet.]
śūdre caitadbhavellakṣma dvije tacca na vidyate / na vai śūdro bhavecchūdro brāhmaṇo brāhmaṇo na ca
Und dieses Merkmal [der brahmanischen Tugenden] mag bei einem Śūdra vorhanden sein, während es bei einem Zweifachgeborenen fehlt; dann wäre der [Śūdra] nicht wahrhaft Śūdra, noch der [Brahmane] wahrhaft Brahmane.
Wort für Wort
śūdre caitadbhavellakṣma
und dieses Merkmal mag bei einem Śūdra vorhanden sein
dvije tacca na vidyate
während es bei einem Zweifachgeborenen fehlt
na vai śūdro bhavecchūdro
dann wäre der [nominelle] Śūdra nicht [wahrer] Śūdra
varjyau sarvātmanā tau hi śreyoghātārthamudyatau / nityakrodhācchriyaṃ rakṣettapo rakṣettu matsarāt
Diese beiden [Gier und Zorn] sind gänzlich zu meiden, da sie darauf aus sind, das Wohl zu zerstören; man schütze [seinen] Wohlstand vor beständigem Zorn, [seine] Askese aber schütze man vor Neid.
Wort für Wort
varjyau sarvātmanā tau hi
diese beiden sind gänzlich zu meiden
śreyoghātārthamudyatau
da sie darauf aus sind, das Wohl zu zerstören
nityakrodhācchriyaṃ rakṣet
man schütze [seinen] Wohlstand vor beständigem Zorn
[Man schütze] das Wissen vor Ehre und Schmach, das Selbst aber vor Nachlässigkeit.
Wort für Wort
vidyāṃ mānāpamānābhyāṃ
[man schütze] das Wissen vor Ehre und Schmach
ātmānaṃ tu pramādataḥ
das Selbst aber vor Nachlässigkeit
[Anm.: Dieser Vers besteht im Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile (Pāda); die erste Vershälfte fehlt – vermutlich ein Textverlust. Das Verb („rakṣet“, ‘man schütze’) wurde in Fortsetzung von V.72 sinngemäß ergänzt.]
yasya sarve samāraṃbhaghā nirāśīrbandhanā dvija / tyāge yasya hutaṃ sarvaṃ sa tyāgī sa ca buddhimān
Wessen sämtliche Unternehmungen, o Zweifachgeborener, frei von der Fessel des [eigennützigen] Wunsches sind, für wen, im Verzicht, alles [wie] geopfert ist – er ist ein [wahrer] Entsagender, und er ist der Weise.
Wort für Wort
yasya sarve samāraṃbhaghā
wessen sämtliche Unternehmungen
nirāśīrbandhanā dvija
frei von der Fessel des [eigennützigen] Wunsches sind, o Zweifachgeborener
Keinem Wesen Gewalt antuend soll er, dem Pfad des Wohlwollens folgend [?], umherwandeln; nachdem er den Besitz aufgegeben hat, werde er, mit Bedacht [?] die Sinne bezwungen habend, [frei].
Wort für Wort
ahiṃstraḥ sarvabhūtānāṃ
keinem Wesen Gewalt antuend
maitrāyaṇa gataścaret
soll er, dem Pfad des Wohlwollens folgend [?], umherwandeln
parigrahātparityajya
nachdem er den Besitz aufgegeben hat
bhavedbaddhyā jitendriyaḥ
werde er, mit Bedacht [?], die Sinne bezwungen habend, [frei]
[?: „maitrāyaṇagataḥ“ ist unsicher überliefert; sinngemäß als ‘dem Pfad des Wohlwollens folgend’ gedeutet. „baddhyā“ wird als „buddhyā“ (mit Bedacht) gelesen.]
Der Weise, der stets der Askese ergeben, bezähmt, mit gezügeltem Selbst und Sinn ist, erlangt [?] die Stätte der Leidlosigkeit und, hier wie dort, Furchtlosigkeit.
Wort für Wort
aśokasthānamāti vedi
er erlangt [?] die Stätte der Leidlosigkeit
iha cāmutra cābhayam
hier und dort Furchtlosigkeit
taponityena dāntena
der stets der Askese ergeben, bezähmt ist
muninā saṃyatātmamanā
der Weise, mit gezügeltem Selbst und Sinn
[?: „āti vedi“ ist unklar überliefert; sinngemäß als „āpnoti“ (er erlangt) gedeutet.]
Für den, der das Unbezwungene bezwingen will, der inmitten von Bindungen ungebunden ist – was immer von den Sinnen erfasst wird, das gilt als ‘manifest’ (Vyakta) – so lautet die Lehre.
Was nur durch Merkmale (Liṅga) erfassbar, jenseits der Sinne ist, gilt als das ‘Unmanifeste’ (Avyakta); man erwäge es unbeirrt [?], und in [solcher] Zuversicht halte man den Geist fest.
Wort für Wort
avyaktamiti vijñeyaṃ
als das ‘Unmanifeste’ gilt es
liṅgagrāhyamatīndriyam
was nur durch Merkmale erfassbar, jenseits der Sinne ist
aviśraṃbheṇa mantavyaṃ
man erwäge es unbeirrt [?]
viśraṃbhe dhārayenmanaḥ
und in [solcher] Zuversicht halte man den Geist fest
[?: „aviśrambheṇa mantavyam“ ist mehrdeutig; hier als ‘unbeirrt/mit Vertrauen zu erwägen’ gedeutet.]
manaḥ prāṇena gṛhṇīyātprāṇaṃ brahmaṇi dhārayet / nivedādeva nirvāṇaṃ na ca kiñcidviccitayet
Man fasse den Geist mittels des Atems (Prāṇa), man halte den Atem im Brahman fest; aus Entsagung allein [kommt] die Erlöschung (Nirvāṇa), und man denke an nichts [anderes].
