Kapitel 3: bhaktimāhātmyaṃ mṛkaṇḍumuniupākhyānaṃ ca
Das Lob der Hingabe und die Erzählung vom Weisen Mṛkaṇḍu
Anm.: Quelle NarP_1,4.1-99 (GRETIL/Sansknet, unkorrigiert). Inhalt: Sanaka lehrt Nārada die Überlegenheit von śraddhā (Glauben) und bhakti (Hingabe) gegenüber Ritual ohne Hingabe, sowie die Bedeutung des satsaṅga (Gemeinschaft mit den Guten) und des rechten Standesbrauchs (V.1-38); auf Nāradas Frage nach den Bhāgavatas (Verehrern) hin erzählt Sanaka die Rahmengeschichte vom Weisen Mṛkaṇḍu (Vater des Mārkaṇḍeya), dessen gewaltige Askese die Götter alarmiert, die daraufhin Viṣṇu um Beistand bitten; Viṣṇu beruhigt sie und erscheint anschließend selbst dem Mṛkaṇḍu inmitten seiner Meditation über Viṣṇus kosmischen Schlaf auf dem Banyanblatt während der Weltauflösung (V.39-83); nach Mṛkaṇḍus Lobpreis gewährt Viṣṇu ihm den Segen, selbst als sein Sohn geboren zu werden (V.84-99) - Vorgeschichte zur Geburt des Mārkaṇḍeya.
Sanaka sprach: Alle Pflichten setzen Glauben (śraddhā) voraus und gewähren die Frucht des Herzenswunsches; durch Glauben wird alles vollbracht, durch Glauben wird Hari zufriedengestellt.
Hingabe muss eben durch Hingabe geübt werden, ebenso die Werke durch Hingabe; Werke, die des Glaubens entbehren, gelingen nicht, o bester Zweifachgeborener.
Wort für Wort
bhaktiḥ bhaktyā eva karttavyā
Hingabe muss eben durch Hingabe geübt werden
tathā karmāṇi bhaktitaḥ
ebenso die Werke durch Hingabe
karmāṇi śraddhāvihīnāni
Werke, die des Glaubens entbehren
na sidhyanti dvijottama
gelingen nicht, o bester Zweifachgeborener
[?] "dvijo tamāḥ" vermutlich für "dvijottama" (Vok. "o bester Zweifachgeborener").
Wer Glauben hat, erlangt die Pflicht; wer Glauben hat, erlangt Reichtum; durch Glauben wird das Verlangen erreicht; wer Glauben hat, erlangt die Erlösung.
na dānairna tapobhirvā yajñairvā bahudakṣiṇaiḥ /
bhaktihīnermuniśceṣṭha tuṣyate bhagavānhariḥ //
Nicht durch Gaben, nicht durch Askese, nicht durch Opfer mit reichen Priestergaben, wenn sie der Hingabe entbehren, o Bester der Weisen, wird der erhabene Hari zufriedengestellt.
Selbst wenn man Gold, meru-groß, zu vielen Millionen mal Millionen gegeben hat, geschieht dies doch nur zur Vergeudung des Vermögens, wenn es der Hingabe entbehrt.
Askese, die ohne Hingabe geübt wird, ist nur eine Austrocknung des Körpers; eine Opfergabe, die ohne Hingabe dargebracht wird, gleicht einer in Asche geschütteten Opfergabe.
Die höchste Hingabe an Hari gilt für die Menschen als der Wunschkuh gleich; obwohl sie vorhanden ist, trinken die Toren, ach, das Gift des Daseinskreislaufs.
In diesem wesenlosen Daseinskreislauf ist dies die einzige Substanz, o Sohn des Ungeborenen: die Gemeinschaft mit den Verehrern des Erhabenen und die beständige Hingabe an Hari.
Wort für Wort
asārabhūte saṃsāre
in diesem wesenlosen Daseinskreislauf
sāram etat ajātmaja
ist dies die Substanz, o Sohn des Ungeborenen
bhagavadbhaktasaṅgaḥ ca
und die Gemeinschaft mit den Verehrern des Erhabenen
haribhaktiḥ [?]
und die [beständige] Hingabe an Hari
[Anm.: "ajātmaja" ("Sohn des Ungeborenen/Brahmā") ist eigentlich Sanakas eigenes Epitheton, nicht das des angesprochenen Nārada - im Quelltext hier unklar/inkonsistent verwendet, unverändert übersetzt. [?] "stitikṣutā" unsicher, sinngemäß als "beständige [Hingabe]" gedeutet.]
