Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 23: sadācāraḥ Das rechte Verhalten (Sadācāra)

iti śrībṛhannāradīye purāṇe pūrvabhāge prathamapāde vratākhyāne ekādaśīvratamahimānuvarṇanaṃ nāma trayoviṃśo 'yāyaḥ // sūta uvāca etanniśamya sanakoditamaprameyaṃ puṇyaṃ harerdinabhavaṃ nikhilottamaṃ ca / pāpaughaśāntikaraṇaṃ vratasāramevaṃ brahmātmajaḥ punarabhāṣata harṣayuktaḥ

Nachdem er dies vernommen hatte – das von Sanaka verkündete, unermessliche, heilige, aus dem Tag Haris [Ekādaśī] entstandene und über alles andere erhabene, die Fluten der Sünde besänftigende [Wissen], die Essenz der Gelübde – sprach der Sohn Brahmās [Nārada] wiederum, von Freude erfüllt.

Wort für Wort
iti śrībṛhannāradīye purāṇe … trayoviṃśo 'dhyāyaḥ
(Kolophon des Vorkapitels, s. Anm.)
sūta uvāca
Sūta sprach:
etat niśamya
nachdem er dies vernommen hatte
sanaka-oditam aprameyaṃ
das von Sanaka Gesagte, Unermessliche
puṇyaṃ hareḥ dina-bhavaṃ
das heilige, aus Haris Tag entstandene
nikhila-uttamaṃ ca
und über alles Erhabene
pāpa-ogha-śānti-karaṇaṃ
das die Flut der Sünden besänftigt
vrata-sāram evam
die Essenz des Gelübdes, so
brahmātmajaḥ
der Sohn Brahmās (Nārada)
punaḥ abhāṣata harṣayuktaḥ
sprach wieder, von Freude erfüllt

[Anm.: Der Vers beginnt mit dem Schlusskolophon des vorangehenden Kapitels der Quelle („trayoviṃśo 'dhyāyaḥ“ = 23. Kapitel der Quellzählung, betitelt Ekādaśīvratamahimānuvarṇana); erst danach beginnt der eigentliche Vers 1, gesprochen von Sūta. – „brahmātmajaḥ“ (Sohn Brahmās) bezeichnet hier Nārada, nicht Sanaka, wie aus der folgenden Sprecherangabe „nārada uvāca“ (V2) hervorgeht.]

nārada uvāca kathitaṃ bhavatā sarvaṃ mune tattvārthakovida / vratākhyānaṃ mahāpuṇyaṃ yathāvaddharibhaktidam

Nārada sprach: Von dir, o Weiser, kundig der wahren Bedeutung der Prinzipien, wurde alles verkündet – die äußerst verdienstvolle Erzählung des Gelübdes, die in rechter Weise Hingabe an Hari verleiht.

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach:
kathitaṃ bhavatā sarvaṃ
von dir wurde alles verkündet
mune tattvārthakovida
o Weiser, kundig der Bedeutung der Wahrheiten
vratākhyānaṃ mahāpuṇyaṃ
die äußerst verdienstvolle Erzählung des Gelübdes
yathāvat hari-bhakti-dam
die der Vorschrift gemäß Hingabe an Hari verleiht

idānīṃ śrotumicchāmi varṇācacāravidhiṃ mune / tathā sarvāśramācāraṃ prāyaścittavidhiṃ tathā

Nun möchte ich hören, o Weiser, die Vorschrift des rechten Verhaltens der Stände (varṇa) [?], ebenso das Verhalten in allen Lebensstadien (āśrama) und die Vorschrift der Sühehandlungen (prāyaścitta).

