Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 57: śukapralobhanam Die Verlockung Śukas

Titel dem im Aufgabentext angegebenen Kolophon entnommen. [Anm.: Dieser Kolophon-Wortlaut steht, wie im gesamten Kapitelbereich 56–61 dieses Projekts, nicht am Ende dieses Kapitels, sondern – mit der gegenüber der Projektzählung um eins erhöhten Sanskrit-Ordnungszahl „aṣṭapañcāśattama“ (58.) – am Kopf der folgenden Quelldatei (Kapitel 58); die im Kopf DIESER Datei stehende Kolophonzeile gehört spiegelbildlich zum vorangehenden 56. Kapitel. Siehe die entsprechende Anmerkung im Kapitel-Datensatz von Kapitel 56 bzw. 61.] Das Kapitel schildert die wunderbare, aus der Askese des Vyāsa und seiner durch die Apsaras Ghṛtācī geweckten Begierde hervorgehende Geburt Śukas aus dem Reibholz (V.1–36), seine vedische und yogische Ausbildung bei Bṛhaspati (V.37–47) sowie den Aufbruch zu König Janaka von Mithilā, um die Erlösungslehre zu erfragen, und seinen ersten Abend am dortigen Königshof (V.48–72).

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge bṛhadupākhyāne dvitīyapāde saṅkṣiptacchandovarṇanaṃ nāma saptapañcāśattamo 'dhyāyaḥ nārada uvāca anūcānaprasaṃgena vedāṅgānyakhilāni ca / śrutāni tvanmukhāṃbhojātsamāsavyāsayogataḥ

Nārada sprach: Durch die Gelegenheit meines Studiums als Anūcāna (Vedakundiger) habe ich alle Vedāṅgas, kurz und ausführlich zugleich, aus deinem Lotusmund vernommen.

Wort für Wort
anūcānaprasaṃgena
durch die Gelegenheit des Vedastudiums (als Anūcāna)
vedāṅgāny akhilāni ca
alle Vedāṅgas auch
śrutāni tvanmukhāṃbhojāt
wurden gehört aus deinem Lotusmund
samāsavyāsayogataḥ
in kurzer und ausführlicher Form zugleich

[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext eine Kolophonzeile vorangestellt („iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge bṛhadupākhyāne dvitīyapāde saṅkṣiptacchandovarṇanaṃ nāma saptapañcāśattamo 'dhyāyaḥ“), gefolgt von einer Trennlinie. Diese Zeile ist der versetzt überlieferte Schlusskolophon des vorangehenden 56. Kapitels (dessen Titel „saṅkṣiptacchandovarṇanam“ dort als Kapiteltitel verwendet wurde); sie wurde im sa-Feld dokumentiert, jedoch nicht in die Übersetzung einbezogen.]

śukotpattiṃ samācakṣva vistareṇa mahāmate / sanandana uvāca meruśṛṅge kila purā karṇikāravanāyate

Verkünde mir ausführlich die Entstehung Śukas, o Hochgesinnter. Sanandana sprach: Einst, so heißt es, auf dem Gipfel des Meru, in dem sogenannten Karṇikāra-Wäldchen,

Wort für Wort
śukotpattiṃ samācakṣva
verkünde die Entstehung Śukas
vistareṇa mahāmate
ausführlich, o Hochgesinnter
meruśṛṅge kila purā
auf dem Gipfel des Meru, einst, so heißt es
karṇikāravanāyate
in dem sogenannten Karṇikāra-Wäldchen

[?: „karṇikāravanāyate“ ist ungewöhnlich gebildet; wohl verderbt für einen Lokativ wie „karṇikāravanākhye“ (in dem sogenannten Karṇikāra-Wäldchen) – sinngemäß übersetzt.]

vijahāra mahodevo bhaumaibhūtagaṇaivṛtaḥ / śailarājasutā caiva devī tatrābhavatpurā

verweilte der große Gott [Śiva], umgeben von den irdischen Scharen der Bhūtas, und auch die Göttin, die Tochter des Bergkönigs [Pārvatī], befand sich einst dort.

Wort für Wort
vijahāra mahodevo
es spielte/verweilte der große Gott
bhaumair bhūtagaṇair vṛtaḥ
umgeben von den irdischen Scharen der Bhūtas
śailarājasutā caiva
und auch die Tochter des Bergkönigs
devī tatrābhavat purā
die Göttin war einst dort

[?: „bhaumaibhūtagaṇaivṛtaḥ“ unsicher segmentiert, wohl „bhaumair bhūtagaṇair vṛtaḥ“ gelesen.]

tatra divyaṃ tapastepe kṛṣṇadvaipāyanaḥ prabhuḥ / yogenātmānamāviśya yogadharmaparāyaṇaḥ

Dort übte der Herr Kṛṣṇadvaipāyana [Vyāsa] göttliche Askese, indem er, dem Yoga-Dharma ergeben, durch Yoga in sich selbst einging.

Wort für Wort
tatra divyaṃ tapas tepe
dort übte er göttliche Askese
kṛṣṇadvaipāyanaḥ prabhuḥ
der Herr Kṛṣṇadvaipāyana
yogenātmānam āviśya
durch Yoga in sich selbst eingehend
yogadharmaparāyaṇaḥ
dem Yoga-Dharma ergeben

dhārayansa tapastepe putrārthaṃ sunisaṃttamaḥ / agnerbhūmestathā vāyorantarikṣasya cābhitaḥ

Er, der Beste der Selbstbeherrschten, übte, den Sinn fest haltend, Askese um eines Sohnes willen, sich an Agni, Erde, Wind sowie den Luftraum von allen Seiten wendend.

Wort für Wort
dhārayan sa tapas tepe
er übte, den Sinn haltend, Askese
putrārthaṃ sunisaṃttamaḥ
um eines Sohnes willen, der Beste der Beherrschten
agner bhūmes tathā vāyor
an Agni, Erde, sowie Wind
antarikṣasya cābhitaḥ
und an den Luftraum, von allen Seiten

[?: „sunisaṃttamaḥ“ unklar überliefert, evtl. für „suniyatātmā“ o.ä. (der wohlbeherrschte) stehend; sinngemäß als „Bester der Beherrschten“ übersetzt.]

vīryeṇa saṃmataḥ putro mama bhūyāditi sma ha / saṃkalpenātha so 'nena duṣprāpamakagṛtātmabhiḥ

‚Ein durch Kraft angesehener Sohn möge mir werden' – so dachte er. Mit diesem Entschluss strebte er nach dem, was von denen mit ungezügeltem Sinn schwer zu erlangen ist.

Wort für Wort
vīryeṇa saṃmataḥ putro
ein durch Kraft angesehener Sohn
mama bhūyād iti sma ha
möge mir werden – so dachte er
saṃkalpenātha so 'nena
mit diesem Entschluss nun
duṣprāpam akṛtātmabhiḥ
das Schwer-zu-Erlangende von denen mit ungezügeltem Sinn

[?: „akagṛtātmabhiḥ“ unsicher; wohl „akṛtātmabhiḥ“ (von denen mit ungezügeltem Sinn) gelesen.]

varayāmāsa deveśamāsthitastapa uttamam / atiṣṭanmārutāhāraḥ śataṃ kila samāḥ prabhuḥ

Er erwählte zu diesem Zweck den Herrn der Götter [Śiva], indem er sich der höchsten Askese hingab. Der Herr [Vyāsa] verharrte, nur von Luft sich nährend, hundert Jahre lang, so heißt es.