Denen, die nach äußerem Glanz trachten, deren Sinn an heuchlerischem Gebaren Gefallen findet, die ihr Werk verlogen vollziehen - ihnen bleibt Hari fern.
pṛcchatāṃ ca mahādharṃmānvadatāṃ vai mṛṣā ca tān /
dharmeṣvabhaktimanasāṃ teṣāṃ dūrataro hariḥ //
Und denen, die nach den großen Pflichten fragen, sie aber nur zum Schein aussprechen, deren Geist den Pflichten keine Hingabe entgegenbringt - ihnen bleibt Hari fern.
Wort für Wort
pṛcchatāṃ ca mahādharmān
und denen, die nach den großen Pflichten fragen
vadatāṃ vai mṛṣā ca tān
sie aber fürwahr nur zum Schein aussprechen
dharmeṣu abhaktimanasām
deren Geist den Pflichten keine Hingabe entgegenbringt
vedapraṇihito dharṃmo dharṃmo vedo nārāyaṇaḥ paraḥ /
tatrāśraddhāparā ye tu teṣāṃ dūrataro hariḥ //
Die im Veda begründete Pflicht ist wahre Pflicht, die Pflicht ist der Veda, und Nārāyaṇa ist das Höchste; wer aber diesem ohne Glauben gegenübersteht - ihm bleibt Hari fern.
svācāramanatikramya haribhaktiparo hi yaḥ /
sa yāti viṣṇubhavanaṃ yadvai paśyanti sūrayaḥ //
Wer, ohne den eigenen Brauch zu überschreiten, der Hingabe an Hari ergeben ist, der gelangt fürwahr zu Viṣṇus Wohnstatt, die die Weisen im Geiste erschauen.
kurvanvedoditāndharṃmānmunīndra svāśramocitān /
haridhyānaparoyastu sa yāti paramaṃ padam //
Wer, die im Veda verkündeten, dem eigenen Lebensstand entsprechenden Pflichten vollziehend, o Fürst der Weisen, der Hari-Meditation ergeben ist, der gelangt zum höchsten Ort.
Wort für Wort
kurvan vedoditān dharmān
die im Veda verkündeten Pflichten vollziehend
munīndra svāśramocitān
o Fürst der Weisen, dem eigenen Lebensstand entsprechend
Aus dem rechten Brauch entspringt die Pflicht, und der Herr der Pflicht ist der Unvergängliche; durch den, der dem Brauch des Lebensstandes gemäß handelt, wird Hari beständig verehrt.
Wort für Wort
ācāraprabhavo dharmaḥ
aus dem Brauch entspringt die Pflicht
dharmasya prabhuḥ acyutaḥ
der Herr der Pflicht ist der Unvergängliche
āśramācārayuktena
durch den, der dem Brauch des Lebensstandes gemäß handelt
yaḥ svācāraparibhraṣṭaḥ sāṅgavedāntago 'pi vā /
sa eva patito jñeyo yataḥ karmabahiṣkṛtaḥ //
Wer vom eigenen Brauch abgefallen ist, selbst wenn er die Veden samt Zubehör und Vedānta beherrscht - eben der ist als gefallen zu erkennen, da er aus dem Werk ausgeschlossen ist.
Wort für Wort
yaḥ svācāraparibhraṣṭaḥ
wer vom eigenen Brauch abgefallen ist
sāṅgavedāntagaḥ api vā
selbst wenn er Veden samt Zubehör und Vedānta beherrscht
Auch wer der Hari-Hingabe oder der Hari-Meditation ergeben ist - wer vom Brauch seines eigenen Lebensstandes abgefallen ist, der wird 'gefallen' genannt.
Wort für Wort
haribhaktiparaḥ vā api
auch wer der Hari-Hingabe ergeben ist
haridhyānaparaḥ api vā
oder der Hari-Meditation ergeben ist
bhraṣṭo yaḥ svāśramācārāt
wer vom Brauch des eigenen Lebensstandes abgefallen ist
Weder der Veda, noch die Hari-Hingabe, noch die Hingabe an den großen Herrn läutert den Toren, der vom rechten Brauch abgefallen ist, o Bester der Zweifachgeborenen.