Wort für Wort
idānīṃ śrotum icchāmi
nun wünsche ich zu hören
varṇa-ācāra-vidhiṃ [?]
die Vorschrift des Verhaltens der Stände
mune
o Weiser
tathā sarva-āśrama-ācāraṃ
ebenso das Verhalten in allen Lebensstadien
prāyaścitta-vidhiṃ tathā
ebenso die Vorschrift der Sühe

[?] [Anm.: „varṇācacāravidhiṃ“ enthält wohl eine Dittographie der Silbe „ca“; gelesen als „varṇācāravidhiṃ“.]

etatsarvaṃ mahābhāga sarvatattvārthakovida / kṛpayā parayā mahyaṃ yathāvadvaktumarhasi

All dies, o Hochgesegneter, der du in der Bedeutung aller Wahrheiten kundig bist, mögest du mir aus höchster Gnade der Vorschrift gemäß darlegen.

Wort für Wort
etat sarvaṃ
all dies
mahābhāga
o Hochgesegneter
sarva-tattva-artha-kovida
kundig der Bedeutung aller Wahrheiten
kṛpayā parayā
aus höchster Gnade
mahyaṃ yathāvat vaktum arhasi
du sollst es mir der Vorschrift gemäß darlegen

sanaka uvāca śṛṇuṣva muniśārdūla yathā bhaktapriyaṅkaraḥ / varṇāśramācāraparaiḥ pūjyate hariravyayaḥ

Sanaka sprach: Höre, o Tiger unter den Weisen, wie der unvergängliche Hari, der seinen Anhängern Liebes erweist, von denen verehrt wird, die dem Verhalten der Stände und Lebensstadien (varṇāśrama) hingegeben sind.

Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach:
śṛṇuṣva muniśārdūla
höre, o Tiger unter den Weisen
yathā bhakta-priyaṅkaraḥ
wie der, der seinen Anhängern Liebes erweist
varṇāśrama-ācāra-paraiḥ
von denen, die dem varṇāśrama-Verhalten hingegeben sind
pūjyate hariḥ avyayaḥ
wird der unvergängliche Hari verehrt

manvādyairuditaṃ yacca varṇāśramanibandhanam / tatte vakṣyāmi vidhivadbhakto 'si tvamadhokṣaje

Und was von Manu und den anderen [Gesetzgebern] über die Ordnung der Stände und Lebensstadien verkündet wurde, das werde ich dir der Vorschrift gemäß darlegen, denn du bist ein Hingegebener des Transzendenten (Adhokṣaja, Viṣṇu).

Wort für Wort
manu-ādyaiḥ uditam
von Manu und den anderen verkündet
yat ca varṇāśrama-nibandhanam
und was die Ordnung von varṇa und āśrama betrifft
tat te vakṣyāmi vidhivat
das werde ich dir der Vorschrift gemäß darlegen
bhaktaḥ asi tvam adhokṣaje
du bist ein Hingegebener des Adhokṣaja (Viṣṇu)

brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ śūdrāścatvāra eva te / varṇā iti samākhyātā eteṣu brāhmaṇo 'dhikaḥ

Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras – genau diese vier werden als Stände (varṇa) bezeichnet; unter ihnen ist der Brahmane der Vorzüglichste.

Wort für Wort
brāhmaṇāḥ kṣatriyāḥ vaiśyāḥ śūdrāḥ
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas, Śūdras
catvāraḥ eva te
genau diese vier
varṇāḥ iti samākhyātāḥ
werden als Stände bezeichnet
eteṣu brāhmaṇaḥ adhikaḥ
unter ihnen ist der Brahmane der Vorzüglichste

brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyā dvijāḥ proktāstrayastāthā / mātṛtaścopanayanāddi jatvaṃ prāpyate tribhiḥ

Brahmanen, Kṣatriyas und Vaiśyas – diese drei werden „Zweifachgeborene“ (dvija) genannt; von der Mutter [durch die leibliche Geburt] und durch die Initiation (upanayana) erlangen diese drei den Stand der Zweifachgeburt.