Wort für Wort
manaḥ prāṇena gṛhṇīyāt
man fasse den Geist mittels des Atems
prāṇaṃ brahmaṇi dhārayet
man halte den Atem im Brahman fest
nivedādeva nirvāṇaṃ
aus Entsagung allein [kommt] die Erlöschung
na ca kiñcidviccitayet
und man denke an nichts anderes
[?: „nivedādeva“ ist als „nirvedādeva“ (aus Entsagung allein), „viccitayet“ als „vicintayet“ zu lesen.]
Und Mitleid gegenüber den Wesen – das ist das Kennzeichen bei den Zweifachgeborenen: Wahrhaftigkeit, Gelübde, Askese, Reinheit; die Wahrheit bringt Geschöpfe hervor.
Durch Wahrheit wird die Welt getragen; durch Wahrheit allein gelangt man zum Himmel. Lüge ist eine Erscheinungsform der Finsternis (Tamas); durch Finsternis wird man ja nach unten geführt.
tamograstāna paśyanti prakāśantamasāvṛtāḥ / suduṣprakāśa ityāhurnarakaṃ tama eva ca
Die von Finsternis Ergriffenen, von Dunkel Umhüllten sehen [selbst] das Licht [nur als Finsternis] [?]; man nennt [dies] das ‘schwer zu Erhellende’, und eben die Finsternis ist die Hölle.
Wort für Wort
tamograstāna paśyanti
die von Finsternis Ergriffenen sehen
prakāśantamasāvṛtāḥ
das Licht [nur als Finsternis], von Dunkel umhüllt [?]
suduṣprakāśa ityāhuḥ
man nennt [dies] das ‘schwer zu Erhellende’
narakaṃ tama eva ca
und eben die Finsternis ist die Hölle
[?: Die Syntax dieses Verses ist unsicher; sinngemäß übersetzt.]
Jenes Paar, Wahrheit und Lüge, wird von denen erlangt, die in der Welt wandeln; auch darin kann in der Welt der Lebenswandel derart in Wahrheit oder Lüge bestehen.
Wort für Wort
satyānṛtaṃ tadubhaghayaṃ
jenes Paar, Wahrheit und Lüge
prāpyate jagatīcaraiḥ
wird von denen erlangt, die in der Welt wandeln
tatrāpyevaṃvidhā loke
auch darin, derart, in der Welt
vṛttiḥ satyānṛte bhavet
kann der Lebenswandel in Wahrheit oder Lüge bestehen
dharmādharmauṃ prakāśaśca tamo duḥkhasukhaṃ tathā / śārīrairmānasairduḥkhaiḥ sukhaiścāpyasukhodayaiḥ
Recht und Unrecht, Licht und Finsternis, ebenso Leid und Freude – [dies erfährt man] durch körperliche und seelische Leiden, sowie durch Freuden, die [wiederum] Unglück hervorbringen.
lokasṛṣṭaṃ prapaśyanto na muhyanti vicakṣaṇāḥ / tatra duḥkhavimokṣārthaṃ prayateta vicakṣaṇaḥ
Die Einsichtigen, die die Schöpfung der Welt durchschauen, geraten nicht in Verwirrung; darin soll der Einsichtige sich um die Befreiung vom Leiden bemühen.
sukhaṃ hyanityaṃ bhūtānāmiha loke paratra ca / rāhugrastasya somasya yathā jyotsnā na bhāsate
Das Glück der Wesen ist ja unbeständig, in dieser Welt wie in der jenseitigen – so wie das Mondlicht des von Rāhu ergriffenen Mondes [während einer Finsternis] nicht scheint.
tatkhalu dvividhaṃ sukhamucyacate śarīraṃ mānasaṃ ca / iha khalvamuṣmiṃśca loke vastupravṛttayaḥ sukhārthamabhidhīyante nahītaḥ paratrāparvagaphalādviśiṣṭataramasti / sa eva kāmyo guṇaviśeṣo dharmārthaguṇāraṃbhagastaddheturasyotpattiḥ sukhaprayojanārthamāraṃbhāḥ / bharadvāja uvāca / vadaitadbhavatābhihitaṃ sukhānāṃ paramā sthitiriti
Jenes Glück nun ist bekanntlich zweifach: leiblich und seelisch. Hier in dieser wie in jener Welt werden die Unternehmungen um materieller Dinge willen um des Glückes willen ausgesprochen, denn es gibt nichts, weder hier noch im Jenseits, das ausgezeichneter wäre als die daraus [erwachsende] Frucht. Eben jene besondere, begehrenswerte Eigenschaft ist es, die die [Bestrebungen nach] Dharma und Artha in Gang setzt; ihr Grund ist deren Entstehung; die Unternehmungen [überhaupt] geschehen um des Zweckes des Glückes willen. – Bharadvāja sprach: Sage [mir] dies, was von dir dargelegt wurde – dass es einen höchsten Zustand der Freuden gebe.