Wort für Wort
varayāmāsa deveśam
er erwählte den Herrn der Götter
āsthitas tapa uttamam
sich hingebend der höchsten Askese
atiṣṭhan mārutāhāraḥ
verharrend, sich von Luft nährend
śataṃ kila samāḥ prabhuḥ
hundert Jahre lang, so heißt es, der Herr

ārādhayanmahādevaṃ bahurūpamumāpatim / tatra brahmarṣayaścaiva sarve devarṣayastathā

während er den großen Gott Umāpati [Śiva], der viele Gestalten annimmt, verehrte. Dort waren auch alle Brahmarṣis sowie ebenso die Devarṣis versammelt,

Wort für Wort
ārādhayan mahādevaṃ
den großen Gott verehrend
bahurūpam umāpatim
den vielgestaltigen Gemahl der Umā
tatra brahmarṣayaś caiva
dort auch die Brahmarṣis
sarve devarṣayas tathā
und ebenso alle Devarṣis

lokapālāśca sādhyāśca vasubhiścāṣṭabhiḥ saha / ādityāścaiva rudrāśca divākaraniśākarau

die Weltenhüter (Lokapālas) und die Sādhyas, zusammen mit den acht Vasus; die Ādityas und die Rudras, sowie Sonne und Mond,

Wort für Wort
lokapālāś ca sādhyāś ca
die Weltenhüter und die Sādhyas
vasubhiś cāṣṭabhiḥ saha
zusammen mit den acht Vasus
ādityāś caiva rudrāś ca
die Ādityas und auch die Rudras
divākaraniśākarau
Sonne und Mond

viśvā vasuśca gandharvaḥ siddhāścāpsarāsāṃgaṇāḥ / tatra rudro mahādevaḥ karṇikāramayīṃ śubhām

sowie der Gandharva Viśvāvasu, die Siddhas und die Scharen der Apsaras. Dort trug der große Gott Rudra einen schönen, aus Karṇikāra-Blüten gewundenen Kranz,

Wort für Wort
viśvāvasuś ca gandharvaḥ
und der Gandharva Viśvāvasu
siddhāś cāpsarasāṃ gaṇāḥ
die Siddhas und die Scharen der Apsaras
tatra rudro mahādevaḥ
dort war der große Gott Rudra
karṇikāramayīṃ śubhām
mit einem schönen, aus Karṇikāra-Blüten gemachten [Kranz]

[?: „viśvā vasuśca gandharvaḥ“ wohl für den Gandharvennamen „Viśvāvasu“ verlesen.]

dhārayānaḥ srajaṃ bhāti śāradīva niśākaraḥ / tasnin divye vane ramye devadevarṣisaṃkule

– diesen Kranz tragend, erstrahlte er wie der herbstliche Mond. In jenem göttlichen, lieblichen Wald, der von Göttern und göttlichen Sehern erfüllt war,

Wort für Wort
dhārayānaḥ srajaṃ bhāti
den Kranz tragend erstrahlt er
śāradīva niśākaraḥ
wie der herbstliche Mond
tasmin divye vane ramye
in jenem göttlichen, lieblichen Wald
devadevarṣisaṃkule
der von Göttern und göttlichen Sehern erfüllt war

āsthitaḥ paramaṃ yogaṃ vyāsaḥ putrārthamudyataḥ / na cāsya hīyate varṇo na glānirupajāyate

verharrte Vyāsa, dem höchsten Yoga hingegeben, um eines Sohnes willen bemüht; weder schwand seine Leibesfarbe, noch entstand in ihm Ermattung,

Wort für Wort
āsthitaḥ paramaṃ yogaṃ
dem höchsten Yoga hingegeben
vyāsaḥ putrārtham udyataḥ
Vyāsa, um eines Sohnes willen bemüht
na cāsya hīyate varṇo
und seine Farbe schwand nicht
na glānir upajāyate
noch entstand Ermattung

trayāṇāmapilokānāṃ tadadbhutamivābhavat / jaṭāśca tejasā tasya vaiśvānaraśikhopamāḥ

– dies erschien selbst den drei Welten wie ein Wunder. Und seine Jaṭās (Haarflechten) glühten durch seinen Glanz gleich den Flammenzungen des Feuers (Vaiśvānara),

Wort für Wort
trayāṇām api lokānāṃ
selbst für die drei Welten
tad adbhutam ivābhavat
erschien dies wie ein Wunder
jaṭāś ca tejasā tasya
und seine Jaṭās durch seinen Glanz
vaiśvānaraśikhopamāḥ
den Flammenzungen des Feuers Vaiśvānara gleich

prajvalantyaḥ sma dṛśyante yuktasyāmitatejasaḥ / evaṃ vidhena tapasā tasya bhaktyā ca nārada

erschienen lodernd, bei ihm, dem im Yoga Vereinten von unermesslichem Glanz. Durch eine solcherart geübte Askese und durch seine Hingabe, o Nārada,

Wort für Wort
prajvalantyaḥ sma dṛśyante
sie erschienen lodernd
yuktasyāmitatejasaḥ
des im Yoga vereinten, von unermesslichem Glanz
evaṃ vidhena tapasā
durch eine solcherart geübte Askese
tasya bhaktyā ca nārada
und durch seine Hingabe, o Nārada

maheśvaraḥ prasannātmā cakāra manasā matim / uvāca cainaṃ bhagavāṃstryaṃbakaḥ prahasanniva

fasste der große Herr [Śiva], gnädigen Sinnes, in seinem Geist den Entschluss. Und der erhabene Dreiäugige [Śiva] sprach zu ihm, gleichsam lächelnd:

Wort für Wort
maheśvaraḥ prasannātmā
der große Herr, gnädigen Sinnes
cakāra manasā matim
fasste in seinem Geist den Entschluss
uvāca cainaṃ bhagavāṃs
und der Erhabene sprach zu ihm
tryaṃbakaḥ prahasann iva
der Dreiäugige, gleichsam lächelnd

yathā hyagniyathā vāyuryathā bhūmiryathā jalam / yathā khe ca tathā śuddho bhaviṣyati sutastaṃva

‚Wie Agni, wie Vāyu, wie die Erde, wie das Wasser, und wie der Äther, so rein wird dein Sohn sein.

Wort für Wort
yathā hy agnir yathā vāyur
wie Agni, wie Vāyu
yathā bhūmir yathā jalam
wie die Erde, wie das Wasser
yathā khe ca tathā śuddho
wie der Äther, so rein
bhaviṣyati sutas tava
wird dein Sohn sein

[?: „taṃva“ steht wohl für „tava“ (dein).]

tadbhāvabhāgī tadbuddhistadātmā tadupāśrayaḥ / tejasā tasya lokāṃstrīnyaśaḥ prāpsyati kevalam

Teilhaftig ihres Wesens, ihres Denkens, ihres Selbst, ihre Zuflucht suchend – durch seinen Glanz wird er allein Ruhm in den drei Welten erlangen.'

