Kapitel 20: mārgaśīrṣaśuklaikādaśīmāsārabhya paurṇimāparyantaṃ pañcarātrivratam
Das vom hellen Ekādaśī-Tag des Mārgaśīrṣa-Monats bis zum Vollmond reichende fünfnächtige Gelübde
Sanaka sprach: Ein anderes Gelübde will ich nun verkünden, höre es, Nārada, der Wahrheit gemäß [?] – ein in allen Welten schwer zu erlangendes, wohlbekanntes: das „fünffache Hari-Gelübde“ (Haripañcaka).
Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach:
anyad vrataṃ [?] pravakṣyāmi
ein anderes Gelübde will ich verkünden
śṛṇu nārada tattvataḥ
höre, Nārada, der Wahrheit gemäß
durlabhaṃ sarvalokeṣu vikhyātaṃ
in allen Welten schwer zu erlangen, wohlbekannt
haripañcakam
das fünffache Hari-Gelübde
[Anm.: Der Vers beginnt im Quelltext mit dem Schlusskolophon des vorigen Kapitels (Quellzählung: „zwanzigstes Kapitel“, betitelt sumatibhūpakathāvarṇana); erst danach beginnt mit „sanaka uvāca“ der eigentliche Vers 1 dieses Kapitels; nur dieser wurde übersetzt.] [?: „anyadvūtaṃ“ wohl verschrieben für „anyad vrataṃ“ (‚ein anderes Gelübde‘).]
vollziehe man das Bad und die übrigen Handlungen, zunächst die Zahnreinigung; nachdem man sodann die Götterverehrung recht vollzogen hat, ebenso die fünf großen Opfer,
Wort für Wort
kuryāt snānādikaṃ karma
vollziehe man das Bad und die übrigen Handlungen
dantadhāvanapūrvakam
zunächst mit der Zahnreinigung
kṛtvā devārcanaṃ samyak
nachdem man die Götterverehrung recht vollzogen hat
ekāśī ca bhavettasmin dine niyamamāsthitāḥ / tataḥ prātaḥ samutthāya hyekādaśyāṃ munīśvaraḥ
sei man an jenem Tag Einmal-Essender [d.h. nur einmal essend] und den Gelübderegeln zugewandt. Dann, am Morgen aufgestanden, an der Ekādaśī, o Fürst der Weisen –
– nachdem man das Bad der Sitte gemäß vollzogen hat, bade man Hari, den Gott der Götter, im heiligen Haus [Tempel], mittels der fünf Nektargaben (Pañcāmṛta).
Wort für Wort
snānaṃ kṛtvā yathācāraṃ
nachdem man das Bad der Sitte gemäß vollzogen hat
hariṃ ca eva āryagṛhe [?]
und Hari, im heiligen Haus (Tempel)
snāpayet devadeveśaṃ
bade man den Gott der Götter
pañcāmṛtavidhānataḥ
mittels der Vorschrift der fünf Nektargaben
[?: „āryadṛhe“ im Quelltext wohl verschrieben für „āryagṛhe“ (‚im heiligen Haus‘, Tempel).]
Man verehre ihn mit höchster Hingabe, mit Duftstoffen, Blumen und anderem, der Reihe nach, mit Räucherwerk, Lampen, Speiseopfern, Betelgaben und Umwandlungen.
Wort für Wort
arcayet parayā bhaktyā
man verehre mit höchster Hingabe
gandhapuṣpādibhiḥ kramāt [?]
mit Duftstoffen, Blumen usw., der Reihe nach
dhūpaiḥ dīpaiśca naivedyaiḥ
mit Räucherwerk, Lampen und Speiseopfern
tāmbūlaiśca pradakṣiṇaiḥ
und mit Betelgaben und Umwandlungen
[?: „ṛmāt“ im Quelltext wohl verschrieben für „kramāt“ (‚der Reihe nach‘); „naivaidyaiḥ“ für „naivedyaiḥ“ (Speiseopfer).]
saṃpūjya devadeveśamimaṃ mantramudīrayet /. namaste ghajñānarupāya jñānadāya namo 'stute
Nachdem man den Gott der Götter verehrt hat, spreche man diesen Spruch: „Verehrung dir, der du in Gestalt des großen Wissens bist [?], dem Geber der Erkenntnis – Verehrung sei dir!“
Wort für Wort
saṃpūjya devadeveśam
nachdem man den Gott der Götter verehrt hat
imaṃ mantram udīrayet
spreche man diesen Spruch
namaste mahājñānarūpāya [?]
Verehrung dir, der du in Gestalt des großen Wissens bist
jñānadāya namo 'stu te
dem Geber der Erkenntnis, Verehrung sei dir
[?: „ghajñānarupāya“ im Quelltext stark verschrieben, sinngemäß als „mahājñānarūpāya“ (‚in Gestalt des großen Wissens‘) wiedergegeben; „namo 'stute“ als „namo 'stu te“ aufgelöst.]
