Nārada sprach: Erhabener, alles wurde erklärt, was gefragt wurde, von dir, dem Kundigen [?] - auch die sehr zahlreichen Leiden derer, die durch die Fessel des Saṃsāra gebunden sind.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
bhagavan
o Erhabener
sarvam ākhyātam
alles wurde erklärt
yat pṛṣṭaṃ viduṣā tvayā
was gefragt wurde, von dir, dem Kundigen [?]
saṃsārapāśabaddhānāṃ
derer, die von der Fessel des Saṃsāra gebunden sind
duḥkhāni subahūni ca
und die sehr zahlreichen Leiden
[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext das Kolophon des vorangehenden Kapitels vorangestellt ("iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde bhavāṭavīnirupaṇaṃ nāma dvātriṃśo 'dhyāyaḥ") samt Trennlinie - ein reines Gliederungselement des Quelltextes, das nicht in die Übersetzung von V.1 einbezogen wurde. [?] Die genaue syntaktische Beziehung von "viduṣā tvayā" (instr., "durch dich, den Kundigen") zu "pṛṣṭam"/"ākhyātam" ist im Sanskrit nicht eindeutig.]
Wer gilt als der Durchtrenner dieser Fessel des Saṃsāra? Durch welches Mittel Erlösung eintreten könnte - das sage mir, o du, dessen Reichtum die Askese ist.
Von den Lebewesen werden täglich in Fülle Netze von Werken (Karma) geknüpft und auch [deren Früchte] erfahren, o bester der Weisen - wie könnte deren Vernichtung geschehen?
Durch das Werk erlangt [?] der Verkörperte den Leib, durch Begierde wird er gebunden; durch Begierde wird er von Gier überwältigt, durch Gier verfällt er dem Zorn.
Wort für Wort
karmaṇā
durch das Werk
deham ānpoti [=āpnoti?]
erlangt den Leib [?]
dehī
der Verkörperte
kāmena badhyate
wird durch Begierde gebunden
kāmāt lobhābhibhūtaḥ syāt
durch Begierde wird er von Gier überwältigt
lobhāt krodhaparāyaṇāḥ
durch Gier [wird er] dem Zorn ergeben
[?] "dehamānpoti" ist wohl deham āpnoti ("erlangt den Leib"); der Anusvāra/die Lautfolge im Überlieferten ist unregelmäßig.
krodhāñca dharmanāśaḥ syāddharmanāśānmatibhramaḥ /
pranaṣṭabuddhirmanujaḥ punaḥ pāpaṃ karoti ca
Aus Zorn entsteht der Verlust des Dharma, aus dem Verlust des Dharma die Verwirrung des Verstandes; der Mensch, dessen Verstand zugrunde gegangen ist, begeht wiederum Sünde.
Wort für Wort
krodhāt ca dharmanāśaḥ syāt
aus Zorn entsteht der Verlust des Dharma
dharmanāśāt matibhramaḥ
aus dem Verlust des Dharma die Verwirrung des Verstandes
tasmāddehaṃ pāpamūlaṃ pāpakarmarataṃ tathā /
yathā dehabhramatyaktvā mokṣabhāksyāttathā vada
Deshalb sage mir, wie [ein Mensch], nachdem er den Leib - die Wurzel der Sünde, der ebenso dem sündigen Werk verhaftet ist - gleichsam eine Verblendung des Leibes [?] abgelegt hat, ein Teilhaber der Erlösung werden möge.
Wort für Wort
tasmāt
deshalb
dehaṃ pāpamūlaṃ
den Leib, die Wurzel der Sünde
pāpakarmarataṃ tathā
der ebenso dem sündigen Werk verhaftet ist
yathā deha-bhramam tyaktvā
wie, nachdem er die Verblendung des Leibes abgelegt hat [?]
mokṣabhāk syāt
ein Teilhaber der Erlösung werden möge
tathā vada
so sage [mir]
[?] Die syntaktische Fügung von "dehaṃ" (V.6a) und "dehabhramatyaktvā" (=deha-bhramam tyaktvā, "die Verblendung des Leibes abgelegt habend", V.6b) ist unklar/verderbt; sinngemäß wiedergegeben.
Sanaka sprach: Gut, gut, o hoch Weiser! Dein Verstand ist rein und kraftvoll, da du, [um] von den Leiden des Saṃsāra [frei zu werden], für uns [?] das Mittel zur Erlösung begehrst.
Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach
sādhu sādhu mahāprājña
gut, gut, o hoch Weiser
matiste vimalorjitā
dein Verstand ist rein und kraftvoll
yasmāt saṃsāraduḥkhāt
da [du] von den Leiden des Saṃsāra
naḥ mokṣopāyam abhīpsasi
für uns [?] das Mittel zur Erlösung begehrst
[?] "no" (=naḥ, "für uns"/"uns") ist in seiner Bezugnahme nicht ganz eindeutig.
yasyājñayā jagatsarvaṃ brahmnā sṛjati suvrata /
hariśca pālako rudro nāśakaḥ sa hi mokṣadaḥ
Durch dessen Befehl Brahmā die ganze Welt erschafft, o du von gutem Gelübde, und Hari [sie] erhält, Rudra [sie] vernichtet - er ist es, der die Erlösung gewährt.
Wort für Wort
yasya ājñayā
durch dessen Befehl
jagat sarvaṃ brahmā sṛjati
Brahmā die ganze Welt erschafft
suvrata
o du von gutem Gelübde
hariśca pālako
und Hari [ist] der Erhalter
rudro nāśakaḥ
Rudra der Vernichter
sa hi mokṣadaḥ
er ist es, der die Erlösung gewährt
[?] "brahmnā" für Brahmā (Nom.) ist eine ungewöhnliche Schreibung.
Er, aus dessen Macht [alle Prinzipien] vom Ich-Bewusstsein (Ahaṃkāra) an bis zu den einzelnen [Erscheinungen] entstanden sind [?] - ihn erkenne als den Erlösung gewährenden Viṣṇu, Nārāyaṇa, den Makellosen.
Wort für Wort
ahamādiviśeṣāntāḥ
[die Prinzipien] vom Ich-Bewusstsein an bis zu den Einzelheiten
jātāḥ yasya prabhāvataḥ [?]
entstanden aus dessen Macht [?]
taṃ vidyāt mokṣadaṃ viṣṇuṃ
ihn erkenne als den Erlösung gewährenden Viṣṇu
nārāyaṇam anāmayam
Nārāyaṇa, den Makellosen
[?] "prabhāvatagaḥ" ist überliefert unklar (wohl verderbt aus prabhāvataḥ/prabhāvāt jātāḥ); sinngemäß als "aus dessen Macht entstanden" wiedergegeben.
Von dem dies alles ungetrennt ist - was sich regt und was sich nicht regt - diesen gewaltigen, alterslosen Gott, ihn meditierend, wird man von Leid befreit.
Unveränderlich, ungeboren, rein, selbstleuchtend, makellos, von der Gestalt des Wissens, ewig selig - so nennen sie ihn wahrlich als das Mittel zur Erlösung.
Wort für Wort
avikāram ajaṃ śuddhaṃ
unveränderlich, ungeboren, rein
svaprakāśaṃ nirañjanam
selbstleuchtend, makellos
jñānarupaṃ sadānandaṃ
von der Gestalt des Wissens, ewig selig
prāhuḥ vai mokṣasādhanam
so nennen sie ihn wahrlich als Mittel zur Erlösung
Die den Atem bezwungen, die Speise gezügelt haben, stets der Meditation hingegeben - die ihn im Herzen als den Wahren schauen: ihn erkenne [?] als den, der Glückseligkeit bringt.
Wort für Wort
jitaprāṇā jitāhārāḥ
die den Atem bezwungen, die Speise gezügelt haben
sadā dhyānaparāyaṇāḥ
stets der Meditation hingegeben
hṛdi paśyanti yaṃ satyaṃ
die ihn im Herzen als den Wahren schauen
taṃ jāmīhi [=jānīhi?] sukhāvaham
ihn erkenne [?] als den Glückseligkeit-Bringenden
[?] "jāmīhi" ist wohl jānīhi ("erkenne") - Schreibfehler.
Obwohl ohne Eigenschaften, ist er doch der Träger der Eigenschaften, er trägt Formen zur Gunsterweisung an die Welt; inmitten des Äthers weilend, vollkommen - ihn nennen sie den, der den Menschen Erlösung gewährt.
Wort für Wort
nirguṇo 'pi guṇādhāraḥ
obwohl ohne Eigenschaften, doch der Träger der Eigenschaften
lokānugraharupadhṛk
er trägt Formen zur Gunsterweisung an die Welt
ākāśamadhyagaḥ pūrṇaḥ
inmitten des Äthers weilend, vollkommen
taṃ prāhuḥ mokṣadaṃ nṛṇām
ihn nennen sie den, der den Menschen Erlösung gewährt
Der Aufseher aller Werke, im Herzen des verkörperten Wesens weilend, unvergleichlich, der Träger von allem - zu diesem Gott [?] soll man seine Zuflucht nehmen.