Wort für Wort
tatkhalu dvividhaṃ sukhamucyacate
jenes Glück nun ist bekanntlich zweifach
śarīraṃ mānasaṃ ca
leiblich und seelisch
iha khalvamuṣmiṃśca loke
hier in dieser wie in jener Welt
vastupravṛttayaḥ sukhārthamabhidhīyante
werden die Unternehmungen um materieller Dinge willen um des Glückes willen ausgesprochen
nahītaḥ paratrāparvagaphalādviśiṣṭataramasti
denn es gibt nichts, weder hier noch im Jenseits, das ausgezeichneter wäre als jene Frucht
sa eva kāmyo guṇaviśeṣo
eben jene begehrenswerte besondere Eigenschaft
dharmārthaguṇāraṃbhagastaddheturasyotpattiḥ
setzt [die Bestrebungen nach] Dharma und Artha in Gang; ihr Grund ist deren Entstehung
sukhaprayojanārthamāraṃbhāḥ
die Unternehmungen geschehen um des Zweckes des Glückes willen
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
vadaitadbhavatābhihitaṃ
sage [mir] dies, was von dir dargelegt wurde
sukhānāṃ paramā sthitiriti
dass es einen höchsten Zustand der Freuden gebe
[Anm.: In diese eine Verseinheit sind ein längerer Prosaabschnitt Bhṛgus sowie, ohne eigene Versnummer, ein Sprecherwechsel zu Bharadvāja („bharadvāja uvāca“) samt dessen anschließender Frage zusammengefasst – eine strukturelle Verschmelzung mehrerer Redeanteile in einer Einheit.] [?: „ucyacate“ ist als „ucyate“, der Ausdruck „aparvagaphalāt“ als unsicher zu lesen.]
[Bhṛgu erwiderte:] Das billigen wir nicht – denn dies ist nicht [die Lehre] dieser Seher, die im Höchsten feststehen.
Wort für Wort
na tadupagṛhṇīmo
das billigen wir nicht
na hyeṣāmṛṣīṇāṃ
denn dies ist nicht [die Lehre] dieser Seher
mahati sthitānām
die im Höchsten feststehen
[Anm.: Kurzer prosaischer Einwurf ohne eigene Sprecherangabe; dem Zusammenhang nach ist Bhṛgu als Sprecher zu verstehen, der auf Bharadvājas Frage aus V.89 antwortet.]
aprāpya eṣa kāmya guṇaviśeṣo na cainamabhiśīlayanti / tapasi śrūyate trilokakṛdbrahmā prabhurekākī tiṣṭati brahmacārī na kāmasukhoṣvātmānamavadadhāti
Diese begehrenswerte, besondere Eigenschaft [das Sinnesglück] ist unerreichbar [durch jenen Weg], und [die Weisen] pflegen sie auch nicht; in der Askese, so hört man, verharrt Brahmā, der Schöpfer der drei Welten, der Herr, allein, als Brahmacārin, und richtet sein Selbst nicht auf die Freuden der Sinneslust.
Wort für Wort
aprāpya eṣa kāmya guṇaviśeṣo
diese begehrenswerte, besondere Eigenschaft ist unerreichbar [?]
na cainamabhiśīlayanti
und [die Weisen] pflegen sie auch nicht
tapasi śrūyate trilokakṛdbrahmā
in der Askese, so hört man, [verharrt] Brahmā, der Schöpfer der drei Welten
prabhurekākī tiṣṭati brahmacārī
der Herr verharrt allein, als Brahmacārin
na kāmasukhoṣvātmānamavadadhāti
und richtet sein Selbst nicht auf die Freuden der Sinneslust
[?: Der Sinn der ersten Vershälfte bleibt unsicher.]
api ca bhagavānviśveśvara umāpatiḥ kāmamabhivartamānamanaṅgatvena samamanayat
Und ferner: der erhabene Herr des Alls, der Gemahl Umās, führte Kāma, als dieser sich [ihm] näherte, durch Verwandlung in Körperlosigkeit zum Gleichmaß.
Wort für Wort
api ca bhagavānviśveśvara
und ferner, der erhabene Herr des Alls
umāpatiḥ
der Gemahl Umās
kāmamabhivartamānam
Kāma, als dieser sich [ihm] näherte
anaṅgatvena samamanayat
führte er durch Verwandlung in Körperlosigkeit zum Gleichmaß
tasmādbhūmau na tu mahātmabhirañjayati gṛhīto na tveṣa tāvadviśiṣṭo guṇaviśeṣa iti
Deshalb wird [das Sinnesglück] auf Erden von den Großherzigen nicht als erfreulich angenommen; so ausgezeichnet, wie [man meint], ist diese besondere Eigenschaft also nicht.
Wort für Wort
tasmādbhūmau
deshalb auf Erden
na tu mahātmabhirañjayati gṛhītaḥ
wird es von den Großherzigen nicht als erfreulich angenommen
na tveṣa tāvadviśiṣṭo
so ausgezeichnet ist dies also nicht
guṇaviśeṣa iti
diese besondere Eigenschaft, so [heißt es]
[?: Die Syntax dieses Satzes ist stark verdichtet; sinngemäß übersetzt.]
Dies erachte ich nicht als [Verhalten] des Erhabenen [Śiva]; von dir aber wurde gesagt, dass die Frauen das höchste [Mittel] der Freuden seien – so lautet der volkstümliche Ausspruch. Denn das Entstehen der Frucht ist zweifach: aus guter Tat wird Glück erlangt, andernfalls Leid.
Wort für Wort
naitadbhagavataḥ pratyemi
dies erachte ich nicht als [Verhalten] des Erhabenen
bhavatā tūktaṃ
von dir aber wurde gesagt
sukhānāṃ paramāḥ striya iti
dass die Frauen das höchste [Mittel] der Freuden seien
lokapravādo hi
so lautet ja der volkstümliche Ausspruch
dvividhaḥ phalodayaḥ
zweifach ist das Entstehen der Frucht
sukṛtātsukhamavāpyate
aus guter Tat wird Glück erlangt
'nyathā duḥkhamiti
andernfalls Leid
[Anm.: Kein neuer Sprecherwechsel im Quelltext markiert; dem Zusammenhang nach setzt hier Bhṛgu seine Rede fort und wendet sich mit „bhavatā“ (‘von dir’) an Bharadvāja.]
