Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 31: bhavāṭavīnirūpaṇam Die Darlegung des Waldes des Daseins

sanaka uvāca / evaṃ karmapāśaniyantritajantatavaḥ svargādipuṇyasthāneṣu puṇyabhogamanubhūya yātīva duḥkhataraṃ pāpaphalamanubhūya prakṣīṇakarmā vaśeṣeṇāmuṃ lokamāgatya sarvabhayavihvaleṣu mṛtyubādhāsaṃyuteṣusthāvarādiṣu jāyate / vṛkṣagulmalatāvallīgirayaśca tṛṇāni ca / sthāvarā iti vikhyātā mahāmohasamāvṛtāḥ

Sanaka sprach: So werden die von der Fessel des Karma gebundenen Geschöpfe, nachdem sie in den verdienstvollen Stätten wie dem Himmel den Genuss ihres Verdienstes erfahren haben, nachdem sie sodann eine noch schmerzlichere Frucht ihrer Sünde erfahren haben, mit im Rest geschwundener Wirkkraft, nachdem sie in diese Welt zurückgekehrt sind, unter den unbeweglichen Wesen geboren, die von aller Furcht überwältigt und von der Bedrängnis des Todes umgeben sind. Bäume, Sträucher, Schlingpflanzen, Ranken, Berge und Gräser - diese sind unter dem Namen "die Unbeweglichen" (sthāvara) bekannt, von großer Verblendung umhüllt.

Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach:
evaṃ karmapāśaniyantritajantavaḥ
so werden die von der Fessel des Karma gebundenen Geschöpfe
svargādipuṇyasthāneṣu puṇyabhogam anubhūya
nachdem sie in den verdienstvollen Stätten wie dem Himmel den Genuss ihres Verdienstes erfahren haben
yāti iva duḥkhataraṃ pāpaphalam anubhūya
und sodann eine noch schmerzlichere Frucht ihrer Sünde erfahren haben
prakṣīṇakarmā avaśeṣeṇa amuṃ lokam āgatya
mit im Rest geschwundener Wirkkraft, nachdem sie in diese Welt zurückgekehrt sind
sarvabhayavihvaleṣu mṛtyubādhāsaṃyuteṣu sthāvarādiṣu jāyate
unter den unbeweglichen Wesen geboren, die von aller Furcht überwältigt und von der Bedrängnis des Todes umgeben sind
vṛkṣagulmalatāvallīgirayaḥ ca tṛṇāni ca
Bäume, Sträucher, Schlingpflanzen, Ranken, Berge und Gräser
sthāvarāḥ iti vikhyātāḥ mahāmohasamāvṛtāḥ
sind unter dem Namen "die Unbeweglichen" bekannt, von großer Verblendung umhüllt

[Anm.: Vor dem eigentlichen Versbeginn steht im Quelltext der (tatsächliche) Schlusskolophon des vorangehenden Kapitels 30 ("iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde yamadūtakṛtyanirupaṇaṃ nāmaikatriṃśo 'dhyāyaḥ"), gefolgt von einer Trennlinie; dieser gehört nicht zu V1 und wurde nicht mitübersetzt.]

sthāvaratve pṛthivyāmutpabījāni jalasekānupadaṃ susaṃskārasāmagrīvaśādantaruṣmaprapācitānyucchūnatvamāpadya tato mūlabhāvaṃ tanmūlādaṅkurotpattistasmādapi parṇakāṇḍanālādikaṃ kāṇḍeṣu ca prasavamāpadyante teṣu ca puṣpasaṃbhavaḥ

Im Zustand der Unbeweglichkeit gelangen die in der Erde entstandenen Samen, indem sie durch fortwährende Bewässerung und kraft der Mittel rechter Zubereitung im Inneren durch Wärme ausgereift werden, zum Aufquellen und dann zum Zustand der Wurzel; aus dieser Wurzel entsteht der Keim, aus diesem wiederum Blätter, Halm, Stängel und dergleichen; an den Stängeln erfolgt weiteres Wachstum, und an diesen entsteht die Blüte.

Wort für Wort
sthāvaratve pṛthivyām utpannabījāni
im Zustand der Unbeweglichkeit die in der Erde entstandenen Samen
jalasekāt anupadaṃ susaṃskārasāmagrīvaśāt
durch fortwährende Bewässerung und kraft der Mittel rechter Zubereitung
antaruṣmaprapācitāni ucchūnatvam āpadya
im Inneren durch Wärme ausgereift, zum Aufquellen gelangend
tataḥ mūlabhāvaṃ [āpadyante]
und dann zum Zustand der Wurzel [gelangen]
tanmūlād aṅkurotpattiḥ
aus dieser Wurzel entsteht der Keim
tasmād api parṇakāṇḍanālādikaṃ
aus diesem wiederum Blätter, Halm, Stängel und dergleichen
kāṇḍeṣu ca prasavam āpadyante
an den Stängeln erfolgt weiteres Wachstum
teṣu ca puṣpasaṃbhavaḥ
und an diesen entsteht die Blüte

tāni puṣpāṇi kānicidaphalāni kānicitphalahetubhūtāni teṣu puṣpeṣu vṛddhabhāveṣu satsu tatpuṣpamūlatastuṣotpattirjāyate teṣu tuṣu bhoktṝṇāṃ prāṇināṃ saṃskārasāmagrīvaśāddhimaraśmikiraṇāsannatayā tadoṣadhirasastuṣāntaḥ praviśya kṣīrabhāvaṃ sametya svakāle taṇḍulākāratāmupagamya prāṇināṃ bhogasaṃskāravaśātsaṃvatsare phalinaḥ syuḥ

Von jenen Blüten sind manche fruchtlos, manche werden zur Ursache von Frucht. Wenn diese Blüten den Zustand der Reife erreicht haben, entsteht an der Basis der Blüte die Spelze. In dieser Spelze dringt, kraft der den künftigen Genießern - den Lebewesen - eigenen karmischen Bedingungen, durch die Nähe der Strahlen des Mondes der Saft jener Pflanze in das Innere der Spelze ein, nimmt milchige Beschaffenheit an und gelangt zur rechten Zeit zur Gestalt eines Reiskorns; kraft der auf künftigen Genuss gerichteten karmischen Prägung der Lebewesen werden sie binnen eines Jahres fruchttragend.

Wort für Wort
tāni puṣpāṇi kānicid aphalāni
von jenen Blüten sind manche fruchtlos
kānicit phalahetubhūtāni
manche werden zur Ursache von Frucht
teṣu puṣpeṣu vṛddhabhāveṣu satsu
wenn diese Blüten den Zustand der Reife erreicht haben
tatpuṣpamūlataḥ tuṣotpattiḥ jāyate
entsteht an der Basis der Blüte die Spelze
teṣu tuṣu bhoktṝṇāṃ prāṇināṃ saṃskārasāmagrīvaśāt
in dieser Spelze kraft der den künftigen Genießern eigenen karmischen Bedingungen
himaraśmikiraṇāsannatayā
durch die Nähe der Strahlen des Mondes
tadoṣadhirasaḥ tuṣāntaḥ praviśya kṣīrabhāvaṃ sametya
dringt der Saft jener Pflanze ins Innere der Spelze ein und nimmt milchige Beschaffenheit an
svakāle taṇḍulākāratām upagamya
und gelangt zur rechten Zeit zur Gestalt eines Reiskorns
prāṇināṃ bhogasaṃskāravaśāt saṃvatsare phalinaḥ syuḥ
kraft der auf künftigen Genuss gerichteten karmischen Prägung der Lebewesen werden sie binnen eines Jahres fruchttragend

[Anm.: Die Vorstellung, der Reiskorn-Saft reife durch die Nähe der Mondstrahlen in der Spelze, spiegelt eine altindische physiologische Theorie wider und wurde wörtlich beibehalten.]

sthāvaratve 'pi bahukālaṃ vānarādibhirbhujyamānā hi cchedanadavāgnidahanaśītātapādiduḥkhamanubhūya mriyate / tataśca krimayo bhūtvā sadāduḥkhabahulāḥ kṣaṇārdhdaṃ jīvantaḥ kṣaṇārdhdaṃ mriyamāṇā balavatprāṇipīḍāyāṃ nivārayitumakṣamāḥ śītavātādikleśabhūyiṣṭhā nityaṃ kṣudhākṣudhitā malamūtrādiṣu sacaranto duḥkhamanubhavanti

Auch im Zustand der Unbeweglichkeit wird es, lange Zeit von Affen und dergleichen gefressen, nachdem es das Leid des Abgeschnittenwerdens, des Verbrennens durch Waldbrand, von Kälte, Hitze und dergleichen erfahren hat, schließlich getötet. Sodann, zum Wurm geworden, stets von Leid erfüllt, eine halbe Weile lebend, eine halbe Weile sterbend, unfähig, die von mächtigen Lebewesen zugefügte Pein abzuwehren, überreich an den Qualen von Kälte, Wind und dergleichen, stets von Hunger gepeinigt, in Kot, Urin und dergleichen umherkriechend, erfahren sie Leid.