Wort für Wort
adhyakṣaḥ sarvakāryāṇāṃ
der Aufseher aller Werke
dehino hṛdaye sthitaḥ
im Herzen des verkörperten Wesens weilend
anūpamo 'khilādhāraḥ
unvergleichlich, der Träger von allem
tāṃ [=taṃ?] devaṃ śaraṇaṃ vrajet
zu diesem Gott soll man seine Zuflucht nehmen
[Anm.: "tāṃ devaṃ" - fem. "tāṃ" bei masc. "devam" ist grammatisch inkongruent, wohl Schreibfehler für "taṃ devaṃ".]
Der, welcher am Ende des Weltzeitalters alles [in sich] aufnimmt und selbst im Wasser ruht - ihn nennen die die Wahrheit schauenden Weisen Viṣṇu, den Erlösung Gewährenden.
vedārthavidbhiḥ karmajñairijyate vividhairmakhaiḥ /
sa eva karmaphalado mokṣado 'kāmakarmaṇām
Von denen, die den Sinn der Veden kennen und die Rituale verstehen, wird er durch mannigfache Opfer verehrt; er allein ist der Gewährer der Werkfrucht, und der Erlösung [gewährt er] denen, deren Werk frei von [eigennützigem] Begehren ist.
Wort für Wort
vedārthavidbhiḥ karmajñaiḥ
von den Kennern des Vedasinns und der Rituale
ijyate vividhairmakhaiḥ
wird er durch mannigfache Opfer verehrt
sa eva karmaphaladaḥ
er allein ist Gewährer der Werkfrucht
mokṣado 'kāmakarmaṇām
und Gewährer der Erlösung für die, deren Werk begierdelos ist
havyakavyādidāneṣu devatāpitṛrūpadhṛk /
bhuṅkte ya īśvaro 'vyaktastaṃ prāhurmokṣadaṃ prabhum
Bei den Gaben von Havya, Kavya und anderem [den Opferspeisen für Götter und Ahnen] genießt er, der unoffenbare Herr, in der Gestalt der Götter und Ahnen [die Gaben] - ihn nennen sie den Gebieter, der Erlösung gewährt.
Nach Verehrung von dessen Lotosfüßen selbst die verkörperten Wesen, o Fürst der Weisen, alsbald Unsterblichkeit erlangen - ihn kennt man als den höchsten Puruṣa.
Nicht-zwei, ohne Eigenschaften, ewig, ohne ein Zweites, unvergleichlich, vollkommen erfüllt, aus Wissen bestehend - so kennt man [ihn] als den Bewirker der Erlösung [?].
Wort für Wort
advayaṃ niguṇaṃ [=nirguṇaṃ] nityam
nicht-zwei, ohne Eigenschaften, ewig
advitīyam anaupamam
ohne ein Zweites, unvergleichlich
paripūrṇaṃ jñānamayaṃ
vollkommen erfüllt, aus Wissen bestehend
viduḥ mokṣapratādhakam [?]
so kennt man [ihn] als Bewirker der Erlösung [?]
[?] "mokṣapratādhakam" ist überliefert unklar (wohl verderbt aus mokṣapradāyakam/-prasādhakam, "Erlösung gewährend/bewirkend").
Der gänzlich jegliche Bindung aufgibt, mit Eigenschaften wie Gleichmut (Śama) u.a. ausgestattet ist, der Yogi, der frei ist von Begierde und dergleichen, erlangt den höchsten Ort.
Wort für Wort
pari-sarva-saṃga-parityāgī
der gänzlich jegliche Bindung aufgibt
śamādiguṇasaṃyutaḥ
mit Eigenschaften wie Gleichmut u.a. ausgestattet
kāma-ādyaiḥ varjito yogī
der Yogi, der frei ist von Begierde und dergleichen
labhate paramaṃ padam
erlangt den höchsten Ort
[Anm.: Pāda a ("parisarvasaṃgaparityāgī") weist mehr Silben auf als das Versmaß der übrigen Pādas erwarten lässt - metrische Unregelmäßigkeit im überlieferten Text.]
Sanaka sprach: Die höchste Erlösung, so sagen die über den wahren Sinn Nachsinnenden, wird durch Wissen erlangt; dieses Wissen aber hat Hingabe zur Wurzel, und die Hingabe [entsteht] ebenso bei denen, die [rechtes] Werk vollbringen.
Und das Wissen, so sagt man, gewährt Erlösung; dieses Wissen kommt den Yogis zu. Der Yoga aber wird als zweifach gelehrt, nach der Unterscheidung von Werk und Wissen.
kriyāyogaṃ vinā nṝṇāṃ jñānayogo na sidhyati /
kriyāyogaratastasmācchraddhayā harimarcayet
Ohne den Werk-Yoga (Kriyāyoga) gelingt den Menschen der Wissens-Yoga (Jñānayoga) nicht; darum soll man, dem Werk-Yoga hingegeben, mit Glaubenszuversicht Hari verehren.
Als Brahmane, Erde, Feuer, Sonne, Wasser, Metall, Herz und Bild bezeichnete [Abbilder] - dies sind die Abbilder Keśavas; diese sind mit Hingabe zu verehren.
ahiṃsā satyamakrodho brahmacaryāparigrahau /
anīrṣyā ca dayā caiva yogayorūbhayoḥ samāḥ
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Zornlosigkeit, Keuschheit und Besitzlosigkeit, Neidlosigkeit und Mitgefühl - diese sind beiden Formen des Yoga gemeinsam.
Wenn einer, dessen Seele durch Zorn und dergleichen befleckt ist, sich der Verehrung und Meditation widmet, so wird Viṣṇu an ihm keine Freude finden, denn er gilt als Herr des Dharma.
Wort für Wort
yadi krodhādiduṣṭātmā
wenn einer, dessen Seele durch Zorn u.a. befleckt ist
yadi kāmādiduṣṭātmā deva pūjāparo bhavet /
daṃbhācāraḥ sa vijñeyaḥ sarvapātakibhiḥ samaḥ
Wenn einer, dessen Seele durch Begierde und dergleichen befleckt ist, sich der Gottesverehrung widmet, so ist zu erkennen, dass sein Tun bloß Heuchelei ist, gleich allen [anderen] Sündern.
Wort für Wort
yadi kāmādiduṣṭātmā
wenn einer, dessen Seele durch Begierde u.a. befleckt ist
tapaḥ pūjādhyānaparoyastvasūyārato bhavet /
tattapaḥ sā ca pūjā ca taddhyānaṃ hi nirarthakam
Wer sich der Askese, der Verehrung und Meditation widmet, aber dem Missgunst-Denken verhaftet ist - dessen Askese und dessen Verehrung und dessen Meditation sind wahrlich sinnlos.
Wort für Wort
tapaḥ pūjādhyānaparo yastu
wer sich der Askese, Verehrung und Meditation widmet
Daher soll der Mensch, den Eigenschaften wie Gleichmut usw. hingegeben, um der Erlösung willen den alldurchseelenden Viṣṇu recht verehren, dem Werk-Yoga hingegeben.
nārāyaṇaṃ jagadyoniṃ sarvāntayaryāmiṇaṃ harim /
stotrādyaiḥ stauti yo viṣṇuṃ karmayogī sa ucyate
Wer Nārāyaṇa, den Ursprung der Welt, Hari, den inneren Lenker von allem, den Viṣṇu, mit Lobpreisungen und dergleichen preist - der wird Karmayogi genannt.
Durch Fasten und dergleichen, durch das Hören von Purāṇas und dergleichen, und durch die Verehrung Viṣṇus mit Blumen und dergleichen - dies wird als Kriyāyoga bezeichnet.
evaṃ bhaktimatāṃ viṣṇau kriyāyogaratātmanām /
sarvapāpāni naśyanti pūrvajanmārjitāni vai
So schwinden bei denen, die Hingabe zu Viṣṇu haben und deren Seele dem Kriyāyoga hingegeben ist, alle Sünden, die in früheren Geburten erworben wurden.
pāpakṣayācchudvamatirvāñchati jñānamuttamam /
jñānaṃ hi mokṣadaṃ jñeyaṃ tadupāyaṃ vadāmi te
Durch den Schwund der Sünde wünscht der geläuterte Verstand [des Menschen] das höchste Wissen; das Wissen nämlich, das ist als Erlösung gewährend zu erkennen - dessen Mittel will ich dir nun sagen.