Wort für Wort
brāhmaṇāḥ kṣatriyāḥ vaiśyāḥ
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas
dvijāḥ proktāḥ trayas tathā
diese drei werden Zweifachgeborene genannt
mātṛtaḥ ca
und von der Mutter (aus)
upanayanāt dvijatvam
durch die Initiation der Stand der Zweifachgeburt
prāpyate tribhiḥ
wird von den dreien erlangt

etairvarṇaiḥ sarvadharmāḥ kāryā varṇānurupataḥ / svavarṇadharmatyagena pāṣaṇḍaḥ procyate budhaiḥ

Von diesen Ständen sind alle Pflichten (dharma) in Übereinstimmung mit dem jeweiligen Stand zu erfüllen; wer die Pflicht des eigenen Standes aufgibt, wird von den Weisen als Häretiker (pāṣaṇḍa) bezeichnet.

Wort für Wort
etaiḥ varṇaiḥ sarva-dharmāḥ
von diesen Ständen alle Pflichten
kāryāḥ varṇa-anurūpataḥ
sind dem Stand entsprechend zu erfüllen
sva-varṇa-dharma-tyāgena
durch Aufgeben der Pflicht des eigenen Standes
pāṣaṇḍaḥ procyate budhaiḥ
wird von den Weisen als Häretiker bezeichnet

svagṛhyacoditaṃ karmadvijaḥ kurvankṛtī bhavet / anyathā patito bhūyātsarvadharmabahiṣkṛtaḥ

Der Zweifachgeborene, der die in seinem eigenen Gṛhyasūtra vorgeschriebene Handlung ausführt, wird erfolgreich [vollkommen]; andernfalls werde er gefallen und von allen Pflichten ausgeschlossen.

Wort für Wort
sva-gṛhya-coditam karma
die im eigenen Gṛhya(sūtra) vorgeschriebene Handlung
dvijaḥ kurvan kṛtī bhavet
der Zweifachgeborene, sie ausführend, werde vollendet
anyathā patitaḥ bhūyāt
andernfalls werde er gefallen
sarva-dharma-bahiṣkṛtaḥ
von allen Pflichten ausgeschlossen

yugadharmaḥ parigāryā verṇairetairyathocitam / deśācārāstathāgrāhyāḥ smṛtidharmāvirodhataḥ

Die dem jeweiligen Weltzeitalter (yuga) entsprechende Pflicht [?] ist von diesen Ständen in angemessener Weise anzunehmen; ebenso sind die Landessitten (deśācāra) anzunehmen, sofern sie den Pflichten der Smṛti nicht widersprechen.

Wort für Wort
yuga-dharmaḥ [?]
die dem Weltzeitalter entsprechende Pflicht
parigrāhyāḥ [?]
ist anzunehmen
varṇaiḥ etaiḥ yathocitam
von diesen Ständen, wie es sich geziemt
deśa-ācārāḥ tathā grāhyāḥ
ebenso sind die Landessitten anzunehmen
smṛti-dharma-avirodhataḥ
sofern sie den Pflichten der Smṛti nicht widersprechen

[?] [Anm.: „parigāryā“ ist im Quelltext unklar, vermutlich verderbt für „parigrāhyāḥ“ („sind anzunehmen“); Wiedergabe folgt dieser Vermutung.]

karmaṇā manasā vācā yatnāddharṃmaṃ samācaret / asvargyaṃ lokavidviṣṭaṃ dharmyamapyācarennatu

Mit Tat, Gedanke und Wort soll man eifrig die Pflicht (dharma) ausüben; was aber nicht zum Himmel führt und von der Welt verachtet wird, das soll man nicht ausüben, auch wenn es [an sich] pflichtgemäß wäre.