Wort für Wort
sthāvaratve api bahukālaṃ vānarādibhiḥ bhujyamānā hi
auch im Zustand der Unbeweglichkeit lange Zeit von Affen und dergleichen gefressen
chedanadavāgnidahanaśītātapādiduḥkham anubhūya mriyate
nachdem es das Leid des Abgeschnittenwerdens, des Verbrennens durch Waldbrand, von Kälte, Hitze und dergleichen erfahren hat, wird es getötet
tataḥ ca kṛmayaḥ bhūtvā sadāduḥkhabahulāḥ
sodann, zu Würmern geworden, stets von Leid erfüllt
kṣaṇārdhaṃ jīvantaḥ kṣaṇārdhaṃ mriyamāṇāḥ
eine halbe Weile lebend, eine halbe Weile sterbend
balavatprāṇipīḍāyāṃ nivārayitum akṣamāḥ
unfähig, die von mächtigen Lebewesen zugefügte Pein abzuwehren
śītavātādikleśabhūyiṣṭhāḥ nityaṃ kṣudhākṣudhitāḥ
überreich an den Qualen von Kälte und Wind, stets von Hunger gepeinigt
malamūtrādiṣu sañcarantaḥ duḥkham anubhavanti
in Kot, Urin und dergleichen umherkriechend, erfahren sie Leid

tata eva padmayonimāgatya balavadvādhodvejitā vṛthodvegabhūyiṣṭhāḥ kṣutkṣāntā nityaṃ vanacāriṇo mātṛṣvapi viṣayāturā vātādikleṣabahulāḥ kaśmiṃścijjanmani tṛṇāśanāḥ kasmiṃścijjanmani māṃsāmedhyādyadanāḥ kasmiṃścijjanmani kandamūlaphalāśanā durbalaprāṇipīḍāniratā duḥkhamanubhavanti

Sodann, zu einer Tiergeburt [?] gelangt, durch mächtige Bedrängnis erschreckt, meist von unnützer Angst erfüllt, von Hunger erschöpft, stets im Wald umherstreifend, selbst gegenüber den eigenen Müttern von Begierde befallen, reich an den Qualen von Wind und Kälte und dergleichen - in mancher Geburt Grasfresser, in mancher Geburt Fresser von Fleisch und Unreinem, in mancher Geburt Esser von Knollen, Wurzeln und Früchten -, dem Quälen schwächerer Lebewesen ergeben, erfahren sie Leid.

Wort für Wort
tataḥ eva padmayonim [?] āgatya
sodann, zu einer [Tier-]Geburt gelangt
balavadbādhodvejitāḥ vṛthodvegabhūyiṣṭhāḥ
durch mächtige Bedrängnis erschreckt, meist von unnützer Angst erfüllt
kṣutkṣāntāḥ nityaṃ vanacāriṇaḥ
von Hunger erschöpft, stets im Wald umherstreifend
mātṛṣu api viṣayāturāḥ
selbst gegenüber den eigenen Müttern von Begierde befallen
vātādikleśabahulāḥ
reich an den Qualen von Wind und Kälte und dergleichen
kasmiṃścij janmani tṛṇāśanāḥ
in mancher Geburt Grasfresser
kasmiṃścij janmani māṃsāmedhyādyadanāḥ
in mancher Geburt Fresser von Fleisch und Unreinem
kasmiṃścij janmani kandamūlaphalāśanāḥ
in mancher Geburt Esser von Knollen, Wurzeln und Früchten
durbalaprāṇipīḍāniratāḥ duḥkham anubhavanti
dem Quälen schwächerer Lebewesen ergeben, erfahren sie Leid

[?: "padmayonim" (wörtlich "Lotos-Mutterleib", sonst Beiname Brahmās) passt inhaltlich nicht zur folgenden Schilderung von Gras-, Fleisch- und Wurzelfressern; vermutlich ist "tiryagyonim" ("Tiergeburt") im Original gemeint oder eine Verschreibung dafür.]

aṇḍajatve 'pi vātāśanāmāṃsāmedhyādyaśanāśca parapīḍāparāyaṇā nityaṃ duḥkhabahulā grāmyapaśuyonimāgatā api svajātiviyogabhārodvahanapāśādibandhanatāḍanahalādidhāraṇādisarvaduḥkhānyanubhavanti

Auch im Zustand des Eigeborenseins [als Vogel], sei es luftzehrend oder Fleisch und Unreines fressend, dem Quälen anderer ergeben, stets reich an Leid; und ebenso, zur Geburt als Haustier gelangt, erfahren sie alle Leiden der Trennung von den eigenen Artgenossen, des Lasttragens, der Fesselung mit Stricken und dergleichen, des Geschlagenwerdens, des Vorspannens vor den Pflug und so fort.

Wort für Wort
aṇḍajatve api vātāśanāḥ
auch im Zustand des Eigeborenseins, sei es luftzehrend
māṃsāmedhyādyaśanāḥ ca parapīḍāparāyaṇāḥ
oder Fleisch und Unreines fressend, dem Quälen anderer ergeben
nityaṃ duḥkhabahulāḥ
stets reich an Leid
grāmyapaśuyonim āgatāḥ api
und ebenso, zur Geburt als Haustier gelangt
svajātiviyogabhārodvahanapāśādibandhanatāḍanahalādidhāraṇādisarvaduḥkhāni anubhavanti
erfahren sie alle Leiden der Trennung von den Artgenossen, des Lasttragens, der Fesselung mit Stricken, des Geschlagenwerdens, des Vorspannens vor den Pflug und so fort

evaṃ bahuyoniṣu saṃbhrāntāḥ krameṇa mānuṣaṃ janma prāpnuvanti / kecicca puṇyaviśeṣādyutkrameṇāpi manuṣyajanmāśnuvate

So gelangen sie, in vielen Mutterleibern umherirrend, der Reihe nach schließlich zur Menschengeburt. Manche aber erlangen, kraft eines besonderen Verdienstes, die Menschengeburt sogar außerhalb der gewöhnlichen Reihenfolge.

Wort für Wort
evaṃ bahuyoniṣu saṃbhrāntāḥ
so, in vielen Mutterleibern umherirrend
krameṇa mānuṣaṃ janma prāpnuvanti
gelangen sie der Reihe nach zur Menschengeburt
kecid ca puṇyaviśeṣāt
manche aber kraft eines besonderen Verdienstes
utkrameṇa api manuṣyajanma aśnuvate
erlangen die Menschengeburt sogar außerhalb der gewöhnlichen Reihenfolge

manuṣyajanma nāpi ca carmakāracaṇḍālavyādhānāpitarajakakuṃbhakāralohakārasvarṇakāratantuvācasaucikajaṭilasiddhadhāvakalekhakabhṛtakaśāsanahārinīcabhṛtyadraridahīnāṅgādhikāṅgatvādi duḥkhabahulajvaratāpaśītaśleṣmagulmapādākṣiśirogarbhapārśvavedanādiduḥkhamanubhavanti

Sogar in der Menschengeburt erfahren sie - etwa als Lederarbeiter, Unberührbarer, Jäger, Barbier, Wäscher, Töpfer, Schmied, Goldschmied, Weber, Schneider, verfilzter Asket oder umherziehender Bleicher [?], Schreiber, Lohnknecht, Vollstrecker fremder Befehle, niederer Diener, Armer, mit verkümmerten oder überzähligen Gliedern Behafteter und dergleichen - vielfaches Leid: Fieber, Brennen, Kälte, Schleimleiden, Geschwülste im Unterleib sowie Schmerzen in Füßen, Augen, Kopf, Leib und Seiten und dergleichen.

Wort für Wort
manuṣyajanma na api ca
sogar in der Menschengeburt
carmakāra
als Lederarbeiter
caṇḍāla vyādha nāpita rajaka
Unberührbarer, Jäger, Barbier, Wäscher
kuṃbhakāra lohakāra svarṇakāra
Töpfer, Schmied, Goldschmied
tantuvāya saucika jaṭila siddha dhāvaka [?]
Weber, Schneider, verfilzter Asket, Siddha, Bleicher
lekhaka bhṛtaka śāsanahāri nīcabhṛtya daridra
Schreiber, Lohnknecht, Vollstrecker fremder Befehle, niederer Diener, Armer
hīnāṅgādhikāṅgatvādi
mit verkümmerten oder überzähligen Gliedern Behafteter und dergleichen
duḥkhabahulajvaratāpaśītaśleṣmagulmapādākṣiśirogarbhapārśvavedanādiduḥkham anubhavanti
erfahren sie vielfaches Leid: Fieber, Brennen, Kälte, Schleimleiden, Geschwülste sowie Schmerzen in Füßen, Augen, Kopf, Leib und Seiten und dergleichen

[?: Die Aufzählung "jaṭilasiddhadhāvaka" ("verfilzter Asket, Siddha, Wäscher/Läufer") ist in ihrer genauen Bedeutung unsicher; sinngemäß als niedere, wandernde Berufs-/Standesbezeichnungen wiedergegeben.]

manuṣyatve 'pi yadā strīpuruṣayorvyavāyastatsamayereto yadā jarāyuṃ praviśati tadaiva karmavaśājjantuḥ śukreṇa saha jarāyuṃ praviśya śukraśoṇitakalale pravarttate

Auch im Menschsein gilt: Wenn zwischen Mann und Frau die Vereinigung stattfindet und dabei der Same in die Gebärmutterhaut eindringt, dann tritt eben in diesem Augenblick, kraft des Karmas, das Lebewesen mit dem Samen zugleich in die Gebärmutterhaut ein und entsteht in der aus Samen und Blut gebildeten Keimmasse.