„Verehrung dir, der du in Gestalt von allem bist [?], dem Geber aller Vollkommenheit!“ – nachdem man so den Herrn der Götter, Vāsudeva Janārdana, verehrt hat,
Wort für Wort
namaste sarvarūpāya [?]
Verehrung dir, der du in Gestalt von allem bist
sarvasiddhipradāyine
dem Geber aller Vollkommenheit
evaṃ praṇamya deveśaṃ
nachdem man so den Herrn der Götter verehrt hat
vāsudevaṃ janārdanam
Vāsudeva Janārdana
[?: „sravaparupāya“ im Quelltext stark verschrieben, sinngemäß als „sarvarūpāya“ (‚der du Gestalt von allem bist‘) wiedergegeben; „janārjanam“ verschrieben für „janārdanam“.]
rātrau jāgaraṇaṃ kuryādekādaśyāmatho dvija / dvādaśyāṃ ca trayodaśyāṃ caturdaśyāṃ jitendriyaḥ
halte man in der Nacht die Nachtwache, an der Ekādaśī, o Zweifachgeborener, und [ebenso] an der Dvādaśī, an der Trayodaśī und an der Caturdaśī, mit gezügelten Sinnen,
und ebenso an der Vollmondnacht – so ist, o Weiser, die Verehrung Viṣṇus zu vollziehen; an der Ekādaśī [und] an der Vollmondnacht ist ebenso die Nachtwache zu halten.
Wort für Wort
paurṇamāsyāṃ ca karttavyam
und an der Vollmondnacht ist zu vollziehen
evaṃ viṣṇvarcanaṃ mune
so die Verehrung Viṣṇus, o Weiser
ekādaśyāṃ paurṇamāsyāṃ
an der Ekādaśī, an der Vollmondnacht
karttavyaṃ jāgaraṃ tathā
ist ebenso die Nachtwache zu halten
[?: „paurṇanamāsyāṃ“ im Quelltext verschrieben für „paurṇamāsyāṃ“ (Vollmondtag).]
pañcāmṛtādipūjā tu sāmānyā dinapañcasu / kṣīreṇa snāpayedviṣṇuṃ paurṇamāsyāṃ tu śaktitaḥ / tilahomaśca karttavyastiladānaṃ tathaiva ca
Die Verehrung mit den fünf Nektargaben und anderem ist an allen fünf Tagen gleichermaßen [zu vollziehen]; an der Vollmondnacht aber bade man Viṣṇu nach Vermögen mit Milch, und ebenso sind das Sesam-Feueropfer und die Sesam-Gabe zu vollziehen.
Wort für Wort
pañcāmṛtādipūjā tu
die Verehrung mit den fünf Nektargaben und anderem aber
sāmānyā dinapañcasu
ist gleichermaßen an den fünf Tagen
kṣīreṇa snāpayed viṣṇuṃ
mit Milch bade man Viṣṇu
paurṇamāsyāṃ tu śaktitaḥ
an der Vollmondnacht aber nach Vermögen
tilahomaśca karttavyaḥ
und das Sesam-Feueropfer ist zu vollziehen
tiladānaṃ tathaiva ca
und ebenso die Sesam-Gabe
[Anm.: Dieser Vers hat im Quelltext drei statt der üblichen zwei Zeilen (sechs statt vier Pādas); vollständig übersetzt.]
tataḥ ṣaṣṭe dine prātpe nirvatyaṃ svāśramakriyām / saṃprāśya pañcagavyaṃ ca pūjayedvidhibaddharim
Dann, am sechsten Tag, vollziehe man am Morgen die eigenen Āśrama-Pflichten, nehme die fünf Kuhgaben (Pañcagavya) zu sich und verehre Hari nach Vorschrift.
Wort für Wort
tataḥ ṣaṣṭe dine prātaḥ
dann, am sechsten Tag, am Morgen
nirvartya svāśramakriyām
nachdem man die eigenen Āśrama-Pflichten vollzogen hat
saṃprāśya pañcagavyaṃ ca
und die fünf Kuhgaben zu sich genommen habend
pūjayed vidhivat harim
verehre man Hari nach Vorschrift
[?: „prātpe“ im Quelltext verschrieben für „prātaḥ“ (‚am Morgen‘); „nirvatyaṃ“ für „nirvartya“; „vidhibaddharim“ für „vidhivaddharim“ (‚Hari nach Vorschrift‘).]
danach speise man Brahmanen, nach Vermögen, wie es sich gebührt [?]; dann esse man selbst, mit den eigenen Verwandten zusammen, schweigend.
Wort für Wort
brāhmaṇān bhojayet paścāt
danach speise man Brahmanen
vibhave sati yathocitam [?]
nach Vermögen, wie es sich gebührt
tataḥ svabandhubhiḥ sārddhaṃ
dann mit den eigenen Verwandten zusammen
svayaṃ bhuñjīta vāgyataḥ
esse man selbst, schweigend
[?: „vibhave satyavāritam“ im Quelltext unklar/verschrieben; sinngemäß als „vibhave sati yathocitam“ (‚nach Vermögen, wie es sich gebührt‘) übersetzt.]