Wort für Wort
pāpakṣayāt
durch den Schwund der Sünde
śudvamatiḥ [=śuddhamatiḥ?] vāñchati
wünscht der geläuterte Verstand [?]
jñānamuttamam
das höchste Wissen
jñānaṃ hi mokṣadaṃ jñeyaṃ
das Wissen ist als Erlösung gewährend zu erkennen
tadupāyaṃ vadāmi te
dessen Mittel will ich dir sagen
[?] "śudvamatiḥ" ist wohl śuddhamatiḥ ("geläuterter Verstand") - Schreibfehler.
carācarātmake loke nityaṃ cānityameva ca /
samyag vicārayeddhīmānsadbhiḥ śāstrārthakovidaiḥ
In der aus Beweglichem und Unbeweglichem bestehenden Welt soll der Kluge, [zusammen] mit den Rechtschaffenen, die im Sinn der Lehrschriften bewandert sind, das Ewige und das Nicht-Ewige recht unterscheiden.
Wort für Wort
carācarātmake loke
in der aus Beweglichem und Unbeweglichem bestehenden Welt
nityaṃ ca anityam eva ca
das Ewige und das Nicht-Ewige
samyag vicārayet dhīmān
soll der Kluge recht unterscheiden
sadbhiḥ śāstrārthakovidaiḥ
mit den Rechtschaffenen, die im Sinn der Lehrschriften bewandert sind
ihāmutra ca bhogeṣu viraktaśca tathā bhavet /
aviraktobhavedyastu sa saṃsāre pravartate
In Bezug auf die Genüsse hier und im Jenseits soll man so leidenschaftslos werden; wer aber nicht leidenschaftslos wird, der bleibt im Saṃsāra befangen.
śamādiguṇasaṃpanno mumukṣurjñānamabhyaset /
śamādiguṇahīnasya jñānaṃ naiva ca sidhyati
Wer mit Eigenschaften wie Gleichmut u.a. ausgestattet ist und nach Erlösung strebt, der übe das Wissen; wem aber solche Eigenschaften fehlen, dem gelingt das Wissen keineswegs.
Wort für Wort
śamādiguṇasaṃpanno mumukṣuḥ
wer mit Eigenschaften wie Gleichmut u.a. ausgestattet ist und nach Erlösung strebt
Wer frei von Begehren und Abneigung, mit Eigenschaften wie Gleichmut ausgestattet und stets der Meditation auf Hari hingegeben ist, der wird als 'nach Erlösung Strebender' bezeichnet.
Durch diese vier Mittel wird [der Übende] als 'geläutert im Verstand' bezeichnet; er soll, allem Mitgefühl für alle Wesen hingegeben, den alldurchdringenden Viṣṇu betrachten.
Wort für Wort
caturbhiḥ sādhanairebhiḥ
durch diese vier Mittel
viśuddhamatirucyate
wird man als 'geläutert im Verstand' bezeichnet
sarvagaṃ bhāvayedviṣṇuṃ
er soll den alldurchdringenden Viṣṇu betrachten
sarvabhūtadayāparaḥ
allem Mitgefühl für alle Wesen hingegeben
[Anm.: Die "vier Mittel" (catuḥ sādhana) entsprechen den in V.47-52 dargelegten vier klassischen Vedānta-Qualifikationen: Unterscheidung (viveka), Leidenschaftslosigkeit (vairāgya), den Śama-Tugenden und dem Streben nach Erlösung (mumukṣutva).]
'Das aus dem Vergänglichen und dem Unvergänglichen bestehende Weltall durchdringend, weilt Nārāyaṇa' - wer, o Brahmane, dies weiß, dessen Wissen, das nennt man das aus dem Yoga entstandene.
Wort für Wort
kṣarākṣarātmakaṃ viśvaṃ
das aus dem Vergänglichen und Unvergänglichen bestehende Weltall
vyāpya nārāyaṇaḥ sthitaḥ
durchdringend weilt Nārāyaṇa
iti jānāti yo vipra
wer, o Brahmane, dies weiß
tat jñānaṃ yogajaṃ viduḥ
dessen Wissen nennt man das aus dem Yoga entstandene
Nun will ich das Mittel des Yoga verkünden, das vom Saṃsāra abwendet; der Yoga ist das geläuterte Wissen - dieses Wissen, so weiß man, gewährt Erlösung.
Man lehrt das Selbst als zweifach, nach der Unterscheidung von höher und niederer [Natur]; 'zwei Brahman sind zu erkennen' - so [lehrt] die Śruti der Atharvaṇas.
Wort für Wort
ātmānaṃ dvividhaṃ prāhuḥ
man lehrt das Selbst als zweifach
parāparavibhedataḥ
nach der Unterscheidung von höher und niederer [Natur]
Das Höhere wird als ohne Eigenschaften bezeichnet, das Niedere hingegen als mit dem Ich-Bewusstsein verbunden; die Erkenntnis der Nicht-Verschiedenheit dieser beiden wird Yoga genannt.
Wort für Wort
parastu nirguṇaḥ proktaḥ
das Höhere wird als ohne Eigenschaften bezeichnet
hi ahaṃkārayuto 'paraḥ [?]
das Niedere hingegen als mit dem Ich-Bewusstsein verbunden [?]
tayoḥ abhedavijñānaṃ
die Erkenntnis der Nicht-Verschiedenheit dieser beiden
yoga ityabhidhīyate
wird Yoga genannt
[?] "ahṝṅkārayuto" ist wohl ahaṃkārayuktaḥ - Schreibfehler.
Der, welcher als Zeuge im Herzen des aus den fünf Elementen bestehenden Leibes weilt, wird von den Rechtschaffenen als das Niedere bezeichnet; der höchste Ātman gilt als das Höhere.
Wort für Wort
pañcabhūtātmake dehe
im aus den fünf Elementen bestehenden Leib
yaḥ sākṣī hṛdaye sthitaḥ
der als Zeuge im Herzen weilt
aparaḥ procyate sadbhiḥ
wird von den Rechtschaffenen als das Niedere bezeichnet
Den Leib nennt man 'das Feld', der darin Weilende wird 'Feldkenner' genannt; [der Höchste hingegen] wird als unoffenbar, höchst, rein und vollkommen erfüllt bezeichnet.
Wort für Wort
śarīraṃ kṣevram [=kṣetram?] ityāhuḥ
den Leib nennt man 'das Feld' [?]
tatsthaḥ kṣetrajña ucyate
der darin Weilende wird 'Feldkenner' genannt
avyaktaḥ paramaḥ śuddhaḥ
[der Höchste] unoffenbar, höchst, rein
paripūrṇa udāhṛtaḥ
wird als vollkommen erfüllt bezeichnet
[?] "kṣevram" ist wohl kṣetram ("das Feld") - Schreibfehler.
Wenn aber die Erkenntnis der Nicht-Verschiedenheit von Einzelseele und höchstem Selbst entsteht, dann, o bester der Weisen, geschieht die Durchtrennung der Fessel der niederen Seele.
Wort für Wort
yadā tu abhedavijñānaṃ
wenn aber die Erkenntnis der Nicht-Verschiedenheit
jīvātmaparamātmanoḥ
von Einzelseele und höchstem Selbst
bhavettadā muniśreṣṭha
entsteht, dann, o bester der Weisen
pāśacchedo 'parātmanaḥ
geschieht die Durchtrennung der Fessel der niederen Seele
Der eine, reine, unvergängliche, ewige höchste Ātman, der die Welt durchdringt, erscheint durch die Verschiedenheit der Erkenntnis der Menschen wie mit Unterschieden behaftet.
Wort für Wort
ekaḥ śuddho 'kṣaro nityaḥ
der eine, reine, unvergängliche, ewige
paramātmā jaganmayaḥ
höchste Ātman, der die Welt durchdringt
nṛṇāṃ vijñānabhedena
durch die Verschiedenheit der Erkenntnis der Menschen
ekamevādvitīyaṃ yatparaṃ brahma sanātanam /
gīyamānaṃ ca vedāntaistasmānnāsti paraṃ dvija
Das eine, einzige, das ohne ein Zweites ist, das höchste, ewige Brahman, das von den Vedānta[-Texten] besungen wird - über dieses hinaus gibt es nichts Höheres, o Zweifachgeborener.
Wort für Wort
ekameva advitīyaṃ yat
das eine, einzige, das ohne ein Zweites ist
paraṃ brahma sanātanam
das höchste, ewige Brahman
gīyamānaṃ ca vedāntaiḥ
und das von den Vedānta-Texten besungen wird
tasmānnāsti paraṃ dvija
über dieses hinaus gibt es nichts Höheres, o Zweifachgeborener
Es gibt für ihn weder Werk noch Wirkung, weder Gestalt noch Farbe, noch Täterschaft oder Genießerschaft - [denn er ist] der eigenschaftslose höchste Ātman.