Wort für Wort
manuṣyatve api
auch im Menschsein
yadā strīpuruṣayoḥ vyavāyaḥ
wenn zwischen Mann und Frau die Vereinigung stattfindet
tatsamaye retaḥ yadā jarāyuṃ praviśati
und wenn dabei der Same in die Gebärmutterhaut eindringt
tadā eva karmavaśāt jantuḥ
dann, eben in diesem Augenblick, kraft des Karmas, das Lebewesen
śukreṇa saha jarāyuṃ praviśya
mit dem Samen zugleich in die Gebärmutterhaut eintretend
śukraśoṇitakalale pravarttate
entsteht in der aus Samen und Blut gebildeten Keimmasse

tadvīryaṃ jīvapraveśātpañcāhātkalalaṃ bhavati arddhamāse / palavalabhāvamupetya māse prādeśamātratvamāpadyate

Jener Same wird, vom Eintreten der Lebenskraft an gerechnet, binnen fünf Tagen zur Keimmasse; binnen eines halben Monats erreicht er den Zustand eines Fleischklumpens [?]; binnen eines Monats erlangt er die Größe einer Spanne.

Wort für Wort
tadvīryaṃ jīvapraveśāt pañcāhāt
jener Same wird, vom Eintreten der Lebenskraft an gerechnet, binnen fünf Tagen
kalalaṃ bhavati
zur Keimmasse
arddhamāse palavalabhāvam upetya [?]
binnen eines halben Monats erreicht er den Zustand eines Fleischklumpens
māse prādeśamātratvam āpadyate
binnen eines Monats erlangt er die Größe einer Spanne

[?: "palavalabhāva" ist unklar überliefert; sinngemäß als "Zustand eines [festeren] Fleischklumpens" wiedergegeben.]

tataḥ prabhṛti vāyuvaśāccaitanyābhāve 'pi māturuhye duḥsahatāpalkeśatayaikatra sthātumaśakyatvād bhramati

Von da an bewegt sich der Keim, kraft des Windes, selbst ohne volles Bewusstsein, im Leib der Mutter, weil es ihm wegen unerträglicher Hitze und Pein [?] unmöglich ist, an einem Ort zu verharren, hin und her.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti vāyuvaśāt
von da an, kraft des Windes
caitanyābhāve api mātur ūhye [udare]
selbst ohne volles Bewusstsein, im Leib der Mutter
duḥsahatāpakleśatayā [?]
wegen unerträglicher Hitze und Pein
ekatra sthātum aśakyatvāt bhramati
weil es unmöglich ist, an einem Ort zu verharren, bewegt es sich hin und her

[?: "duḥsahatāpalkeśatayā" ist korrupt überliefert; als "duḥsahatāpakleśatayā" ("wegen unerträglicher Hitze und Pein") gedeutet.]

māse dvitīye pūrṇe puruṣākāramātratāmupagamaya māsatritaye pūrṇe karacaraṇādyavayavabhāvamupagamya caturṣu māseṣu gateṣu sarvāvayavānāṃ saṃdhibhedaparijñānaṃ pañcasvatīteṣu nakhānāmabhivyañjakakatā ṣaṭsvatīteṣu nakhasaṃdhiparisphuṭatāmupagamya nābhisūtreṇa puṣyamāṇamamedhyamūtrasiktāṅgaṃ jarāyuṇā bandhitaraktāsthikrimivasāmajjāsnāyukeśādidūṣite kutsite śarīre nivāsinaṃ svayamapyevaṃ paridūṣitadehaṃ mātuśca kaṭvamlalavaṇātyuṣṇabhuktadahyamātmānaṃ dṛṣṭvā dehī pūrvajanmasmaraṇānubhāvātpūrvānubhūtanarakaduḥthāni ca smṛtvāntarduḥkhena ca paridahyamāno māturdehātimūtrādirukṣeṇa dahyamāna evaṃ manasi pralayati

Im zweiten Monat, wenn er vollendet ist, erlangt der Keim die bloße Gestalt eines Menschen; im dritten Monat, wenn er vollendet ist, erlangt er die Ausbildung der Glieder wie Hände und Füße; nach Ablauf von vier Monaten wird die Unterscheidung der Gelenke aller Glieder erkennbar; nach Ablauf von fünf Monaten das Hervortreten der Nägel; nach Ablauf von sechs Monaten erlangt er die volle Deutlichkeit von Nägeln und Gelenken. Durch die Nabelschnur genährt, mit Unrat und Urin benetzten Gliedern, wohnend in einem widerwärtigen, ekelerregenden Körper, der durch die Eihaut gebunden und mit Blut, Knochen, Würmern, Fett, Mark, Sehnen, Haaren und dergleichen befleckt ist - da er sich selbst als einen derart befleckten Körper wahrnimmt und sich, durch das von der Mutter genossene Scharfe, Saure, Salzige und allzu Heiße verbrannt fühlt, erblickt die verkörperte Seele dies und, kraft der Erinnerung an frühere Geburten, sich auch der in früheren Höllen erfahrenen Leiden erinnernd, von innerem Schmerz verzehrt, vom Körper der Mutter durch übermäßigen, scharfen Urin verbrannt, klagt sie so in ihrem Geiste [?].

Wort für Wort
māse dvitīye pūrṇe puruṣākāramātratām upagamya
im zweiten Monat, wenn er vollendet ist, erlangt er die bloße Gestalt eines Menschen
māsatritaye pūrṇe karacaraṇādyavayavabhāvam upagamya
im dritten Monat, wenn er vollendet ist, die Ausbildung der Glieder wie Hände und Füße
caturṣu māseṣu gateṣu sarvāvayavānāṃ saṃdhibhedaparijñānaṃ
nach vier Monaten die Unterscheidung der Gelenke aller Glieder
pañcasu atīteṣu nakhānām abhivyañjakatā
nach fünf Monaten das Hervortreten der Nägel
ṣaṭsu atīteṣu nakhasaṃdhiparisphuṭatām upagamya
nach sechs Monaten die volle Deutlichkeit von Nägeln und Gelenken
nābhisūtreṇa puṣyamāṇam amedhyamūtrasiktāṅgaṃ
durch die Nabelschnur genährt, mit Unrat und Urin benetzten Gliedern
jarāyuṇā bandhitaraktāsthikrimivasāmajjāsnāyukeśādidūṣite kutsite śarīre nivāsinam
wohnend in einem widerwärtigen Körper, durch die Eihaut gebunden, mit Blut, Knochen, Würmern, Fett, Mark, Sehnen, Haaren befleckt
svayam api evaṃ paridūṣitadehaṃ
sich selbst als einen derart befleckten Körper
mātuḥ ca kaṭvamlalavaṇātyuṣṇabhuktadahyamānam ātmānam dṛṣṭvā
und sich durch das von der Mutter genossene Scharfe, Saure, Salzige, Heiße verbrannt wahrnehmend
dehī pūrvajanmasmaraṇānubhāvāt
erblickt die verkörperte Seele dies, kraft der Erinnerung an frühere Geburten
pūrvānubhūtanarakaduḥkhāni ca smṛtvā antarduḥkhena ca paridahyamānaḥ
und, sich der früher erfahrenen Höllenleiden erinnernd, von innerem Schmerz verzehrt
māturdehāt atimūtrādirukṣeṇa dahyamānaḥ
vom Körper der Mutter durch übermäßigen scharfen Urin verbrannt
evaṃ manasi pralayati [?]
klagt sie so in ihrem Geiste

[?: "pralayati" am Versende ist auffällig (Wurzel "pralī-" "vergehen, sich auflösen"); dem Sinnzusammenhang nach (das folgende Klagelied des Embryos in V13ff.) offenbar für "vilapati" ("klagt, wehklagt") stehend; als "klagt" wiedergegeben.]

aho 'tyantapāpo 'haṃpūrvajanmanibhṛtyāpatyamitrayoṣidgṛhakṣetradhanadhānyādiṣvatyantarāgeṇa kalatrapoṣaṇārthaṃ paradhanakṣetrādikaṃ paśyato haraṇādyupāyairapahyatya kāmāndhatayā parastrīharaṇādikamanubhūya mahāpāpānyācaraṃstaiḥ pāpairahameka evaṃvidhanarakānanubhūya punaḥ sthāvarādiṣu mahāduḥkhamanubhūya saṃprati jarāyuṇā pariveṣṭito 'ntardukhena bahistāpena ca dahyāmi

Ach, überaus sündig bin ich! In einer früheren Geburt habe ich, aus übermäßiger Anhänglichkeit an Diener, Kinder, Freunde, Gattin, Haus, Feld, Reichtum, Getreide und dergleichen, um des Unterhalts meiner Familie willen, fremden Besitz und fremdes Feld erblickend, dieses durch Diebstahl und ähnliche Mittel an mich gerissen; aus Verblendung durch Begierde habe ich den Raub fremder Frauen und dergleichen begangen und große Sünden verübt. Durch jene Sünden habe ich allein, nachdem ich derartige Höllen erfahren und abermals unter den unbeweglichen Wesen großes Leid erfahren habe, brenne ich nun, von der Eihaut umschlungen, von innerem Schmerz und äußerer Hitze verzehrt.