Bhṛgu sprach: Hierzu wird gesagt: Aus der Lüge nämlich ist die Finsternis (Tamas) entstanden; daraufhin folgen die von Finsternis Ergriffenen nur dem Unrecht, nicht dem Recht. Umhüllt von Zorn, Gier, Verblendung, Gewalt, Lüge und dergleichen, erlangen sie weder in dieser Welt noch in jener Glück; sie werden von mancherlei Krankheiten, Leiden und Qualen überschüttet; sie werden von Qualen, verursacht durch Tötung, Gefangenschaft, Bedrängnis und dergleichen, sowie durch Hunger, Durst und Erschöpfung, gequält; sie werden von furchtbaren körperlichen Leiden gequält, verursacht durch Regen, Wind, übermäßige Hitze und übermäßige Kälte; sie werden von seelischen Kümmernissen überwältigt, verursacht durch den Verlust und die Trennung von Verwandten und Reichtum, sowie von anderen, verursacht durch Alter und Tod – wer aber von diesen [Übeln nicht berührt wird]…
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
atrocyate anṛtātkhalu tamaḥ prādurbhūtaṃ
hierzu wird gesagt: aus der Lüge ist die Finsternis entstanden
tatastamograstā adharmamevānuvartante na dharmaṃ
daraufhin folgen die von Finsternis Ergriffenen nur dem Unrecht, nicht dem Recht
krodhalobhamohahiṃsānṛtādibhikhacchannāḥ
umhüllt von Zorn, Gier, Verblendung, Gewalt, Lüge und dergleichen
khalvasmiṃlloke nāmutra sukhamāpnuvanti
erlangen sie weder in dieser noch in jener Welt Glück
vividhavyādhirujopatāpairavakīryante
sie werden von mancherlei Krankheiten, Leiden und Qualen überschüttet
sie werden von seelischen Kümmernissen durch Verlust und Trennung von Verwandten und Reichtum überwältigt
jarāmṛtyukṛtaiścānyairiti
und von anderen, durch Alter und Tod verursachten
yastvetaiḥ
wer aber von diesen [Übeln nicht berührt wird]
[Anm.: Der Satz bricht am Versende unvollständig ab („yastvetaiḥ“, ‘wer aber von diesen’) und setzt sich inhaltlich offenbar erst in V.96 fort, ohne dass ein neuer Hauptsatz eingeleitet wird – ein Satz übergreift hier die Versgrenze.] [?: „khacchannāḥ“ ist als „ācchannāḥ“, „śaukaiḥ“ als „śokaiḥ“ zu lesen.]
śārīraṃ mānasaṃ nāsti na jarā na ca pātakam / nityameva sukhaṃ svarge sukhaṃ duḥkhamihobhayam
…[wo] weder leibliches noch seelisches [Leid] ist, noch Alter, noch Sünde – im Himmel ist einzig Glück beständig; hier [in dieser Welt] ist beides, Glück und Leid.
Wort für Wort
śārīraṃ mānasaṃ nāsti
[wo] weder leibliches noch seelisches [Leid] ist
na jarā na ca pātakam
noch Alter noch Sünde
nityameva sukhaṃ svarge
im Himmel ist einzig Glück beständig
sukhaṃ duḥkhamihobhayam
hier [in dieser Welt] ist beides, Glück und Leid
[Anm.: Grammatische Fortsetzung des in V.95 abgebrochenen Satzes.]
In der Hölle, so sagt man, gibt es nur Leid; jener höchste Zustand ist [reines] Glück. Die Erde ist die Erzeugerin aller Wesen; von gleicher Art sind die Frauen.
pumānprajāpatistatraśukraṃ tejomayaṃ viduḥ / ityetallokanirmātā dharmasya caritasya ca
Der Mann ist dabei Prajāpati; den Samen kennt man als aus [seinem] Glanz bestehend. So ist dieser [der Mann] der Bildner der Welt, des Dharma und des rechten Wandels.
Wort für Wort
pumānprajāpatistatra
der Mann ist dabei Prajāpati
śukraṃ tejomayaṃ viduḥ
den Samen kennt man als aus [seinem] Glanz bestehend
[Er ist auch der Ursprung] wohlvollzogener Askese, der Veda-Rezitation (Svādhyāya) und des Opfers; durch das Opfer wird Sünde beruhigt, in der Veda-Rezitation liegt der höchste Friede.
dānena bhogānityāhusta pasā svargamāpnuyāt / dānaṃ tu dvividhaṃ prāhuḥ paratrārthamihaiva ca
Durch Gabe, so sagt man, [erlangt man] Genüsse; durch Askese möge man den Himmel erlangen. Die Gabe aber, so lehrt man, ist zweifach: um des Jenseits willen und um dieser Welt selbst willen.
Was auch immer den Guten gegeben wird, und sei es noch so gering, das steht [als Verdienst] im Jenseits bereit; was aber den Unwürdigen gegeben wird, jene Gabe wird [bereits] hier [in dieser Welt] verzehrt. Wie die Gabe gegeben wird, eine solche Frucht erlangt man.
Wort für Wort
sadbhyo yaddīyate kiñcit
was auch immer den Guten gegeben wird, und sei es gering
tatparatropatiṣṭate
das steht [als Verdienst] im Jenseits bereit
asadbhyo dīyate yattu
was aber den Unwürdigen gegeben wird
taddānamiha bhujyate
jene Gabe wird hier [in dieser Welt] verzehrt
yādṛśaṃ dīyate dānaṃ
wie die Gabe gegeben wird
tādṛśaṃ phalamaśnute
eine solche Frucht erlangt man
[Anm.: Dieser Vers besteht ausnahmsweise aus drei statt der üblichen zwei Verszeilen – eine strukturelle Unregelmäßigkeit.]