Der Grund aller Ursachen, das Licht, das das höchste unter den Lichtern ist, jenseits dessen es nichts anderes gibt - dies ist zum Zwecke der Erlösung zu erkennen.
Das aus dem Wort-Brahman Bestehende, das, was mit den Großen Aussprüchen und dergleichen beginnt, o Zweifachgeborener - das aus dessen Erwägung entstehende Wissen ist das höchste Mittel zur Erlösung.
Wort für Wort
śabdabrahmamayaṃ yat
das aus dem Wort-Brahman Bestehende
tat mahāvākyādikaṃ dvija
das, was mit den Großen Aussprüchen u.a. beginnt, o Zweifachgeborener
Denen, die der wahren Erkenntnis entbehren, erscheint die Welt als mannigfaltig; für die höchsten Wissenden aber ist eben diese [Welt] aus dem höchsten Brahman bestehend, o Zweifachgeborener.
Wort für Wort
samyagjñānavihīnānāṃ
denen, die der wahren Erkenntnis entbehren
dṛśyate vividhaṃ jagat [?]
erscheint die Welt als mannigfaltig [?]
paramajñānināmetat
für die höchsten Wissenden [ist] eben diese [Welt]
parabrahmātmakaṃ dvija
aus dem höchsten Brahman bestehend, o Zweifachgeborener
Der eine, höchste Selige, ohne Eigenschaften, höher als das Höchste, erscheint durch die Verschiedenheit der [individuellen] Erkenntnis als der Unvergängliche, der viele Formen trägt.
Wort für Wort
eka eva parānando
der eine, höchste Selige
nirguṇaḥ parataḥ paraḥ
ohne Eigenschaften, höher als das Höchste
bhāti vijñānabhedena
erscheint durch die Verschiedenheit der Erkenntnis
Durch die Māyā sehen die der Māyā Unterworfenen Verschiedenheit im höchsten Selbst; deshalb soll der nach Erlösung Strebende, o Bester der Zweifachgeborenen, die Māyā mittels des Yoga aufgeben.
Wort für Wort
māyino māyayā bhedaṃ
die der Māyā Unterworfenen sehen durch die Māyā Verschiedenheit
paśyanti paramātmani
im höchsten Selbst
tasmānmāyāṃ tyajedyogāt
deshalb soll man die Māyā mittels des Yoga aufgeben
mumukṣurdvijasattam
der nach Erlösung Strebende, o Bester der Zweifachgeborenen
nāsadrūpāna sadrūpā māyā naivobhayātmikā /
anirvācyā tato jñeyā bhedabuddhipradāryinī
Die Māyā ist weder von der Gestalt des Nichtseienden noch des Seienden, noch ist sie beides zugleich; deshalb ist sie als unbeschreiblich zu erkennen, die Verleiherin der Vorstellung von Verschiedenheit.
Wort für Wort
nāsadrūpā na sadrūpā
weder von der Gestalt des Nichtseienden noch des Seienden
māyā naiva ubhayātmikā
die Māyā ist auch nicht beides zugleich
anirvācyā tato jñeyā
deshalb ist sie als unbeschreiblich zu erkennen
bhedabuddhipradāyinī [?]
die Verleiherin der Vorstellung von Verschiedenheit [?]
[?] "pradāryinī" ist wohl pradāyinī ("Verleiherin") - Schreibfehler.
Eben die Māyā wird mittels des Begriffes 'Wissen' erkannt [durchschaut], o bester der Weisen; deshalb erfolgt für die, welche die Māyā bezwungen haben [?], die Durchtrennung des Unwissens.
Wort für Wort
māyaiva jñānaśabdena
eben die Māyā wird mittels des Begriffes 'Wissen'
buddhyate munisattama
erkannt, o bester der Weisen
tasmādajñānavicchedo bhavet
deshalb erfolgt die Durchtrennung des Unwissens
jitamāyinām [?]
für die, welche die Māyā bezwungen haben [?]
[Anm.: "bhavedraujitamāyinām" ist überliefert verderbt; sinngemäß als "bhavet ... jitamāyinām" ("geschieht ... für die, welche die Māyā bezwungen haben") rekonstruiert.]
Der Yogi vernichte das Unwissen durch den Yoga, o bester der Weisen; durch acht Glieder gelangt der Yoga zur Vollendung - diese will ich der Wahrheit gemäß darlegen.
Wort für Wort
ajñānaṃ nāśayedyogī
der Yogi vernichte das Unwissen
yogena munisattama
durch den Yoga, o bester der Weisen
aṣṭāṅgaiḥ siddhyate yogaḥ
durch acht Glieder gelangt der Yoga zur Vollendung
yamāśca niyamāścaiva āsanāni ca sattama /
prāṇāyāmaḥ pratyāhāro dhāraṇā dhyānameva ca
Die Zügelungen (Yama), die Beobachtungen (Niyama) und die Sitzhaltungen (Āsana), o Trefflicher, die Atemlenkung (Prāṇāyāma), die Zurückziehung [der Sinne] (Pratyāhāra), die Fixierung (Dhāraṇā) und die Meditation (Dhyāna),
Wort für Wort
yamāśca niyamāścaiva
die Zügelungen (Yama) und die Beobachtungen (Niyama)
āsanāni ca sattama
und die Sitzhaltungen (Āsana), o Trefflicher
prāṇāyāmaḥ pratyāhāro
die Atemlenkung (Prāṇāyāma), die Zurückziehung (Pratyāhāra)
dhāraṇā dhyānameva ca
die Fixierung (Dhāraṇā) und die Meditation (Dhyāna)
und die Versenkung (Samādhi), o bester der Weisen - dies sind der Reihe nach die Glieder des Yoga; von diesen will ich in Kürze die Merkmale darlegen, o Fürst der Weisen.
ahiṃsā satyamasteyaṃ brahmacaryāparigrahau /
akrodhaścānasūyā ca proktāḥ saṃkṣepato yamāḥ
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Keuschheit und Besitzlosigkeit, Zornlosigkeit und Neidlosigkeit - dies sind, kurz gefasst, die Zügelungen (Yama).
sarveṣāmeva bhūtānāmakleśajananaṃ hi yat /
ahiṃsā kathitā sadbhiryogasiddhipradāyinī
Was für alle Wesen ohne Ausnahme kein Leiden erzeugt, das eben wird von den Rechtschaffenen 'Gewaltlosigkeit' genannt, die die Vollendung des Yoga verleiht.
Wort für Wort
sarveṣāmeva bhūtānām
für alle Wesen ohne Ausnahme
akleśajananaṃ hi yat
was kein Leiden erzeugt
ahiṃsā kathitā sadbhiḥ
das wird von den Rechtschaffenen 'Gewaltlosigkeit' genannt
Das Sprechen dessen, was der Wirklichkeit entspricht, gemäß der Unterscheidung von Recht und Unrecht - das nennt man 'Wahrhaftigkeit', o bester der Weisen; höre nun von 'Nicht-Stehlen'.
Wort für Wort
yathārthakathanaṃ yat ca
das Sprechen dessen, was der Wirklichkeit entspricht
dharmādharmavivekataḥ
gemäß der Unterscheidung von Recht und Unrecht
satyaṃ prāhurmuniśreṣṭha
das nennt man 'Wahrhaftigkeit', o bester der Weisen
cauryeṇa vā balenāpi parasvaharaṇaṃ hi yat /
steyamityucyate sadbhirasteyaṃ tadviparyayam
Was durch Diebstahl oder auch durch Gewalt die Wegnahme fremden Eigentums ist, das wird von den Rechtschaffenen 'Diebstahl' genannt; das Gegenteil davon ist 'Nicht-Stehlen'.
Wort für Wort
cauryeṇa vā balenāpi
durch Diebstahl oder auch durch Gewalt
parasvaharaṇaṃ hi yat
die Wegnahme fremden Eigentums
steyamityucyate sadbhiḥ
das wird von den Rechtschaffenen 'Diebstahl' genannt
Der gänzliche Verzicht auf geschlechtliche Vereinigung wird 'Keuschheit' genannt; durch das Aufgeben der Keuschheit wird selbst ein Wissender zum Sünder.
Wort für Wort
sarvatra maithunatyāgo
der gänzliche Verzicht auf geschlechtliche Vereinigung
sarvasaṃgaparityāgī maithuneyastu varttate /
sa caṇḍālasamo jñeyaḥ sarvavarṇabahiṣkṛtaḥ
Wer, obwohl er alle [andere] Bindung aufgegeben hat, dennoch der geschlechtlichen Vereinigung anhängt, der ist als einem Caṇḍāla gleich zu erkennen, aus allen Kasten ausgestoßen.