Wort für Wort
aho atyantapāpaḥ aham
ach, überaus sündig bin ich
pūrvajanmani bhṛtyāpatyamitrayoṣidgṛhakṣetradhanadhānyādiṣu atyantarāgeṇa
in einer früheren Geburt aus übermäßiger Anhänglichkeit an Diener, Kinder, Freunde, Gattin, Haus, Feld, Reichtum, Getreide und dergleichen
kalatrapoṣaṇārthaṃ paradhanakṣetrādikaṃ paśyataḥ
um des Unterhalts der Gattin willen, fremden Besitz und fremdes Feld erblickend
haraṇādyupāyaiḥ apahṛtya
durch Diebstahl und ähnliche Mittel an mich gerissen
kāmāndhatayā parastrīharaṇādikam anubhūya
aus Verblendung durch Begierde den Raub fremder Frauen und dergleichen begangen
mahāpāpāni ācaran
und große Sünden verübend
taiḥ pāpaiḥ aham eka evaṃvidhanarakān anubhūya
durch jene Sünden habe ich allein derartige Höllen erfahren
punaḥ sthāvarādiṣu mahāduḥkham anubhūya
und abermals unter den unbeweglichen Wesen großes Leid erfahren
saṃprati jarāyuṇā pariveṣṭitaḥ
nun, von der Eihaut umschlungen
antarduḥkhena bahistāpena ca dahyāmi
brenne ich, von innerem Schmerz und äußerer Hitze verzehrt

mayā poṣitā dārāśca svakarmavaśādanyato gatāḥ

Meine Gattin, die ich ernährte, ist doch, kraft ihres eigenen Karmas, zu einem anderen gegangen.

Wort für Wort
mayā poṣitāḥ dārāḥ ca
und meine Gattin, die ich ernährte
svakarmavaśāt anyataḥ gatāḥ
ist kraft ihres eigenen Karmas zu einem anderen gegangen

aho dukhaṃ hi dehinām

Ach, wie groß ist doch das Leid der verkörperten Wesen!

Wort für Wort
aho duḥkhaṃ hi dehinām
ach, wie groß ist doch das Leid der verkörperten Wesen

dehastu pāpātsaṃjātastasmātpāpaṃ na kārayet / bhṛtyabhitrakalatrārthamanyaddravyaṃ hṛtaṃ mayā

Der Körper aber entsteht aus Sünde; darum soll man keine Sünde begehen. Um der Diener, Freunde und der Gattin willen habe ich fremdes Gut geraubt,

Wort für Wort
dehaḥ tu pāpāt saṃjātaḥ
der Körper aber entsteht aus Sünde
tasmāt pāpaṃ na kārayet
darum soll man keine Sünde begehen
bhṛtyamitrakalatrārtham
um der Diener, Freunde und der Gattin willen
anyad dravyaṃ hṛtaṃ mayā
habe ich fremdes Gut geraubt

tena pāpena dahyāmi jarāyupariveṣṭitaḥ / dṛṣṭvānyasya śriyaṃ pūrvaṃ satatpo 'hamasūyayā khitaḥ

durch jene Sünde brenne ich, von der Eihaut umschlungen. Wenn ich einst fremden Reichtum sah, war ich stets von Neid gequält und innerlich versengt.

Wort für Wort
tena pāpena dahyāmi
durch jene Sünde brenne ich
jarāyupariveṣṭitaḥ
von der Eihaut umschlungen
dṛṣṭvā anyasya śriyaṃ pūrvaṃ
wenn ich einst fremden Reichtum sah
santaptaḥ aham asūyayā khinnaḥ
war ich versengt, von Neid gequält

garbhāgninānudahyeyamidānīmapi pāpakṛt / kāyena manasā vācā parapīḍāmakāriṣamtena pāpena dahyāmi tvahameko 'tiduḥkhitaḥ

Durch das Feuer des Mutterleibs werde ich nun abermals verbrannt, ich, der ich auch jetzt noch ein Sünder bin [?]. Mit Körper, Geist und Rede habe ich anderen Leid zugefügt; durch jene Sünde brenne ich allein, überaus leidgeplagt.

Wort für Wort
garbhāgninā anudahyeyam
durch das Feuer des Mutterleibs werde ich abermals verbrannt
idānīm api pāpakṛt [?]
ich, der ich auch jetzt noch ein Sünder bin
kāyena manasā vācā parapīḍām akāriṣam
mit Körper, Geist und Rede habe ich anderen Leid zugefügt
tena pāpena dahyāmi
durch jene Sünde brenne ich
tu aham ekaḥ atiduḥkhitaḥ
ich allein, überaus leidgeplagt

[?: der Zusammenhang von "idānīmapi pāpakṛt" ("auch jetzt ein Sünder") mit dem Vorhergehenden ist nicht ganz eindeutig; sinngemäß wiedergegeben.]

evaṃ bahuvidhaṃ garbhastho janturvilapya svayameva vā

So beklagt das im Mutterleib befindliche Wesen auf mannigfache Weise von selbst sein Los, oder ...

Wort für Wort
evaṃ bahuvidhaṃ
so, auf mannigfache Weise
garbhasthaḥ jantuḥ vilapya
beklagt das im Mutterleib befindliche Wesen [sein Los]
svayam eva vā
von selbst, oder ...

[Anm.: Der Satz ist syntaktisch unvollständig und setzt sich erst in V20 fort ("ātmānamāśvāsya ...").]

ātmānamāśvāsya utpatteranantaraṃ satsaṃgena viṣṇoścaritaśravaṇena ca viśuddhamanā bhūtvā satkarmāṇi nirvartya akhilajagadantarātmanaḥ satyajñānānandamayasya śaktiprabhāvānuṣṭitaviṣṭapavargasya lakṣmīpaternārāyaṇasya sakalasurāsurayakṣagandharvarākṣasapanna gamunikinnarasamūhārcitacaraṇakamalayugaṃ bhaktitaḥ samabhyarcya duḥsahaḥ saṃsāracchedasyakāraṇabhūtaṃ vedarahasyopaniṣadbhiḥ parisphuṭaṃ sakalalokaparāyaṇaṃ hṛdinidhāya duḥkhataramimaṃ saṃskārāgāramatikramiṣyāmīti manasi bhavayati

... sich selbst tröstend, nimmt es sich vor: Nach der Geburt werde ich, durch den Umgang mit den Guten und durch das Hören von den Taten Viṣṇus, reinen Sinnes werden, gute Werke vollbringen und mit Hingabe das Paar der Lotosfüße Nārāyaṇas verehren - Nārāyaṇas, des inneren Selbst der ganzen Welt, der aus Wahrheit, Erkenntnis und Wonne besteht, durch dessen Macht und Kraft die Gesamtheit der Welten gegründet ist, des Gemahls der Lakṣmī, dessen Lotosfüße von der gesamten Schar der Götter, Dämonen, Yakṣas, Gandharvas, Rākṣasas, Schlangenwesen, Asketen und Kinnaras verehrt werden; es nimmt sich vor, die im Herzen geborgene, durch das Geheimnis der Veden und der Upaniṣaden klar geoffenbarte Ursache der Durchtrennung des unerträglichen Daseinskreislaufs, Nārāyaṇa, der der Zuflucht aller Welten ist, zu bergen, und denkt bei sich: Ich werde diese überaus leidvolle Behausung der leiblichen Formung [den Mutterleib] überwinden.

