Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 45: bhagavacchabdanirvacanaṃ khāṇḍikyakeśidhvajasaṃvādārambhaśca Die Worterklärung des Namens 'Bhagavān' und der Beginn des Zwiegesprächs zwischen Khāṇḍikya und Keśidhvaja

sūta uvāca tacchṛtvā nārado viprā maithilādhyātmamuttamam / punaḥ papraccha taṃ prītyā sanandanamudāradhīḥ

Sūta sprach: Nachdem er dies gehört hatte, o Brahmanen, das erhabene Adhyātma-[Wort] des Königs von Mithilā, fragte Nārada, von edlem Verstand, jenen Sanandana wieder, mit Freude.

Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
tat śrutvā nāradaḥ viprāḥ
nachdem Nārada dies gehört hatte, o Brahmanen
maithilādhyātmam uttamam
das erhabene Adhyātma-[Wort] des Königs von Mithilā
punaḥ papraccha taṃ prītyā
fragte er jenen wieder, mit Freude
sanandanam udāradhīḥ
den Sanandana, von edlem Verstand

nārada uvāca ādhyātmikādatrividhaṃ tāpaṃ nānubhavedyathā / prabrūhi tanmune mahyaṃ prapannāya dayānidhe

Nārada sprach: Sage mir dies, o Weiser, Ozean des Mitleids, mir, der ich [bei dir] Zuflucht genommen habe: wie man das dreifache Leid, angefangen mit dem seelischen (ādhyātmika), nicht erfahre.

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
ādhyātmikāt trividhaṃ tāpam
das dreifache Leid, angefangen mit dem seelischen
na anubhavet yathā
wie man [es] nicht erfahre
prabrūhi tat mune mahyam
sage dies mir, o Weiser
prapannāya dayānidhe
mir, der Zuflucht genommen hat, o Ozean des Mitleids

sanandana uvāca tadasya trividhaṃ duḥkhamiha jātasya paṇḍita / garbe janmajarādyeṣusthāneṣu prabhaviṣyataḥ

Sanandana sprach: Jenes dreifache Leid, o Weiser, eines hier Geborenen, das im Mutterleib, bei der Geburt, im Alter und in [all] den anderen Zuständen entstehen wird –

Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
tat asya trividhaṃ duḥkham
jenes dreifache Leid dieses
iha jātasya paṇḍita
hier Geborenen, o Weiser
garbe janmajarādyeṣu sthāneṣu
im Mutterleib, bei Geburt, Alter u.a. Zuständen
prabhaviṣyataḥ
das entstehen wird

nirastātiśayāhlādasukhabhāvaikalakṣaṇā / bheṣajaṃ bhagavatprāptiraikā cātyantikī matā

– dessen [Heilmittel], das die alleinige Beseitigung [dieses Leids] zum Merkmal hat, [nämlich] den Zustand eines unübertroffenen Glücks der Wonne – das Heilmittel ist die Erlangung des Erhabenen (Bhagavat), das einzige, absolute [Mittel], so gilt es.

Wort für Wort
nirastātiśayāhlādasukhabhāvaikalakṣaṇā
deren einziges Merkmal die Beseitigung [des Leids durch] unübertroffenes Glück der Wonne ist
bheṣajaṃ bhagavatprāptiḥ
das Heilmittel [ist] die Erlangung des Erhabenen
ekā ca ātyantikī matā
das eine, absolute [Mittel], so gilt es

tasmāttatprāptaye yatnaḥ kartavyaḥ paṇḍitairnaraiḥ / tatprāptihetujñānaṃ ca karma coktaṃ mahāmune

Deshalb soll von weisen Menschen Anstrengung zu dessen Erlangung unternommen werden; und die Erkenntnis der Ursache seiner Erlangung sowie [das rechte] Handeln sollen [nun], o großer Weiser, dargelegt werden.

Wort für Wort
tasmāt tatprāptaye yatnaḥ
deshalb zu dessen Erlangung Anstrengung
kartavyaḥ paṇḍitaiḥ naraiḥ
soll von weisen Menschen unternommen werden
tatprāptihetujñānaṃ ca
und die Erkenntnis der Ursache seiner Erlangung
karma ca uktaṃ mahāmune
und das [rechte] Handeln soll dargelegt werden, o großer Weiser

āgamotthaṃ vivekāñca dvidhā jñānaṃ tathocyate / śabdabrahmāgamamayaṃ paraṃ brahmavivekajam

Aus der Überlieferung entstanden und aus der Unterscheidung – so wird das Wissen zweifach genannt: [das eine] bestehend aus der Überlieferung vom Wort-Brahman, das höchste [andere] aus der Unterscheidung des Brahman geboren.

Wort für Wort
āgamotthaṃ vivekāt ca
aus der Überlieferung entstanden und aus der Unterscheidung
dvidhā jñānaṃ tathā ucyate
so wird das Wissen zweifach genannt
śabdabrahmāgamamayam
bestehend aus der Überlieferung vom Wort-Brahman
paraṃ brahmavivekajam
das höchste, aus der Unterscheidung des Brahman geboren

manurapyāha vedārthaṃ smṛtvāyaṃ munisattamamaḥ / tadetacchrūyatāmatra subodhaṃ gadato mama

Auch Manu, dieser beste der Weisen, sprach [dies], nachdem er sich der Bedeutung des Veda erinnert hatte; dies möge nun hier gehört werden, leicht verständlich, wie ich es vortrage.

Wort für Wort
manuḥ api āha vedārtham
auch Manu sprach die Bedeutung des Veda
smṛtvā ayaṃ munisattamaḥ
erinnert habend, dieser beste der Weisen
tat etat śrūyatām atra
dies möge nun hier gehört werden
subodhaṃ gadataḥ mama
leicht verständlich, wie ich es vortrage

dve brahmaṇī veditavye śabdabrahma paraṃ ca yat / śabdabrahmaṇi niṣṇātaḥ paraṃ brahmādhigacchati

Zwei Brahman sind zu erkennen: das Wort-Brahman und das, was das höchste [Brahman] ist; wer im Wort-Brahman bewandert ist, gelangt zum höchsten Brahman.

Wort für Wort
dve brahmaṇī veditavye
zwei Brahman sind zu erkennen
śabdabrahma paraṃ ca yat
das Wort-Brahman und das, was das höchste [ist]
śabdabrahmaṇi niṣṇātaḥ
wer im Wort-Brahman bewandert ist
paraṃ brahma adhigacchati
gelangt zum höchsten Brahman

dve vidye veditavye cetyāha cātharvaṇī śrutiḥ / paramā tvakṣaraprāptirṛgvedādimayā parā

'Zwei Wissensarten sind zu erkennen' – so spricht auch die ātharvaṇische Offenbarung (Muṇḍaka-Upaniṣad); die höhere aber [ist] die Erlangung des Unvergänglichen, die andere/niedere besteht aus Ṛgveda und dem Übrigen.

Wort für Wort
dve vidye veditavye
zwei Wissensarten sind zu erkennen
ca iti āha ātharvaṇī śrutiḥ
so spricht auch die ātharvaṇische Offenbarung
paramā tu akṣaraprāptiḥ
die höhere aber [ist] die Erlangung des Unvergänglichen
ṛgvedādimayā parā
die andere besteht aus Ṛgveda und dem Übrigen

yattadavyaktamajaramanīhamajamavyayam / anirdeśyamarūpaṃ ca pāṇipādādisaṃyutam

Jenes, das unmanifest, alterlos, unbestrebt, ungeboren, unvergänglich, unbeschreiblich und gestaltlos ist, und [doch zugleich] mit Händen, Füßen und dergleichen versehen –

Wort für Wort
yat tat avyaktam ajaram
jenes, das unmanifest, alterlos
anīham ajam avyayam
unbestrebt, ungeboren, unvergänglich
anirdeśyam arūpaṃ ca
unbeschreiblich und gestaltlos
pāṇipādādisaṃyutam
und mit Händen, Füßen u.a. versehen

vibhuṃ sarvagataṃ nityaṃ bhūtayo nimakāraṇam / vyāpyaṃ vyāptaṃ yataḥ sarvaṃ taṃ vai paśyanti sūrayaḥ

– das allwaltende, allgegenwärtige, ewige, die Ursache des Ursprungs der Wesen; das, was durchdrungen wird [und zugleich das Ganze] durchdringt, wovon alles [ausgeht] – jenes eben sehen die Weisen (Seher).

Wort für Wort
vibhuṃ sarvagataṃ nityam
das allwaltende, allgegenwärtige, ewige
bhūtayoniḥ kāraṇam
die Ursprungsquelle, die Ursache [der Wesen]
vyāpyaṃ vyāptaṃ yataḥ sarvam
das durchdrungen wird und [alles] durchdringt, wovon alles [ausgeht]
taṃ vai paśyanti sūrayaḥ
jenes eben sehen die Weisen

[?] 'bhūtayo nimakāraṇam' als 'bhūtayoniḥ kāraṇam' (Ursprungsquelle und Ursache der Wesen) gelesen.

tadbūhya tatparaṃ dhāma taddhyeyaṃ mo7kāṅkṣibhiḥ / śrutivākyoditaṃ sūkṣmaṃ tadviṣṇoḥ paramaṃ padam

Jenes [ist] Brahman, jenes die höchste Wohnstatt, jenes ist von den nach Erlösung Verlangenden zu meditieren; das durch die Worte der Schrift verkündete, feinstoffliche – das ist Viṣṇus höchster Ort.

Wort für Wort
tad brahma tat paraṃ dhāma
jenes [ist] Brahman, jenes die höchste Wohnstatt
tat dhyeyaṃ mokṣākāṅkṣibhiḥ
jenes ist von den nach Erlösung Verlangenden zu meditieren
śrutivākyoditaṃ sūkṣmam
das durch die Worte der Schrift verkündete, feinstoffliche
tad viṣṇoḥ paramaṃ padam
das ist Viṣṇus höchster Ort

[?] 'tadbūhya' als 'tad brahma' gelesen.

tadeva bhagavadvācyaṃ svarūpaṃ paramātmanaḥ / vācako bhagavacchabdastasyoddiṣṭo 'kṣayātmanaḥ

Eben jenes, die wahre Natur des höchsten Selbst, wird durch [das Wort] 'Bhagavat' bezeichnet; das Wort 'Bhagavat' ist der Bezeichner, jenem unvergänglichen Selbst zugewiesen.