Wort für Wort
tadbhāvabhāgī tadbuddhis
teilhaftig ihres Wesens, ihres Denkens
tadātmā tadupāśrayaḥ
ihres Selbst, ihre Zuflucht suchend
tejasā tasya lokāṃs trīn
durch seinen Glanz die drei Welten
yaśaḥ prāpsyati kevalam
wird er allein Ruhm erlangen

evaṃ labdhvā varaṃ devo vyāsaḥ satyavatīsutaḥ / araṇiṃ tvatha saṃgṛhya mamanthāgnicikīrṣayā

Nachdem der göttliche Vyāsa, der Sohn der Satyavatī, so den Gnadenerweis erlangt hatte, ergriff er sodann das Reibholz (araṇi) und rieb, um Feuer zu entzünden.

Wort für Wort
evaṃ labdhvā varaṃ devo
nachdem er so den Gnadenerweis erlangt hatte, der göttliche
vyāsaḥ satyavatīsutaḥ
Vyāsa, der Sohn der Satyavatī
araṇiṃ tv atha saṃgṛhya
das Reibholz aber nun ergreifend
mamanthāgnicikīrṣayā
rieb er, in der Absicht, Feuer zu entzünden

atha rūpaṃ paraṃ vipra bibhratīṃ svena tejasā / ghṛtācīṃ nāmāpsarasaṃ dadarśa bhagavānnṛṣiḥ

Da erblickte, o Brahmane, der erhabene Seher die Apsaras namens Ghṛtācī, die durch ihren eigenen Glanz höchste Schönheit trug.

Wort für Wort
atha rūpaṃ paraṃ vipra
da, o Brahmane, höchste Schönheit
bibhratīṃ svena tejasā
durch ihren eigenen Glanz tragend
ghṛtācīṃ nāmāpsarasaṃ
die Apsaras namens Ghṛtācī
dadarśa bhagavān ṛṣiḥ
erblickte der erhabene Seher

sa tāmapsarasaṃ dṛṣṭvā sahasā kāmamohitaḥ / abhavadbhagavānvyāso vane tasminmunīśvara

Als er jene Apsaras erblickte, wurde der erhabene Vyāsa plötzlich von Liebesverlangen betört, in jenem Wald, o Fürst der Muni.

Wort für Wort
sa tām apsarasaṃ dṛṣṭvā
er, als er jene Apsaras erblickte
sahasā kāmamohitaḥ
plötzlich von Liebesverlangen betört
abhavad bhagavān vyāso
wurde der erhabene Vyāsa
vane tasmin munīśvara
in jenem Wald, o Fürst der Muni

sā tu kṛtvā tadā vyāsaṃ kāmasaṃvignamānasam / śukībhūyā mahāramyā ghṛtācī samupāgamat

Sie aber, Ghṛtācī, die sehr Liebliche, nachdem sie Vyāsa da von Liebe erregten Sinnes gemacht hatte, näherte sich ihm, indem sie zu einer Papageienhenne wurde.

Wort für Wort
sā tu kṛtvā tadā vyāsaṃ
sie aber, nachdem sie da Vyāsa gemacht hatte
kāmasaṃvignamānasam
von Liebe erregten Sinnes
śukībhūyā mahāramyā
zu einer Papageienhenne werdend, die sehr Liebliche
ghṛtācī samupāgamat
Ghṛtācī näherte sich

[?: Satzbau ungewöhnlich – „sā ... ghṛtācī“ rahmt den Vers; sinngemäß: Ghṛtācī, die Vyāsa in Liebesaufruhr versetzt hatte, näherte sich ihm in Gestalt einer Papageienhenne.]

sa tāmapsarasaṃ dṛṣṭvā rūpeṇānyenasaṃvṛtām / smararājenānugataḥ sarvagātrātigena ha

Als er jene Apsaras, die von einer anderen Gestalt umhüllt war, erblickte, wurde er vom Liebesgott (Smararāja) verfolgt, der in alle Glieder eindrang.

Wort für Wort
sa tām apsarasaṃ dṛṣṭvā
er, jene Apsaras erblickend
rūpeṇānyena saṃvṛtām
die von einer anderen Gestalt umhüllt war
smararājenānugataḥ
wurde vom König der Liebe verfolgt
sarvagātrātigena ha
der in alle Glieder eindringt

sa tu mahatā nigṛhṇan hṛcchayaṃ muniḥ / na śaśāka niyantuṃ taṃ vyāsaḥ pravisṛtaṃ manaḥ

Er aber, der Muni [Vyāsa], vermochte, obwohl er mit großer Anstrengung das im Herzen wohnende Verlangen zu bezähmen suchte, sein Denken, das sich ganz ausgebreitet hatte, nicht zu zügeln.

Wort für Wort
sa tu mahatā nigṛhṇan
er aber, mit großer Kraft bezähmend
hṛcchayaṃ muniḥ
das im Herzen wohnende Verlangen, der Muni
na śaśāka niyantuṃ taṃ
vermochte nicht, es zu zügeln
vyāsaḥ pravisṛtaṃ manaḥ
Vyāsa, sein ausgebreitetes Denken

[?: Erster Pāda metrisch unvollständig (wohl ein Wort ausgefallen, z.B. „yatnena“); sinngemäß ergänzt übersetzt.]

bhāvitvāñcaiva bhāvyasya ghṛtācyā vapuṣā / hṛtam yatnānniyacchataścāpi mune etañcikīrṣayā

Und da sein Sinn von der Gestalt der Ghṛtācī, die er sich vorstellte, fortgerissen war, geschah es, obwohl er, o Weiser, sich mit Mühe in dieser Absicht zurückzuhalten suchte.

Wort für Wort
bhāvitvāñ caiva bhāvyasya
und da sein Sinn erfüllt war von dem Vorzustellenden
ghṛtācyā vapuṣā hṛtam
durch die Gestalt der Ghṛtācī fortgerissen
yatnān niyacchataś cāpi mune
obwohl er, o Weiser, sich mit Mühe zurückzuhalten suchte
etac cikīrṣayā
in dieser Absicht

[?: Vers stark verderbt überliefert (Metrum unregelmäßig, Syntax unklar); die Übersetzung gibt nur den ungefähren Sinn wieder – Vyāsas Geist wird durch die Vorstellung von Ghṛtācīs Gestalt fortgerissen, trotz seines Bemühens um Beherrschung.]

araṇyāmeva sahasā tasya śukramavāpatat / śukre nirmathyamāne 'syāṃ śuko jajñe mahātapāḥ

In eben das Reibholz fiel plötzlich sein Same. Als der Same darin gerieben wurde, entstand Śuka, von großer Askesekraft,