Das Aufsuchen heiliger Stätten, das Verweilen an heiligen Pilgerorten, oder mannigfaches Opfer - nichts davon schützt den, der den rechten Brauch aufgegeben hat, o Brahmane.
Durch rechten Brauch wird der Himmel erlangt, durch Brauch wird Glück erlangt, durch Brauch wird Erlösung erlangt - was wird durch Brauch nicht erlangt?
Wenn einem, der dem Brauch seines eigenen Lebensstandes gemäß handelt, Hingabe an Hari zuteilwird, dann gibt es keinen ihm Gleichen in den drei Welten, o Sohn des Ungeborenen.
Wort für Wort
svāśramācārayuktasya
wer dem Brauch des eigenen Lebensstandes gemäß handelt
Durch Hingabe gelingen die Werke, durch die Werke wird Hari mit den Werken zufriedengestellt; wenn er zufrieden ist, entsteht Erkenntnis, durch Erkenntnis wird Erlösung erlangt.
Wort für Wort
bhaktyā sidhyanti karmāṇi
durch Hingabe gelingen die Werke
karmāṇi karmābhiḥ tuṣyate hariḥ
durch die Werke wird Hari mit den Werken zufriedengestellt
Die Hingabe aber entsteht fürwahr durch die Gemeinschaft mit den Verehrern des Erhabenen; diese Gemeinschaft erlangen die Menschen durch früher angehäufte gute Werke.
Wort für Wort
bhaktiḥ tu bhagavadbhaktasaṅgena
die Hingabe aber durch die Gemeinschaft mit den Verehrern
Die, die am Brauch von Stand und Lebensstadium Gefallen finden und nach Hingabe an den Erhabenen verlangen, frei von den Fehlern wie Begierde und dergleichen - sie sind die Guten, die Lehrer der Welt.
Wort für Wort
varṇāśramācāraratāḥ
die am Brauch von Stand und Lebensstadium Gefallen finden
Die höchste Gemeinschaft mit den Guten, o Brahmane, wird von denen, deren Selbst ungeläutert ist, nicht erlangt; wenn sie doch erlangt wird, ist dies als in früheren Geburten erworbenes Verdienst zu erkennen.
Wort für Wort
satsaṅgaḥ paramo brahman
die höchste Gemeinschaft mit den Guten, o Brahmane
na labhyeta akṛtātmanām
wird von denen, deren Selbst ungeläutert ist, nicht erlangt
yadi labhyeta vijñeyam
wenn sie doch erlangt wird, ist zu erkennen
puṇyaṃ janmāntarārjitam
als in früheren Geburten erworbenes Verdienst
[?] "sastaṅgaḥ" vermutlich für "satsaṅgaḥ" ("Gemeinschaft mit den Guten").
ravirhi raśimajālena divā hantibahistamaḥ /
santaḥ sūktimarīcyoścāntardhvāntaṃ hi sarvadā //
Die Sonne fürwahr vertreibt tagsüber mit dem Netz ihrer Strahlen die äußere Finsternis; die Guten vertreiben mit den Strahlen ihrer wohlgesprochenen Worte allezeit die innere Finsternis.
Wort für Wort
raviḥ hi raśimajālena
die Sonne fürwahr mit dem Netz ihrer Strahlen
divā hanti bahiḥ tamaḥ
vertreibt tagsüber die äußere Finsternis
santaḥ sūktimarīcyoḥ
die Guten mit den Strahlen ihrer wohlgesprochenen Worte
Selten sind in der Welt die Menschen, die nach Hingabe an den Erhabenen verlangen; wem die Gemeinschaft mit ihnen zuteilwird, dessen Friede ist fürwahr ewig.
Denn du bist ein Verehrer des Herrn der Lakṣmī, des Gottes der Götter, des Wunderbaren; du bist fähig, dies darzulegen - es gibt niemand Höheren als dich dafür.
...der am Ende des Zeitalters in schrecklicher Gestalt das Weltenei verschlingt, wenn die Welt zu einem einzigen Ozean geworden, das Bewegliche und Unbewegliche vernichtet ist.
