Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 101: śrīliṅgapurāṇānukramaṇam Zusammenfassung des Liṅga-Purāṇa

Brahmā verkündet den von Śiva selbst im Feuer-Liṅga geoffenbarten, zweiteiligen Inhalt des Liṅga-Purāṇa: Schöpfung, Liṅga-Ursprung, zahlreiche Śiva-Mythen (Tripura, Andhaka, Jalandhara, Kāma-Verbrennung u.a.) sowie Ritual- und Verehrungslehren.

brahmovāca / śṛṇu putra pravakṣyāmi purāṇaṃ liṅgasaṃjñitam / paṭhatāṃ śṛṇvatāṃ caiva bhuktimuktipradāyakam

Brahmā sprach: Höre, mein Sohn, ich will [dir] das Purāṇa verkünden, das Liṅga genannt wird, das denen, die es lesen und hören, [weltlichen] Genuss und Erlösung gewährt.

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
śṛṇu putra pravakṣyāmi
höre, mein Sohn, ich will verkünden
purāṇaṃ liṅgasaṃjñitam
das Purāṇa, das Liṅga genannt wird
paṭhatāṃ śṛṇvatāṃ caiva
denen, die lesen und hören
bhuktimuktipradāyakam
Genuss und Erlösung gewährend

Anm.: Vor Versbeginn steht im Quelltext "iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge bṛhadupākhyāne brahmavaivartapurāṇānukramaṇīnirūpaṇaṃ nāmaikottaraśatatamo 'dhyāyāḥ // 101 //" (hier fehlt zudem 'caturthapāde', anders als in den übrigen Kapiteln). Dies ist der verschobene Abschluss-Kolophon des vorhergehenden Kapitels (Brahmavaivarta-Zusammenfassung), fälschlich mit der Nummer 101 versehen. Das tatsächliche Kapitel 101 behandelt das Liṅga-Purāṇa. Nicht als Vers übersetzt (vgl. Anm. zu Kap. 95, V1).

yacca liṅgābhidhaṃ tiṣṭhanvahniliṅge haro 'bhyadhāt / mahyaṃ dharmādisiddhyarthaṃ magnikalpakathāśrayam

Und was, als Liṅga bezeichnet, Hara, im Feuer-Liṅga weilend, mir zum Zweck der Erlangung von Dharma und Weiterem verkündete, gestützt auf die Erzählung des Agni-Kalpa —

Wort für Wort
yacca liṅgābhidhaṃ tiṣṭhan
und was, als Liṅga bezeichnet, weilend
vahniliṅge haro 'bhyadhāt
im Feuer-Liṅga Hara verkündete
mahyaṃ dharmādisiddhyarthaṃ
mir, zum Zweck der Erlangung von Dharma u.a.
magnikalpa[=agnikalpa]kathāśrayam
gestützt auf die Erzählung des Agni-Kalpa

Anm.: 'magnikalpa' im Quelltext vermutlich für 'agnikalpa' (Agni-Kalpa) verschrieben.

tadeva vyāsadevena bhāgadvayasamanvitam / purāṇaṃ liṅgamuditaṃ bahvākhyānavicitritam

— eben dies wurde von dem göttlichen Vyāsa, versehen mit zwei Teilen, als das Liṅga-Purāṇa verkündet, ausgeschmückt mit vielen Erzählungen.

Wort für Wort
tadeva vyāsadevena
eben dies wurde von dem göttlichen Vyāsa
bhāgadvayasamanvitam
versehen mit zwei Teilen
purāṇaṃ liṅgamuditaṃ
als das Liṅga-Purāṇa verkündet
bahvākhyānavicitritam
ausgeschmückt mit vielen Erzählungen

tadekādaśasāhasraṃ haramāhātmyasūcakam / paraṃ sarvapurāṇānāṃ sārabhūtaṃ jagattraye

Dieses, das elftausend [Verse umfasst], verkündet die Herrlichkeit Haras; es ist das Höchste unter allen Purāṇas, die Essenz [darstellend] in den drei Welten.

Wort für Wort
tadekādaśasāhasraṃ
dieses, elftausend [Verse]
haramāhātmyasūcakam
verkündet die Herrlichkeit Haras
paraṃ sarvapurāṇānāṃ
das Höchste unter allen Purāṇas
sārabhūtaṃ jagattraye
die Essenz in den drei Welten

purāṇopakrame praśnaḥ sṛṣṭiḥ saṃkṣepataḥ purā / yogākhyānaṃ tataḥ proktaṃ kalpākhyānaṃ tataḥ param

Am Beginn des Purāṇa steht die Frage, dann zunächst in Kürze die Schöpfung; danach wird die Erzählung vom Yoga gelehrt, danach die Erzählung vom Kalpa.