So soll der Mensch, o Nārada, in den Monaten von Pauṣa bis Kārttika, in der hellen Monatshälfte, das Gelübde vollziehen, der Vorschrift gemäß, wie zuvor.
Wort für Wort
evaṃ pauṣādimāseṣu [?]
so in den mit Pauṣa beginnenden Monaten
kārttikānteṣu nārada
bis Kārttika reichend, o Nārada
śuklapakṣe vrataṃ kuryāt
soll man in der hellen Monatshälfte das Gelübde vollziehen
pūrvam iva vidhinā naraḥ
der Mensch, der Vorschrift gemäß, wie zuvor
[?: „paupādimāseṣu“ im Quelltext verschrieben für „pauṣādimāseṣu“ (‚in den mit Pauṣa beginnenden Monaten‘).]
So ist das Gelübde, das die Sünde vernichtet, ein Jahr lang zu vollziehen; wenn dann wieder der Mārgaśīrṣa gekommen ist, vollziehe der Gelübdehalter die Abschlussfeier (Udyāpana).
Wort für Wort
evaṃ saṃvatsaraṃ kāryaṃ
so ist ein Jahr lang zu vollziehen
vrataṃ pāpapraṇāśanam
das Gelübde, das die Sünde vernichtet
punaḥ prāpte mārgaśīrṣe
wenn wieder der Mārgaśīrṣa gekommen ist
kuryād udyāpanaṃ vratī
vollziehe der Gelübdehalter die Abschlussfeier
[?: „prātpe“ im Quelltext verschrieben für „prāpte“ (‚gekommen‘); „udyapanaṃ“ für „udyāpanaṃ“ (Abschlussfeier).]
An der Ekādaśī bleibe man wie zuvor ohne Nahrung, o Zweifachgeborener; an der Dvādaśī nehme man mit gesammeltem Sinn die fünf Kuhgaben (Pañcagavya) zu sich.
Wort für Wort
ekādaśyāṃ nirāhāro bhavet
an der Ekādaśī bleibe man ohne Nahrung
pūrvam iva dvija
wie zuvor, o Zweifachgeborener
dvādaśyāṃ pañcagavyaṃ ca
an der Dvādaśī die fünf Kuhgaben
prāśayet susamāhitaḥ
nehme man zu sich, mit gesammeltem Sinn
[Anm.: Im Quelltext steht unmittelbar nach der Versmarkierung „V19“ das isolierte, offenbar dittographische Wortfragment „dvija /“, das am Ende der folgenden Zeile („...pūrvamiva dvija /“) nochmals erscheint; im sa-Feld literal in eckigen Klammern belassen, in der Übersetzung nicht doppelt wiedergegeben.]
Nachdem man den Gott der Götter, Janārdana, mit Duftstoffen, Blumen und anderem recht verehrt hat, gebe man, mit gezügelten Sinnen, dem Brahmanen ein Geschenk (Upāyana):
Wort für Wort
gandhapuṣpādibhiḥ samyak
mit Duftstoffen, Blumen und anderem recht
devadevaṃ janārdanam
den Gott der Götter, Janārdana
abhyarcya upāyanaṃ dadyāt
nachdem man verehrt hat, gebe man ein Geschenk
brāhmaṇāya jitendriyaḥ [?]
dem Brahmanen, mit gezügelten Sinnen
[?: „rūhyaṇāya“ im Quelltext stark verschrieben für „brāhmaṇāya“ (‚dem Brahmanen‘).]
– Milchreis, mit Honig vermischt, mit Ghee versehen und mit Früchten versehen, [dazu] einen mit duftendem Wasser gefüllten, vollen Krug samt Gabe (Dakṣiṇā),
den mit einem Tuch bedeckten Krug, mit fünf Juwelen versehen – man gebe [ihn] dem der Selbsterkenntnis (Adhyātma) kundigen Brahmanen, o Fürst der Weisen.
Wort für Wort
vastreṇācchāditaṃ kumbhaṃ
den mit einem Tuch bedeckten Krug
pañcaratnasamanvitam [?]
mit fünf Juwelen versehen
dadyād adhyātmaviduṣe
man gebe [ihn] dem der Selbsterkenntnis Kundigen
brāhmaṇāya munīśvara
dem Brahmanen, o Fürst der Weisen
[?: „pañcarantasamanvitam“ im Quelltext verschrieben für „pañcaratnasamanvitam“ (‚mit fünf Juwelen versehen‘).]
[Man spreche dabei:] „O Allseele, Herr aller Wesen, alldurchdringender, ewiger [Gott] – durch diese Gabe der höchsten Speise sei wohl zufrieden, o Mādhava!“
Nachdem man so den Milchreis gegeben hat, speise man danach [weitere] Brahmanen; dann esse man, nach Vermögen, mit den Verwandten zusammen, selbst, schweigend.
Dieses Gelübde ist von denen zu vollziehen, die die höchste Erlösung begehren; es gleicht einem Waldbrand für die ganze Wildnis der Sünden, o Zweifachgeborener.