Wort für Wort
araṇyām eva sahasā
in eben das Reibholz, plötzlich
tasya śukram avāpatat
fiel sein Same
śukre nirmathyamāne 'syāṃ
als der Same darin gerieben wurde
śuko jajñe mahātapāḥ
entstand Śuka, von großer Askesekraft

paramarṣirmahāyogī araṇīgarbhasaṃbhavaḥ / yathaiva hi samiddho 'gnirbhāti havyamupāttavān

der höchste Seher, der große Yogin, entstanden aus dem Schoß des Reibholzes – so wie das entzündete Feuer erstrahlt, das die Opfergabe empfangen hat,

Wort für Wort
paramarṣir mahāyogī
der höchste Seher, der große Yogin
araṇīgarbhasaṃbhavaḥ
entstanden aus dem Schoß des Reibholzes
yathaiva hi samiddho 'gnir
gerade so wie das entzündete Feuer
bhāti havyam upāttavān
erstrahlt, das die Opfergabe empfangen hat

tathā rūpaḥ śuko jajñe prajvalanniva tejasā / bibhrañcitraṃ ca viprendra rūpavarṇamanuttamam

so an Gestalt wurde Śuka geboren, wie lodernd vor Glanz, indem er, o Fürst der Brahmanen, eine wunderbare, unübertreffliche Schönheit der Gestalt und Farbe trug.

Wort für Wort
tathā rūpaḥ śuko jajñe
so an Gestalt wurde Śuka geboren
prajvalann iva tejasā
wie lodernd vor Glanz
bibhrac citraṃ ca viprendra
tragend eine wunderbare, o Fürst der Brahmanen
rūpavarṇam anuttamam
unübertreffliche Schönheit der Gestalt und Farbe

taṃ gaṅgāṃ saritāṃ śreṣṭhāṃ merupṛṣṭhe svarūpiṇīm / abhyetya snāpayāmāsa vāriṇā svena nārada

Ihn wusch, nachdem sie herangetreten war, die Gaṅgā, die Beste der Flüsse, die auf dem Rücken des Meru in eigener Gestalt erschienen war, mit ihrem eigenen Wasser, o Nārada.

Wort für Wort
taṃ gaṅgāṃ saritāṃ śreṣṭhāṃ
ihn die Gaṅgā, die Beste der Flüsse
merupṛṣṭhe svarūpiṇīm
auf dem Rücken des Meru in eigener Gestalt
abhyetya snāpayāmāsa
herantretend, wusch sie ihn
vāriṇā svena nārada
mit ihrem eigenen Wasser, o Nārada

kṛṣṇājinaṃ cāntarikṣācchukārthe bhuvyavāpatat / jagīyanta ca gandharvā nanṛtuñcāpsarogaṇāḥ

Und ein Schwarzantilopenfell fiel aus dem Luftraum für Śuka auf die Erde herab; die Gandharvas sangen, und die Scharen der Apsaras tanzten.

Wort für Wort
kṛṣṇājinaṃ cāntarikṣāc
und ein Schwarzantilopenfell aus dem Luftraum
chukārthe bhuvy avāpatat
fiel für Śuka auf die Erde herab
jagīyanta ca gandharvā
und die Gandharvas sangen
nanṛtuñ cāpsarogaṇāḥ
und die Scharen der Apsaras tanzten

devadundubhayaścaiva prāvādyanta mahāsvanāḥ / viśvāvasuśca gandharvastathā tuṃburunāradau

Und die göttlichen Pauken erklangen mit gewaltigem Schall; auch Viśvāvasu, der Gandharva, sowie Tumburu und Nārada,

Wort für Wort
devadundubhayaś caiva
und die göttlichen Pauken
prāvādyanta mahāsvanāḥ
erklangen mit gewaltigem Schall
viśvāvasuś ca gandharvas
und Viśvāvasu, der Gandharva
tathā tuṃburunāradau
sowie Tumburu und Nārada

hāhāhūhūśca gandharvauṃ tuṣṭuvuḥ śukasaṃbhavam / tatra śakrapurogāśca lokapālāḥ samāgatāḥ

und die beiden Gandharvas Hāhā und Hūhū priesen die Geburt Śukas. Dort versammelten sich auch die Weltenhüter mit Śakra [Indra] an der Spitze,

Wort für Wort
hāhāhūhū ca gandharvau
und die beiden Gandharvas Hāhā und Hūhū
tuṣṭuvuḥ śukasaṃbhavam
priesen die Entstehung Śukas
tatra śakrapurogāś ca
dort auch, mit Śakra an der Spitze
lokapālāḥ samāgatāḥ
die versammelten Weltenhüter

devā devarṣathayaścaṭaiva tathā brahmarṣayo 'pi ca / divyāni sarvapuṣpāṇi pravavarṣa ca mārutaḥ

die Götter, die göttlichen Seher, und ebenso auch die Brahmarṣis. Und der Windgott ließ alle göttlichen Blüten herabregnen.

Wort für Wort
devā devarṣayaś caiva
die Götter und auch die göttlichen Seher
tathā brahmarṣayo 'pi ca
sowie auch die Brahmarṣis
divyāni sarvapuṣpāṇi
alle göttlichen Blüten
pravavarṣa ca mārutaḥ
und der Windgott ließ herabregnen

[?: „devarṣathayaścaṭaiva“ unsicher segmentiert, wohl „devarṣayaś caiva“ gelesen.]

jaṅgamaṃ sthāvaraṃ caiva prahṛṣṭamabhavajjagat / taṃ mahātmā svayaṃ prītyā devyā saha mahādyutiḥ

Sowohl das Bewegliche als auch das Unbewegliche der Welt wurde freudig erregt. Ihn – der große Herr [Śiva] von großem Glanz zusammen mit der Göttin, aus eigener Freude,

Wort für Wort
jaṅgamaṃ sthāvaraṃ caiva
das Bewegliche und ebenso das Unbewegliche
prahṛṣṭam abhavaj jagat
die Welt wurde freudig erregt
taṃ mahātmā svayaṃ prītyā
ihn der große Herr, aus eigener Freude
devyā saha mahādyutiḥ
zusammen mit der Göttin, von großem Glanz

jātamātraṃ muneḥ putraṃ vidhinopānayattadā / tasya deveśvaraḥ śakto divyamadbhutadarśanam

brachte den eben geborenen Sohn des Muni gemäß der Vorschrift zur Initiation herbei. Der mächtige Herr der Götter gab ihm dabei wunderbaren, göttlichen Anblick.

Wort für Wort
jātamātraṃ muneḥ putraṃ
den eben geborenen Sohn des Muni
vidhinopānayat tadā
führte er da gemäß der Vorschrift heran
tasya deveśvaraḥ śakto
ihm gab der mächtige Herr der Götter
divyam adbhutadarśanam
einen göttlichen, wunderbaren Anblick

[?: Konstruktion zwischen V34 und V35 eng verschränkt; „śakto“ hier als Beiname des mächtigen Śiva gefasst, nicht sicher.]

dadau kamaṇḍaluṃ prītyā devā vāsāṃsi cābhitaḥ / haṃsāśca śatapatrāśca sārasāśca sahasraśaḥ

In Freude gab er ihm einen Wasserkrug (Kamaṇḍalu); und die Götter gaben ihm von allen Seiten Gewänder. Schwäne, Lotusblumen und Kraniche zu Tausenden

Wort für Wort
dadau kamaṇḍaluṃ prītyā
in Freude gab er einen Wasserkrug
devā vāsāṃsi cābhitaḥ
und die Götter gaben von allen Seiten Gewänder
haṃsāś ca śatapatrāś ca
Schwäne und Lotusblumen
sārasāś ca sahasraśaḥ
und Kraniche zu Tausenden

pradakṣiṇamavartanta śukāścāṣāśca nārada / āraṇe yastadā divyaṃ prāpya janma mahāmuniḥ

umkreisten ihn rechtsherum, ebenso Papageien und Blauracken, o Nārada – ihn, der da, im Reibholz entstanden, göttliche Geburt erlangt hatte, den großen Muni.