Bharadvāja sprach: Was ist wessen Ausübung des Dharma? Oder was ist das Kennzeichen des Dharma? Von wie vielen Arten ist der Dharma auch? Das solltest du mir sagen.
bhṛguruvāca / svadharmācaraṇe yuktā ye bhavanti manīṣiṇaḥ / teṣāṃ svargapalāvāptiryo 'nyathā sa vimuhyate
Bhṛgu sprach: Jene Verständigen, die der Ausübung ihrer eigenen Pflicht (Svadharma) ergeben sind, erlangen die Frucht des Himmels; wer [aber] anders [handelt], der verfällt der Verblendung.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
svadharmācaraṇe yuktā
der Ausübung ihrer eigenen Pflicht ergeben
ye bhavanti manīṣiṇaḥ
jene Verständigen, die es sind
teṣāṃ svargapalāvāptiḥ
sie erlangen die Frucht des Himmels
yo 'nyathā sa vimuhyate
wer anders [handelt], der verfällt der Verblendung
bharadvāja uvāca / yadetañcāturāśramyaṃ brahmarṣivihitaṃ purā / teṣāṃ sve sve samācārāstanme vaktumihārhasi
Bharadvāja sprach: Jene vierfache Ordnung der Lebensstufen (Cāturāśramya), die einst von den Brahmanenweisen festgesetzt wurde – den jeweils eigenen rechten Wandel [eines jeden] von ihnen solltest du mir hier verkünden.
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
yadetañcāturāśramyaṃ
jene vierfache Ordnung der Lebensstufen
brahmarṣivihitaṃ purā
die einst von den Brahmanenweisen festgesetzt wurde
Bhṛgu sprach: Vom erhabenen Brahmā, der dem Wohl der Welt zugetan war, wurden bereits am Anfang zum Schutz des Dharma die vier Lebensstufen (Āśrama) ausdrücklich festgesetzt.
Wort für Wort
bhṛguruvāca
Bhṛgu sprach
pūrvameva bhagavatā brahmaṇā
vom erhabenen Brahmā bereits am Anfang
lokahitamanutiṣṭatā
der dem Wohl der Welt zugetan war
dharmasaṃrakṣaṇārtham
zum Schutz des Dharma
āśramāścatvāro 'bhinirddiṣṭāḥ
wurden die vier Lebensstufen ausdrücklich festgesetzt
Darunter nennt man das Wohnen im Hause des Lehrers (Gurukula) die erste Lebensstufe. Darin soll [der Schüler], durch Reinheitsriten, Regeln und Gelübde recht gebändigt an sich selbst, nachdem er an beiden Dämmerungen die Gottheiten Sonne und Feuer verehrt und darin die Trägheit abgelegt hat, mit einem durch die Verehrung des Lehrers sowie durch das Studium und Anhören des Veda geläuterten inneren Selbst, nachdem er dreimal täglich [rituelle Waschung] vollzogen hat, mit einem der Keuschheit (Brahmacarya), dem Dienst am [heiligen] Feuer, dem Dienst am Lehrer sowie dem täglichen Bettelgang und Leben von Almosen und dergleichen gänzlich hingegebenen inneren Selbst, dem Wort und der Weisung des Lehrers nicht entgegen handelnd, dem durch die Gunst des Lehrers erlangten Studium ergeben sein.
Wort für Wort
tatra gurukulavāsameva prathamamāśramamāharanti
darunter nennt man das Wohnen im Hause des Lehrers die erste Lebensstufe
samyagatra śaucasaskāraniyamavrataviniyatātmā
darin, durch Reinheitsriten, Regeln und Gelübde recht gebändigt an sich selbst
ubhe saṃdhye bhāskarāgnidaivatānyupasthāya
nachdem er an beiden Dämmerungen die Gottheiten Sonne und Feuer verehrt hat
Und dazu gibt es einen Vers: ‘Der Zweifachgeborene, der, nachdem er den Lehrer wohl verehrt hat, den Veda erlangt – für ihn wird die Frucht des Himmels erreicht, und sein Wunsch geht in Erfüllung.’ So nennt man das Haushälterleben (Gārhasthya) die zweite Lebensstufe.
Wort für Wort
bhavati cātra ślokaḥ
und dazu gibt es einen Vers
guruṃ yastu samārādhya
der, nachdem er den Lehrer wohl verehrt hat
dvijo vedamāvānpuyāt
der Zweifachgeborene den Veda erlangt
tasya svargaphalāvāptiḥ
für ihn wird die Frucht des Himmels erreicht
siddhyate cāsya mānasam
und sein Wunsch geht in Erfüllung
iti gārhasthyaṃ khalu dvitīyamāśramaṃ vadanti
so nennt man das Haushälterleben die zweite Lebensstufe
[?: „āvānpuyāt“ ist als „avāpnuyāt“ (er möge erlangen) zu lesen.]
Wir wollen nun das Kennzeichen ihres [des Haushälters] Wandels zu jeder Zeit vollständig erläutern. Für jene, die [aus der Schülerschaft] zurückgekehrt sind, von gutem Wandel und die nach der Frucht der gemeinsamen Ausübung des Dharma [mit der Gattin] trachten, wird die Lebensstufe des Hausvaters (Gṛhāśrama) angeordnet.
Wort für Wort
tasya sadā cāralakṣaṇaṃ
das Kennzeichen ihres Wandels zu jeder Zeit
sarvamanuvyākhyāsyāmaḥ
wollen wir nun vollständig erläutern
samāvṛtānāṃ sadācārāṇāṃ
für jene, die zurückgekehrt sind, von gutem Wandel
sahadharmacaryaphalārthināṃ
und die nach der Frucht der gemeinsamen Dharma-Ausübung trachten
gṛhāśramo vidhīyate
wird die Lebensstufe des Hausvaters angeordnet
[?: „cāralakṣaṇaṃ“ ist als „ācāralakṣaṇaṃ“ zu lesen.]