Wort für Wort
yugānte raudrarupeṇa
am Ende des Zeitalters in schrecklicher Gestalt
brahmāṇḍagrāhitaḥ
das Weltenei verschlingend
jagati ekārṇavībhūte
wenn die Welt zu einem Ozean geworden
naṣṭe sthāvarajaṅgame
das Bewegliche und Unbewegliche vernichtet
[?] "brahmāṇḍagrāhitaḥ" unsichere Form, sinngemäß als "das Weltenei ergreifend/verschlingend" gedeutet.
...der erhabene Hari selbst, dessen Wesen Śeṣa ist, schläft auf dem Banyanblatt, dessen Körperhaare durch unzählige, mit dem Lotos-Geborenen beginnende Wesen geschmückt sind.
Wort für Wort
bhagavān eva śeṣātmā
der erhabene, dessen Wesen Śeṣa ist
śete vaṭadale hariḥ
schläft Hari auf dem Banyanblatt
asaṃkhyātābjajanmādyaiḥ
durch unzählige, mit dem Lotos-Geborenen beginnende
ābhūṣitatanūrūhaḥ
dessen Körperhaare geschmückt sind
[Anm.: vermutlich Anspielung auf das Motiv, dass in Viṣṇus Körperhaaren/-poren unzählige Universen samt ihren Brahmās enthalten sind.]
...rein durch das aus der Spitze seiner Fußzehe entspringende kühle Gaṅgā-Wasser, der Gott, feiner als das Feinste, erfüllt vom Verschlingen des Welteis.
...lag schlafend auf dem Banyanblatt, mit aller Kraft ausgestattet. An jenem Ort verweilte der hochgesegnete, Nārāyaṇa ergebene Mārkaṇḍeya, stehend, die Spiele jenes großen Herrn erschauend.
Wort für Wort
vaṭacchade śayānaḥ abhūt
lag schlafend auf dem Banyanblatt
sarvaśaktisamanvitaḥ
mit aller Kraft ausgestattet
tasmin sthāne mahābhāgo
an jenem Ort der hochgesegnete
nārāyaṇaparāyaṇaḥ mārkaṇḍeyaḥ sthitaḥ
Nārāyaṇa ergebene Mārkaṇḍeya, stehend
tasya līlāḥ paśyan maheśituḥ
die Spiele jenes großen Herrn erschauend
[Anm.: Vers enthält drei statt zwei Pādas in der Quelle.]
Die Weisen sprachen: In jener schrecklichen Zeit, als das Bewegliche und Unbewegliche vernichtet war, war allein Hari übriggeblieben - so haben wir, o Weiser, früher fürwahr gehört.
Wort für Wort
ṛṣaya ūcuḥ
die Weisen sprachen
tasmin kāle mahāghore
in jener schrecklichen Zeit
naṣṭe sthāvarajaṅgame
als das Bewegliche und Unbewegliche vernichtet war
jagatyekārṇavībhūte naṣṭe sthāvarañjagame /
sarvagrastena hariṇā kimarthaṃ so 'vaśeṣitaḥ //
Als die Welt zu einem einzigen Ozean geworden, das Bewegliche und Unbewegliche vernichtet war - weshalb wurde er von Hari, der alles verschlungen hatte, übriggelassen?
Die Götter sprachen: O Nārāyaṇa, Unvergänglicher, Unendlicher, Beschützer der Schutzsuchenden - schütze uns, die wir, von Mṛkaṇḍus Askese erschreckt, Zuflucht gesucht haben.
Wort für Wort
devā ūcuḥ
die Götter sprachen
nārāyaṇa akṣara ananta
o Nārāyaṇa, Unvergänglicher, Unendlicher
śaraṇāgatapālaka
Beschützer der Schutzsuchenden
mṛkaṇḍutapasā trastān pāhi
schütze [uns], die von Mṛkaṇḍus Askese Erschreckten
Heil dir, Herr der Götter der Götter! Heil dir, Träger von Muschelhorn und Keule! Heil dem, dessen Wesen die Welt ist! Heil dem, der die Ursache des Weltenei ist!
Verehrung dir, dem durch Meditation zu Erreichenden! Verehrung dir, der Ursache der Meditation! Verehrung dir, dessen Gestalt die Meditation ist! Verehrung dir, [?].