Wort für Wort
pradakṣiṇam avartanta
sie umkreisten ihn rechtsherum
śukāś cāṣāś ca nārada
Papageien und Blauracken, o Nārada
āraṇe yas tadā divyaṃ
der da im Reibholz göttliche
prāpya janma mahāmuniḥ
Geburt erlangt hatte, der große Muni

[?: „cāṣāḥ“ = Blauracken (cāṣa-Vögel); ein Wortspiel mit Śukas eigenem Namen (Papagei) liegt nahe.]

tatraivovāsa medhāvī vratacārī samāhitaḥ / utpannamātraṃ taṃ vedāḥ sarahasyāḥ sasaṃgrahāḥ

Eben dort wohnte der Kluge, gelübdetreu und gesammelten Sinnes. Den eben Geborenen suchten die Veden samt ihren Geheimlehren und Zusammenfassungen auf,

Wort für Wort
tatraivovāsa medhāvī
eben dort wohnte der Kluge
vratacārī samāhitaḥ
gelübdetreu wandelnd, gesammelten Sinnes
utpannamātraṃ taṃ vedāḥ
den eben Geborenen die Veden
sarahasyāḥ sasaṃgrahāḥ
samt Geheimlehren und Zusammenfassungen

upatasthurmuniśreṣṭhaṃ yathāsya pitaraṃ tathā / bṛhaspatiṃ sa vavre ca vedavedāṅgabhāṣyavit

– den besten der Muni – auf, so wie zuvor seinen Vater. Und er, der Veden, Vedāṅgas und Kommentare kannte, erwählte Bṛhaspati

Wort für Wort
upatasthur muniśreṣṭhaṃ
sie suchten den besten der Muni auf
yathāsya pitaraṃ tathā
so wie zuvor seinen Vater
bṛhaspatiṃ sa vavre ca
und er erwählte Bṛhaspati
vedavedāṅgabhāṣyavit
der Veden, Vedāṅgas und Kommentare kannte

upādhyāyaṃ dvijaśreṣṭha dharmamevānucintayan / so 'dhītya vedānakhilānsarahasyānsasaṃgrahān

als Lehrer, o Bester der Zweimalgeborenen, indem er einzig dem Dharma nachsann. Nachdem er alle Veden samt ihren Geheimlehren und Zusammenfassungen studiert hatte,

Wort für Wort
upādhyāyaṃ dvijaśreṣṭha
als Lehrer, o Bester der Zweimalgeborenen
dharmam evānucintayan
einzig dem Dharma nachsinnend
so 'dhītya vedān akhilān
er, nachdem er alle Veden studiert hatte
sarahasyān sasaṃgrahān
samt Geheimlehren und Zusammenfassungen

itihāsaṃ ca kārtsnyena vedaśāstrāṇi cābhitaḥ / gurave dakṣiṇāṃ dattvā samāvṛtto mahāmuniḥ

sowie die Itihāsas vollständig und die Vedaśāstras von allen Seiten – nachdem er dem Lehrer die Abschlussgabe (Dakṣiṇā) gegeben hatte, kehrte der große Muni zurück,

Wort für Wort
itihāsaṃ ca kārtsnyena
und die Itihāsas vollständig
vedaśāstrāṇi cābhitaḥ
und die Vedaśāstras von allen Seiten
gurave dakṣiṇāṃ dattvā
nachdem er dem Lehrer die Gabe gegeben hatte
samāvṛtto mahāmuniḥ
kehrte der große Muni zurück

ugraṃ tapaḥ samārebhe brahmacārī samāhitāḥ / devatānāmṛṣīṇāṃ ca bālye 'pi sumahātapāḥ

und begann, als Brahmacārin gesammelten Sinnes, strenge Askese; schon in seiner Kindheit war er, von sehr großer Askesekraft, den Göttern und Sehern [ein Gegenstand der Verehrung],

Wort für Wort
ugraṃ tapaḥ samārebhe
er begann strenge Askese
brahmacārī samāhitaḥ
als Brahmacārin, gesammelten Sinnes
devatānām ṛṣīṇāṃ ca
der Götter und der Seher
bālye 'pi sumahātapāḥ
schon in der Kindheit, von sehr großer Askesekraft

saṃmatraṇīyo janyaśca jñānena tapasā tathā / na tvasya ramate buddhi rāśrameṣu munīśvara

würdig der Beratung und der Verehrung durch Wissen und ebenso durch Askese; doch sein Denken fand keine Freude an den Lebensstadien (Āśramas), o Fürst der Muni,

Wort für Wort
saṃmantraṇīyo mānyaś ca
würdig der Beratung und der Verehrung
jñānena tapasā tathā
durch Wissen und ebenso durch Askese
na tv asya ramate buddhi
doch sein Denken fand keine Freude
rāśrameṣu munīśvara
an den Lebensstadien, o Fürst der Muni

[?: „saṃmatraṇīyo janyaśca“ unsicher – wohl „saṃmantraṇīyo mānyaś ca“ (würdig der Beratung und der Verehrung) gelesen.]

triṣu gārhasthyamūleṣu mokṣadharmānudarśinaḥ / sa mokṣamanucintyaiva śukaḥ pitaramabhyagāt

– an den drei Āśramas, die im Hausstand wurzeln –, da er auf die Erlösungslehre ausgerichtet war. Einzig über die Erlösung nachsinnend, ging Śuka zu seinem Vater,

Wort für Wort
triṣu gārhasthyamūleṣu
an den drei, im Hausstand wurzelnden Āśramas
mokṣadharmānudarśinaḥ
da er auf die Erlösungslehre ausgerichtet war
sa mokṣam anucintyaiva
er, einzig über die Erlösung nachsinnend
śukaḥ pitaram abhyagāt
Śuka ging zu seinem Vater

prāhābhivādya ca tadā śreyor'thī vinayānvitaḥ / mokṣadharmeṣu kuśalo bhagavān prabravītu me

und sprach, nachdem er ihn ehrerbietig gegrüßt hatte, nach dem höchsten Heil verlangend und voller Demut: ‚Möge der Erhabene, der in den Erlösungslehren kundig ist, mir diese verkünden,