Denn hier [in dieser Lebensstufe] liegt die Erlangung von Dharma, Artha und Kāma; unter Berücksichtigung der Mittel zur [Erlangung der] dreifachen Gruppe [von Lebenszielen] soll der Hausvater, nachdem er durch untadeliges Tun Reichtum erworben hat – sei es durch die im Studium erlangte Vorzüglichkeit, sei es [Reichtum,] der von einem Brahmanenweisen geschaffen wurde, sei es [Reichtum,] der über das Wasser, auf dem Meer, herbeigebracht wurde, sei es Reichtum, der durch die Gunst einer Gottheit erlangt wurde, [gewonnen] durch die Übung einer [asketischen] Regel bezüglich der Güter – mit solchem Reichtum das Haushälterleben führen.
Wort für Wort
dharmārthakāmāvāptirhyatra
denn hier liegt die Erlangung von Dharma, Artha und Kāma
trivargasādhanamapekṣya
unter Berücksichtigung der Mittel zur dreifachen Gruppe
agarhitakarmaṇā dhanānyādāya
nachdem er durch untadeliges Tun Reichtum erworben hat
svādhyāyopalabdhaprakarṣeṇa vā
sei es durch im Studium erlangte Vorzüglichkeit
brahmarṣinirmitena vā
sei es [Reichtum], der von einem Brahmanenweisen geschaffen wurde
adbhiḥ sāgaragatena vā
sei es [Reichtum], der über das Wasser auf dem Meer herbeigebracht wurde
taddhi sarvāśramaṇāṃ mūlamudāharanti gurukulanivāsinaḥ parivrājakā ye 'nye saṃkalpitavrataniyamadharmānuṣṭāninasteṣāmapyantarā ca bhikṣābalisaṃvibhāgāḥ pravartante
Man nennt dies [das Haushälterleben] ja die Wurzel aller Lebensstufen; für die Bewohner des Lehrerhauses, die wandernden Asketen (Parivrājaka) und alle anderen, die sich selbst auferlegten Gelübden, Regeln und Pflichten hingeben – auch für sie erfolgen zwischenzeitlich die Zuteilungen von Almosen und Opferspenden [aus dem Haushälterleben].
Wort für Wort
taddhi sarvāśramaṇāṃ mūlamudāharanti
man nennt dies ja die Wurzel aller Lebensstufen
gurukulanivāsinaḥ parivrājakā ye 'nye
für die Bewohner des Lehrerhauses, die wandernden Asketen und alle anderen
saṃkalpitavrataniyamadharmānuṣṭāninaḥ
die sich selbst auferlegten Gelübden, Regeln und Pflichten hingeben
teṣāmapyantarā ca bhikṣābalisaṃvibhāgāḥ pravartante
auch für sie erfolgen zwischenzeitlich die Zuteilungen von Almosen und Opferspenden
Und [ebenso erfolgt vom Haushälter] die materielle Unterstützung der Waldbewohner (Vānaprastha); meist wandern diese Tugendhaften, die von wohltuender, den Guten geziemender Speise [leben] und dem Studium des Veda zugetan sind, über die Erde, um heilige Badestätten (Tīrtha) aufzusuchen und [heilige] Orte zu besichtigen.
Wort für Wort
vānaprasthānāṃ ca dravyopaskāra iti
und [ebenso erfolgt] die materielle Unterstützung der Waldbewohner
prāyaśaḥ khalvete sādhavaḥ
meist wandern diese Tugendhaften
sādhupathyodanāḥ svādhyāyaprasaṃginaḥ
die von wohltuender Speise leben und dem Veda-Studium zugetan sind
Und die [rechte] Behandlung ihnen gegenüber besteht darin: [ihnen] entgegenzukommen und sich zu erheben, ohne Missgunst, in freundlicher Rede, angenehmer Bewirtung, einem bequemen Sitz, einem bequemen Lager und ehrenvoller Bewirtung mit Speise.
Wort für Wort
teṣāṃ pratyutthānābhigamana
ihnen gegenüber das Sich-Erheben und Entgegenkommen
Und dazu gibt es einen Vers: ‘Der Gast, der mit gebrochener Hoffnung von jemandes Haus zurückkehrt – er geht fort, nachdem er jenem [Hausherrn] seine Missetat gegeben und dessen Verdienst mitgenommen hat.’
Wort für Wort
bhavati cātra ślokaḥ
und dazu gibt es einen Vers
atithiryasya bhagnāśo
der Gast, dessen Hoffnung gebrochen ist
gṛhātpratinivartate
und von [jemandes] Haus zurückkehrt
sa dattvā duṣkṛtaṃ tasmai
er geht fort, nachdem er jenem seine Missetat gegeben hat
api cātra yajñakriyābhirdevatāḥ prīyante nivāpena pitaro vidyābhyāsaśravaṇadhāraṇena ṛṣayaḥ apatyotpādanena prajāpatiriti
Und ferner werden hier [im Haushälterleben]: die Götter durch die Vollziehung von Opfern erfreut, die Ahnen (Pitṛ) durch die Wasserspende (Nivāpa), die Weisen (Ṛṣi) durch Studium, Anhören und Bewahren des [heiligen] Wissens, und Prajāpati durch die Zeugung von Nachkommenschaft.
Wort für Wort
api cātra yajñakriyābhirdevatāḥ prīyante
und ferner werden hier die Götter durch Opferhandlungen erfreut
nivāpena pitaro
die Ahnen durch die Wasserspende
vidyābhyāsaśravaṇadhāraṇena ṛṣayaḥ
die Weisen durch Studium, Anhören und Bewahren des Wissens
apatyotpādanena prajāpatiriti
und Prajāpati durch die Zeugung von Nachkommenschaft
Und dazu gibt es zwei Verse: Zuneigung zu allen Wesen, [Aufmerksamkeit des] Gehörs [?] und der Rede [?] [sind hier geboten]; Bedrängnis, Verletzung und Rauheit aber sind hier verwerflich.
