Sanaka sprach: Vernimm, o Bester der Weisen, ein anderes vortreffliches Gelübde, das ich [nun] verkünden will [?] – heilig, alle Sünde tilgend und alles Leid vernichtend.
Wort für Wort
anyadvratavaraṃ vakṣya śṛṇuṣva munisattama /
ein anderes vortreffliches Gelübde will ich verkünden [?] – höre, o Bester der Weisen
sarvapāpaharaṃ puṇyaṃ sarvaduḥkhanibarhaṇam
heilig, alle Sünde tilgend, alles Leid vernichtend
[?] 'vakṣya' für erwartetes 'vakṣye' (1. Pers. Sg. Fut., „ich werde sagen“). [Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext das Kolophon des vorangehenden (16.) Kapitels vorangestellt, gefolgt von einer Trennlinie – ein reines Gliederungselement, im sa-Feld zur Dokumentation mitgeführt, nicht in die de-Übersetzung von V.1 einbezogen.]
[Es ist ein Gelübde] für Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras sowie für Frauen, das alle Wünsche erfüllt und die höchste Frucht aller Gelübde gewährt [?].
Wort für Wort
brāhmaṇakṣatriyaviśāṃ śūdrāṇāṃ yoṣitāṃ tathā /
für Brahmanen, Kṣatriyas und Vaiśyas, für Śūdras und ebenso für Frauen
samastakāmaphaladaṃ sarvavratamyaphalapradam
alle Wünsche erfüllend, die höchste Frucht aller Gelübde gewährend [?]
[?] 'sarvavratamyaphalapradam' unklar/korrupt überliefert; sinngemäß als 'sarvavratāgryaphalapradam' ('die höchste Frucht aller Gelübde gewährend') gedeutet.
Fromm ist es zur Vernichtung böser Träume [?] und zur Abwehr schlimmer Planeteneinflüsse; in allen Welten berühmt ist dieses Vollmond-Gelübde, durch dessen Vollzug ganze Scharen von Sünden zur Ruhe kommen.
Wort für Wort
duḥsvanpanāśane dharmyaṃ duṣṭagrahanivāraṇam /
fromm zur Vernichtung böser Träume [?], zur Abwehr schlimmer Planeten(einflüsse)
sarvalokeṣu vikhyātaṃ pūrṇimāvratamam /
in allen Welten berühmt [ist] dieses Vollmond-Gelübde
yena cīrṇena pāpānāṃ rāśikoṭiḥra praśāmyati
durch dessen Vollzug Scharen von Sünden zur Ruhe kommen
[?] 'duḥsvanpanāśane' für 'duḥsvapnanāśane' ('zur Vernichtung böser Träume'), vermutlich Buchstabenvertauschung. [Anm.: 'pūrṇimāvratamam' und 'rāśikoṭiḥra' zeigen überzählige Silben (-am, -ra), wohl Verschreibungen der Vorlage.]
Im Monat Mārgaśīrṣa, in der hellen Monatshälfte, am Vollmondtag, soll er, beherrscht und rein, sich nach der Sitte waschen, zuerst mit dem Reinigen der Zähne.
Wort für Wort
mārgaśīrṣe sitepakṣe pūrṇāyāṃ niyataḥ śuciḥ /
im Mārgaśīrṣa, in der hellen Monatshälfte, am Vollmondtag, beherrscht und rein
snānaṃ kuryādyathācāraṃ dantadhāvanapūrvakam
vollziehe er das Bad der Sitte gemäß, zuerst mit dem Zähneputzen
Nachdem er die tägliche Verehrung der Gottheit vollzogen hat, verehre er darauf, dem Gelübde-Entschluss (saṃkalpa) vorausgehend, den Gott Lakṣmī-Nārāyaṇa mit hingebungsvoller Gesinnung.