Wort für Wort
prāhābhivādya ca tadā
er sprach, nachdem er ihn gegrüßt hatte
śreyor'thī vinayānvitaḥ
nach dem Heil verlangend, voller Demut
mokṣadharmeṣu kuśalo
in den Erlösungslehren kundig
bhagavān prabravītu me
möge der Erhabene mir verkünden

yathaiva manasaḥ śāntiḥ paramā saṃbhavenmune / śṛtvā putrasya vacanaṃ paramarṣiruvāca tam

wie wohl höchste Ruhe des Geistes entstehen möge, o Weiser.' Nachdem er die Rede des Sohnes gehört hatte, sprach der höchste Seher zu ihm:

Wort für Wort
yathaiva manasaḥ śāntiḥ
wie doch die Ruhe des Geistes
paramā saṃbhaven mune
die höchste entstehen möge, o Weiser
śrutvā putrasya vacanaṃ
nachdem er die Rede des Sohnes gehört hatte
paramarṣir uvāca tam
sprach der höchste Seher zu ihm

adhīṣva mokṣaśāstraṃ vai dharmāṃśca vividhānapi / piturnideśājjagrāha śuko brahmavidāṃ varaḥ

‚Studiere die Erlösungslehre und auch die mannigfachen Dharma-Texte.' Auf Geheiß des Vaters ergriff Śuka, der Beste der Brahmakundigen, dies,

Wort für Wort
adhīṣva mokṣaśāstraṃ vai
studiere die Erlösungslehre
dharmāṃś ca vividhān api
und auch die mannigfachen Dharma-Texte
piturnideśāj jagrāha
auf Geheiß des Vaters ergriff er
śuko brahmavidāṃ varaḥ
Śuka, der Beste der Brahmakundigen

yogaśāstraṃ ca nikhilaṃ kāpilaṃ caiva nārada / śataṃ brāhmyā śriyā yuktaṃ brahmatulyaparākramam

sowie die gesamte Yogalehre, auch die des Kapila, o Nārada – vollkommen mit brahmanischer Herrlichkeit ausgestattet, von brahmangleicher Kraft.

Wort für Wort
yogaśāstraṃ ca nikhilaṃ
und die gesamte Yogalehre
kāpilaṃ caiva nārada
und auch die des Kapila, o Nārada
śataṃ brāhmyā śriyā yuktaṃ
vollkommen mit brahmanischer Herrlichkeit ausgestattet
brahmatulyaparākramam
von brahmangleicher Kraft

[?: „śataṃ“ hier unklar – als Adverb im Sinne von „vollkommen/hundertfach“ gedeutet; syntaktischer Bezug nicht ganz eindeutig.]

mene putraṃ yathā vyāso mokṣaśāstraviśāradam / uvāca gaccheti tadā janakaṃ mithileśvaram

So erachtete Vyāsa seinen Sohn als bewandert in der Erlösungslehre. Da sprach er: ‚Geh zu Janaka, dem Herrn von Mithilā.'

Wort für Wort
mene putraṃ yathā vyāso
so erachtete Vyāsa den Sohn
mokṣaśāstraviśāradam
als bewandert in der Erlösungslehre
uvāca gaccheti tadā
da sprach er: ‚Geh'
janakaṃ mithileśvaram
zu Janaka, dem Herrn von Mithilā

sa te vakṣyati mokṣārthaṃ nikhilena narādhipaḥ / piturniyogādagamajjanakaṃ methakhilaṃ nṛpam

‚Er, der Herr der Menschen, wird dir das Wesen der Erlösung vollständig darlegen.' Auf Geheiß des Vaters ging er zu Janaka, dem in allem kundigen König von Mithilā,

Wort für Wort
sa te vakṣyati mokṣārthaṃ
er wird dir das Wesen der Erlösung darlegen
nikhilena narādhipaḥ
vollständig, der Herr der Menschen
piturniyogād agamaj
auf Geheiß des Vaters ging er
janakaṃ methākhilaṃ nṛpam
zu Janaka, dem in allem kundigen König

[?: „methakhilaṃ“ unsicher, wohl mit „mithilā“ und „akhila“ (vollständig kundig) zusammenhängend, verkürzt überliefert.]

praṣṭuṃ dharmasya niṣṭāṃ vai mokṣasya ca parāyaṇam / uktaśca mānuṣeṇa tvaṃ tathā gacchetyavismitaḥ

um den Grund des Dharma und das Endziel der Erlösung zu erfragen. Und obwohl er nur von einem Menschen zu ihm gesandt wurde, sprach er dennoch, ohne Erstaunen: ‚So gehe ich.'

Wort für Wort
praṣṭuṃ dharmasya niṣṭāṃ vai
um den Grund/Bestand des Dharma zu erfragen
mokṣasya ca parāyaṇam
und das Endziel der Erlösung
uktaś ca mānuṣeṇa tvaṃ
und du bist von einem Menschen [angesprochen worden]
tathā gaccheti avismitaḥ
‚so gehe ich', ohne erstaunt zu sein

[?: Zusammenhang zwischen den beiden Halbversen unsicher; sinngemäß als Ausdruck von Śukas Gleichmut gedeutet, dass er trotz der Weisung eines menschlichen (nicht göttlichen) Lehrers ungestaunt gehorcht.]

na prabhāveṇa gantavyamantarikṣacareṇa vai / ārjavenaiva gantavyaṃ na sukhāya kṣaṇāttvayā

‚Nicht mit übernatürlicher Macht sollst du gehen, indem du durch den Luftraum wandelst; einzig mit Aufrichtigkeit sollst du gehen, nicht nur zum eigenen Vergnügen, im Augenblick.'

Wort für Wort
na prabhāveṇa gantavyam
nicht mit Macht sollst du gehen
antarikṣacareṇa vai
indem du durch den Luftraum wandelst
ārjavenaiva gantavyaṃ
einzig mit Aufrichtigkeit sollst du gehen
na sukhāya kṣaṇāt tvayā
nicht zum eigenen Vergnügen, im Augenblick, von dir

na draṣṭavyā viśeṣā hi viśeṣā hi prasaṃginaḥ / ahṝṅkāro na kartavyo yājye tasminnarādhipe

‚Denn man soll keine ablehnenden Unterschiede sehen – Unterschiede haften nur äußerlich an; kein Ich-Dünkel soll gegenüber jenem verehrungswürdigen Herrscher der Menschen aufkommen.'

Wort für Wort
na draṣṭavyā viśeṣā hi
denn man soll keine Unterschiede sehen
viśeṣā hi prasaṃginaḥ
Unterschiede haften nur äußerlich an
ahaṃkāro na kartavyo
kein Ich-Dünkel soll gemacht werden
yājye tasminnarādhipe
gegenüber jenem verehrungswürdigen Herrscher der Menschen

[?: „prasaṃginaḥ“ sinngemäß als ‚nur äußerlich anhaftend, unwesentlich' gedeutet.]

sthātavyaṃ vasathe tasya sa te chetsyati saṃśayam / sa dharmakuśalo rājā mokṣaśāstraviśāradaḥ

‚In seiner Wohnstatt sollst du verweilen; er wird deinen Zweifel zerschneiden. Jener König ist kundig im Dharma und bewandert in der Erlösungslehre.'

Wort für Wort
sthātavyaṃ vasathe tasya
in seiner Wohnstatt sollst du verweilen
sa te chetsyati saṃśayam
er wird deinen Zweifel zerschneiden
sa dharmakuśalo rājā
jener König, kundig im Dharma
mokṣaśāstraviśāradaḥ
bewandert in der Erlösungslehre

yathā yathā ca te brūyāttatkāryamaviśaṅkayā / evamuktaḥ sa dharmātmā jagāma mithilāṃ muniḥ

‚Und wie immer er zu dir sprechen wird, das sollst du ohne Zweifel befolgen.' So angesprochen, ging jener dharma-gesinnte Muni nach Mithilā.

Wort für Wort
yathā yathā ca te brūyāt
und wie immer er zu dir sprechen wird
tat kāryam aviśaṅkayā
das ist ohne Zweifel zu tun
evam uktaḥ sa dharmātmā
so angesprochen, jener dharma-gesinnte
jagāma mithilāṃ muniḥ
ging der Muni nach Mithilā

pabhdyāṃ śaktontarikṣeṇa krāntuṃ bhūmiṃ sasāgarām / sagirīṃ ścāpyatikramya bhārataṃ varṣamāsadat

Obwohl er die Kraft besaß, mit den Füßen durch den Luftraum die Erde samt ihren Meeren zu durchschreiten, überschritt er dennoch auch die Länder samt ihren Bergen und erreichte das Bhārata-Land.

Wort für Wort
pādābhyāṃ śakto 'ntarikṣeṇa
obwohl mit den Füßen fähig, durch den Luftraum
krāntuṃ bhūmiṃ sasāgarām
die Erde samt ihren Meeren zu durchschreiten
sagirīṃś cāpy atikramya
und auch die Länder samt ihren Bergen überschreitend
bhārataṃ varṣam āsadat
erreichte er das Bhārata-Land

[?: „pabhdyāṃ“ unsicher für „pādābhyāṃ“ (mit den Füßen) gelesen; Sinn: Obwohl fähig, im Luftraum zu reisen, ging Śuka gemäß väterlicher Weisung zu Fuß.]

sa deśānvividhānsphītānatikramya mahāmuniḥ / videhānvai samāsādya janakena samāgamat

Der große Muni, nachdem er mannigfache blühende Länder durchquert hatte, gelangte zum Land Videha und traf mit Janaka zusammen.

Wort für Wort
sa deśān vividhān sphītān
er, mannigfache blühende Länder
atikramya mahāmuniḥ
durchquerend, der große Muni
videhān vai samāsādya
zum Land Videha gelangend
janakena samāgamat
traf er mit Janaka zusammen

rājadvāraṃ samāsādya dvārapālairnivāritaḥ //ṭa tasthau tatra mahāyogī kṣutpipāsādivarjitaḥ

Nachdem er das Königstor erreicht hatte, wurde er von den Torhütern aufgehalten. Der große Yogin verharrte dort, frei von Hunger, Durst und dergleichen,

Wort für Wort
rājadvāraṃ samāsādya
nachdem er das Königstor erreicht hatte
dvārapālair nivāritaḥ
wurde er von den Torhütern aufgehalten
tasthau tatra mahāyogī
der große Yogin verharrte dort
kṣutpipāsādivarjitaḥ
frei von Hunger, Durst und dergleichen

[Anm.: Im Quelltext folgt hier die Zeichenfolge „//ṭa“ – offenbar ein Satz- bzw. OCR-Artefakt ohne inhaltliche Bedeutung, das nicht in die Übersetzung übernommen wurde.]

ātape glānirahito dhyānayuktaśca nārada / teṣāṃ tu dvārapālānāmekastatra vyavasthitaḥ

in der Sonnenglut ohne Ermattung und in Versenkung vertieft, o Nārada. Einer aber jener Torhüter, der dort aufgestellt war,

Wort für Wort
ātape glānirahito
in der Sonnenglut ohne Ermattung
dhyānayuktaś ca nārada
und in Versenkung vertieft, o Nārada
teṣāṃ tu dvārapālānām
von jenen Torhütern aber
ekas tatra vyavasthitaḥ
einer, der dort aufgestellt war

madhyaṅgatamivādityaṃ dṛṣṭvā śukamavasthitam / jūjayitvā yathānyāyamabhivādya kṛtāñjaliḥ

erblickte Śuka, wie er dastand, gleich der Sonne im Zenit; und nachdem er ihn gebührend geehrt und mit gefalteten Händen begrüßt hatte,

Wort für Wort
madhyaṅgatam ivādityaṃ
wie die Sonne im Zenit stehend
dṛṣṭvā śukam avasthitam
erblickend Śuka, wie er dastand
pūjayitvā yathānyāyam
nachdem er ihn gebührend geehrt hatte
abhivādya kṛtāñjaliḥ
und mit gefalteten Händen gegrüßt hatte

[?: „jūjayitvā“ unsicher, wohl „pūjayitvā“ (ehren) verlesen.]

prāveśayattataḥ kakṣaāṃ dvitīyāṃ rājaveśmanaḥ / tatrāntaḥpurasaṃbaddhaṃ mahaccaitragthopamam

führte er ihn sodann in den zweiten Hof des Königspalastes; dort gab es, mit dem Frauengemach (Antaḥpura) verbunden, einen großen Garten, dem [Götter-]Garten Caitraratha gleich,

Wort für Wort
prāveśayat tataḥ kakṣāṃ
er führte ihn sodann in den Hof
dvitīyāṃ rājaveśmanaḥ
den zweiten des Königspalastes
tatrāntaḥpurasaṃbaddhaṃ
dort, mit dem Frauengemach verbunden
mahac caitrarathopamam
einen großen, dem Caitraratha-Garten gleichen [Garten]

[?: „mahaccaitragthopamam“ unsicher, wohl „mahac caitrarathopamam“ gelesen.]

suvibhaktajalākrīḍaṃ ramyaṃ puṣpitapādapam / darśayitvāsane sthāpya rājānaṃ ca vyajijñapat

mit wohlgeordneten Wasserspielplätzen, lieblich, mit blühenden Bäumen – nachdem er ihm dies gezeigt und ihn auf einen Sitz gesetzt hatte, meldete er es dem König.

Wort für Wort
suvibhaktajalākrīḍaṃ
mit wohlgeordneten Wasserspielplätzen
ramyaṃ puṣpitapādapam
lieblich, mit blühenden Bäumen
darśayitvāsane sthāpya
nachdem er es gezeigt und auf einen Sitz gesetzt hatte
rājānaṃ ca vyajijñapat
meldete er es dem König

śrutvā rājā śukaṃ prāptaṃ vārastrīḥ sa nyayuṅkta ca / sevāyai tasya bhāvasya jñānāya munisatama

Als der König hörte, dass Śuka angekommen war, beauftragte er Kurtisanen (Vārastrī) zu seinem Dienst – um sein inneres Wesen, o Bester der Muni, zu erkunden.