Wort für Wort
tat eva bhagavadvācyam
eben jenes wird durch 'Bhagavat' bezeichnet
svarūpaṃ paramātmanaḥ
die wahre Natur des höchsten Selbst
vācakaḥ bhagavacchabdaḥ
das Wort 'Bhagavat' ist der Bezeichner
tasya uddiṣṭaḥ akṣayātmanaḥ
jenem unvergänglichen Selbst zugewiesen

evaṃ nigaditārthasya yattatvaṃ tasya tattvataḥ / jñāyate yena tajjñānaṃ paramanyatrayīmayam

So [gilt]: was die wahre Beschaffenheit des so Bezeichneten der Wahrheit nach ist, wodurch dies erkannt wird – das ist [das wahre] Wissen, das höhere, verschieden von dem [bloß] aus der [Veda-]Trias bestehenden.

Wort für Wort
evaṃ nigaditārthasya
des so Bezeichneten
yat tattvaṃ tasya tattvataḥ
was dessen wahre Beschaffenheit der Wahrheit nach ist
jñāyate yena tat jñānam
wodurch dies erkannt wird, das ist [das] Wissen
param anyat trayīmayam
das höhere, verschieden vom [bloß] aus der Veda-Trias bestehenden

aśabdagocarasyāpi tasya vai brahmaṇo dvijā / pūjāyāṃ bhagavacchabdaḥ kriyate hyaupacārikaḥ

Obwohl jenes Brahman, o Zweifachgeborene, wahrlich jenseits der Reichweite der Worte ist, wird das Wort 'Bhagavat' wahrlich in der Verehrung übertragen/aus Höflichkeit gebraucht.

Wort für Wort
aśabdagocarasya api
obwohl [es] jenseits der Reichweite der Worte [ist]
tasya vai brahmaṇaḥ dvijāḥ
jenes Brahman, o Zweifachgeborene, wahrlich
pūjāyāṃ bhagavacchabdaḥ
in der Verehrung das Wort 'Bhagavat'
kriyate hi aupacārikaḥ
wird wahrlich übertragen/aus Höflichkeit gebraucht

śuddhe mahāvibhūtyākhye pare brahmaṇi varttate / bhagavanbhagavacchabdaḥ sarvakāraṇakāraṇe

[Eigentlich] gilt das Wort 'Bhagavat' für das reine, 'von großer Herrlichkeit' genannte höchste Brahman, die Ursache aller Ursachen, [genannt] 'Bhagavān'.

Wort für Wort
śuddhe mahāvibhūtyākhye
für das reine, 'von großer Herrlichkeit' genannte
pare brahmaṇi varttate
[eigentlich] gilt [das Wort] für das höchste Brahman
bhagavan bhagavacchabdaḥ
[genannt] 'Bhagavān', das Wort 'Bhagavat'
sarvakāraṇakāraṇe
für die Ursache aller Ursachen

jñeyaṃ jñāteti tathā bhakāror'thadvayātmakaḥ / tenāgamapitā sraṣṭā gakāro 'yaṃ tathā mune

'Das Erkennbare' und 'der Erkennende' – so hat die Silbe 'bha' eine zweifache Bedeutung; dadurch [bezeichnet], o Weiser, ebenso diese Silbe 'ga' [den] 'Ursprung/Vater [des Kommens und Gehens]' [und den] 'Schöpfer'.

Wort für Wort
jñeyaṃ jñātā iti tathā
'das Erkennbare' [und] 'der Erkennende', so
bhakāraḥ arthadvayātmakaḥ
die Silbe 'bha' hat zweifache Bedeutung
tena āgatipitā(?) sraṣṭā
dadurch [bezeichnet den] Ursprung [des Kommens] (?), den Schöpfer
gakāraḥ ayaṃ tathā mune
diese Silbe 'ga', ebenso, o Weiser

[?] Pāda c ('tenāgamapitā sraṣṭā') textlich unsicher; Sinn nach dem Muster der folgenden Verse (V22: 'āgatiṃ gatim ... vetti') als 'Ursprung des Kommens und Gehens' sinngemäß erschlossen.

aiśvaryasya samagrasya vīryasya yaśasaḥ śriyaḥ / jñānavairāgyayoścaiva ṣaṇṇāṃ bhaga itīraṇā

Von vollständiger Herrschermacht, von Kraft, von Ruhm, von Glanz, und ebenso von Wissen und Entsagung – dieser sechs [Dinge Bezeichnung] ist 'Bhaga', so wird gesagt.

Wort für Wort
aiśvaryasya samagrasya
von vollständiger Herrschermacht
vīryasya yaśasaḥ śriyaḥ
von Kraft, von Ruhm, von Glanz
jñānavairāgyayoḥ ca eva
und ebenso von Wissen und Entsagung
ṣaṇṇāṃ bhaga iti īraṇā
dieser sechs [Bezeichnung ist] 'Bhaga', so wird gesagt

vasaṃti tatra bhūtāni bhūtātmanyakhilātmani / sarvabhūteṣvaśeṣeṣu vakārārthastato 'vyayaḥ

Dort, im Wesens-Selbst, dem All-Selbst, wohnen die Wesen; [und er wohnt] in allen Wesen ausnahmslos – daher [rührt] die Bedeutung der Silbe 'va', [er ist] der Unvergängliche.

Wort für Wort
vasanti tatra bhūtāni
dort wohnen die Wesen
bhūtātmani akhilātmani
im Wesens-Selbst, dem All-Selbst
sarvabhūteṣu aśeṣeṣu
in allen Wesen ausnahmslos
vakārārthaḥ tataḥ avyayaḥ
daher die Bedeutung der Silbe 'va', der Unvergängliche

evameva mahāśabdo bhagavāniti sattama / paramabrahmabhūtasya vāsudevasya nānyagaḥ

So eben, o Bester, [gilt] das große Wort 'Bhagavān' für keinen anderen als für Vāsudeva, der das höchste Brahman geworden ist.

Wort für Wort
evam eva mahāśabdaḥ
so eben [gilt] das große Wort
bhagavān iti sattama
'Bhagavān', o Bester
paramabrahmabhūtasya vāsudevasya
für Vāsudeva, der das höchste Brahman geworden ist
na anyagaḥ
für keinen anderen

tatra pūjyapadārthoktiḥ paribhāṣāsamanvitaḥ / śabdo 'yaṃ nopacāreṇa cānyatra hyupacārataḥ

Dort [bei Vāsudeva ist] die Aussage der Bedeutung des verehrungswürdigen Wortes, verbunden mit [genauer] Definition; dieses Wort [gilt] nicht durch Übertragung, anderswo aber wahrlich durch Übertragung.

Wort für Wort
tatra pūjyapadārthoktiḥ
dort [ist] die Aussage der Bedeutung des verehrungswürdigen Wortes
paribhāṣāsamanvitaḥ
verbunden mit [genauer] Definition
śabdaḥ ayaṃ na upacāreṇa
dieses Wort [gilt] nicht durch Übertragung
ca anyatra hi upacārataḥ
anderswo aber wahrlich durch Übertragung

utpattiṃ pralayaṃ caiva bhūtānāmāgatiṃ gatim / vetti vidyāmavidyāṃ ca sa vācyo bhagavāniti

Wer die Entstehung und Auflösung, das Kommen und Gehen der Wesen, sowie Wissen und Unwissenheit kennt, der wird 'Bhagavān' genannt.

Wort für Wort
utpattiṃ pralayaṃ ca eva
die Entstehung und Auflösung
bhūtānām āgatiṃ gatim
der Wesen Kommen und Gehen
vetti vidyām avidyāṃ ca
wer Wissen und Unwissenheit kennt
sa vācyaḥ bhagavān iti
der wird 'Bhagavān' genannt

jñānaśaktibalaiśvaryavīryatejāṃsyaśeṣataḥ / bhagavacchabdavācyāni vinā heyairguṇādibhiḥ

Wissen, Macht, Kraft, Herrschaft, Stärke und Glanz, vollständig, ohne [dass sie behaftet wären] mit mangelhaften Eigenschaften u.Ä. – [diese] werden durch das Wort 'Bhagavat' bezeichnet.

Wort für Wort
jñānaśaktibalaiśvaryavīryatejāṃsi
Wissen, Macht, Kraft, Herrschaft, Stärke und Glanz
aśeṣataḥ bhagavacchabdavācyāni
vollständig durch das Wort 'Bhagavat' bezeichnet
vinā heyaiḥ guṇādibhiḥ
ohne mangelhafte Eigenschaften u.Ä.

sarvāṇi tatra bhūtāni vasaṃti paramātmani / bhūteṣu vasanādeva vāsudevastataḥ smṛtaḥ

Dort, im höchsten Selbst, wohnen alle Wesen; und weil er in den Wesen wohnt, wird er daher 'Vāsudeva' genannt.

Wort für Wort
sarvāṇi tatra bhūtāni
dort alle Wesen
vasanti paramātmani
wohnen im höchsten Selbst
bhūteṣu vasanāt eva
und weil er in den Wesen wohnt
vāsudevaḥ tataḥ smṛtaḥ
wird er daher 'Vāsudeva' genannt

khāṇḍikyaṃ janakaṃ prāha pṛṣṭaḥ keśidhvajaḥ purā / nāmavyākhyāmanantasya vāsudevasya tattvataḥ

Einst erklärte, [darauf] befragt, Keśidhvaja dem Khāṇḍikya-Janaka die wahrhafte Erklärung des Namens des unendlichen Vāsudeva.

Wort für Wort
khāṇḍikyaṃ janakaṃ prāha
dem Khāṇḍikya-Janaka erklärte
pṛṣṭaḥ keśidhvajaḥ purā
der befragte Keśidhvaja einst
nāmavyākhyām anantasya
die Erklärung des Namens des Unendlichen
vāsudevasya tattvataḥ
des Vāsudeva, der Wahrheit nach

bhūteṣu vasate soṃ'tarvasaṃtyatra ca tāni yat / dhātā vidhātā jagatāṃ vāsudevastataḥ prabhuḥ

Er wohnt in den Wesen, und in ihm wohnen wiederum jene – weil dies so ist, [ist er] Erhalter und Ordner der Welten, der Herr Vāsudeva.

Wort für Wort
bhūteṣu vasate saḥ
er wohnt in den Wesen
antaḥ vasanti atra ca tāni
und in ihm wohnen jene [wiederum]
yat dhātā vidhātā jagatām
weil [dies so ist, ist er] Erhalter und Ordner der Welten
vāsudevaḥ tataḥ prabhuḥ
der Herr Vāsudeva daher

sa sarvabhūtaprakṛtiṃ vikāraṃ guṇādidoṣāṃśca mune vyatītaḥ / atītasarvāvaraṇo 'khilātmā tenāstṛtaṃ yadbhuvanāntarālam

Er, o Weiser, hat die Natur aller Wesen, [ihre] Veränderung und die mit den Guṇas beginnenden Fehler überschritten; jenseits aller Hüllen, das All-Selbst – von ihm ist der ganze Raum der Welten überzogen/durchwaltet.

Wort für Wort
sa sarvabhūtaprakṛtiṃ vikāram
er die Natur aller Wesen, die Veränderung
guṇādidoṣān ca mune vyatītaḥ
und die mit den Guṇas beginnenden Fehler überschritten, o Weiser
atītasarvāvaraṇaḥ akhilātmā
jenseits aller Hüllen, das All-Selbst
tena āstṛtaṃ yat bhuvanāntarālam
von ihm ist der ganze Weltenraum überzogen

samastakalyāṇaguṇaṃ guṇātmako hitvātiduḥkhāvṛtabhūtasargaḥ / icchāgṛhītābhimatorudehaḥ saṃsādhitāśeṣajagaddhito 'sau

[Er], von vollständig heilvollen Eigenschaften, [scheinbar] von der Natur der Guṇas, die von großem Leid umhüllte Schöpfung der Wesen aufgebend/verlassend habend, [durch eigenen] Willen einen weiten, geliebten Leib annehmend – er, der das Wohl der ganzen Welt vollbracht hat,

Wort für Wort
samastakalyāṇaguṇaṃ guṇātmakaḥ
von vollständig heilvollen Eigenschaften, [scheinbar] von Guṇa-Natur
hitvā atiduḥkhāvṛtabhūtasargaḥ
die von großem Leid umhüllte Wesensschöpfung [gleichsam hinter sich lassend]
icchāgṛhītābhimatorudehaḥ
durch [eigenen] Willen einen weiten, geliebten Leib annehmend
saṃsādhitāśeṣajagaddhitaḥ asau
er, der das Wohl der ganzen Welt vollbracht hat

[?] Vers syntaktisch verschachtelt und schwer aufzulösen; beste Vermutung nach Sinnzusammenhang (Viṣṇus freiwillige Verkörperung zum Weltenwohl) gegeben.

tejobalaiśvaryamahāvabodhaṃ svavīryaśaktyāduguṇaikarāśiḥ / paraḥ parāṇāṃ sakalā na yatra kleśādayaḥ saṃti parāvareśe

[Er ist] Glanz, Kraft, Herrschaft, große Erkenntnis, eigene Tatkraft und Macht und dergleichen – eine einzige Anhäufung [guter] Eigenschaften; der Höchste der Hohen, in dem, dem Herrn von Hoch und Niedrig, keinerlei Bedrängnisse u.Ä. sind.

Wort für Wort
tejobalaiśvaryamahāvabodham
Glanz, Kraft, Herrschaft, große Erkenntnis
svavīryaśaktyādiguṇaikarāśiḥ
eigene Tatkraft, Macht u.a. – eine einzige Anhäufung [guter] Eigenschaften
paraḥ parāṇāṃ
der Höchste der Hohen
sakalāḥ na yatra kleśādayaḥ saṃti parāvareśe
in dem, dem Herrn von Hoch und Niedrig, sind keinerlei Bedrängnisse u.a.

sa īśvaro vyaṣṭisamaṣṭirūpo 'vyaktasvarūpaḥ prakaṭasvarūpaḥ / sarveśvaraḥ sarvanisargavettā samaskaśaktiḥ parameśvarākhyaḥ

Er, der Herr, ist von der Gestalt des Einzelnen wie des Gesamten, von unmanifester [wie zugleich] von offenbarer Wesensform; der Herr über alles, der Kenner aller Schöpfung, von voller/gleichmäßiger Macht, genannt der höchste Herr (Parameśvara).

Wort für Wort
sa īśvaraḥ vyaṣṭisamaṣṭirūpaḥ
er, der Herr, von der Gestalt des Einzelnen und des Gesamten
avyaktasvarūpaḥ prakaṭasvarūpaḥ
von unmanifester und offenbarer Wesensform
sarveśvaraḥ sarvanisargavettā
der Herr über alles, der Kenner aller Schöpfung
samagraśaktiḥ(?) parameśvarākhyaḥ
von vollständiger Macht (?), genannt der höchste Herr

[?] 'samaskaśaktiḥ' vermutlich verderbt für 'samagraśaktiḥ' (von vollständiger Macht); so übersetzt.

sa jñāyate yena tadastadoṣaṃ śuddhaṃ paraṃ nirmalameva rūpam / saṃdṛśyate cāpyavagamyate ca tajjñānamato 'nyaduktam

Er wird durch das erkannt, wodurch jene fehlerlose, reine, höchste, gänzlich makellose Gestalt sowohl geschaut als auch verstanden wird; jenes [Erkenntnismittel] heißt 'Wissen', verschieden von allem anderen, was sonst [noch 'Wissen' genannt wird].

Wort für Wort
sa jñāyate yena
er wird durch das erkannt
tat adoṣaṃ śuddhaṃ param nirmalam eva rūpam
jene fehlerlose, reine, höchste, gänzlich makellose Gestalt
saṃdṛśyate ca api avagamyate ca
sowohl geschaut als auch verstanden wird
tat jñānam ataḥ anyat uktam
jenes heißt 'Wissen', verschieden von allem anderen

svādhyāyasaṃyamābagyāṃ sa dṛśyate puruṣottamaḥ / tatprāptikāraṇaṃ brahma tavetatpratipadyate

Durch diese beiden, [Schrift-]Studium und Selbstbeherrschung, wird der höchste Puruṣa geschaut; jenes Brahman, die Ursache seiner Erlangung, wird dir hiermit dargelegt.

Wort für Wort
svādhyāyasaṃyamābhyāṃ
durch [Schrift-]Studium und Selbstbeherrschung, diese beiden
sa dṛśyate puruṣottamaḥ
er, der höchste Puruṣa, wird geschaut
tatprāptikāraṇaṃ brahma
jenes Brahman, die Ursache seiner Erlangung
tava etat pratipadyate
wird dir hiermit dargelegt

[?] 'ābagyāṃ' als 'ābhyāṃ' (durch diese beiden) gelesen.

svādhyāyādyogamāsīta yogātsvādhyāyamāmanet / svādhyāyayogasaṃpattyā paramātmā prakāśate

Vom [Schrift-]Studium ausgehend soll man zum Yoga gelangen, vom Yoga [wieder] zum Studium zurückkehren; durch die Vollendung von Studium und Yoga [zusammen] erstrahlt das höchste Selbst.

Wort für Wort
svādhyāyāt yogam āsīta
vom Studium ausgehend soll man zum Yoga gelangen
yogāt svādhyāyam āmanet
vom Yoga soll man zum Studium zurückkehren
svādhyāyayogasaṃpattyā
durch die Vollendung von Studium und Yoga
paramātmā prakāśate
erstrahlt das höchste Selbst

tadīkṣaṇāya svādhyāyaścakṣuryogastathāparam / na māṃsacakṣuṣā draṣṭuṃ brahmabhūtaḥ sa śakyate

Zu dessen Erblicken [dient] das Studium als [ein] Auge, ebenso der Yoga als das andere [Auge]; denn mit dem fleischlichen Auge kann jener, der Brahman geworden ist, nicht gesehen werden.

Wort für Wort
tadīkṣaṇāya svādhyāyaḥ cakṣuḥ
zu dessen Erblicken das Studium [ist] ein Auge
yogaḥ tathā aparam
der Yoga ebenso das andere [Auge]
na māṃsacakṣuṣā draṣṭum
nicht mit dem fleischlichen Auge zu sehen
brahmabhūtaḥ sa śakyate
ist jener, der Brahman geworden ist

nārada uvāca bhagavaṃstamahaṃ yogaṃ jñātumicchāmi taṃ vada / jñāte yannākhilādhāraṃ paśyeyaṃ parameśvaram

Nārada sprach: O Erhabener, ich möchte jenen Yoga kennen; sage ihn mir, durch dessen Kenntnis ich den höchsten Herrn, die Stütze von allem, schauen könnte.

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
bhagavan tam ahaṃ yogaṃ jñātum icchāmi
o Erhabener, jenen Yoga möchte ich kennen
taṃ vada
sage ihn
jñāte yat akhilādhāraṃ paśyeyam parameśvaram
durch dessen Kenntnis ich den höchsten Herrn, die Stütze von allem, schauen könnte

sanandana uvāca keśidhvajo yathā prāha khāṇḍikyāya mahātmane / janakāya purā yogaṃ tathāhaṃ kathayāmi te

Sanandana sprach: Wie Keśidhvaja einst dem großherzigen Khāṇḍikya-Janaka den Yoga erklärte, so erzähle ich [ihn] dir.

Wort für Wort
sanandana uvāca
Sanandana sprach
keśidhvajaḥ yathā prāha
wie Keśidhvaja erklärte
khāṇḍikyāya mahātmane janakāya purā yogam
dem großherzigen Khāṇḍikya-Janaka einst den Yoga
tathā ahaṃ kathayāmi te
so erzähle ich [ihn] dir

nārada uvāca khāṇḍikyaḥ ko 'bhavadbrahman ko vā keśidhvajo 'bhavat / kathaṃ tayośca saṃvādo yogasaṃbandhavānabhūt

Nārada sprach: Wer war Khāṇḍikya, o Brahmane, und wer war Keśidhvaja? Und wie kam ihr Zwiegespräch, das mit dem Yoga verbunden war, zustande?

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
khāṇḍikyaḥ kaḥ abhavat brahman
wer war Khāṇḍikya, o Brahmane
kaḥ vā keśidhvajaḥ abhavat
und wer war Keśidhvaja
kathaṃ tayoḥ ca saṃvādaḥ
und wie kam ihr Zwiegespräch
yogasaṃbandhavān abhūt
das mit dem Yoga verbunden war, zustande

sanandana uvāca dharmadhvajo vai janaka tasya puśe 'mitadhvajaḥ / kṛtadhvajo 'sya bhrātābhūtsadādhyātmaratirnṛpaḥ

Sanandana sprach: Dharmadhvaja, o Janaka [Anrede? sic], war wahrlich [ein Nachkomme]; seine beiden Söhne [waren] Amitadhvaja [und] Kṛtadhvaja, sein Bruder, ein König, der stets dem Adhyātma zugetan war.

Wort für Wort
dharmadhvajaḥ vai
Dharmadhvaja wahrlich
tasya putrau amitadhvajaḥ
seine beiden Söhne [waren] Amitadhvaja
kṛtadhvajaḥ asya bhrātā abhūt
[und] Kṛtadhvaja, sein Bruder, war
sadā adhyātmaratiḥ nṛpaḥ
ein stets dem Adhyātma zugetaner König

[?] 'janaka' in Pāda a und 'puśe' unklar; 'puśe' als 'putrau' (die beiden Söhne) gelesen; genaue genealogische Zuordnung unsicher.

kṛtadhvajasya putro 'bhūddhanyaḥ keśidhvajo dvijaḥ / putro 'mitavvajasyāpi khāṇḍikyajanakābhidhaḥ

Kṛtadhvajas Sohn war der glückselige Keśidhvaja, ein Zweifachgeborener; und der Sohn Amitadhvajas [war] der mit Namen Khāṇḍikya-Janaka.

Wort für Wort
kṛtadhvajasya putraḥ abhūt
Kṛtadhvajas Sohn war
dhanyaḥ keśidhvajaḥ dvijaḥ
der glückselige, zweifachgeborene Keśidhvaja
putraḥ amitadhvajasya api
und der Sohn Amitadhvajas [war]
khāṇḍikyajanakābhidhaḥ
der mit Namen Khāṇḍikya-Janaka

karmamārge hi khāṇḍikyaḥ svarājyādavaropitaḥ / purodhasā mantribhiśca samaveto 'lpasādhanaḥ

Khāṇḍikya war wahrlich dem Weg der [Ritual-]Handlung [zugetan]; er wurde von seinem eigenen Königreich herabgesetzt, [von Keśidhvaja], vereint mit [dessen] Hauspriester und Ministern, [während Khāṇḍikya nur noch] geringe Mittel [besaß].

Wort für Wort
karmamārge hi khāṇḍikyaḥ
dem Weg der [Ritual-]Handlung [zugetan] war wahrlich Khāṇḍikya
svarājyāt avaropitaḥ
von seinem eigenen Königreich herabgesetzt
purodhasā mantribhiḥ ca samavetaḥ
[von Keśidhvaja], vereint mit Hauspriester und Ministern
alpasādhanaḥ
mit geringen Mitteln [zurückbleibend]

rājyānnirākṛtaḥ so 'tha durgāraṇyacaro 'bhavat / iyāḍaja so 'pi subahūna yajñāñjñānavyapāśrayaḥ

Aus dem Königreich vertrieben, wurde er sodann ein Wanderer in unzugänglichen Wäldern; er [Keśidhvaja] aber vollzog sehr viele Opfer, gestützt auf [rechtes] Wissen.

Wort für Wort
rājyāt nirākṛtaḥ saḥ atha
aus dem Königreich vertrieben, er sodann
durgāraṇyacaraḥ abhavat
wurde ein Wanderer in unzugänglichen Wäldern
ayajata(?) saḥ api subahūn yajñān
er [Keśidhvaja] aber vollzog (?) sehr viele Opfer
jñānavyapāśrayaḥ
gestützt auf [rechtes] Wissen

[?] 'iyāḍaja so 'pi subahūna yajñāñ' textlich unsicher/verderbt, als 'ayajata so 'pi subahūn yajñān' (er aber vollzog sehr viele Opfer) sinngemäß gelesen.

brahmavidyāmadhiṣṭāya tartuṃ mṛtyumapi svayam / ekadā vartamānasya yāge yogavidāṃ vara

– [Keśidhvaja hatte] sich auf die Brahman-Wissenschaft gestützt, um selbst sogar den Tod zu überwinden; einst, während er, o Bester der Yoga-Kenner, [gerade] bei einem Opfer weilte,

Wort für Wort
brahmavidyām adhiṣṭhāya
auf die Brahman-Wissenschaft gestützt
tartuṃ mṛtyum api svayam
um selbst sogar den Tod zu überwinden
ekadā vartamānasya yāge
einst, während er bei einem Opfer weilte
yogavidāṃ vara
o Bester der Yoga-Kenner

tasya dhenuṃ jaghānograḥ śārdūlo vijane vane / tato rājā hatāṃ jñātvā dhenuṃ vyāghreṇa cartvijaḥ

– tötete ein grimmiger Tiger seine [Opfer-]Kuh in einem einsamen Wald. Als der König dann von den Opferpriestern erfuhr, dass die Kuh vom Tiger getötet worden war,

Wort für Wort
tasya dhenuṃ jaghāna ugraḥ śārdūlaḥ
seine Kuh tötete ein grimmiger Tiger
vijane vane
in einem einsamen Wald
tataḥ rājā hatāṃ jñātvā dhenum
als dann der König erfuhr, dass die Kuh getötet worden war
vyāghreṇa ṛtvijaḥ
vom Tiger, [erfahren] von den Opferpriestern

prāyaścittaṃ sa papraccha kimatreti vidhīyatām / te cocurnavayaṃvidmaḥ kaśeruḥ pṛcchyatāmiti

– fragte er nach der Sühnehandlung: 'Was ist hierbei vorzuschreiben?' Und sie sagten: 'Das wissen wir nicht; Kaśeru möge gefragt werden.'

Wort für Wort
prāyaścittaṃ sa papraccha
fragte er nach der Sühnehandlung
kim atra iti vidhīyatām
'was ist hierbei vorzuschreiben?', so
te ca ūcuḥ na vayam vidmaḥ
und sie sagten: 'wir wissen [es] nicht'
kaśeruḥ pṛcchyatām iti
'Kaśeru möge gefragt werden', so

kaśerurapi tenoktastatheti prāha nārada / śunakaṃ pṛccha rājendra veda sa vetsyati

Auch Kaśeru, von ihm gefragt, sprach 'so sei es', o Nārada: 'Frage den Śunaka, o König der Könige; er kennt sich aus, er wird [es] wissen.'

Wort für Wort
kaśeruḥ api tena uktaḥ
auch Kaśeru, von ihm gefragt
tathā iti prāha nārada
'so sei es', sprach [er], o Nārada
śunakaṃ pṛccha rājendra
'frage den Śunaka, o König der Könige'
veda sa vetsyati
'er kennt sich aus, er wird [es] wissen'

sa gatvā tamapṛcchañca so 'pyāha nṛpatiṃ mune / na kaśerurnacaivāhaṃ na cānyaḥ sāṃprataṃ bhuvi

Er ging und befragte ihn; und auch dieser sprach zu dem König, o Weiser: 'Weder Kaśeru noch ich selbst, noch irgendjemand anderer gegenwärtig auf Erden

Wort für Wort
sa gatvā tam apṛcchat ca
er ging und befragte ihn
saḥ api āha nṛpatiṃ mune
und auch dieser sprach zum König, o Weiser
na kaśeruḥ na ca eva aham
'weder Kaśeru noch ich selbst'
na ca anyaḥ sāṃprataṃ bhuvi
'noch irgendjemand anderer gegenwärtig auf Erden'

vettyeka eva tvacchatruḥ khāṇḍikyo yo jitastvayā / sa cāha taṃ vrajāmyeṣa praṣṭumātmaripuṃ mune

– weiß es, außer einem einzigen: deinem Feind Khāṇḍikya, den du besiegt hast.' Und er sprach: 'Ich gehe, o Weiser, um diesen meinen Feind zu befragen.'

Wort für Wort
vetti ekaḥ eva
nur ein einziger weiß es
tvacchatruḥ khāṇḍikyaḥ yaḥ jitaḥ tvayā
dein Feind Khāṇḍikya, den du besiegt hast
sa ca āha
und er sprach
vrajāmi eṣa praṣṭum ātmaripuṃ mune
'ich gehe, um diesen meinen Feind zu befragen, o Weiser'

prāpta eva mayā yajñe yadi māṃ sa haniṣyati / prāyaścittaṃ sa cetpṛṣṭo vadiṣyati ripurmama

'Wenn er mich, [dort] angekommen, sogleich im Opfer tötet [so sei es]; wenn aber, gefragt, mein Feind die Sühnehandlung mitteilt,

Wort für Wort
prāptaḥ eva mayā yajñe
kaum angekommen, im Opfer
yadi māṃ sa haniṣyati
wenn er mich tötet
prāyaścittaṃ sa cet pṛṣṭaḥ
wenn er aber, gefragt, die Sühnehandlung
vadiṣyati ripuḥ mama
mitteilt, mein Feind

tataścāvikalo yogo muniśreṣṭha bhaviṣyati / ityuktvā rathamāruhya kṛṣṇājinadharo nṛpaḥ

– dann wird, o bester der Weisen, mein Opfer/Yoga unversehrt sein.' Nachdem er dies gesagt hatte, bestieg der König, eine schwarze Antilopenhaut tragend, den Wagen

Wort für Wort
tataḥ ca avikalaḥ yogaḥ
dann [wird] das Opfer/Yoga unversehrt
muniśreṣṭha bhaviṣyati
sein, o bester der Weisen
iti uktvā ratham āruhya
dies gesagt habend, den Wagen bestiegen
kṛṣṇājinadharaḥ nṛpaḥ
der König, eine schwarze Antilopenhaut tragend

vanaṃ jagāma yatrāste khāṇḍikyaḥ sa mahīpatiḥ / tamāyāntaṃ samālokya khāñjaḍikyo ripumātmanaḥ

– und ging zu dem Wald, wo jener Herrscher der Erde, Khāṇḍikya, weilte. Khāṇḍikya, seinen Feind herankommen sehend,

Wort für Wort
vanaṃ jagāma yatra āste
und ging zu dem Wald, wo weilte
khāṇḍikyaḥ sa mahīpatiḥ
jener Herrscher der Erde, Khāṇḍikya
tam āyāntaṃ samālokya
ihn herankommen sehend
khāṇḍikyaḥ ripum ātmanaḥ
Khāṇḍikya, seinen Feind

provāca krodhatāmrākṣaḥ samāropitakārmukaḥ / khāṇḍikya uvāca kṛṣṇājinatvakkavacabhāvenāsmānhaniṣyasi

– sprach, [seine] Augen rot vor Zorn, [seinen] Bogen angelegt: Khāṇḍikya sprach: 'Wirst du uns [etwa], indem [du] die schwarze Antilopenhaut wie einen Panzer [trägst], töten?'

Wort für Wort
provāca krodhatāmrākṣaḥ
er sprach, [seine] Augen rot vor Zorn
samāropitakārmukaḥ
[seinen] Bogen angelegt habend
khāṇḍikya uvāca
Khāṇḍikya sprach
kṛṣṇājinatvakkavacabhāvena asmān haniṣyasi
'wirst du uns, mit der schwarzen Antilopenhaut wie mit einem Panzer, töten?'

kṛṣṇājinadhare vetsi na mayi prahariṣyati / mṛgānāṃ vada pṛṣṭeṣu mūḍha kṛṣṇājinaṃ na kim

'Meinst du, [der Pfeil] wird nicht auf den treffen, der die schwarze Antilopenhaut trägt? Sag, o Tor, [stammt] die schwarze Antilopenhaut nicht vom Rücken der Antilopen?'

Wort für Wort
kṛṣṇājinadhare vetsi
meinst du, [dass er] den mit der schwarzen Antilopenhaut [nicht treffen wird]
na mayi prahariṣyati
'auf mich wird [der Pfeil] nicht treffen'
mṛgāṇāṃ vada pṛṣṭheṣu mūḍha
sag, o Tor, [stammt sie nicht] von den Rücken der Antilopen
kṛṣṇājinaṃ na kim
die schwarze Antilopenhaut, [ist es] nicht so?

yeṣāṃ matvā vṛthā cogrāḥ prahitāḥ śitasāyakāḥ / sa tvāmahaṃ haniṣyāmi na me jīvanvimokṣyase

'– an die denkend vergeblich scharfe, spitze Pfeile abgeschossen wurden [von mir zuvor]; dich werde ich [nun] töten, lebend wirst du mir nicht entkommen.'

Wort für Wort
yeṣāṃ matvā vṛthā ca ugrāḥ
an die denkend, vergeblich [wurden] scharfe
prahitāḥ śitasāyakāḥ
spitze Pfeile abgeschossen
sa tvām ahaṃ haniṣyāmi
dich werde ich [nun] töten
na me jīvan vimokṣyase
lebend wirst du mir nicht entkommen

ātatāyyasi durbuddhe mama rājyaharo ripuḥ / keśidhvaja uvāca khāṇḍikya saṃśayaṃ praṣṭuṃ bhavantamahamāgataḥ

'Du bist ein Mordanstifter, o Übelgesinnter, mein Feind, der Räuber meines Königreichs!' Keśidhvaja sprach: 'Khāṇḍikya, um [dir] einen Zweifel zu stellen, bin ich zu dir gekommen –

Wort für Wort
ātatāyī asi durbuddhe
du bist ein Mordanstifter, o Übelgesinnter
mama rājyaharaḥ ripuḥ
mein Feind, der Räuber meines Königreichs
keśidhvaja uvāca
Keśidhvaja sprach
khāṇḍikya saṃśayaṃ praṣṭuṃ bhavantam ahaṃ āgataḥ
'Khāṇḍikya, um dir einen Zweifel zu stellen bin ich gekommen'

na tvāṃ hṝntuṃ vicāryataitkopaṃ bāṇaṃ ca muñca vā / tataḥ sa mantribhiḥ sārddhamekānte sapurohitaḥ

'– nicht um dich zu töten. Erwäge dies, und dann entlasse [entweder deinen] Zorn und Pfeil, oder [nicht].' Darauf beriet er, Khāṇḍikya, zusammen mit den Ministern, abgesondert, samt dem Hauspriester,

Wort für Wort
na tvāṃ hantuṃ vicārya etat
'nicht um dich zu töten – erwäge dies'
kopaṃ bāṇaṃ ca muñca vā
'und entlasse [entweder deinen] Zorn und Pfeil, oder nicht'
tataḥ sa mantribhiḥ sārdham
darauf er [Khāṇḍikya], zusammen mit den Ministern
ekānte sapurohitaḥ
abgesondert, samt dem Hauspriester

mantrayāmāsa khāṇḍikyaḥ sarvaireva mahāmatiḥ / tamūrmantriṇo vadhyo ripureṣa vaśaṅgataḥ

– Khāṇḍikya, von großer Weisheit, mit allen [beriet er sich]. Die Minister sprachen zu ihm: 'Dieser Feind, in [deine] Gewalt geraten, ist zu töten –

Wort für Wort
mantrayāmāsa khāṇḍikyaḥ
es beriet sich Khāṇḍikya
sarvaiḥ eva mahāmatiḥ
mit allen, [er], von großer Weisheit
tam ūcuḥ mantriṇaḥ
zu ihm sprachen die Minister
vadhyaḥ ripuḥ eṣaḥ vaśaṅgataḥ
'dieser Feind, in [deine] Gewalt geraten, ist zu töten'

[?] 'tamūrmantriṇo' als 'tam ūcur mantriṇaḥ' (die Minister sprachen zu ihm) gelesen.

hate 'tra pṛthivī sarvā tava vaśyā bhaviṣyati / khāṇḍikyaścāha tānsarvāneva meva na saṃśayaḥ

'– [ist er] hier getötet, wird die ganze Erde dir untertan sein.' Und Khāṇḍikya sprach zu ihnen allen: 'Eben mir [gehört sie schon], ohne Zweifel –

Wort für Wort
hate atra pṛthivī sarvā
'ist er hier getötet, [wird] die ganze Erde'
tava vaśyā bhaviṣyati
'dir untertan sein'
khāṇḍikyaḥ ca āha tān sarvān
und Khāṇḍikya sprach zu ihnen allen
eva me eva na saṃśayaḥ
'eben mir [schon], ohne Zweifel'

hate tu pṛthivī sarvā mama vaśyā bhaviṣyati / paralokajayastasya pṛthivī sakalā mama

'– wenn er getötet wird, wird die ganze Erde mir untertan sein. [Doch] der Sieg über die jenseitige Welt [wird] ihm [zufallen]; die ganze Erde [nur] mir.'

Wort für Wort
hate tu pṛthivī sarvā
'wenn er getötet wird, die ganze Erde'
mama vaśyā bhaviṣyati
'wird mir untertan sein'
paralokajayaḥ tasya
der Sieg über die jenseitige Welt [wird] ihm [zufallen]
pṛthivī sakalā mama
die ganze Erde [nur] mir

na hanmi cellokajayo mama vayatvaḥsuṃdharā / paralokajayo 'nantaḥ svalpakālo mahījayaḥ

'Wenn ich [ihn] aber nicht töte, [wäre] der Sieg über diese Welt mein, [und ebenso] die Erde; [doch dessen] Sieg über die jenseitige Welt [wäre dann] endlos, [während] der Sieg über die Erde [nur] von kurzer Dauer [ist].'

Wort für Wort
na hanmi cet lokajayaḥ mama
'wenn ich [ihn] nicht töte, [wäre] der Sieg über diese Welt mein'
vā vasundharā(?)
und [ebenso] die Erde (?)
paralokajayaḥ anantaḥ
der Sieg über die jenseitige Welt [wäre] endlos
svalpakālaḥ mahījayaḥ
der Sieg über die Erde [nur] von kurzer Dauer

[?] Pāda b ('mama vayatvaḥsuṃdharā') textlich unsicher/verderbt; sinngemäß als 'mama vā [bhaved] vasundharā' (mir wäre [dann auch] die Erde) übersetzt.

tasmānnainaṃ haniṣye 'haṃ yatpṛcchati vadāmi tat / tatastamabhyupetyāha khāṇḍikyo janako ripum

'Deshalb werde ich ihn nicht töten; was er fragt, das werde ich [ihm] sagen.' Darauf, zu ihm herangetreten, sprach Khāṇḍikya-Janaka zu [seinem] Feind:

Wort für Wort
tasmāt na enaṃ haniṣye aham
'deshalb werde ich ihn nicht töten'
yat pṛcchati vadāmi tat
'was er fragt, das werde ich sagen'
tataḥ tam abhyupetya āha
darauf, zu ihm herangetreten, sprach
khāṇḍikyaḥ janakaḥ ripum
Khāṇḍikya-Janaka zu [seinem] Feind

praṣṭavyaṃ yattvayā sarvaṃ tatpṛccha tvaṃ vadāmyaham / tataḥ prāha yathāvṛttaṃ homadhenuvadhaṃ mune

'Was auch immer von dir zu fragen ist, frage es; ich werde [es] sagen.' Darauf berichtete er, o Weiser, genau wie es sich zugetragen hatte, [von] der Tötung der Opferkuh.

Wort für Wort
praṣṭavyaṃ yat tvayā sarvam
'was auch immer von dir zu fragen ist'
tat pṛccha tvaṃ vadāmi aham
'frage es; ich werde [es] sagen'
tataḥ prāha yathāvṛttam
darauf berichtete er, genau wie es sich zugetragen hatte
homadhenuvadhaṃ mune
von der Tötung der Opferkuh, o Weiser

tataśca taṃ sa papraccha prāyaścittaṃ hi tadrūtam / sa cācaṣṭa yathānyāyaṃ mune keśidhvajāya tat

Und dann fragte er ihn nach der diesbezüglichen Sühnehandlung; und jener erklärte, o Weiser, dem Keśidhvaja jene [Sühnehandlung] der Rechtsordnung gemäß.

Wort für Wort
tataḥ ca taṃ sa papraccha
und dann fragte er ihn
prāyaścittaṃ hi tadyuktam(?)
nach der diesbezüglichen Sühnehandlung
sa ca ācaṣṭa yathānyāyam
und jener erklärte, der Rechtsordnung gemäß
mune keśidhvajāya tat
o Weiser, dem Keśidhvaja jene

[?] 'tadrūtam' als 'tadyuktam' bzw. sinngemäß 'die diesbezügliche' gelesen.

prāyaścittamaśeṣaṃ hi yadvai tatra vidhīyate / viditārthaḥ sa tenaivamanujñāto mahātmanā

– die vollständige Sühnehandlung, die dabei wahrlich vorgeschrieben wird. Der Sache kundig geworden, von jenem Großherzigen also entlassen,

Wort für Wort
prāyaścittam aśeṣaṃ hi
die vollständige Sühnehandlung wahrlich
yat vai tatra vidhīyate
die dabei vorgeschrieben wird
viditārthaḥ sa
der Sache kundig geworden, er
tena evam anujñātaḥ mahātmanā
von jenem Großherzigen also entlassen

yāgabhūmimupāgatya cakre sarvāṃ kriyāṃ kramat / krameṇa vidhivadyāgaṃ nītvā so 'vabhṛthāplutaḥ

– ging zum Opferplatz und vollzog die ganze Zeremonie der Reihe nach; nachdem er das Opfer Schritt für Schritt vorschriftsgemäß durchgeführt hatte, badete er im Abschlussbad (avabhṛtha).

Wort für Wort
yāgabhūmim upāgatya
zum Opferplatz gegangen
cakre sarvāṃ kriyāṃ krameṇa
vollzog er die ganze Zeremonie der Reihe nach
krameṇa vidhivat yāgaṃ nītvā
das Opfer Schritt für Schritt vorschriftsgemäß durchgeführt habend
saḥ avabhṛthāplutaḥ
er, im Abschlussbad gebadet

kṛtakṛtyastato bhūtvā cintayāmāsa pārthivaḥ / pūjitā ṛtvijaḥ sarve sadasyā mānitā mayā

Nachdem er so sein Werk vollendet hatte, dachte der König: 'Alle Opferpriester sind geehrt, die Versammlungsmitglieder von mir geachtet worden;

Wort für Wort
kṛtakṛtyaḥ tataḥ bhūtvā
nachdem er so sein Werk vollendet hatte
cintayāmāsa pārthivaḥ
dachte der König
pūjitāḥ ṛtvijaḥ sarve
'alle Opferpriester sind geehrt'
sadasyāḥ mānitāḥ mayā
'die Versammlungsmitglieder von mir geachtet worden'

tathaivārthijano 'pyarthojito 'bhimatairmayā / yathāhaṃ martyalokasya mayā sarvaṃ vicaṣṭitam

'– ebenso sind auch die Bittsteller von mir mit Reichtum nach Wunsch zufriedengestellt worden; so ist, soweit es die Welt der Sterblichen betrifft, alles von mir vollbracht worden –

Wort für Wort
tathā eva arthijanaḥ api
'ebenso auch die Bittsteller'
arthaḥ jitaḥ abhimataiḥ mayā
'sind mit Reichtum nach Wunsch von mir zufriedengestellt worden'
yathā ahaṃ martyalokasya
'so [ist], soweit es die Welt der Sterblichen betrifft'
mayā sarvaṃ vicaṣṭitam
'von mir alles vollbracht worden'

aniṣpannakriyaṃ cetastathā na mama kiṃ yathā / itthaṃ tu cintayanneva saṃmāra sa mahīpatiḥ

'– gibt es also nichts, dessen Vollzug mir [noch] unvollendet [wäre]?' Während der Herrscher der Erde so nachdachte, erinnerte er sich [plötzlich] –

Wort für Wort
aniṣpannakriyam cet tathā
'gibt es also etwas unvollendeten Vollzugs'
na mama kiṃ yathā
'das mir [noch fehlt], oder nicht?'
ittham tu cintayan eva
während er so nachdachte
sasmāra sa mahīpataḥ
erinnerte sich der Herrscher der Erde

khāṇḍikyāya na datteti mayā vaigurudakṣiṇā / sa jagāma tato bhūyo rathamāruhya pārthivaḥ

– dass dem Khāṇḍikya von ihm die Lehrergabe (gurudakṣiṇā) nicht gegeben worden war. Er, der König, bestieg den Wagen und ging daraufhin wieder [dorthin] –

Wort für Wort
khāṇḍikyāya na dattā iti
dass dem Khāṇḍikya nicht gegeben worden war
mayā vai gurudakṣiṇā
von mir wahrlich die Lehrergabe
sa jagāma tataḥ bhūyaḥ
er ging daraufhin wieder [dorthin]
ratham āruhya pārthivaḥ
den Wagen besteigend, der König

svāyaṃbhuvaḥ sthito yatra khāṇḍikyo 'raṇyadurgamam / khāṇḍikyo 'pi punarddaṣṭvā tamāyāntaṃ dhṛtāyudhaḥ

– in den unzugänglichen, urtümlichen [?] Wald, wo Khāṇḍikya weilte. Khāṇḍikya, ihn wieder herankommen sehend, [seine] Waffe ergriffen,

Wort für Wort
svāyaṃbhuvaḥ(?) sthitaḥ yatra
in den urtümlichen (?) [Wald], wo weilte
khāṇḍikyaḥ araṇyadurgamam
Khāṇḍikya, den unzugänglichen Wald
khāṇḍikyaḥ api punaḥ dṛṣṭvā
Khāṇḍikya, ihn wieder gesehen habend
tam āyāntaṃ dhṛtāyudhaḥ
ihn herankommend, [seine] Waffe ergriffen

[?] 'svāyaṃbhuvaḥ' hier unklar (wörtlich 'selbstentstanden/urtümlich'), evtl. Beiname des Waldes oder Ortsname; sinngemäß als 'urtümlich' übersetzt.

tasthau hṝntuṃ kṛtamatismamāha sa punarnṛpaḥ / ahaṃ tu nāpakārāya prāptaḥ khāṇḍikya mā krudhaḥ

– stand [bereit], entschlossen zu töten. Der König sprach wieder zu ihm: 'Ich bin nicht gekommen, um zu schaden, Khāṇḍikya; zürne nicht.'

Wort für Wort
tasthau hantuṃ kṛtamatiḥ
er stand [bereit], entschlossen zu töten
sa āha sa punaḥ nṛpaḥ
zu ihm sprach der König wieder
ahaṃ tu na apakārāya prāptaḥ
'ich bin nicht gekommen, um zu schaden'
khāṇḍikya mā krudhaḥ
'Khāṇḍikya, zürne nicht'

gurorniṣkṛtidānāya māmavehi semāgatam / niṣpādito mayā yāgaḥ samyak tvadupadeśataḥ

'Wisse, dass ich hierher gekommen bin, um dem Lehrer die [ausstehende] Schuldbegleichung zu geben; das Opfer wurde von mir, durch deine Anweisung, recht vollzogen.'

Wort für Wort
guroḥ niṣkṛtidānāya
zur Gabe der Schuldbegleichung an den Lehrer
mām avehi sa āgatam
wisse mich, so, hierher gekommen
niṣpāditaḥ mayā yāgaḥ samyak
das Opfer wurde von mir recht vollzogen
tvadupadeśataḥ
durch deine Anweisung

so 'haṃ te dātumicchāmi vṛṇīṣva gurudakṣiṇām / ityukto mantrayāmāsa sa bhūyo mantribhiḥ saha

'Ich [also] möchte dir [nun etwas] geben; wähle [deine] Lehrergabe.' So angesprochen, beriet er sich wieder mit den Ministern.

Wort für Wort
saḥ ahaṃ te dātum icchāmi
'ich möchte dir geben'
vṛṇīṣva gurudakṣiṇām
'wähle [deine] Lehrergabe'
iti uktaḥ mantrayāmāsa
so angesprochen, beriet er sich
sa bhūyaḥ mantribhiḥ saha
er wieder mit den Ministern

gorniṣkṛtikāmo 'ya kimayaṃ prārthyatāṃ mayā / tamūcurmantriṇo gajyamaśeṣaṃ yācyatāmayam

'Dieser hier wünscht die Schuldbegleichung des Lehrers – was soll von mir [zu diesem Zweck] erbeten werden?' Die Minister sprachen zu ihm: 'Das gesamte Königreich soll von diesem gefordert werden.'

Wort für Wort
guroḥ niṣkṛtikāmaḥ ayam
'dieser wünscht die Schuldbegleichung des Lehrers'
kim ayaṃ prārthyatāṃ mayā
'was soll von mir erbeten werden?'
tam ūcuḥ mantriṇaḥ
die Minister sprachen zu ihm
rājyam aśeṣaṃ yācyatām ayam
'das gesamte Königreich soll von diesem gefordert werden'

[?] 'gorniṣkṛtikāmo' als 'guroniṣkṛtikāmo' gelesen; 'gajyam' als 'rājyam' (Königreich) gelesen.

kṛtābhiḥ prārthyate rājyamanāyāsitasainikaiḥ / prāhasya tānāha nṛpaḥ sa khāṇḍikyo mahāpatiḥ

'So wird durch [bloße] getane [Worte] das Königreich erbeten, ohne dass die Soldaten [je wieder] Mühe hätten.' Er lachte sie aus; er, der König Khāṇḍikya, der große Herrscher, sprach zu ihnen:

Wort für Wort
kṛtābhiḥ prārthyate rājyam
durch [bloße] getane [Worte] wird das Königreich erbeten
anāyāsitasainikaiḥ
ohne dass die Soldaten Mühe hätten
prāhasya tān āha nṛpaḥ
er lachte sie aus, [und] sprach der König
sa khāṇḍikyaḥ mahāpatiḥ
er, Khāṇḍikya, der große Herrscher

svalpakālaṃ mahīrājyaṃ mādṛśaiḥ prārthyate katham / etametadbhaṃvato 'tra svārtha sādhanamantriṇaḥ

'Wie könnte die von kurzer Dauer seiende Herrschaft über die Erde von Meinesgleichen [noch] begehrt werden? Dies hier [ist nur] der eures eigenen Vorteils bedachten Minister –'

Wort für Wort
svalpakālaṃ mahīrājyam
die von kurzer Dauer seiende Herrschaft über die Erde
mādṛśaiḥ prārthyate katham
wie könnte [sie] von Meinesgleichen begehrt werden?
etat etat bhavataḥ atra
dies hier [ist] von euch
svārthasādhanamantriṇaḥ
der eures eigenen Vorteils bedachten Minister

paramārthaḥ kathaṃ ko 'tra yūyaṃ nātra vicakṣaṇāḥ / ityuktvā samupetyaiṃnaṃ sa tu keśidhvajaṃ nṛpam

'– [Rat]. Was ist hier wirklich der höchste Sinn? Ihr seid darin nicht kundig.' Nachdem er dies gesagt hatte, trat er zu jenem König Keśidhvaja heran

Wort für Wort
paramārthaḥ kathaṃ kaḥ atra
'was ist hier wirklich der höchste Sinn?'
yūyaṃ na atra vicakṣaṇāḥ
'ihr seid darin nicht kundig'
iti uktvā samupetya enam
dies gesagt habend, zu ihm herangetreten
sa tu keśidhvajaṃ nṛpam
er aber zum König Keśidhvaja

uvāca kimavaśyaṃ tvaṃ dāsyasi gurudakṣiṇām / bāḍhamityeva tenoktaḥ khāṇḍikyastamathābravīt

– und sprach: 'Wirst du gewiss die Lehrergabe geben?' Von ihm mit einfachem 'Ja, gewiss' geantwortet, sprach Khāṇḍikya sodann zu ihm:

Wort für Wort
uvāca kim avaśyaṃ tvaṃ
und sprach: 'wirst du gewiss'
dāsyasi gurudakṣiṇām
'die Lehrergabe geben?'
bāḍham iti eva tena uktaḥ
mit einfachem 'ja, gewiss' von ihm geantwortet
khāṇḍikyaḥ tam atha abravīt
sprach Khāṇḍikya sodann zu ihm

bhavānadhyātmavijñānaparamārthavicakṣaṇaḥ / yadi ceddīyate mahyaṃ bhavatā guruniṣkrayaḥ

'Du bist kundig in der Erkenntnis des Adhyātma und des höchsten Sinns; wenn mir nun von dir die Ablösung der Lehrerschuld gegeben werden soll,

Wort für Wort
bhavān adhyātmavijñānaparamārthavicakṣaṇaḥ
'du bist kundig in der Erkenntnis des Adhyātma und des höchsten Sinns'
yadi cet dīyate mahyam
'wenn nun mir gegeben werden soll'
bhavatā guruniṣkrayaḥ
'von dir die Ablösung der Lehrerschuld'

tatkleśapraśamāyālaṃ yatkarma tadudīraya / keśidhvaja uvāca na prārthitaṃ tvayā kasmānmama rājyamakaṇṭakam

'– dann verkünde mir jene Handlung/Lehre, die zur Beruhigung der Bedrängnis genügt.' Keśidhvaja sprach: 'Warum hast du nicht mein Königreich, [nun] dornlos [frei von Rivalen], von mir erbeten?'

Wort für Wort
tatkleśapraśamāya alaṃ
'die zur Beruhigung der Bedrängnis genügt'
yat karma tat udīraya
'jene Handlung/Lehre verkünde'
keśidhvaja uvāca
Keśidhvaja sprach
na prārthitaṃ tvayā kasmāt
'warum hast du nicht erbeten'

rājyalābhāḥ ddhi nāstyanyatkṣatriyāṇāmatipriyam / khāṇḍikya uvāca keśidhvaja nibodha tvaṃ mayā na prārthitaṃ yataḥ

'– mein Königreich, [nun] dornlos? Denn es gibt nichts anderes, das den Kṣatriyas so überaus lieb ist wie die Erlangung eines Königreichs.' Khāṇḍikya sprach: 'Keśidhvaja, erkenne, weshalb von mir nicht darum gebeten wurde –

Wort für Wort
mama rājyam akaṇṭakam
'mein Königreich, [nun] dornlos'
rājyalābhāt hi na asti anyat
'denn es gibt nichts anderes als die Erlangung eines Königreichs'
kṣatriyāṇām atipriyam
'das den Kṣatriyas so überaus lieb ist'
khāṇḍikya uvāca keśidhvaja nibodha
Khāṇḍikya sprach: 'Keśidhvaja, erkenne'

rājyametadaśeṣeṇa yanna gṛghranti paṇḍitāḥ / kṣatriyāṇāmayaṃ dharmo yatprajāparipālanam

'– dass dieses Königreich, das die Weisen keineswegs [gierig] begehren. Dies ist die Pflicht der Kṣatriyas: der Schutz der Untertanen,

Wort für Wort
rājyam etat aśeṣeṇa
'dieses Königreich gänzlich'
yat na gṛdhyanti paṇḍitāḥ
'welches die Weisen nicht begehren'
kṣatriyāṇām ayaṃ dharmaḥ
'dies ist die Pflicht der Kṣatriyas'
yat prajāparipālanam
'nämlich der Schutz der Untertanen'

[?] 'gṛghranti' als 'gṛdhyanti' (begehren) gelesen.

vadhaśca dharmayuddhena svarājyaparipanthinām / yatrāśaktasya me doṣo naivāstyapakṛte tvayā

'– und die Tötung, durch rechtmäßigen Kampf, derer, die dem eigenen Königreich feindlich entgegenstehen. Darin, da ich [dabei] machtlos war, gibt es keine Schuld von mir, noch [ein] Unrecht deinerseits.'

Wort für Wort
vadhaḥ ca dharmayuddhena
'und die Tötung durch rechtmäßigen Kampf'
svarājyaparipanthinām
'derer, die dem eigenen Königreich feindlich entgegenstehen'
yatra aśaktasya me doṣaḥ na eva asti
'darin gibt es, da ich machtlos war, keine Schuld von mir'
apakṛte tvayā
'[noch ein] Unrecht deinerseits'

bandhāyaiva bhavatyeṣā hyavidyā cākramojjhitā / janmoparbhāgalipsārthamiyaṃ gajyaspṛhā mama

'Denn diese, [nämlich meine frühere Begierde,] wird nur zur Fessel, [eine] Unwissenheit, ungeordnet entstanden [?]; um einen [künftigen] Anteil bei [weiterer] Geburt zu erlangen, [war] diese meine Sehnsucht nach dem Königreich –

Wort für Wort
bandhāya eva bhavati eṣā
'dies wird nur zur Fessel'
hi avidyā ca ākramojjhitā(?)
'[eine] Unwissenheit, ungeordnet entstanden (?)'
janmoparabhāgalipsārtham
'um einen [künftigen] Anteil bei [weiterer] Geburt zu erlangen'
iyaṃ rājyaspṛhā mama
'diese meine Sehnsucht nach dem Königreich'

[?] 'ākramojjhitā' textlich unsicher; sinngemäß als 'ungeordnet/ungezügelt entstanden' übersetzt. 'gajyaspṛhā' als 'rājyaspṛhā' gelesen.

anyeṣāṃ dopajāneva dharmamevānurudhyate / na yācñā kṣatrabandhūnāṃ dharmāyaitatsatāṃ matam

'– [während sie] bei anderen wohl aus Fehler entsteht; [wahre Pflicht] hält sich [dagegen] nur an den Dharma selbst. Das Betteln [gehört] nicht zu den Angehörigen des Kṣatriya-Standes; dies ist die Ansicht der Guten, um des Dharma willen.'

Wort für Wort
anyeṣāṃ doṣāt jāyate iva(?)
'bei anderen entsteht [dies] wohl aus Fehler'
dharmam eva anurudhyate
'[wahre Pflicht] hält sich nur an den Dharma selbst'
na yācñā kṣatrabandhūnām
'das Betteln [gehört] nicht zu den Kṣatriyas'
dharmāya etat satāṃ matam
'dies ist um des Dharma willen die Ansicht der Guten'

[?] 'dopajāneva' unklar/vermutlich verderbt für 'doṣāt ajāyata iva' o.Ä.; sinngemäß gegeben.

ato na yācita rājyamavidyāntargataṃ tava / rājyaṃ gṛdhnanti vidvāṃso mamatvākṛṣṭacetasaḥ

'Deshalb wurde nicht das in Unwissenheit gehüllte Königreich von dir erbeten. [Nur solche vermeintlich] Gelehrte begehren ein Königreich, deren Sinn vom Besitzdenken (mamatva) angezogen ist –

Wort für Wort
ataḥ na yācitaṃ rājyam
'deshalb wurde das Königreich nicht erbeten'
avidyāntargataṃ tava
'das in Unwissenheit gehüllte, von dir'
rājyaṃ gṛdhnanti vidvāṃsaḥ
'[nur solche vermeintlich] Gelehrte begehren ein Königreich'
mamatvākṛṣṭacetasaḥ
'deren Sinn vom Besitzdenken angezogen ist'

ahaṃmānamahya pānamadamattā na mādṛśāḥ / keśidhvaja uvāca ahaṃ ca vidyayā mṛtyuṃ tartukāmaḥ karomi vai

'– trunken von Ich-Dünkel und übermäßigem Trank; nicht [solche] wie ich.' Keśidhvaja sprach: 'Und ich, den Wunsch hegend, durch [rechtes] Wissen den Tod zu überwinden, vollziehe ich wahrlich –

Wort für Wort
ahaṃmānamahāpānamadamattāḥ
'trunken von Ich-Dünkel und übermäßigem Trank'
na mādṛśāḥ
'nicht [solche] wie ich'
keśidhvaja uvāca
Keśidhvaja sprach
ahaṃ ca vidyayā mṛtyuṃ tartukāmaḥ karomi vai
'und ich, den Wunsch hegend, durch Wissen den Tod zu überwinden, vollziehe ich wahrlich'

[?] 'mahya pānam' unklar, als 'mahā-pānam' (übermäßiger Trank) gelesen.

rājyaṃ yajñāṃśca vividhānbhoge puṇyakṣayaṃ tathā / tadidaṃ te mano diṣṭyā vivekaiścaryatāṃ gatam

'– [dies, in Bezug auf] Königsherrschaft und mannigfaltige Opfer; im [bloßen] Genuss [liegt] ebenso das Schwinden des Verdienstes. Dieser dein Sinn ist glücklicherweise durch Unterscheidungsvermögen zum rechten Wandel gelangt.'

Wort für Wort
rājyaṃ yajñān ca vividhān
'Königsherrschaft und mannigfaltige Opfer'
bhoge puṇyakṣayaṃ tathā
'im Genuss ebenso das Schwinden des Verdienstes'
tat idaṃ te manaḥ diṣṭyā
'dieser dein Sinn ist glücklicherweise'
vivekaiḥ caryatāṃ gatam
'durch Unterscheidungsvermögen zum rechten Wandel gelangt'

śrūyatāṃ cāpyavidyāyāḥ svarūpaṃ kulanandana / anātmanyātmabuddhiryā hyasve svaviṣayā matiḥ

'Und höre auch die wahre Natur der Unwissenheit, o Freude deines Geschlechts: [Sie ist] die Vorstellung des Selbst im Nicht-Selbst, und die Auffassung, die das Nicht-Eigene als in den eigenen Bereich [gehörig] ansieht.'

Wort für Wort
śrūyatāṃ ca api avidyāyāḥ svarūpam
'und höre auch die wahre Natur der Unwissenheit'
kulanandana
'o Freude deines Geschlechts'
anātmani ātmabuddhiḥ yā
'die Vorstellung des Selbst im Nicht-Selbst, welche'
hi asve svaviṣayā matiḥ
'wahrlich das Nicht-Eigene als eigenen Bereich [ansehende] Auffassung'

avidyātarusaṃnbhūtaṃ bījametaddvidhā sthitam / pañcabhūtātmake dehe dehī mohatamovṛttaḥ

'Dies ist der Same, entsprungen aus dem Baum der Unwissenheit, zweifach bestehend: im aus fünf Elementen gebildeten Körper [ist] der Verkörperte, in der Finsternis der Verblendung befangen –

Wort für Wort
avidyātarusaṃbhūtam bījam
'der aus dem Baum der Unwissenheit entsprungene Same'
etat dvidhā sthitam
'dieser besteht zweifach'
pañcabhūtātmake dehe
'im aus fünf Elementen gebildeten Körper'
dehī mohatamovṛttaḥ
'der Verkörperte, in der Finsternis der Verblendung befangen'

ahametaditītyuñcaiḥ kurute kumatirmatim / ākāśavāyvagrijalapṛthivībhiḥ pṛthak sthite

'– macht laut [in sich] die Vorstellung 'ich bin dies', [obwohl der Körper] durch Äther, Wind, Feuer, Wasser und Erde getrennt [von ihm] besteht, [so] der Übelgesinnte.'

Wort für Wort
ahaṃ etat iti uccaiḥ
'ich bin dies', laut
kurute kumatiḥ matim
macht der Übelgesinnte die Vorstellung
ākāśavāyvagnijalapṛthivībhiḥ
durch Äther, Wind, Feuer, Wasser und Erde
pṛthak sthite
[obwohl der Körper] getrennt [davon] besteht

ātmanyātmamayaṃ bhāvaṃ kaḥ karoti kalevare / kalevaropabhogyaṃ hi gṛhakṣetrādikaṃ ca yat

'Wer [Weise] würde im [bloßen] Leib die Vorstellung eines aus dem Selbst bestehenden Zustandes hervorbringen? Denn was zum Genuss des Leibes [dient], wie Haus, Feld und dergleichen –

Wort für Wort
ātmani ātmamayaṃ bhāvam
'im [bloßen] Leib die Vorstellung eines aus dem Selbst bestehenden Zustandes'
kaḥ karoti kalevare
'wer [Weise] würde [dies] hervorbringen'
kalevaropabhogyaṃ hi
'denn was zum Genuss des Leibes [dient]'
gṛhakṣetrādikaṃ ca yat
'wie Haus, Feld und dergleichen'

adehe hyātmani prājño mamedamiti manyate / itthaṃ ca putrapautreṣu taddehotpāditeṣu ca

'– [dies] hält der [scheinbar] Kluge fälschlich für 'mein', bezogen auf das körperlose Selbst; und ebenso bei Söhnen und Enkeln, die aus jenem Körper hervorgebracht wurden –

Wort für Wort
adehe hi ātmani prājñaḥ
'im körperlosen Selbst hält der [scheinbar] Kluge'
mama idam iti manyate
'"dies ist mein", so meint er'
ittham ca putrapautreṣu
'und ebenso bei Söhnen und Enkeln'
taddehotpāditeṣu ca
'die aus jenem Körper hervorgebracht wurden'

karoti paṇḍitaḥ svāmyamanātmani kalevare / sarvadehopabhogāya kurute karma mānavaḥ

'– übt der [vermeintlich] Weise Eigentümerschaft aus über den nicht-selbsthaften Leib; für den Genuss jedes [künftigen] Körpers vollzieht der Mensch [seine] Taten.'

Wort für Wort
karoti paṇḍitaḥ svāmyam
'übt der [vermeintlich] Weise Eigentümerschaft aus'
anātmani kalevare
'über den nicht-selbsthaften Leib'
sarvadehopabhogāya
'für den Genuss jedes [künftigen] Körpers'
kurute karma mānavaḥ
'vollzieht der Mensch [seine] Taten'

dehaṃ cānyadyadā puṃsaḥsadā bandhāya tatparam / mṛṇmayaṃ hi yathā gehaṃ lipyate vai mṛdaṃ bhasā

'Und wenn [er] einen anderen Körper [erlangt], ist dies dem Menschen stets zur Fessel [gereichende], ganz darauf [gerichtete Tat]; denn wie ein aus Lehm gemachtes Haus mit nassem Lehm beschmiert wird –

Wort für Wort
dehaṃ ca anyat yadā puṃsaḥ
'und wenn [er] einen anderen Körper [erlangt]'
sadā bandhāya tatparam
'[ist dies] stets zur Fessel [gereichende], ganz darauf gerichtete [Tat]'
mṛṇmayaṃ hi yathā geham
'denn wie ein aus Lehm gemachtes Haus'
lipyate vai mṛdā(?)
'wahrlich mit [nassem] Lehm beschmiert wird'

pārthivo 'yaṃ tathā deho mṛdaṃbholepanasthitiḥ / pañcabhogātmakairbhogaiḥ pañcabhogātmakaṃ vapuḥ

'– so [besteht auch] dieser irdische Körper durch das Bestreichen mit Lehm-Wasser [gleichsam]; durch die aus den fünf [Elementen bestehenden] Genüsse [wird] der aus den fünf [Elementen bestehende] Genuss-Leib [erhalten].'

Wort für Wort
pārthivaḥ ayaṃ tathā dehaḥ
'so [besteht] dieser irdische Körper'
mṛdambholepanasthitiḥ
'durch das Bestreichen mit Lehm-Wasser [bestehend]'
pañcabhogātmakaiḥ bhogaiḥ
'durch die aus den fünf [Elementen bestehenden] Genüsse'
pañcabhogātmakaṃ vapuḥ
'[wird] der aus fünf [Elementen bestehende] Genuss-Leib [erhalten]'

āpyāyate yadi tataḥ puṃso garvo 'tra kiṅkṛtaḥ / anekajanmasāhastraṃ sasārapadavīṃ vrajan

'Wenn er dadurch genährt wird, welchen [Grund zum] Stolz hätte der Mensch dabei? [Er, der] auf dem Pfad des Saṃsāra durch viele tausend Geburten wandert –

Wort für Wort
āpyāyate yadi tataḥ
'wenn er dadurch genährt wird'
puṃsaḥ garvaḥ atra kiṅkṛtaḥ
'welcher Stolz des Menschen wäre hier berechtigt?'
anekajanmasāhasraṃ
'durch viele tausend Geburten'
saṃsārapadavīṃ vrajan
'auf dem Pfad des Saṃsāra wandernd'

[?] 'sasārapadavīṃ' als 'saṃsārapadavīṃ' gelesen.

mohaśramaṃ prayāto 'sau vāsanāreṇuguṇṭhitaḥ / prakṣālyate yadā saumya reṇurjñānoṣṇavāriṇā

'– ist er zur Ermattung der Verblendung gelangt, umhüllt vom Staub der [Erinnerungs-]Eindrücke (vāsanā). Wenn, o Sanfter, jener Staub durch das warme Wasser der Erkenntnis abgewaschen wird –

Wort für Wort
mohaśramaṃ prayātaḥ asau
'er ist zur Ermattung der Verblendung gelangt'
vāsanāreṇuguṇṭhitaḥ
'umhüllt vom Staub der [Erinnerungs-]Eindrücke'
prakṣālyate yadā saumya
'wenn, o Sanfter, abgewaschen wird'
reṇuḥ jñānoṣṇavāriṇā
'der Staub durch das warme Wasser der Erkenntnis'

tadā saṃsārapānthasya yāti mohaśramaḥ śamam / mohaśrame śamaṃ yāte svacchāntaḥkaraṇaḥ pumān

'– dann kommt die Ermattung der Verblendung des Wanderers durch den Saṃsāra zur Ruhe. Wenn die Ermattung der Verblendung zur Ruhe gekommen ist, [wird] der Mensch, dessen innere Fähigkeit klar geworden ist,

Wort für Wort
tadā saṃsārapānthasya
'dann des Wanderers durch den Saṃsāra'
yāti mohaśramaḥ śamam
'kommt die Ermattung der Verblendung zur Ruhe'
mohaśrame śamaṃ yāte
'wenn die Ermattung der Verblendung zur Ruhe gekommen ist'
svacchāntaḥkaraṇaḥ pumān
'der Mensch, dessen innere Fähigkeit klar geworden ist'

ananyātiśayādhāraḥ paraṃ nirvāṇamṛcchati / nirvāṇamaya evāyamātmā jñānamayo 'malaḥ

'– [dessen] Grundlage von nichts anderem übertroffen wird, das höchste Nirvāṇa erreichen. Dieses Selbst besteht eben aus Nirvāṇa, besteht aus Erkenntnis, ist makellos –

Wort für Wort
ananyātiśayādhāraḥ
'dessen Grundlage von nichts anderem übertroffen wird'
paraṃ nirvāṇam ṛcchati
'das höchste Nirvāṇa erreichen'
nirvāṇamayaḥ eva ayam ātmā
'dieses Selbst besteht eben aus Nirvāṇa'
jñānamayaḥ amalaḥ
'besteht aus Erkenntnis, ist makellos'

duḥkhājñānamayā dharmāḥ prakṛteste tunātmanaḥ / jalasya nāgninā saṃgaḥ sthālīsaṃgāttathāpi hi

'– [während] die aus Leid und Unwissenheit bestehenden Eigenschaften der Natur (prakṛti) angehören, nicht dem Selbst. So wie das Wasser keine [unmittelbare] Verbindung mit dem Feuer hat, dennoch aber, durch die Verbindung mit dem [feuererhitzten] Topf –

Wort für Wort
duḥkhājñānamayāḥ dharmāḥ
'die aus Leid und Unwissenheit bestehenden Eigenschaften'
prakṛteḥ te tu na ātmanaḥ
'gehören der Natur an, nicht aber dem Selbst'
jalasya na agninā saṃgaḥ
'das Wasser hat keine Verbindung mit dem Feuer'
sthālīsaṃgāt tathāpi hi
'dennoch aber, durch die Verbindung mit dem Topf, wahrlich'

śabdodrekādikāndharmānkaroti hi yathā budhaḥ / tathātmā prakṛteḥ saṃgādahaṃmānādidūṣitaḥ

'– [scheinbar Eigenschaften] wie übermäßiges Geräusch (Sieden) und dergleichen hervorbringt, wie [wenn es selbst] ein kluger [Handelnder wäre] – so [erscheint] das Selbst, durch die Verbindung mit der Natur, mit Ich-Dünkel u.Ä. befleckt.'

Wort für Wort
śabdodrekādikān dharmān
'[scheinbar Eigenschaften wie] übermäßiges Geräusch u.Ä.'
karoti hi yathā budhaḥ
'hervorbringt, wie [wenn es] ein Kluger [wäre]'
tathā ātmā prakṛteḥ saṃgāt
'so [erscheint] das Selbst durch die Verbindung mit der Natur'
ahaṃmānādidūṣitaḥ
'mit Ich-Dünkel u.Ä. befleckt'

bhajate prākṛtāndharmānnyastastaṃbho hi so 'vyayaḥ / tadetatkathitaṃ bījamavidyāyā mayā tava

'– [es scheint] die zur Natur gehörigen Eigenschaften anzunehmen; jener Unvergängliche aber ist wahrlich [in Wahrheit] ohne [jeden] Stolz. So ist dir dieser Same der Unwissenheit von mir dargelegt worden –

Wort für Wort
bhajate prākṛtān dharmān
'[es scheint] die zur Natur gehörigen Eigenschaften anzunehmen'
nyastastambhaḥ hi saḥ avyayaḥ
'jener Unvergängliche aber ist wahrlich ohne [jeden] Stolz'
tat etat kathitaṃ bījam
'so ist dieser Same dargelegt worden'
avidyāyāḥ mayā tava
'der Unwissenheit, von mir, dir'

kleśānāṃ ca kṣayakaraṃ yogādanyanna vidyate

'– und es gibt nichts anderes als den Yoga, das die Bedrängnisse (kleśa) zum Schwinden bringt.'

Wort für Wort
kleśānāṃ ca kṣayakaram
'das die Bedrängnisse zum Schwinden bringt'
yogāt anyat na vidyate
'es gibt nichts anderes als den Yoga'

[Anm.: Vers unvollständig überliefert – im Quelltext nur eine einzige Pāda-Zeile (statt der üblichen vier Pādas) vorhanden; wohl Textverlust, analog den entsprechenden Fragmenten in Kap. 43 (V45, V84) und Kap. 44.]

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