Wort für Wort
sarvasaṃgaparityāgī
wer alle [andere] Bindung aufgegeben hat
maithune yastu varttate
aber dennoch der geschlechtlichen Vereinigung anhängt
Wer aber, o Brahmane, dem Yoga hingegeben ist und dennoch von Verlangen nach [Sinnes-]Objekten erfüllt ist - durch das bloße Gespräch mit ihm entsteht den Menschen [die Sünde eines] Brahmanenmordes.
Wort für Wort
yastu yogarato vipra
wer aber, o Brahmane, dem Yoga hingegeben ist
viṣayeṣu spṛhānvitaḥ
und von Verlangen nach [Sinnes-]Objekten erfüllt ist
tatsaṃbhāṣaṇamātreṇa
durch das bloße Gespräch mit ihm
brahmahatyā bhavennṛṇām
entsteht den Menschen [die Sünde eines] Brahmanenmordes
Wenn einer, der alle Bindung aufgegeben hat, wiederum an Bindung [teil]hat, so wird er, durch die Verbindung mit denen, die an jener Bindung hängen, zum Träger der Schuld eines schweren Verbrechens.
Wort für Wort
sarvasaṃgaparityāgī
wer alle Bindung aufgegeben hat
punaḥ saṃgī bhavedyadi
wenn er wiederum an Bindung teilhat
tatsaṃgasaṃgināṃ saṃgāt
durch die Verbindung mit denen, die an jener Bindung hängen
mahāpātakadoṣabhāk
wird er zum Träger der Schuld eines schweren Verbrechens
Das heftige Sich-Quälen im Geiste beim Anblick von größerem Reichtum u.a. [bei anderen] - das wird von den Rechtschaffenen 'Missgunst' genannt; deren Aufgeben ist 'Neidlosigkeit'.
Wort für Wort
dhanādyairadhikaṃ dṛṣṭvā
beim Anblick von größerem Reichtum u.a.
bhṛśaṃ manasi tāpanam
das heftige Sich-Quälen im Geiste
asūyā kīrtitā sadbhiḥ
das wird von den Rechtschaffenen 'Missgunst' genannt
So wurden, kurz gefasst, die Zügelungen (Yama) dargelegt, o bester der Weisen; auch die Beobachtungen (Niyama) will ich dir verkünden - höre sie, Nārada.
Wort für Wort
evaṃ saṃkṣepataḥ proktā yamā
so wurden, kurz gefasst, die Zügelungen (Yama) dargelegt
vibudhasattama
o bester der Weisen
niyamānapi vakṣyāmi tubhyaṃ
auch die Beobachtungen (Niyama) will ich dir verkünden
tapaḥsvādhyāyasaṃtoṣāḥ śaucaṃ ca haripūjanam /
saṃdhyopāsanamukhyāśca niyamāḥ parikīrttitāḥ
Askese, Selbststudium, Zufriedenheit, Reinheit und die Verehrung Haris, sowie vor allem die Verehrung der Dämmerungszeiten - dies werden die Beobachtungen (Niyama) genannt.
Wort für Wort
tapaḥsvādhyāyasaṃtoṣāḥ
Askese, Selbststudium, Zufriedenheit
śaucaṃ ca haripūjanam
Reinheit und die Verehrung Haris
saṃdhyopāsanamukhyāśca
sowie vor allem die Verehrung der Dämmerungszeiten
cāndrāyaṇādibhiryatra śarīrasya viśoṣaṇam /
tapo nigaditaṃ sadbhiryogasādhanamuttamam
Wodurch, durch [die Gelübde] Cāndrāyaṇa und dergleichen, die Austrocknung des Leibes [geschieht] - das wird von den Rechtschaffenen 'Askese' genannt, das vortreffliche Mittel zum Yoga.
praṇavasyopaniṣadāṃ dvādaśārṇasya ca dvija /
aṣṭākṣarasya mantrasya mahāvākyacayasya ca
Des Praṇava (OM), der Upaniṣaden, des Zwölfsilben-[Mantras], o Zweifachgeborener, des Achtsilben-Mantras und der Menge der Großen Aussprüche (Mahāvākya) -
Wort für Wort
praṇavasya upaniṣadāṃ
des Praṇava, der Upaniṣaden
dvādaśārṇasya ca dvija
und des Zwölfsilben-[Mantras], o Zweifachgeborener
japaḥ svādhyāya udito yogasādhanamuttamam /
svādhyāyaṃ yastyajenmūḍhastasya yogo na sidhyati
deren leises Rezitieren wird 'Selbststudium' genannt, das vortreffliche Mittel zum Yoga; wer töricht das Selbststudium aufgibt, dessen Yoga gelingt nicht.
yogaṃ vināpi svādhyāyātpāpanāśo bhavennṛṇām /
svādhyāyaistoṣyamāṇāśca prasīdanti hi devatāḥ
Auch ohne Yoga entsteht den Menschen allein durch das Selbststudium die Vernichtung der Sünde; und durch das Selbststudium erfreut, werden die Gottheiten wahrlich gnädig gestimmt.
Das Japa aber wird als dreifach gelehrt: laut, gemurmelt und geistig; und unter diesen drei, o Fürst der Brahmanen, ist jeweils das spätere dem vorhergehenden überlegen.
Wort für Wort
japastu trividhaḥ proktaḥ
das Japa aber wird als dreifach gelehrt
vācika-upāṃśu-mānasaḥ
laut, gemurmelt und geistig
trividhe 'pi ca viprendra
und unter diesen drei, o Fürst der Brahmanen
pūrvātpūrvātparo varaḥ
ist jeweils das spätere dem vorhergehenden überlegen
Die rechte Aussprache des Mantras, so dass die Silben und Worte deutlich [hörbar] sind - dies wird 'lautes Japa' genannt, das die Frucht aller Opfer gewährt.
mantrasyoccāraṇe kiñcitpadātpadavivecanam /
sa tūpāṃśurjapaḥ proktaḥ pūrvasmāddviguṇo 'dhikaḥ
Wenn bei der Aussprache des Mantras ein wenig von Wort zu Wort unterschieden [aber leise gemurmelt] wird - das wird 'gemurmeltes Japa' genannt, doppelt so wirksam wie das vorherige.
Durch das Japa wird die Gottheit stets gegenüber dem Lobpreisenden wohlgesonnen; darum soll der im Selbststudium Vollkommene alle Herzenswünsche erlangen.
na jātukāmaḥ kāmānāmupabhogena śāmyati /
ito 'dhikaṃ kadā lapsya iti kāmastu varddhate
Niemals wird die Begierde durch den Genuss der begehrten Dinge gestillt; 'wann werde ich noch mehr erlangen als dies' - so wächst die Begierde immer weiter.
Wort für Wort
na jātukāmaḥ kāmānām
niemals wird die Begierde
upabhogena śāmyati
durch den Genuss [der begehrten Dinge] gestillt
ito 'dhikaṃ kadā lapsya iti
'wann werde ich noch mehr als dies erlangen' - so [denkend]
Deshalb soll man, die Begierde - die Ursache der Austrocknung des Leibes - aufgebend, mit dem zufällig Erlangten zufrieden und dem Dharma hingegeben sein.
bāhyābhyantarabhedena śaucaṃ tu dvividhaṃ smṛtam /
mṛjjalābhyāṃ bahiḥ śuddhirbhāvaśuddhistathāntaram
Nach der Unterscheidung von Äußerem und Innerem gilt die Reinheit als zweifach: durch Erde und Wasser [geschieht] die äußere Reinheit, die Reinheit der Gesinnung hingegen ist die innere.
Wort für Wort
bāhyābhyantarabhedena
nach der Unterscheidung von Äußerem und Innerem
śaucaṃ tu dvividhaṃ smṛtam
gilt die Reinheit als zweifach
mṛjjalābhyāṃ bahiḥ śuddhiḥ
durch Erde und Wasser [geschieht] die äußere Reinheit
antaḥśuddhivihīnaistu ye 'dhvarā vividhāḥ kṛtāḥ /
na phalanti munīśreṣṭha bhasmani nyastahavyavat
Die mannigfachen Opfer, die von denen vollzogen werden, denen die innere Reinheit fehlt, tragen keine Frucht, o bester der Weisen - gleich einer Opfergabe, die in Asche gelegt wird.
Selbst wenn einer, dessen Seele befleckt ist, seine Reinigung mit tausend Lasten Erde und ebenso mit zehn Millionen Krügen Wasser vollzogen hat, gilt er dennoch als einem Caṇḍāla gleich.
Wort für Wort
mṛdābhārasahasraistu
mit tausend Lasten Erde
kumbhakoṭijalaistathā
und ebenso mit zehn Millionen Krügen Wasser
kṛtaśauco 'pi duṣṭātmā
selbst wenn einer mit befleckter Seele die Reinigung vollzogen hat
antaḥśuddhivihīnastu devapūjāparo yadi /
tameva daivataṃ hṝnti narakaṃ ca prapadyate
Wenn aber einer, dem die innere Reinheit fehlt, sich der Gottesverehrung widmet, so tötet [beleidigt] er eben jene Gottheit [?] und gelangt in die Hölle.