Wort für Wort
namaste dhyānagamyāya
Verehrung dir, dem durch Meditation zu Erreichenden
namaste dhyānahetave
Verehrung dir, der Ursache der Meditation
namaste dhyānarupāya
Verehrung dir, dessen Gestalt die Meditation ist
namaste dhyāna-[?]
Verehrung dir, [?]
[?] "dhyānapākṣiṇe" unklar/vermutlich verderbt, nicht sicher deutbar.
keśihantre namastubhyaṃ madhuhantre parātmane /
namo bhūmyādirūpāya namaścaitanyarupiṇe //
Dem Töter des Keśin sei Verehrung dir, dem Töter des Madhu, dem höchsten Selbst! Verehrung dem, dessen Gestalt die Erde und die übrigen Elemente sind, Verehrung dem, dessen Wesen das Bewusstsein ist!
namo jyeṣṭāya śuddhāya nirguṇāya guṇātmane /
arupāya svarupāya bahurupāya te namaḥ //
Verehrung dem Ältesten, dem Reinen, dem Eigenschaftslosen, dessen Wesen doch die Guṇas sind! Dem Gestaltlosen, dem in seiner Eigengestalt, dem Vielgestaltigen sei Verehrung dir!
Wort für Wort
namo jyeṣṭāya śuddhāya
Verehrung dem Ältesten, dem Reinen
nirguṇāya guṇātmane
dem Eigenschaftslosen, dessen Wesen die Guṇas sind
namo brahmaṇyadevāya gobrāhmaṇahitāya ca /
jagaddhitāya kṛṣṇāya govindāya namonamaḥ //
Verehrung dem den Brahmanen gewogenen Gott, und dem den Kühen und Brahmanen Wohltuenden! Dem der Welt Wohltuenden, Kṛṣṇa, Govinda - Verehrung, immer wieder Verehrung!
namo hikṣamagarbhāya namo brahmādirupiṇe /
namaḥ sūryyādirupāya havyakavyabhuje namaḥ //
Verehrung dem [?], Verehrung dem, dessen Gestalt Brahmā und die anderen Götter sind! Verehrung dem, dessen Gestalt die Sonne und die anderen Gestirne sind, dem Genießer der Havya- und Kavya-Opfergaben, Verehrung!
Wort für Wort
namo [?]-garbhāya
Verehrung dem [?]
namo brahmādirupiṇe
Verehrung dem, dessen Gestalt Brahmā usw. ist
namaḥ sūryyādirupāya
Verehrung dem, dessen Gestalt die Sonne usw. ist
havyakavyabhuje namaḥ
dem Genießer der Havya-/Kavya-Gaben Verehrung
[?] "hikṣamagarbhāya" unklar/vermutlich verderbt, evtl. "kṣamāgarbhāya" ("dessen Inneres die Erde/Geduld ist") - nicht sicher deutbar.
namo nityāya vandyāya sadānandaikarupiṇe /
namaḥ smṛtārtināśāya bhūyo bhūyo namo namaḥ //
Verehrung dem Ewigen, dem Verehrungswürdigen, dessen einzige Gestalt die immerwährende Wonne ist! Verehrung dem, der beim Gedenken das Leid vernichtet - immer wieder, immer wieder Verehrung, Verehrung!
Wort für Wort
namo nityāya vandyāya
Verehrung dem Ewigen, dem Verehrungswürdigen
sadānandaikarupiṇe
dessen einzige Gestalt die immerwährende Wonne ist
namaḥ smṛtārtināśāya
Verehrung dem, der beim Gedenken das Leid vernichtet
Nachdem er so das Lob der Götter vernommen hatte, wurde der erhabene Gemahl der Lotosgöttin, der Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule, ihnen sichtbar.
[Er erschien] mit Augen wie aufgeblühte Lotosblätter, von einem Glanz wie zehn Millionen Sonnen, mit allem Schmuck versehen, an dessen Brust das Śrīvatsa-Zeichen prangte.
Als sie ihn erblickten, deren eigener Glanz von jenem Glanz überstrahlt war, erwiesen die Götterscharen freudvoll Verehrung, indem sie sich mit den acht Gliedern zu Boden warfen.