Wort für Wort
lokau cātra bhavataḥ
und dazu gibt es zwei Verse
vātsalyāḥ sarvabhūtebhyo
Zuneigung zu allen Wesen
vāyoḥ śrotrastathā girā
[Aufmerksamkeit des] Gehörs [?] und der Rede [?]
paritāpodapaghātaśca
Bedrängnis und Verletzung aber
pāruṣyaṃ cātra garhitam
und Rauheit sind hier verwerflich
[?: Die erste Vershälfte („vātsalyāḥ ... girā“) ist unsicher überliefert; die Übersetzung ist eine Annäherung.]
Geringschätzung, Selbstsucht (Ahaṃkāra) und ebenso Heuchelei (Dambha) sind verwerflich; Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Zornlosigkeit [und] Askese gelten für [die Angehörigen] aller Lebensstufen.
api cātra mālyābharaṇavastrābhyaṅganityopabhoganṛtyagītavāditraśrutisukhanayanasneharāmādarśanānāṃ prāptirbhakṣyabhojyalehyapeyacoṣyāṇāmabhyavahāryyāṇāṃ vividhānāmupabhogaḥ
Und ferner [gibt es hier] die Erlangung von Blumenkränzen, Schmuck, Kleidung, Salböl und stetem Genuss, von Tanz, Gesang und Instrumentalmusik, die dem Gehör angenehm sind, sowie den Anblick lieber, erfreulicher [Dinge/Personen]; und den Genuss mancherlei zu essender, zu speisender, zu leckender, zu trinkender und zu saugender Speisen.
Wort für Wort
api cātra mālyābharaṇavastrābhyaṅganityopabhoga
und ferner die Erlangung von Blumenkränzen, Schmuck, Kleidung, Salböl und stetem Genuss
nṛtyagītavāditraśrutisukhanayana
von Tanz, Gesang und Instrumentalmusik, dem Gehör angenehm
Die Zufriedenheit an den eigenen Vergnügungen [und] die Erlangung der Freuden der Sinneslust – so [ist es hier]. Wer stets im Haushälterleben die Vollendung der Eigenschaften der dreifachen Gruppe [erreicht], der erlangt, nachdem er hier Freuden genossen hat, den Weg der Tugendhaften (Śiṣṭa).
Wort für Wort
svavihārasaṃtoṣaḥ
die Zufriedenheit an den eigenen Vergnügungen
kāmasukhāvāptiriti
und die Erlangung der Freuden der Sinneslust – so ist es
trivargaguṇanirvṛttiryasya
wer die Vollendung der Eigenschaften der dreifachen Gruppe [erreicht]
uñchavṛttirvṛhastho yaḥ svadhama caraṇe rataḥ / tyaktakāmasukhāraṃbhaḥ svargastasya na durlabhaḥ
Der Hausvater, der von Ährenlese lebt, [der] der Ausübung seiner eigenen Pflicht zugetan ist, [der] Unternehmungen [im Streben] nach den Freuden der Sinneslust aufgegeben hat – für ihn ist der Himmel nicht schwer zu erlangen.
Wort für Wort
uñchavṛttirvṛhastho yaḥ
der Hausvater, der von Ährenlese lebt
svadhama caraṇe rataḥ
der der Ausübung seiner eigenen Pflicht zugetan ist
tyaktakāmasukhāraṃbhaḥ
der Unternehmungen nach den Freuden der Sinneslust aufgegeben hat
svargastasya na durlabhaḥ
für ihn ist der Himmel nicht schwer zu erlangen
[?: „vṛhastho“ ist als „gṛhasthaḥ“, „svadhama“ als „svadharma“ zu lesen.]
Die Waldbewohner (Vānaprastha) nun, dem Dharma folgend, wandern und üben Askese an heiligen Badestätten, an den Ursprüngen der Flüsse, in ihren bevorzugten [?] Wäldern, die von Hirschen, Ebern, Büffeln, Tigern und wilden Elefanten wimmeln.
Wort für Wort
vānaprasthāḥ khalvapi dharmamanusarantaḥ
die Waldbewohner nun, dem Dharma folgend
puṇyāni tīrthāni nadīprastravaṇāni
an heiligen Badestätten, an den Ursprüngen der Flüsse
svabhakteṣvaraṇyeṣu
in ihren bevorzugten [?] Wäldern
mṛgavarāhamahiṣaśārdūlavanagajākīrṇeṣu
die von Hirschen, Ebern, Büffeln, Tigern und wilden Elefanten wimmeln
tapasyante anusaṃcaranti
üben Askese und wandern umher
[?: „svabhakteṣu“ ist unsicher; sinngemäß als ‘in ihren bevorzugten/vertrauten [Wäldern]’ gedeutet.]
Sie haben dörfliche Kleidung, Speise und Genüsse aufgegeben; ihre Nahrung ist eine gemessene, mannigfaltige, feste [Diät] aus wilden Kräutern, Früchten, Wurzeln und Blättern. Stehend oder sitzend [an festem Ort] [?], schlafen sie auf dem Erdboden, auf Stein, Sand, Kies oder Asche; ihre Glieder sind mit Kāśa-Gras, Kuśa-Gras, Fell und Baumrinde bedeckt; sie tragen [ungeschnittenes] Haar, Bart, Nägel und Körperhaar; sie vollziehen ihre [rituellen] Waschungen zu festen Zeiten und beobachten trockene Opfergaben und Feueropfer zu [festen] Zeiten. Sie erlangen Ruhe erst nach dem Herbeischaffen von Brennholz, Kuśa-Gras und Blumen und nach dem Kehren [der heiligen Stätte]; Kälte, Hitze und Wind ausgesetzt, mit gänzlich rissiger Haut [?], sind sie durch die verschiedenen Regeln, Yoga-Übungen und vorgeschriebenen Verhaltensweisen zu bloßem ausgetrocknetem Fleisch, Blut, Haut und Knochen geworden; der Standhaftigkeit ergeben, tragen sie ihre Körper durch die Kraft des Sattva.