Wort für Wort
antaḥśuddhivihīnastu
wenn aber einer, dem die innere Reinheit fehlt
devapūjāparo yadi
sich der Gottesverehrung widmet
tameva daivataṃ hanti [?]
so schädigt er eben jene Gottheit [?]
narakaṃ ca prapadyate
und gelangt in die Hölle
[?] "hṝnti" ist wohl hanti ("tötet/schädigt") - Schreibfehler; Sinn: er verletzt/beleidigt die von ihm verehrte Gottheit.
Und wer, dem die innere Reinheit fehlt, [nur] die äußere Reinheit vollzieht, der gelangt nicht zum Frieden - gleich einem geschmückten Gefäß für Branntwein.
manaḥśuddhivihīnā ye tīrthayātrāṃ prakurvate /
na tānpuṃnati tīrthāni surābhāṇḍamivāpagā
Diejenigen, denen die Reinheit des Geistes fehlt und die dennoch Pilgerfahrten unternehmen, werden von den heiligen Badestätten nicht gereinigt - wie ein Fluss ein Branntweingefäß nicht [reinigt].
Wort für Wort
manaḥśuddhivihīnā ye
diejenigen, denen die Reinheit des Geistes fehlt
tīrthayātrāṃ prakurvate
die dennoch Pilgerfahrten unternehmen
na tānpunanti [?] tīrthāni
werden von den heiligen Badestätten nicht gereinigt [?]
surābhāṇḍamivāpagā
wie ein Fluss ein Branntweingefäß nicht [reinigt]
[?] "puṃnati" ist wohl punanti ("reinigen") - Schreibfehler.
viśuddhamānasā ye tu dharmamātramanuttamam /
kurvanti tatphalaṃ vidyādakṣayaṃ sukhadāyakam
Diejenigen aber, deren Geist rein ist und die auch nur ein geringes, unübertreffliches Werk des Dharma vollziehen - deren Frucht, so wisse, ist unvergänglich und Glück verleihend.
Wort für Wort
viśuddhamānasā ye tu
diejenigen aber, deren Geist rein ist
dharmamātramanuttamam
und die auch nur ein geringes, unübertreffliches Werk des Dharma
Wessen Hingabe zu Hari durch Tat, Gedanke und Wort, durch Lobpreis, [heiliges] Hören und Verehrung fest gegründet ist - das wird 'Hari-Verehrung' genannt.
So wurden die Zügelungen (Yama) und die Beobachtungen (Niyama) in Kürze dargelegt; durch diese, so weiß man, wird denen, deren Geist rein ist, die Erlösung gleichsam in die Hand gegeben.
Wort für Wort
yamāśca niyamāścaiva
die Zügelungen (Yama) und die Beobachtungen (Niyama)
saṃkṣepeṇa prabodhitāḥ
wurden in Kürze dargelegt
ebhirviśuddhamanasāṃ
durch diese wird denen, deren Geist rein ist
mokṣaṃ hastagataṃ viduḥ
die Erlösung gleichsam in die Hand gegeben, so weiß man
Mit den Zügelungen und Beobachtungen [ausgestattet], von festem Verstand und mit bezwungenen Sinnen, soll man die Sitzhaltung, das vortreffliche Mittel des Yoga, recht üben.
Das Lotossitz (Padmaka), das Svastika, das Piṭha, das Löwensitz (Saiṃha), das Hahnensitz und das Aiñjara [?], das Schildkrötensitz (Kaurma) und das Diamantsitz (Vajrāsana), das Ebersitz (Vārāha) und das Rehfell-Sitz (Mṛgacailika) -
Wort für Wort
padmakaṃ svastikaṃ pīṭhaṃ
das Lotossitz, das Svastika, das Piṭha
saiṃhaṃ kaukkuṭaka-kaiñjare [?]
das Löwensitz, das Hahnensitz und das Aiñjara [?]
kaurmaṃ vajrāsanaṃ caiva
das Schildkrötensitz und das Diamantsitz
vārāhaṃ mṛgacailikam
das Ebersitz und das Rehfell-Sitz
[?] Die Kompositzerlegung von "kaukkuṭakaiñjare" (wohl zwei Āsana-Namen, Kaukkuṭaka und ein zweiter, unklarer Name) ist unsicher.
krauñcaṃ ca nālikaṃ caiva sarvatobhadrameva ca /
vārṣabhaṃ nāgamātsye ca vaiyānghaṃ cārddhacandrakam
das Kranichsitz (Krauñca) und das Nālika, das Sarvatobhadra, das Stiersitz (Vārṣabha), das Schlangen- und das Fischsitz (Nāga, Mātsya), das Tigersitz (Vaiyāghra) und das Halbmondsitz (Ardhacandraka) -
Wort für Wort
krauñcaṃ ca nālikaṃ caiva
das Kranichsitz und das Nālika
sarvatobhadrameva ca
und das Sarvatobhadra
vārṣabhaṃ nāgamātsye ca
das Stiersitz, das Schlangen- und Fischsitz
vaiyānghaṃ [=vaiyāghraṃ?] ca ardhacandrakam
das Tigersitz [?] und das Halbmondsitz
[?] "vaiyānghaṃ" ist wohl vaiyāghraṃ ("Tiger-") - Schreibfehler.
das Stabsitz (Daṇḍa), das Bergsitz (Śaila), das Höhlensitz (Svabhra) und das Hammersitz (Maudgara), das Krokodilsitz (Mākara), das Dreiwegesitz (Traipatha), das Holzsitz (Kāṣṭha), das Baumstumpfsitz (Sthāṇu) und ebenso das Vaikarṇika -
bhaumaṃ vīrāsanaṃ caiva yogasādhanakāraṇam /
triṃśatsaṃkhyānyāsanāni munīndraiḥ kathitāni vai
das Erdsitz (Bhauma) und das Heldensitz (Vīrāsana) - die Ursache des Mittels zum Yoga. Dreißig an der Zahl sind die Sitzhaltungen, die von den Fürsten der Weisen genannt wurden.
Wort für Wort
bhaumaṃ vīrāsanaṃ caiva
das Erdsitz und das Heldensitz
yogasādhanakāraṇam
die Ursache des Mittels zum Yoga
triṃśatsaṃkhyānyāsanāni
dreißig an der Zahl sind die Sitzhaltungen
munīndraiḥ kathitāni vai
die von den Fürsten der Weisen genannt wurden
[Anm.: Die in V.112-115 aufgezählten Āsana-Namen ergeben, je nach Segmentierung des unklaren "kaukkuṭakaiñjare" (V.112), nicht restlos genau die Zahl dreißig; die Diskrepanz dürfte auf Textverderbnis in der Kompositzerlegung beruhen.]
Nachdem er eine von diesen [Sitzhaltungen] eingenommen hat, soll der der Verehrung des Lehrers hingegebene Verehrer, jenseits der Gegensatzpaare und frei von Missgunst, den Lebenshauch bezwingen.
Wort für Wort
eṣāmekatamaṃ baddhā
nachdem er eine von diesen eingenommen hat
gurubhaktiparāyaṇaḥ
der der Verehrung des Lehrers hingegebene
upāsako jayetprāṇān
soll der Verehrer den Lebenshauch bezwingen
dvandvātīto vimatsaraḥ
jenseits der Gegensatzpaare und frei von Missgunst
Nach Osten gewandt oder nach Norden gewandt, oder auch ebenso nach Westen gewandt, soll man durch Übung an einem geräuschlosen, von Menschen freien [Ort] den Lebenshauch bezwingen.
[Nämlich] ohne [meditativen] Inhalt und mit [meditativem] Inhalt; von diesen beiden ist der zweite der vorzüglichere. [Das Prāṇāyāma] ohne die Bezwingung durch Meditation ist 'Agarbha'; das mit ihr verbundene ist 'Sagarbha'.
Wort für Wort
agarbhaśca sagarbhaśca
ohne [meditativen] Inhalt und mit [meditativem] Inhalt
dvitīyastu tayorvaraḥ
von diesen beiden ist der zweite der vorzüglichere
jayadhyānaṃ vinā agarbhaḥ
ohne die Bezwingung durch Meditation ist es 'Agarbha'
Das Ausatmen (Recaka), das Einatmen (Pūraka), das Anhalten (Kumbhaka) und ebenso das Leerhalten (Śūnyaka) - so wird das Prāṇāyāma von den Weisen als vierfach gelehrt.
Durch die linke [Nāḍī] lasse man den Lebenshauch ausströmen; vom Ausströmen heißt es 'Recaka'; man fülle [ihn] durch die rechte [Nāḍī]; vom Füllen heißt es 'Pūraka'.