Wort für Wort
taṃ dṛṣṭvā devasaṃghāḥ te
als sie ihn erblickten, die Götterscharen
tattejohatatejasaḥ
deren eigener Glanz von jenem Glanz überstrahlt war
namaścakrur mudā yuktāḥ
erwiesen freudvoll Verehrung
aṣṭāṅgena avaniṃ gatāḥ
indem sie sich mit den acht Gliedern zu Boden warfen
Dann sprach der erhabene, mit einer Stimme tief wie Donnergewölk, gnädig gestimmt, zu den sich verneigenden, von Indra angeführten Göttern, sie erfreuend.
śrībhagavānuvāca
jāne vo mānasaṃ duḥkhaṃ mṛkaṇḍutapasoṅgam /
yuṣmānna bādhate devāḥ sa ṛṣiḥ sajjanāgrāṇīḥ //
Der erhabene Herr sprach: Ich kenne euren seelischen Kummer, entstanden aus Mṛkaṇḍus Askese; aber jener Weise, der Erste unter den Guten, wird euch, o Götter, nicht schaden.
Wort für Wort
śrībhagavānuvāca
der erhabene Herr sprach
jāne vo mānasaṃ duḥkham
ich kenne euren seelischen Kummer
mṛkaṇḍutapasaḥ [?]
entstanden aus Mṛkaṇḍus Askese
yuṣmān na bādhate devāḥ
wird euch nicht schaden, o Götter
sa ṛṣiḥ sajjanāgrāṇīḥ
jener Weise, der Erste unter den Guten
[?] "tapasoṅgam" unsicher, sinngemäß als "aus [seiner] Askese entstanden" gedeutet.
Wie könnte ein Mensch, der fürwahr von den drei sogenannten Leiden bedrängt wird, imstande sein, einen anderen zu quälen - wie sollte er dann noch ein Guter sein?
yo lokahitakṛnmartyo gatāsuryo vimatsaraḥ /
niḥśaṅgaḥ procyate sadbhirihāmutra ca sattamāḥ //
Der Sterbliche, der der Welt Wohltat erweist, frei vom Anhaften am eigenen Leben, frei von Neid - er wird von den Guten als 'ungebunden' bezeichnet, sowohl hier als auch im Jenseits.
Und ich bin euer Beschützer - ergeht euch nach Belieben. So sprechend, ihnen einen Segen gewährend, verschwand der, dessen Glanz dem der Leinblüte gleicht.
Mit von Wonneschauer gesträubtem Körper, die Augen von Freudentränen erfüllt, verneigte er sich, wie ein Stab zu Boden fallend, vor dem ewigen Gott der Götter.
Mṛkaṇḍu sprach: Verehrung dem höchsten Herrn, dessen Gestalt das höchste Selbst ist, dem Höchsten über dem Höchsten über dem Höchsten! Dem, dessen Grenze unerreichbar ist, dem Urheber des Höchsten sei Verehrung, dem Höchsten unter den Höchsten, dem, der über das Höchste hinausführt!
Wort für Wort
namaḥ pareśāya
Verehrung dem höchsten Herrn
parātmarupiṇe
dessen Gestalt das höchste Selbst ist
parātparasmāt parataḥ parāya
dem Höchsten über dem Höchsten über dem Höchsten
apārapārāya parānukartre
dem, dessen Grenze unerreichbar, dem Urheber des Höchsten
namaḥ parebhyaḥ parapāraṇāya
Verehrung dem Höchsten unter den Höchsten, der über das Höchste hinausführt
[Anm.: dichtes Wortspiel mit "para" ("höher/jenseits"), im Deutschen nicht restlos nachbildbar; sinngemäß wiedergegeben.]
Ihn, der frei ist von den Unterscheidungen wie Name, Geburtsstand und dergleichen, dessen Wesen jenseits der Fehler von Wort und dergleichen ist, der, obgleich vielgestaltig, doch makellos ist - jenen preiswürdigen höchsten Herrn verehre ich.
Wort für Wort
yo nāmajātyādivikalpahīnaḥ
der frei von den Unterscheidungen wie Name, Geburtsstand ist
śabdādidoṣavyatirekarupaḥ
dessen Wesen jenseits der Fehler von Wort usw. ist
Den nur am Ende aller Erkenntnis von den Göttern zu erfassenden, uralten Puruṣa, dessen Wesen die Welt mit Hiraṇyagarbha und den anderen Göttern ist, den Unvergleichlichen, den den hingebungsvollen Menschen Mitfühlenden, verehre ich - den Herrn von allem, den von Anbeginn Preiswürdigen.
