Kapitel 45: bhagavacchabdanirvacanaṃ khāṇḍikyakeśidhvajasaṃvādārambhaśca
Die Worterklärung des Namens 'Bhagavān' und der Beginn des Zwiegesprächs zwischen Khāṇḍikya und Keśidhvaja
Sūta sprach: Nachdem er dies gehört hatte, o Brahmanen, das erhabene Adhyātma-[Wort] des Königs von Mithilā, fragte Nārada, von edlem Verstand, jenen Sanandana wieder, mit Freude.
Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
tat śrutvā nāradaḥ viprāḥ
nachdem Nārada dies gehört hatte, o Brahmanen
maithilādhyātmam uttamam
das erhabene Adhyātma-[Wort] des Königs von Mithilā
Nārada sprach: Sage mir dies, o Weiser, Ozean des Mitleids, mir, der ich [bei dir] Zuflucht genommen habe: wie man das dreifache Leid, angefangen mit dem seelischen (ādhyātmika), nicht erfahre.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
ādhyātmikāt trividhaṃ tāpam
das dreifache Leid, angefangen mit dem seelischen
na anubhavet yathā
wie man [es] nicht erfahre
prabrūhi tat mune mahyam
sage dies mir, o Weiser
prapannāya dayānidhe
mir, der Zuflucht genommen hat, o Ozean des Mitleids
Sanandana sprach: Jenes dreifache Leid, o Weiser, eines hier Geborenen, das im Mutterleib, bei der Geburt, im Alter und in [all] den anderen Zuständen entstehen wird –
– dessen [Heilmittel], das die alleinige Beseitigung [dieses Leids] zum Merkmal hat, [nämlich] den Zustand eines unübertroffenen Glücks der Wonne – das Heilmittel ist die Erlangung des Erhabenen (Bhagavat), das einzige, absolute [Mittel], so gilt es.
Wort für Wort
nirastātiśayāhlādasukhabhāvaikalakṣaṇā
deren einziges Merkmal die Beseitigung [des Leids durch] unübertroffenes Glück der Wonne ist
tasmāttatprāptaye yatnaḥ kartavyaḥ paṇḍitairnaraiḥ /
tatprāptihetujñānaṃ ca karma coktaṃ mahāmune
Deshalb soll von weisen Menschen Anstrengung zu dessen Erlangung unternommen werden; und die Erkenntnis der Ursache seiner Erlangung sowie [das rechte] Handeln sollen [nun], o großer Weiser, dargelegt werden.
Wort für Wort
tasmāt tatprāptaye yatnaḥ
deshalb zu dessen Erlangung Anstrengung
kartavyaḥ paṇḍitaiḥ naraiḥ
soll von weisen Menschen unternommen werden
tatprāptihetujñānaṃ ca
und die Erkenntnis der Ursache seiner Erlangung
karma ca uktaṃ mahāmune
und das [rechte] Handeln soll dargelegt werden, o großer Weiser
Aus der Überlieferung entstanden und aus der Unterscheidung – so wird das Wissen zweifach genannt: [das eine] bestehend aus der Überlieferung vom Wort-Brahman, das höchste [andere] aus der Unterscheidung des Brahman geboren.
Wort für Wort
āgamotthaṃ vivekāt ca
aus der Überlieferung entstanden und aus der Unterscheidung
dvidhā jñānaṃ tathā ucyate
so wird das Wissen zweifach genannt
śabdabrahmāgamamayam
bestehend aus der Überlieferung vom Wort-Brahman
paraṃ brahmavivekajam
das höchste, aus der Unterscheidung des Brahman geboren
manurapyāha vedārthaṃ smṛtvāyaṃ munisattamamaḥ /
tadetacchrūyatāmatra subodhaṃ gadato mama
Auch Manu, dieser beste der Weisen, sprach [dies], nachdem er sich der Bedeutung des Veda erinnert hatte; dies möge nun hier gehört werden, leicht verständlich, wie ich es vortrage.
dve brahmaṇī veditavye śabdabrahma paraṃ ca yat /
śabdabrahmaṇi niṣṇātaḥ paraṃ brahmādhigacchati
Zwei Brahman sind zu erkennen: das Wort-Brahman und das, was das höchste [Brahman] ist; wer im Wort-Brahman bewandert ist, gelangt zum höchsten Brahman.
dve vidye veditavye cetyāha cātharvaṇī śrutiḥ /
paramā tvakṣaraprāptirṛgvedādimayā parā
'Zwei Wissensarten sind zu erkennen' – so spricht auch die ātharvaṇische Offenbarung (Muṇḍaka-Upaniṣad); die höhere aber [ist] die Erlangung des Unvergänglichen, die andere/niedere besteht aus Ṛgveda und dem Übrigen.
Wort für Wort
dve vidye veditavye
zwei Wissensarten sind zu erkennen
ca iti āha ātharvaṇī śrutiḥ
so spricht auch die ātharvaṇische Offenbarung
paramā tu akṣaraprāptiḥ
die höhere aber [ist] die Erlangung des Unvergänglichen
yattadavyaktamajaramanīhamajamavyayam /
anirdeśyamarūpaṃ ca pāṇipādādisaṃyutam
Jenes, das unmanifest, alterlos, unbestrebt, ungeboren, unvergänglich, unbeschreiblich und gestaltlos ist, und [doch zugleich] mit Händen, Füßen und dergleichen versehen –
– das allwaltende, allgegenwärtige, ewige, die Ursache des Ursprungs der Wesen; das, was durchdrungen wird [und zugleich das Ganze] durchdringt, wovon alles [ausgeht] – jenes eben sehen die Weisen (Seher).
Wort für Wort
vibhuṃ sarvagataṃ nityam
das allwaltende, allgegenwärtige, ewige
bhūtayoniḥ kāraṇam
die Ursprungsquelle, die Ursache [der Wesen]
vyāpyaṃ vyāptaṃ yataḥ sarvam
das durchdrungen wird und [alles] durchdringt, wovon alles [ausgeht]
taṃ vai paśyanti sūrayaḥ
jenes eben sehen die Weisen
[?] 'bhūtayo nimakāraṇam' als 'bhūtayoniḥ kāraṇam' (Ursprungsquelle und Ursache der Wesen) gelesen.
Jenes [ist] Brahman, jenes die höchste Wohnstatt, jenes ist von den nach Erlösung Verlangenden zu meditieren; das durch die Worte der Schrift verkündete, feinstoffliche – das ist Viṣṇus höchster Ort.
Wort für Wort
tad brahma tat paraṃ dhāma
jenes [ist] Brahman, jenes die höchste Wohnstatt
tat dhyeyaṃ mokṣākāṅkṣibhiḥ
jenes ist von den nach Erlösung Verlangenden zu meditieren
śrutivākyoditaṃ sūkṣmam
das durch die Worte der Schrift verkündete, feinstoffliche
Eben jenes, die wahre Natur des höchsten Selbst, wird durch [das Wort] 'Bhagavat' bezeichnet; das Wort 'Bhagavat' ist der Bezeichner, jenem unvergänglichen Selbst zugewiesen.
So [gilt]: was die wahre Beschaffenheit des so Bezeichneten der Wahrheit nach ist, wodurch dies erkannt wird – das ist [das wahre] Wissen, das höhere, verschieden von dem [bloß] aus der [Veda-]Trias bestehenden.
Wort für Wort
evaṃ nigaditārthasya
des so Bezeichneten
yat tattvaṃ tasya tattvataḥ
was dessen wahre Beschaffenheit der Wahrheit nach ist
jñāyate yena tat jñānam
wodurch dies erkannt wird, das ist [das] Wissen
param anyat trayīmayam
das höhere, verschieden vom [bloß] aus der Veda-Trias bestehenden
aśabdagocarasyāpi tasya vai brahmaṇo dvijā /
pūjāyāṃ bhagavacchabdaḥ kriyate hyaupacārikaḥ
Obwohl jenes Brahman, o Zweifachgeborene, wahrlich jenseits der Reichweite der Worte ist, wird das Wort 'Bhagavat' wahrlich in der Verehrung übertragen/aus Höflichkeit gebraucht.
Wort für Wort
aśabdagocarasya api
obwohl [es] jenseits der Reichweite der Worte [ist]
tasya vai brahmaṇaḥ dvijāḥ
jenes Brahman, o Zweifachgeborene, wahrlich
pūjāyāṃ bhagavacchabdaḥ
in der Verehrung das Wort 'Bhagavat'
kriyate hi aupacārikaḥ
wird wahrlich übertragen/aus Höflichkeit gebraucht
śuddhe mahāvibhūtyākhye pare brahmaṇi varttate /
bhagavanbhagavacchabdaḥ sarvakāraṇakāraṇe
[Eigentlich] gilt das Wort 'Bhagavat' für das reine, 'von großer Herrlichkeit' genannte höchste Brahman, die Ursache aller Ursachen, [genannt] 'Bhagavān'.
Wort für Wort
śuddhe mahāvibhūtyākhye
für das reine, 'von großer Herrlichkeit' genannte
pare brahmaṇi varttate
[eigentlich] gilt [das Wort] für das höchste Brahman
'Das Erkennbare' und 'der Erkennende' – so hat die Silbe 'bha' eine zweifache Bedeutung; dadurch [bezeichnet], o Weiser, ebenso diese Silbe 'ga' [den] 'Ursprung/Vater [des Kommens und Gehens]' [und den] 'Schöpfer'.
Wort für Wort
jñeyaṃ jñātā iti tathā
'das Erkennbare' [und] 'der Erkennende', so
bhakāraḥ arthadvayātmakaḥ
die Silbe 'bha' hat zweifache Bedeutung
tena āgatipitā(?) sraṣṭā
dadurch [bezeichnet den] Ursprung [des Kommens] (?), den Schöpfer
gakāraḥ ayaṃ tathā mune
diese Silbe 'ga', ebenso, o Weiser
[?] Pāda c ('tenāgamapitā sraṣṭā') textlich unsicher; Sinn nach dem Muster der folgenden Verse (V22: 'āgatiṃ gatim ... vetti') als 'Ursprung des Kommens und Gehens' sinngemäß erschlossen.
Von vollständiger Herrschermacht, von Kraft, von Ruhm, von Glanz, und ebenso von Wissen und Entsagung – dieser sechs [Dinge Bezeichnung] ist 'Bhaga', so wird gesagt.
Wort für Wort
aiśvaryasya samagrasya
von vollständiger Herrschermacht
vīryasya yaśasaḥ śriyaḥ
von Kraft, von Ruhm, von Glanz
jñānavairāgyayoḥ ca eva
und ebenso von Wissen und Entsagung
ṣaṇṇāṃ bhaga iti īraṇā
dieser sechs [Bezeichnung ist] 'Bhaga', so wird gesagt
vasaṃti tatra bhūtāni bhūtātmanyakhilātmani /
sarvabhūteṣvaśeṣeṣu vakārārthastato 'vyayaḥ
Dort, im Wesens-Selbst, dem All-Selbst, wohnen die Wesen; [und er wohnt] in allen Wesen ausnahmslos – daher [rührt] die Bedeutung der Silbe 'va', [er ist] der Unvergängliche.
Wort für Wort
vasanti tatra bhūtāni
dort wohnen die Wesen
bhūtātmani akhilātmani
im Wesens-Selbst, dem All-Selbst
sarvabhūteṣu aśeṣeṣu
in allen Wesen ausnahmslos
vakārārthaḥ tataḥ avyayaḥ
daher die Bedeutung der Silbe 'va', der Unvergängliche
tatra pūjyapadārthoktiḥ paribhāṣāsamanvitaḥ /
śabdo 'yaṃ nopacāreṇa cānyatra hyupacārataḥ
Dort [bei Vāsudeva ist] die Aussage der Bedeutung des verehrungswürdigen Wortes, verbunden mit [genauer] Definition; dieses Wort [gilt] nicht durch Übertragung, anderswo aber wahrlich durch Übertragung.
Wort für Wort
tatra pūjyapadārthoktiḥ
dort [ist] die Aussage der Bedeutung des verehrungswürdigen Wortes
Wissen, Macht, Kraft, Herrschaft, Stärke und Glanz, vollständig, ohne [dass sie behaftet wären] mit mangelhaften Eigenschaften u.Ä. – [diese] werden durch das Wort 'Bhagavat' bezeichnet.
Wort für Wort
jñānaśaktibalaiśvaryavīryatejāṃsi
Wissen, Macht, Kraft, Herrschaft, Stärke und Glanz
Er, o Weiser, hat die Natur aller Wesen, [ihre] Veränderung und die mit den Guṇas beginnenden Fehler überschritten; jenseits aller Hüllen, das All-Selbst – von ihm ist der ganze Raum der Welten überzogen/durchwaltet.
Wort für Wort
sa sarvabhūtaprakṛtiṃ vikāram
er die Natur aller Wesen, die Veränderung
guṇādidoṣān ca mune vyatītaḥ
und die mit den Guṇas beginnenden Fehler überschritten, o Weiser
[Er], von vollständig heilvollen Eigenschaften, [scheinbar] von der Natur der Guṇas, die von großem Leid umhüllte Schöpfung der Wesen aufgebend/verlassend habend, [durch eigenen] Willen einen weiten, geliebten Leib annehmend – er, der das Wohl der ganzen Welt vollbracht hat,
Wort für Wort
samastakalyāṇaguṇaṃ guṇātmakaḥ
von vollständig heilvollen Eigenschaften, [scheinbar] von Guṇa-Natur
hitvā atiduḥkhāvṛtabhūtasargaḥ
die von großem Leid umhüllte Wesensschöpfung [gleichsam hinter sich lassend]
icchāgṛhītābhimatorudehaḥ
durch [eigenen] Willen einen weiten, geliebten Leib annehmend
saṃsādhitāśeṣajagaddhitaḥ asau
er, der das Wohl der ganzen Welt vollbracht hat
[?] Vers syntaktisch verschachtelt und schwer aufzulösen; beste Vermutung nach Sinnzusammenhang (Viṣṇus freiwillige Verkörperung zum Weltenwohl) gegeben.
[Er ist] Glanz, Kraft, Herrschaft, große Erkenntnis, eigene Tatkraft und Macht und dergleichen – eine einzige Anhäufung [guter] Eigenschaften; der Höchste der Hohen, in dem, dem Herrn von Hoch und Niedrig, keinerlei Bedrängnisse u.Ä. sind.
Wort für Wort
tejobalaiśvaryamahāvabodham
Glanz, Kraft, Herrschaft, große Erkenntnis
svavīryaśaktyādiguṇaikarāśiḥ
eigene Tatkraft, Macht u.a. – eine einzige Anhäufung [guter] Eigenschaften
paraḥ parāṇāṃ
der Höchste der Hohen
sakalāḥ na yatra kleśādayaḥ saṃti parāvareśe
in dem, dem Herrn von Hoch und Niedrig, sind keinerlei Bedrängnisse u.a.
sa īśvaro vyaṣṭisamaṣṭirūpo 'vyaktasvarūpaḥ prakaṭasvarūpaḥ /
sarveśvaraḥ sarvanisargavettā samaskaśaktiḥ parameśvarākhyaḥ
Er, der Herr, ist von der Gestalt des Einzelnen wie des Gesamten, von unmanifester [wie zugleich] von offenbarer Wesensform; der Herr über alles, der Kenner aller Schöpfung, von voller/gleichmäßiger Macht, genannt der höchste Herr (Parameśvara).
Wort für Wort
sa īśvaraḥ vyaṣṭisamaṣṭirūpaḥ
er, der Herr, von der Gestalt des Einzelnen und des Gesamten
avyaktasvarūpaḥ prakaṭasvarūpaḥ
von unmanifester und offenbarer Wesensform
sarveśvaraḥ sarvanisargavettā
der Herr über alles, der Kenner aller Schöpfung
samagraśaktiḥ(?) parameśvarākhyaḥ
von vollständiger Macht (?), genannt der höchste Herr
[?] 'samaskaśaktiḥ' vermutlich verderbt für 'samagraśaktiḥ' (von vollständiger Macht); so übersetzt.
sa jñāyate yena tadastadoṣaṃ śuddhaṃ paraṃ nirmalameva rūpam /
saṃdṛśyate cāpyavagamyate ca tajjñānamato 'nyaduktam
Er wird durch das erkannt, wodurch jene fehlerlose, reine, höchste, gänzlich makellose Gestalt sowohl geschaut als auch verstanden wird; jenes [Erkenntnismittel] heißt 'Wissen', verschieden von allem anderen, was sonst [noch 'Wissen' genannt wird].
svādhyāyasaṃyamābagyāṃ sa dṛśyate puruṣottamaḥ /
tatprāptikāraṇaṃ brahma tavetatpratipadyate
Durch diese beiden, [Schrift-]Studium und Selbstbeherrschung, wird der höchste Puruṣa geschaut; jenes Brahman, die Ursache seiner Erlangung, wird dir hiermit dargelegt.
Wort für Wort
svādhyāyasaṃyamābhyāṃ
durch [Schrift-]Studium und Selbstbeherrschung, diese beiden
sa dṛśyate puruṣottamaḥ
er, der höchste Puruṣa, wird geschaut
tatprāptikāraṇaṃ brahma
jenes Brahman, die Ursache seiner Erlangung
tava etat pratipadyate
wird dir hiermit dargelegt
[?] 'ābagyāṃ' als 'ābhyāṃ' (durch diese beiden) gelesen.
Vom [Schrift-]Studium ausgehend soll man zum Yoga gelangen, vom Yoga [wieder] zum Studium zurückkehren; durch die Vollendung von Studium und Yoga [zusammen] erstrahlt das höchste Selbst.
tadīkṣaṇāya svādhyāyaścakṣuryogastathāparam /
na māṃsacakṣuṣā draṣṭuṃ brahmabhūtaḥ sa śakyate
Zu dessen Erblicken [dient] das Studium als [ein] Auge, ebenso der Yoga als das andere [Auge]; denn mit dem fleischlichen Auge kann jener, der Brahman geworden ist, nicht gesehen werden.
Nārada sprach: O Erhabener, ich möchte jenen Yoga kennen; sage ihn mir, durch dessen Kenntnis ich den höchsten Herrn, die Stütze von allem, schauen könnte.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
bhagavan tam ahaṃ yogaṃ jñātum icchāmi
o Erhabener, jenen Yoga möchte ich kennen
taṃ vada
sage ihn
jñāte yat akhilādhāraṃ paśyeyam parameśvaram
durch dessen Kenntnis ich den höchsten Herrn, die Stütze von allem, schauen könnte
Sanandana sprach: Dharmadhvaja, o Janaka [Anrede? sic], war wahrlich [ein Nachkomme]; seine beiden Söhne [waren] Amitadhvaja [und] Kṛtadhvaja, sein Bruder, ein König, der stets dem Adhyātma zugetan war.
Wort für Wort
dharmadhvajaḥ vai
Dharmadhvaja wahrlich
tasya putrau amitadhvajaḥ
seine beiden Söhne [waren] Amitadhvaja
kṛtadhvajaḥ asya bhrātā abhūt
[und] Kṛtadhvaja, sein Bruder, war
sadā adhyātmaratiḥ nṛpaḥ
ein stets dem Adhyātma zugetaner König
[?] 'janaka' in Pāda a und 'puśe' unklar; 'puśe' als 'putrau' (die beiden Söhne) gelesen; genaue genealogische Zuordnung unsicher.
karmamārge hi khāṇḍikyaḥ svarājyādavaropitaḥ /
purodhasā mantribhiśca samaveto 'lpasādhanaḥ
Khāṇḍikya war wahrlich dem Weg der [Ritual-]Handlung [zugetan]; er wurde von seinem eigenen Königreich herabgesetzt, [von Keśidhvaja], vereint mit [dessen] Hauspriester und Ministern, [während Khāṇḍikya nur noch] geringe Mittel [besaß].
Wort für Wort
karmamārge hi khāṇḍikyaḥ
dem Weg der [Ritual-]Handlung [zugetan] war wahrlich Khāṇḍikya
svarājyāt avaropitaḥ
von seinem eigenen Königreich herabgesetzt
purodhasā mantribhiḥ ca samavetaḥ
[von Keśidhvaja], vereint mit Hauspriester und Ministern
rājyānnirākṛtaḥ so 'tha durgāraṇyacaro 'bhavat /
iyāḍaja so 'pi subahūna yajñāñjñānavyapāśrayaḥ
Aus dem Königreich vertrieben, wurde er sodann ein Wanderer in unzugänglichen Wäldern; er [Keśidhvaja] aber vollzog sehr viele Opfer, gestützt auf [rechtes] Wissen.
Wort für Wort
rājyāt nirākṛtaḥ saḥ atha
aus dem Königreich vertrieben, er sodann
durgāraṇyacaraḥ abhavat
wurde ein Wanderer in unzugänglichen Wäldern
ayajata(?) saḥ api subahūn yajñān
er [Keśidhvaja] aber vollzog (?) sehr viele Opfer
jñānavyapāśrayaḥ
gestützt auf [rechtes] Wissen
[?] 'iyāḍaja so 'pi subahūna yajñāñ' textlich unsicher/verderbt, als 'ayajata so 'pi subahūn yajñān' (er aber vollzog sehr viele Opfer) sinngemäß gelesen.
brahmavidyāmadhiṣṭāya tartuṃ mṛtyumapi svayam /
ekadā vartamānasya yāge yogavidāṃ vara
– [Keśidhvaja hatte] sich auf die Brahman-Wissenschaft gestützt, um selbst sogar den Tod zu überwinden; einst, während er, o Bester der Yoga-Kenner, [gerade] bei einem Opfer weilte,
– tötete ein grimmiger Tiger seine [Opfer-]Kuh in einem einsamen Wald. Als der König dann von den Opferpriestern erfuhr, dass die Kuh vom Tiger getötet worden war,
Wort für Wort
tasya dhenuṃ jaghāna ugraḥ śārdūlaḥ
seine Kuh tötete ein grimmiger Tiger
vijane vane
in einem einsamen Wald
tataḥ rājā hatāṃ jñātvā dhenum
als dann der König erfuhr, dass die Kuh getötet worden war
sa gatvā tamapṛcchañca so 'pyāha nṛpatiṃ mune /
na kaśerurnacaivāhaṃ na cānyaḥ sāṃprataṃ bhuvi
Er ging und befragte ihn; und auch dieser sprach zu dem König, o Weiser: 'Weder Kaśeru noch ich selbst, noch irgendjemand anderer gegenwärtig auf Erden
vettyeka eva tvacchatruḥ khāṇḍikyo yo jitastvayā /
sa cāha taṃ vrajāmyeṣa praṣṭumātmaripuṃ mune
– weiß es, außer einem einzigen: deinem Feind Khāṇḍikya, den du besiegt hast.' Und er sprach: 'Ich gehe, o Weiser, um diesen meinen Feind zu befragen.'
Wort für Wort
vetti ekaḥ eva
nur ein einziger weiß es
tvacchatruḥ khāṇḍikyaḥ yaḥ jitaḥ tvayā
dein Feind Khāṇḍikya, den du besiegt hast
sa ca āha
und er sprach
vrajāmi eṣa praṣṭum ātmaripuṃ mune
'ich gehe, um diesen meinen Feind zu befragen, o Weiser'
– dann wird, o bester der Weisen, mein Opfer/Yoga unversehrt sein.' Nachdem er dies gesagt hatte, bestieg der König, eine schwarze Antilopenhaut tragend, den Wagen
– sprach, [seine] Augen rot vor Zorn, [seinen] Bogen angelegt: Khāṇḍikya sprach: 'Wirst du uns [etwa], indem [du] die schwarze Antilopenhaut wie einen Panzer [trägst], töten?'
Wort für Wort
provāca krodhatāmrākṣaḥ
er sprach, [seine] Augen rot vor Zorn
samāropitakārmukaḥ
[seinen] Bogen angelegt habend
khāṇḍikya uvāca
Khāṇḍikya sprach
kṛṣṇājinatvakkavacabhāvena asmān haniṣyasi
'wirst du uns, mit der schwarzen Antilopenhaut wie mit einem Panzer, töten?'
kṛṣṇājinadhare vetsi na mayi prahariṣyati /
mṛgānāṃ vada pṛṣṭeṣu mūḍha kṛṣṇājinaṃ na kim
'Meinst du, [der Pfeil] wird nicht auf den treffen, der die schwarze Antilopenhaut trägt? Sag, o Tor, [stammt] die schwarze Antilopenhaut nicht vom Rücken der Antilopen?'
Wort für Wort
kṛṣṇājinadhare vetsi
meinst du, [dass er] den mit der schwarzen Antilopenhaut [nicht treffen wird]
na mayi prahariṣyati
'auf mich wird [der Pfeil] nicht treffen'
mṛgāṇāṃ vada pṛṣṭheṣu mūḍha
sag, o Tor, [stammt sie nicht] von den Rücken der Antilopen
yeṣāṃ matvā vṛthā cogrāḥ prahitāḥ śitasāyakāḥ /
sa tvāmahaṃ haniṣyāmi na me jīvanvimokṣyase
'– an die denkend vergeblich scharfe, spitze Pfeile abgeschossen wurden [von mir zuvor]; dich werde ich [nun] töten, lebend wirst du mir nicht entkommen.'
'Du bist ein Mordanstifter, o Übelgesinnter, mein Feind, der Räuber meines Königreichs!' Keśidhvaja sprach: 'Khāṇḍikya, um [dir] einen Zweifel zu stellen, bin ich zu dir gekommen –
Wort für Wort
ātatāyī asi durbuddhe
du bist ein Mordanstifter, o Übelgesinnter
mama rājyaharaḥ ripuḥ
mein Feind, der Räuber meines Königreichs
keśidhvaja uvāca
Keśidhvaja sprach
khāṇḍikya saṃśayaṃ praṣṭuṃ bhavantam ahaṃ āgataḥ
'Khāṇḍikya, um dir einen Zweifel zu stellen bin ich gekommen'
na tvāṃ hṝntuṃ vicāryataitkopaṃ bāṇaṃ ca muñca vā /
tataḥ sa mantribhiḥ sārddhamekānte sapurohitaḥ
'– nicht um dich zu töten. Erwäge dies, und dann entlasse [entweder deinen] Zorn und Pfeil, oder [nicht].' Darauf beriet er, Khāṇḍikya, zusammen mit den Ministern, abgesondert, samt dem Hauspriester,
Wort für Wort
na tvāṃ hantuṃ vicārya etat
'nicht um dich zu töten – erwäge dies'
kopaṃ bāṇaṃ ca muñca vā
'und entlasse [entweder deinen] Zorn und Pfeil, oder nicht'
hate tu pṛthivī sarvā mama vaśyā bhaviṣyati /
paralokajayastasya pṛthivī sakalā mama
'– wenn er getötet wird, wird die ganze Erde mir untertan sein. [Doch] der Sieg über die jenseitige Welt [wird] ihm [zufallen]; die ganze Erde [nur] mir.'
Wort für Wort
hate tu pṛthivī sarvā
'wenn er getötet wird, die ganze Erde'
mama vaśyā bhaviṣyati
'wird mir untertan sein'
paralokajayaḥ tasya
der Sieg über die jenseitige Welt [wird] ihm [zufallen]
na hanmi cellokajayo mama vayatvaḥsuṃdharā /
paralokajayo 'nantaḥ svalpakālo mahījayaḥ
'Wenn ich [ihn] aber nicht töte, [wäre] der Sieg über diese Welt mein, [und ebenso] die Erde; [doch dessen] Sieg über die jenseitige Welt [wäre dann] endlos, [während] der Sieg über die Erde [nur] von kurzer Dauer [ist].'
Wort für Wort
na hanmi cet lokajayaḥ mama
'wenn ich [ihn] nicht töte, [wäre] der Sieg über diese Welt mein'
vā vasundharā(?)
und [ebenso] die Erde (?)
paralokajayaḥ anantaḥ
der Sieg über die jenseitige Welt [wäre] endlos
svalpakālaḥ mahījayaḥ
der Sieg über die Erde [nur] von kurzer Dauer
[?] Pāda b ('mama vayatvaḥsuṃdharā') textlich unsicher/verderbt; sinngemäß als 'mama vā [bhaved] vasundharā' (mir wäre [dann auch] die Erde) übersetzt.
'Was auch immer von dir zu fragen ist, frage es; ich werde [es] sagen.' Darauf berichtete er, o Weiser, genau wie es sich zugetragen hatte, [von] der Tötung der Opferkuh.
Wort für Wort
praṣṭavyaṃ yat tvayā sarvam
'was auch immer von dir zu fragen ist'
tat pṛccha tvaṃ vadāmi aham
'frage es; ich werde [es] sagen'
tataḥ prāha yathāvṛttam
darauf berichtete er, genau wie es sich zugetragen hatte
tataśca taṃ sa papraccha prāyaścittaṃ hi tadrūtam /
sa cācaṣṭa yathānyāyaṃ mune keśidhvajāya tat
Und dann fragte er ihn nach der diesbezüglichen Sühnehandlung; und jener erklärte, o Weiser, dem Keśidhvaja jene [Sühnehandlung] der Rechtsordnung gemäß.
Wort für Wort
tataḥ ca taṃ sa papraccha
und dann fragte er ihn
prāyaścittaṃ hi tadyuktam(?)
nach der diesbezüglichen Sühnehandlung
sa ca ācaṣṭa yathānyāyam
und jener erklärte, der Rechtsordnung gemäß
mune keśidhvajāya tat
o Weiser, dem Keśidhvaja jene
[?] 'tadrūtam' als 'tadyuktam' bzw. sinngemäß 'die diesbezügliche' gelesen.
– ging zum Opferplatz und vollzog die ganze Zeremonie der Reihe nach; nachdem er das Opfer Schritt für Schritt vorschriftsgemäß durchgeführt hatte, badete er im Abschlussbad (avabhṛtha).
Wort für Wort
yāgabhūmim upāgatya
zum Opferplatz gegangen
cakre sarvāṃ kriyāṃ krameṇa
vollzog er die ganze Zeremonie der Reihe nach
krameṇa vidhivat yāgaṃ nītvā
das Opfer Schritt für Schritt vorschriftsgemäß durchgeführt habend
'– ebenso sind auch die Bittsteller von mir mit Reichtum nach Wunsch zufriedengestellt worden; so ist, soweit es die Welt der Sterblichen betrifft, alles von mir vollbracht worden –
Wort für Wort
tathā eva arthijanaḥ api
'ebenso auch die Bittsteller'
arthaḥ jitaḥ abhimataiḥ mayā
'sind mit Reichtum nach Wunsch von mir zufriedengestellt worden'
yathā ahaṃ martyalokasya
'so [ist], soweit es die Welt der Sterblichen betrifft'
khāṇḍikyāya na datteti mayā vaigurudakṣiṇā /
sa jagāma tato bhūyo rathamāruhya pārthivaḥ
– dass dem Khāṇḍikya von ihm die Lehrergabe (gurudakṣiṇā) nicht gegeben worden war. Er, der König, bestieg den Wagen und ging daraufhin wieder [dorthin] –
'Wisse, dass ich hierher gekommen bin, um dem Lehrer die [ausstehende] Schuldbegleichung zu geben; das Opfer wurde von mir, durch deine Anweisung, recht vollzogen.'
'Dieser hier wünscht die Schuldbegleichung des Lehrers – was soll von mir [zu diesem Zweck] erbeten werden?' Die Minister sprachen zu ihm: 'Das gesamte Königreich soll von diesem gefordert werden.'
Wort für Wort
guroḥ niṣkṛtikāmaḥ ayam
'dieser wünscht die Schuldbegleichung des Lehrers'
kim ayaṃ prārthyatāṃ mayā
'was soll von mir erbeten werden?'
tam ūcuḥ mantriṇaḥ
die Minister sprachen zu ihm
rājyam aśeṣaṃ yācyatām ayam
'das gesamte Königreich soll von diesem gefordert werden'
[?] 'gorniṣkṛtikāmo' als 'guroniṣkṛtikāmo' gelesen; 'gajyam' als 'rājyam' (Königreich) gelesen.
kṛtābhiḥ prārthyate rājyamanāyāsitasainikaiḥ /
prāhasya tānāha nṛpaḥ sa khāṇḍikyo mahāpatiḥ
'So wird durch [bloße] getane [Worte] das Königreich erbeten, ohne dass die Soldaten [je wieder] Mühe hätten.' Er lachte sie aus; er, der König Khāṇḍikya, der große Herrscher, sprach zu ihnen:
Wort für Wort
kṛtābhiḥ prārthyate rājyam
durch [bloße] getane [Worte] wird das Königreich erbeten
'Wie könnte die von kurzer Dauer seiende Herrschaft über die Erde von Meinesgleichen [noch] begehrt werden? Dies hier [ist nur] der eures eigenen Vorteils bedachten Minister –'
Wort für Wort
svalpakālaṃ mahīrājyam
die von kurzer Dauer seiende Herrschaft über die Erde
mādṛśaiḥ prārthyate katham
wie könnte [sie] von Meinesgleichen begehrt werden?
'– dann verkünde mir jene Handlung/Lehre, die zur Beruhigung der Bedrängnis genügt.' Keśidhvaja sprach: 'Warum hast du nicht mein Königreich, [nun] dornlos [frei von Rivalen], von mir erbeten?'
'– mein Königreich, [nun] dornlos? Denn es gibt nichts anderes, das den Kṣatriyas so überaus lieb ist wie die Erlangung eines Königreichs.' Khāṇḍikya sprach: 'Keśidhvaja, erkenne, weshalb von mir nicht darum gebeten wurde –
Wort für Wort
mama rājyam akaṇṭakam
'mein Königreich, [nun] dornlos'
rājyalābhāt hi na asti anyat
'denn es gibt nichts anderes als die Erlangung eines Königreichs'
vadhaśca dharmayuddhena svarājyaparipanthinām /
yatrāśaktasya me doṣo naivāstyapakṛte tvayā
'– und die Tötung, durch rechtmäßigen Kampf, derer, die dem eigenen Königreich feindlich entgegenstehen. Darin, da ich [dabei] machtlos war, gibt es keine Schuld von mir, noch [ein] Unrecht deinerseits.'
Wort für Wort
vadhaḥ ca dharmayuddhena
'und die Tötung durch rechtmäßigen Kampf'
svarājyaparipanthinām
'derer, die dem eigenen Königreich feindlich entgegenstehen'
yatra aśaktasya me doṣaḥ na eva asti
'darin gibt es, da ich machtlos war, keine Schuld von mir'
bandhāyaiva bhavatyeṣā hyavidyā cākramojjhitā /
janmoparbhāgalipsārthamiyaṃ gajyaspṛhā mama
'Denn diese, [nämlich meine frühere Begierde,] wird nur zur Fessel, [eine] Unwissenheit, ungeordnet entstanden [?]; um einen [künftigen] Anteil bei [weiterer] Geburt zu erlangen, [war] diese meine Sehnsucht nach dem Königreich –
Wort für Wort
bandhāya eva bhavati eṣā
'dies wird nur zur Fessel'
hi avidyā ca ākramojjhitā(?)
'[eine] Unwissenheit, ungeordnet entstanden (?)'
janmoparabhāgalipsārtham
'um einen [künftigen] Anteil bei [weiterer] Geburt zu erlangen'
iyaṃ rājyaspṛhā mama
'diese meine Sehnsucht nach dem Königreich'
[?] 'ākramojjhitā' textlich unsicher; sinngemäß als 'ungeordnet/ungezügelt entstanden' übersetzt. 'gajyaspṛhā' als 'rājyaspṛhā' gelesen.
anyeṣāṃ dopajāneva dharmamevānurudhyate /
na yācñā kṣatrabandhūnāṃ dharmāyaitatsatāṃ matam
'– [während sie] bei anderen wohl aus Fehler entsteht; [wahre Pflicht] hält sich [dagegen] nur an den Dharma selbst. Das Betteln [gehört] nicht zu den Angehörigen des Kṣatriya-Standes; dies ist die Ansicht der Guten, um des Dharma willen.'
Wort für Wort
anyeṣāṃ doṣāt jāyate iva(?)
'bei anderen entsteht [dies] wohl aus Fehler'
dharmam eva anurudhyate
'[wahre Pflicht] hält sich nur an den Dharma selbst'
na yācñā kṣatrabandhūnām
'das Betteln [gehört] nicht zu den Kṣatriyas'
dharmāya etat satāṃ matam
'dies ist um des Dharma willen die Ansicht der Guten'
ato na yācita rājyamavidyāntargataṃ tava /
rājyaṃ gṛdhnanti vidvāṃso mamatvākṛṣṭacetasaḥ
'Deshalb wurde nicht das in Unwissenheit gehüllte Königreich von dir erbeten. [Nur solche vermeintlich] Gelehrte begehren ein Königreich, deren Sinn vom Besitzdenken (mamatva) angezogen ist –
Wort für Wort
ataḥ na yācitaṃ rājyam
'deshalb wurde das Königreich nicht erbeten'
avidyāntargataṃ tava
'das in Unwissenheit gehüllte, von dir'
rājyaṃ gṛdhnanti vidvāṃsaḥ
'[nur solche vermeintlich] Gelehrte begehren ein Königreich'
ahaṃmānamahya pānamadamattā na mādṛśāḥ /
keśidhvaja uvāca
ahaṃ ca vidyayā mṛtyuṃ tartukāmaḥ karomi vai
'– trunken von Ich-Dünkel und übermäßigem Trank; nicht [solche] wie ich.' Keśidhvaja sprach: 'Und ich, den Wunsch hegend, durch [rechtes] Wissen den Tod zu überwinden, vollziehe ich wahrlich –
Wort für Wort
ahaṃmānamahāpānamadamattāḥ
'trunken von Ich-Dünkel und übermäßigem Trank'
na mādṛśāḥ
'nicht [solche] wie ich'
keśidhvaja uvāca
Keśidhvaja sprach
ahaṃ ca vidyayā mṛtyuṃ tartukāmaḥ karomi vai
'und ich, den Wunsch hegend, durch Wissen den Tod zu überwinden, vollziehe ich wahrlich'
[?] 'mahya pānam' unklar, als 'mahā-pānam' (übermäßiger Trank) gelesen.
rājyaṃ yajñāṃśca vividhānbhoge puṇyakṣayaṃ tathā /
tadidaṃ te mano diṣṭyā vivekaiścaryatāṃ gatam
'– [dies, in Bezug auf] Königsherrschaft und mannigfaltige Opfer; im [bloßen] Genuss [liegt] ebenso das Schwinden des Verdienstes. Dieser dein Sinn ist glücklicherweise durch Unterscheidungsvermögen zum rechten Wandel gelangt.'
Wort für Wort
rājyaṃ yajñān ca vividhān
'Königsherrschaft und mannigfaltige Opfer'
bhoge puṇyakṣayaṃ tathā
'im Genuss ebenso das Schwinden des Verdienstes'
tat idaṃ te manaḥ diṣṭyā
'dieser dein Sinn ist glücklicherweise'
vivekaiḥ caryatāṃ gatam
'durch Unterscheidungsvermögen zum rechten Wandel gelangt'
'Und höre auch die wahre Natur der Unwissenheit, o Freude deines Geschlechts: [Sie ist] die Vorstellung des Selbst im Nicht-Selbst, und die Auffassung, die das Nicht-Eigene als in den eigenen Bereich [gehörig] ansieht.'
Wort für Wort
śrūyatāṃ ca api avidyāyāḥ svarūpam
'und höre auch die wahre Natur der Unwissenheit'
kulanandana
'o Freude deines Geschlechts'
anātmani ātmabuddhiḥ yā
'die Vorstellung des Selbst im Nicht-Selbst, welche'
hi asve svaviṣayā matiḥ
'wahrlich das Nicht-Eigene als eigenen Bereich [ansehende] Auffassung'
'Dies ist der Same, entsprungen aus dem Baum der Unwissenheit, zweifach bestehend: im aus fünf Elementen gebildeten Körper [ist] der Verkörperte, in der Finsternis der Verblendung befangen –
Wort für Wort
avidyātarusaṃbhūtam bījam
'der aus dem Baum der Unwissenheit entsprungene Same'
etat dvidhā sthitam
'dieser besteht zweifach'
pañcabhūtātmake dehe
'im aus fünf Elementen gebildeten Körper'
dehī mohatamovṛttaḥ
'der Verkörperte, in der Finsternis der Verblendung befangen'
'– macht laut [in sich] die Vorstellung 'ich bin dies', [obwohl der Körper] durch Äther, Wind, Feuer, Wasser und Erde getrennt [von ihm] besteht, [so] der Übelgesinnte.'
ātmanyātmamayaṃ bhāvaṃ kaḥ karoti kalevare /
kalevaropabhogyaṃ hi gṛhakṣetrādikaṃ ca yat
'Wer [Weise] würde im [bloßen] Leib die Vorstellung eines aus dem Selbst bestehenden Zustandes hervorbringen? Denn was zum Genuss des Leibes [dient], wie Haus, Feld und dergleichen –
Wort für Wort
ātmani ātmamayaṃ bhāvam
'im [bloßen] Leib die Vorstellung eines aus dem Selbst bestehenden Zustandes'
adehe hyātmani prājño mamedamiti manyate /
itthaṃ ca putrapautreṣu taddehotpāditeṣu ca
'– [dies] hält der [scheinbar] Kluge fälschlich für 'mein', bezogen auf das körperlose Selbst; und ebenso bei Söhnen und Enkeln, die aus jenem Körper hervorgebracht wurden –
Wort für Wort
adehe hi ātmani prājñaḥ
'im körperlosen Selbst hält der [scheinbar] Kluge'
'– übt der [vermeintlich] Weise Eigentümerschaft aus über den nicht-selbsthaften Leib; für den Genuss jedes [künftigen] Körpers vollzieht der Mensch [seine] Taten.'