Wort für Wort
tyaktagrāmyavastrābhyavahāropabhogā
sie haben dörfliche Kleidung, Speise und Genüsse aufgegeben
durch verschiedene Regeln und Yoga-Übungen zu ausgetrocknetem Fleisch, Blut, Haut und Knochen geworden
dhṛtiparāḥ sattvayogāccharīrāṇyudvahṝnte
der Standhaftigkeit ergeben, tragen sie ihre Körper durch die Kraft des Sattva
[?: „śyaśru“ ist als „śmaśru“ (Bart), „anuṣṭāyinaḥ“ als „anuṣṭhāyinaḥ“, „udvahṝnte“ als „udvahante“ zu lesen; die Wendungen „sthānāsaninaḥ“ und „bhavibhinnasarvatvacaḥ“ sind unsicher überliefert.]
yastvetāṃ niyatacaryāṃ brahmarṣivihitāṃ caret / sa dahedagnivaddoṣāñjayellokāṃśca durjāyān
Wer aber diesen festgesetzten Wandel, der von den Brahmanenweisen festgelegt wurde, ausübt, der würde [seine] Fehler wie durch Feuer verbrennen und schwer zu erobernde Welten erobern.
Wort für Wort
yastvetāṃ niyatacaryāṃ
wer aber diesen festgesetzten Wandel
brahmarṣivihitāṃ caret
ausübt, der von den Brahmanenweisen festgelegt wurde
sa dahedagnivaddoṣāñ
der würde [seine] Fehler wie durch Feuer verbrennen
Der Wandel der wandernden Asketen (Parivrājaka) nun ist folgender: Nachdem sie das [heilige] Feuer aufgegeben und die Fesseln der Zuneigung, [die] das Selbst an die Verhaftung mit Reichtum, Gattin und Hausrat [binden], abgeschüttelt haben, ziehen sie umher. Erdscholle, Stein und Gold gelten ihnen gleich; ihr Sinn ist unabhängig von den Unternehmungen [nach] der dreifachen Gruppe.
Wort für Wort
parivrājakānāṃ punarācāraḥ tadyathā
der Wandel der wandernden Asketen nun ist folgender
Feind, Freund und Unbeteiligtem gegenüber mit gleichem Blick, den unbeweglichen und den aus Mutterleib, Ei und Schweiß geborenen Wesen in Wort, Gedanke und Tat nicht feindselig, ohne festen Wohnsitz, wandern sie zwischen Bergen, Flussufern, Baumwurzeln und Göttertempeln umher, oder ziehen, wenn nötig [zum Zweck des Almosens], in eine Stadt oder ein Dorf – frei von Gewalt, die aus Zorn, Hochmut, Gier, Verblendung, Kleinmut, Heuchelei, Verleumdung und Einbildung entspringt.
Wort für Wort
arimitrodāsīnāṃ tulyadarśanāḥ
Feind, Freund und Unbeteiligtem gegenüber mit gleichem Blick
sthāvarajarāyujāṇḍajasvedajānāṃ bhūtānāṃ
gegenüber den unbeweglichen sowie aus Mutterleib, Ei und Schweiß geborenen Wesen
Und dazu gibt es Verse: ‘Der Weise, der wandert, nachdem er allen Wesen Furchtlosigkeit gewährt hat – für ihn entsteht von keinem Wesen jemals Furcht.’
Wort für Wort
bhavanti cātra ślokāḥ
und dazu gibt es Verse
abhayaṃ sarvabhūtebhyo dattvā
nachdem er allen Wesen Furchtlosigkeit gewährt hat
Nachdem er das in seinem eigenen Körper wohnende Feueropfer (Agnihotra) vollzogen hat, opfert er, den Körper als Feuer betrachtend, in seinen eigenen Mund. Der Brahmane aber zieht mit den durch Betteln erlangten Opfergaben, [und schließlich] mit dem Feuer des Scheiterhaufens, in [andere] Welten hinüber.
Wort für Wort
kṛtvāgnihotraṃ svaśarīrasaṃsthaṃ
nachdem er das in seinem eigenen Körper wohnende Feueropfer vollzogen hat
śarīramagniṃ svamukhe juhoti
opfert er, den Körper als Feuer betrachtend, in seinen eigenen Mund
viprastu bhaikṣopagatairhavirbhiḥ
der Brahmane aber mit den durch Betteln erlangten Opfergaben
citāgninā saṃvrajate hi lokān
zieht mit dem Feuer des Scheiterhaufens in [andere] Welten hinüber
[?: „sokān“ ist als „lokān“ (Welten) zu lesen; „citā gninā“ als „citāgninā“ (mit dem Feuer des Scheiterhaufens).]
Der Zweifachgeborene, der die Lebensstufe der Erlösung (Mokṣāśrama) wie beschrieben übt, rein, mit einem an seinem eigenen Vorsatz festgemachten Sinn – er nimmt, wie eine brennstofflose, erloschene Flamme, Zuflucht in der Welt des Brahman.
Wort für Wort
mokṣāśramaṃ yaścarate yathoktaṃ
wer die Lebensstufe der Erlösung wie beschrieben übt
śuciḥ svasaṃkalpitayuktabuddhiḥ
rein, mit einem an seinem eigenen Vorsatz festgemachten Sinn
anindhanaṃ jyotiriva praśāntaṃ
wie eine brennstofflose, erloschene Flamme
sa brahmalokaṃ śrayate dvijātiḥ
nimmt der Zweifachgeborene Zuflucht in der Welt des Brahman