Wort für Wort
śrutvā rājā śukaṃ prāptaṃ
als der König hörte, dass Śuka angekommen war
vārastrīḥ sa nyayuṅkta ca
beauftragte er Kurtisanen
sevāyai tasya bhāvasya
zu seinem Dienst, um sein Wesen
jñānāya munisattama
zu erkennen, o Bester der Muni

taṃ cārukeśyaḥ śuśreṇyastaruṇyaḥ priyadarśanāḥ / sūkṣmaraktāṃbaradharāstaptakāñcanabhūṣaṇāḥ

Ihn umgaben Frauen mit schönem Haar, wohlgestaltig, jung, von lieblichem Anblick, feine rote Gewänder tragend, mit Schmuck aus geglühtem Gold,

Wort für Wort
taṃ cārukeśyaḥ śuśreṇyas
ihn [umgaben] Frauen mit schönem Haar, wohlgestaltig
taruṇyaḥ priyadarśanāḥ
jung, von lieblichem Anblick
sūkṣmaraktāṃbaradharās
feine rote Gewänder tragend
taptakāñcanabhūṣaṇāḥ
mit Schmuck aus geglühtem Gold

saṃlāpālāpakuśālā bhāvajñāḥ sarvakovidāḥ / paraṃ pañcāśatastasya pādyādīni vyakalpayan

geschickt im Reden und Gespräch, kundig der inneren Gestimmtheit, in allem erfahren – fünfzig an der Zahl bereiteten sie ihm Fußwasser und die übrigen Ehrengaben zu

Wort für Wort
saṃlāpālāpakuśālā
geschickt im Reden und Gespräch
bhāvajñāḥ sarvakovidāḥ
kundig der Gestimmtheit, in allem erfahren
paraṃ pañcāśatas tasya
über fünfzig für ihn
pādyādīni vyakalpayan
bereiteten sie Fußwasser und Weiteres zu

deśa kālopapannena sādhvannenāpyatarpayan / tasya bhuktavatastāta tāstataḥ purakānanam

und erquickten ihn auch mit gutem, dem Ort und der Zeit angemessenem Speisen. Nachdem er, o Lieber, gegessen hatte, zeigten sie ihm sodann den Stadtwald/Lustgarten,

Wort für Wort
deśakālopapannena
dem Ort und der Zeit angemessenem
sādhvannenāpy atarpayan
mit gutem Speisen erquickten sie ihn auch
tasya bhuktavatas tāta
nachdem er, o Lieber, gegessen hatte
tās tataḥ purakānanam
sie zeigten sodann den Stadtwald

suramyaṃ darśayāmāsurekaikatvena nārada / krīḍantyaśca hasaṃtyaśca gāyantyaścaiva tāḥ śukam

den sehr lieblichen, zeigten sie ihm, einzeln, jede für sich, o Nārada. Und indem sie spielten, lachten und sangen, umgaben sie Śuka,

Wort für Wort
suramyaṃ darśayāmāsur
sie zeigten den sehr lieblichen Garten
ekaikatvena nārada
einzeln, jede für sich, o Nārada
krīḍantyaś ca hasantyaś ca
und spielend und lachend
gāyantyaś caiva tāḥ śukam
und auch singend, sie umgaben Śuka

udārasatvaṃ satvajñāḥsarvāḥ paryyacaraṃstadā / āraṇeyastu śuddhātmā jitakrodho jitendriyaḥ

– sie alle, kundig der rechten Wesensart, umsorgten den von edler Wesensart da. Der Sohn des Reibholzes [Śuka] aber war reinen Sinnes, hatte Zorn bezwungen und die Sinne bezähmt,

Wort für Wort
udārasatvaṃ satvajñāḥ
kundig der Wesensart, den von edler Wesensart
sarvāḥ paryacaraṃs tadā
sie alle umsorgten da
āraṇeyas tu śuddhātmā
der Sohn des Reibholzes aber, reinen Sinnes
jitakrodho jitendriyaḥ
Zorn bezwungen, die Sinne bezähmt

dhyānastha eva satataṃ na hṛṣyati na kupyati / pādaśaucaṃ tu kṛtvā vai śukaḥ saṃdhyāmupāsya ca

beständig in Versenkung verharrend, freute sich nicht und zürnte nicht. Nachdem Śuka die Fußwaschung vollzogen und die Dämmerungsandacht verrichtet hatte,

Wort für Wort
dhyānastha eva satataṃ
beständig in Versenkung verharrend
na hṛṣyati na kupyati
er freute sich nicht, er zürnte nicht
pādaśaucaṃ tu kṛtvā vai
nachdem er die Fußwaschung vollzogen hatte
śukaḥ saṃdhyām upāsya ca
und Śuka die Dämmerungsandacht verrichtet hatte

niṣasādāsane puṇye tamevārthaṃ vyacintayat / pūrvarātre tu tatrāsau bhūtvā dhyānaparāyaṇaḥ

setzte er sich auf einen reinen Sitz und sann über eben jenen Gegenstand seiner Frage nach. In der ersten Nachtwache dort, in Versenkung vertieft,

Wort für Wort
niṣasādāsane puṇye
er setzte sich auf einen reinen Sitz
tam evārthaṃ vyacintayat
und sann über eben diesen Gegenstand nach
pūrvarātre tu tatrāsau
in der ersten Nachtwache aber dort, er
bhūtvā dhyānaparāyaṇaḥ
der Versenkung ergeben

madhyarātre yathānyāyyaṃ nidrāmāhārayatprabhuḥ / tataḥ prātaḥ samutthāya kṛtvā śaucamanantaram

nahm der Herr [Śuka] zur Mitternacht, wie es sich gebührt, den Schlaf zu sich. Danach, am Morgen aufstehend, nachdem er sogleich die Morgenreinigung vollzogen hatte,

Wort für Wort
madhyarātre yathānyāyyaṃ
zur Mitternacht, wie es sich gebührt
nidrām āhārayat prabhuḥ
nahm der Herr den Schlaf zu sich
tataḥ prātaḥ samutthāya
danach am Morgen aufstehend
kṛtvā śaucam anantaram
nachdem er sogleich die Reinigung vollzogen hatte

strībhiḥ parivṛtto dhīmāndhyānamevānvapadyata / anena vidhinā tatra tadahaḥśeṣamapyuta

wandte sich der Kluge, von den Frauen umgeben, einzig der Versenkung zu. Nach dieser Regel verbrachte er dort auch den Rest jenes Tages,

Wort für Wort
strībhiḥ parivṛtto dhīmān
der Kluge, von Frauen umgeben
dhyānam evānvapadyata
wandte sich einzig der Versenkung zu
anena vidhinā tatra
nach dieser Regel dort
tad ahaḥśeṣam apy uta
auch den Rest jenes Tages

tāṃ ca rātriṃ nṛpakule vartayāmāsa nārada

und auch jene Nacht verbrachte er im Königshaus, o Nārada.

Wort für Wort
tāṃ ca rātriṃ nṛpakule
und jene Nacht im Königshaus
vartayāmāsa nārada
verbrachte er, o Nārada

[Anm.: Vers 72 besteht im Quelltext nur aus einem Halbvers (einem Pāda-Paar); die zweite Vershälfte fehlt in der Quelle.]

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