Wort für Wort
devāntavedyaṃ puruṣaṃ purāṇam
den nur am Ende von den Göttern zu erfassenden, uralten Puruṣa
hiraṇyagarbhādijagatsvarupam
dessen Wesen die Welt mit Hiraṇyagarbha usw. ist
anūpamaṃ bhaktijanānukampinam
den Unvergleichlichen, den Verehrern Mitfühlenden
bhajāmi sarveśvaram ādimīḍyam
verehre ich, den Herrn von allem, von Anbeginn Preiswürdigen
paśyanti yaṃ vītasamastadoṣā dhyānaikaniṣṭhā vigataspṛhāśca /
nivṛttamohāḥ paramaṃ pavitraṃ nato 'smi saṃsāranirvarttakaṃ tam //
Ihn, den die von allen Fehlern Freien, allein der Meditation Ergebenen, von Verlangen Freien, von Verblendung Abgekehrten erschauen, den höchsten Reinen - ihm, der dem Daseinskreislauf ein Ende setzt, verneige ich mich.
Wort für Wort
paśyanti yaṃ vītasamastadoṣāḥ
den die von allen Fehlern Freien erschauen
dhyānaikaniṣṭhā vigataspṛhāḥ ca
allein der Meditation Ergebenen, von Verlangen Freien
nivṛttamohāḥ paramaṃ pavitram
von Verblendung Abgekehrten, den höchsten Reinen
nato 'smi saṃsāranirvarttakaṃ tam
ihm, der dem Daseinskreislauf ein Ende setzt, verneige ich mich
Ich verneige mich vor Viṣṇu, der beim Gedenken das Leid vernichtet, dem Beschützer der Schutzsuchenden, dem von der Welt zu Verehrenden, der Wohnstatt der Welt, dem höchsten Herrn, dem Quell des Mitgefühls.
Wort für Wort
smṛtārtināśanaṃ viṣṇum
Viṣṇu, der beim Gedenken das Leid vernichtet
śaraṇāgatapālakam
den Beschützer der Schutzsuchenden
jagatsevyaṃ jagaddhāma
den von der Welt zu Verehrenden, die Wohnstatt der Welt
Den selbst Brahmā und die anderen Götter nicht erschauen, ebensowenig die Yogis von strengem Gelübde, die Rechtschaffenen, selbst die Geweihten, die von Leidenschaft Freien, die Neidlosen...
Wort für Wort
brahmādyā yaṃ na paśyanti
den Brahmā und die anderen nicht erschauen
yoginaḥ saṃśitavratāḥ
die Yogis von strengem Gelübde
dharmiṣṭā dīkṣitāḥ api
die Rechtschaffenen, selbst die Geweihten
vītarāgā vimatsarāḥ
die von Leidenschaft Freien, die Neidlosen
[?] "na vaśyanti" ergibt keinen Sinn, als "na paśyanti" ("nicht erschauen") gedeutet.
Ihn, den höchsten Glanzort, erschaue ich - was für einen anderen Segen sollte ich da erbitten? Eben dadurch bin ich am Ziel, o Janārdana, Träger der Welt.
śrībhagavānuvāca
satyatpruktaṃ tvayā brahmānprīno 'smi tava paṇḍita /
madṛrśanaṃ hi viphalaṃ na kadācidbhaviṣyati //
Der erhabene Herr sprach: Wahr ist, was du gesprochen hast, o Brahmane; ich bin erfreut über dich, o Gelehrter. Mein Anblick wird fürwahr niemals fruchtlos sein.
'Viṣṇu ist der Familienvorstand seiner Verehrer' - so sprechen die Weisen allzeit; eben dies werde ich wahren, damit mein Verehrer dies nicht als Unwahrheit bezeichnen muss.
mama janma kule yasya katatkulaṃ mokṣagāmi vai /
mayi tuṣṭe muniśreṣṭha kimasādhyaṃ jagatraye //
In wessen Geschlecht meine Geburt erfolgt, jenes Geschlecht gelangt fürwahr zur Erlösung; wenn ich zufrieden bin, o Bester der Weisen, was wäre da in den drei Welten unerreichbar?