Wort für Wort
nityaṃ devārcanaṃ kṛtvā paśvātsaṃkalpapūrvakam /
nachdem er die tägliche Gottesverehrung vollzogen hat, danach, dem Gelübdeentschluss vorausgehend
lakṣmī nārāyaṇaṃ devamarcayedbhaktibhāvataḥ
verehre er den Gott Lakṣmī-Nārāyaṇa aus hingebungsvoller Gesinnung
[Anm.: 'paśvāt' für 'paścāt' ('danach'), vermutlich Verschreibung.]
āvāhanāsanādyaiśca gandhapuṣpādibhirvratī /
namo nārāyaṇāyeti pūjayedbhaktitatparaḥ
Mit Anrufung, Sitzdarbringung und dergleichen sowie mit Duftstoffen, Blumen und anderem soll der Gelübdehaltende, der Hingabe zugetan, [ihn] mit [der Formel] 'namo nārāyaṇāya' verehren.
Wort für Wort
āvāhanāsanādyaiśca gandhapuṣpādibhirvratī /
mit Anrufung, Sitzdarbringung usw. sowie mit Duftstoffen, Blumen usw., der Gelübdehaltende
namo nārāyaṇāyeti pūjayedbhaktitatparaḥ
verehre er, der Hingabe zugetan, mit [der Formel] 'namo nārāyaṇāya'
Mit Gesängen, Musik und Tänzen, mit dem Lesen von Purāṇas und dergleichen oder mit Loblieder soll der das Gelübde Vollziehende, wohl gesammelt, den Gott verehren.
Wort für Wort
gītairvādyaiśca nṛtyaiśca purāṇapaṭhanādibhiḥ /
mit Gesängen, Musik und Tänzen, mit dem Lesen von Purāṇas usw.
stotrairvārādhayeddevaṃ vratakṛtsusamāhitaḥ
oder mit Lobliedern verehre der Gelübdehaltende, wohlgesammelt, den Gott
Vor dem Gott lege er eine viereckige Opferstätte an; dort richte er, der häuslichen Ritualtradition folgend, ein Feuer von der Größe einer Elle ein. Nachdem er [das Feuer] bis zu den Ājyabhāga-Spenden gesättigt und mit dem Puruṣasūkta [die Opferung] vollzogen hat [?], opfere er ebenso den Opferbrei [?], mit Sesam und mit Ghee.
Wort für Wort
devasya purataḥ kṛtvā sthaṇḍilaṃ caturastrakam /
vor dem Gott eine viereckige Opferstätte anlegend
aratnimātraṃ tatrāngiṃ sthāpayedgṛhyamārgataḥ /
richte er dort ein Feuer von der Größe einer Elle ein, der häuslichen Ritualtradition folgend [?]
ājyabhāgāntarpayantaṃ kṛtvā puruṣasūktataḥ /
nachdem er [es] bis zu den Ājya-Spenden gesättigt, mit dem Puruṣasūkta, vollzogen hat [?]
caraṇā ca tilaiśvāpi ghṛtena juhuyāttathā
opfere er ebenso den Opferbrei [?], mit Sesam und mit Ghee
[?] Vers stark verderbt überliefert, besonders 'tatrāngiṃ' (für 'tatrāgniṃ'?), 'ājyabhāgāntarpayantaṃ' und 'caraṇā' (für 'caruṃ'?); sinngemäß rekonstruiert.
Nachdem er alle Sühnehandlungen und dergleichen gemäß der in seiner Gṛhyasūtra-Tradition festgelegten Ordnung sowie das Feueropfer vorschriftsmäßig vollendet hat, rezitiere der Weise [?] das Śānti-Sūkta.
Wort für Wort
prāyaścittā dikaṃ sarvaṃ svagṛhyoktavidhānataḥ /
alle Sühnehandlungen und dergleichen gemäß der Ordnung seines eigenen Gṛhyasūtra
samāpya homaṃ vidhivacchāntisūktaṃ japedrudhaḥ
nachdem er das Feueropfer vorschriftsmäßig vollendet hat, rezitiere der Weise [?] das Śānti-Sūkta
Nachdem er dies dem Gott mitgeteilt hat, gebe er auch dem Mond ein Ehrengeschenk; mit den Knien die Erde berührend [?], versehen mit weißen Blumen und ungeschältem Reis.