Wort für Wort
karoti paṇḍitaḥ svāmyam
'übt der [vermeintlich] Weise Eigentümerschaft aus'
dehaṃ cānyadyadā puṃsaḥsadā bandhāya tatparam /
mṛṇmayaṃ hi yathā gehaṃ lipyate vai mṛdaṃ bhasā
'Und wenn [er] einen anderen Körper [erlangt], ist dies dem Menschen stets zur Fessel [gereichende], ganz darauf [gerichtete Tat]; denn wie ein aus Lehm gemachtes Haus mit nassem Lehm beschmiert wird –
Wort für Wort
dehaṃ ca anyat yadā puṃsaḥ
'und wenn [er] einen anderen Körper [erlangt]'
sadā bandhāya tatparam
'[ist dies] stets zur Fessel [gereichende], ganz darauf gerichtete [Tat]'
'– so [besteht auch] dieser irdische Körper durch das Bestreichen mit Lehm-Wasser [gleichsam]; durch die aus den fünf [Elementen bestehenden] Genüsse [wird] der aus den fünf [Elementen bestehende] Genuss-Leib [erhalten].'
Wort für Wort
pārthivaḥ ayaṃ tathā dehaḥ
'so [besteht] dieser irdische Körper'
mṛdambholepanasthitiḥ
'durch das Bestreichen mit Lehm-Wasser [bestehend]'
pañcabhogātmakaiḥ bhogaiḥ
'durch die aus den fünf [Elementen bestehenden] Genüsse'
pañcabhogātmakaṃ vapuḥ
'[wird] der aus fünf [Elementen bestehende] Genuss-Leib [erhalten]'
'Wenn er dadurch genährt wird, welchen [Grund zum] Stolz hätte der Mensch dabei? [Er, der] auf dem Pfad des Saṃsāra durch viele tausend Geburten wandert –
Wort für Wort
āpyāyate yadi tataḥ
'wenn er dadurch genährt wird'
puṃsaḥ garvaḥ atra kiṅkṛtaḥ
'welcher Stolz des Menschen wäre hier berechtigt?'
'– ist er zur Ermattung der Verblendung gelangt, umhüllt vom Staub der [Erinnerungs-]Eindrücke (vāsanā). Wenn, o Sanfter, jener Staub durch das warme Wasser der Erkenntnis abgewaschen wird –
'– dann kommt die Ermattung der Verblendung des Wanderers durch den Saṃsāra zur Ruhe. Wenn die Ermattung der Verblendung zur Ruhe gekommen ist, [wird] der Mensch, dessen innere Fähigkeit klar geworden ist,
Wort für Wort
tadā saṃsārapānthasya
'dann des Wanderers durch den Saṃsāra'
yāti mohaśramaḥ śamam
'kommt die Ermattung der Verblendung zur Ruhe'
mohaśrame śamaṃ yāte
'wenn die Ermattung der Verblendung zur Ruhe gekommen ist'
svacchāntaḥkaraṇaḥ pumān
'der Mensch, dessen innere Fähigkeit klar geworden ist'
'– [dessen] Grundlage von nichts anderem übertroffen wird, das höchste Nirvāṇa erreichen. Dieses Selbst besteht eben aus Nirvāṇa, besteht aus Erkenntnis, ist makellos –
Wort für Wort
ananyātiśayādhāraḥ
'dessen Grundlage von nichts anderem übertroffen wird'
duḥkhājñānamayā dharmāḥ prakṛteste tunātmanaḥ /
jalasya nāgninā saṃgaḥ sthālīsaṃgāttathāpi hi
'– [während] die aus Leid und Unwissenheit bestehenden Eigenschaften der Natur (prakṛti) angehören, nicht dem Selbst. So wie das Wasser keine [unmittelbare] Verbindung mit dem Feuer hat, dennoch aber, durch die Verbindung mit dem [feuererhitzten] Topf –
Wort für Wort
duḥkhājñānamayāḥ dharmāḥ
'die aus Leid und Unwissenheit bestehenden Eigenschaften'
prakṛteḥ te tu na ātmanaḥ
'gehören der Natur an, nicht aber dem Selbst'
jalasya na agninā saṃgaḥ
'das Wasser hat keine Verbindung mit dem Feuer'
sthālīsaṃgāt tathāpi hi
'dennoch aber, durch die Verbindung mit dem Topf, wahrlich'
śabdodrekādikāndharmānkaroti hi yathā budhaḥ /
tathātmā prakṛteḥ saṃgādahaṃmānādidūṣitaḥ
'– [scheinbar Eigenschaften] wie übermäßiges Geräusch (Sieden) und dergleichen hervorbringt, wie [wenn es selbst] ein kluger [Handelnder wäre] – so [erscheint] das Selbst, durch die Verbindung mit der Natur, mit Ich-Dünkel u.Ä. befleckt.'
bhajate prākṛtāndharmānnyastastaṃbho hi so 'vyayaḥ /
tadetatkathitaṃ bījamavidyāyā mayā tava
'– [es scheint] die zur Natur gehörigen Eigenschaften anzunehmen; jener Unvergängliche aber ist wahrlich [in Wahrheit] ohne [jeden] Stolz. So ist dir dieser Same der Unwissenheit von mir dargelegt worden –
Wort für Wort
bhajate prākṛtān dharmān
'[es scheint] die zur Natur gehörigen Eigenschaften anzunehmen'
nyastastambhaḥ hi saḥ avyayaḥ
'jener Unvergängliche aber ist wahrlich ohne [jeden] Stolz'
'– und es gibt nichts anderes als den Yoga, das die Bedrängnisse (kleśa) zum Schwinden bringt.'
Wort für Wort
kleśānāṃ ca kṣayakaram
'das die Bedrängnisse zum Schwinden bringt'
yogāt anyat na vidyate
'es gibt nichts anderes als den Yoga'
[Anm.: Vers unvollständig überliefert – im Quelltext nur eine einzige Pāda-Zeile (statt der üblichen vier Pādas) vorhanden; wohl Textverlust, analog den entsprechenden Fragmenten in Kap. 43 (V45, V84) und Kap. 44.]