Wort für Wort
ātmānam āśvāsya utpatteḥ anantaraṃ
sich selbst tröstend, nimmt es sich vor: nach der Geburt
satsaṃgena viṣṇoḥ caritaśravaṇena ca viśuddhamanāḥ bhūtvā
durch den Umgang mit den Guten und das Hören von Viṣṇus Taten reinen Sinnes zu werden
satkarmāṇi nirvartya
gute Werke zu vollbringen
akhilajagadantarātmanaḥ satyajñānānandamayasya
des inneren Selbst der ganzen Welt, der aus Wahrheit, Erkenntnis und Wonne besteht
śaktiprabhāvānuṣṭhitaviṣṭapavargasya lakṣmīpateḥ nārāyaṇasya
durch dessen Macht die Gesamtheit der Welten gegründet ist, des Gemahls der Lakṣmī, Nārāyaṇas
sakalasurāsurayakṣagandharvarākṣasapannagamunikinnarasamūhārcitacaraṇakamalayugaṃ
dessen Lotosfußpaar von der gesamten Schar der Götter, Dämonen, Yakṣas, Gandharvas, Rākṣasas, Schlangen, Asketen und Kinnaras verehrt wird
bhaktitaḥ samabhyarcya
mit Hingabe zu verehren
duḥsahaḥ saṃsāracchedasya kāraṇabhūtaṃ
die Ursache der Durchtrennung des unerträglichen Daseinskreislaufs
vedarahasyopaniṣadbhiḥ parisphuṭaṃ sakalalokaparāyaṇaṃ hṛdi nidhāya
die durch das Geheimnis der Veden und Upaniṣaden klar geoffenbarte, der Zuflucht aller Welten ist, im Herzen zu bergen
duḥkhataram imaṃ saṃskārāgāram atikramiṣyāmi iti manasi bhāvayati
und denkt bei sich: ich werde diese überaus leidvolle Behausung der leiblichen Formung überwinden

yatastanmātuḥ prasūtisamaye sati garbhasthodehī nāradamune vāyunāparipīḍito mātuścāpi duḥkhaṃ kurvankarmapāśena balādyonimārgānniṣkrāmansakalayātanābhogamekakālabhavamanubhavati

Denn, o Weiser Nārada, wenn die Zeit der Niederkunft der Mutter eintritt, wird das im Mutterleib weilende verkörperte Wesen vom Wind bedrängt und, während es auch der Mutter Schmerzen bereitet, durch die Fessel des Karmas gewaltsam aus dem Geburtskanal herausgezogen; dabei erfährt es die gesamte Erfahrung der Qual auf einmal, in einem einzigen Augenblick.

Wort für Wort
yataḥ tanmātuḥ prasūtisamaye sati
denn wenn die Zeit der Niederkunft der Mutter eintritt
garbhasthaḥ dehī nāradamune
das im Mutterleib weilende verkörperte Wesen, o Weiser Nārada,
vāyunā paripīḍitaḥ
vom Wind bedrängt
mātuḥ ca api duḥkhaṃ kurvan
und auch der Mutter Schmerzen bereitend
karmapāśena balāt yonimārgāt niṣkrāman
wird durch die Fessel des Karmas gewaltsam aus dem Geburtskanal herausgezogen
sakalayātanābhogam ekakālabhavam anubhavati
und erfährt die gesamte Erfahrung der Qual, auf einmal geschehend

tenātikleśena yoniyantrapūḍito garbhānniṣkānto niḥsaṃjñatāṃ yāti

Durch diese äußerste Pein, von der Zwangsvorrichtung des Geburtswegs bedrängt, aus dem Mutterleib herausgetreten, verfällt es in Bewusstlosigkeit.

Wort für Wort
tena atikleśena yoniyantrapīḍitaḥ
durch diese äußerste Pein, von der Zwangsvorrichtung des Geburtswegs bedrängt
garbhāt niṣkrāntaḥ
aus dem Mutterleib herausgetreten
niḥsaṃjñatāṃ yāti
verfällt es in Bewusstlosigkeit

taṃ tu bāhyavāyuḥ samujjīvayati / bāhyavāyusparśasamanantarameva naṣṭasmṛtipūrvānubhūtākhiladuḥkhāni varttamānānyapi jñānābhāvadavijñāyātyantaduḥkhamanubhavati

Die äußere Luft aber belebt es wieder. Doch unmittelbar mit der Berührung der äußeren Luft geht die Erinnerung verloren; und da es aus Mangel an Erkenntnis weder die früher erfahrenen noch die gegenwärtigen Leiden als solche erkennt, erfährt es dennoch äußerstes Leid.

Wort für Wort
taṃ tu bāhyavāyuḥ samujjīvayati
die äußere Luft aber belebt es wieder
bāhyavāyusparśasamanantaram eva naṣṭasmṛtiḥ
unmittelbar mit der Berührung der äußeren Luft geht die Erinnerung verloren
pūrvānubhūtākhiladuḥkhāni varttamānāni api
die früher erfahrenen wie auch die gegenwärtigen Leiden
jñānābhāvāt avijñāya atyantaduḥkham anubhavati
aus Mangel an Erkenntnis nicht erkennend, erfährt es dennoch äußerstes Leid

evaṃ bālatvamāpanno jantustatrāpi svamalamūtralitpadeha ādhyātmikādipīḍyamāno 'pi vaktumaśaktakṣuttṛṣāpīḍito rudite sati stanādikaṃ deyamiti manvānāḥ prayatante

So gelangt das Wesen zum Zustand der Kindheit; auch dort, den Leib mit dem eigenen Unrat und Urin besudelt, von inneren und anderen Schmerzen gequält, doch unfähig zu sprechen, von Hunger und Durst gepeinigt, bemühen sich die Eltern, wenn es weint, in der Meinung, ihm müsse die Brust oder dergleichen gereicht werden, es zu stillen.

Wort für Wort
evaṃ bālatvam āpannaḥ jantuḥ tatra api
so gelangt das Wesen zum Zustand der Kindheit; auch dort
svamalamūtraliptadehaḥ
den Leib mit dem eigenen Unrat und Urin besudelt
ādhyātmikādipīḍyamānaḥ api vaktum aśakta
von inneren und anderen Schmerzen gequält, doch unfähig zu sprechen
kṣuttṛṣāpīḍitaḥ rudite sati
von Hunger und Durst gepeinigt, wenn es weint
stanādikaṃ deyam iti manvānāḥ prayatante
bemühen sich [die Eltern] in der Meinung, ihm müsse die Brust oder dergleichen gereicht werden

evamanekaṃ dehabhogamanyādhīnatayānubhūyamāno daṃśādiṣvapi nivārayitumaśaktaḥ

So erfährt es mannigfaches leibliches Ungemach, da es von anderen abhängig ist, und ist nicht einmal imstande, sich gegen Insektenstiche und dergleichen zu wehren.

Wort für Wort
evam anekaṃ dehabhogam anyādhīnatayā anubhūyamānaḥ
so erfährt es mannigfaches leibliches Ungemach, da es von anderen abhängig ist
daṃśādiṣu api nivārayitum aśaktaḥ
und ist nicht einmal imstande, sich gegen Insektenstiche und dergleichen zu wehren

bālyabhāvamāsādya mātāpitrorupādhyāyasya tāḍanaṃ sadā paryaṭanaśīlatvaṃ pāṃśubhasmapaṅkādiṣukrīḍanaṃ sadā kalahaniyatatvāma śucitvaṃ bahuvyāpārābhāsakāryaniyatatvaṃ tadasaṃbhava ādhyātmikaduḥkhamevaṃvidhamanubhavati

Nach Erreichen des Kindesalters erfährt es innerliches Leid solcher Art: das Schelten durch Eltern und Lehrer, die ständige Neigung zum Umherstreifen, das Spielen in Staub, Asche, Schlamm und dergleichen, die beständige Neigung zum Streit, Unreinlichkeit, die stete Beschäftigung mit vielerlei nur scheinbar bedeutsamen Tätigkeiten sowie deren Misslingen.

Wort für Wort
bālyabhāvam āsādya
nach Erreichen des Kindesalters
mātāpitroḥ upādhyāyasya tāḍanaṃ
das Schelten durch Eltern und Lehrer
sadā paryaṭanaśīlatvaṃ
die ständige Neigung zum Umherstreifen
pāṃśubhasmapaṅkādiṣu krīḍanaṃ
das Spielen in Staub, Asche, Schlamm und dergleichen
sadā kalahaniyatatvam aśucitvaṃ
die beständige Neigung zum Streit, die Unreinlichkeit
bahuvyāpārābhāsakāryaniyatatvaṃ tadasaṃbhavaḥ
die stete Beschäftigung mit scheinbar bedeutsamen Tätigkeiten und deren Misslingen
ādhyātmikaduḥkham evaṃvidham anubhavati
erfährt es innerliches Leid solcher Art

tatastu taruṇabhāvena dhanārjanamarjitasya rakṣaṇaṃ tasya nāśavyayādiṣu cātyantaduḥkhitā māyayā mohitāḥ kāmakrodhādiduṣṭamanasāḥ sadāsūyāparāyaṇāḥ parasvaparastrīharaṇopāyaparāyaṇāḥ putramitrakalatrādibharaṇopāyacintāparāyaṇā vṛthāhaṅkāradūṣitāḥ putrādiṣu vyādhyādi pīḍiteṣu satsu sarvavyātpiṃ parityajya rogādibhiḥ kleśitānāṃ samīpe svayamādhyātmikaduḥkhena pariplutā vakṣyamāṇaprakāreṇa citāmaśnuvate

Dann, im Jugendalter, beschäftigt mit dem Erwerb von Reichtum und der Bewahrung des Erworbenen, sind sie hinsichtlich dessen Verlust und Verbrauch aufs Äußerste bekümmert; von der Māyā getäuscht, mit durch Begierde, Zorn und dergleichen verdorbenem Sinn, stets dem Neid ergeben, auf Mittel bedacht, fremdes Gut und fremde Frauen an sich zu reißen, in ständiger Sorge um die Mittel zum Unterhalt von Söhnen, Freunden, Gattin und dergleichen, durch eitlen Hochmut verdorben - wenn Söhne und andere von Krankheit und dergleichen befallen sind, lassen sie alle sonstige Beschäftigung fahren und geraten, in der Nähe der von Krankheit Geplagten selbst von innerem Leid überflutet, auf die im Folgenden zu schildernde Weise schließlich zum Scheiterhaufen.