Wort für Wort
iti vijñāpya devāyahyarghyaṃ dadyāttathaindave /
nachdem er dies dem Gott mitgeteilt hat, gebe er ebenso dem Mond ein Ehrengeschenk
jānubhyāmavanīṃ gagatvā śuklapuṣpākṣatānvitaḥ
mit den Knien die Erde berührend [?], versehen mit weißen Blumen und ungeschältem Reis
[?] 'gagatvā' für 'gatvā' ('gegangen'), überzählige Silbe.
'[O du,] entstanden aus dem Milchmeer, entstanden aus dem Geschlecht des Atri [?], dir, dem Planeten, ist von mir ein Ehrengeschenk dargebracht, o Gebieter der Rohiṇī, o Herr!' – Nachdem er so dem Mond das Ehrengeschenk dargebracht hat, bete er darauf mit gefalteten Händen.
Wort für Wort
kṣīrodārṇavasaṃbhūta aghatrigotrasamudbhaghava /
'[O du,] entstanden aus dem Milchmeer, entstanden aus dem Geschlecht des Atri [?]'
grahāṇārghyaṃ mayā dattaṃ rohiṇīnāyaka prabho /
'dir, dem Planeten, ist von mir ein Ehrengeschenk dargebracht, o Gebieter der Rohiṇī, o Herr!'
evamarghyaṃ pradāyendoḥ prārthayetprāñjalistataḥ
nachdem er so dem Mond das Ehrengeschenk dargebracht hat, bete er darauf mit gefalteten Händen
[?] 'aghatrigotrasamudbhaghava' korrupt für 'atrigotrasamudbhava' ('aus dem Atri-Geschlecht entstanden'). [Anm.: Im gesamten Kapitel finden sich mehrfach solche überzähligen 'gh/gn'-Einschübe (vgl. auch das Kolophon 'lakṣaghmī' für 'lakṣmī'), wohl ein wiederkehrender Verschreibungs-/OCR-Fehler der Vorlage.]
Danach halte er die Nachtwache, mit dem Anhören von Purāṇas und dergleichen; er halte seine Sinne gezügelt, sei rein und meide den Anblick von Häretikern.
Wort für Wort
tataśca jāgaraṃ kuryātpurāṇaśravaṇādibhiḥ /
danach halte er die Nachtwache, mit dem Anhören von Purāṇas usw.
jitendriyaśca saṃśuddhaḥ pāṣaṇḍālokavarjitaḥ
die Sinne gezügelt, rein, den Anblick von Häretikern meidend
tataḥ prātaḥ prakurvīta svācāraṃ ca yathāvidhi /
punaḥ saṃpūjayeddevaṃ yathāvibhavavistaram
Am Morgen darauf vollziehe er seine [täglichen] Bräuche vorschriftsmäßig; wiederum verehre er den Gott, entsprechend seinem Vermögen, in gebührendem Umfang.
Wort für Wort
tataḥ prātaḥ prakurvīta svācāraṃ ca yathāvidhi /
am Morgen darauf vollziehe er seine Bräuche vorschriftsmäßig
punaḥ saṃpūjayeddevaṃ yathāvibhavavistaram
wiederum verehre er den Gott, seinem Vermögen entsprechend, ausführlich
So, nachdem er dies ein Jahr lang vollzogen hat, soll er am Vollmondtag des Kārttika-Monats die Abschlussfeier vollziehen; deren Ordnung will ich dir verkünden.
Wort für Wort
evaṃ saṃvatsaraṃ kṛtvā kārtikyāṃ pūrṇimādine /
so, nachdem er es ein Jahr lang vollzogen hat, am Vollmondtag des Kārttika
udyāpanaṃ prakurvīta tadvidhānaṃ vadāmi te
vollziehe er die Abschlussfeier; deren Ordnung verkünde ich dir
Er lasse einen prächtigen, viereckigen, überaus verheißungsvollen Pavillon errichten, geschmückt mit Blumengirlanden, geziert mit Baldachin und Bannern.