Wort für Wort
vāmena recayedvāyuṃ
durch die linke [Nāḍī] lasse man den Lebenshauch ausströmen
svadehapūritaṃ vāyaṃ nigṛhya na vimṛñcati /
saṃpūrṇakuṃbhavattiṣṭetkumbhakaḥ sa hi viśrutaḥ
Wenn man den im eigenen Leib gefüllten Lebenshauch zurückhält und nicht loslässt, [sondern] wie ein vollgefülltes Gefäß verharrt - das ist bekannt als 'Kumbhaka'.
Wort für Wort
svadehapūritaṃ vāyum [?]
den im eigenen Leib gefüllten Lebenshauch [?]
nigṛhya na vimuñcati [?]
zurückhält und nicht loslässt [?]
saṃpūrṇakuṃbhavattiṣṭhet
[sondern] wie ein vollgefülltes Gefäß verharrt
kumbhakaḥ sa hi viśrutaḥ
das ist bekannt als 'Kumbhaka'
[?] "vāyaṃ" ist wohl vāyum, "vimṛñcati" wohl vimuñcati - Schreibfehler.
na gṛhṇāti na tyajati vāyumantarbahiḥ sthitam /
viddhi tacchūnyakaṃ nāma prāṇāyāmaṃ yathāsthitam
Wenn man den Lebenshauch, [ob] innen oder außen befindlich, weder ergreift noch loslässt - wisse, dass dies das sogenannte 'Śūnyaka' ist, das Prāṇāyāma, wie es [dann] beschaffen ist.
Ganz allmählich ist der Lebenshauch zu bezwingen, wie ein brünstiger Elefantenfürst; andernfalls entstehen wahrlich schwere, furchterregende Krankheiten.
Wort für Wort
śanaiḥśanairvijetavyaḥ
ganz allmählich ist zu bezwingen
prāṇo mattagajendravat
der Lebenshauch, wie ein brünstiger Elefantenfürst
jitendriyā mahātmāno dhyānaśūnyā api dvija /
prayānti paramaṃ brahma punarāvṛttidurlabham
Die großen Seelen, die die Sinne bezwungen haben, gelangen, o Zweifachgeborener, selbst ohne Meditation, zum höchsten Brahman, von dem eine Wiederkehr [in den Saṃsāra] kaum [mehr] möglich ist.
yadyatpaśyati tatsarvaṃ paśyedātmavadātmani /
pratyāhṛtānīndriyāṇi dhārayetsā tu dhāraṇā
Was immer man sieht, all das soll man wie das eigene Selbst im [eigenen] Selbst schauen; man halte die zurückgezogenen Sinne fest - das eben ist 'Fixierung' (Dhāraṇā).
Wer durch Yoga die Schar der Sinne bezwungen hat, soll sie fest zum Herzen zurückziehen und das höchste Selbst meditieren, den Träger von allem, den Unvergänglichen.
Viṣṇu, das Wesen des ganzen Alls, die alleinige Ursache aller Welten [?], mit Augen wie aufblühende Lotosblätter, geschmückt mit schönen Ohrringen,
Wort für Wort
sarvaviśvātmakaṃ viṣṇuṃ
Viṣṇu, das Wesen des ganzen Alls
sarvalokaikakāraṇam [?]
die alleinige Ursache aller Welten [?]
vikasatpadmapatrākṣaṃ [?]
mit Augen wie aufblühende Lotosblätter [?]
cārukuṇḍalabhūṣitam
geschmückt mit schönen Ohrringen
[?] "sarvasokaikakāraṇam" ist wohl sarvalokaikakāraṇam ("die alleinige Ursache aller Welten") - Schreibfehler s/l; "padyapatrākṣaṃ" wohl padmapatrākṣaṃ - Schreibfehler.
der die Tulasī-Girlande trägt, geschmückt mit dem Kaustubha-[Juwel], den Gott, dessen Brust das Śrīvatsa[-Zeichen] ziert, dem Götter und Dämonen sich verneigen -
Wort für Wort
bibhrataṃ tulasīmālāṃ
der die Tulasī-Girlande trägt
kaustubhena virājitam
geschmückt mit dem Kaustubha-[Juwel]
śrīvatsavakṣasaṃ devaṃ
den Gott, dessen Brust das Śrīvatsa[-Zeichen] ziert
aṣṭāre hṛtsaroje tu dvādaśāṅgulavistṛte /
dhyāyedātmānamavyaktaṃ parātparataraṃ vibhumaṭ
In dem achtblättrigen Lotos des Herzens, der zwölf Fingerbreiten ausgedehnt ist, meditiere man das unoffenbare Selbst, das höher ist als das Höchste, den Alldurchdringenden [?].
Wort für Wort
aṣṭāre hṛtsaroje tu
in dem achtblättrigen Lotos des Herzens
dvādaśāṅgulavistṛte
der zwölf Fingerbreiten ausgedehnt ist
dhyāyedātmānamavyaktaṃ
meditiere man das unoffenbare Selbst
parātparataraṃ vibhum [?]
das höher ist als das Höchste, den Alldurchdringenden [?]
[?] Die Silbe "-aṭ" am Ende von "vibhumaṭ" ist überzählig/unklar, wohl Schreibfehler; "vibhum" ("den Alldurchdringenden") ist gemeint.
Meditation wird von den Rechtschaffenen als die ununterbrochene Einströmung der Vorstellung erklärt; wenn man auch nur für einen Augenblick meditiert hat, erlangt der Mensch die höchste Erlösung.
Wort für Wort
dhyānaṃ sadbhinirgaditaṃ
Meditation wird von den Rechtschaffenen erklärt
pratyayasyaikatānatā
als die ununterbrochene Einströmung der Vorstellung
dhyānaṃ kṛtvā muhurttaṃ vā
wenn man auch nur für einen Augenblick meditiert hat
dhyānātpāpāni naśyanti dhyānānmokṣaṃ ca vindati /
dhyānātprasīdati hariddharyānātsarvārthasādhanam
Durch Meditation schwinden die Sünden, durch Meditation erlangt man die Erlösung; durch Meditation wird Hari gnädig gestimmt [?], durch Meditation [erlangt man] die Erfüllung aller Ziele.
Wort für Wort
dhyānātpāpāni naśyanti
durch Meditation schwinden die Sünden
dhyānānmokṣaṃ ca vindati
durch Meditation erlangt man die Erlösung
dhyānātprasīdati hariḥ [?]
durch Meditation wird Hari gnädig gestimmt [?]
dhyānātsarvārthasādhanam [?]
durch Meditation [erlangt man] die Erfüllung aller Ziele [?]
[Anm.: "hariddharyānātsarvārthasādhanam" wirkt textlich verderbt/dittographisch (Wiederholung von dhyānāt, ggf. mit hariḥ verschmolzen); sinngemäß in vier Gliedern übersetzt.]
yadyadrūpaṃ mahāviṣṇostattaddhyāyetsamāhitam /
tena dhyānena tuṣṭātmā harirmokṣaṃ dadāti vai
Welche Gestalt auch immer des großen Viṣṇu es sei, eben diese meditiere man gesammelten Geistes; durch diese Meditation wird Hari in seiner Seele zufrieden gestellt und gewährt wahrlich die Erlösung.
Wort für Wort
yadyadrūpaṃ mahāviṣṇoḥ
welche Gestalt auch immer des großen Viṣṇu
tattaddhyāyetsamāhitam
eben diese meditiere man gesammelten Geistes
tena dhyānena tuṣṭātmā
durch diese Meditation in seiner Seele zufrieden gestellt
Man mache den Geist unbeweglich in Bezug auf das zu meditierende Wesen, o Trefflicher, so dass die Dreiheit von Meditierendem, Meditiertem und Meditation [als getrennte Vorstellung] gänzlich verschwindet.
Wort für Wort
acañcalaṃ manaḥ kuryāt
man mache den Geist unbeweglich
dhyeye vastuni sattama
in Bezug auf das zu meditierende Wesen, o Trefflicher
dhyānaṃ dhyeyaṃ dhyātṛbhāvaṃ
die Dreiheit von Meditation, Meditiertem und Meditierendem
tato 'mṛtatvaṃ bhavati jñānāmṛtaniṣevaṇāt /
bhavennirantaraṃ dhyānādabhedapratipādanam
Daraus entsteht Unsterblichkeit, durch das Genießen des Nektars des Wissens; durch ununterbrochene Meditation entsteht das Erfassen der Nicht-Verschiedenheit.
Wie im Tiefschlaf, verbunden mit höchster Wonne und mit zur Ruhe gekommenen Sinnen, wie eine Lampe an windstillem Ort feststehend - so wird die Versenkung (Samādhi) bezeichnet.