Wort für Wort
tataḥ tu taruṇabhāvena dhanārjanam
dann, im Jugendalter, [beschäftigt mit] dem Erwerb von Reichtum
arjitasya rakṣaṇaṃ tasya nāśavyayādiṣu ca atyantaduḥkhitāḥ
und der Bewahrung des Erworbenen, hinsichtlich dessen Verlust und Verbrauch aufs Äußerste bekümmert
māyayā mohitāḥ kāmakrodhādiduṣṭamanasāḥ
von der Māyā getäuscht, mit durch Begierde und Zorn verdorbenem Sinn
sadāsūyāparāyaṇāḥ parasvaparastrīharaṇopāyaparāyaṇāḥ
stets dem Neid ergeben, auf Mittel bedacht, fremdes Gut und fremde Frauen zu rauben
putramitrakalatrādibharaṇopāyacintāparāyaṇāḥ vṛthāhaṅkāradūṣitāḥ
in Sorge um den Unterhalt von Söhnen, Freunden, Gattin, durch eitlen Hochmut verdorben
putrādiṣu vyādhyādi pīḍiteṣu satsu sarvavyāptiṃ parityajya
wenn Söhne und andere von Krankheit befallen sind, alle sonstige Beschäftigung aufgebend
rogādibhiḥ kleśitānāṃ samīpe svayam ādhyātmikaduḥkhena pariplutāḥ
in der Nähe der von Krankheit Geplagten selbst von innerem Leid überflutet
vakṣyamāṇaprakāreṇa citām aśnuvate
gelangen sie auf die im Folgenden zu schildernde Weise zum Scheiterhaufen

gṛhakṣetrādikaṃ kama kiñcinnāpi vicāritam / samṛddhasya kuṭumbasya kathaṃ bhavati varttanam

Um Haus, Feld und dergleichen habe ich mich kaum jemals gekümmert [?] - wie soll da der Unterhalt einer wohlhabenden Familie bestehen?

Wort für Wort
gṛhakṣetrādikaṃ karma [?]
die Angelegenheiten von Haus, Feld und dergleichen
kiñcit na api vicāritam
habe ich kaum jemals bedacht
samṛddhasya kuṭumbasya
einer wohlhabenden Familie
kathaṃ bhavati varttanam
wie soll da der Unterhalt bestehen

[?: "kama" ist unklar überliefert; sinngemäß als Füllwort bzw. Verschreibung behandelt.]

mama mūladhanaṃ nāsti vṛṣṭiścāpi na varṣati / aśvaḥ palāyitaḥ kutra gāvaḥ kiṃ nāgatā mama

Ich habe kein Grundkapital, und auch der Regen fällt nicht. Wohin ist mein Pferd entlaufen? Warum sind meine Kühe nicht zurückgekehrt?

Wort für Wort
mama mūladhanaṃ nāsti
ich habe kein Grundkapital
vṛṣṭiḥ ca api na varṣati
und auch der Regen fällt nicht
aśvaḥ palāyitaḥ kutra
wohin ist mein Pferd entlaufen
gāvaḥ kiṃ na āgatāḥ mama
warum sind meine Kühe nicht zurückgekehrt

bālāpatyā ca me bhāryā vyādhito 'haṃ ca nirdhanaḥ / avicārātkṛṣirnaṣṭā putrā nityaṃ rudanti ca

Meine Gattin hat kleine Kinder zu versorgen, und ich bin krank und mittellos. Durch Unbedachtsamkeit ist die Ernte verdorben, und meine Söhne weinen unaufhörlich.

Wort für Wort
bālāpatyā ca me bhāryā
meine Gattin mit kleinen Kindern
vyādhitaḥ ahaṃ ca nirdhanaḥ
ich bin krank und mittellos
avicārāt kṛṣiḥ naṣṭā
durch Unbedachtsamkeit ist die Ernte verdorben
putrā nityaṃ rudanti ca
und meine Söhne weinen unaufhörlich

bhagnaṃ chinnaṃ tu me sadma bāndhavā api dūragāḥ / na labhyate varttanaṃ ca rāja bādhātiduḥsahā

Mein Haus ist eingestürzt und zerfallen, und auch meine Verwandten sind weit entfernt. Kein Unterhalt ist zu erlangen, und die Bedrängnis durch den König ist unerträglich.

Wort für Wort
bhagnaṃ chinnaṃ tu me sadma
mein Haus ist eingestürzt und zerfallen
bāndhavāḥ api dūragāḥ
und auch meine Verwandten sind weit entfernt
na labhyate varttanaṃ ca
kein Unterhalt ist zu erlangen
rājabādhā atiduḥsahā
die Bedrängnis durch den König ist unerträglich

ripavo māṃ pradhāvante kathaṃ jeṣṭāmyahaṃ ripūn / vyavasāyākṣamaścāhaṃ prātpāḥ prāghūrṇakā amī

Feinde stürmen auf mich ein - wie soll ich die Feinde besiegen? Und ich bin zu keinem Unternehmen mehr fähig, und dazu sind noch diese Gäste eingetroffen.

Wort für Wort
ripavaḥ māṃ pradhāvante
Feinde stürmen auf mich ein
kathaṃ jeṣyāmi ahaṃ ripūn
wie soll ich die Feinde besiegen
vyavasāyākṣamaḥ ca ahaṃ
und ich bin zu keinem Unternehmen mehr fähig
prāptāḥ prāghūrṇakāḥ amī
und diese Gäste sind eingetroffen

evamatyantacintākulaḥ svaduḥkhāni nivārayitumakṣamo dhigvidhiṃ bhāgyahīnaṃ māṃ kimarthaṃ vidadhe iti daivamākṣipati

So, von äußerster Sorge geplagt, unfähig, seine eigenen Leiden abzuwenden, [ruft er:] Verflucht sei das Schicksal! Wozu hat es mich, den Glücklosen, erschaffen? - so klagt er das Verhängnis an.

Wort für Wort
evam atyantacintākulaḥ
so, von äußerster Sorge geplagt
svaduḥkhāni nivārayitum akṣamaḥ
unfähig, seine eigenen Leiden abzuwenden
dhig vidhiṃ
verflucht sei das Schicksal [der Schöpfer]
bhāgyahīnaṃ māṃ kimartham vidadhe iti
wozu hat es mich, den Glücklosen, erschaffen - so
daivam ākṣipati
klagt er das Verhängnis an

tathā vṛddhatvamāpanno hīyamānasāro jarāpalitādivyātpadeho vyādhibādhyatvādikamāpannaḥ / prakaṃpamānāvayavaśvāsakāsādipīḍito lolāvilalocanaḥ śleṣmaṇyātpakaṇṭhaḥ putradārādibhirbhartsyamānaḥ kadā maraṇamupayāmīti cintākulo mayi mṛte sati madarjitaṃ gṛhakṣetrādikaṃ vastu putrādayaḥ kathaṃ rakṣanti kasya vā bhaviṣyati

Ebenso, ins Alter gelangt, mit schwindender Kraft, den Körper von Alter, grauem Haar und dergleichen durchdrungen, der Bedrängnis durch Krankheit und dergleichen unterworfen, mit zitternden Gliedern, von Atemnot, Husten und dergleichen gequält, mit unsteten, trüben Augen, die Kehle von Schleim verstopft, von Söhnen und Gattin geschmäht, von der ängstlichen Sorge geplagt, wann er wohl sterbe, und zugleich davon, wie wohl, wenn er gestorben sei, seine Söhne und die Übrigen das von ihm erworbene Haus, Feld und sonstige Gut bewahren würden oder wem es zufallen werde.