Wort für Wort
purāṇopakrame praśnaḥ
am Beginn des Purāṇa die Frage
sṛṣṭiḥ saṃkṣepataḥ purā
zunächst die Schöpfung in Kürze
yogākhyānaṃ tataḥ proktaṃ
danach wird die Erzählung vom Yoga gelehrt
kalpākhyānaṃ tataḥ param
danach die Erzählung vom Kalpa

liṅgodbhavastadaṃbā ca kīrtitā hi tataḥ param / sanatkumāraśailādisaṃvādaścātha pāvanaḥ

Die Entstehung des Liṅga, und danach wird auch die [Welten-]Mutter [d.h. die Göttin] verkündet; sodann auch das reinigende Gespräch zwischen Sanatkumāra und dem Berg[-fürsten] und Weiteren.

Wort für Wort
liṅgodbhavastadaṃbā ca
die Entstehung des Liṅga, und danach die Mutter [die Göttin]
kīrtitā hi tataḥ param
wird danach verkündet
sanatkumāraśailādisaṃvādaścātha
und sodann das Gespräch zwischen Sanatkumāra und dem Berg[-fürsten] u.a.
pāvanaḥ
das reinigende

tato dādhīcacaritaṃ yugadharmanirūpaṇam / tato bhuvana kośākhyā sūryasomānvayastataḥ

Danach das Leben des Dadhīci, die Darlegung des Zeitalter-Dharma; danach die 'Bhuvanakośa' genannte [Weltbeschreibung], danach die Abstammung von Sonne und Mond.

Wort für Wort
tato dādhīcacaritaṃ
danach das Leben des Dadhīci
yugadharmanirūpaṇam
die Darlegung des Zeitalter-Dharma
tato bhuvanakośākhyā
danach die 'Bhuvanakośa' genannte [Weltbeschreibung]
sūryasomānvayastataḥ
danach die Abstammung von Sonne und Mond

tataśca vistarātsargastripurākhyānakaṃ tathā / liṅgapratiṣṭhā ca tataḥ paśupāśavimokṣaṇam

Und danach ausführlich die Schöpfung, ebenso die kleine Erzählung von Tripura; danach die Weihe des Liṅga, und die Befreiung des [Seelen-]Tieres von der Fessel.

Wort für Wort
tataśca vistarātsargaḥ
und danach ausführlich die Schöpfung
tripurākhyānakaṃ tathā
ebenso die kleine Erzählung von Tripura
liṅgapratiṣṭhā ca tataḥ
danach die Weihe des Liṅga
paśupāśavimokṣaṇam
die Befreiung des [Seelen-]Tieres von der Fessel

śivavratāni ca tathā sadācāranirūpaṇam / prāyaścitānyariṣṭāni kāśīśrīśailavarṇanam

Ebenso die Śiva-Gelübde, die Darlegung des rechten Verhaltens; die Sühneriten, die Unglückszeichen, die Beschreibung von Kāśī und Śrīśaila.

Wort für Wort
śivavratāni ca tathā
und ebenso die Śiva-Gelübde
sadācāranirūpaṇam
die Darlegung des rechten Verhaltens
prāyaścitānyariṣṭāni
die Sühneriten, die Unglückszeichen
kāśīśrīśailavarṇanam
die Beschreibung von Kāśī und Śrīśaila

andhakākhyānakaṃ paścādvārāhacaritaṃ punaḥ / nṛsiṃhacaritaṃ paścājjalandharavadhastataḥ

Danach die kleine Erzählung von Andhaka, wiederum das Leben des [Śiva als] Varāha; danach das Leben des Nṛsiṃha, danach die Tötung des Jalandhara.

Wort für Wort
andhakākhyānakaṃ paścāt
danach die kleine Erzählung von Andhaka
vārāhacaritaṃ punaḥ
wiederum das Leben des Varāha
nṛsiṃhacaritaṃ paścāt
danach das Leben des Nṛsiṃha
jalandharavadhastataḥ
danach die Tötung des Jalandhara

śaivaṃ sahasranāmātha dakṣayajñavināśanam / kāmasya dahanaṃ paścādgirijāyāḥ karagrahaḥ

Das Śiva[-gewidmete] Tausendnamen[-Hymnus], sodann die Zerstörung von Dakṣas Opfer; danach die Verbrennung des Kāma, [und] die Ergreifung der Hand der Girijā [d.h. die Hochzeit].