Wort für Wort
suṣutpivat [=suṣuptivat?] parānandayuktaḥ
wie im Tiefschlaf, verbunden mit höchster Wonne
ca uparatendriyaḥ
und mit zur Ruhe gekommenen Sinnen
nirvātadīpavatsaṃsthaḥ
wie eine Lampe an windstillem Ort feststehend
samādhirabhidhīyate
so wird die Versenkung (Samādhi) bezeichnet
[?] "suṣutpivat" ist wohl suṣuptivat ("wie im Tiefschlaf") - Schreibfehler.
ātmā tu nirmalaḥ śuddhaḥ sañcidānandavigrahaḥ /
sarvopādhivinirmukto yogināṃ bhātyacañcalaḥ
Das Selbst aber, makellos, rein, von der Gestalt aus Sein-Bewusstsein-Wonne, frei von allen Zuschreibungen, erscheint den Yogis unbeweglich [leuchtend].
nirguṇo 'pi paro devo hyajñānādguṇavāniva /
vibhātyajñānanāśe tu yathāpūrvaṃ vyavasthitam
Obwohl ohne Eigenschaften, erscheint der höchste Gott durch das Unwissen wie mit Eigenschaften behaftet; ist aber das Unwissen vernichtet, so erstrahlt er, wie er von jeher [wirklich] beschaffen ist.
Wort für Wort
nirguṇo 'pi paro devo
obwohl ohne Eigenschaften, der höchste Gott
hyajñānādguṇavāniva
erscheint durch das Unwissen wie mit Eigenschaften behaftet
Das höchste Licht, dessen Wesen unermesslich ist, erscheint den der Māyā Unterworfenen wie mit Māyā behaftet; ist diese aber vernichtet, offenbart sich das makellose Brahman dem Weisen.
Wort für Wort
paraṃ jyotirameyātmā
das höchste Licht, dessen Wesen unermesslich ist
māyāvāniva māyinām
erscheint den der Māyā Unterworfenen wie mit Māyā behaftet
Feiner als das Feinste, größer als das Größte, das ewige Selbst, die Ursache des ganzen Weltalls - ihn schauen die Vortrefflichsten unter den Wissenskundigen, den Reinsten, der höher ist als das Höchste.
Wort für Wort
aṇoraṇīyānmahato mahīyān
feiner als das Feinste, größer als das Größte
sanātanātmākhilaviśvahetuḥ
das ewige Selbst, die Ursache des ganzen Weltalls
paśyanti yajjñānavidāṃ variṣṭāḥ
ihn schauen die Vortrefflichsten unter den Wissenskundigen
parātparasmātparamaṃ pavitram
den Reinsten, der höher ist als das Höchste
[Anm.: Dieser Vers steht, anders als die umgebenden Ślokas, in einem längeren (triṣṭubh-artigen) Versmaß und zitiert in Formulierung und Duktus die bekannte Upaniṣad-Wendung "aṇor aṇīyān mahato mahīyān" (vgl. Kaṭha-Upaniṣad).]
Der, welcher in der Unterscheidung der Laute vom A-Laut bis zum Kṣa-Laut gegründet ist, der uranfängliche, anfangslose Puruṣa, wird als 'Wort-Brahman' besungen.
Wort für Wort
akārādikṣakārāntavarṇabhedavyavasthitaḥ
der in der Unterscheidung der Laute vom A-Laut bis zum Kṣa-Laut gegründet ist
Das gänzlich reine, unvergängliche, ewige, vollkommene, inmitten des Äthers weilende, selige, makellose, friedvolle [Wesen] wird als 'höchstes Brahman' besungen.
Wort für Wort
viśuddham akṣaraṃ nityaṃ
das gänzlich reine, unvergängliche, ewige
pūrṇamākāśamadhyagam
vollkommene, inmitten des Äthers weilende
ānandaṃ nirmalaśāntaṃ
selige, makellose, friedvolle [Wesen]
paraṃ brahmeti gīyate
wird als 'höchstes Brahman' besungen
[?] "viśuddamakṣaraṃ" ist wohl viśuddham akṣaraṃ - Schreibfehler.
Eine andere Meditation will ich nun verkünden - höre, o bester der Weisen -, [eine Meditation,] die für die Menschen, die von der Glut des Saṃsāra versengt sind, gleich einem Regen von Nektar ist.
Wort für Wort
dhyānamanyatpravakṣyāmi
eine andere Meditation will ich verkünden
śṛṇuṣva muni sattama
höre, o bester der Weisen
saṃsāratāpataptānāṃ [?]
für die, die von der Glut des Saṃsāra versengt sind [?]
sudhāvṛṣṭisamaṃ nṛṇām
gleich einem Regen von Nektar für die Menschen
[?] "tatpānāṃ" ist wohl taptānām ("der Versengten") - Schreibfehler.
Man gedenke Nārāyaṇas, der höchsten Wonne, der im Praṇava (OM) gegründet ist, von der Gestalt des Ur-Klangs (Nāda), unvergleichlich, oberhalb des halben Lautmaßes (Ardhamātrā) weilend.
Der Laut A ist die Gestalt Brahmās, der Laut U gleicht der Gestalt Viṣṇus, der Laut M ist die Gestalt Rudras; die halbe Laut-Einheit (Ardhamātrā) aber besteht aus dem höchsten Selbst.
Wort für Wort
akāraṃ brahmaṇo rupam
der Laut A [ist] die Gestalt Brahmās
ukāraṃ viṣṇurupavat
der Laut U gleicht der Gestalt Viṣṇus
makāraṃ rudrarupaṃ syāt
der Laut M ist die Gestalt Rudras
ardhdamātraṃ parātmakam
die halbe Laut-Einheit besteht aus dem höchsten Selbst
Die drei Laut-Einheiten werden als die Herrscher Brahmā, Viṣṇu und Śiva bezeichnet; deren Zusammenfassung, o Brahmane, ist der Erwecker [zur Erkenntnis] des höchsten Brahman.
Wort für Wort
mātrāstistraḥ [=tisraḥ?] samākhyātā
die drei Laut-Einheiten werden bezeichnet
brahmaviṣṇu śivādhipāḥ
als die Herrscher Brahmā, Viṣṇu und Śiva
teṣāṃ samuccayaṃ vipra
deren Zusammenfassung, o Brahmane
parabrahmaprabodhakam
ist der Erwecker [zur Erkenntnis] des höchsten Brahman
[?] "tistraḥ" ist wohl tisraḥ ("drei") - Schreibfehler.
vācyaṃ tu paramaṃ brahma vācakaḥ praṇavaḥ smṛtaḥ /
vācyavācakasaṃbandho hyupacārāttayordvijā
Das zu Bezeichnende aber ist das höchste Brahman, der Bezeichner gilt als der Praṇava (OM); die Beziehung von Bezeichnetem und Bezeichnendem zwischen beiden [besteht] durch übertragenen Gebrauch, o Zweifachgeborener.
Wort für Wort
vācyaṃ tu paramaṃ brahma
das zu Bezeichnende aber ist das höchste Brahman
vācakaḥ praṇavaḥ smṛtaḥ
der Bezeichner gilt als der Praṇava
vācyavācakasaṃbandho
die Beziehung von Bezeichnetem und Bezeichnendem
hyupacārāttayordvija
zwischen beiden [besteht] durch übertragenen Gebrauch, o Zweifachgeborener
Und während man das Mantra Praṇava, das aus Brahmā, Viṣṇu und Śiva besteht, rezitiert, meditiere man im [eigenen] Selbst den makellosen Glanz, gleich Millionen von Sonnen.
śālagrāmaśilārupaṃ pratimārupameva vā /
yadyatpāpaharaṃ vastu tattadvā cintayeddhṛdi
Die Gestalt des Śālagrāma-Steins oder auch die Gestalt eines Abbildes - welches Ding auch immer die Sünde hinwegnimmt, das soll man im Herzen betrachten.
yastvetacchṛāṇuyādvāpi paṭhedvāpi samāhitaḥ /
sa sarvapāpanirmukto harisālokyamānpuyāt
Wer aber dies hört oder auch, gesammelten Geistes, rezitiert, der wird von aller Sünde befreit und erlangt die Gleichheit des Aufenthaltsortes mit Hari.
Wort für Wort
yastvetat śṛṇuyādvāpi [?]
wer aber dies hört [?]
paṭhedvāpi samāhitaḥ
oder auch, gesammelten Geistes, rezitiert
sa sarvapāpanirmukto
der wird von aller Sünde befreit
harisālokyamāpnuyāt [?]
und erlangt die Gleichheit des Aufenthaltsortes mit Hari [?]
[?] "chṛāṇuyāt" ist wohl śṛṇuyāt, "ānpuyāt" wohl āpnuyāt - Schreibfehler.