Wort für Wort
tathā vṛddhatvam āpannaḥ hīyamānasāraḥ
ebenso, ins Alter gelangt, mit schwindender Kraft
jarāpalitādivyāptadehaḥ vyādhibādhyatvādikam āpannaḥ
den Körper von Alter, grauem Haar durchdrungen, der Bedrängnis durch Krankheit unterworfen
prakampamānāvayavaḥ śvāsakāsādipīḍitaḥ
mit zitternden Gliedern, von Atemnot und Husten gequält
lolāvilalocanaḥ śleṣmaṇā āptakaṇṭhaḥ
mit unsteten, trüben Augen, die Kehle von Schleim verstopft
putradārādibhiḥ bhartsyamānaḥ
von Söhnen und Gattin geschmäht
kadā maraṇam upayāmi iti cintākulaḥ
von der Sorge geplagt, wann er wohl sterbe
mayi mṛte sati madarjitaṃ gṛhakṣetrādikaṃ vastu
[und]: wenn ich gestorben bin, das von mir erworbene Haus, Feld und sonstige Gut
putrādayaḥ kathaṃ rakṣanti kasya vā bhaviṣyati
wie werden die Söhne und die Übrigen es bewahren, oder wem wird es gehören

maddhane parairapahṛte putrādīnāṃ kathaṃ varttanaṃ bhaviṣyatīti mamatāduḥkhaparipluto gāḍhaṃ niḥśvasya svena vayasā kṛtāni karmāṇi punaḥ punaḥ smaran kṣaṇe vismarati ca saṃtatastvāsannamaraṇo

Wenn mein Vermögen von anderen weggenommen wird, wie soll dann der Unterhalt meiner Söhne und der übrigen Angehörigen bestehen? - so, von dem Leid der Ich-Bezogenheit überflutet, tief aufseufzend, sich immer wieder an die in seinen jüngeren Jahren vollbrachten Taten erinnernd und sie im nächsten Augenblick doch wieder vergessend, unaufhörlich, mit stetig nahendem Tod ...

Wort für Wort
maddhane paraiḥ apahṛte
wenn mein Vermögen von anderen weggenommen wird
putrādīnāṃ kathaṃ varttanaṃ bhaviṣyati iti
wie soll dann der Unterhalt der Söhne und der übrigen bestehen
mamatāduḥkhaparipluto gāḍhaṃ niḥśvasya
von dem Leid der Ich-Bezogenheit überflutet, tief aufseufzend
svena vayasā kṛtāni karmāṇi punaḥ punaḥ smaran
sich immer wieder an die in seinen [jüngeren] Jahren vollbrachten Taten erinnernd
kṣaṇe vismarati ca
und sie im nächsten Augenblick doch wieder vergessend
saṃtataḥ tu āsannamaraṇaḥ
unaufhörlich, mit stetig nahendem Tod

vyādhipīḍito 'ntastāpārtaḥ kṣaṇaṃ śayyāyāṃ kṣaṇaṃ mañce ca tatastataḥ paryaṭan kṣuttṛṭūparipūḍitaḥ kiñcinmātramudakaṃ dehītyatikārpaṇyena yācamānastatrāpi jvarāviṣṭānāmudakaṃ na śreyaskaramiti bruvato manasātidveṣaṃ kurvanmanda caitanyo bhavati

... von Krankheit gequält, von innerem Brennen gepeinigt, bald auf dem Lager, bald auf der Bettstatt, dann wieder umherwandernd, von Hunger und Durst bedrängt, in höchstem Elend bittend: Gib mir nur ein wenig Wasser, während man ihm sogar dann entgegnet, Wasser sei für Fiebernde nicht zuträglich - im Geiste tiefen Groll hegend, wird er stumpfsinnig.

Wort für Wort
vyādhipīḍitaḥ antastāpārtaḥ
von Krankheit gequält, von innerem Brennen gepeinigt
kṣaṇaṃ śayyāyāṃ kṣaṇaṃ mañce ca
bald auf dem Lager, bald auf der Bettstatt
tatastataḥ paryaṭan kṣuttṛṭūparipīḍitaḥ
dann wieder umherwandernd, von Hunger und Durst bedrängt
kiñcinmātram udakaṃ dehi iti atikārpaṇyena yācamānaḥ
in höchstem Elend bittend: gib mir nur ein wenig Wasser
tatra api jvarāviṣṭānām udakaṃ na śreyaskaram iti bruvataḥ
während man ihm entgegnet, Wasser sei für Fiebernde nicht zuträglich
manasā atidveṣaṃ kurvan manda caitanyaḥ bhavati
im Geiste tiefen Groll hegend, wird er stumpfsinnig

tataśca hastapādākarṣaṇe na tu kṣamo rudradbhibandhujanairveṣṭito vaktumakṣamaḥ svārjitadhanādikaṃ kasya bhaviṣyatīti cintāparo bāṣpāvilavilocanaḥ kaṇṭhe vuraghurāyamāṇe sati śarīrānniṣkrāntaprāṇo yamadūtairbhartsyamānaḥ pāśayantrito narakādīnpūrvavadaśnute

Und dann, nicht mehr fähig, Hände und Füße an sich zu ziehen, von weinenden Angehörigen umringt, unfähig zu sprechen, von dem Gedanken erfüllt, wem wohl sein selbst erworbenes Vermögen und der Rest zufallen werde, mit tränenverschleierten Augen, während in seiner Kehle ein Röcheln ertönt, entweicht der Lebenshauch aus seinem Körper; von den Boten Yamas gescholten, mit dem Strick gefesselt und fortgeführt, erfährt er wie zuvor die Höllen und dergleichen.

Wort für Wort
tataḥ ca hastapādākarṣaṇe na tu kṣamaḥ
und dann, nicht mehr fähig, Hände und Füße an sich zu ziehen
rudadbhiḥ bandhujanaiḥ veṣṭitaḥ vaktum akṣamaḥ
von weinenden Angehörigen umringt, unfähig zu sprechen
svārjitadhanādikaṃ kasya bhaviṣyati iti cintāparaḥ
von dem Gedanken erfüllt, wem sein selbst erworbenes Vermögen zufallen werde
bāṣpāvilavilocanaḥ kaṇṭhe ghurghurāyamāṇe sati
mit tränenverschleierten Augen, während in seiner Kehle ein Röcheln ertönt
śarīrāt niṣkrāntaprāṇaḥ
entweicht der Lebenshauch aus seinem Körper
yamadūtaiḥ bhartsyamānaḥ pāśayantritaḥ
von den Boten Yamas gescholten, mit dem Strick gefesselt
narakādīn pūrvavat aśnute
erfährt er wie zuvor die Höllen und dergleichen

āmalaprakṣayādyadvadagnau dhāmyanti dhātavaḥ / tathaiva jīvinaḥ sarva ākarmaprakṣayād bhṛśam

So wie Metalle im Feuer geschmolzen werden durch die Beseitigung des Unreinen [der Schlacke] [?], ebenso werden fürwahr alle lebenden Wesen heftig geläutert, bis ihr Karma gänzlich erschöpft ist.

Wort für Wort
malaprakṣayāt [?] yadvat agnau dhāmyanti dhātavaḥ
so wie durch die Beseitigung des Unreinen Metalle im Feuer geschmolzen werden
tathā eva jīvinaḥ sarve
ebenso fürwahr alle lebenden Wesen
ākarmaprakṣayāt bhṛśam [dhāmyante]
werden heftig [geläutert], bis ihr Karma gänzlich erschöpft ist

[?: "āmalaprakṣayāt" wohl verschrieben für "malaprakṣayāt" ("durch die Beseitigung des Unreinen/der Schlacke").]

tasmātsaṃsāradāvāgnitāpārto dvijasattama / abhyasetparamaṃ jñānaṃ jñānānmokṣamavānpuyāt

Darum, o Bester der Zweifachgeborenen, soll der von der Glut des Waldbrands des Daseinskreislaufs Gequälte das höchste Wissen üben; durch das Wissen erlangt man die Erlösung.

Wort für Wort
tasmāt saṃsāradāvāgnitāpārtaḥ
darum der von der Glut des Waldbrands des Daseinskreislaufs Gequälte
dvijasattama
o Bester der Zweifachgeborenen
abhyaset paramaṃ jñānaṃ
soll das höchste Wissen üben
jñānāt mokṣam avāpnuyāt
durch das Wissen erlangt man die Erlösung

[Anm.: Hier erscheint erstmals wörtlich das titelgebende Bild vom "Waldbrand des saṃsāra" (saṃsāradāvāgni), das dem Kapiteltitel "bhavāṭavī" ("Wald des Daseins") zugrunde liegt.]

jñānaśūnyā narā ye tu paśavaḥ parikīrtitāḥ / tasmātsaṃsāramokṣāya paraṃ jñānaṃ samabhyaset

Diejenigen Menschen aber, die ohne Erkenntnis sind, werden als bloßes Vieh bezeichnet. Darum soll man, um die Erlösung vom Daseinskreislauf zu erlangen, das höchste Wissen eifrig üben.