Wort für Wort
karmaṇā manasā vācā
mit Tat, Gedanke und Wort
yatnāt dharmaṃ samācaret
soll man eifrig die Pflicht ausüben
asvargyaṃ loka-vidviṣṭaṃ
was nicht zum Himmel führt und von der Welt verachtet ist
dharmyam api na tu ācaret
auch wenn pflichtgemäß, soll man es nicht ausüben

samudrayātrāsvīkāraḥ kamaṇḍaluvidhāraṇam / dvijānāmasavarṇāsu kanyā sūpayamastathā

Das Antreten einer Seereise [?], das (verpflichtende) Tragen des Wasserkruges (kamaṇḍalu) sowie die Heirat der Zweifachgeborenen mit Mädchen eines anderen Standes (asavarṇā) –

Wort für Wort
samudra-yātrā-svīkāraḥ [?]
das Antreten einer Seereise
kamaṇḍalu-vidhāraṇam
das Tragen des Wasserkruges
dvijānām asavarṇāsu kanyā
der Zweifachgeborenen mit Mädchen anderen Standes
sūpayamaḥ tathā
ebenso die Heirat

[?] [Anm.: „samudrayātrāsvīkāraḥ“ (wörtl. „Nicht-Annahme der Seereise“) widerspricht dem Sinn der Aufzählung (Kaliyuga-Verbote, s. V16); vermutlich verderbt für „samudrayātrāsvīkāraḥ“ („Antreten der Seereise“); entsprechend übersetzt.]

devarācca sutotpattirmadhuparke paśorvadhaḥ / māṃsādanaṃ tathā śrāddhe vānaprasthaāśramastathā

sowie die Zeugung eines Sohnes durch den Schwager (devara) [Leviratsehe], die Tötung eines Tieres beim Ehrengastopfer (madhuparka), ebenso das Verzehren von Fleisch beim Totenopfer (śrāddha) sowie die Waldeinsiedler-Lebensstufe (vānaprastha) –

Wort für Wort
devarāt ca sutotpattiḥ
und die Zeugung eines Sohnes durch den Schwager
madhuparke paśoḥ vadhaḥ
die Tötung eines Tieres beim Madhuparka
māṃsādanam tathā śrāddhe
ebenso das Fleischessen beim Totenopfer
vānaprastha-āśramaḥ tathā
ebenso die Waldeinsiedler-Lebensstufe

dattākṣatāyāḥ kanyāyāḥ punardānaṃ varāya ca / naiṣṭikaṃ brahmacaryaṃ ca naramedhāścamedhakau

das Wiederverschenken eines Mädchens, das [zuvor] verlobt, aber noch unberührt (akṣatā) war, an einen [anderen] Bräutigam, ebenso das lebenslängliche Brahmacarya (naiṣṭika), sowie das Menschenopfer (naramedha) und das Pferdeopfer (aśvamedha) –

Wort für Wort
datta-akṣatāyāḥ kanyāyāḥ
eines gegebenen (verlobten), noch unberührten Mädchens
punaḥ dānaṃ varāya ca
das Wieder-Geben an einen (anderen) Bräutigam
naiṣṭikam brahmacaryam ca
und das lebenslange Brahmacarya
naramedhāśva-medhakau
Menschenopfer und Pferdeopfer

mahāprasthānagamanaṃ gomedhaśca tathā makhaḥ / etāndharmānkaliyuke varjyānāhurmanīṣiṇaḥ

das Aufbrechen zur großen letzten Wanderung (mahāprasthāna) [in den Tod], das Kuhopfer (gomedha) sowie [andere derartige] Opfer (makha) – diese Pflichten erklären die Weisen für das Kaliyuga als zu meiden.

Wort für Wort
mahāprasthāna-gamanam
das Aufbrechen zur großen letzten Wanderung
gomedhaḥ ca tathā makhaḥ
und das Kuhopfer sowie (andere) Opfer
etān dharmān kaliyuge
diese Pflichten im Kaliyuga
varjyān āhuḥ manīṣiṇaḥ
erklären die Weisen für zu meiden

deśācārāḥ parigrāhyāstattaddeśagatairnaraiḥ / anyathā patito jñeyaḥ sarvadharmabahiṣkṛtaḥ

Die Landessitten (deśācāra) sind von den Menschen, die sich im jeweiligen Land aufhalten, anzunehmen; andernfalls gelte er als gefallen und von allen Pflichten ausgeschlossen.

Wort für Wort
deśa-ācārāḥ parigrāhyāḥ
die Landessitten sind anzunehmen
tat-tat-deśa-gataiḥ naraiḥ
von den Menschen, die sich im jeweiligen Land befinden
anyathā patitaḥ jñeyaḥ
andernfalls gelte er als gefallen
sarva-dharma-bahiṣkṛtaḥ
von allen Pflichten ausgeschlossen

brāhmaṇakṣatriyaviśāṃ śūdrāṇāṃ ca dvijottamā / kriyāḥ sāmānyato vakṣye tacchṛṇuṣva samāhitaḥ

O Vorzüglichster der Zweifachgeborenen, ich werde nun im Allgemeinen die Handlungen (kriyā) der Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und der Śūdras darlegen; höre dies aufmerksam.

Wort für Wort
brāhmaṇa-kṣatriya-viśāṃ
der Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas
śūdrāṇāṃ ca dvijottamā
und der Śūdras, o Vorzüglichster der Zweifachgeborenen
kriyāḥ sāmānyataḥ vakṣye
die Handlungen werde ich im Allgemeinen darlegen
tat śṛṇuṣva samāhitaḥ
höre dies aufmerksam

dānaṃ dadyārdvahmaṇebhyastathā yajñairyajetsurān / vṛttyarthaṃ yācayeccaiva anyānadhyāpayettathā

Er [der Brahmane] soll den Brahmanen Gaben spenden, ebenso durch Opfer die Götter verehren, um des Lebensunterhalts willen bitten, und ebenso andere [im Veda] unterweisen.

Wort für Wort
dānaṃ dadyāt brāhmaṇebhyaḥ
er soll den Brahmanen Gaben geben
tathā yajñaiḥ yajet surān
ebenso durch Opfer die Götter verehren
vṛtty-arthaṃ yācayet caiva
und er soll um des Unterhalts willen bitten
anyān adhyāpayet tathā
und ebenso andere unterrichten

yājayedyajane yogyānvipro nityodakī bhavet / kuryyācca vedagrahaṇaṃ tathāgreśca parigraham

Der Brahmane soll die zum Opfern Befugten [als Priester] zum Opfer anleiten (yājana), stets die Wasserspende (nityodakī) vollziehen, den Veda erlernen sowie die Gabenannahme (pratigraha) [?] vollziehen.

Wort für Wort
yājayet yajane yogyān
er soll die zum Opfer Geeigneten (als Priester) anleiten
vipraḥ nityodakī bhavet
der Brahmane sei stets ein (Wasser-)Opferspender
kuryāt ca veda-grahaṇam
und er soll den Veda erlernen
tathā parigraham [?]
ebenso die Gabenannahme

[?] [Anm.: „tathāgreśca parigraham“ ist im Quelltext unklar; übersetzt als Anspielung auf „pratigraha“ (Gabenannahme), eine der klassischen sechs Brahmanenpflichten.]

grāhyer dvye ca pārakye samabuddhirbhavettathā / sarvalokahitaṃ kṛryānmṛduvākyamudīrayet

Bezüglich dessen, was einem selbst zu eigen ist [?], und dessen, was einem anderen gehört, soll er gleichermaßen gesinnt sein; er soll allen Wesen Zuträgliches tun und milde Worte sprechen.

Wort für Wort
grāhye sve ca pārakye [?]
hinsichtlich des eigenen und des fremden (Gutes)
sama-buddhiḥ bhavet tathā
soll er gleichmütig sein
sarva-loka-hitam kuryāt
er soll allen Wesen Zuträgliches tun
mṛdu-vākyam udīrayet
milde Worte soll er aussprechen

[?] [Anm.: „grāhyer dvye“ ist im Quelltext unklar/verderbt; vermutet als „grāhye sve“ („bezüglich des eigenen Erwerbbaren“); Wiedergabe entsprechend.]

ṛtāvabhigamaḥ patnyāṃ śasyate brāhmaṇasya vai / na kasyāpyahitaṃ brūyādviṣṇupūjāparo bhavet

Dem Brahmanen wird gelobt, seine Gattin [nur] zur fruchtbaren Zeit (ṛtu) aufzusuchen; er soll niemandem Unheilvolles sagen und der Verehrung Viṣṇus hingegeben sein.

Wort für Wort
ṛtau abhigamaḥ patnyāṃ
das Aufsuchen der Gattin zur (fruchtbaren) Zeit
śasyate brāhmaṇasya vai
wird fürwahr dem Brahmanen gelobt
na kasya api ahitaṃ brūyāt
er soll niemandem Unheilvolles sagen
viṣṇu-pūjā-paraḥ bhavet
er sei der Verehrung Viṣṇus hingegeben

dadyāddānāni viprebhyaḥ kṣatriyo 'pi dvijottama / kuryyācca vedagrahaṇaṃ yajñairddevānyajettathā

Auch der Kṣatriya, o Vorzüglichster der Zweifachgeborenen, soll den Brahmanen Gaben geben, den Veda erlernen und ebenso durch Opfer die Götter verehren.

Wort für Wort
dadyāt dānāni viprebhyaḥ
er soll den Brahmanen Gaben geben
kṣatriyaḥ api dvijottama
auch der Kṣatriya, o Vorzüglichster der Zweifachgeborenen
kuryāt ca veda-grahaṇam
und er soll den Veda erlernen
yajñaiḥ devān yajet tathā
und durch Opfer die Götter verehren

śastrājīvī bhaveccaiva pālayeddharmato mahīm / duṣṭānāṃ śāsanaṃ kuryyācchiṣṭānāṃ pālanaṃ tathā

Er soll von der Waffe leben und die Erde pflichtgemäß beschützen; er soll die Bösen bestrafen und ebenso die Rechtschaffenen beschützen.

Wort für Wort
śastra-ājīvī bhavet caiva
er soll von der Waffe leben
pālayet dharmataḥ mahīm
er soll die Erde pflichtgemäß beschützen
duṣṭānāṃ śāsanaṃ kuryāt
er soll die Bösen bestrafen
śiṣṭānāṃ pālanaṃ tathā
und ebenso die Rechtschaffenen beschützen

pāśupālyaṃ ca vāṇijyaṃ kṛṃṣiśca dvijasattama / vedasyādhyayanaṃ caiva vaiśyasyāpi prakīrttitam

Viehzucht, Handel und Ackerbau, o Bester der Zweifachgeborenen, sowie das Studium des Veda werden auch für den Vaiśya verkündet.

Wort für Wort
pāśupālyam ca vāṇijyam
Viehzucht und Handel
kṛṣiḥ ca dvijasattama
und Ackerbau, o Bester der Zweifachgeborenen
vedasya adhyayanam caiva
sowie das Studium des Veda
vaiśyasya api prakīrtitam
werden auch für den Vaiśya verkündet

kuryācca dāragrahaṇaṃ dharmāścaiva samācaret / krayavikrayajarvāpi dhanaiḥ kārukriyodbhavaiḥ

Er soll eine Gattin nehmen und die [ihm vorgeschriebenen] Pflichten ausüben, sowie [Reichtum erwerben], der aus Kauf und Verkauf entsteht, mit Vermögen, das aus handwerklicher Tätigkeit hervorgeht [?].

Wort für Wort
kuryāt ca dāra-grahaṇam
er soll eine Gattin nehmen
dharmān caiva samācaret
und die (vorgeschriebenen) Pflichten ausüben
kraya-vikraya-jam vā api [?]
und auch das aus Kauf und Verkauf Entstehende
dhanaiḥ kāru-kriyā-udbhavaiḥ
mit Reichtümern, die aus handwerklicher Tätigkeit entstehen

[?] [Anm.: „krayavikrayajarvāpi“ ist im Quelltext unklar; gelesen als „krayavikrayajaṃ vāpi“.]

dadyāddānāni śūdro 'pi pākayajñairyajenna ca / brāhmaṇakṣatriyaviśāṃ śuśrūṣāni rato bhavet

Auch der Śūdra soll Gaben geben und durch häusliche Opfer (pākayajña) opfern, jedoch nicht [durch andere, vedische Opfer] [?]; er soll dem Dienst an Brahmanen, Kṣatriyas und Vaiśyas hingegeben sein.

Wort für Wort
dadyāt dānāni śūdraḥ api
auch der Śūdra soll Gaben geben
pāka-yajñaiḥ yajeta na ca [?]
er opfere mit häuslichen Opfern, nicht aber (mit anderen)
brāhmaṇa-kṣatriya-viśāṃ
der Brahmanen, Kṣatriyas und Vaiśyas
śuśrūṣāyāṃ rataḥ bhavet
er soll dem Dienst hingegeben sein

[?] [Anm.: „pākayajñairyajenna ca“ ist grammatisch unklar (Negation bei „yajet“ unerwartet); gedeutet im Sinne der Śūdra-Beschränkung auf häusliche (nicht-śraute) Opfer.]

ṛtukālābhigāmīca svadāreṣu bhavettathā / sarvalokahitoṣitvaṃ maṅgalaṃ priyavāditā

Und er soll [nur] zur fruchtbaren Zeit (ṛtukāla) zu seiner eigenen Gattin gehen; [dazu gehören ferner] das zum Wohl aller Wesen Verweilen, Wohlverhalten (maṅgala) und freundliche Rede.

Wort für Wort
ṛtu-kāla-abhigāmī ca
und (nur) zur fruchtbaren Zeit hingehend
sva-dāreṣu bhavet tathā
soll er zu seiner eigenen Gattin sein
sarva-loka-hitoṣitvam
das Verweilen zum Wohl aller Wesen
maṅgalam priyavāditā
Wohlverhalten (und) freundliche Rede

anāyāso manoharṣastitikṣā nātimānitā / sāmānyaṃ sarvavarṇānāṃ munibhiḥ parikīrtitam

Unermüdlichkeit, Freude des Gemüts, Geduld (titikṣā) und fehlender Übermut – dies wird von den Weisen als das allen Ständen Gemeinsame verkündet.

Wort für Wort
anāyāsaḥ manoharṣaḥ
Unermüdlichkeit, Freude des Gemüts
titikṣā na atimānitā
Geduld, fehlender Übermut
sāmānyaṃ sarva-varṇānāṃ
das allen Ständen Gemeinsame
munibhiḥ parikīrtitam
wird von den Weisen verkündet

sarve ca munitāṃ yānti svāśramocitakarmaṇā / brāhmaṇaḥ kṣatriyācāramāśrayedāpadi dvija

Und alle gelangen durch die ihrem Lebensstadium (āśrama) entsprechende Pflichterfüllung zum Weisentum; in der Not (āpad) darf ein Brahmane, o Zweifachgeborener, das Verhalten eines Kṣatriya annehmen.

Wort für Wort
sarve ca munitāṃ yānti
und alle gelangen zum Weisentum
sva-āśrama-ucita-karmaṇā
durch die dem eigenen āśrama gemäße Pflichterfüllung
brāhmaṇaḥ kṣatriya-ācāram
der Brahmane das Verhalten des Kṣatriya
āśrayet āpadi dvija
darf er in der Not annehmen, o Zweifachgeborener

kṣatriyo 'pi ca viḍvṛttimatyāpadi samāśrayet / nāśrayecchūdravṛttiṃ tu atyāpadyapi vai dvijaḥ

Auch der Kṣatriya darf in äußerster Not (atyāpad) die Lebensweise des Vaiśya (viḍvṛtti) annehmen; die Lebensweise des Śūdra jedoch soll der Zweifachgeborene selbst in äußerster Not nicht annehmen.

Wort für Wort
kṣatriyaḥ api ca
auch der Kṣatriya
viḍ-vṛttim atiāpadi samāśrayet
darf in äußerster Not die Vaiśya-Lebensweise annehmen
na āśrayet śūdra-vṛttim tu
die Śūdra-Lebensweise aber soll er nicht annehmen
atyāpadi api vai dvijaḥ
selbst in äußerster Not, der Zweifachgeborene

yadyāśrayeddijo mūḍhastadā cāṇḍāsatāṃ vrajet / brāhmaṇakṣatriyaviśāṃ trayāṇāṃ munisattama

Wenn ein törichter Zweifachgeborener sie [die Śūdra-Lebensweise] dennoch annimmt, so gerät er in den Zustand eines Caṇḍāla [?] – dies gilt für die drei Stände der Brahmanen, Kṣatriyas und Vaiśyas, o Bester der Weisen.

Wort für Wort
yadi āśrayet dvijaḥ mūḍhaḥ
wenn ein törichter Zweifachgeborener sie annimmt
tadā cāṇḍālatāṃ vrajet [?]
dann gerät er in den Caṇḍāla-Zustand
brāhmaṇa-kṣatriya-viśāṃ
der Brahmanen, Kṣatriyas und Vaiśyas
trayāṇāṃ munisattama
der drei (Stände), o Bester der Weisen

[?] [Anm.: „cāṇḍāsatāṃ“ ist wohl verschrieben für „cāṇḍālatāṃ“ („Caṇḍāla-Zustand“); so übersetzt.]

catvāra āśramāḥ proktāḥ pañcamo nopapadyate / brahmacārī gṛhī vānaprastho bhikṣuśca sattama

Vier Lebensstadien (āśrama) werden gelehrt, ein fünftes gibt es nicht: der Brahmacārin [Vedaschüler], der Hausvater (gṛhī), der Waldeinsiedler (vānaprastha) und der Bettelmönch (bhikṣu), o Trefflicher.

Wort für Wort
catvāraḥ āśramāḥ proktāḥ
vier Lebensstadien werden gelehrt
pañcamaḥ na upapadyate
ein fünftes gibt es nicht
brahmacārī gṛhī
der Vedaschüler, der Hausvater
vānaprasthaḥ bhikṣuḥ ca sattama
der Waldeinsiedler und der Bettelmönch, o Trefflicher

caturbhirāśramairebhiḥ sādhyate dharma uttamaḥ / viṣṇustuṣyati viprendra karmayogaratātmanaḥ

Durch diese vier Lebensstadien wird die höchste Pflicht (dharma) verwirklicht; Viṣṇu ist zufrieden, o Fürst der Brahmanen, mit dem, dessen Sinn dem Pfad der (pflichtgemäßen) Handlung (karmayoga) hingegeben ist,

Wort für Wort
caturbhiḥ āśramaiḥ ebhiḥ
durch diese vier Lebensstadien
sādhyate dharmaḥ uttamaḥ
wird die höchste Pflicht verwirklicht
viṣṇuḥ tuṣyati viprendra
Viṣṇu ist zufrieden, o Fürst der Brahmanen
karmayoga-rata-ātmanaḥ
mit dem, dessen Sinn dem Karmayoga hingegeben ist

niḥspṛhāśāntamanasaḥ svakarmaniratasya ca / tato yāti paraṃ sthānaṃ yato nāvarttate punaḥ

der frei von Begehren und ruhigen Gemütes ist und beständig der eigenen [vorgeschriebenen] Pflicht hingegeben ist. Von dort gelangt er zum höchsten Ort, von dem aus es keine Wiederkehr mehr gibt.

Wort für Wort
niḥspṛha-śānta-manasaḥ
dessen Sinn frei von Begehren und ruhig ist
sva-karma-niratasya ca
und der der eigenen Pflicht hingegeben ist
tataḥ yāti param sthānam
von dort gelangt er zum höchsten Ort
yataḥ na āvartate punaḥ
von dem aus es keine Wiederkehr mehr gibt

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