Wort für Wort
maṇḍapaṃ kārayeddivyaṃ caturastraṃ sumaṅgalam /
er lasse einen prächtigen, viereckigen, überaus verheißungsvollen Pavillon errichten
śobhitaṃ puṣpamālābhirvitānadhvajarājitam
geschmückt mit Blumengirlanden, geziert mit Baldachin und Bannern
Nachdem er den Krug mit einem sehr feinen, überaus schönen Tuch bedeckt hat, aus Gold oder auch aus Silber oder ebenso aus Kupfer [gefertigt] [?], setze er darauf ein Bildnis des Gottes Lakṣmī-Nārāyaṇa.
Wort für Wort
pidhāya kumbhaṃ vastreṇa susūkṣmeṇāti śobhitam /
nachdem er den Krug mit einem sehr feinen, überaus schönen Tuch bedeckt hat
henmā vā rajatenāpi tathā tānmeṇa vā dvija /
aus Gold oder auch aus Silber oder ebenso aus Kupfer, o Zweimalgeborener [?]
lakṣmīnārāyaṇaṃ devaṃ kṛtvā tasyopari nyaset
setze er darauf ein Bildnis des Gottes Lakṣmī-Nārāyaṇa
[?] 'henmā' und 'tānmeṇa' als 'hemnā' ('aus Gold') und 'tāmreṇa' ('aus Kupfer') gedeutet.
Nachdem er [das Bildnis] mit den fünf Nektarsubstanzen gebadet und der Reihe nach mit Duftstoffen und dergleichen verehrt hat, [bringe er es dar] mit Speisen, Genüssen und anderen Opfergaben, voller Hingabe und mit gezügelten Sinnen.
Dem Lehrer (Ācārya) soll das Bildnis, versehen mit einer Priestergabe, übergeben werden; Brahmanen speise er nach Vermögen, seinem Reichtum entsprechend [?].
Wort für Wort
ācāryāya pradātavyā pratimā dakṣaghiṇānvitā /
dem Lehrer soll das Bildnis, versehen mit einer Priestergabe, übergeben werden
brāhmaṇānbhojayecchaktyā vibhave satyavāritam
Brahmanen speise er nach Vermögen, seinem Reichtum entsprechend [?]
[?] 'vibhave satyavāritam' unklar überliefert; sinngemäß als 'entsprechend seinem Vermögen, wie es sich gehört' gedeutet.
tiladānaṃ prakurvīta yathāśaktyā samāhitaḥ /
kuryādrangau ca vidhivatilahomaṃ vicakṣiṇaḥ
Er vollziehe, gesammelt, nach Vermögen die Gabe von Sesam; der Kluge vollziehe ebenso, als [dazugehörigen] Ritus [?], vorschriftsmäßig das Sesam-Feueropfer.
Wort für Wort
tiladānaṃ prakurvīta yathāśaktyā samāhitaḥ /
die Gabe von Sesam vollziehe er, gesammelt, nach Vermögen
kuryādrangau ca vidhivatilahomaṃ vicakṣiṇaḥ
der Kluge vollziehe ebenso [als Begleitritus, ?] vorschriftsmäßig das Sesam-Feueropfer
[?] 'kuryādrangau' unklar überliefert, sinngemäß als 'kuryādaṅgaṃ' ('er vollziehe als [Begleit-]Ritus') gedeutet.
und gelangt, von aller Sünde befreit, begleitet von zehntausend [Angehörigen] seines Geschlechts, zur Wohnstatt Viṣṇus, die selbst für Yogis schwer erreichbar ist.
Wort für Wort
sarvapāpavinirmuktaḥ kulāyutasamanvitaḥ /
von aller Sünde befreit, begleitet von zehntausend [Angehörigen] seines Geschlechts
prayāti viṣṇubhavanaṃ yogināmapi durlabham
gelangt er zur Wohnstatt Viṣṇus, die selbst für Yogis schwer erreichbar ist