Wort für Wort
jñānaśūnyāḥ narāḥ ye tu
diejenigen Menschen aber, die ohne Erkenntnis sind
paśavaḥ parikīrtitāḥ
werden als Vieh bezeichnet
tasmāt saṃsāramokṣāya
darum, um die Erlösung vom Daseinskreislauf zu erlangen
paraṃ jñānaṃ samabhyaset
soll man das höchste Wissen eifrig üben

mānuṣyaṃ caiva saṃprāpya sarvakarmaprasādhakam / hariṃ na sevate yastu ko 'nyastasmādacetanaḥ

Wer aber, obwohl er das Menschsein erlangt hat, das alle heilsamen Werke zu vollbringen vermag, Hari nicht verehrt - wer wäre unbesonnener als er?

Wort für Wort
mānuṣyaṃ ca eva saṃprāpya
das Menschsein erlangt habend
sarvakarmaprasādhakam
das alle [heilsamen] Werke zu vollbringen vermag
hariṃ na sevate yaḥ tu
wer aber Hari nicht verehrt
kaḥ anyaḥ tasmāt acetanaḥ
wer wäre unbesonnener als er

aho citramaho citramaho citraṃ munīśvarāḥ / āsthite kāmade viṣṇo narā yānti hi yātanām

O Wunder, o Wunder, o welch ein Wunder, ihr Fürsten der Weisen! Obwohl Viṣṇu, der Erfüller aller Wünsche, ihnen nahe ist, gehen die Menschen dennoch in die Qual.

Wort für Wort
aho citram aho citram aho citraṃ
o Wunder, o Wunder, o welch ein Wunder
munīśvarāḥ
ihr Fürsten der Weisen
āsthite kāmade viṣṇau
obwohl Viṣṇu, der Erfüller aller Wünsche, [ihnen] nahe ist
narāḥ yānti hi yātanām
gehen die Menschen dennoch in die Qual

nārāyaṇe jagannāthe sarvakāmaphalaprade / sthite 'pi jñānarahitāḥ pacyante narakeṣvaho

Obwohl Nārāyaṇa, der Herr der Welt, der Gewährer der Frucht aller Wünsche, ihnen nahe ist, werden die Erkenntnislosen, ach, in den Höllen gequält.

Wort für Wort
nārāyaṇe jagannāthe
während Nārāyaṇa, der Herr der Welt
sarvakāmaphalaprade sthite api
der Gewährer der Frucht aller Wünsche, [ihnen] nahe ist
jñānarahitāḥ
die Erkenntnislosen
pacyante narakeṣu aho
werden, ach, in den Höllen gequält

stravanmūtrapurīṣe tu śarīre 'sminnṛśāśvate / śāśvataṃ bhāvayantyajñā mahāmohasamāvṛtāḥ

In diesem Leib, der von Urin und Kot trieft und der nicht ewig ist [?], wähnen die Unwissenden, von großer Verblendung umhüllt, ihn dennoch für ewig.

Wort für Wort
sravanmūtrapurīṣe tu śarīre asmin
in diesem Leib aber, der von Urin und Kot trieft
na śāśvate [?]
der nicht ewig ist
śāśvataṃ bhāvayanti ajñāḥ
wähnen die Unwissenden ihn für ewig
mahāmohasamāvṛtāḥ
von großer Verblendung umhüllt

[?: "nṛśāśvate" ist korrupt überliefert; als "na śāśvate" ("der nicht ewig ist") gedeutet.]

kutsitaṃ māṃsaraktādyairdehaṃ saṃprāpya yo naraḥ / saṃsāracchedakaṃ viṣṇuṃ na bhajetso 'tipātakī

Wer, nachdem er einen durch Fleisch, Blut und dergleichen widerwärtigen Leib erlangt hat, Viṣṇu, den Durchtrenner des Daseinskreislaufs, nicht verehrt, der ist ein überaus großer Sünder.

Wort für Wort
kutsitaṃ māṃsaraktādyaiḥ dehaṃ saṃprāpya
nachdem er einen durch Fleisch, Blut und dergleichen widerwärtigen Leib erlangt hat
yaḥ naraḥ
wer als Mensch
saṃsāracchedakaṃ viṣṇuṃ na bhajet
Viṣṇu, den Durchtrenner des Daseinskreislaufs, nicht verehrt
saḥ atipātakī
der ist ein überaus großer Sünder

aho kaṣṭamaho kaṣṭamaho kaṣṭaṃ hi mūrkhatā / haridhyānaparo vipra caṇḍālo 'pi mahāsukhī

O welch ein Elend, o welch ein Elend, o welch ein Elend ist doch die Torheit! Selbst ein Caṇḍāla, o Brahmane, der der Meditation über Hari ergeben ist, ist überaus glückselig.

Wort für Wort
aho kaṣṭam aho kaṣṭam aho kaṣṭaṃ hi
o welch ein Elend, o welch ein Elend, o welch ein Elend ist doch
mūrkhatā
die Torheit
haridhyānaparaḥ vipra
der der Meditation über Hari ergeben ist, o Brahmane
caṇḍālaḥ api mahāsukhī
selbst ein Caṇḍāla ist überaus glückselig

svadehānniḥsṛtaṃ dṛṣṭvā malamūtrādikilbiṣam / udvega mānavā mūrkhāḥ kiṃ na yānti hi pāpinaḥ

Wenn sie den aus dem eigenen Körper hervorkommenden Unrat - Kot, Urin und dergleichen - erblicken, warum geraten die törichten, sündigen Menschen da nicht in Abscheu?

Wort für Wort
svadehāt niḥsṛtaṃ dṛṣṭvā
wenn sie das aus dem eigenen Körper hervorkommende erblicken
malamūtrādikilbiṣam
den Unrat, Kot, Urin und dergleichen
mānavāḥ mūrkhāḥ pāpinaḥ
die törichten, sündigen Menschen
kiṃ na yānti hi udvegam
warum geraten sie nicht in Abscheu

durlabhaṃ mānuṣaṃ janma prārthyate tridaśairapi / tallabdhvā paralokārthaṃ yatnaṃ kuryyādvicakṣaṇaḥ

Die Menschengeburt ist schwer zu erlangen; selbst die Götter erflehen sie. Hat man sie erlangt, so soll der Weise sich um des Jenseits willen bemühen.

Wort für Wort
durlabhaṃ mānuṣaṃ janma
die Menschengeburt ist schwer zu erlangen
prārthyate tridaśaiḥ api
selbst von den Göttern wird sie erfleht
tat labdhvā paralokārthaṃ
hat man sie erlangt, um des Jenseits willen
yatnaṃ kuryāt vicakṣaṇaḥ
soll sich der Weise bemühen

adhyātmajñānasaṃpannā haripūjāparāyaṇāḥ / labhante paramaṃ sthānaṃ punarāvṛttidurlabham

Diejenigen, die mit der Erkenntnis des Selbst ausgestattet und der Verehrung Haris ergeben sind, erlangen die höchste Stätte, von der eine Rückkehr in den Daseinskreislauf kaum mehr möglich ist.

Wort für Wort
adhyātmajñānasaṃpannāḥ
die mit der Erkenntnis des Selbst ausgestattet sind
haripūjāparāyaṇāḥ
die der Verehrung Haris ergeben sind
labhante paramaṃ sthānaṃ
erlangen die höchste Stätte
punarāvṛttidurlabham
von der eine Rückkehr [in den Daseinskreislauf] kaum mehr möglich ist

yato jātamidaṃ viśvaṃ yataścaitanyamaśnute / yasmiṃśca vilayaṃ yāti sa saṃsārasya mocakaḥ

Er, aus dem dieses All entstanden ist, von dem es sein Bewusstsein empfängt, und in den es wieder zur Auflösung eingeht - er ist der Befreier vom Daseinskreislauf.

Wort für Wort
yataḥ jātam idaṃ viśvaṃ
er, aus dem dieses All entstanden ist
yataḥ caitanyam aśnute
von dem es Bewusstsein empfängt
yasmin ca vilayaṃ yāti
und in den es zur Auflösung eingeht
sa saṃsārasya mocakaḥ
er ist der Befreier vom Daseinskreislauf

nirguṇo 'pi paro 'nanto guṇavāniva bhāti yaḥ / taṃ samabhyarcya deveśaṃ saṃsārātparimucyate

Ihn, der, obgleich eigenschaftslos, höchst und unendlich, dennoch erscheint, als besäße er Eigenschaften, ihn, den Götterherrn, verehrend, wird man vom Daseinskreislauf erlöst.

Wort für Wort
nirguṇaḥ api paraḥ anantaḥ
obgleich eigenschaftslos, höchst und unendlich
guṇavān iva bhāti yaḥ
der erscheint, als besäße er Eigenschaften
taṃ samabhyarcya deveśaṃ
ihn, den Götterherrn, verehrend
saṃsārāt parimucyate
wird man vom Daseinskreislauf erlöst

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks