Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 32: yoganirūpaṇam Die Darlegung des Yoga

nārada uvāca bhagavansarvamākhyātaṃ yatpṛṣṭaṃ viduṣā tvayā / saṃsārapāśabaddhānāṃ duḥkhāni subahūni ca

Nārada sprach: Erhabener, alles wurde erklärt, was gefragt wurde, von dir, dem Kundigen [?] - auch die sehr zahlreichen Leiden derer, die durch die Fessel des Saṃsāra gebunden sind.

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
bhagavan
o Erhabener
sarvam ākhyātam
alles wurde erklärt
yat pṛṣṭaṃ viduṣā tvayā
was gefragt wurde, von dir, dem Kundigen [?]
saṃsārapāśabaddhānāṃ
derer, die von der Fessel des Saṃsāra gebunden sind
duḥkhāni subahūni ca
und die sehr zahlreichen Leiden

[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext das Kolophon des vorangehenden Kapitels vorangestellt ("iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde bhavāṭavīnirupaṇaṃ nāma dvātriṃśo 'dhyāyaḥ") samt Trennlinie - ein reines Gliederungselement des Quelltextes, das nicht in die Übersetzung von V.1 einbezogen wurde. [?] Die genaue syntaktische Beziehung von "viduṣā tvayā" (instr., "durch dich, den Kundigen") zu "pṛṣṭam"/"ākhyātam" ist im Sanskrit nicht eindeutig.]

asya saṃsārapāśasya cchedakaḥ katamaḥ smṛtaḥ / yenopāyena mokṣaḥ syāttanme brūhi tapodhana

Wer gilt als der Durchtrenner dieser Fessel des Saṃsāra? Durch welches Mittel Erlösung eintreten könnte - das sage mir, o du, dessen Reichtum die Askese ist.

Wort für Wort
asya saṃsārapāśasya
dieser Fessel des Saṃsāra
cchedakaḥ katamaḥ smṛtaḥ
wer gilt als der Durchtrenner
yena upāyena mokṣaḥ syāt
durch welches Mittel Erlösung eintreten könnte
tat me brūhi
das sage mir
tapodhana
o du, dessen Reichtum die Askese ist

prāṇibhiḥ karmajālāni kriyante pratyahaṃ bhṛśam / bhujyante ca muniśreṣṭha teṣāṃ nāśaḥ kathaṃ bhavet

Von den Lebewesen werden täglich in Fülle Netze von Werken (Karma) geknüpft und auch [deren Früchte] erfahren, o bester der Weisen - wie könnte deren Vernichtung geschehen?

Wort für Wort
prāṇibhiḥ
von den Lebewesen
karmajālāni kriyante
werden Netze von Werken geknüpft
pratyahaṃ bhṛśam
täglich in hohem Maße
bhujyante ca
und werden erfahren
muniśreṣṭha
o bester der Weisen
teṣāṃ nāśaḥ kathaṃ bhavet
wie könnte deren Vernichtung geschehen

karmaṇā dehamānpoti dehī kāmena badhyate / kāmāllobhābhibhūtaḥ syāllobhātkrodhaparāyaṇāḥ

Durch das Werk erlangt [?] der Verkörperte den Leib, durch Begierde wird er gebunden; durch Begierde wird er von Gier überwältigt, durch Gier verfällt er dem Zorn.

Wort für Wort
karmaṇā
durch das Werk
deham ānpoti [=āpnoti?]
erlangt den Leib [?]
dehī
der Verkörperte
kāmena badhyate
wird durch Begierde gebunden
kāmāt lobhābhibhūtaḥ syāt
durch Begierde wird er von Gier überwältigt
lobhāt krodhaparāyaṇāḥ
durch Gier [wird er] dem Zorn ergeben

[?] "dehamānpoti" ist wohl deham āpnoti ("erlangt den Leib"); der Anusvāra/die Lautfolge im Überlieferten ist unregelmäßig.

krodhāñca dharmanāśaḥ syāddharmanāśānmatibhramaḥ / pranaṣṭabuddhirmanujaḥ punaḥ pāpaṃ karoti ca

Aus Zorn entsteht der Verlust des Dharma, aus dem Verlust des Dharma die Verwirrung des Verstandes; der Mensch, dessen Verstand zugrunde gegangen ist, begeht wiederum Sünde.

Wort für Wort
krodhāt ca dharmanāśaḥ syāt
aus Zorn entsteht der Verlust des Dharma
dharmanāśāt matibhramaḥ
aus dem Verlust des Dharma die Verwirrung des Verstandes
pranaṣṭabuddhiḥ manujaḥ
der Mensch, dessen Verstand zugrunde gegangen ist
punaḥ pāpaṃ karoti ca
begeht wiederum Sünde

tasmāddehaṃ pāpamūlaṃ pāpakarmarataṃ tathā / yathā dehabhramatyaktvā mokṣabhāksyāttathā vada

Deshalb sage mir, wie [ein Mensch], nachdem er den Leib - die Wurzel der Sünde, der ebenso dem sündigen Werk verhaftet ist - gleichsam eine Verblendung des Leibes [?] abgelegt hat, ein Teilhaber der Erlösung werden möge.

Wort für Wort
tasmāt
deshalb
dehaṃ pāpamūlaṃ
den Leib, die Wurzel der Sünde
pāpakarmarataṃ tathā
der ebenso dem sündigen Werk verhaftet ist
yathā deha-bhramam tyaktvā
wie, nachdem er die Verblendung des Leibes abgelegt hat [?]
mokṣabhāk syāt
ein Teilhaber der Erlösung werden möge
tathā vada
so sage [mir]

[?] Die syntaktische Fügung von "dehaṃ" (V.6a) und "dehabhramatyaktvā" (=deha-bhramam tyaktvā, "die Verblendung des Leibes abgelegt habend", V.6b) ist unklar/verderbt; sinngemäß wiedergegeben.

sanaka uvāca sādhu sādhu mahāprājña matiste vimalorjitā / yasmātsaṃsāraduḥkhānno mokṣopāyamabhīpsasi

Sanaka sprach: Gut, gut, o hoch Weiser! Dein Verstand ist rein und kraftvoll, da du, [um] von den Leiden des Saṃsāra [frei zu werden], für uns [?] das Mittel zur Erlösung begehrst.

Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach
sādhu sādhu mahāprājña
gut, gut, o hoch Weiser
matiste vimalorjitā
dein Verstand ist rein und kraftvoll
yasmāt saṃsāraduḥkhāt
da [du] von den Leiden des Saṃsāra
naḥ mokṣopāyam abhīpsasi
für uns [?] das Mittel zur Erlösung begehrst

[?] "no" (=naḥ, "für uns"/"uns") ist in seiner Bezugnahme nicht ganz eindeutig.

yasyājñayā jagatsarvaṃ brahmnā sṛjati suvrata / hariśca pālako rudro nāśakaḥ sa hi mokṣadaḥ

Durch dessen Befehl Brahmā die ganze Welt erschafft, o du von gutem Gelübde, und Hari [sie] erhält, Rudra [sie] vernichtet - er ist es, der die Erlösung gewährt.

Wort für Wort
yasya ājñayā
durch dessen Befehl
jagat sarvaṃ brahmā sṛjati
Brahmā die ganze Welt erschafft
suvrata
o du von gutem Gelübde
hariśca pālako
und Hari [ist] der Erhalter
rudro nāśakaḥ
Rudra der Vernichter
sa hi mokṣadaḥ
er ist es, der die Erlösung gewährt

[?] "brahmnā" für Brahmā (Nom.) ist eine ungewöhnliche Schreibung.

ahamādiviśeṣāntā jātāyasya prabhāvatagaḥ / taṃ vidyānmokṣadaṃ viṣṇuṃ nārāyaṇamanāmayam

Er, aus dessen Macht [alle Prinzipien] vom Ich-Bewusstsein (Ahaṃkāra) an bis zu den einzelnen [Erscheinungen] entstanden sind [?] - ihn erkenne als den Erlösung gewährenden Viṣṇu, Nārāyaṇa, den Makellosen.

Wort für Wort
ahamādiviśeṣāntāḥ
[die Prinzipien] vom Ich-Bewusstsein an bis zu den Einzelheiten
jātāḥ yasya prabhāvataḥ [?]
entstanden aus dessen Macht [?]
taṃ vidyāt mokṣadaṃ viṣṇuṃ
ihn erkenne als den Erlösung gewährenden Viṣṇu
nārāyaṇam anāmayam
Nārāyaṇa, den Makellosen

[?] "prabhāvatagaḥ" ist überliefert unklar (wohl verderbt aus prabhāvataḥ/prabhāvāt jātāḥ); sinngemäß als "aus dessen Macht entstanden" wiedergegeben.

yasyābhinnamidaṃ sarvaṃ yacceṅgadyañca neṅgati / tamugramajaraṃ devaṃ dhyātvā duḥkhātpramucyate

Von dem dies alles ungetrennt ist - was sich regt und was sich nicht regt - diesen gewaltigen, alterslosen Gott, ihn meditierend, wird man von Leid befreit.

Wort für Wort
yasya abhinnam idaṃ sarvaṃ
von dem dies alles ungetrennt ist
yat ca iṅgati yat ca na iṅgati
was sich regt und was sich nicht regt
tam ugram ajaraṃ devaṃ
diesen gewaltigen, alterslosen Gott
dhyātvā duḥkhāt pramucyate
meditierend wird man von Leid befreit

avikāramajaṃ śuddhaṃ svaprakāśaṃ nirañjanam / jñānarupaṃ sadānandaṃ prāhurvaimokṣasādhanam

Unveränderlich, ungeboren, rein, selbstleuchtend, makellos, von der Gestalt des Wissens, ewig selig - so nennen sie ihn wahrlich als das Mittel zur Erlösung.

Wort für Wort
avikāram ajaṃ śuddhaṃ
unveränderlich, ungeboren, rein
svaprakāśaṃ nirañjanam
selbstleuchtend, makellos
jñānarupaṃ sadānandaṃ
von der Gestalt des Wissens, ewig selig
prāhuḥ vai mokṣasādhanam
so nennen sie ihn wahrlich als Mittel zur Erlösung

yasyāvatārarupāṇi brahmādyā devatāgaṇāḥ / samarcayanti taṃ vidyācchāśvatasthānadaṃ harim

Dessen Inkarnationsformen die Scharen der Götter, angefangen mit Brahmā, verehren - ihn erkenne als Hari, der die ewige Stätte gewährt.

Wort für Wort
yasya avatārarupāṇi
dessen Inkarnationsformen
brahmādyā devatāgaṇāḥ
die Scharen der Götter, angefangen mit Brahmā
samarcayanti
verehren
taṃ vidyāt śāśvatasthānadaṃ harim
ihn erkenne als Hari, der die ewige Stätte gewährt

jitaprāṇā jitāhārāḥ sadā dhyānaparāyaṇāḥ / hṛdi paśyanti yaṃ satyaṃ taṃ jāmīhi sukhāvaham

Die den Atem bezwungen, die Speise gezügelt haben, stets der Meditation hingegeben - die ihn im Herzen als den Wahren schauen: ihn erkenne [?] als den, der Glückseligkeit bringt.

Wort für Wort
jitaprāṇā jitāhārāḥ
die den Atem bezwungen, die Speise gezügelt haben
sadā dhyānaparāyaṇāḥ
stets der Meditation hingegeben
hṛdi paśyanti yaṃ satyaṃ
die ihn im Herzen als den Wahren schauen
taṃ jāmīhi [=jānīhi?] sukhāvaham
ihn erkenne [?] als den Glückseligkeit-Bringenden

[?] "jāmīhi" ist wohl jānīhi ("erkenne") - Schreibfehler.

nirguṇo 'pi guṇādhāro lokānugraharupadhṛk / ākāśamadhyagaḥ pūrṇastaṃ prāhurmokṣadaṃ nṛṇām

Obwohl ohne Eigenschaften, ist er doch der Träger der Eigenschaften, er trägt Formen zur Gunsterweisung an die Welt; inmitten des Äthers weilend, vollkommen - ihn nennen sie den, der den Menschen Erlösung gewährt.

Wort für Wort
nirguṇo 'pi guṇādhāraḥ
obwohl ohne Eigenschaften, doch der Träger der Eigenschaften
lokānugraharupadhṛk
er trägt Formen zur Gunsterweisung an die Welt
ākāśamadhyagaḥ pūrṇaḥ
inmitten des Äthers weilend, vollkommen
taṃ prāhuḥ mokṣadaṃ nṛṇām
ihn nennen sie den, der den Menschen Erlösung gewährt

adhyakṣaḥ sarvakāryāṇāṃ dehino hṛdaye sthitaḥ / anūpamo 'khilādhārastāṃ devaṃ śaraṇaṃ vrajet

Der Aufseher aller Werke, im Herzen des verkörperten Wesens weilend, unvergleichlich, der Träger von allem - zu diesem Gott [?] soll man seine Zuflucht nehmen.

Wort für Wort
adhyakṣaḥ sarvakāryāṇāṃ
der Aufseher aller Werke
dehino hṛdaye sthitaḥ
im Herzen des verkörperten Wesens weilend
anūpamo 'khilādhāraḥ
unvergleichlich, der Träger von allem
tāṃ [=taṃ?] devaṃ śaraṇaṃ vrajet
zu diesem Gott soll man seine Zuflucht nehmen

[Anm.: "tāṃ devaṃ" - fem. "tāṃ" bei masc. "devam" ist grammatisch inkongruent, wohl Schreibfehler für "taṃ devaṃ".]

sarvaṃ saṃgṛhya kalpānte śete yastu jale svayam / taṃ prāhurmokṣadaṃ viṣṇuṃ munayastattvadarśinaḥ

Der, welcher am Ende des Weltzeitalters alles [in sich] aufnimmt und selbst im Wasser ruht - ihn nennen die die Wahrheit schauenden Weisen Viṣṇu, den Erlösung Gewährenden.

Wort für Wort
sarvaṃ saṃgṛhya kalpānte
am Ende des Weltzeitalters alles aufnehmend
śete yastu jale svayam
der selbst im Wasser ruht
taṃ prāhuḥ mokṣadaṃ viṣṇuṃ
ihn nennen sie Viṣṇu, den Erlösung Gewährenden
munayastattvadarśinaḥ
die die Wahrheit schauenden Weisen

vedārthavidbhiḥ karmajñairijyate vividhairmakhaiḥ / sa eva karmaphalado mokṣado 'kāmakarmaṇām

Von denen, die den Sinn der Veden kennen und die Rituale verstehen, wird er durch mannigfache Opfer verehrt; er allein ist der Gewährer der Werkfrucht, und der Erlösung [gewährt er] denen, deren Werk frei von [eigennützigem] Begehren ist.

Wort für Wort
vedārthavidbhiḥ karmajñaiḥ
von den Kennern des Vedasinns und der Rituale
ijyate vividhairmakhaiḥ
wird er durch mannigfache Opfer verehrt
sa eva karmaphaladaḥ
er allein ist Gewährer der Werkfrucht
mokṣado 'kāmakarmaṇām
und Gewährer der Erlösung für die, deren Werk begierdelos ist

havyakavyādidāneṣu devatāpitṛrūpadhṛk / bhuṅkte ya īśvaro 'vyaktastaṃ prāhurmokṣadaṃ prabhum

Bei den Gaben von Havya, Kavya und anderem [den Opferspeisen für Götter und Ahnen] genießt er, der unoffenbare Herr, in der Gestalt der Götter und Ahnen [die Gaben] - ihn nennen sie den Gebieter, der Erlösung gewährt.

Wort für Wort
havyakavyādidāneṣu
bei den Gaben von Havya, Kavya und anderem
devatāpitṛrūpadhṛk
in der Gestalt der Götter und Ahnen
bhuṅkte ya īśvaro 'vyaktaḥ
genießt er, der unoffenbare Herr
taṃ prāhuḥ mokṣadaṃ prabhum
ihn nennen sie den Erlösung gewährenden Gebieter

dhyātaḥ praṇamito vāpi pūjito vāpi bhaktitaḥ / dadāti śāśvataṃ sthānaṃ taṃ dayāluṃ samarcayet

Meditiert, verehrungsvoll gegrüßt oder mit Hingabe angebetet, gewährt er die ewige Stätte - diesen Mitleidsvollen soll man verehren.

Wort für Wort
dhyātaḥ praṇamito vāpi
meditiert oder verehrungsvoll gegrüßt
pūjito vāpi bhaktitaḥ
oder mit Hingabe angebetet
dadāti śāśvataṃ sthānaṃ
gewährt er die ewige Stätte
taṃ dayāluṃ samarcayet
diesen Mitleidsvollen soll man verehren

ādhāraḥ sarvabhūtānāṃmeko yaḥ puruṣaḥ paraḥ / jarāmaraṇanirmukto mokṣadaḥ so 'vyayo hariḥ

Der eine höchste Puruṣa, der die Stütze aller Wesen ist, frei von Alter und Tod, der Erlösung gewährt - er ist der unvergängliche Hari.

Wort für Wort
ādhāraḥ sarvabhūtānāṃ
die Stütze aller Wesen
eko yaḥ puruṣaḥ paraḥ
der eine höchste Puruṣa
jarāmaraṇanirmukto
frei von Alter und Tod
mokṣadaḥ so 'vyayo hariḥ
der Erlösung Gewährende, er, der unvergängliche Hari

saṃpūjya yasya pādābjaṃ dehino 'pi munīśvara / amṛtatvaṃ bhajantyāśu taṃ viduḥ puruṣottamam

Nach Verehrung von dessen Lotosfüßen selbst die verkörperten Wesen, o Fürst der Weisen, alsbald Unsterblichkeit erlangen - ihn kennt man als den höchsten Puruṣa.

Wort für Wort
saṃpūjya yasya pādābjaṃ
nach Verehrung von dessen Lotosfüßen
dehino 'pi munīśvara
selbst die verkörperten Wesen, o Fürst der Weisen
amṛtatvaṃ bhajantyāśu
erlangen alsbald Unsterblichkeit
taṃ viduḥ puruṣottamam
ihn kennt man als den höchsten Puruṣa

ānandamajaraṃ brahma paraṃ jyotiḥ sanātanam / parātparataraṃ yañca tadviṣṇoḥ paramaṃ padam

Selige Wonne, alterslos, das höchste Brahman, das ewige Licht, das, was höher ist als das Höchste selbst - das ist Viṣṇus höchster Ort.

Wort für Wort
ānandam ajaraṃ brahma
selige Wonne, alterslos, Brahman
paraṃ jyotiḥ sanātanam
das höchste, ewige Licht
parātparataraṃ yat ca
das, was höher als das Höchste ist
tad viṣṇoḥ paramaṃ padam
das ist Viṣṇus höchster Ort

advayaṃ niguṇaṃ nityamadvitīyamanaupamam / paripūrṇaṃ jñānamayaṃ vidurmokṣapratādhakam

Nicht-zwei, ohne Eigenschaften, ewig, ohne ein Zweites, unvergleichlich, vollkommen erfüllt, aus Wissen bestehend - so kennt man [ihn] als den Bewirker der Erlösung [?].

Wort für Wort
advayaṃ niguṇaṃ [=nirguṇaṃ] nityam
nicht-zwei, ohne Eigenschaften, ewig
advitīyam anaupamam
ohne ein Zweites, unvergleichlich
paripūrṇaṃ jñānamayaṃ
vollkommen erfüllt, aus Wissen bestehend
viduḥ mokṣapratādhakam [?]
so kennt man [ihn] als Bewirker der Erlösung [?]

[?] "mokṣapratādhakam" ist überliefert unklar (wohl verderbt aus mokṣapradāyakam/-prasādhakam, "Erlösung gewährend/bewirkend").

evaṃbhūtaṃ paraṃ vastu yogamārgavidhānataḥ / ya upāste sadā yogī sa yāti paramaṃ padam

Dieses so beschaffene höchste Wesen - wer es stets, dem Pfad des Yoga gemäß, als Yogi verehrt, der gelangt zum höchsten Ort.

Wort für Wort
evaṃbhūtaṃ paraṃ vastu
dieses so beschaffene höchste Wesen
yogamārgavidhānataḥ
dem Pfad des Yoga gemäß
ya upāste sadā yogī
wer es stets als Yogi verehrt
sa yāti paramaṃ padam
der gelangt zum höchsten Ort

parisarvasaṃgaparityāgī śamādiguṇasaṃyutaḥ / kāmardyaivarjitoyogī labhate paramaṃ padam

Der gänzlich jegliche Bindung aufgibt, mit Eigenschaften wie Gleichmut (Śama) u.a. ausgestattet ist, der Yogi, der frei ist von Begierde und dergleichen, erlangt den höchsten Ort.

Wort für Wort
pari-sarva-saṃga-parityāgī
der gänzlich jegliche Bindung aufgibt
śamādiguṇasaṃyutaḥ
mit Eigenschaften wie Gleichmut u.a. ausgestattet
kāma-ādyaiḥ varjito yogī
der Yogi, der frei ist von Begierde und dergleichen
labhate paramaṃ padam
erlangt den höchsten Ort

[Anm.: Pāda a ("parisarvasaṃgaparityāgī") weist mehr Silben auf als das Versmaß der übrigen Pādas erwarten lässt - metrische Unregelmäßigkeit im überlieferten Text.]

nārada uvāca karmaṇā kena yogasya siddhirbhavati yoginām / tadupāyaṃ yathātattvaṃ brūhi me vadatāṃ vara

Nārada sprach: Durch welches Werk entsteht den Yogis die Vollendung des Yoga? Dieses Mittel, der Wahrheit gemäß, sage mir, o Bester der Redenden.

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
karmaṇā kena yogasya siddhiḥ
durch welches Werk die Vollendung des Yoga
bhavati yoginām
entsteht den Yogis
tadupāyaṃ yathātattvaṃ brūhi
dieses Mittel, der Wahrheit gemäß, sage
me vadatāṃ vara
mir, o Bester der Redenden

sanaka uvāca jñānalabhyaṃ paraṃ mokṣaṃ prāhustattvārthacintakāḥ / yajjñānaṃ bhaktimūlaṃ ca bhaktiḥ karmavatāṃ tathā

Sanaka sprach: Die höchste Erlösung, so sagen die über den wahren Sinn Nachsinnenden, wird durch Wissen erlangt; dieses Wissen aber hat Hingabe zur Wurzel, und die Hingabe [entsteht] ebenso bei denen, die [rechtes] Werk vollbringen.

Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach
jñānalabhyaṃ paraṃ mokṣaṃ
die durch Wissen erlangbare höchste Erlösung
prāhuḥ tattvārthacintakāḥ
so sagen die über den wahren Sinn Nachsinnenden
yat jñānaṃ bhaktimūlaṃ ca
dieses Wissen hat Hingabe zur Wurzel
bhaktiḥ karmavatāṃ tathā
und Hingabe [entsteht] ebenso bei den Werktätigen

dānāni yajñā vividhāstīrthayātrādayaḥ kṛtāḥ / yena janmasahasreṣu tasya bhaktirbhaveddharau

Wessen [Person] in tausend Geburten Gaben, mannigfache Opfer, Pilgerfahrten und dergleichen vollbracht hat, dem entsteht Hingabe zu Hari.

Wort für Wort
dānāni yajñā vividhāḥ
Gaben, mannigfache Opfer
tīrthayātrādayaḥ kṛtāḥ
Pilgerfahrten und dergleichen vollbracht
yena janmasahasreṣu
von wem in tausend Geburten [vollbracht]
tasya bhaktirbhaveddharau
dem entsteht Hingabe zu Hari

akṣayaḥ paramo dharmo bhaktileśena jāyate / śraddhayā parayā caiva sarvaṃ pāpaṃ praṇaśyati

Durch einen Bruchteil von Hingabe entsteht unvergänglicher, höchster Dharma; und durch höchste Glaubenszuversicht wird alle Sünde vernichtet.

Wort für Wort
akṣayaḥ paramo dharmo
unvergänglicher, höchster Dharma
bhaktileśena jāyate
entsteht durch einen Bruchteil von Hingabe
śraddhayā parayā caiva
und durch höchste Glaubenszuversicht
sarvaṃ pāpaṃ praṇaśyati
wird alle Sünde vernichtet

sarvapāpeṣu naṣṭeṣu buddhirbhavati nirmalā / saiva buddhiḥ samākhyātā jñānaśabdena sūribhiḥ

Wenn alle Sünden vernichtet sind, wird der Verstand rein; eben dieser [reine] Verstand wird von den Weisen mit dem Wort 'Wissen' bezeichnet.

Wort für Wort
sarvapāpeṣu naṣṭeṣu
wenn alle Sünden vernichtet sind
buddhirbhavati nirmalā
wird der Verstand rein
saiva buddhiḥ samākhyātā
eben dieser Verstand wird bezeichnet
jñānaśabdena sūribhiḥ
mit dem Wort 'Wissen' von den Weisen

jñānaṃ ca mokṣadaṃ prāhustajjñānaṃ yogināṃ bhavet / yogastu dvividhaḥ proktaḥ karmajñānaprabhedataḥ

Und das Wissen, so sagt man, gewährt Erlösung; dieses Wissen kommt den Yogis zu. Der Yoga aber wird als zweifach gelehrt, nach der Unterscheidung von Werk und Wissen.

Wort für Wort
jñānaṃ ca mokṣadaṃ prāhuḥ
und das Wissen, so sagt man, gewährt Erlösung
tat jñānaṃ yogināṃ bhavet
dieses Wissen kommt den Yogis zu
yogastu dvividhaḥ proktaḥ
der Yoga aber wird als zweifach gelehrt
karmajñānaprabhedataḥ
nach der Unterscheidung von Werk und Wissen

kriyāyogaṃ vinā nṝṇāṃ jñānayogo na sidhyati / kriyāyogaratastasmācchraddhayā harimarcayet

Ohne den Werk-Yoga (Kriyāyoga) gelingt den Menschen der Wissens-Yoga (Jñānayoga) nicht; darum soll man, dem Werk-Yoga hingegeben, mit Glaubenszuversicht Hari verehren.

Wort für Wort
kriyāyogaṃ vinā nṝṇāṃ
ohne den Werk-Yoga den Menschen
jñānayogo na sidhyati
gelingt der Wissens-Yoga nicht
kriyāyogaratastasmāt
darum, dem Werk-Yoga hingegeben
śraddhayā harimarcayet
soll man mit Glaubenszuversicht Hari verehren

dvijabhūmyagnisūryāmbudhātuhṛñcitrasaṃjñitāḥ / pratimāḥ keśavasyaitā pūjya etāsu bhaktitaḥ

Als Brahmane, Erde, Feuer, Sonne, Wasser, Metall, Herz und Bild bezeichnete [Abbilder] - dies sind die Abbilder Keśavas; diese sind mit Hingabe zu verehren.

Wort für Wort
dvija-bhūmi-agni-sūrya-ambu-dhātu-hṛt-citra-saṃjñitāḥ
als Brahmane, Erde, Feuer, Sonne, Wasser, Metall, Herz und Bild bezeichnete [Abbilder]
pratimāḥ keśavasya etāḥ
dies sind die Abbilder Keśavas
pūjya etāsu bhaktitaḥ
diese sind mit Hingabe zu verehren

[?] Die Kompositzerlegung von "dhātuhṛñcitrasaṃjñitāḥ" (Metall / Herz / Bild bezeichnet) ist nicht restlos sicher.

karmaṇā manasā vācā paripīḍāparāṅmukhaḥ / tasmātsarvagataṃ viṣṇuṃ pūjayedbhaktisaṃyutaḥ

Mit Tat, Gedanke und Wort dem Quälen [anderer] abgewandt, soll man daher den alldurchdringenden Viṣṇu mit Hingabe verbunden verehren.

Wort für Wort
karmaṇā manasā vācā
mit Tat, Gedanke und Wort
paripīḍāparāṅmukhaḥ
dem Quälen [anderer] abgewandt
tasmāt sarvagataṃ viṣṇuṃ
daher den alldurchdringenden Viṣṇu
pūjayedbhaktisaṃyutaḥ
soll man mit Hingabe verbunden verehren

ahiṃsā satyamakrodho brahmacaryāparigrahau / anīrṣyā ca dayā caiva yogayorūbhayoḥ samāḥ

Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Zornlosigkeit, Keuschheit und Besitzlosigkeit, Neidlosigkeit und Mitgefühl - diese sind beiden Formen des Yoga gemeinsam.

Wort für Wort
ahiṃsā satyam akrodho
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Zornlosigkeit
brahmacaryāparigrahau
Keuschheit und Besitzlosigkeit
anīrṣyā ca dayā caiva
Neidlosigkeit und Mitgefühl
yogayoḥ ubhayoḥ samāḥ
sind beiden Formen des Yoga gemeinsam

carācarātmakaṃ viśvaṃ viṣṇureva sanātanaḥ / iti niścitya manasā yogadvitayamabhyaset

'Das aus Beweglichem und Unbeweglichem bestehende Weltall ist eben der ewige Viṣṇu' - dies im Geiste festgestellt, übe man die beiden Formen des Yoga.

Wort für Wort
carācarātmakaṃ viśvaṃ
das aus Beweglichem und Unbeweglichem bestehende Weltall
viṣṇureva sanātanaḥ
ist eben der ewige Viṣṇu
iti niścitya manasā
dies im Geiste festgestellt
yogadvitayamabhyaset
übe man die beiden Formen des Yoga

ātmavatsarvabhūtāni ye manyante manīṣiṇaḥ / te jānanti paraṃ bhāvaṃ devadevasya cakriṇaḥ

Die weisen Menschen, die alle Wesen wie das eigene Selbst betrachten, sie erkennen das höchste Wesen des Gottes der Götter, des Diskusträgers.

Wort für Wort
ātmavat sarvabhūtāni
alle Wesen wie das eigene Selbst
ye manyante manīṣiṇaḥ
die weisen Menschen, die betrachten
te jānanti paraṃ bhāvaṃ
sie erkennen das höchste Wesen
devadevasya cakriṇaḥ
des Gottes der Götter, des Diskusträgers

yadi krodhādiduṣṭātmā pūjādhyānaparo bhavet / na tasya tuṣyate viṣṇuryato dharmapatiḥ smṛtaḥ

Wenn einer, dessen Seele durch Zorn und dergleichen befleckt ist, sich der Verehrung und Meditation widmet, so wird Viṣṇu an ihm keine Freude finden, denn er gilt als Herr des Dharma.

Wort für Wort
yadi krodhādiduṣṭātmā
wenn einer, dessen Seele durch Zorn u.a. befleckt ist
pūjādhyānaparo bhavet
sich der Verehrung und Meditation widmet
na tasya tuṣyate viṣṇuḥ
so findet Viṣṇu an ihm keine Freude
yato dharmapatiḥ smṛtaḥ
denn er gilt als Herr des Dharma

yadi kāmādiduṣṭātmā deva pūjāparo bhavet / daṃbhācāraḥ sa vijñeyaḥ sarvapātakibhiḥ samaḥ

Wenn einer, dessen Seele durch Begierde und dergleichen befleckt ist, sich der Gottesverehrung widmet, so ist zu erkennen, dass sein Tun bloß Heuchelei ist, gleich allen [anderen] Sündern.

Wort für Wort
yadi kāmādiduṣṭātmā
wenn einer, dessen Seele durch Begierde u.a. befleckt ist
deva pūjāparo bhavet
sich der Gottesverehrung widmet
daṃbhācāraḥ sa vijñeyaḥ
dessen Tun ist als Heuchelei zu erkennen
sarvapātakibhiḥ samaḥ
gleich allen [anderen] Sündern

tapaḥ pūjādhyānaparoyastvasūyārato bhavet / tattapaḥ sā ca pūjā ca taddhyānaṃ hi nirarthakam

Wer sich der Askese, der Verehrung und Meditation widmet, aber dem Missgunst-Denken verhaftet ist - dessen Askese und dessen Verehrung und dessen Meditation sind wahrlich sinnlos.

Wort für Wort
tapaḥ pūjādhyānaparo yastu
wer sich der Askese, Verehrung und Meditation widmet
asūyārato bhavet
[aber] dem Missgunst-Denken verhaftet ist
tattapaḥ sā ca pūjā ca
dessen Askese und dessen Verehrung
taddhyānaṃ hi nirarthakam
und dessen Meditation sind wahrlich sinnlos

tasmātsarvātmakaṃ viṣṇuṃ śamādiguṇatatparaḥ / muktayarthamarcayetsamyak kriyāyogaparo naraḥ

Daher soll der Mensch, den Eigenschaften wie Gleichmut usw. hingegeben, um der Erlösung willen den alldurchseelenden Viṣṇu recht verehren, dem Werk-Yoga hingegeben.

Wort für Wort
tasmāt sarvātmakaṃ viṣṇuṃ
daher den alldurchseelenden Viṣṇu
śamādiguṇatatparaḥ
den Eigenschaften wie Gleichmut usw. hingegeben
muktayartham arcayetsamyak
soll man um der Erlösung willen recht verehren
kriyāyogaparo naraḥ
der dem Werk-Yoga hingegebene Mensch

karmaṇā manasā vācā sarvalokahite rataḥ / samarcayati deveśaṃ kriyāyogaḥ sa ucyate

Wer mit Tat, Gedanke und Wort dem Wohl aller Welten hingegeben ist und [so] den Herrn der Götter verehrt - das wird Kriyāyoga genannt.

Wort für Wort
karmaṇā manasā vācā
mit Tat, Gedanke und Wort
sarvalokahite rataḥ
dem Wohl aller Welten hingegeben
samarcayati deveśaṃ
[wer so] den Herrn der Götter verehrt
kriyāyogaḥ sa ucyate
das wird Kriyāyoga genannt

nārāyaṇaṃ jagadyoniṃ sarvāntayaryāmiṇaṃ harim / stotrādyaiḥ stauti yo viṣṇuṃ karmayogī sa ucyate

Wer Nārāyaṇa, den Ursprung der Welt, Hari, den inneren Lenker von allem, den Viṣṇu, mit Lobpreisungen und dergleichen preist - der wird Karmayogi genannt.

Wort für Wort
nārāyaṇaṃ jagadyoniṃ
Nārāyaṇa, den Ursprung der Welt
sarvāntayaryāmiṇaṃ harim
Hari, den inneren Lenker von allem
stotrādyaiḥ stauti yo viṣṇuṃ
wer Viṣṇu mit Lobpreisungen u.a. preist
karmayogī sa ucyate
der wird Karmayogi genannt

upavāsādibhiścaiva purāṇaśravaṇādibhiḥ / puṣpādyaiścārcanaṃ viṣṇoḥ kriyāyoga udāhṛtaḥ

Durch Fasten und dergleichen, durch das Hören von Purāṇas und dergleichen, und durch die Verehrung Viṣṇus mit Blumen und dergleichen - dies wird als Kriyāyoga bezeichnet.

Wort für Wort
upavāsādibhiścaiva
durch Fasten und dergleichen
purāṇaśravaṇādibhiḥ
durch das Hören von Purāṇas und dergleichen
puṣpādyaiḥ ca arcanaṃ viṣṇoḥ
und durch die Verehrung Viṣṇus mit Blumen u.a.
kriyāyoga udāhṛtaḥ
dies wird als Kriyāyoga bezeichnet

evaṃ bhaktimatāṃ viṣṇau kriyāyogaratātmanām / sarvapāpāni naśyanti pūrvajanmārjitāni vai

So schwinden bei denen, die Hingabe zu Viṣṇu haben und deren Seele dem Kriyāyoga hingegeben ist, alle Sünden, die in früheren Geburten erworben wurden.

Wort für Wort
evaṃ bhaktimatāṃ viṣṇau
so bei denen, die Hingabe zu Viṣṇu haben
kriyāyogaratātmanām
deren Seele dem Kriyāyoga hingegeben ist
sarvapāpāni naśyanti
schwinden alle Sünden
pūrvajanmārjitāni vai
die in früheren Geburten erworben wurden

pāpakṣayācchudvamatirvāñchati jñānamuttamam / jñānaṃ hi mokṣadaṃ jñeyaṃ tadupāyaṃ vadāmi te

Durch den Schwund der Sünde wünscht der geläuterte Verstand [des Menschen] das höchste Wissen; das Wissen nämlich, das ist als Erlösung gewährend zu erkennen - dessen Mittel will ich dir nun sagen.

Wort für Wort
pāpakṣayāt
durch den Schwund der Sünde
śudvamatiḥ [=śuddhamatiḥ?] vāñchati
wünscht der geläuterte Verstand [?]
jñānamuttamam
das höchste Wissen
jñānaṃ hi mokṣadaṃ jñeyaṃ
das Wissen ist als Erlösung gewährend zu erkennen
tadupāyaṃ vadāmi te
dessen Mittel will ich dir sagen

[?] "śudvamatiḥ" ist wohl śuddhamatiḥ ("geläuterter Verstand") - Schreibfehler.

carācarātmake loke nityaṃ cānityameva ca / samyag vicārayeddhīmānsadbhiḥ śāstrārthakovidaiḥ

In der aus Beweglichem und Unbeweglichem bestehenden Welt soll der Kluge, [zusammen] mit den Rechtschaffenen, die im Sinn der Lehrschriften bewandert sind, das Ewige und das Nicht-Ewige recht unterscheiden.

Wort für Wort
carācarātmake loke
in der aus Beweglichem und Unbeweglichem bestehenden Welt
nityaṃ ca anityam eva ca
das Ewige und das Nicht-Ewige
samyag vicārayet dhīmān
soll der Kluge recht unterscheiden
sadbhiḥ śāstrārthakovidaiḥ
mit den Rechtschaffenen, die im Sinn der Lehrschriften bewandert sind

anityāstu padārthā vai nityameko hariḥ smṛtaḥ / anityāni parityajya nityameva samāśrayet

Vergänglich nämlich sind die Dinge, einzig Hari gilt als ewig; das Vergängliche aufgebend, soll man einzig das Ewige zur Zuflucht nehmen.

Wort für Wort
anityāstu padārthā vai
vergänglich nämlich sind die Dinge
nityam eko hariḥ smṛtaḥ
einzig Hari gilt als ewig
anityāni parityajya
das Vergängliche aufgebend
nityameva samāśrayet
soll man einzig das Ewige zur Zuflucht nehmen

ihāmutra ca bhogeṣu viraktaśca tathā bhavet / aviraktobhavedyastu sa saṃsāre pravartate

In Bezug auf die Genüsse hier und im Jenseits soll man so leidenschaftslos werden; wer aber nicht leidenschaftslos wird, der bleibt im Saṃsāra befangen.

Wort für Wort
ihāmutra ca bhogeṣu
in Bezug auf die Genüsse hier und im Jenseits
viraktaśca tathā bhavet
so soll man leidenschaftslos werden
avirakto bhavedyastu
wer aber nicht leidenschaftslos wird
sa saṃsāre pravartate
der bleibt im Saṃsāra befangen

anityeṣu padārtheṣu yastu rāgī bhavennaraḥ / tasya saṃsāravicchittiḥ kadācinnaiva jāyate

Der Mensch, der an den vergänglichen Dingen Leidenschaft hegt, für ihn tritt niemals eine Auflösung des Saṃsāra ein.

Wort für Wort
anityeṣu padārtheṣu
an den vergänglichen Dingen
yastu rāgī bhavennaraḥ
der Mensch, der Leidenschaft hegt
tasya saṃsāravicchittiḥ
für ihn die Auflösung des Saṃsāra
kadācinnaiva jāyate
tritt niemals ein

śamādiguṇasaṃpanno mumukṣurjñānamabhyaset / śamādiguṇahīnasya jñānaṃ naiva ca sidhyati

Wer mit Eigenschaften wie Gleichmut u.a. ausgestattet ist und nach Erlösung strebt, der übe das Wissen; wem aber solche Eigenschaften fehlen, dem gelingt das Wissen keineswegs.

Wort für Wort
śamādiguṇasaṃpanno mumukṣuḥ
wer mit Eigenschaften wie Gleichmut u.a. ausgestattet ist und nach Erlösung strebt
jñānamabhyaset
der übe das Wissen
śamādiguṇahīnasya
wem solche Eigenschaften fehlen
jñānaṃ naiva ca sidhyati
dem gelingt das Wissen keineswegs

rāgadveṣavihīno yaḥ śamādiguṇasaṃyutaḥ / haridhyānaparo nityaṃ mumukṣurabhidhīyate

Wer frei von Begehren und Abneigung, mit Eigenschaften wie Gleichmut ausgestattet und stets der Meditation auf Hari hingegeben ist, der wird als 'nach Erlösung Strebender' bezeichnet.

Wort für Wort
rāgadveṣavihīno yaḥ
wer frei von Begehren und Abneigung
śamādiguṇasaṃyutaḥ
mit Eigenschaften wie Gleichmut ausgestattet
haridhyānaparo nityaṃ
stets der Meditation auf Hari hingegeben
mumukṣurabhidhīyate
wird als 'nach Erlösung Strebender' bezeichnet

caturbhiḥ sādhanairebhirviśuddhamatirucyate / sarvagaṃ bhāvayedviṣṇuṃ sarvabhūtadayāparaḥ

Durch diese vier Mittel wird [der Übende] als 'geläutert im Verstand' bezeichnet; er soll, allem Mitgefühl für alle Wesen hingegeben, den alldurchdringenden Viṣṇu betrachten.

Wort für Wort
caturbhiḥ sādhanairebhiḥ
durch diese vier Mittel
viśuddhamatirucyate
wird man als 'geläutert im Verstand' bezeichnet
sarvagaṃ bhāvayedviṣṇuṃ
er soll den alldurchdringenden Viṣṇu betrachten
sarvabhūtadayāparaḥ
allem Mitgefühl für alle Wesen hingegeben

[Anm.: Die "vier Mittel" (catuḥ sādhana) entsprechen den in V.47-52 dargelegten vier klassischen Vedānta-Qualifikationen: Unterscheidung (viveka), Leidenschaftslosigkeit (vairāgya), den Śama-Tugenden und dem Streben nach Erlösung (mumukṣutva).]

kṣarākṣarātmakaṃ viśvaṃ vyāpya nārāyaṇaḥ sthitaḥ / iti jānāti yo vipratajjñānaṃ yogajaṃ viduḥ

'Das aus dem Vergänglichen und dem Unvergänglichen bestehende Weltall durchdringend, weilt Nārāyaṇa' - wer, o Brahmane, dies weiß, dessen Wissen, das nennt man das aus dem Yoga entstandene.

Wort für Wort
kṣarākṣarātmakaṃ viśvaṃ
das aus dem Vergänglichen und Unvergänglichen bestehende Weltall
vyāpya nārāyaṇaḥ sthitaḥ
durchdringend weilt Nārāyaṇa
iti jānāti yo vipra
wer, o Brahmane, dies weiß
tat jñānaṃ yogajaṃ viduḥ
dessen Wissen nennt man das aus dem Yoga entstandene

yogopāyamato vakṣye saṃsāravinivarttakam / yogo jñānaṃ viśuddhaṃ syāttajjñānaṃ mokṣadaṃ viduḥ

Nun will ich das Mittel des Yoga verkünden, das vom Saṃsāra abwendet; der Yoga ist das geläuterte Wissen - dieses Wissen, so weiß man, gewährt Erlösung.

Wort für Wort
yogopāyamato vakṣye
nun will ich das Mittel des Yoga verkünden
saṃsāravinivarttakam
das vom Saṃsāra abwendet
yogo jñānaṃ viśuddhaṃ syāt
der Yoga ist das geläuterte Wissen
tajjñānaṃ mokṣadaṃ viduḥ
dieses Wissen, so weiß man, gewährt Erlösung

ātmānaṃ dvividhaṃ prāhuḥ parāparavibhedataḥ / dve brahmaṇī veditavye iti cātharvarṇī śrutiḥ

Man lehrt das Selbst als zweifach, nach der Unterscheidung von höher und niederer [Natur]; 'zwei Brahman sind zu erkennen' - so [lehrt] die Śruti der Atharvaṇas.

Wort für Wort
ātmānaṃ dvividhaṃ prāhuḥ
man lehrt das Selbst als zweifach
parāparavibhedataḥ
nach der Unterscheidung von höher und niederer [Natur]
dve brahmaṇī veditavye
zwei Brahman sind zu erkennen
iti ca ātharvarṇī śrutiḥ
so [lehrt] die Śruti der Atharvaṇas

parastu nirguṇaḥ prokto hyahṝṅkārayuto 'paraḥ / tayorabhedavijñānaṃ yoga ityabhidhīyate

Das Höhere wird als ohne Eigenschaften bezeichnet, das Niedere hingegen als mit dem Ich-Bewusstsein verbunden; die Erkenntnis der Nicht-Verschiedenheit dieser beiden wird Yoga genannt.

Wort für Wort
parastu nirguṇaḥ proktaḥ
das Höhere wird als ohne Eigenschaften bezeichnet
hi ahaṃkārayuto 'paraḥ [?]
das Niedere hingegen als mit dem Ich-Bewusstsein verbunden [?]
tayoḥ abhedavijñānaṃ
die Erkenntnis der Nicht-Verschiedenheit dieser beiden
yoga ityabhidhīyate
wird Yoga genannt

[?] "ahṝṅkārayuto" ist wohl ahaṃkārayuktaḥ - Schreibfehler.

pañcabhūtātmake dehe yaḥ sākṣī hṛdaye sthitaḥ / aparaḥ procyate sadbhiḥ paramātmā paraḥ smṛtaḥ

Der, welcher als Zeuge im Herzen des aus den fünf Elementen bestehenden Leibes weilt, wird von den Rechtschaffenen als das Niedere bezeichnet; der höchste Ātman gilt als das Höhere.

Wort für Wort
pañcabhūtātmake dehe
im aus den fünf Elementen bestehenden Leib
yaḥ sākṣī hṛdaye sthitaḥ
der als Zeuge im Herzen weilt
aparaḥ procyate sadbhiḥ
wird von den Rechtschaffenen als das Niedere bezeichnet
paramātmā paraḥ smṛtaḥ
der höchste Ātman gilt als das Höhere

śarīraṃ kṣevramityāhustatsthaḥ kṣetrajña ucyate / avyaktaḥ paramaḥ śuddhaḥ paripūrṇa udāhṛtaḥ

Den Leib nennt man 'das Feld', der darin Weilende wird 'Feldkenner' genannt; [der Höchste hingegen] wird als unoffenbar, höchst, rein und vollkommen erfüllt bezeichnet.

Wort für Wort
śarīraṃ kṣevram [=kṣetram?] ityāhuḥ
den Leib nennt man 'das Feld' [?]
tatsthaḥ kṣetrajña ucyate
der darin Weilende wird 'Feldkenner' genannt
avyaktaḥ paramaḥ śuddhaḥ
[der Höchste] unoffenbar, höchst, rein
paripūrṇa udāhṛtaḥ
wird als vollkommen erfüllt bezeichnet

[?] "kṣevram" ist wohl kṣetram ("das Feld") - Schreibfehler.

yadā tvabhedavijñānaṃ jīvātmaparamātmanoḥ / bhavettadā muniśreṣṭha pāśacchedo 'parātmanaḥ

Wenn aber die Erkenntnis der Nicht-Verschiedenheit von Einzelseele und höchstem Selbst entsteht, dann, o bester der Weisen, geschieht die Durchtrennung der Fessel der niederen Seele.

Wort für Wort
yadā tu abhedavijñānaṃ
wenn aber die Erkenntnis der Nicht-Verschiedenheit
jīvātmaparamātmanoḥ
von Einzelseele und höchstem Selbst
bhavettadā muniśreṣṭha
entsteht, dann, o bester der Weisen
pāśacchedo 'parātmanaḥ
geschieht die Durchtrennung der Fessel der niederen Seele

ekaḥ śuddho 'kṣaro nityaḥ paramātmā jaganmayaḥ / nṛṇāṃ vijñānabhedena bhedavāniva lakṣyate

Der eine, reine, unvergängliche, ewige höchste Ātman, der die Welt durchdringt, erscheint durch die Verschiedenheit der Erkenntnis der Menschen wie mit Unterschieden behaftet.

Wort für Wort
ekaḥ śuddho 'kṣaro nityaḥ
der eine, reine, unvergängliche, ewige
paramātmā jaganmayaḥ
höchste Ātman, der die Welt durchdringt
nṛṇāṃ vijñānabhedena
durch die Verschiedenheit der Erkenntnis der Menschen
bhedavāniva lakṣyate
erscheint er wie mit Unterschieden behaftet

ekamevādvitīyaṃ yatparaṃ brahma sanātanam / gīyamānaṃ ca vedāntaistasmānnāsti paraṃ dvija

Das eine, einzige, das ohne ein Zweites ist, das höchste, ewige Brahman, das von den Vedānta[-Texten] besungen wird - über dieses hinaus gibt es nichts Höheres, o Zweifachgeborener.

Wort für Wort
ekameva advitīyaṃ yat
das eine, einzige, das ohne ein Zweites ist
paraṃ brahma sanātanam
das höchste, ewige Brahman
gīyamānaṃ ca vedāntaiḥ
und das von den Vedānta-Texten besungen wird
tasmānnāsti paraṃ dvija
über dieses hinaus gibt es nichts Höheres, o Zweifachgeborener

na tasya karma kāryaṃ vā rupaṃ varṇamathāpi vā / karttṛtvaṃ vāpi bhoktṛtvaṃ nirguṇasya parātmanaḥ

Es gibt für ihn weder Werk noch Wirkung, weder Gestalt noch Farbe, noch Täterschaft oder Genießerschaft - [denn er ist] der eigenschaftslose höchste Ātman.

Wort für Wort
na tasya karma kāryaṃ vā
es gibt für ihn weder Werk noch Wirkung
rupaṃ varṇamathāpi vā
noch Gestalt oder auch Farbe
karttṛtvaṃ vāpi bhoktṛtvaṃ
noch Täterschaft oder Genießerschaft
nirguṇasya parātmanaḥ
[denn er ist] der eigenschaftslose höchste Ātman

nidānaṃ sarvahetūnāṃ tejo yattejasāṃ param / kimapyanyadyato nāsti tajjñeyaṃ muktihetave

Der Grund aller Ursachen, das Licht, das das höchste unter den Lichtern ist, jenseits dessen es nichts anderes gibt - dies ist zum Zwecke der Erlösung zu erkennen.

Wort für Wort
nidānaṃ sarvahetūnāṃ
der Grund aller Ursachen
tejo yat tejasāṃ param
das Licht, das das höchste unter den Lichtern ist
kimapi anyadyato nāsti
jenseits dessen es nichts anderes gibt
tajjñeyaṃ muktihetave
dies ist zum Zwecke der Erlösung zu erkennen

śabdabrahmamayaṃ yattanmahāvākyādikaṃ dvija / tadvicārodbhavaṃ jñānaṃ paraṃ mokṣasya sādhanam

Das aus dem Wort-Brahman Bestehende, das, was mit den Großen Aussprüchen und dergleichen beginnt, o Zweifachgeborener - das aus dessen Erwägung entstehende Wissen ist das höchste Mittel zur Erlösung.

Wort für Wort
śabdabrahmamayaṃ yat
das aus dem Wort-Brahman Bestehende
tat mahāvākyādikaṃ dvija
das, was mit den Großen Aussprüchen u.a. beginnt, o Zweifachgeborener
tadvicārodbhavaṃ jñānaṃ
das aus dessen Erwägung entstehende Wissen
paraṃ mokṣasya sādhanam
ist das höchste Mittel zur Erlösung

samyagjñānavihīnānāṃ dṛśyate vividhaṃ jagatag / paramajñānināmetatparabrahmātmakaṃ dvija

Denen, die der wahren Erkenntnis entbehren, erscheint die Welt als mannigfaltig; für die höchsten Wissenden aber ist eben diese [Welt] aus dem höchsten Brahman bestehend, o Zweifachgeborener.

Wort für Wort
samyagjñānavihīnānāṃ
denen, die der wahren Erkenntnis entbehren
dṛśyate vividhaṃ jagat [?]
erscheint die Welt als mannigfaltig [?]
paramajñānināmetat
für die höchsten Wissenden [ist] eben diese [Welt]
parabrahmātmakaṃ dvija
aus dem höchsten Brahman bestehend, o Zweifachgeborener

[?] "jagatag" ist wohl jagat - Schreibfehler.

eka eva parānando nirguṇaḥ parataḥ paraḥ / bhāti vijñānabhedena bahurupadharo 'vyayaḥ

Der eine, höchste Selige, ohne Eigenschaften, höher als das Höchste, erscheint durch die Verschiedenheit der [individuellen] Erkenntnis als der Unvergängliche, der viele Formen trägt.

Wort für Wort
eka eva parānando
der eine, höchste Selige
nirguṇaḥ parataḥ paraḥ
ohne Eigenschaften, höher als das Höchste
bhāti vijñānabhedena
erscheint durch die Verschiedenheit der Erkenntnis
bahurupadharo 'vyayaḥ
als der Unvergängliche, der viele Formen trägt

māyino māyayā bhedaṃ paśyanti paramātmani / tasmānmāyāṃ tyajedyogānmumukṣurdvijasattam

Durch die Māyā sehen die der Māyā Unterworfenen Verschiedenheit im höchsten Selbst; deshalb soll der nach Erlösung Strebende, o Bester der Zweifachgeborenen, die Māyā mittels des Yoga aufgeben.

Wort für Wort
māyino māyayā bhedaṃ
die der Māyā Unterworfenen sehen durch die Māyā Verschiedenheit
paśyanti paramātmani
im höchsten Selbst
tasmānmāyāṃ tyajedyogāt
deshalb soll man die Māyā mittels des Yoga aufgeben
mumukṣurdvijasattam
der nach Erlösung Strebende, o Bester der Zweifachgeborenen

nāsadrūpāna sadrūpā māyā naivobhayātmikā / anirvācyā tato jñeyā bhedabuddhipradāryinī

Die Māyā ist weder von der Gestalt des Nichtseienden noch des Seienden, noch ist sie beides zugleich; deshalb ist sie als unbeschreiblich zu erkennen, die Verleiherin der Vorstellung von Verschiedenheit.

Wort für Wort
nāsadrūpā na sadrūpā
weder von der Gestalt des Nichtseienden noch des Seienden
māyā naiva ubhayātmikā
die Māyā ist auch nicht beides zugleich
anirvācyā tato jñeyā
deshalb ist sie als unbeschreiblich zu erkennen
bhedabuddhipradāyinī [?]
die Verleiherin der Vorstellung von Verschiedenheit [?]

[?] "pradāryinī" ist wohl pradāyinī ("Verleiherin") - Schreibfehler.

māyaiva jñānaśabdena buddhyate munisattama / tasmādajñānavicchedo bhavedraujitamāyinām

Eben die Māyā wird mittels des Begriffes 'Wissen' erkannt [durchschaut], o bester der Weisen; deshalb erfolgt für die, welche die Māyā bezwungen haben [?], die Durchtrennung des Unwissens.

Wort für Wort
māyaiva jñānaśabdena
eben die Māyā wird mittels des Begriffes 'Wissen'
buddhyate munisattama
erkannt, o bester der Weisen
tasmādajñānavicchedo bhavet
deshalb erfolgt die Durchtrennung des Unwissens
jitamāyinām [?]
für die, welche die Māyā bezwungen haben [?]

[Anm.: "bhavedraujitamāyinām" ist überliefert verderbt; sinngemäß als "bhavet ... jitamāyinām" ("geschieht ... für die, welche die Māyā bezwungen haben") rekonstruiert.]

sanātanaṃ paraṃ brahma jñānaśabdena kathyate / jñānināṃ paramātmā vai hṛdi bhāti nirantaram

Das ewige, höchste Brahman wird mit dem Wort 'Wissen' bezeichnet; den Wissenden leuchtet der höchste Ātman wahrlich ununterbrochen im Herzen.

Wort für Wort
sanātanaṃ paraṃ brahma
das ewige, höchste Brahman
jñānaśabdena kathyate
wird mit dem Wort 'Wissen' bezeichnet
jñānināṃ paramātmā vai
den Wissenden [leuchtet] der höchste Ātman wahrlich
hṛdi bhāti nirantaram
im Herzen ununterbrochen

ajñānaṃ nāśayedyogī yogena munisattama / aṣṭāṅgaiḥ siddhyate yogastāni vakṣyāmi tattvataḥ

Der Yogi vernichte das Unwissen durch den Yoga, o bester der Weisen; durch acht Glieder gelangt der Yoga zur Vollendung - diese will ich der Wahrheit gemäß darlegen.

Wort für Wort
ajñānaṃ nāśayedyogī
der Yogi vernichte das Unwissen
yogena munisattama
durch den Yoga, o bester der Weisen
aṣṭāṅgaiḥ siddhyate yogaḥ
durch acht Glieder gelangt der Yoga zur Vollendung
tāni vakṣyāmi tattvataḥ
diese will ich der Wahrheit gemäß darlegen

yamāśca niyamāścaiva āsanāni ca sattama / prāṇāyāmaḥ pratyāhāro dhāraṇā dhyānameva ca

Die Zügelungen (Yama), die Beobachtungen (Niyama) und die Sitzhaltungen (Āsana), o Trefflicher, die Atemlenkung (Prāṇāyāma), die Zurückziehung [der Sinne] (Pratyāhāra), die Fixierung (Dhāraṇā) und die Meditation (Dhyāna),

Wort für Wort
yamāśca niyamāścaiva
die Zügelungen (Yama) und die Beobachtungen (Niyama)
āsanāni ca sattama
und die Sitzhaltungen (Āsana), o Trefflicher
prāṇāyāmaḥ pratyāhāro
die Atemlenkung (Prāṇāyāma), die Zurückziehung (Pratyāhāra)
dhāraṇā dhyānameva ca
die Fixierung (Dhāraṇā) und die Meditation (Dhyāna)

samādhiśca muniśreṣṭha yogāṅgāni yathākramam / eṣāṃ saṃkṣepato vakṣye lakṣaṇāni munīśvara

und die Versenkung (Samādhi), o bester der Weisen - dies sind der Reihe nach die Glieder des Yoga; von diesen will ich in Kürze die Merkmale darlegen, o Fürst der Weisen.

Wort für Wort
samādhiśca muniśreṣṭha
und die Versenkung (Samādhi), o bester der Weisen
yogāṅgāni yathākramam
dies sind der Reihe nach die Glieder des Yoga
eṣāṃ saṃkṣepato vakṣye
von diesen will ich in Kürze darlegen
lakṣaṇāni munīśvara
die Merkmale, o Fürst der Weisen

ahiṃsā satyamasteyaṃ brahmacaryāparigrahau / akrodhaścānasūyā ca proktāḥ saṃkṣepato yamāḥ

Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Keuschheit und Besitzlosigkeit, Zornlosigkeit und Neidlosigkeit - dies sind, kurz gefasst, die Zügelungen (Yama).

Wort für Wort
ahiṃsā satyamasteyaṃ
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen
brahmacaryāparigrahau
Keuschheit und Besitzlosigkeit
akrodhaścānasūyā ca
Zornlosigkeit und Neidlosigkeit
proktāḥ saṃkṣepato yamāḥ
dies sind, kurz gefasst, die Zügelungen (Yama)

sarveṣāmeva bhūtānāmakleśajananaṃ hi yat / ahiṃsā kathitā sadbhiryogasiddhipradāyinī

Was für alle Wesen ohne Ausnahme kein Leiden erzeugt, das eben wird von den Rechtschaffenen 'Gewaltlosigkeit' genannt, die die Vollendung des Yoga verleiht.

Wort für Wort
sarveṣāmeva bhūtānām
für alle Wesen ohne Ausnahme
akleśajananaṃ hi yat
was kein Leiden erzeugt
ahiṃsā kathitā sadbhiḥ
das wird von den Rechtschaffenen 'Gewaltlosigkeit' genannt
yogasiddhipradāyinī
die die Vollendung des Yoga verleiht

yathārthakathanaṃ yañca dharmādharmavivekataḥ / satyaṃ prāhurmuniśreṣṭha asteyaṃ śṛṇu sāmpratam

Das Sprechen dessen, was der Wirklichkeit entspricht, gemäß der Unterscheidung von Recht und Unrecht - das nennt man 'Wahrhaftigkeit', o bester der Weisen; höre nun von 'Nicht-Stehlen'.

Wort für Wort
yathārthakathanaṃ yat ca
das Sprechen dessen, was der Wirklichkeit entspricht
dharmādharmavivekataḥ
gemäß der Unterscheidung von Recht und Unrecht
satyaṃ prāhurmuniśreṣṭha
das nennt man 'Wahrhaftigkeit', o bester der Weisen
asteyaṃ śṛṇu sāmpratam
höre nun von 'Nicht-Stehlen'

cauryeṇa vā balenāpi parasvaharaṇaṃ hi yat / steyamityucyate sadbhirasteyaṃ tadviparyayam

Was durch Diebstahl oder auch durch Gewalt die Wegnahme fremden Eigentums ist, das wird von den Rechtschaffenen 'Diebstahl' genannt; das Gegenteil davon ist 'Nicht-Stehlen'.

Wort für Wort
cauryeṇa vā balenāpi
durch Diebstahl oder auch durch Gewalt
parasvaharaṇaṃ hi yat
die Wegnahme fremden Eigentums
steyamityucyate sadbhiḥ
das wird von den Rechtschaffenen 'Diebstahl' genannt
asteyaṃ tadviparyayam
'Nicht-Stehlen' ist das Gegenteil davon

sarvatra maithunatyāgo brahmacaryaṃ prakīrttitam / brahmacaryaparityāgājjñānavānapi pātakī

Der gänzliche Verzicht auf geschlechtliche Vereinigung wird 'Keuschheit' genannt; durch das Aufgeben der Keuschheit wird selbst ein Wissender zum Sünder.

Wort für Wort
sarvatra maithunatyāgo
der gänzliche Verzicht auf geschlechtliche Vereinigung
brahmacaryaṃ prakīrttitam
wird 'Keuschheit' genannt
brahmacaryaparityāgāt
durch das Aufgeben der Keuschheit
jñānavānapi pātakī
wird selbst ein Wissender zum Sünder

sarvasaṃgaparityāgī maithuneyastu varttate / sa caṇḍālasamo jñeyaḥ sarvavarṇabahiṣkṛtaḥ

Wer, obwohl er alle [andere] Bindung aufgegeben hat, dennoch der geschlechtlichen Vereinigung anhängt, der ist als einem Caṇḍāla gleich zu erkennen, aus allen Kasten ausgestoßen.

Wort für Wort
sarvasaṃgaparityāgī
wer alle [andere] Bindung aufgegeben hat
maithune yastu varttate
aber dennoch der geschlechtlichen Vereinigung anhängt
sa caṇḍālasamo jñeyaḥ
der ist als einem Caṇḍāla gleich zu erkennen
sarvavarṇabahiṣkṛtaḥ
aus allen Kasten ausgestoßen

yastu yogarato vipra viṣayeṣu spṛhānvitaḥ / tatsaṃbhāṣaṇamātreṇa brahmahatyā bhavennṛṇām

Wer aber, o Brahmane, dem Yoga hingegeben ist und dennoch von Verlangen nach [Sinnes-]Objekten erfüllt ist - durch das bloße Gespräch mit ihm entsteht den Menschen [die Sünde eines] Brahmanenmordes.

Wort für Wort
yastu yogarato vipra
wer aber, o Brahmane, dem Yoga hingegeben ist
viṣayeṣu spṛhānvitaḥ
und von Verlangen nach [Sinnes-]Objekten erfüllt ist
tatsaṃbhāṣaṇamātreṇa
durch das bloße Gespräch mit ihm
brahmahatyā bhavennṛṇām
entsteht den Menschen [die Sünde eines] Brahmanenmordes

sarvasaṃgaparityāgī punaḥ saṃgī bhavedyadi / tatsaṃgasaṃgināṃ saṃgānmahāpātakadoṣabhāk

Wenn einer, der alle Bindung aufgegeben hat, wiederum an Bindung [teil]hat, so wird er, durch die Verbindung mit denen, die an jener Bindung hängen, zum Träger der Schuld eines schweren Verbrechens.

Wort für Wort
sarvasaṃgaparityāgī
wer alle Bindung aufgegeben hat
punaḥ saṃgī bhavedyadi
wenn er wiederum an Bindung teilhat
tatsaṃgasaṃgināṃ saṃgāt
durch die Verbindung mit denen, die an jener Bindung hängen
mahāpātakadoṣabhāk
wird er zum Träger der Schuld eines schweren Verbrechens

anādānaṃ hi dravyāṇāmāpadyapi munīśvara / aparigraha ityukto yogasaṃsiddhikārakaḥ

Das Nicht-Annehmen von Besitztümern, selbst in Not, o Fürst der Weisen, wird 'Besitzlosigkeit' genannt, das die Vollendung des Yoga bewirkt.

Wort für Wort
anādānaṃ hi dravyāṇām
das Nicht-Annehmen von Besitztümern
āpadyapi munīśvara
selbst in Not, o Fürst der Weisen
aparigraha ityukto
wird 'Besitzlosigkeit' genannt
yogasaṃsiddhikārakaḥ
das die Vollendung des Yoga bewirkt

ātmanastu samutkarṣādatiniṣṭhurabhāṣaṇam / krodhamāhurdharmavido hyakrodhastadviparyayaḥ

Das aus der Selbstüberhebung [entstehende] überaus harte Reden - das nennen die Dharmakundigen 'Zorn'; 'Zornlosigkeit' ist das Gegenteil davon.

Wort für Wort
ātmanastu samutkarṣāt
aus der Selbstüberhebung
atiniṣṭhurabhāṣaṇam
das überaus harte Reden
krodhamāhurdharmavido
das nennen die Dharmakundigen 'Zorn'
hyakrodhastadviparyayaḥ
'Zornlosigkeit' ist das Gegenteil davon

dhanādyairadhikaṃ dṛṣṭvā bhṛśaṃ manasi tāpanam / asūyā kīrtitā sadbhistattyāgo hyanasūyatā

Das heftige Sich-Quälen im Geiste beim Anblick von größerem Reichtum u.a. [bei anderen] - das wird von den Rechtschaffenen 'Missgunst' genannt; deren Aufgeben ist 'Neidlosigkeit'.

Wort für Wort
dhanādyairadhikaṃ dṛṣṭvā
beim Anblick von größerem Reichtum u.a.
bhṛśaṃ manasi tāpanam
das heftige Sich-Quälen im Geiste
asūyā kīrtitā sadbhiḥ
das wird von den Rechtschaffenen 'Missgunst' genannt
tattyāgo hyanasūyatā
deren Aufgeben ist 'Neidlosigkeit'

evaṃ saṃkṣepataḥ proktā yamā vibudhasattama / niyamānapi vakṣyāmitubhyaṃ tāñchṛṇu nārada

So wurden, kurz gefasst, die Zügelungen (Yama) dargelegt, o bester der Weisen; auch die Beobachtungen (Niyama) will ich dir verkünden - höre sie, Nārada.

Wort für Wort
evaṃ saṃkṣepataḥ proktā yamā
so wurden, kurz gefasst, die Zügelungen (Yama) dargelegt
vibudhasattama
o bester der Weisen
niyamānapi vakṣyāmi tubhyaṃ
auch die Beobachtungen (Niyama) will ich dir verkünden
tāñchṛṇu nārada
höre sie, Nārada

tapaḥsvādhyāyasaṃtoṣāḥ śaucaṃ ca haripūjanam / saṃdhyopāsanamukhyāśca niyamāḥ parikīrttitāḥ

Askese, Selbststudium, Zufriedenheit, Reinheit und die Verehrung Haris, sowie vor allem die Verehrung der Dämmerungszeiten - dies werden die Beobachtungen (Niyama) genannt.

Wort für Wort
tapaḥsvādhyāyasaṃtoṣāḥ
Askese, Selbststudium, Zufriedenheit
śaucaṃ ca haripūjanam
Reinheit und die Verehrung Haris
saṃdhyopāsanamukhyāśca
sowie vor allem die Verehrung der Dämmerungszeiten
niyamāḥ parikīrttitāḥ
dies werden die Beobachtungen (Niyama) genannt

cāndrāyaṇādibhiryatra śarīrasya viśoṣaṇam / tapo nigaditaṃ sadbhiryogasādhanamuttamam

Wodurch, durch [die Gelübde] Cāndrāyaṇa und dergleichen, die Austrocknung des Leibes [geschieht] - das wird von den Rechtschaffenen 'Askese' genannt, das vortreffliche Mittel zum Yoga.

Wort für Wort
cāndrāyaṇādibhiryatra
wodurch, durch Cāndrāyaṇa und dergleichen
śarīrasya viśoṣaṇam
die Austrocknung des Leibes [geschieht]
tapo nigaditaṃ sadbhiḥ
das wird von den Rechtschaffenen 'Askese' genannt
yogasādhanamuttamam
das vortreffliche Mittel zum Yoga

praṇavasyopaniṣadāṃ dvādaśārṇasya ca dvija / aṣṭākṣarasya mantrasya mahāvākyacayasya ca

Des Praṇava (OM), der Upaniṣaden, des Zwölfsilben-[Mantras], o Zweifachgeborener, des Achtsilben-Mantras und der Menge der Großen Aussprüche (Mahāvākya) -

Wort für Wort
praṇavasya upaniṣadāṃ
des Praṇava, der Upaniṣaden
dvādaśārṇasya ca dvija
und des Zwölfsilben-[Mantras], o Zweifachgeborener
aṣṭākṣarasya mantrasya
des Achtsilben-Mantras
mahāvākyacayasya ca
und der Menge der Großen Aussprüche

japaḥ svādhyāya udito yogasādhanamuttamam / svādhyāyaṃ yastyajenmūḍhastasya yogo na sidhyati

deren leises Rezitieren wird 'Selbststudium' genannt, das vortreffliche Mittel zum Yoga; wer töricht das Selbststudium aufgibt, dessen Yoga gelingt nicht.

Wort für Wort
japaḥ svādhyāya uditaḥ
[deren] Rezitieren wird 'Selbststudium' genannt
yogasādhanamuttamam
das vortreffliche Mittel zum Yoga
svādhyāyaṃ yastyajenmūḍhaḥ
wer töricht das Selbststudium aufgibt
tasya yogo na sidhyati
dessen Yoga gelingt nicht

yogaṃ vināpi svādhyāyātpāpanāśo bhavennṛṇām / svādhyāyaistoṣyamāṇāśca prasīdanti hi devatāḥ

Auch ohne Yoga entsteht den Menschen allein durch das Selbststudium die Vernichtung der Sünde; und durch das Selbststudium erfreut, werden die Gottheiten wahrlich gnädig gestimmt.

Wort für Wort
yogaṃ vināpi svādhyāyāt
auch ohne Yoga, allein durch das Selbststudium
pāpanāśo bhavennṛṇām
entsteht den Menschen die Vernichtung der Sünde
svādhyāyaistoṣyamāṇāśca
und durch das Selbststudium erfreut
prasīdanti hi devatāḥ
werden die Gottheiten wahrlich gnädig gestimmt

japastu trividhaḥ prokto vācikopāṃśumānasaḥ / trividhe 'pi ca viprendra pūrvātpūrvātparo varaḥ

Das Japa aber wird als dreifach gelehrt: laut, gemurmelt und geistig; und unter diesen drei, o Fürst der Brahmanen, ist jeweils das spätere dem vorhergehenden überlegen.

Wort für Wort
japastu trividhaḥ proktaḥ
das Japa aber wird als dreifach gelehrt
vācika-upāṃśu-mānasaḥ
laut, gemurmelt und geistig
trividhe 'pi ca viprendra
und unter diesen drei, o Fürst der Brahmanen
pūrvātpūrvātparo varaḥ
ist jeweils das spätere dem vorhergehenden überlegen

mantrasyoccāraṇaṃ samyaksphuṭākṣarapadaṃ yathā / japastu vācikaḥ proktaḥ sarvayajñaphalapradaḥ

Die rechte Aussprache des Mantras, so dass die Silben und Worte deutlich [hörbar] sind - dies wird 'lautes Japa' genannt, das die Frucht aller Opfer gewährt.

Wort für Wort
mantrasyoccāraṇaṃ samyak
die rechte Aussprache des Mantras
sphuṭākṣarapadaṃ yathā
so dass die Silben und Worte deutlich sind
japastu vācikaḥ proktaḥ
dies wird 'lautes Japa' genannt
sarvayajñaphalapradaḥ
das die Frucht aller Opfer gewährt

mantrasyoccāraṇe kiñcitpadātpadavivecanam / sa tūpāṃśurjapaḥ proktaḥ pūrvasmāddviguṇo 'dhikaḥ

Wenn bei der Aussprache des Mantras ein wenig von Wort zu Wort unterschieden [aber leise gemurmelt] wird - das wird 'gemurmeltes Japa' genannt, doppelt so wirksam wie das vorherige.

Wort für Wort
mantrasyoccāraṇe kiñcit
bei der Aussprache des Mantras ein wenig
padātpadavivecanam
von Wort zu Wort unterschieden [aber leise]
sa tu upāṃśurjapaḥ proktaḥ
das wird 'gemurmeltes Japa' genannt
pūrvasmāddviguṇo 'dhikaḥ
doppelt so wirksam wie das vorherige

vidhāya hyakṣaraśreṇyāṃ tattadarthavicāraṇam / sa japomānasaḥ prokto yogasiddhipradāyakaḥ

Wenn man in der Reihe der Silben über deren jeweilige Bedeutung nachsinnt - das wird 'geistiges Japa' genannt, das die Vollendung des Yoga verleiht.

Wort für Wort
vidhāya hyakṣaraśreṇyāṃ
wenn man in der Reihe der Silben vollzieht
tattadarthavicāraṇam
das Nachsinnen über deren jeweilige Bedeutung
sa japomānasaḥ proktaḥ
das wird 'geistiges Japa' genannt
yogasiddhipradāyakaḥ
das die Vollendung des Yoga verleiht

japena devatā nityaṃ stuvataḥ saṃprasīdati / tasmātsvādhyāyasaṃpanno labhetsarvānmanorathān

Durch das Japa wird die Gottheit stets gegenüber dem Lobpreisenden wohlgesonnen; darum soll der im Selbststudium Vollkommene alle Herzenswünsche erlangen.

Wort für Wort
japena devatā nityaṃ
durch das Japa wird die Gottheit stets
stuvataḥ saṃprasīdati
gegenüber dem Lobpreisenden wohlgesonnen
tasmātsvādhyāyasaṃpanno
darum soll der im Selbststudium Vollkommene
labhetsarvānmanorathān
alle Herzenswünsche erlangen

yadṛcchālābhasaṃtuṣṭiḥ saṃtoṣa iti gīyate / saṃtoṣahīnaḥ puruṣo na labheccharma kutracit

Zufriedenheit mit dem, was zufällig erlangt wird, wird 'Zufriedenheit' genannt; ein Mensch, dem die Zufriedenheit fehlt, findet nirgends Glück.

Wort für Wort
yadṛcchālābhasaṃtuṣṭiḥ
Zufriedenheit mit dem, was zufällig erlangt wird
saṃtoṣa iti gīyate
wird 'Zufriedenheit' genannt
saṃtoṣahīnaḥ puruṣo
ein Mensch, dem die Zufriedenheit fehlt
na labheccharma kutracit
findet nirgends Glück

na jātukāmaḥ kāmānāmupabhogena śāmyati / ito 'dhikaṃ kadā lapsya iti kāmastu varddhate

Niemals wird die Begierde durch den Genuss der begehrten Dinge gestillt; 'wann werde ich noch mehr erlangen als dies' - so wächst die Begierde immer weiter.

Wort für Wort
na jātukāmaḥ kāmānām
niemals wird die Begierde
upabhogena śāmyati
durch den Genuss [der begehrten Dinge] gestillt
ito 'dhikaṃ kadā lapsya iti
'wann werde ich noch mehr als dies erlangen' - so [denkend]
kāmastu varddhate
wächst die Begierde immer weiter

tasmātkāmaṃ parityajya dehasaṃśoṣakāraṇam / yadṛcchālābhasaṃtuṣṭo bhaveddharmaparāyaṇaḥ

Deshalb soll man, die Begierde - die Ursache der Austrocknung des Leibes - aufgebend, mit dem zufällig Erlangten zufrieden und dem Dharma hingegeben sein.

Wort für Wort
tasmātkāmaṃ parityajya
deshalb, die Begierde aufgebend
dehasaṃśoṣakāraṇam
die Ursache der Austrocknung des Leibes
yadṛcchālābhasaṃtuṣṭo
mit dem zufällig Erlangten zufrieden
bhaveddharmaparāyaṇaḥ
soll man dem Dharma hingegeben sein

bāhyābhyantarabhedena śaucaṃ tu dvividhaṃ smṛtam / mṛjjalābhyāṃ bahiḥ śuddhirbhāvaśuddhistathāntaram

Nach der Unterscheidung von Äußerem und Innerem gilt die Reinheit als zweifach: durch Erde und Wasser [geschieht] die äußere Reinheit, die Reinheit der Gesinnung hingegen ist die innere.

Wort für Wort
bāhyābhyantarabhedena
nach der Unterscheidung von Äußerem und Innerem
śaucaṃ tu dvividhaṃ smṛtam
gilt die Reinheit als zweifach
mṛjjalābhyāṃ bahiḥ śuddhiḥ
durch Erde und Wasser [geschieht] die äußere Reinheit
bhāvaśuddhistathāntaram
die Reinheit der Gesinnung ist die innere

antaḥśuddhivihīnaistu ye 'dhvarā vividhāḥ kṛtāḥ / na phalanti munīśreṣṭha bhasmani nyastahavyavat

Die mannigfachen Opfer, die von denen vollzogen werden, denen die innere Reinheit fehlt, tragen keine Frucht, o bester der Weisen - gleich einer Opfergabe, die in Asche gelegt wird.

Wort für Wort
antaḥśuddhivihīnaistu
von denen, denen die innere Reinheit fehlt
ye 'dhvarā vividhāḥ kṛtāḥ
die mannigfachen Opfer, die vollzogen werden
na phalanti munīśreṣṭha
tragen keine Frucht, o bester der Weisen
bhasmani nyastahavyavat
gleich einer in Asche gelegten Opfergabe

bhāvaśuddhivihīnānāṃ samastaṃ karmaniṣphalam / tasmādrāgādikaṃ sarvaṃ parityajya sukhī bhavet

Denen, denen die Reinheit der Gesinnung fehlt, ist jedes Werk fruchtlos; deshalb soll man, Leidenschaft und alles Übrige aufgebend, glücklich werden.

Wort für Wort
bhāvaśuddhivihīnānāṃ
denen, denen die Reinheit der Gesinnung fehlt
samastaṃ karmaniṣphalam
ist jedes Werk fruchtlos
tasmādrāgādikaṃ sarvaṃ
deshalb Leidenschaft und alles Übrige
parityajya sukhī bhavet
aufgebend, soll man glücklich werden

mṛdābhārasahasraistu kumbhakoṭijalaistathā / kṛtaśauco 'pi duṣṭātmā caṇḍālasadṛśaḥ smṛtaḥ

Selbst wenn einer, dessen Seele befleckt ist, seine Reinigung mit tausend Lasten Erde und ebenso mit zehn Millionen Krügen Wasser vollzogen hat, gilt er dennoch als einem Caṇḍāla gleich.

Wort für Wort
mṛdābhārasahasraistu
mit tausend Lasten Erde
kumbhakoṭijalaistathā
und ebenso mit zehn Millionen Krügen Wasser
kṛtaśauco 'pi duṣṭātmā
selbst wenn einer mit befleckter Seele die Reinigung vollzogen hat
caṇḍālasadṛśaḥ smṛtaḥ
gilt er als einem Caṇḍāla gleich

antaḥśuddhivihīnastu devapūjāparo yadi / tameva daivataṃ hṝnti narakaṃ ca prapadyate

Wenn aber einer, dem die innere Reinheit fehlt, sich der Gottesverehrung widmet, so tötet [beleidigt] er eben jene Gottheit [?] und gelangt in die Hölle.

Wort für Wort
antaḥśuddhivihīnastu
wenn aber einer, dem die innere Reinheit fehlt
devapūjāparo yadi
sich der Gottesverehrung widmet
tameva daivataṃ hanti [?]
so schädigt er eben jene Gottheit [?]
narakaṃ ca prapadyate
und gelangt in die Hölle

[?] "hṝnti" ist wohl hanti ("tötet/schädigt") - Schreibfehler; Sinn: er verletzt/beleidigt die von ihm verehrte Gottheit.

antaḥśuddhivihīnaśca bahiḥśuddhiṃ karoti yaḥ / alaṅkṛtaḥ surābhāṇḍa iva śāntiṃ na gacchati

Und wer, dem die innere Reinheit fehlt, [nur] die äußere Reinheit vollzieht, der gelangt nicht zum Frieden - gleich einem geschmückten Gefäß für Branntwein.

Wort für Wort
antaḥśuddhivihīnaśca
und wer, dem die innere Reinheit fehlt
bahiḥśuddhiṃ karoti yaḥ
nur die äußere Reinheit vollzieht
alaṅkṛtaḥ surābhāṇḍa iva
gleich einem geschmückten Branntweingefäß
śāntiṃ na gacchati
gelangt er nicht zum Frieden

manaḥśuddhivihīnā ye tīrthayātrāṃ prakurvate / na tānpuṃnati tīrthāni surābhāṇḍamivāpagā

Diejenigen, denen die Reinheit des Geistes fehlt und die dennoch Pilgerfahrten unternehmen, werden von den heiligen Badestätten nicht gereinigt - wie ein Fluss ein Branntweingefäß nicht [reinigt].

Wort für Wort
manaḥśuddhivihīnā ye
diejenigen, denen die Reinheit des Geistes fehlt
tīrthayātrāṃ prakurvate
die dennoch Pilgerfahrten unternehmen
na tānpunanti [?] tīrthāni
werden von den heiligen Badestätten nicht gereinigt [?]
surābhāṇḍamivāpagā
wie ein Fluss ein Branntweingefäß nicht [reinigt]

[?] "puṃnati" ist wohl punanti ("reinigen") - Schreibfehler.

vācā dharmānpravaladati manasā pāpamicchati / jānīyāttaṃ muniśreṣṭha mahāpātakināṃ varam

Wer mit dem Munde von Dharma redet, im Herzen aber Sünde begehrt - den erkenne, o bester der Weisen, als den Ersten unter den schweren Sündern.

Wort für Wort
vācā dharmānpravadati [?]
wer mit dem Munde von Dharma redet
manasā pāpamicchati
im Herzen aber Sünde begehrt
jānīyāttaṃ muniśreṣṭha
den erkenne, o bester der Weisen
mahāpātakināṃ varam
als den Ersten unter den schweren Sündern

[?] "pravaladati" ist wohl pravadati ("redet") - Schreibfehler.

viśuddhamānasā ye tu dharmamātramanuttamam / kurvanti tatphalaṃ vidyādakṣayaṃ sukhadāyakam

Diejenigen aber, deren Geist rein ist und die auch nur ein geringes, unübertreffliches Werk des Dharma vollziehen - deren Frucht, so wisse, ist unvergänglich und Glück verleihend.

Wort für Wort
viśuddhamānasā ye tu
diejenigen aber, deren Geist rein ist
dharmamātramanuttamam
und die auch nur ein geringes, unübertreffliches Werk des Dharma
kurvanti tatphalaṃ vidyāt
vollziehen - deren Frucht, so wisse
akṣayaṃ sukhadāyakam
ist unvergänglich und Glück verleihend

karmaṇā manasā vācā stutiśravaṇa pūjanaiḥ / haribhaktirdṛḍhā yasya haripūjeti gīyate

Wessen Hingabe zu Hari durch Tat, Gedanke und Wort, durch Lobpreis, [heiliges] Hören und Verehrung fest gegründet ist - das wird 'Hari-Verehrung' genannt.

Wort für Wort
karmaṇā manasā vācā
durch Tat, Gedanke und Wort
stutiśravaṇa pūjanaiḥ
durch Lobpreis, Hören und Verehrung
haribhaktirdṛḍhā yasya
wessen Hingabe zu Hari fest gegründet ist
haripūjeti gīyate
das wird 'Hari-Verehrung' genannt

yamāśca niyamāścaiva saṃkṣepeṇa prabodhitāḥ / ebhirviśuddhamanasāṃ mokṣaṃ hastagataṃ viduḥ

So wurden die Zügelungen (Yama) und die Beobachtungen (Niyama) in Kürze dargelegt; durch diese, so weiß man, wird denen, deren Geist rein ist, die Erlösung gleichsam in die Hand gegeben.

Wort für Wort
yamāśca niyamāścaiva
die Zügelungen (Yama) und die Beobachtungen (Niyama)
saṃkṣepeṇa prabodhitāḥ
wurden in Kürze dargelegt
ebhirviśuddhamanasāṃ
durch diese wird denen, deren Geist rein ist
mokṣaṃ hastagataṃ viduḥ
die Erlösung gleichsam in die Hand gegeben, so weiß man

yamaiśca niyamaiścaiva sthirabuddhirjitendriyaḥ / abhyasedāsanaṃsamyagyogasādhanamuttamam

Mit den Zügelungen und Beobachtungen [ausgestattet], von festem Verstand und mit bezwungenen Sinnen, soll man die Sitzhaltung, das vortreffliche Mittel des Yoga, recht üben.

Wort für Wort
yamaiśca niyamaiścaiva
mit den Zügelungen und Beobachtungen
sthirabuddhirjitendriyaḥ
von festem Verstand und mit bezwungenen Sinnen
abhyasedāsanaṃ samyak
soll man die Sitzhaltung recht üben
yogasādhanamuttamam
das vortreffliche Mittel des Yoga

padmakaṃ svastikaṃ pīṭhaṃ saiṃhaṃ kaukkuṭakaiñjare / kaurmaṃvajrāsanaṃ caiva vārāhaṃ mṛgacailikam

Das Lotossitz (Padmaka), das Svastika, das Piṭha, das Löwensitz (Saiṃha), das Hahnensitz und das Aiñjara [?], das Schildkrötensitz (Kaurma) und das Diamantsitz (Vajrāsana), das Ebersitz (Vārāha) und das Rehfell-Sitz (Mṛgacailika) -

Wort für Wort
padmakaṃ svastikaṃ pīṭhaṃ
das Lotossitz, das Svastika, das Piṭha
saiṃhaṃ kaukkuṭaka-kaiñjare [?]
das Löwensitz, das Hahnensitz und das Aiñjara [?]
kaurmaṃ vajrāsanaṃ caiva
das Schildkrötensitz und das Diamantsitz
vārāhaṃ mṛgacailikam
das Ebersitz und das Rehfell-Sitz

[?] Die Kompositzerlegung von "kaukkuṭakaiñjare" (wohl zwei Āsana-Namen, Kaukkuṭaka und ein zweiter, unklarer Name) ist unsicher.

krauñcaṃ ca nālikaṃ caiva sarvatobhadrameva ca / vārṣabhaṃ nāgamātsye ca vaiyānghaṃ cārddhacandrakam

das Kranichsitz (Krauñca) und das Nālika, das Sarvatobhadra, das Stiersitz (Vārṣabha), das Schlangen- und das Fischsitz (Nāga, Mātsya), das Tigersitz (Vaiyāghra) und das Halbmondsitz (Ardhacandraka) -

Wort für Wort
krauñcaṃ ca nālikaṃ caiva
das Kranichsitz und das Nālika
sarvatobhadrameva ca
und das Sarvatobhadra
vārṣabhaṃ nāgamātsye ca
das Stiersitz, das Schlangen- und Fischsitz
vaiyānghaṃ [=vaiyāghraṃ?] ca ardhacandrakam
das Tigersitz [?] und das Halbmondsitz

[?] "vaiyānghaṃ" ist wohl vaiyāghraṃ ("Tiger-") - Schreibfehler.

daṇḍavātāsanaṃ śailaṃ svabhraṃ maudgarameva ca / mākaraṃ traipathaṃ kāṣṭhaṃ sthāṇuṃ vaikarṇikaṃ tathā

das Stabsitz (Daṇḍa), das Bergsitz (Śaila), das Höhlensitz (Svabhra) und das Hammersitz (Maudgara), das Krokodilsitz (Mākara), das Dreiwegesitz (Traipatha), das Holzsitz (Kāṣṭha), das Baumstumpfsitz (Sthāṇu) und ebenso das Vaikarṇika -

Wort für Wort
daṇḍavātāsanaṃ śailaṃ
das Stabsitz, das Bergsitz
svabhraṃ maudgarameva ca
das Höhlensitz und das Hammersitz
mākaraṃ traipathaṃ kāṣṭhaṃ
das Krokodilsitz, das Dreiwegesitz, das Holzsitz
sthāṇuṃ vaikarṇikaṃ tathā
das Baumstumpfsitz und ebenso das Vaikarṇika

bhaumaṃ vīrāsanaṃ caiva yogasādhanakāraṇam / triṃśatsaṃkhyānyāsanāni munīndraiḥ kathitāni vai

das Erdsitz (Bhauma) und das Heldensitz (Vīrāsana) - die Ursache des Mittels zum Yoga. Dreißig an der Zahl sind die Sitzhaltungen, die von den Fürsten der Weisen genannt wurden.

Wort für Wort
bhaumaṃ vīrāsanaṃ caiva
das Erdsitz und das Heldensitz
yogasādhanakāraṇam
die Ursache des Mittels zum Yoga
triṃśatsaṃkhyānyāsanāni
dreißig an der Zahl sind die Sitzhaltungen
munīndraiḥ kathitāni vai
die von den Fürsten der Weisen genannt wurden

[Anm.: Die in V.112-115 aufgezählten Āsana-Namen ergeben, je nach Segmentierung des unklaren "kaukkuṭakaiñjare" (V.112), nicht restlos genau die Zahl dreißig; die Diskrepanz dürfte auf Textverderbnis in der Kompositzerlegung beruhen.]

eṣāmekatamaṃ baddhā gurubhaktiparāyaṇaḥ / upāsako jayetprāṇāndvandvātīto vimatsaraḥ

Nachdem er eine von diesen [Sitzhaltungen] eingenommen hat, soll der der Verehrung des Lehrers hingegebene Verehrer, jenseits der Gegensatzpaare und frei von Missgunst, den Lebenshauch bezwingen.

Wort für Wort
eṣāmekatamaṃ baddhā
nachdem er eine von diesen eingenommen hat
gurubhaktiparāyaṇaḥ
der der Verehrung des Lehrers hingegebene
upāsako jayetprāṇān
soll der Verehrer den Lebenshauch bezwingen
dvandvātīto vimatsaraḥ
jenseits der Gegensatzpaare und frei von Missgunst

prāṅmukhodaṅmukho vāpi tathā pratyaṅmukho 'pi vā / abhyāsena jayetprāṇānniḥśabde janavarjite

Nach Osten gewandt oder nach Norden gewandt, oder auch ebenso nach Westen gewandt, soll man durch Übung an einem geräuschlosen, von Menschen freien [Ort] den Lebenshauch bezwingen.

Wort für Wort
prāṅmukhodaṅmukho vāpi
nach Osten gewandt oder nach Norden gewandt
tathā pratyaṅmukho 'pi vā
oder auch ebenso nach Westen gewandt
abhyāsena jayetprāṇān
soll man durch Übung den Lebenshauch bezwingen
niḥśabde janavarjite
an einem geräuschlosen, von Menschen freien [Ort]

prāṇo vāyuḥ śarīrastha āyāmastasya nigrahaḥ / prāṇāyāma iti prokto dvividhaḥ sa prakīrttitaḥ

Prāṇa ist der im Körper befindliche Lebenshauch; 'Āyāma' ist dessen Zügelung; dies wird 'Prāṇāyāma' genannt, und dieser wird als zweifach gelehrt.

Wort für Wort
prāṇo vāyuḥ śarīrasthaḥ
Prāṇa ist der im Körper befindliche Lebenshauch
āyāmastasya nigrahaḥ
'Āyāma' ist dessen Zügelung
prāṇāyāma iti proktaḥ
dies wird 'Prāṇāyāma' genannt
dvividhaḥ sa prakīrttitaḥ
und dieser wird als zweifach gelehrt

agarbhaśca sagarbhaśca dvitīyastu tayorvaraḥ / jayadhyānaṃ vināgarbhaḥ sagarbhastatsamanvitaḥ

[Nämlich] ohne [meditativen] Inhalt und mit [meditativem] Inhalt; von diesen beiden ist der zweite der vorzüglichere. [Das Prāṇāyāma] ohne die Bezwingung durch Meditation ist 'Agarbha'; das mit ihr verbundene ist 'Sagarbha'.

Wort für Wort
agarbhaśca sagarbhaśca
ohne [meditativen] Inhalt und mit [meditativem] Inhalt
dvitīyastu tayorvaraḥ
von diesen beiden ist der zweite der vorzüglichere
jayadhyānaṃ vinā agarbhaḥ
ohne die Bezwingung durch Meditation ist es 'Agarbha'
sagarbhastatsamanvitaḥ
das mit ihr verbundene ist 'Sagarbha'

recakaḥ pūrakaścaiva kuṃbhakaḥ śūnyakastathā / evaṃ caturvidhaḥ proktaḥ prāṇāyāmo manīṣibhiḥ

Das Ausatmen (Recaka), das Einatmen (Pūraka), das Anhalten (Kumbhaka) und ebenso das Leerhalten (Śūnyaka) - so wird das Prāṇāyāma von den Weisen als vierfach gelehrt.

Wort für Wort
recakaḥ pūrakaścaiva
das Ausatmen und das Einatmen
kuṃbhakaḥ śūnyakastathā
das Anhalten und ebenso das Leerhalten
evaṃ caturvidhaḥ proktaḥ
so wird als vierfach gelehrt
prāṇāyāmo manīṣibhiḥ
das Prāṇāyāma von den Weisen

jantūnāṃ dakṣiṇā nāḍī piṅgalā parikīrtitā / sūryadaivatakā caiva pitṛyoniriti śrutā

Der rechte Kanal (Nāḍī) der Lebewesen wird 'Piṅgalā' genannt; er hat die Sonne zur Gottheit und gilt, wie überliefert, als der Ursprung der Ahnen.

Wort für Wort
jantūnāṃ dakṣiṇā nāḍī
der rechte Kanal (Nāḍī) der Lebewesen
piṅgalā parikīrtitā
wird 'Piṅgalā' genannt
sūryadaivatakā caiva
er hat die Sonne zur Gottheit
pitṛyoniriti śrutā
und gilt, wie überliefert, als der Ursprung der Ahnen

devayoniriti khyātā iḍā nāḍī tvadakṣiṇā / tatrādhidaivata candraṃ jānīhi munisattamaṃ

Der nicht-rechte [linke] Kanal, genannt 'Iḍā', gilt als Ursprung der Götter; dort erkenne den Mond als die herrschende Gottheit, o bester der Weisen.

Wort für Wort
devayoniriti khyātā
als Ursprung der Götter bekannt
iḍā nāḍī tvadakṣiṇā
der nicht-rechte [linke] Kanal 'Iḍā'
tatrādhidaivata candraṃ
dort [als] herrschende Gottheit den Mond
jānīhi munisattamaṃ
erkenne, o bester der Weisen

etayorubhayormadhye suṣumṇā nāḍikā smṛtā / atisūkṣmā guhyatamā jñeyā sā brahmadaivatā

Zwischen diesen beiden gilt der Kanal 'Suṣumṇā'; er ist äußerst fein und höchst geheim, und ist zu erkennen als der, dessen Gottheit Brahman ist.

Wort für Wort
etayorubhayormadhye
zwischen diesen beiden
suṣumṇā nāḍikā smṛtā
gilt der Kanal 'Suṣumṇā'
atisūkṣmā guhyatamā
er ist äußerst fein und höchst geheim
jñeyā sā brahmadaivatā
zu erkennen als der, dessen Gottheit Brahman ist

vāmena recayedvāyuṃ recanādrecakaḥ smṛtaḥ / pūrayeddakṣiṇenaiva pūraṇātpūrakaḥ smṛtaḥ

Durch die linke [Nāḍī] lasse man den Lebenshauch ausströmen; vom Ausströmen heißt es 'Recaka'; man fülle [ihn] durch die rechte [Nāḍī]; vom Füllen heißt es 'Pūraka'.

Wort für Wort
vāmena recayedvāyuṃ
durch die linke [Nāḍī] lasse man den Lebenshauch ausströmen
recanādrecakaḥ smṛtaḥ
vom Ausströmen heißt es 'Recaka'
pūrayeddakṣiṇenaiva
man fülle [ihn] durch die rechte [Nāḍī]
pūraṇātpūrakaḥ smṛtaḥ
vom Füllen heißt es 'Pūraka'

svadehapūritaṃ vāyaṃ nigṛhya na vimṛñcati / saṃpūrṇakuṃbhavattiṣṭetkumbhakaḥ sa hi viśrutaḥ

Wenn man den im eigenen Leib gefüllten Lebenshauch zurückhält und nicht loslässt, [sondern] wie ein vollgefülltes Gefäß verharrt - das ist bekannt als 'Kumbhaka'.

Wort für Wort
svadehapūritaṃ vāyum [?]
den im eigenen Leib gefüllten Lebenshauch [?]
nigṛhya na vimuñcati [?]
zurückhält und nicht loslässt [?]
saṃpūrṇakuṃbhavattiṣṭhet
[sondern] wie ein vollgefülltes Gefäß verharrt
kumbhakaḥ sa hi viśrutaḥ
das ist bekannt als 'Kumbhaka'

[?] "vāyaṃ" ist wohl vāyum, "vimṛñcati" wohl vimuñcati - Schreibfehler.

na gṛhṇāti na tyajati vāyumantarbahiḥ sthitam / viddhi tacchūnyakaṃ nāma prāṇāyāmaṃ yathāsthitam

Wenn man den Lebenshauch, [ob] innen oder außen befindlich, weder ergreift noch loslässt - wisse, dass dies das sogenannte 'Śūnyaka' ist, das Prāṇāyāma, wie es [dann] beschaffen ist.

Wort für Wort
na gṛhṇāti na tyajati
weder ergreift noch loslässt
vāyumantarbahiḥ sthitam
den Lebenshauch, [ob] innen oder außen befindlich
viddhi tacchūnyakaṃ nāma
wisse, dass dies das sogenannte 'Śūnyaka' ist
prāṇāyāmaṃ yathāsthitam
das Prāṇāyāma, wie es beschaffen ist

śanaiḥśanairvijetavyaḥ prāṇo mattagajendravat / anyathā khalu jāyante mahārogā bhayaṅkarāḥ

Ganz allmählich ist der Lebenshauch zu bezwingen, wie ein brünstiger Elefantenfürst; andernfalls entstehen wahrlich schwere, furchterregende Krankheiten.

Wort für Wort
śanaiḥśanairvijetavyaḥ
ganz allmählich ist zu bezwingen
prāṇo mattagajendravat
der Lebenshauch, wie ein brünstiger Elefantenfürst
anyathā khalu jāyante
andernfalls entstehen wahrlich
mahārogā bhayaṅkarāḥ
schwere, furchterregende Krankheiten

krameṇa yojayedvāyuṃ yogī vigatakalmaṣaḥ / sa sarvapāpanirmukto brahmaṇaḥ padamānpuyāt

Der Yogi, frei von Befleckung, lenke den Lebenshauch der Reihe nach; er, von aller Sünde befreit, erlange den Ort des Brahman.

Wort für Wort
krameṇa yojayedvāyuṃ
der Reihe nach lenke er den Lebenshauch
yogī vigatakalmaṣaḥ
der Yogi, frei von Befleckung
sa sarvapāpanirmukto
er, von aller Sünde befreit
brahmaṇaḥ padamānpuyāt [?]
erlange den Ort des Brahman

[?] "ānpuyāt" ist wohl āpnuyāt ("erlange") - Schreibfehler.

viṣayeṣu prasaktāni cendriyāṇi munīśvaraḥ / samāmāhṛtya nigṛhṇāti pratyāhārastu sa smṛtaḥ

Die Sinne, die an den [Sinnes-]Objekten haften, o Fürst der Weisen [?] - wer sie zurückzieht und bezwingt, das gilt als 'Zurückziehung' (Pratyāhāra).

Wort für Wort
viṣayeṣu prasaktāni
die an den [Sinnes-]Objekten haftenden
ca indriyāṇi munīśvara [?]
und die Sinne, o Fürst der Weisen [?]
samam āhṛtya nigṛhṇāti [?]
wer sie zurückzieht und bezwingt [?]
pratyāhārastu sa smṛtaḥ
das gilt als 'Zurückziehung' (Pratyāhāra)

[?] "munīśvaraḥ" (Nom.) steht hier wohl für die Anrede "munīśvara" (Vok.); "samāmāhṛtya" ist unklar, sinngemäß als "zurückziehend" wiedergegeben.

jitendriyā mahātmāno dhyānaśūnyā api dvija / prayānti paramaṃ brahma punarāvṛttidurlabham

Die großen Seelen, die die Sinne bezwungen haben, gelangen, o Zweifachgeborener, selbst ohne Meditation, zum höchsten Brahman, von dem eine Wiederkehr [in den Saṃsāra] kaum [mehr] möglich ist.

Wort für Wort
jitendriyā mahātmāno
die großen Seelen, die die Sinne bezwungen haben
dhyānaśūnyā api dvija
selbst ohne Meditation, o Zweifachgeborener
prayānti paramaṃ brahma
gelangen zum höchsten Brahman
punarāvṛttidurlabham
von dem eine Wiederkehr kaum möglich ist

anirjitendriyagrāmaṃ yastu dhyānaparo bhavet / mūḍhātmānaṃ ca taṃ vidyāddhyānaṃ cāsya na sidhyati

Wer aber, ohne die Schar der Sinne bezwungen zu haben, sich der Meditation widmet, den erkenne als einen Toren; auch seine Meditation gelingt nicht.

Wort für Wort
anirjitendriyagrāmaṃ
ohne die Schar der Sinne bezwungen zu haben
yastu dhyānaparo bhavet
wer sich der Meditation widmet
mūḍhātmānaṃ ca taṃ vidyāt
den erkenne als einen Toren
dhyānaṃ cāsya na sidhyati
auch seine Meditation gelingt nicht

yadyatpaśyati tatsarvaṃ paśyedātmavadātmani / pratyāhṛtānīndriyāṇi dhārayetsā tu dhāraṇā

Was immer man sieht, all das soll man wie das eigene Selbst im [eigenen] Selbst schauen; man halte die zurückgezogenen Sinne fest - das eben ist 'Fixierung' (Dhāraṇā).

Wort für Wort
yadyatpaśyati tatsarvaṃ
was immer man sieht, all das
paśyedātmavadātmani
soll man wie das eigene Selbst im Selbst schauen
pratyāhṛtānīndriyāṇi dhārayet
man halte die zurückgezogenen Sinne fest
sā tu dhāraṇā
das eben ist 'Fixierung' (Dhāraṇā)

yogājjitendriyagrāmastāni hṛtvā dṛḍhaṃ hṛdi / ātmānaṃ paramaṃ dhyāyetsarvadhātāramacyutam

Wer durch Yoga die Schar der Sinne bezwungen hat, soll sie fest zum Herzen zurückziehen und das höchste Selbst meditieren, den Träger von allem, den Unvergänglichen.

Wort für Wort
yogājjitendriyagrāmaḥ
wer durch Yoga die Schar der Sinne bezwungen hat
tāni hṛtvā dṛḍhaṃ hṛdi
soll sie fest zum Herzen zurückziehen
ātmānaṃ paramaṃ dhyāyet
und das höchste Selbst meditieren
sarvadhātāramacyutam
den Träger von allem, den Unvergänglichen

sarvaviśvātmakaṃ viṣṇuṃ sarvasokaikakāraṇam / vikasatpadyapatrākṣaṃ cārukuṇḍalabhūṣitam

Viṣṇu, das Wesen des ganzen Alls, die alleinige Ursache aller Welten [?], mit Augen wie aufblühende Lotosblätter, geschmückt mit schönen Ohrringen,

Wort für Wort
sarvaviśvātmakaṃ viṣṇuṃ
Viṣṇu, das Wesen des ganzen Alls
sarvalokaikakāraṇam [?]
die alleinige Ursache aller Welten [?]
vikasatpadmapatrākṣaṃ [?]
mit Augen wie aufblühende Lotosblätter [?]
cārukuṇḍalabhūṣitam
geschmückt mit schönen Ohrringen

[?] "sarvasokaikakāraṇam" ist wohl sarvalokaikakāraṇam ("die alleinige Ursache aller Welten") - Schreibfehler s/l; "padyapatrākṣaṃ" wohl padmapatrākṣaṃ - Schreibfehler.

dīrghabāhumudārāṅgaṃ sarvālaṅkārabhṛṣitam / pītāmbaradharaṃ devaṃ hemayajñopavītinam

mit langen Armen, von edler Gestalt, mit allem Schmuck geziert, das gelbe Gewand tragend, den Gott mit der goldenen heiligen Schnur (Yajñopavīta),

Wort für Wort
dīrghabāhumudārāṅgaṃ
mit langen Armen, von edler Gestalt
sarvālaṅkārabhūṣitam [?]
mit allem Schmuck geziert
pītāmbaradharaṃ devaṃ
das gelbe Gewand tragend, den Gott
hemayajñopavītinam
mit der goldenen heiligen Schnur

[?] "bhṛṣitam" ist wohl bhūṣitam - Schreibfehler.

bibhrataṃ tulasīmālāṃ kaustubhena virājitam / śrīvatsavakṣasaṃ devaṃ surāsuranamaskṛtam

der die Tulasī-Girlande trägt, geschmückt mit dem Kaustubha-[Juwel], den Gott, dessen Brust das Śrīvatsa[-Zeichen] ziert, dem Götter und Dämonen sich verneigen -

Wort für Wort
bibhrataṃ tulasīmālāṃ
der die Tulasī-Girlande trägt
kaustubhena virājitam
geschmückt mit dem Kaustubha-[Juwel]
śrīvatsavakṣasaṃ devaṃ
den Gott, dessen Brust das Śrīvatsa[-Zeichen] ziert
surāsuranamaskṛtam
dem Götter und Dämonen sich verneigen

aṣṭāre hṛtsaroje tu dvādaśāṅgulavistṛte / dhyāyedātmānamavyaktaṃ parātparataraṃ vibhumaṭ

In dem achtblättrigen Lotos des Herzens, der zwölf Fingerbreiten ausgedehnt ist, meditiere man das unoffenbare Selbst, das höher ist als das Höchste, den Alldurchdringenden [?].

Wort für Wort
aṣṭāre hṛtsaroje tu
in dem achtblättrigen Lotos des Herzens
dvādaśāṅgulavistṛte
der zwölf Fingerbreiten ausgedehnt ist
dhyāyedātmānamavyaktaṃ
meditiere man das unoffenbare Selbst
parātparataraṃ vibhum [?]
das höher ist als das Höchste, den Alldurchdringenden [?]

[?] Die Silbe "-aṭ" am Ende von "vibhumaṭ" ist überzählig/unklar, wohl Schreibfehler; "vibhum" ("den Alldurchdringenden") ist gemeint.

dhyānaṃ sadbhinirgaditaṃ pratyayasyaikatānatā / dhyānaṃ kṛtvā muhurttaṃ vā paraṃ mokṣaṃ labhennaraḥ

Meditation wird von den Rechtschaffenen als die ununterbrochene Einströmung der Vorstellung erklärt; wenn man auch nur für einen Augenblick meditiert hat, erlangt der Mensch die höchste Erlösung.

Wort für Wort
dhyānaṃ sadbhinirgaditaṃ
Meditation wird von den Rechtschaffenen erklärt
pratyayasyaikatānatā
als die ununterbrochene Einströmung der Vorstellung
dhyānaṃ kṛtvā muhurttaṃ vā
wenn man auch nur für einen Augenblick meditiert hat
paraṃ mokṣaṃ labhennaraḥ
erlangt der Mensch die höchste Erlösung

dhyānātpāpāni naśyanti dhyānānmokṣaṃ ca vindati / dhyānātprasīdati hariddharyānātsarvārthasādhanam

Durch Meditation schwinden die Sünden, durch Meditation erlangt man die Erlösung; durch Meditation wird Hari gnädig gestimmt [?], durch Meditation [erlangt man] die Erfüllung aller Ziele.

Wort für Wort
dhyānātpāpāni naśyanti
durch Meditation schwinden die Sünden
dhyānānmokṣaṃ ca vindati
durch Meditation erlangt man die Erlösung
dhyānātprasīdati hariḥ [?]
durch Meditation wird Hari gnädig gestimmt [?]
dhyānātsarvārthasādhanam [?]
durch Meditation [erlangt man] die Erfüllung aller Ziele [?]

[Anm.: "hariddharyānātsarvārthasādhanam" wirkt textlich verderbt/dittographisch (Wiederholung von dhyānāt, ggf. mit hariḥ verschmolzen); sinngemäß in vier Gliedern übersetzt.]

yadyadrūpaṃ mahāviṣṇostattaddhyāyetsamāhitam / tena dhyānena tuṣṭātmā harirmokṣaṃ dadāti vai

Welche Gestalt auch immer des großen Viṣṇu es sei, eben diese meditiere man gesammelten Geistes; durch diese Meditation wird Hari in seiner Seele zufrieden gestellt und gewährt wahrlich die Erlösung.

Wort für Wort
yadyadrūpaṃ mahāviṣṇoḥ
welche Gestalt auch immer des großen Viṣṇu
tattaddhyāyetsamāhitam
eben diese meditiere man gesammelten Geistes
tena dhyānena tuṣṭātmā
durch diese Meditation in seiner Seele zufrieden gestellt
harirmokṣaṃ dadāti vai
gewährt Hari wahrlich die Erlösung

acañcalaṃ manaḥ kuryāddhyeye vastuni sattama / dhyānaṃ dhyeyaṃ dhyātṛbhāvaṃ yathā naśyati nirbharam

Man mache den Geist unbeweglich in Bezug auf das zu meditierende Wesen, o Trefflicher, so dass die Dreiheit von Meditierendem, Meditiertem und Meditation [als getrennte Vorstellung] gänzlich verschwindet.

Wort für Wort
acañcalaṃ manaḥ kuryāt
man mache den Geist unbeweglich
dhyeye vastuni sattama
in Bezug auf das zu meditierende Wesen, o Trefflicher
dhyānaṃ dhyeyaṃ dhyātṛbhāvaṃ
die Dreiheit von Meditation, Meditiertem und Meditierendem
yathā naśyati nirbharam
so dass sie gänzlich verschwindet

tato 'mṛtatvaṃ bhavati jñānāmṛtaniṣevaṇāt / bhavennirantaraṃ dhyānādabhedapratipādanam

Daraus entsteht Unsterblichkeit, durch das Genießen des Nektars des Wissens; durch ununterbrochene Meditation entsteht das Erfassen der Nicht-Verschiedenheit.

Wort für Wort
tato 'mṛtatvaṃ bhavati
daraus entsteht Unsterblichkeit
jñānāmṛtaniṣevaṇāt
durch das Genießen des Nektars des Wissens
bhavennirantaraṃ dhyānāt
durch ununterbrochene Meditation entsteht
abhedapratipādanam
das Erfassen der Nicht-Verschiedenheit

suṣutpivatparānandayuktaścoparatendriyaḥ / nirvātadīpavatsaṃsthaḥ samādhirabhidhīyate

Wie im Tiefschlaf, verbunden mit höchster Wonne und mit zur Ruhe gekommenen Sinnen, wie eine Lampe an windstillem Ort feststehend - so wird die Versenkung (Samādhi) bezeichnet.

Wort für Wort
suṣutpivat [=suṣuptivat?] parānandayuktaḥ
wie im Tiefschlaf, verbunden mit höchster Wonne
ca uparatendriyaḥ
und mit zur Ruhe gekommenen Sinnen
nirvātadīpavatsaṃsthaḥ
wie eine Lampe an windstillem Ort feststehend
samādhirabhidhīyate
so wird die Versenkung (Samādhi) bezeichnet

[?] "suṣutpivat" ist wohl suṣuptivat ("wie im Tiefschlaf") - Schreibfehler.

yogī samādhyavasthāyāṃ na śṛṇoti na paśyati / na jighrati na spṛśati na kiñcadvakti sattama

Der Yogi hört im Zustand der Versenkung nicht, sieht nicht, riecht nicht, tastet nicht und spricht nichts, o Trefflicher.

Wort für Wort
yogī samādhyavasthāyāṃ
der Yogi im Zustand der Versenkung
na śṛṇoti na paśyati
hört nicht, sieht nicht
na jighrati na spṛśati
riecht nicht, tastet nicht
na kiñcadvakti sattama
und spricht nichts, o Trefflicher

ātmā tu nirmalaḥ śuddhaḥ sañcidānandavigrahaḥ / sarvopādhivinirmukto yogināṃ bhātyacañcalaḥ

Das Selbst aber, makellos, rein, von der Gestalt aus Sein-Bewusstsein-Wonne, frei von allen Zuschreibungen, erscheint den Yogis unbeweglich [leuchtend].

Wort für Wort
ātmā tu nirmalaḥ śuddhaḥ
das Selbst aber, makellos, rein
sañcidānandavigrahaḥ
von der Gestalt aus Sein-Bewusstsein-Wonne
sarvopādhivinirmukto
frei von allen Zuschreibungen
yogināṃ bhātyacañcalaḥ
erscheint den Yogis unbeweglich

nirguṇo 'pi paro devo hyajñānādguṇavāniva / vibhātyajñānanāśe tu yathāpūrvaṃ vyavasthitam

Obwohl ohne Eigenschaften, erscheint der höchste Gott durch das Unwissen wie mit Eigenschaften behaftet; ist aber das Unwissen vernichtet, so erstrahlt er, wie er von jeher [wirklich] beschaffen ist.

Wort für Wort
nirguṇo 'pi paro devo
obwohl ohne Eigenschaften, der höchste Gott
hyajñānādguṇavāniva
erscheint durch das Unwissen wie mit Eigenschaften behaftet
vibhātyajñānanāśe tu
ist aber das Unwissen vernichtet, so erstrahlt er
yathāpūrvaṃ vyavasthitam
wie er von jeher [wirklich] beschaffen ist

paraṃ jyotirameyātmā māyāvāniva māyinām / tannāśe nirmalaṃ brahma prakāśayati paṇḍitaṃ

Das höchste Licht, dessen Wesen unermesslich ist, erscheint den der Māyā Unterworfenen wie mit Māyā behaftet; ist diese aber vernichtet, offenbart sich das makellose Brahman dem Weisen.

Wort für Wort
paraṃ jyotirameyātmā
das höchste Licht, dessen Wesen unermesslich ist
māyāvāniva māyinām
erscheint den der Māyā Unterworfenen wie mit Māyā behaftet
tannāśe nirmalaṃ brahma
ist diese vernichtet, das makellose Brahman
prakāśayati paṇḍitaṃ
offenbart sich dem Weisen

ekamevādvitīyaṃ ca paraṃ jyotirnirañjanam / sarveṣāmeva bhūtānāmantaryāmitayā sthitam

Das eine, einzige, ohne ein Zweites, das höchste, makellose Licht weilt in allen Wesen ausnahmslos als innerer Lenker.

Wort für Wort
ekameva advitīyaṃ ca
das eine, einzige, ohne ein Zweites
paraṃ jyotirnirañjanam
das höchste, makellose Licht
sarveṣāmeva bhūtānām
in allen Wesen ausnahmslos
antaryāmitayā sthitam
weilt es als innerer Lenker

aṇoraṇīyānmahato mahīyānsanātanātmākhilaviśvahetuḥ / paśyanti yajjñānavidāṃ variṣṭāḥ parātparasmātparamaṃ pavitram

Feiner als das Feinste, größer als das Größte, das ewige Selbst, die Ursache des ganzen Weltalls - ihn schauen die Vortrefflichsten unter den Wissenskundigen, den Reinsten, der höher ist als das Höchste.

Wort für Wort
aṇoraṇīyānmahato mahīyān
feiner als das Feinste, größer als das Größte
sanātanātmākhilaviśvahetuḥ
das ewige Selbst, die Ursache des ganzen Weltalls
paśyanti yajjñānavidāṃ variṣṭāḥ
ihn schauen die Vortrefflichsten unter den Wissenskundigen
parātparasmātparamaṃ pavitram
den Reinsten, der höher ist als das Höchste

[Anm.: Dieser Vers steht, anders als die umgebenden Ślokas, in einem längeren (triṣṭubh-artigen) Versmaß und zitiert in Formulierung und Duktus die bekannte Upaniṣad-Wendung "aṇor aṇīyān mahato mahīyān" (vgl. Kaṭha-Upaniṣad).]

akārādikṣakārāntavarṇabhedavyavasthitaḥ / purāṇapuruṣo 'nādiḥ śabdabrahmeti gīyate

Der, welcher in der Unterscheidung der Laute vom A-Laut bis zum Kṣa-Laut gegründet ist, der uranfängliche, anfangslose Puruṣa, wird als 'Wort-Brahman' besungen.

Wort für Wort
akārādikṣakārāntavarṇabhedavyavasthitaḥ
der in der Unterscheidung der Laute vom A-Laut bis zum Kṣa-Laut gegründet ist
purāṇapuruṣo 'nādiḥ
der uranfängliche, anfangslose Puruṣa
śabdabrahmeti gīyate
wird als 'Wort-Brahman' besungen

viśuddamakṣaraṃ nityaṃ pūrṇamākāśamadhyagam / ānandaṃ nirmalaśāntaṃ paraṃ brahmeti gīyate

Das gänzlich reine, unvergängliche, ewige, vollkommene, inmitten des Äthers weilende, selige, makellose, friedvolle [Wesen] wird als 'höchstes Brahman' besungen.

Wort für Wort
viśuddham akṣaraṃ nityaṃ
das gänzlich reine, unvergängliche, ewige
pūrṇamākāśamadhyagam
vollkommene, inmitten des Äthers weilende
ānandaṃ nirmalaśāntaṃ
selige, makellose, friedvolle [Wesen]
paraṃ brahmeti gīyate
wird als 'höchstes Brahman' besungen

[?] "viśuddamakṣaraṃ" ist wohl viśuddham akṣaraṃ - Schreibfehler.

yogino hṛdi paśyanti parātmānaṃ sanātanam / avikāramajaṃ śuddhaṃ paraṃ brahmeti gīyate

Die Yogis schauen im Herzen das ewige höchste Selbst; das unveränderliche, ungeborene, reine [Wesen] wird als 'höchstes Brahman' besungen.

Wort für Wort
yogino hṛdi paśyanti
die Yogis schauen im Herzen
parātmānaṃ sanātanam
das ewige höchste Selbst
avikāramajaṃ śuddhaṃ
das unveränderliche, ungeborene, reine [Wesen]
paraṃ brahmeti gīyate
wird als 'höchstes Brahman' besungen

dhyānamanyatpravakṣyāmi śṛṇuṣva muni sattama / saṃsāratāpatatpānāṃ sudhāvṛṣṭisamaṃ nṛṇām

Eine andere Meditation will ich nun verkünden - höre, o bester der Weisen -, [eine Meditation,] die für die Menschen, die von der Glut des Saṃsāra versengt sind, gleich einem Regen von Nektar ist.

Wort für Wort
dhyānamanyatpravakṣyāmi
eine andere Meditation will ich verkünden
śṛṇuṣva muni sattama
höre, o bester der Weisen
saṃsāratāpataptānāṃ [?]
für die, die von der Glut des Saṃsāra versengt sind [?]
sudhāvṛṣṭisamaṃ nṛṇām
gleich einem Regen von Nektar für die Menschen

[?] "tatpānāṃ" ist wohl taptānām ("der Versengten") - Schreibfehler.

nārāyaṇaṃ parānandaṃ smaretpraṇavasaṃsthitam / nādarupamanaupamyamarddhamātroparisthitam

Man gedenke Nārāyaṇas, der höchsten Wonne, der im Praṇava (OM) gegründet ist, von der Gestalt des Ur-Klangs (Nāda), unvergleichlich, oberhalb des halben Lautmaßes (Ardhamātrā) weilend.

Wort für Wort
nārāyaṇaṃ parānandaṃ smaret
man gedenke Nārāyaṇas, der höchsten Wonne
praṇavasaṃsthitam
der im Praṇava (OM) gegründet ist
nādarupamanaupamyam
von der Gestalt des Ur-Klangs, unvergleichlich
arddhamātroparisthitam
oberhalb des halben Lautmaßes weilend

akāraṃ brahmaṇo rupamukāraṃ viṣṇurupavat / makāraṃ rudrarupaṃ syādardhdamātraṃ parātmakam

Der Laut A ist die Gestalt Brahmās, der Laut U gleicht der Gestalt Viṣṇus, der Laut M ist die Gestalt Rudras; die halbe Laut-Einheit (Ardhamātrā) aber besteht aus dem höchsten Selbst.

Wort für Wort
akāraṃ brahmaṇo rupam
der Laut A [ist] die Gestalt Brahmās
ukāraṃ viṣṇurupavat
der Laut U gleicht der Gestalt Viṣṇus
makāraṃ rudrarupaṃ syāt
der Laut M ist die Gestalt Rudras
ardhdamātraṃ parātmakam
die halbe Laut-Einheit besteht aus dem höchsten Selbst

mātrāstistraḥ samākhyātā brahmaviṣṇu śivādhipāḥ / teṣāṃ samuccayaṃ vipra parabrahmaprabodhakam

Die drei Laut-Einheiten werden als die Herrscher Brahmā, Viṣṇu und Śiva bezeichnet; deren Zusammenfassung, o Brahmane, ist der Erwecker [zur Erkenntnis] des höchsten Brahman.

Wort für Wort
mātrāstistraḥ [=tisraḥ?] samākhyātā
die drei Laut-Einheiten werden bezeichnet
brahmaviṣṇu śivādhipāḥ
als die Herrscher Brahmā, Viṣṇu und Śiva
teṣāṃ samuccayaṃ vipra
deren Zusammenfassung, o Brahmane
parabrahmaprabodhakam
ist der Erwecker [zur Erkenntnis] des höchsten Brahman

[?] "tistraḥ" ist wohl tisraḥ ("drei") - Schreibfehler.

vācyaṃ tu paramaṃ brahma vācakaḥ praṇavaḥ smṛtaḥ / vācyavācakasaṃbandho hyupacārāttayordvijā

Das zu Bezeichnende aber ist das höchste Brahman, der Bezeichner gilt als der Praṇava (OM); die Beziehung von Bezeichnetem und Bezeichnendem zwischen beiden [besteht] durch übertragenen Gebrauch, o Zweifachgeborener.

Wort für Wort
vācyaṃ tu paramaṃ brahma
das zu Bezeichnende aber ist das höchste Brahman
vācakaḥ praṇavaḥ smṛtaḥ
der Bezeichner gilt als der Praṇava
vācyavācakasaṃbandho
die Beziehung von Bezeichnetem und Bezeichnendem
hyupacārāttayordvija
zwischen beiden [besteht] durch übertragenen Gebrauch, o Zweifachgeborener

japantaḥ praṇavaṃ nityaṃ mucyante sarvapātakaiḥ / tadabhyāsena saṃyuktāḥ paraṃ mokṣaṃ labhanti ca

Diejenigen, die stets den Praṇava murmelnd rezitieren, werden von allen Sünden befreit; und durch die Übung darin erlangen sie die höchste Erlösung.

Wort für Wort
japantaḥ praṇavaṃ nityaṃ
die stets den Praṇava murmelnd rezitieren
mucyante sarvapātakaiḥ
werden von allen Sünden befreit
tadabhyāsena saṃyuktāḥ
und durch die Übung darin
paraṃ mokṣaṃ labhanti ca
erlangen sie die höchste Erlösung

japaṃśca praṇavaṃ mantraṃ brahmaviṣṇuśivātmakam / koṭisūryasamaṃ tejo dhyāyedātmani nirmalam

Und während man das Mantra Praṇava, das aus Brahmā, Viṣṇu und Śiva besteht, rezitiert, meditiere man im [eigenen] Selbst den makellosen Glanz, gleich Millionen von Sonnen.

Wort für Wort
japaṃśca praṇavaṃ mantraṃ
und während man das Mantra Praṇava rezitiert
brahmaviṣṇuśivātmakam
das aus Brahmā, Viṣṇu und Śiva besteht
koṭisūryasamaṃ tejo
den Glanz, gleich Millionen von Sonnen
dhyāyedātmani nirmalam
meditiere man im Selbst, den makellosen

śālagrāmaśilārupaṃ pratimārupameva vā / yadyatpāpaharaṃ vastu tattadvā cintayeddhṛdi

Die Gestalt des Śālagrāma-Steins oder auch die Gestalt eines Abbildes - welches Ding auch immer die Sünde hinwegnimmt, das soll man im Herzen betrachten.

Wort für Wort
śālagrāmaśilārupaṃ
die Gestalt des Śālagrāma-Steins
pratimārupameva vā
oder auch die Gestalt eines Abbildes
yadyatpāpaharaṃ vastu
welches Ding auch immer die Sünde hinwegnimmt
tattadvā cintayeddhṛdi
das soll man im Herzen betrachten

yadetaddaiṣṇavaṃ jñānaṃ kathitaṃ te munīśvara / etadviditvā yogīndro labhate mokṣamuttamam

Dieses Wissen, das vaiṣṇavische, das dir verkündet wurde, o Fürst der Weisen - wer es erkannt hat, der Fürst der Yogis, erlangt die höchste Erlösung.

Wort für Wort
yadetaddaiṣṇavaṃ jñānaṃ
dieses Wissen, das vaiṣṇavische
kathitaṃ te munīśvara
das dir verkündet wurde, o Fürst der Weisen
etadviditvā yogīndro
wer es erkannt hat, der Fürst der Yogis
labhate mokṣamuttamam
erlangt die höchste Erlösung

yastvetacchṛāṇuyādvāpi paṭhedvāpi samāhitaḥ / sa sarvapāpanirmukto harisālokyamānpuyāt

Wer aber dies hört oder auch, gesammelten Geistes, rezitiert, der wird von aller Sünde befreit und erlangt die Gleichheit des Aufenthaltsortes mit Hari.

Wort für Wort
yastvetat śṛṇuyādvāpi [?]
wer aber dies hört [?]
paṭhedvāpi samāhitaḥ
oder auch, gesammelten Geistes, rezitiert
sa sarvapāpanirmukto
der wird von aller Sünde befreit
harisālokyamāpnuyāt [?]
und erlangt die Gleichheit des Aufenthaltsortes mit Hari [?]

[?] "chṛāṇuyāt" ist wohl śṛṇuyāt, "ānpuyāt" wohl āpnuyāt - Schreibfehler.

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