Wort für Wort
śaivaṃ sahasranāmātha
das Śiva-Tausendnamen[-Hymnus], sodann
dakṣayajñavināśanam
die Zerstörung von Dakṣas Opfer
kāmasya dahanaṃ paścāt
danach die Verbrennung des Kāma
girijāyāḥ karagrahaḥ
die Ergreifung der Hand der Girijā

tato vināyakākhyānaṃ nṛpākhyānaṃ śivasya ca / upamanyukathā cāpi pūrvabhāga itīritaḥ

Danach die Erzählung von Vināyaka, die Königserzählung, und [weitere Erzählungen] von Śiva; auch die Erzählung von Upamanyu – so wird der Pūrvabhāga (vordere Teil) genannt.

Wort für Wort
tato vināyakākhyānaṃ
danach die Erzählung von Vināyaka
nṛpākhyānaṃ śivasya ca
die Königserzählung und [Erzählungen] von Śiva
upamanyukathā cāpi
auch die Erzählung von Upamanyu
pūrvabhāga itīritaḥ
so wird der Pūrvabhāga genannt

viṣṇumāhātmyakathanamaṃbarīṣakathā tataḥ / sanatkumāranandīśasaṃvādaśca punarmune

Die Erzählung von der Herrlichkeit Viṣṇus, danach die Erzählung von Ambarīṣa; und wiederum, o Weiser, das Gespräch zwischen Sanatkumāra und Nandīśa.

Wort für Wort
viṣṇumāhātmyakathanam
die Erzählung von der Herrlichkeit Viṣṇus
aṃbarīṣakathā tataḥ
danach die Erzählung von Ambarīṣa
sanatkumāranandīśasaṃvādaśca
und das Gespräch zwischen Sanatkumāra und Nandīśa
punarmune
wiederum, o Weiser

śivamāhā tmyaseyuktaḥ strānayāgādikaṃ tataḥ / sūryapūjāvidhiścaiva śivapūjā ca muktidā

Verbunden mit der Herrlichkeit Śivas, danach [Riten für] Frauen wie Opfer und Weiteres; die Vorschrift für die Sonnenverehrung, sowie die Erlösung gewährende Śiva-Verehrung.

Wort für Wort
śivamāhātmya[se]yuktaḥ [?]
verbunden mit der Herrlichkeit Śivas [unsichere Lesung]
strānayāgādikaṃ [?] tataḥ
danach [Riten für] Frauen wie Opfer u.a. [unklar]
sūryapūjāvidhiścaiva
und die Vorschrift für die Sonnenverehrung
śivapūjā ca muktidā
und die Erlösung gewährende Śiva-Verehrung

Anm.: 'śivamāhātmyaseyuktaḥ' und 'strānayāgādikaṃ' im Quelltext unklar/verderbt; sinngemäß als 'śivamāhātmyasaṃyuktaḥ' bzw. 'strī-yāga-ādikaṃ' ('Riten für Frauen wie Opfer u.a.') gedeutet [?].

dānāni bahudhāktāni śrāddhaprakaraṇaṃ tataḥ / pratiṣṭhātaṃ tramuditaṃ tato 'ghorasya kīrtanam

Die vielfach genannten Spenden(-arten), danach das Kapitel über die Ahnenopfer; die Weihe-Lehrschrift wird verkündet, danach die Verkündung des Aghora.

Wort für Wort
dānāni bahudhāktāni
die vielfach genannten Spenden
śrāddhaprakaraṇaṃ tataḥ
danach das Kapitel über die Ahnenopfer
pratiṣṭhātaṃtram[=pratiṣṭhātantram] uditaṃ
die Weihe-Lehrschrift wird verkündet
tato 'ghorasya kīrtanam
danach die Verkündung des Aghora

Anm.: 'pratiṣṭhātaṃtramuditaṃ' im Quelltext vermutlich für 'pratiṣṭhātantram uditaṃ' verschrieben.

vajreśvarī mahāvidyā gāyatrīmahimā tataḥ / tryaṃbakasya ca māhātmyaṃ purāṇaśravaṇasya ca

Vajreśvarī, die große Weisheitsgöttin, danach die Herrlichkeit der Gāyatrī; die Herrlichkeit des Tryambaka, und die des Hörens des Purāṇa.

Wort für Wort
vajreśvarī mahāvidyā
Vajreśvarī, die große Weisheitsgöttin
gāyatrīmahimā tataḥ
danach die Herrlichkeit der Gāyatrī
tryaṃbakasya ca māhātmyaṃ
und die Herrlichkeit des Tryambaka
purāṇaśravaṇasya ca
und die des Hörens des Purāṇa

evaṃ coparibhāgaste laiṅgasya kathito mayā / vyāsena hi nibaddhasya rudrāmāhātmyasūcitaḥ

So wurde dir von mir der obere (zweite) Teil des von Vyāsa verfassten Liṅga[-Purāṇa] dargelegt, das die Herrlichkeit Rudras verkündet.

Wort für Wort
evaṃ coparibhāgaste
so [wurde] dir der obere (zweite) Teil
laiṅgasya kathito mayā
des Liṅga[-Purāṇa] von mir dargelegt
vyāsena hi nibaddhasya
des von Vyāsa verfassten
rudrāmāhātmyasūcitaḥ
das die Herrlichkeit Rudras verkündet

likhitvaitatpurāṇaṃ tu tiladhenusamanvitam / phaālgunyāṃ pūrṇimāyāṃ yo dadyādbhaktyā dvijātaye

Wer aber dieses Purāṇa niederschreiben lässt und, versehen mit einer Sesam-Kuh, am Vollmondtag des [Monats] Phālguna mit Hingabe einem Zweifachgeborenen [Brahmanen] schenkt,

Wort für Wort
likhitvaitatpurāṇaṃ tu
wer aber dieses Purāṇa niederschreiben lässt
tiladhenusamanvitam
versehen mit einer Sesam-Kuh
phaālgunyāṃ[=phālgunyāṃ] pūrṇimāyāṃ
am Vollmondtag des Monats Phālguna
yo dadyādbhaktyā dvijātaye
wer mit Hingabe einem Brahmanen schenkt

Anm.: 'phaālgunyāṃ' im Quelltext für 'phālgunyāṃ' (Schreibfehler, doppeltes 'a').

sa labhecchivasāyujyaṃ jarāmaraṇavarjitam / yaḥ paṭecchṛṇuyādvāpi laiṅgaṃ pāpāpahaṃ naraḥ

der erlangt die Vereinigung mit Śiva, frei von Alter und Tod. Welcher Mensch das sündentilgende Liṅga[-Purāṇa] liest oder auch hört,

Wort für Wort
sa labhecchivasāyujyaṃ
der erlangt die Vereinigung mit Śiva
jarāmaraṇavarjitam
frei von Alter und Tod
yaḥ paṭecchṛṇuyādvāpi
welcher [Mensch es] liest oder auch hört
laiṅgaṃ pāpāpahaṃ naraḥ
das sündentilgende Liṅga[-Purāṇa], welcher Mensch

sa bhuktabhogo loke 'sminnante śivapuraṃ vrajet / liṅgānukramaṇīmetāṃ paṭhedyaḥ śṛṇuyāttathā

der geht, nachdem er in dieser Welt seine Genüsse genossen hat, am Ende in die Stadt Śivas ein. Wer diese Zusammenfassung des Liṅga[-Purāṇa] liest oder ebenso hört,

Wort für Wort
sa bhuktabhogo loke 'sminn
der, nachdem er in dieser Welt seine Genüsse genossen hat
ante śivapuraṃ vrajet
geht am Ende in die Stadt Śivas ein
liṅgānukramaṇīmetāṃ
diese Zusammenfassung des Liṅga[-Purāṇa]
paṭhedyaḥ śṛṇuyāttathā
wer liest oder ebenso hört

tāvubhau śivabhaktau tu lokadvitayabhoginau / jāyatāṃ girijābhartuḥ prasādānnātra saṃśayaḥ

die beiden [Sprecher und Hörer] werden, als Śiva-Verehrer, zu Genießern beider Welten – durch die Gnade des Gemahls der Girijā [Śivas] – daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
tāvubhau śivabhaktau tu
die beiden, als Śiva-Verehrer
lokadvitayabhoginau
zu Genießern beider Welten
jāyatāṃ girijābhartuḥ prasādāt
werden durch die Gnade des Gemahls der Girijā
nātra saṃśayaḥ
daran ist kein Zweifel

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